(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Sitzungsberichte"

l^f^ 



SITZUNGSBERICH TE 



c^v 



DER 



PHILOSOPHISCII-HISTOrvISCHEN CLASSE 



DER KAISERLICHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

6^ 



"'V 



HUNDERTVIERTER BAND. 



WIEN, 1883. 

IN COMMISSION BEI CARL GEßOLD'8 SOHN 

BUCHHÄNDLER DKK KAIS. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN, 



i3^ 



— .'■ 7 



.S^ 






:~^i»«.s* 



\s 



<J / V 



A6 
A53 



Druck von Adolf Holzhausen, 
k. k. Hof- und Universitäts-Buchdrucker in Wien. 



INHAL T. 



Seite 

Till. Sitzung- vom 4. April 1883 1 

Mussafia: Zur Präsensbildung im Romanischen 3 

IX. Sitzung: vom 11. April 1883 78 

X. Sitzung vom 18. April 1883 80 

XI. Sitzung vom -2. Mai 1883 82 

XII. Sitzung vom 9. Mai 1883 85 

XIII. Sitzung vom '23. Mai 1883 87 

Pfizmaier: Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. 89 
Höfler: Kritische Untersuchungen über die Quellen der Ge- 
schichte Philipps des Schönen, Erzherzogs von Oesterreich, 

Herzogs von Burgund, Königs von Castilien 169 

Meyer: Albanesische Studien I. Die Pluralbildungen der alba- 

nesischen Nomina -57 

Nemanic: Cakavisch-kroatische Studien. Erste Studie. Accent- 

lehre -^63 

XIV. Sitzung- vom 6. Juni 1883 429 

XV. Sitzung vom 13. Juni 1883 431 

Höfler: Antoine de Lalaing, Seigneur de Montigny, Vincenzo 
Quirino und Don Diego de Guevara als Berichterstatter über 

König Philipp I. in den Jahren 1505, 1506 433 

Simerka: Die Kraft der Ueberzeugung. Ein mathematisch- 
philosophischer Versuch 511 

XVI. Sitzung vom -20. Juni 1883 . . - 57-2 

Glaser: Ueber Bäna's Pärvatiparinayanätaka 575 



YIII. SITZUNG VOM 4. APRIL 1883. 



Für die akademische Bibliothek übersendet mit Zuschrift 
Herr Kukla seine in dritter Auflage erschienene Schrift: ,Voll- 
ständige englische Aussprache und Grammatik'. 



Von Herrn Professor Dr. Victor von Kraus werden die 
Pflichtexemplare seines mit Unterstützung der kais. Akademie 
herausgegebenen Werkes : ,Das Nürnberger Reichsregiment' 



übergeben. 



Herr Heinrich Gradl, Stadtarchivar in Eger, stellt das 
Ansuchen um Bewilligung eines Druckkostenbeitrages zur 
Herausgabe von: ,Monumenta Egrana. Denkmäler des Eger- 
landes als Quelle für dessen Geschichte. I. Theil: Das Eger- 
land bis zur Verpfändung 1322'. 



Von Herrn Professor Dr. Gustav Meyer in Graz wird 
eine Abhandlung unter dem Titel: ^Albanesische Studien I. 
Die Pluralbildungen der albanesischen Nomina' mit dem Er- 
suchen um ihre Aufnahme in die Sitzungsberichte eingesendet. 

Die Abhandlung wird einer Commission zur Begutachtung 
überwiesen. 

Das Av. M. Herr Hofrath Dr. Mussafia überreicht eine 
für die Sitzungsberichte bestimmte Abhandlung, welche betitelt 
ist: ,Zur Praesensbildung im Romanischen'. 



Sitznngsber. d. phil.-hist. Cl. CIV. Bd. I. Hft. 



An Druckschriften wurden vorgelegt: 

Acad^mie royale des sciences , des lettres et des beaux-arts de Belgique: 

Bulletin. 02" annee, 3^ serie, tome 5, No. 1. Bruxelles, 1883; 80. — 

Tables generales du Recueil des Bulletins. 2^ serie, tomes 21 — 50 (1867 

ä 1880). Bruxelles, 1883; 8". 
Accademia, R. della Crusca: Atti. Adunanza publica del 26 di Novem- 

bre 1882. Firenze, 1883; 8". 
Bibliotbeque de l'Ecole des Chartes: Revue d'Erudition. XLIIP annee, 

1882, 6« livraison. Paris, 1882; 8". 
Halle, Universität: Akademische Druckschriften pro 1882. — 115 Stücke, 

40 und 80. 
Istituto di Bologna: Memorie della Accademia delle scienze. Serie IV, 

tomo II. Bologna, 1880; 40. 

— Accademia delle scienze della sua origine a tutto il 1880. Bologna, 1881 ; 8^. 
Johns Hopkins University Circulars. Vol. II, Nr. 21. Baltimore, February, 

1883; 40. 
Journal, the American of Philology. Vol. III, Nr. 12. Baltimore, 1882; 8". 
Lund, Universität: Acta. Tom. XV, 1879—1880. Lund, 1878—1879; 4«. 

Tomes XVI und XVII, 1879-1880 und 1880—1881. Lund, 1879-1880 

und 1881; 40. 

— Acta. Tom. XVII, 1880—1881. Theologie. Lund, 1880—1881; 4". 

— Festskrift tili kgl. Universitetet i Köpenhamn vid dess fyrahundra ärs 
Jubileum i Juni 1879 frän kgl. Carolinska Universitet i Lund. Lund, 
1879; 40. 

— Bibliothek: Accessions-Katalog, 1879—1881. Lund; 8». 

Mitth eilungen aus Justus Perthes' geographischer Anstalt von Dr. A. Peter- 
mann. XXIX. Band, 1883. IV. Gotha, 1883; 4«. — Ergänzungsheft Nr. 71. 
Gotha, 1883; 4». 

Societä italiana di Antropologia, Etnologia e Psicologia comparata. Vol. XII, 
Fascicolo 3". Firenze, 1882; 8». 

Verein für hessische Geschichte und Landeskunde: Zeitschrift. IX. Band, III. 
und IV. Heft. Kassel, 1882 ; 8«. Neue Folge VIII. Supplement. Kassel, 
1882; 4". Denkmal Johann Winckelmann's. Eine ungekrönte Preisschrift 
Johann Gottfried Herder's aus dem Jahre 1778, von Dr. Albert Duncker. 
Kassel, 1882; 8«. 



Mussafia. Zur Pväsensbildung Im Romanischen. 



Zur Fräsen sbildung im Eomanischeü. 

Von 

Dr. A. Mussafia, 

wirkl. Mitgliede der kais. Akademie der Wissenschaften 



Uas eigentliche Wesen der sogenannten Inchoativflexion 
der Verba der IV. lateinischen Conjugation im Romanischen hat 
Diez mit gewohnter Meisterschaft gekennzeichnet. Führt man 
seine kurzen Andeutungen etwas weiter aus, so ergibt sich Fol- 
gendes. Die Sprache strebt darnach, das Tonverhältniss der 
einzelnen Formen eines und desselben Tempus gleich zu stellen. 
Daher statt -avisti -avistis -averunt überall die schon lateinischen 
Contractionen zu -dsti -dsiis -drnnt, welche zu -dvi -dvif -dvirnus 
besser stimmen. Daher im Ital., Span., Port., Rumän., Raetoro- 
man., im jetzigen Limous.' -assemus -assetis zu -dssemus -dssetis, 
im Einklänge mit -dsse-m, s, t, nt. Daher vielfach (im Span., Port., 
Rumän., Raetoroman., in manchen ital. Mundarten, im jetzigen 
Limous., in französischen Mundarten) -dbamus -dhntis mit gleicher 
Betonung wie -dha-m, s, t, nt. Schliesslich im Span., Port. 
-drdmus -drdtis zu -dramiis -dratis entsprechend zu -dra-m, s, 
t, nt. Das sind lauter Fälle der Zurückziehung des Accentes. 
Vorrückung auf die letzte, im Lateinischen tonlose Silbe ist 
seltener. Bekannt ist der Vorgang in manchen altfranz. Denk- 
mälern und in fast allen lebenden franz. Mundarten, nach wel- 
chem die paroxytone Endung der 3. Plur. zu einer oxytonen 
wird ; so besonders -assent -issent u. s. w. zu -assdnt -issdnt, wo 
also Angleichung wenigstens der 3. Plm\ zu 1. 2. Plm*. statt- 
findet. Die bisher besprochenen Erscheinungen gehen innerhalb 
der Endungen vor sich; der Stamm ist immer tonlos. Beim 
Präsens zeigt sich der Unterschied in dem Tonverhältnisse 

1 Chabaneau, S. 293 ff. 

1* 



Mn ssaf i a. 



zwischen Stamm und Endung; in der 1. 2. 3. Sing. 3. Plur. 
ist der Stamm betont und die t^ndung tonlos; in der 1. 2. Plur. 
der I. II. IV. Conjug. dagegen ist der Stamm tonlos und die 
Endung betont. Diesen Unterschied zu verwischen, bestrebt 
sich ebenfalls der romanische Sprachgenius. ^ Beide früher an- 
gegebene Mittel sind versucht worden ; beide ohne rechten 
Erfolg. Zurückziehung des Accentes auf den Stamm begegnet 
hie und da. So bei der 1. Plur., z. B. in lombardischen Mund- 
arten : pörtem tegnem gegen 2. Plur. porte tegne ^ ; in Mundarten 
der franz. Schweiz: 1. Plur. plyäron gegen 2. plyoräde. Bei der 

2. Plur.; z. B. in piemontesischen Mundarten : porte, tene ^ gegen 
porfüma fnüma. Bei der 1. und 2. Plm-., z. B. im jetzigen 
Limous.: chdntem chdntä, refüsem refüsa (Chabaneau S. 214. 297).'* 
Das ganze Präs. Conj. hat im Piemont. den Ton auf dem Stamme: 
pört-a, e, a, o, e, o. Vonnickung des Accentes auf die Endung 
der 3. Plur. in mehreren altfranz. Denkmälern und fast in 
allen lebenden Mundarten.^ Also höchstens Angleichung der 

3. Plur. zu 1. 2. Plur.; zu einem amo amds*^ amdt ist es kaum 
gekommen und am-em, es, et ist, wie wir später sehen werden, 
sehr problematisch. Da also die Sprache im Allgemeinen weder 
stete Betonung des Präsensstammes, noch stete Betonung der 
einsilbigen Endungen beliebte, so konnte das (selbstverständlich 



• Wenn dort, wo dieser Unterschied nicht besteht — cr4d-o, h, it, imu^, 
itis, unl — das Romanische ihn meistens einführt, so scheint dies dem 
oben Gesagten zu widersprechen. Aber hier wie so oft streiten verschie- 
dene Impulse mit einander; die mädi tigeren — Angleichung an andere 
Conjugationen, Neigung in der 1. und 2. Plur. die Flexion zu betonen 
— tragen den Sieg davon. 

' Imper. abor j)ortim tegnem. 

2 Freilich kann es sich um Aufgeben der 2. Plur. und Anwendung der 
2. Sing, auch für den Plur. handeln. 

* Die Verba der lat. III. bewahren, wie im Rumänischen, so auch in 
franco-provenz. Mundarten den Accent auf dem Stamme aller Personen 
des Präsens, und darnach richten sich in den letzteren auch die der 
lat. II. Nach rumpimus ruinpiti» nicht blos mördinnii mordUis (lufin. vior- 
dere st. ~ere), .sondern auch völimus völilis; vgl. Häfelin, Gillieron und 
Chabaneau in der Revue d. 1. rom. XXI, 151. 

^ Dass dabei im Altlothringischen die Präsensbedeutinig in die des Per- 
fectes umsclilägt, i.st eine bekannte und .sehr merkwürdige Erscheinung. 

* Limous. tu trouhd gegen iou tiohe ist eher Angleichung an die 2. Plur.; 
Chabaneau S. 297. 



Zur Präsensbildang im Romanischen. Ö 

unbeAvusst) erstrebte Ziel, Gleichheit der Betonungsverhältnißse 
in allen Personen des Präs. , nur dadurch erreicht werden, 
dass vor tonloser P^ndung an die Stelle des einfachen Stammes 
ein erweiterter, und zwar zunächst ein mittelst eines betonten 
Suffixes abgeleiteter Stamm trat. Zu diesem Mittel griifen 
die romanischen Sprachen — mit Ausschluss des Span, und 
Port. — vor Allem dort, wo das Lat. dazu eine bequeme 
Handhabe bot. Vielen Verben der IL und III. Conjug. standen 
Bildungen mit -escere und -iscere zur Seite. Es ergaben sich 
daraus zwei Reihen mit allerdings nicht gleicher Bedeutung: 

flöreo flores flöret ßoremus floretis florent 

ßoresco florescis ßorescü ßorescimiis ßorescitis ßorescunt. 

Ebenso bei den Bildungen mit -isco u. s. w., welche aber, da 
i wohl kurz war, mit -esco u. s. w. zusammenfallen mussten. Das 
Roman, bildete sich daraus formell eine Reihe : 

ßoresco ßorescis ßorescü ßoremus ßoretis ßorSscxmt. 

Das Suffix -esc- behält sein e im Rumän. und Ladin., sowie 
in zahlreichen ital. und franz. Mundarten; im Ital., Prov., Franz. 
weist es i auf. Der Grund ist leicht zu erkennen. Florere war, 
in erster Linie Avegen ßorio =^ßoreo, zu ßorire geworden. Das 
i blieb nun als Charakter der IV. Conjug. nicht blos in der 
ganzen Flexion (ßoritis ßoriham statt ßoretis ßorebam), sondern 
modificirte auch das betonte e. Nach dem Muster von ßorire 
ßorisco wurde dann ßniy-e ßii isco gebildet; die Sprache hat ihr 
Ziel erreicht; für alle Formen des Präs. der meisten Verba 
der /-Conjug. erlangte sie Tonlosigkeit des ursprünglichen 
Stammes.' 

In die Einzelheiten einzugehen, aufzuzählen, welche Verba 
der /-Conjug. die Erweiterung des Stammes annehmen, welche 
sie verschmähen, bei welchen Verben endlich ein Schwanken 
vorhanden war, zum Theile noch ist, kann hier als überflüssig 



' Bemerken.swerth ist dann, dass hie )ind da das erhaltene Erg^ebniss 
wieder aufgegeben wird, indem die inchoativ flectirten Formen den Accent 
auf den Stamm zurückversetzen. So. falls irli nicht irre, in Mundarten 
der franz. Schweiz; 7iün-'siu kann doch nur mit dem Accente auf dem 
ii ausgesprochen werden; vgl. in der Mundart von Neufchatel fdr'na, 
^jj'na. In der Mundart von Valsoana hört man eher s<jrtejt als sorUjt = 
sort-escit. 



Hnssa f ia. 



erscheinen. Es genügt auf die Thatsache hinzuweisen, dass 
im Französischen die Anwendung von -iss- auch die endungs- 
betonten Formen der Präsenstempora (1. und 2. Pku-. des Präs., 
Impf. Ind., Partie. Präs.) erfasste, so dass das Wesen des Vor- 
ganges beeinträchtigt wurde. ^ Für das Provenzalische meint 
Diez (Gramm. IE-*, 208), die Inchoativform beschränke sich 
auf 1. 2. 3, Sing., 3. Phu'. mit seltenen Ueberschrcitungen, meist 
im Gerund, oder Partie. Präs.; im Paradigma aber gibt er für 
Conjimctiv floriscam floriscatz als die normalen Formen an; 
ebenso Bartsch in seiner Chrestomathie. Einige Zweifel darüber 
äussert Chabaneau (S. 237). '■^ Im Neuprovenzalischen begegnet 
man wohl überall der französischen Einrichtung. Im Italienischen 
überschreitet -isc- kaum die ihm gesteckten Grenzen, und zwar 
Avohl nur im Conjunctiv; Formen wie puniscMamo punischiate 
sind zu belegen; puniscete punisceva ist kaum gesagt worden; 
über puniscMamo als Indic. kann ich nicht bestimmte Angaben 
machen; kommt es vor, so bedeutet dies nicht viel, da die 
Form mit der des Conjunctivs identisch ist. Dazu das von 
Diez angeführte Partie. Präs. appanscente. Auch im Enga- 
dinischen schleicht sich -escli- vor betonten Endungen nur im 
Conjunctiv ein; das Oberländische bleibt der alten Einrichtung 
treu. Im Rumänischen kommen keine Ueberschrcitungen vor. 



1 Mundarten gehen noch weiter; auch die Perfecttempora flectiren inchoa- 
tiv. So Perf. Ind. (Mignard S. 182, Jaubert I, 545, Metivier u. s. \v.); 
Impf. Conj. im Friburgischen (Häfelin S. 119). Auch das Futurum hat viel- 
fach inchoative Flexion (vgl. altfranz. garistra). Andererseits scheinen ein- 
zelne franz. Mundarten die inchoative Flexion nicht zu kennen; Tissot 
führt wenigstens für das Patois des Fourgs finire als einfach flectirend 
an, und macht sonst von -i*.f-Endungcn keine Erwähnung. Im Friburg. und 
Neuenburg, gibt es eine eigeuthümlich gemischte Conjugation. Inchoativ 
flectirt 1. Sing., 1. und 3, Plur., während 2. und 3. Sing, und 2. Plur. 
einfach flectiren: n'drr'ssu, nüire, nürre, nüri-'aaem, nürride, nürr'sQn. 
Ebenso im Valais dremese, do, do, dremese, dremi, drkmeso. Und so wohl 
auch in anderen Schweizer Mundarten. 

2 Chabaneau sagt: ,le fait n'est pas facile j'i verifier'. Wenn einen so ausge- 
zeichneten Kenner des Provenzalischen keine zur Entscheidung der 
Frage genügende Anzahl von Belegen vorlagen, so muss daraus der 
Schluss gezogen werden, dass 1. und 2. Plur. Präs. Conj. in den auf 
uns gekommenen Denkmälern des Provenzalischen ziemlich selten sind. 
Eine Sammlung solcher Formen wäre wünschenswerth, um diesen kleinen 
Punkt der provenzalischen Grammatik aufzuhellen. 



Zur Prägensbildung im Romanischen. 7 

Es sei noch die Anwendung von -isc- bei Verben der II. 
und III. lat. Conjug. erwähnt. So manchmal in Schweizer 
Mundarten: bihere im Imperf. Ind., Präs. Conj.; cadere in den- 
selben Formen und in dem eigenthümlichen Fut. cerepri, d. h., 
falls ich es gut deute, ceri-\-pri = cadere haheo-\-iscere haheo; 
debere im Imperf. Ind., Fut.; molere im Präs. Ind. imd Conj., 
Impf. Ind., Fut. u. s. w. 

Ferner im Ladinischen der Schweiz. Indessen scheint 
hier die Sache auf Schein zu beruhen, wenn auch gerade auf 
diesem Gebiete, wo (wie wir gleich sehen werden) -esc- auch 
die erste lat. Conjug. ergriff, eine Anwendung desselben er- 
weiternden Suffixes bei Verben der lat. 11. und III. nichts 
Auffälliges hätte. Pallioppi S. 83 führt disüngiier und extinguer 
an, welche mit -escli- flectiren ' 5 aber auch die anderen Tem- 
pora richten sich nach der /-Conjug.; also distinguins, distin- 
guiva, distinguiss ; nicht -ains, -aiva, -ess. Wir haben es also 
eigentlich mit i-Verba zu thun, die nur im Infinitiv die latei- 
nische Endung aufweisen.- Aehnlich wird es. sich wohl ver- 
halten mit den von Carigiet verzeichneten Verba, deren Infin. 
auf -er oder -er geht : admonescha^ advertescha (als transitiv ad- 
verta; ebenso perverta), competescha (aber repeta), condulescha 
(aber döla), distinguescha, extinguescha, nuschescha, preexistescha 
(aber exisfa), prevalescha (aber vdla), pretendescha (aber tenda), 
reassumescha (aber presüma), recensescha, residescha (aber posse- 
dd), retorquescha, sparescha. 

Sieht man von dem soeben erwähnten Uebergreifen von 
-esc- ab, so sind die anderen Conjug. im Allgemeinen von 
dem in Rede stehenden Vorgange verschont geblieben; das 
Lateinische bot eben zur Erweiterung des Stammes kein leicht 
nachzuahmendes Muster. Dennoch tritt uns in mehreren romani- 
schen Idiomen, besonders in Volksidiomen, die Erscheinung 
entgegen, dass der Stamm auch in Verben der I. lat. Conjug., 
weit seltener in denen der II. und 111., vor tonlosen Endungen 
eine erAvciterte Form aufweist, welche er vor betonten Endungen 
nicht kennt, oder (wenn man sich anders ausdrücken will) 



' In der 2. und o. Sing., 3. Plur. auch mit betontem Stamme; di:itiiigit6- 

schast und distingiiast. 
2 Vgl. dazu auch Stürzingei' S. 12 f. 



g Mussafia. 

dass die tonlose Endung eine erweiterte, den Ton tragende 
Form annimmt. Nicht überall ist der Vorgang auf gleiche 
Weise zu erklären •, mögen aber auch die einwirkenden Momente 
noch so verschieden sein, so bleibt erstens die äussere That- 
sache — Tonlosigkeit des eigentlichen Stammes — immer die- 
selbe; zweitens wird man, selbst wenn die entscheidende Ver- 
anlassung anderswo liegt, doch den Hang zu vollen Flexionen 
und, was damit Hand in Hand geht, zm- Erreichung eines 
stets tonlosen und daher von lautHchen Veränderungen ver- 
schonten Stammes mit in Rechnung bringen müssen oder Avenig- 
stens können. Darzulegen, auf welchen Gebieten Derartiges 
stattfindet, ist der Zweck folgender Blätter. 

RUMÄNISCH. 

Das Rumänische erweitert den Stamm der Verba der 
i4-Conjug. mittelst -ez-: 

Indic. lucr-ez Conj. lucr-ez 

lucr-ez-i lucr-ez-i 

lucr-eaz-f lucr-ez-e 

lucr -em lucr -pi 

hier -dtzi lucr -dtzi 

lucr-eaz-e, lucr-ez-e 
Imperf. 2. Sing, lucr-eaz-f; 2. Plur. lucr-dtzi 

Was ist -ez-? Sowohl Cipariu als Miklosich, Beiträge IV, 9, 
sehen darin lat. -iz-o; nur dass Ersterer zu gleicher Zeit griech. 
(Q-, lat. -ISS- erwähnt, während Letzterer aus lautlichen Gründen 
eben nur lat. -iz- als Quelle des rumänischen -ez- ansieht. 
Gegen diese Ansicht wird wohl kaum etwas zu erinnern sein. 
Und dennoch will es mir nicht ganz klar erscheinen, wie das 
Rumänische zur Erweiterung des Stammes mittelst -ez- gelangt 
sei. Es sind zwei Möglichkeiten da. Entweder hat sich dieser 
Vorgang parallel zu dem mit -esc- entwickelt und reicht in die 
Bildungszeit der Sprache zurück. Es müsste dann auch hier 
angenommen werden, dass aus einer doppelten Reihe lucr-o, 
as, at, amus . . . und *lucriz-o, as, at, amus . . . nur eine sich 
gebildet habe: lucriz-o, as, at, lucr-amus, atis, lucriz-ant. Dass 
-iz- sonst im Rumänischen nicht vorkommt, wäre kein Be- 
denken dagegen: auch im Italienischen dient -esc- nur zur 



Zur Präsensliildnng im Romanischen. 9 

Präsenserweiterimg und hat sonst jede Wirksamkeit verloren. 
Wohl aber erscheint es etwas schwer, dem SufF. -iz- in so hohem 
Alter eine so bedeutende Rolle zuzuweisen. Oder der Vorgang 
hat sich aus Analogie zu jenem bei der /-Conjug. entwickelt 
und ist daher jüngeren Ursprunges; so sieht, wie es mir 
scheinen wiU, auch Miklosich die Sache an. Dann aber ver- 
misst man einen genügenden Ausgangspunkt für die Ver- 
wendung von -ez-, d. h. eine einigermassen beträchtliche Anzahl 
von Verben mit stammhaftem -ez-. Ich erkläre mich. Wenn 
italienische Mundarten (siehe unten: Abruzzen und Corsica) viele 
Verba mit stammhaftem, also in allen Formen erscheinenden 
-egg- haben (z. B., italienisch ausgedrückt, passeggi-Oj a, omo, 
ava . . .), dann lässt sich unschwer begreifen, dass -egg- auch 
zur Präsenserweiterung angewandt werde; dass man, statt gela, 
gel-eggi-a eingeführt habe (wo es galt die Endung zu verstärken, 
beziehungsweise den Stamm tonlos werden zu lassen), aber bei 
gelava (das volltönende Endung und daher tonlosen Stamm 
hat) verblieben sei. Aber wie verhielt es sich im Rumänischen, 
das, wie oben erwähnt, von dem Suffixe -iz- keinen Gebrauch 
machte? ' Darf man den äusserst wenigen Verben mit stamm- 
haftem -ez- (es sind deren nur vier: botezä [baptizo], rinJcezd 
jwiehern' [rhonchizo] , dann fremden Ursprunges: kutezd ,wagen^ 
und rftezd ,schneiden') so grossen Einfluss zumuthen, dass sie 
zu der in Rede stehenden Verwendung von -ez- den Anstoss 
gaben? Ich gestehe, dass dies mir nicht sehr überzeugend 
scheint. 

Hat -ez- seine Grenzen überschritten? Im Dacorumäni- 
schen wohl nicht. Wenn Miklosich sagt: ,aus dem Präsens hat 
sich za in den Infinitiv verirrt: azutorezare nb. azutorare . . ., 
lukrezare nb. lukrd . . . u. s. w.', so lieg"t hier ein kleines 
Versehen des Meisters vor, Avelcher die allerdings nicht recht 
klare Darstellungsweise seines Gewährsmannes Strajan nicht 
ganz richtig deutete. Wären diese Infinitive vorhanden , so 
würde sich wohl -ez- auch vor anderen betonten Endungen 
einfinden; wir hätten auch hikrezdm lukrezdtzi, und dann würde 



' In griechischen Wörtern wird -'X=- z'i -«?- und die Verba bekennen sich 
zur /-Conjug. ; vgl. Rösler und Cihac. Daher ist auch, wie schon Miklosich 
aus der Gestalt des anlautenden Consonanten erschloss, hotez ,nicht un- 
mittelbar griech. ßa;:rt'!^w, sondern lat. baptizo^ 



10 Mussafia. 

überhaupt die ganze Frage über die Einschiebung von -es- 
eine leichtere Lösung finden. Indessen es gibt, wie gesagt, 
nur azutoi'd, lukrd u. s. w. 

Für das Macedorumänische gibt Miklosich humhimezare 
gegenüber dacorum. humhiird, 1. Präs. bumburez] und zwar bleibt 
-ez- in der ganzen Conjug. ; dieses Verbum verhält sich also 
wie hotezd und bietet ein Beispiel mehr für stammhaftes -ez-J 

Die Anwendung von -ez- ist oft facultativ; es lässt sich 
vermuthen, dass dessen Gebiet im Laufe der Zeit sich eher 
erweitert als eingeschränkt haben wird; Cipariu führt dafür 
nur ein Beispiel an; einst habe man cercet und cercetez gebraucht, 
jetzt nur letzteres. Untersucht man die Beschaffenheit der -ez- 
Verba, so wird man bald gewahr, dass darunter sich äusserst 
wenige mit einsilbigem Stamm e^ wie lukr-ez, finden; es sind 
fast ausschliesslich Derivata und Composita; auch Neologismen 
bekennen sich vielfach dazu. Man würde eigentlich, Avie bei 
der /-Conjug., erwarten, dass jedes in neuerer Zeit eingeführte 
Verbum nur die erweiterte Präsensform aufweise, doch macht sich 
gelehrter Einfluss vielfach geltend, so dass neben blossem aco- 
modez, calumniez, citez, compUmentez, custodiez, descurezez, favo- 
risez,formez^meditez, proiectez^ titulez, iraciez u. s.w. Doppelformen 
wie adorez ador, copiez copiu, presentez present^ respectez respect 
angegeben werden. 

Da die meisten Grammatiken lange Verzeichnisse von 
Verba mit ausschliesslichem -ez- oder mit Doppelformen ent- 
halten, sehe ich meinerseits von einer solchen Mittheilung ab. 
Sie würde nur dann einen Werth haben, wenn sie auf Voll- 
ständigkeit Anspruch machen und das chronologische Verhält- 
niss bei jedem einzelnen Verbum angeben könnte ; dies zu 
bieten, bin ich aber nicht im Stande. 



1 Miklosich Iheilt eine Reihe von macedorumän. Verben mit -ez- mit, und 
meint, er h.abe es nicht gewagt zu unterscheiden, ob -ez- blos vor ton- 
loser Endung vorkommen könne (seine erste Classe), respective müsse 
(zweite Classe) oder ob es zum eigentlichen Stamme gehöre und daher 
vor jeder Endung erscheine (dritte Classe). Bei dem Umstände, dass 
alle angeführten Formen mit -es- tonlose Endung aufweisen, und dass 
in den paar Formen mit betonter Endung kein -ez- zu treffen ist, scheint 
mir hervorzugehen, dass alle diese Verba zur ei'steu und zweiten Classe 
gehören. 



Zur Präsensbildung im Romanischen. 11 

LADINISCH. 

In der ScbAveiz dient zur Erweiterung des Stammes -esc-, 
also dasselbe Suffix wie bei der /-Conjug. Ein Beispiel aus 
DissentiS; wie es von Dr. Gärtner gehört Avurde: 

Indic. 



murtir-es-el 
murtir-es-es 




Conj. 


murtir-es-i 
murtir- es-i^s 


murtir-es-a 






murtir-es-i 


murtir- ein 






m,urtir- eien 


murtir- eis 






m^irtir- eies 


murtir-es-^n 
Imper. 2. 
2. 


Sing. 
Plur. 


murtir- 
murtir- 


murtir-es-ien 
es-n 
■ ei. 



Man halte dazu die Conjugation, wie sie von den verschie- 
denen Grammatiken, zuletzt von Stürzinger für Ilanz und Ober- 
engadinisch gegeben wird. Die Varietäten der Personalendungen 
sind für uns hier gleichgiltig ; das Suffix erscheint in den ge- 
dnickten Büchern überall -esch- geschrieben; Gärtner kennt 
neben obigem -es- auch hellere Aussprache des e im Engadin. 
Paüioppi zählt über 750 hieher gehörige Verba; nicht geringer 
wird die Zahl in Carigiet's Wörterbuch sein. Aber es handelt 
sich kaum um ein Primitivum; es sind lauter Derivata und 
Composita ; gelehrte Bildungen, Neologismen sind überaus zahl- 
reich. Von mehreren heisst es, dass sie zwischen einfachem 
und erweitertem Stamm schwanken. Betreffs des historischen 
Verhältnisses macht Stürzinger die wichtige Mittheilung, dass 
Bifrun (XVI. Jahrh.) von Verben der ^-Conjug. auf -es- noch 
nichts weiss. Demnach wäre der ganze Vorgang modernen Ur- 
sprunges. Aber selbst bei solchem Bewandtnisse ist die Er- 
scheinung darum nicht Aveniger Avichtig; sie zeigt, wie eine 
Neigung, welche für die Verba der /-Conjug. auf fast gesammt- 
roman. Gebiete in der Bildungszeit der Sprache einen so grossen 
Einfluss hatte, noch immer in einzelnen Gegenden ihre Bethä- 
tigung findet. Es geht in historischer Zeit das vor, was AA'ir 
sonst aus der vorhistorischen Zeit des Roman, kennen. Die 
Verba mit einfachem Stamme stellen gleichsam die archaische, 
erstarrte Flexion dar ; neues Material muss sich zu erweitertem 
Stamme bequemen. 



12 Mnssafia. 

Auch im Ladin. Tirols begegnen wir zahlreichen Verben 
der ^-Conjug. mit erweitertem Stamme vor tonloser Endung. 
So in Greden. Das Verbum ßade (= '^ßatare) , schnauben^ wird 
im Präs., nach Gartner's Werk, wie folgend flectirt: 

Indic. flad-ei-e. Conj. fad-ei-f 

find ei-fs fiad-ei-^s 

fiad e- a ßfid-ei-e 

fiad- ör^ flc^'i- oi]ze 

fi(}d- dis fi<id- dizf 

fiad-e-a fiad-ei-^ 

Imper. 2. Sing, fiad-e-a 

2. Plur. fiad- ade. 

Ebenso im Gaderthal (Abtei und Enneberg), also in jenem 
Gebiete, das Alton ,Ladinien' nennt. Alton hat zwar in seinem 
Werke keine Gelegenheit gefunden, darauf hinzuweisen ; seinen 
privaten Mittheilungen verdanke ich ausführliche Nachrichten 
über den Gegenstand. Das Präs. lautet auf diesem Gebiete : 

Indic. ahit-ei-e Conj. abit-ei-e 

abit-ei-es abit-ei-es 

abit-ei-a abit-ei-e 

abit- ön abit- önse 

abit- es abit- ese 

abit-ei-a abit-ei-e 

Imper. 2. Sing, abit-ei-a 
2. Plur. abit-ede 

-ei- in Enneberg nach Gartner's Transcription ei; in Abtei 
lautet es -äi- nach Alton's und Gartner's Schreibweise. Was 
ist nun ei (diese Formel möge die drei Lautnüancen von e ver- 
treten), oder mit anderen Worten, von welchen Verben ging 
der Anstoss zur Verwendung des erweiterten Stammes aus? 
Stammhaftes ei vor tonloser Endung weisen vor allem ligo frico 
pllco aus; vor betonter Endung findet sich dafür i ein.' So 

' Classisch ic, ig = vnlg. eg ergibt sowohl unter dem Acceute als ausser 
demselben 6i; in tonloser Silbe aber kann das e vor i leicht zu t werden, 
aus ii dann i. Ganz so im Altfranz. Betontes ei (oi) ist allein organisch; 
protonisch sind ei (oi) und i in gleichem Masse berechtigt ; dann findet 
sich i durch Analogie auch unter dem Accente ein. Organische Formen 
sind plei, pleions plions; analogisch ist pH. 



Zur Präsensbildung im Romanischen. Id 

lautet das Präs. Indic. des gredn. Lid: Uie Ui^s lea liörj Hais lea. 
Ferner die mittelst des Suffixes -ic- gebildeten Verba, insoferne 
sie IC betonen '; zu diesen stellen sich auch erpicare und rnml- 
gare. Für solche Verba wäre dieselbe Flexion wie bei llgo zu 
erwarten; wie *lego zu Uie, so *medego'^ zu mfdeif. In der That 
aber findet sich iei statt ei ein^ und zwar in Abtei und Enne- 
berg iei, in Greden iei, das aber ohne Zweifel auf früheres iei 
zurückgeht.-^ Das Präs. Indic. stellt sich demnach folgender- 
weise dar: 

Abt. Enneb. medieie Greden mfdieif 

medieies medieies 

medieia medieia ^ 

median mediör] 

medies mediäis 

medieia medieia 

Manchmal ein Schwanken zwischen 'Ic und Ic Betonung; 
in Abt.^ Enneb. aus mdsixeo, mdstie\ aus mastico, mastieie, gi-edn. 
nur mastieie. Wie medieie auch, wie gesagt, erpieie arpieie, 
rumieie rumieie] das Gredn. kennt auch rümie. Hieher zu 
rechnen ist auch Abt. Enneb. hätieie ,taufe'; -iz- mit -ic- ver- 
tauscht, wie auch sonst, vergl. altfranz. batoi'^ gredn. ba^fzeie 
wie ßadeie. 

Eine andere Quelle für e% iei wäre ilj: consilio ergibt 
consieie kurjsieie-^ *simdjo "=1 somieie, s^mieie. 

Was ist nun das i vor ei (=tc, ^W^ Offenbar nur das i, 
mit welchem der Stamm vor betonter Endung auslautet und das 
nun alle Formen erarreift; media mediör, mediöce haben medieie, 
statt medeip, nach sich geführt. Medieie enthält demnach gleichsam 



' Ausgeschlossen bleiben 1. jene, welche die Betoniuig 'j' beibehalten, wie 
tydrie ^= c6rri[c]o, dezmdntye = dimenfjo ; 2. die Lehnwörter dyudike, 
zhlarjcez^^, die Y/'\e flade flectiren, oder pratig4, das die ital. Tonstelle 
bewahrt: prdiigp. 

2 lieber die Betonung ic siehe Diez I', 502 und Ascoli im Arch. I, 505. 
Ich nehme sie vorläufig an, wenn ich mir auch nicht verhehle, dass die 
Art der Behandlung der Verba auf -Icare einer neuen und eindringlichen 
Prüfung bedürftig wäre. 

^ Es sei auch bemerkt, dass der Accent gleichsam zu schweben scheint, 
da Manche auch für das CJredu. nur die Betonung -;e7- kennen. 

■* Zu bemerken hier -eia gegen lea. 



14 Mussafia. 

zweimal ic. Dieses sich Einschleichen des i findet zunächst 
bei mehrsilbigen Stämmen statt, während die einsilbigen sich 
gegen dasselbe etwas spröder verhalten. Kein lleie, kein 
sf riete, aber in Greden pleie und plieie und in Abt., Enneb. gar 
nur plieie. 

Ein Präs. mit ei, iei haben dann durch Analogie die 
meisten Verba, deren Stamm vor betonter Endung auf / aus- 
geht, möge die Quelle dieses i welche immer sein. Solche sind: 
1. einsilbige Stämme; das Präs. hat vorwiegend ei: priä preie, 
prie preie, während precor lautgesetzmässig andere Ergebnisse 
liefern sollte ; ebenso in Abt. Enneb. sie seie (Subst. aber siUa, 
im Gredn. sif = seco wie im Subst. sig,), kriä krea, crie crieia, 
während creat eher cria erwarten Hesse, wie mea mia. Am 
deutlichsten erkennt man die Wirkung der Analogie im Präs. 
von pia pie und Compositis. Pas lange i von pil-i-o sollte 
unversehrt bleiben, und doch wie liä leie, so pia peie. Man 
bemerke schliesslich bria hreie, hrie brieie ,schreie^, dessen Ety- 
mon nicht ganz klar ist. 2. Mehrsilbige Stämme ; das Präs. geht 
auf -iei (iei) : Verba mit stammhaftem tc, ig sollten ihr i unver- 
sehrt erhalten, wie fatica Urtica zu fadia urtia, so würde man 
aus fatico nur fadie erwarten; und doch wie medig, medieif so 
sfgdiä sfadieie, urtig urtieie; ebenso, mit den entsprechenden 
Lautnüancen, im Gaderthale ; auf letzterem Gebiete auch castiä 
castieie (gredn. kgstigeie, also Lehnwort). Von cambiare somniare 
würde man Präsentia mit betontem Stammvocale, wie ital. cam- 
bio sogno, erwarten. Würde das Ladin. die Vorrückung des 
Accentes zu cambio sornnio begünstigen, so würde zwar i auf 
lautlichem Wege nicht zu ei geworden sein, es Hesse sich aber 
der Vorgang mit port. odio odeio vergleichen; also zuerst dyg- 
meie, wie ursprüngliches medeie\ dann wie medieie so dygmieie'^ 
schliesslich -ieie. Da aber das Ladin., mit Ausnahme des ge- 
meinroman. Ealles -tc zu tc-, Proparoxytona in der Präsens- 
bildung ohne Weiteres zulässt, so wird man auf die Annahme 
einer solchen Zwischenstufe verzichten und man wird die Pro- 
portion annehmen: wie mpdiä medieie, so dygmiä dygmieif] wie 
medie medieie so somie somieie. Ja selbst das versteckte i kann 
die gleiche Wirkung ausüben, das Präs. von rjz^nyä (= ingeniare) ' 



1 ni/ 



Znr Präsensbildung im Romanischen. 15 

Isiutetrjzfnieie, selbst spiytse (= expretiare) hat, neben spretsp-, auch 
sprftsieie. Für das Gaclerthal ist mir kein ähnlicher Fall bekannt. 
Kehren wii' mm zu unserer Frage zurück, was -ei- in 
ßadeif sei, so ergibt sich aus dem bisher Erörterten, dass man 
allerdings im Grunde genommen sagen kann, ei sei = zc, dass man 
aber an eine eigentliche Verwendung des derivativen Elementes 
-IC-, entsjDrechend jener von -esc- in der /-Conjug., durchaus nicht 
denken darf. Die Aufstellung einer lateinischen Grundlage ^a^ico 
flaUcas flatlcat flatdmus flatdtis ßaticant würde den Lauten der 
ladinischen Formen genau entsprechen; die Annahme einer 
solchen Grundlage würde aber irrig sein. Der Vorgang beruht, 
sagen wir es noch einmal, lediglich auf Analogie. Drei Stufen 
sind zu erkennen: 

1. organisch ist * medegnre ^^ m^diä '^ '^ medego ■=: medeie] 

2. tonloses Charakteristikon i ergreift das betonte Charakteri- 
. stikon ei; wegen media, medieie (dann iei'e); 

3. dadurch, dass mfdi- sich überall als Stamm und -Sie als 
Endung fühlt, wird letztere zu zahlreichen anderen Stäm- 
men gefügt ; wie medi-ct, ön], ove und medi-eif, so flad-e, örj, 
Qve und ßad-eie. 

Dieselbe Erscheinmig ist wohl in allen ladinischen Idiomen 
Tirols zu treffen. Aus dem Unterfassanischen theilte mir Gärtner 
einige Verba mit, die er in Vigo (Avisiothal) abhörte ; hier lautet 
das Präs. Indic. von erpicare: aipi(-ee) avpB arpeo arpedr^ arpedde 
arpeo und darnach petenB petenö-q. Wie man sieht, ist hier der 
ParaUelismus zwischen dem Muster und der Nachahmung nicht 
, so vollständig wie in Greden und Gaderthal. Hier (man ent- 
schuldige die Wiederholung) decken sich 

medi-eie onedi-öri 
und ßad-eie ßad-ör] 
ganz genau, während in Vigo einem 

arp-ee arpe-örj 
ein peten-ee peten-ör] 
gegenüber steht; ein minder kräftiger Anstoss genügt also dazu, 
die analogischen Bildungen hervorzubringen. AVir werden Ahn- 
liches anderswo treffen, z. B. im Lüttichischen; für unsere Mund- 
art indessen liesse sich auch vermuthen, dass e nicht = ee, son- 
dern = eee sei, u. zw. ee = e[c]o; das erste e aus dem tonlosen 



\Q Mussafia. 

Stamme arpe- hergeholt wie das i aus medi-' in den früher be- 
sprochenen Mundarten. In Buchenstein hatte Dr. Gärtner keine 
Gelegenheit, hieher gehörige Präsentia zu sammeln; sie werden 
indessen auch dort nicht fehlen. 

Wenden wir uns nun nach der östlichen Grenze des ladin. 
Tirols, nach Erto (der Ort gehört pohtisch zu Friaul), so finden 
wir, immer nach Gartner's Beobachtungen, unsere Erscheinung 
wieder, aber unter bemerkenswerthen und sehr schwankenden 
Verhältnissen. Das i von -^c- ist bald e, bald i. Das c vor a, also 
inlautend, bald k, bald dy; das c vor o, also auslautend, meist 
als Ä;,doch auch tx (= inlaut. dy). So sfrekd sfrek sfredye; prekd 
prek predye; mastidye maUik mastidye; xasfidye xastüx xastidye. 
Und dennoch manche Präsentia mit erweitertem Stamme : nedyet 
nedyee neAyea nedyön nedyei nedyea. Ebenso nevicare : Inf. novidye, 
3. Sing, novidyea. Dann Stämme mit i als Charakteristikon, u. zw. 
selbständig auftretend: kamhiei, oder versteckt: konsüyei, insonyei, 
vedyei (viglo); und Stämme mit consonantischem Charakteri- 
stikon: kreveUi (= ital. io criveUo). Es ist nicht ganz klar, 
woher der Anstoss zu -e- kam •, sollte die Erweiterung auf diesem 
Gebiete weniger eine selbständige Entwicklung als eine Entleh- 
nung aus den anderen ladinischen Idiomen Tirols sein? 

Im ersten Anhange gebe ich eine reichhaltige Samus^lung 
von hieher gehörigen Verben. Uebersieht man sie, so wird man 
bald gewahr, dass auch hier das gilt, was für das Rumän. und 
Raetoroman. gesagt wurde : kaum ein altes, primitives Verbum 
bekennt sich zur erweiterten Form ; es sind fast lauter Derivata 
und Composita, daher äusserst wenige einsilbige Stämme. Man 
kann bemerken, dass die dem Ital. entnommenen neuen Verba 
wohl -eie begünstigen, aber auch die ital. Betonung hie und da 
behalten; neuere Verba deutschen Ursprunges vermögen kaum 
mehr den Stamm zu betonen. 

Dem Ladin. Friauls ist die Erweiterung, so weit ich es 
überblicke, unbekannt; nur an einen ähnlichen Fall sei hier 
erinnert, den AscoH (Arch. I, 504) so erklärt: tc erscheint 
hier unter und ausser dem Accente als e: Inf. desmented, 3. Präs. 
Indic. desmentee; neved und nevee. Aus jocare nun £ujd '£md 
£ued; daraus 1. Präs. Conj. che inei nach Analogie von che 



Zur Präsensbildung im IJoraanischen. 17 

dismentei. Ob auch im Indic, weiss ich nicht ; wenn nur im 
Conj., so wäre dies ein Beispiel mehr für die Erscheinung, 
dass der Conjunctiv solche, von denen des Indic. sich scharf ab- 
hebende Formen besonders gerne anwendet. 

Auch im Ostfriaulischen, in der Mundart von Cormons 
(nach Gartner's Material) greift ic (llj) kaum über seine 
Grenzen hinaus. Das i erscheint hier theils als e, theils als i: 
jpUcare *nivicare ^mirahtliare ergeben pled neved maraved. Die 
Endungen des Präs. Indic. sind: 

-eiyi (= ^i = ic, -i = -o, y eingeschoben) 

-eis (ifcjas) 

-e (= ee = t[c]a-t) 

-UV (tonloses e vor i zu i) 

-ees (i[c]at{s) 

-eirj (i[c]ant) 
Masticnre carricare *hapticare haben dagegen i: mastid t%arid 
hatid; das Präs. wie oben, nui' ^ statt e; mastii mastuS mastie u. s. w. 
Ebenso : zglisid ,gleiten^ , wo i = ?c (vgl. slisegar in nordital. 
Mundarten), wohl auch strisid, gleichsam striscicare. Nur strigid 
(g= dtsch. g) , striegeln^ gäbe Anlass zu einem Zweifel; es kann 
strigllcare sein, oder aus striglare strigljare wird strigid, und das 
eigentlich halb consonantische i wird als echt vocalisch gefühlt 
und nach dem Muster von mastid flectirt: strigii statt -ig-. In 
letzterem Falle hätten wir ein vereinzeltes Beispiel von Tonlosig- 
keit des ursprünglichen Stammes durch Einfluss der -Ic-Verba. 

ITALIENISCHE MUNDAETEN. 

I Strien. In der Mundart von Rovigno begegnet man, 
wie ich aus Aufzeichnungen des Dr. A. Ive entnehme, zahl- 
reichen Verben der J.-Conjug., welche ihr Präsens nach folgen- 
dem Paradigma bilden: 

Indic. saman-i-o Conj. samani-o 

saman-i'i saman-i-i 

saman-i-a saman-i-o 

saman- emo saman- emo 

saman- ide saman- ide 

saman-i-a saman-i-o 

Imperf. 2. Sing, saman-i-a 2. Plur. saman-ide 

Sitzungsber. d. phil.-hist. Cl. CIV. Bd. I. Hft. 2 



18 



M « ssa f i ;i. 



Ebenso in der ]\Iuuclart von Capodistria, nach Mittheilungen 
des H. G. Vätova: 



Indic. viessed-e-o 
messed-e-i 
messed-e-a 
messed- emo 
messed- e 
messed-e-a 



Conj. messed-e-i 
messed-e-i 
viessed-e-i 
messed- emo 
messed- e 
messed-e-i 



Imper. 2. Sing, messed-e-a ' 
2. Plur. messed- e 

Die Qnelle des den Stamm erweiternden Elementes ist 
mir nicht vollkommen klar. Man möchte gerne auch hier auf 
IC zurückgehen, doch wird hier Ic, ec nicht zu i oder e. Die 
entsprechenden Verba haben vielmehr eg-, z. B. in Capodistria 
desmentego, auch desmentego, denen desmentegheo zur Seite steht. 
Zwei Vermuthungen möchte ich wagen. Man kann in -eg- 
späteren venetianischen Einfluss erblicken; -i-, -e- wären dann 
werthvolle Ueberbleibsel des alten Ladinismus Istriens. Einige 
Stütze würde dieser Ansicht die einzelne Form desmentea ge- 
währen, die mir aus Capodistria als obsolet bezeichnet wird. 
Od^r der Vorgang hat seine Grundlage in der allgemeinen 
Neigung, den ursprünglichen Stamm seines Accentes zu ent- 
ledigen, die Bethätigung dieser Neigung fand aber auf anderem 
Wege statt als durch Einfluss der -ic- Verba. Die betonten Endun- 
gen weisen in Capodistria den Vocal e statt d auf: so (neben 
den oben angeführten 1. und 2. Plur. Präs.) Imperf. Ind. messe- 
devo, Imperf. Conj. viessedessi (Pert. Ind. ist nicht vorhanden) ; der- 
selbe Vocal schlich sich nun zwischen den zu erweiternden 
Stamm und der tonlosen Endung ein, so dass nunmehr alle Fle- 
xionen ohne Ausnahme mit e anheben. Fast ebenso in Rovigno; 
hier (mit Ausnahme von 1. Plur. Präs.) ist der herrschende 
Vocal ?'; und i dient zur Erweiterung des Stammes; 2. Plur. 
Präs. samanide, Imperf. Ind. samanivo, Imperf. Conj. samanisso 
führten zu samanio. Ueber das Alter dieser Bildungen vermag 
ich selbstverständlich keinen Aufschluss zu geben; es trifft 



' Bei Reflexiven, .nlso mit onclitischoiTi te, d statt e«; z. B. rapahimea aber 
rajMtumeite. 



Zur Präsensbildung im RoTnanischen. l" 

sich indessen glücklich, dass die istrische Uehersetzung der 
neunten Novelle Boccaccio's, die sich Salviati (16. Jahrh.) ver- 
schaffte (zuletzt bei Ascoli, Areh. III, 468 ff.) schon ein che ti 
vendicheis, statt vendichis, neben che ti m'insegw's, che ti sopjyörtis 
bietet. Eigenthümlich, dass es sich hier um ein -zc-Verbum 
handelt; dass -tc- kein Suffix ist, ist selbstverständhch von 
keinem Belange. ' Die Beschaffenheit der hieher gehörenden 
Verba ist dieselbe wie überall. Es sind Derivata und Compo- 
sita; in der umfangreichen Sammlung^ die ich im zweiten An- 
hange mittheile, findet sich nicht ein einziges Verbum mit 
einsilbigem Stamme. 

Veglia. Im Archivio glott. I, 435 ff. bespricht Ascoli 
eine im Aussterben begrifi'ene Mundart der Insel Veglia im 
Quarnaro, welche nebst manchen rumänischen Zügen andere 
aufweist, die mit dem Ladinischen Istriens gi'osse Verwandt- 
schaft zeigen. Daselbst (S. 440) werden tonaja , fidminaja, 
infloraja, selbst venaja (,dass er komme') angeführt. Seitdem 
hat Dr. Ive an Ort und Stelle die Mundart untersucht, und 
seiner Güte verdanke ich Nachrichten über die in Rede ste- 
henden Präsensformen. Der Verba, welche vor tonloser Endung 
-aj- anwenden, sind ziemlich viele; ein Verzeichniss, das wohl 
auf Vollständigkeit keinen Anspruch macht, folgt im dritten 
Anhange. 

Die meisten Verba gehören der I. lat. Conjug. an, mit Infin. 
auf -ar, selten auf -ur (sperar, studiur) ; einige der 11. und III. 
mit dem Infin. auf -ar (vgl. Arch. I, 444): pofar, sielgdr\ einige 

1 Während des Druckes kommt mir Tobler's altvenet. Cato zu. In diesem 
,sicher noch der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts' angehörenden Denk- 
male kommen drei Beispiele von erweiterten Präsensformen vor; zwei 
von -tV Verben: nudrigia, vendegen, A&nn ronsiimea. Tobler kommt zwei- 
mal darauf zu sprechen. S. 16 zum gutturalen c: , Befremdlich ist das 
Auftreten eines c hinter g in nudr., das sich ebenso in vnnd., ausserdem 
jedoch auch in co7is. (neben coiisuma) findet*. Dann auf S. "26 unter 
Präs. Ind. Im Texte führt er die drei Formen au; in einer Anmerkung 
fügt er hinzu; ,Merkwürdige Beispiele, so .scheint es, der in ladinischen 
Idiomen und sonst begegnenden Erweiterung des Stammes von Verben 
erster Conjugation in den Formen, die sonst den Stamm betonen würden, 
eine Ersclieinuiig, deren vollständige Darlegung und Erklärung durch 
Mussafia in nächster Zeit erwartet werden darf.' 



20 M u s s a f i a. 

der IV. mit Infin. auf -er: fusser, vener. Die Formen mit ton- 
loser Endung- sind folgende: In die. 1. Sing, sperdjo, 2. Sing. 
sperdj, 3. Sing. Plm\ sperdja. Für den Conj. ist nur 3. Sing. 
zu belegen: sperdja. Das Impf, geht auf -nv- in der I. Conjug.: 
tonava, in den anderen auf -aja: dicaja. Die 1. Plur. geht im 
Präs. auf -idivxe: sxtspiridime, remetidime'^ im Impf, auf -aime: 
speravaime, vedajaime. Das Impf, zeigt, dass das di der 1. Plur. 
Indic. nicht identisch mit dem aj der 1. 2. und 3. Sing, ist, 
das etwa seine Grrenzen üLerschritten hätte ; -aime ist = -amus 
und nur das voranstehende i wäre zu erklären. Die 2. Plur. 
geht auf -ojte:, wohl lat. -etis entsprechend, das leicht auch die 
.fl -Conjug. ergreifen konnte. 

Was ist nun -dj- ? Schon Ascoh machte darauf aufmerksam, 
dass die Identität desselben mit dem -aj- des Impf, der 11 — IV. 
lat. Conjug. nur äusserlich sei, dass mit anderen Worten ve- 
nnja = venu veniat und venaja = veniehat nur zufällige Ho- 
monymität zeigen. Ueber das aj des Präsens spricht er sich 
nicht weiter aus. Gerne möchte man darin ic eg ei ai erbücken, 
denn dadurch Hesse sich auch das i vor -aime leicht erklären 
(i = ii = ei in tonloser Silbe vor Vocal ') ; es fehlt mir aber an 
Material um diese Ansicht zu stützen oder zu widerlegen. 
Das einzige -zc-Verbum, welches ich kenne, ist medcuar und 
dieses erscheint anders behandelt; vielleicht ist es jedoch kein 
ganz volksthümliches Wort. Eine andere Möglichkeit wäre, 
dass das -aj- der 2. Plur., vielleicht auch das -ai- der 1. Plm-., 
die anderen Personen ergriffen hätte, und es Hesse sich damit 
credassdite = * credissetis vergleichen, das crecZassai hervorbrachte. 
Diess würde Ascoli's Anschauung nicht tangiren, denn wenn 
auch dann in letzter Instanz das aj von sperajo auf e zurück- 
ginge, so wäre es nur Anlehnung an das e von etis und hätte 
mit dem e von ebam nichts zu schaffen. Es ist bei so kärglichem 
Material schwer, sich ein klares Bild des Vorganges zu machen; 
vielleicht bringt die Veröffentlichung von Ive's Sammlungen 
grösseres Licht. Immerhin gehört die Erscheinung in den Ka-eis 
vorliegender Untersuchung; sperdjo, aufweiche Weise immer 



' Gäbe es nämlich * mastego mastfj viaslaj, so wäre viaste[g]amvJi ^^ ma- 
ndaimC; nach viastaj wastiaime dann speraj speriaime, selbst vietaj 
meliaime. 



Zur Präsenstildung im Bomanisclien. 21 

es sich entwickelte, steht für ein zu erwartendes, ihm Avahr- 
scheinHcli vorangegangenes si)ero. Ob -dj- ausschHessliche Geltung 
erlangte, oder ob auch Formen mit betontem Stamme noch 
gebräuchlich sind, Aveiss ich nicht anzugeben; ich vermuthe 
Letzteres. 

Für die Mundart der Abruzzen sagt Finamore (S. 4): 
,il je e talvolta suffisso alle 3*= persone dell' indicativo presente : 
Ggeleje (gela), lambeleje (lampeggia)^ WiLrde die so bestimmte 
Angabe nicht vorliegen, so Avürde man ggeleje als eine Form 
von ggelijd, gleichsam ital. geleggiare deuten; jetzt erkennen 
Avir, dass der Verbalstamm nur gel- ist, also Infin. ggeld, Impf. 
ggele, Perf. ggeli (-ise, -ette) u. s. w., und dass die Form mit 
-ej- (fast zweifellos == tc) nur dann den Stamm ergreift, wenn 
er den Ton haben sollte. 

Noch klarer, wo möglich, ist die Sache für die abruzzische 
Mundart von Teramo, bei Savini (S. 70) : ,Una terminazione ori- 
ginale di presente abbiamo nel verbo lamhijä: lamh§j§j§'. Also 
einem ital. lampeggieggia entsprechend. Savini sagt: ,pare che 
ci sia epentesi'. 

Es scheint, dass wenig Fcälle vorhanden sind, und dass 
zunächst die Verba, welche meteorologische Erscheinungen be- 
zeichnen, die erweiterte Form annehmen. Wird dadurch eine 
begriffliche Nuance, etwa der Intensität (die beim Präsens am 
leichtesten sich einfindet), ausgedrückt? 

Für das Neapolitanische ist nur der erste Ansatz zu 
unserem Vorgange zu verzeichnen; da -tcare -Icat durch -idr 
-eja wiedergegeben werden, so durch Analogie auch sturiar 
(=. Studiare) stiireja. Den weiteren Schritt, der zm' Anwendung 
von -ej- auch bei consonantischem Stamme geführt hätte, 
machte die Sprache nicht. 

Corsica. Bei Papanti, S. 577, bemerkt Falcucci. dass 
das Präsens aller drei Modi zwischen Stamm und Endung 
-eghji- ' einschiebt. Die angeführten Belege gehören cille der 
i4-Conjug. an. 

' Uebei- die Aussprache von ghji — einmal wird chji angegeben — ist die 
Auseinandersetzung auf S. 574 nachzuselien. 



22 Mussftfia. 

Indic. 3. Sing, dissipeghjia, dissecuUghjia ,clisloca, sconnette', 
tesHmoneghjia •, 3. Plur. testimoneghjianu. 

Conj. 3. Sing. interrugUghji, lapideghji, Ubereghji; 3. Plur. 

calcechjinu. 

Ein Ueberschreiten findet statt; aber, wie es scheint, nur 
im Conjunctiv: 1. Plur. scandalizeghjidmu.^ Die avisdrückliche 
Angabe Falcucci's, diese Erweiterung des Stammes komme nur 
im Präsens vor, benimmt jeden Zweifel, dass wir es bier mit 
der uns beschäftigenden Erscheinung zu thun haben. Denn 
käme -gJiji- auch im Impf., Perf. u. s. w. vor, so würde es sich 
selbstverständlich nur um eine grosse Begünstigung dieses Ver- 
balsuffixes handeln; der Vorgang würde die Lehre der Wort- 
bildung, nicht jene der Flexion angehen. Indessen sei bemerkt, 
dass S. 585 caccighjid ,cacciare^ angeführt wird; handelt es 
sich um einen Stamm caccighji- , oder um eine fernere Ueber- 
schreitung der Gränzen bei der Anwendung des erweiternden 
-eghji- ? 

In -eghji- wird man leicht -tc- erblicken. 

FRANZÖSISCH. 

Im Wallonischen begegnen wir Präsensbildungen, welche 
mit denen im Ladin. Tirol's eine grosse Aehnlichkeit haben. 
So in der Mundart von Lüttich, nach Forir. Die Verba auf 
-Icare = wallon. i {Her = ier = i[r]) haben unter dem Accent 
ei: gtieri guereie\ akorm ,donner la communion' '^ akomeie'^ hatthi 
(= bapf'icare) battheie; dann die wenig volksthümlichen Com- 
posita mit -ficare: Inf. -ii, 1. Präs. Indic. -eie, z. B. anplifii an- 
plifeie. Eben so verhalten sich durch Analogie die unvolks- 
thümlichen Bildungen mit i purum : agoct ,associer^ acoceie, espedt 
^expedier' espedeie. Aber selbst viele Verba, deren i vor -er 
nur das sogenannte parasitische i ist, bekennen sich zu solcher 
Präsensbildung ; so lautet die 1 . Sing, von abregt = abregier 
sowol abreg, wie im Franz., als abregeie-^ adjugi bildet adjiig 
und adjugeie ; awM = aiguisier bloss awheie u. s. w. Schliesslich 



' Dazu seguiteghjiami, risuscüeghjianu ; liegt hier die 1. Plur. (gegen obiges 

-dmu) oder die :}. ["Hur. (gegen obiges -mu) vor? 
2 akomi = acomiier; so altfranz. aus acomnier, das ebenfalls vorhanden ist; 

m'/i zu in wie in der anderen Form comichiev. 



Zur Präsensbildung im Romanischen. tio 

ergreift dieses -ei-, in der Form -ai-, auch consonantisclie Stämme, 
besonders Neubildimgen, Ableitungen mit den Suffixen -ellare, 
-ulare, -inare, -ittare u. s. w. ; oft kommen beide Formen neben- 
einander vor: ahöm und ahömaie jCreuse', afronte und afrontaie\ 
nur aboirdaie, aboisnaie ,ecliaude', ankrdie. Die Endungen -eie 
und -aie gelten für alle drei Personen der Einzahl; die 3. Pku'. 
hat bloss -et: aiwt ,faire eau" ; 3. Sing, aiweie, 3. Plur. aiwiet-, 
abanne ,abandonner^; 3. Sing, abannaie, 3. plur. abamiet.'- An 
Conjunctivformen fand ich nur (unter cheri) fd k' to boi s cherdie^ 
,toute peine merite salaire^ wörtlich ,il faut que tout bois se 
charrie'; es scheint daher, als ob -eie -aie auch für das Präs. 
Conj. gälte. Die 1. Plur. geht auf -an aus: gueri-an, espedi-an-, 
afar-an {afain afaireie-^ i ist parasitisch); abann-an. 

Für Hennegau, speciell Mons, sagt Sicart kurz : ,Les 
verbes en ier sont souvent irreguliers [au present de l'indicatif] : 
coukier, rakier fönt coüke, coukeye, coukie; rdke, rakeye, rakie^. 
Also wie in Lüttich, nur dass neben -eye auch -ie vorkommt; 
letztere Form durch den tonlosen Stamm herbeigeführt. Also 
-ic-are = i-ier, dann -ier; -ico = -eye oder -ie. Dann auch bei 'er, 
wie in den zwei obigen Fällen. Eine Ausdehnung des Gebrauches 
auch auf reine -«r-Verba scheint hier nicht vorzukommen. 

In älteren wallonischen Denkmälern ist Diess kaum zu 
belegen. Wenn man einem mit der Grammatik ziemHch frei wal- 
tenden Denkmale Avie die Geste de Liege des Jehan de Preis 
einige Wichtigkeit beimessen will, so könnte man daraus manche 
hiehergehörige Fälle anführen. So 3. Sing. Präs. Lidic. acom- 
pagnie, das zu acompagnier sich so verhält, wie bei Sicart coukie 
zu coukier. Eben so rai'ie. Scheler in seinem Glossare zur 
Geste sagt: ,Forme anomale pour rdie] eile est fondee a la lettre 
sur radi-are] i faisant syllabe^ Eine annehmbare Erklärung, 



' Formell neufranz. aiguayer entsprechend ; aqu-icare. 

2 Wo liegt der Accent in der 3. Plur.? Doch kaum auf -eV, denn wie 
schwände in der betonten Silbe die Nasalis, welche doch in der 1. Plur. 
haften bleibt? Wenn auf dem Stamme, so ist ahdnnet in der Ordnung-, 
aus aqu-u'a[nt] würde man aber aiw-eiet erwarten. 

3 cheraie, wo eher chereie zu erwarten. Alte aliaie ,allier, confederer', dedie 
dedioie sind Neologismen, daher im Infin. -e, nicht -i und im Präs. -aie, 
nicht -eie. Man möchte ebenso armoriaie espatriaie deuten 5 aber doch 
Infin. armorii, espatrit. 



24 Mnssafia. 

die aber für acompagnie nicht ausreicht.' Am bemerkenswer- 
thesten ist 2. Sing. Präs. Indic. mangois, das ich nicht anstehe 
hieher zu rechnen 5 wie dem Inf. -ler, der 2. Plui-. -iez (=^ icare, 
Icatis) ein Präs. Indic. 1. -6i, 2. -öies entspricht, eben so einem 
^er, 'ez-, nur dass^ statt manjoies^ mangois begegnet-, entweder 
eine Freiheit des Reimers, welcher posttonisches e oft vernach- 
lässigt, oder -s statt -es wie in manjus = mavjnes. Dazu könnte 
die 2. Sing. Imper. im wallon. Gregor manjoue (wo ou ■= oi) 
stimmen; vgl. Förster in ZRP. I, 563. Und wäre es zu doctrinär, 
wenn man die 3. Präs. Ind. manjout im Hiob (Förster, ibid.) eben- 
falls hieher rechnete? -out = -oif^ und dieses statt -oie wie menjut 
statt menjue? Andere Formen von mangier später beim Conjunctiv. 
Es sei noch erwähnt, dass Scheler zu mangois der Geste be- 
merkt : ,Cette forme . . . s'explique-t-elle suffisamment par la sup- 
position d'un infinitif mangoier, ou faut-il la ranger parmi le cas 
de formes fortes dont parle M. Förster?' Wenn man auch 
* mandic-icare kaum annehmen wird, so sieht man, dass auch 
Scheler der Zusammenhang zwischen ier = Icare und 'er vor- 
schwebte. Zu esmoie .zerbröckelt' sagt Scheler: ,present d' ßsmi'er, 
car je ne pense pas qu'il existe un infinitif esmoiev] lat. mica 
a donne mie, jamais moie. Le present esmoie a ete fait sur 
l'analogie de plier ploie (plico) et est contraire a la grammaire 
et a la phonetique des bons temps'. Alles ganz richtig; nur ist 
die Kritik der wenn auch seltenen Form zu streng. Auch 
castigare casflgo könnten nur chastier cliasti ergeben ; durch Ein- 
fluss der Wortpaare otroier otroi und otrier otri kam man zu 
chastoier chasfoi, die in den besten Denkmälern vorkommen. 
Vgl. mendeier im Rol. = mendicare, und ital. m,endicare, mendico 
(das Nomen nur mendico) wie medicare medico. Scheler führt 
ja selbst ohne irgend eine Bemerkung die Subst. defoi von deßer 
(fldare), envoi von envier (invUare) als (auch sonst zu belegende?) 
Nebenformen zu defi, envi an. Oi statt des allein organischen 
l beruht auf demselben Walten der Analogie. Man bemerke 



' Man kann auch auf prechoiier hinweisen; kaum praedic-icare ; sondern 

wie -ie7- mit -oiier concurrirend, so selbst »er. 
2 Förster fragt, ob ou nicht Anlass geben könne, ein anderes Etymon als 

mandücare zu suchen. Es dürfte sich schwerlich ein solches finden ; 

höchstens könnte man -ücare vermuthen. 



Zur Präsensbildung im Romanischen. ^ö 

ferner das halbgelehrte estudier estudie ' ; daneben im Gregor, im 
Dial. An. et rat. (Behrens, S. 69) die Formen estudoier estudoie^ 
Also auch im Altfranz, (zumeist im Lothr., Wallen.) der Ansatz, 
jedes das Thema schhessende i so zu behandeln, als ob es ton- 
losem -IC- entspräche ; weiter aber — zu einem changier chanjoi, 
traitier traitoi oder gar zu einem amer amoi — ist es nicht 
gegangen. 

Dafür aber sind schon vielfach in franz. Formen des Präs. 
Conj. — zumeist der ^-Conjug. — nachgewiesen worden, in 
welchen der Accent seine Stelle auf dem Stammvocale verlässt 
und gegen die Endung weiter rückt. Es Hesse sich daher bei 
der isolirten Betrachtung des franz. Vorganges füglich ver- 
muthen, dass wir es hier ledighch mit dem Streben zu thun 
hätten, das Präs. Conj. von dem Präs. Indic. in ausdrucks- 
voller Weise zu unterscheiden. Der Umstand, dass 'porto und 
•portertiy jjortant und jjortent stets, portas und poi^tes ziemlich 
frühzeitig zusammenfielen, dass ferner liher-o, as, at, ant stets 
dasselbe Product wie Uher-em, es, et, ent ergaben, konnte einzelne 
Mundarten dahin bringen, dem Conjunctiv eine markirtere, mehr 
in's Ohr fallende Endung zuzuweisen, daher portöit portöisse 
porteche. Mit dieser Erklärung käme man, wie gesagt, für das 
Franz. ganz gut aus. Vergleicht man indessen Das, was bisher in 
anderen roman. Idiomen beobachtet wurde, so kann man die 
Frage kaum unterdrücken, ob da das Mitwirken eines anderen 
Momentes nicht in Betracht zu ziehen sei; die Neigung näm- 
lich, den Unterschied im Tonverhältnisse zwischen pört-em, es . . . 
imd jjort-emus, etis zu verwischen. Dass sich diese Neigung 
fast ausschliesslich-' im Conjunctiv bethätigt, ist nicht schwer 
zu verstehen; bei diesem Modus gesellte sich zu dem einen, 
vielleicht nicht genug starken Triebe ein zweiter, der Differen- 
zirungstrieb ; das Zusammenwirken beider Kräfte erzielte das 



1 Ich setze die 3. Person, als leichter belegbar, an. 

2 Zu vergleichen mit dem oben Erwähnten im Neapolitanischen. Es be- 
steht da nur der Unterschied, dass durch den analogischen Vorgang im 
Französischen der Accent nicht verrückt wird: chasti chaslöi, während 
diess im Neapolitanischen der Fall ist-, statt stih-ia, sturdja. 

3 ,Fast', denn es kommen ein paar Fälle des Präs. Indic. vor; siehe am 
Schlüsse dieser Abhandlung. 



26 Mnssafia. 

Resultat, welches die eine Kraft an und für sich nicht hätte 
hervorbringen können. Man erinnere sich daran, dass auch in 
der /-Conjug. das Ital, das Altprovenzal, das Engadin. nur im 
Conjunctiv die Grrenzen der Anwendung von -isc- weiterrücken ; 
dass, wie es scheint, im Cors. nur der Conjunctiv sich -egghji- 
auch vor betonter Endung gestattet. Wenn ich also schon bei 
den bisher behandelten Idiomen die Vorgänge im Rumän. einer- 
seits und Ladin. andererseits nicht als vollkommen identisch 
ansah, sondern sie in Bezug auf das eine Moment — Tonlosig- 
keit des ursprünglich betonten Stammes — verglich, so glaube 
ich berechtigt zu sein, auch die Erscheinung im Franz. in 
diesem Zusammenhange zur Sprache bringen zu dürfen; denn 
eine gewisse Aehnlichkeit im Walten des Sprachgenius lässt sich 
hier wie dort wol erkennen. 

Die Literatur über die franz. Erscheinung ist nunmehr 
ziemlich reichhaltig und der Erklärungsversuche sind mehrere 
vorgeschlagen worden. Man wird es mir zu gute halten, wenn 
ich, um das so zerstreute Material einmal zusammenzufassen, 
mich nicht mit kurzen Citaten begnüge, sondern Belege und 
Erörterungen ausführlich mittheile. Ich gebe zuerst, Avas mir 
über -oi-f-ei-J-Conjunctive aus altfranz. Denkmälern bekannt ist; 
dann theile ich die Fälle aus Schriften der späteren Zeit und 
aus lebenden Mundarten mit. Die ersten führe ich — um der 
Geschichte der Wissenschaft zu dienen — nach der chronolo- 
gischen Reihenfolge der Schriften an, in denen unsere Erschei- 
nung zur Sprache kam. 

1 875. Förster gebührt, so weit ich es übersehe, das Ver- 
dienst, auf solche Conjunctive zuerst die Aufmerksamkeit gelenkt 
zu haben. In seiner Recension von Michel's Ausgabe des Romans 
von Floriant und Florete (Zcitschr. f. österr. Gymn. XXVI. 
538 ff.) bespricht er das bekannte gardönt statt gardent und erklärt 
diese Accentversetzung ganz richtig als ,eine Folge der Analogie, 
die den ganzen Plur. gleich behandelt wissen will'. Daran 
anknüpfend sagt er: ,Eben so ist zu erklären der Conj. 
Präs. mit betonten Endungen, der sicli nur im Burgund. und 
Lothring. findet. So hat Yzopet de Lyon und Vegece für 
die Verba der A-Conjug. folgenden Conj. Präs.: amoie amoies 
amoit amions am'iez amoient, der also mit dem Impf. Indic. zu- 



Zur Präsensbildung im Romanischen. 27 

sammentrifft. Dasselbe geschieht im Dialecte von Porrentruy 
(s. les Paniers p. F. Raspieler) : 

1. 2. brijö 3. hrijai 4. 5. 6. hrijin 

gelten sowol für Präs. Conj. als Impf. Indic. Noch interessanter 
ist der Waadtländische Conjunctiv Präs. 

1. ameyo, 2. 3. ameye, 4. ß. ameyan, 5. ameya oder nmeyi 

während der Indic. Impf, sich scharf sondert: amävo, amäve u. s. f.^ 
Ferner weist er auf lothring. -oisent statt -oient hin; s. unten. 
Förster meint also (wenn ich das ,Eben so^ gut verstehe), dass 
die erweiterte Form des Präs. Conj. auf demselben Principe be- 
ruht wie die oxy tonen Formen der 3. Plur. mancher Tempora : 
nämlich auf Angleichung der Tonverhältnisse der verschiedenen 
Formen. Ueber die Art, wie solche -oi-Conjunctive zu erklären 
seien, spricht er sich hier nicht aus. Dass er die Identität der 
Formen des Conjunctives mit jenen des Impf. Indic. constatirt, 
bedingt noch immer nicht einen causalen Zusammenhang; durch 
die Hervorhebung des Umstandes, dass dort, wo -aham ver- 
bleibt und nicht -ebani weicht, die Identität aufhört, scheint 
vielmehr Förster darauf hinzuweisen, das Zusammentreffen des 
-Ol- des Impf. Indic. mit dem -oi- des Präs. Conj. sei nur 
zufällig. 

1878. Die der Mitte oder dem Ende des 13. Jahrh. ange- 
hörende burgundische Uebersetzung des lateinischen Lebens 
des Girart von Rossillon, welche P. Meyer in der Romania VII, 
S. 179 ff. veröffentlichte, enthält mehrere Formen der 3. Sing. 
und Plur. auf -oit -oient, welchen meist im Lateinischen das 
Präsens Conj. entspricht. Er sammelt sie in der Anmerkung 
zu Abschnitt 59. 

59 fist retraire ses genz qu'ü ne vnet pas qii'il chagoient lau 

roi (suos refrenat, ne regem inseqiU presiimant) 
111 prenez un tliorel et Vancloez en wie maison et geunoit •HL 

jorz (triduo jejunet) 
142 afferme qu'ü aimme mieux estre niorz du tout que ce quil 

laissoit vivre Girart (malle se potins interimi affirmat quam. 

Girardum . . . vivcre sinnt) 
162 va au conte . . . et li di qu'il entroit . . . en l'eglise (die 

comiti ut ingrediatur) 



28 Mussafia. 

171 il mande . . . as plus granz . . . de sa terre . . . qtiü 

ne laissoient pas qic'il ne veingnent (imperat . . . quatinus 

. . . convenire non omittant) 
201 et le deprioit . . . que il . . . li deignoit empetrer . . . 

Meyer erblickt in diesen Formen das Impf. Ind. und 
sagt zvir ersten Stelle: ,11 y a dans cette meme traduetion 
d'autres imparfaits de l'indicatif employes au sens du sub- 
jonctif present ou imparfait ou du conditionneP. Den Sinn des 
Präs. Conj. weist er allen obigen Stellen zu. Als Impf. 
Conj. fasst er die -oi-Form in folgender Stelle auf: 186 et les 
amonesta qu'il nou tenissent pas a gas, mas emportoient tost le 
cors Girart (commonens omnes ne dissimident, sed corpus Girardi 
. . . ferant). Indessen ist das Impf, hier nicht sti-eng nöthig 
und eine Veränderung der Construction lässt sich leicht an- 
nehmen. Man kann auch diese Stelle zu den obigen hinzu- 
fügen. Conditionale Bedeutung nimmt er an in 113 nous nous 
fumes . . . travaillie . . . en vain, quar li chasteaux ne poulioit 
estre pris (frustra se vexari ; oppidanos esse inexpugnahiles). 
Ich sehe keinen Grund zu solcher Annahme ein, weise poulioit 
Form und Bedeutimg eines Impf. Ind. zu und streiche diese 
SteUe aus dem Verzeichnisse. 

Es sind lauter Verba der ^-Conjug. ; um' 111 apres ce 
li ovroit Von les portes ein /-Verbum. Indessen ist zu be- 
merken, dass ovrir in verwandten Idiomen (Haefeün S. 108) 
zur J.-Conjug. überging. Man vergleiche auch die Verwechs- 
lung zwischen recouvrir und recouvrer. 

Zur Bekräftigung seiner Anschauung, das Impf. Ind. 
könne die ihm zugeschriebenen Functionen (nach der vor- 
genommenen Einschränkung ,die Function eines Präs. Conj.') 
übernehmen, fügt Meyer hinzu: ,Deja en bas-latin, dans la 
vie de sainte Euphrosyne, M. Boucherie a signale l'emploi de 
rimparfait de l'indicatif au Heu du present ou de l'imparfait 
du subjonctif (Rev. des 1. rom. 11, 57)^ Eine Prüfung dieser 
Stellen lehrt uns jedoch, dass sie ganz anders geartet sind : 
Voleham (= vellem) , si datur mihi de Deo virtus, sie in hoc 
seculo conversare quomodo vos. Si in malo loco erat, non post- 
ponebat Dens lacrimas tuas. Sic est cor meum declinatum in 
amore suo, ut fuisset filia mea • . .,* non amplius potebam 
(z= possem) diligere illam. Die eingeklammerten Wörter rühren 



Zur Präsensbildung ira Romanischen. 2J 

von Boucberie her, der richtig erklärt : ,La oü nous employons 
le conditionnel, et oü le latin cLassique employait le present ou 
l'imparfait du subjonctif, ce texte met quelquefois Timparfait 
de l'indicatif^ 

1879. In den Roman. Stud. III, 392 weist Willenberg 
in der alle Merkmale der südöstlichen Mundarten aufweisenden 
Prosabearbeitung des Amis und Amiles mehrere Formen der 
2. und 3. Person nach : hien te garde que tu nen atoichoies ; Sire 
DeXj .■ . . tu doignoies munder mon com'paignum; nos te j^rioJis 
que tu nos donoies congie; je te pri que tu ne me getoies; je te 
requier que tu me juroies; (Diex) les emhrassoit, ausi com ce est 
voirs . . .; se me delivroit Dex; tu diras Amile . . . qu'il . • ■ 
te lavoit. 

Ferner führt er (nach Tobler) aus dem burgundischen, 
in Alexandrinern abgefassten Girart de Rossillon ed. Mignard : 
n'est nulz kons . . . qui n'appeloit; tuit li prient . . . que . . . 
leur empetroit; gardoit^ soi cilz qui chiet. Andere Stellen sind: 
il ne doit pas mentir . . . de chose qui tournoit . . .; n'a . . . 
roi que Girarz doutoit; il n'y a nulz . . . qui n'emportoit; n'aura 
si hardi qui n'osoit; je nai pas ce dit pour chose que j'amoie 
ne Dioon ne Girart; je me dout trop de li, mal ne nous por- 
chassoit; save . . . t'oneur . . . et qu'il te delaissoit'^ de sa grant 
enva'ie et te vueille mener; avant se partira que je me desarmoie. 

W. sagt darüber folgendes: ,Diese Formen . . . haben 
. . . Avohl ihre Entstehung einer Analogie zu den Conjunctiven 
soies und soit zu verdankend 

1879. In seiner Recension der Arbeit Willenberg's (Zeit- 
schr. für roman. Phil. III, 462) erinnert Suchier an das Vor- 
kommen unserer Formen in zwei anderen Schriften. In der 
Legenden - Handschrift des Herrn Steiger -Mai zu Bern, aus 



1 Dazu Mignard: ,oU est une finale du subjonctif en langue d'oil'. Hatte er 
wirklich andere Belege dafür, oder erscliloss er seine Angabe aus den 
Stellen, die ihm sein Text bot? Wäre die Bemerkung nicht so vag ge- 
halten, so müsste Mignard als der erste bezeichnet werden, der auf 
unsere Formen hinwies. 

2 Mignard bemerkt hier: ,L'imparfait pour le present, ;V cause do la 
c^sure'. 



oO Mnssafia. 

welcher Tobler (JaLrb. für roman. und engl. Lit. VIT, 401) 
mehrere Proben mittheilte, liest man S. 462 qui veut en paradis 
aler . . . doptoit dieu soverenemant et aimmoit . . . ohedience, 
und im Reime, daher beweisend: 416 Dieu de tel perde nos 
gardoit et paradis nous otroit; 422 Dieu voillet qua la demoroit 
et si en nous perseveroit . . . que . . . [Die Handschrift weist 
in seiner Graphic und der Text in ein paar Reimen biu'gundisch- 
lothringischen Charakter auf]. 

Ferner aus den Proben einer burgundi sehen Hand- 
schrift^ die P. Meyer, Romania VI, 25, herausgab: qui or vet 
höir merevoilles dreceoit son chief. Suchier fügt hinzu: ,Sehr 
richtig führt Willenberg alle diese Formen auf den Einfluss 
des einzigen Subjunctivs soies soit zurück'. 

1879. In seiner Recension von Chabaneau's Werk über 
die franz. Conjug. (Zeitschr. für neufranz. Sprache I, 80), er- 
innert Förster daran, wie er schon in der Zeitschr. für österr. 
Gymn. ,auf den östl. Conj. Präs. amoie u. s. f. hingewiesen' 
habe, ,der seitdem Rom. VH, 229 und RSt. III, 392 erwähnt 
ist. Die von Guigue publicirten Lyoner Urkunden haben 
ebenso gardeie u. s. f.' Ich kenne diese Publication nicht und 
kann daher nicht, wie ich mochte, einige Belege bringen. 

1881. In der Einleitimg zu seiner Ausgabe des in einer 
Handschr. vom Jahre 1365 enthaltenen lothringischen Psalters, 
Heilbronn 1881, kommt Friedrich Apfelstedt auf unsere Con- 
junctive zu sprechen. Solche kommen zwar im Psalter nicht 
vor, da er blos die später zu erörternde Erweiterung auf -oisse 
kennt ; der innige Zusammenhang zwischen den zwei Vorgängen 
veranlasst indessen Apfelstedt, an die -o?'-Conjunctive zu erinnern. 
Er citirt Vegetius (aus dem er viele Belege der 2. und 3. Sing. 
3. Plur. mittheilt), Yzopet, Amis Amiles, Girard in Alexandrinern, 
Guigue's Lyoner Urkunden, also die schon bekannten Denk- 
mäler. Er fragt nach der Quelle von -oi- und bemerkt, dass 
der Umstand, dass -oi- nur bei ^-Verben vorkommt, es un- 
möglich macht ,die Erscheinung von den Verben in ere aus- 
gehen zu lassen, deren betonte Endung "^Eam *Bas etc., oie oies 
ergeben hätten'. Darauf fügt er hinzu : ,Boucherie hat vielleicht 
(wie schon P. Meyer bemerkt) die Lösung : einfach syntactische 



Zur Präsensbildung im Romanischen. O 1 

Thatsache ; durch Tempusverschiebung sind Impf. Indio, und 
Conj. Präs. zusammengefallen^ 

In einer Anmerkimg dazu weist Förster betreffs des Mate- 
rials auf manjoivet in Gregor's Dial. 198, 3. Die Stelle lautet: 
Gieres ceste chose semhlet a moi estre hone, ke alcuns manioiuet 
et hoiuet et si uset la liesce de son travaüh ^= hoc itaque mihi 
visum est honum, ut comedat quis et hibat et fruatur laetitia ex 
labore suo. Die Form erklärt er durch oi^e, oder oiu drückt 
den Uebergang von öi zu öu aus. Man könnte allerdings auch 
an einen Schreibfehler denken. Es wäre menjuet gemeint: der 
Copist schrieb io statt iii, corrigiz'te sich aber gleich ohne das 
Irrige zu tilgen. Indessen bei dem Umstände, dass (wie wir 
oben sahen) gerade bei diesem Verbum, aller Wahrscheinlich- 
keit nach, schon im Präs. Indic. Formen aus dem tonlosen 
Stamm mang- mit -oi- {-ou-) nachgewiesen werden können, ge- 
winnt die zweite Erklärung Förster's bedeutend an Wahrschein- 
lichkeit. Betreffs der Deutung erwähnt Förster die Möglich- 
keit einer Anbildung an soie, also wie WiUenberg und Suchier. 

1882. In seiner Ausgabe des in einer Handschr. vom 
Anfange des 14. oder Ende des 13. Jahrh. enthaltenen Lyoner 
Yzopet, Heilbronn 1882, S. 40, sammelt Förster die Belege, 
darunter vier der ersten Person mit der Endung -oie, von 
welcher zufälhg die bis dahin bekannten Denkmäler kein Bei- 
spiel boten. Er sagt kurz, aber seine Meinung klar darlegend : 
, dialektisch in der Form des Imperf (Analogie an soie)'. Also 
nur zufälliges Zusammentreffen der äusseren Form des Imperf. 5 
und Einfluss von soie keine blosse MögHchkeit, sondern einzig 
erwähnenswerthe Deutung. 

1882. In seiner Abhandlung: ,Die Verbalflexion in der 
Oxf. Hs. des Girart de Rosillon^ bespricht Dr. Georg Hentschke 
die Conjunctiv-Endimg -ei der 1. und 3. Sing, einiger Verben 
der i4-Conjug. Die Fälle sind: 

Tir. 198, V. 3329 O il n'i a tan ric ome vers lui s'aucei] 
fehlt in P ; L 425 il n'i a tant riche ome vers lui sirei salei. Ob 
s'alei? Eher mit P.Meyer (Recueil S.49) Fehler flu- alcei-^ 3. Präs. 
Conj. von algar = alt-i-are.^ 

1 Konrad Müller rechnet Tir. 198 zu denjenigen, deren ei = <j in offener 
Silbe ist. Wie deutet er nun owei? 



32 Mussafia. 

Tir. 233, V. 3764 O que nol remandnx vine non Vestrepei ; 
P 3094 110 Uli remanra vinha, no la estrepei^ L 828 que n'i re- 
maindra vigne que n'estrepei'^ 1. Präs. Conj. von estrepar.^ 

P 741 (noi i ac) asta reida de fraisser o^ no asclei = Tiv. 
81, V. 1320 O aste reide ne freigne o non arcei'^ fehlt in L. 
Asclei =^^. Präs. Conj. von asclar. gehört nicht hieher, da 
es das Verbum arceier arcoier (= arc-ic-are) bietet ,sich in 
Bogen krümmen^ ; oft von der Lanze in Verbindung mit fraindre 
gebraucht; s. Godefroy. 

P 566 e no cuh de parlar : i . s'enancei'^ Tir. 77, V. 11420 
e ne cuide parlar cun staut ai^] 3. Präs. Conj. von enansar. 
Als ,nicht ganz sicher' bezeichnet Hentschke die in PL 
fehlende Stelle Tir. 475, V. 6844 au tornar se maneit li maire 
el mendre. Hentschke sieht darin aneit. Man kann von dieser 
Stelle absehen. Ebenso von folgender: 

Tir. 233, V. 3765 ne fontane ne pouz que non caucei'^ 
P 3095 ni fontaina ni potz que nol causei\ L 829 ne fontaine 
ne poiz que ne chaucei. Hentschke führt diese Stelle in Klam- 
mern ein und stellt das Verbum zu calx ,Kalk'; er rechnet es 
nicht zu den -ei-Conjunctiven, wol weil aller WahrscheinHchkeit 
nach calc-ic-are zu Grunde liegt. ^ 

Also im Ganzen vier Fälle, einer in OPL, einer in OL, 
zwei in P; drei der 3. Person, einer der 1. Mag auch wieder 
von diesen der eine oder der andere in Abzug kommen (man 
kann nämlich fragen, ob sich nicht ascleiar^ oder enanseiar an- 
nehmen Hesse), so bleiben doch ein paar zurück. Darüber 
spricht sich nun Hentschke , nachdem er der von ^ Anderen 
geäusserten Meinungen gedacht, folgendermassen aus: ,Dic 
Endung -ei' von estrepei ,kann weder aus Analogie zu seie 
(soie) noch durch Uebertragung der Imperfect-Flexion -eie ent- 
standen sein. Vielmehr beruhen alle jene Formen auf einer 
Anbildung an die zahlreichen Verben auf -icare und -igare, 



1 K. Müller fasst, jedenfalls irrig, estrepei als Perfect auf. 

2 So nach Apfelstedt's CoUation; Hofmann que. 

3 Auch diese Tirade wird von K. Müller zu denen mit ei — e in offener 
Silhe gezählt; über den verderbten "Vers spricht er sich nicht aus. 

•^ So auch K. Müller: ,caucei (causeiar)'. 

'•> Diess scheint K. Müller anzunehmen, der asclei zu e -}- ./-Element 
rechnet. 



Zur Präsensbildung im Koinauischen. o'o 

z. B. guerr-oi, oies, oit, oient; otroies, chastoies, ploies, fahloies, 
alloies u. s. w. (franz. auch effroies, annotes, envoies u. s. w.). 
Es ist nicht unwahrscheinhch , dass die prov. Conjunctivform 
estei auf gleiche Weise entstand'. 

1882. In einer Darstellung der Laut- und Formenlehre 
des noch ungedruckten poitevinischen Katharinenlebens führt 
Fritz Tendering (Archiv f. d. St. d. n. Spr. LXVII, 310), die 
2, und 3. Sing. Präs. Conj. menhreis, menhreist an. Dazu der 
Verfasser: ,Sind diese Formen von '^memhrescare abzuleiten ?'^ 
Wäre dies der Fall, so gehörten sie gar nicht hieher ; sie würden 
die üblichen Formen eines Verbums memihreissar sein. Es wird 
aber kaum Jemand eine solche Bildung, für die kein roman. 
Idiom ein Parallelon bietet, annehmen. Der Verfasser hat offen- 
bar dem -st der 3. Person eine allzugrosse Wichtigkeit beige- 
messen. Er hat aber selbst (S. 290) bemerkt, dass s, weil be- 
reits vor Consonanten verstummt, oft vor einem Consonanten ein- 
geschoben wird: so sosmes (sumus) und mit unserem Falle genau 
sich deckend seist = seit. Man wird also nicht anstehen, mem- 
breit als die gemeinte Form anzusehen. Membr-eis, -eit könnten 
nun allerdings einem Verbum membreiar = memoncare ent- 
sprechen; und dann würden sie wieder nicht in den Bereich 
unserer Untersuchung fallen. So lange aber eine solche Ab- 
leitung von memorare nicht anderwärts belegt wird, darf man 
der Vermuthung Raum geben, es handle sich um membrar, 
dessen Conjunctiv vor tonlosen Endungen -ei- anwendet. Dass 
andere poitevinische Denkmäler (wenigstens nach Görlich's 
inhaltreicher Darstellung) nichts ähnliches darbieten, spricht 
nicht dagegen. Unsere Formen treten überhaupt auch in den 
Gebieten, wo sie zu Hause sind, meist nur sporadisch auf und 
andererseits weist das Katharinenleben keineswegs eine so ein- 
heitliche Sprache auf, dass nicht Einzelnes aus anderen Gebieten 
sich dahin hätte verirren können. 

1882. In dem posthumen Werke L. Pannier's (f 1875) 
über die altfranz. Lapidaires ist ein Lapidarium abgedruckt, 
das in einer dem Beginne des 14. Jahrh. angehörenden Berner 
Handschr. auf uns gekommen ist. Man liest da 335: por ce mie 
ne. remaint que de li ne s^aidoient maint'^ 472 V/e seront ja si 

Sitzungsber. d. pliil.-hist. Cl. CIV. Bd. I. Hfr. 3 



34 Mussafiu. 

Hschaiife... que ja li facent vUonie ne que pres de lui se tro- 
voient (-.esmaient)-^ 1050: mmlz ne douhtoit (^Niemand möge 
zweifeln') que feu ne faice. Also meist beweisende Fälle 5 das 
zweite durch Reim, das dritte durch Metrum. In der Einlei- 
tung (S. 75) wird vermuthet, der Verfasser gehöre der Cham- 
pagne an; ,les formes de langage qu'il emploie (par exemple 
les subjonctifs de la premiere conjugaison en -oie) ne contre- 
disent pas cette hypothese^' 

1882. Im Literatm-bl. für german. und roman. Phil. III^ 
469 sagt F. Neumann zu Thurneysen's Arbeit über das Verbum 
etre : ,Bei den unter Einfluss von soie, soies, soit durch Analogie 
entstandenen Formen hat Thurneysen die Conjunctive auf -oie, 
-oies, -oit vergessen, auf welche Förster zuerst hinwies und die 
Willenberg richtig erklärte; vgl. auch Suchier, Zs. III. Mit 
diesen Conjunctiven lässt sich prov. Conj. Präs. estia (von 
estar) vergleichen, das nach Analogie von sia entstand. (Oder 
man schuf vielleicht zu stem ein steam, wie zu sim ein siam ; ~eam 
ergab lautgesetzlich -ia, s. avia rtiia und Gaspary, Zs. IV. 611). 

1883. Zu den bisher angeführten Nachweisen kann ich nur 
wenige hinzufügen, die ich zum Theile der Freundlichkeit 
Cornu's und Tobler's verdanke. 

Im Joufroi, welches entschieden dem Osten gehört, kommen 
zwei Fälle vor: 501 Miel velt morir ne se venjoit] 4195 si set . . . 
que Jamals tel seignor n'aura . . . qul tant l'amoit. Im Alixandre 
ed. Michelant 501, 25 or li mande . . . que . . . ne laisoit. In 
einer Urkunde vom Januar 1262 aus Joinville's Kanzlei, die 
N. de Wailly in seiner Abhandlung über Joinville's Sprache 
abdruckte, liest man (E ter 21) ne louerai que nuns antroit en 
mes fiez. De Wailly bespricht die Form nicht, die in der 
Chronik nicht vorkommt und daher seine Aufmerksamkeit nicht 
erregte. Im ancien coutumier de Bourgogne ed. Marnier ^ begegnen 
unsere Formen sehr oft, und zwar 2. 3. Sing., 3. Pliu'.: je vuet 

^ Es sei bemerkt, dass die eingeklammerten Worte in Pannier's Manii- 
script nicht vorhanden waren, sondern von G. Paris (wie er mir freund- 
lich niittheilt) hinzugefügt wurden. 

' Von der benützten Handschr. sagt Marnier : ,C'est une copie . . . faite 
a la fin du XIV ou au commencement du XV^ siecle, mais ^videmment 
jirise sur uii [ilus ancien numtiscrit'. Das Dcnkiiinl sei der Aufmerksam- 
keit der Dialectforscher empfohlen. 



Zur Präsensbildung im Romanischen. d5 

que tu U m'amendoie 23. 32;^ que tu le m^avienoies 12; (il) 
vuet que on li amendoit 8; je ne vuel pas que tu le niessuoiez 20;'^ 
je ne vuel que on m'en encuisegnoit 2; U prestres ne li commande 
pas que il afoloit la beste 20; si dient li prodome . . . que... 
soiefnt] amis comme devant et vers le seignoir s' acordouent/^ 
si doivent dire li prodome que il li donoit 27; si disons que tu 
juroies 24; lors te jugera on que tu juroies 25; se on t'aju- 
gie que tu provoies 3; li prodom li prient que il li par do- 
noit 27; et (il) lor prierai que il prioient 28; — garde que 
tu ne te clamoies 5; — se il avient . . . que li lous le main- 
goit et Vocie 18; — si est tel Veffaitement: que eil juroit que . . 
— 'ij' proudomes qui le croient tant que il li aidoient ajurez 6; 
qui tant le croient que il juroient avec lui 6; qui tant le tiegnent 
a vrai que il juroient 23; qui le creoient tant que il li por- 
toient tesmoins 6; il est retez de larrecin si que li uns de ses 
voisins ou •ly le tesmoigiioient 23; — se il dient cliose qui trop 
te grevoit 8; il doit avoir -if de ses voisins qui li aidoient a 
desraisniez 18; il d. a. '%f tesmoins qui juroient 5; la prove est 
par ses voisins qui li aidoient ajurez 30; que iln'ait de quoi 
tu le gagoies 6; se li gar ans ne puet desraisnier par ses voisins 
qui li aidoient a jurez 13; — tu dois parlez ansoit que il par- 
loit 2; tu doie dire aincois que il parloient 2. 

Auch Verba der andern Conjug., wenn aucli weit seltener: 
je vuel que on me pregnoit 3; se on te dit que tu le metoies 22; 
li monstrent li prodome que il s'en metoit S07^s prodome 29; je te 
proi que tu me le rendoies 13; — se ensi n'est que il se met- 
toies 3. 

In einer Urkunde zu Gunsten Guillaume's de Saulx 
(1283—1284), abgedruckt in den Mem. de l'Ac. de Dijon, 
III. Serie, IV. Bd., S. 134, liest man: ai requis et sufjMe a 
discret . . . liome l'official de Loingres que ses presentes lettres 
scelloit. * 



' Ich citire nach Capiteln. 

2 Was bedeutet dieses Wort? Es heisst in diesem Capitel: *S^e tu laisses 
ton naon a moiterece, on le doit garder un atis et un jour et ne le puet 
esKouer tant que au terme . . . Se tu laisses ta heste a mi-gras et chatel, 
tu dois dire: tu ne inen essueras point jusques au terme.'' 

3 -ouent verlesen für -oiient oder statt -oient'i 

* Hier anch die 1. Präs. Indic; vgl. am Schlüsse dieser Abhandlung. 



36 Mussafia. 

In einer Urkunde aus Yverdun vom 22. Mai 1318 (Forel, 
Cliartes comni. S. 55) : votdons que ceste lettre se doubloit toutes 
fols que la dicte communaute le requerra. Eben dort, S. 32, in 
der Uebersetzung der 1285 verliehenen^ 1359 bestätigten Fran- 
chises de Moudon unter der Zahl 58 : Si aucons fait crier son 
vin, il le doit vendre for eil prieits ou 'per menour. Se iL ne le 
fait ... U Sire le doit contreyndre que il tornoit le dit vin on pre- 
mier prieus. 

1352, 20. October, Urkunde von Arne von Savoyen (ibid. 
S. 132) volons que la dite clievauchie . . . non lours porfoit pre- 
judice. 

vScliAveizer und Savoyer Urkunden sollen überhaupt von 
-oz-Conjuuctiven einen ziemlich häufigen Gebrauch machen. 

Uebersehen wir die angeführten Stellen, so ergibt sich, dass 
unsere Formen fast ausschliesslich in stark dialectisch gefärbten 
Denkmälern und in Urkunden, welche ja überall dem Volks- 
idiome leichter folgen, vorkommen. 



Wenden wir uns nun zu den lebenden Mundarten. Hier 
eint die 
Conjugationen. 



erscheint die -ei-Erweiterung vielfach auch in den anderen 



Dauphine. Die von Lapaume herausgegebenen Ge- 
dichte (16. — 19. Jahrh.) bieten sehr zahlreiche Belege für 
Conj. auf -ei. Am häufigsten kommen sie bei Laurent de 
Briangon (16. Jahrh.) vor. In der ^.-Conjug.: 3. Sing, alei 
S. 43, -61^32; atrapei 103; hlamey 217; choquei 31; dehloussei 
,arrache' 33; eidei 23; eitofei 22; gourmandei 31; intreit 84; 
levei 32; marchei 33] monsseieit ^appelle monsieur'; outragei 31; 
osei 32'^ pensei b4] poi'tei 83; qtiaquei (von cacar«) 30; trovei 32. 
3. Plur. treiteyon. In den anderen Conjug. : correi 25 ; fazei 33 ; 
teney 377. 

Bugey. Bei Onofrio: 3. donei 416. 

Tarantasie. Bei Pont S. 43: Vd mm toud lo djiable ket 
lo djiable vo toiia'i. 



Ol 
Zui Prüsonsbildung im Komanischen. Oi 

Valsoana. Nach Nigra (Arch. III, 9. 16. 22. 47): portoj, 
portej , jyortejt^ portejde, pörtont; alejt , alejde, alont; tinoj, 
tiuf'j, tinejt'^, tinejde; heoj . . . heejt, beejde, heönt; ließ, Uejde, 
linnt.^ Esse: soj, sej, sejt, sejde, sqnt. Habere: öj, ej, ejt, 
ejde, ont. — -oj wird als Anbilduug au oj = liabeam (duia; 
^e nn o = au [av] da ab') erklärt; und ebenso -ej, -ejt ange- 
bildet an ej = liaheas , ejt = Jiaheat, wo o = au wie pri- 
märes Ö (das e ergibt) behandelt sein soll. 

Aosta. Nach schrifthcher Mittheilung Ascoh's. Von ihm 
selbst gehört; Aosta: 3. Jce fasseje, he zanteje. Fenis: Icil 
paheju ,che egli passiv Aus Drucken: que te m'inviteyes Alm.^ 
133, qai passeje Rep. 70. Esse: sie Rep. 69. Impf. Indic. 
peccaven Alm. 131. 

Valais. Mundart der Gemeinde Vionnaz (Bas-Valais) 
nach Gillieron: tsät-diß, dye, dye, dye'", dya, dyo. — Esse: ,saye 
existe, mais est du probablement au franeais soes; il est tres 
rarement employe^ Wahrscheinlich nimmt dessen Stelle das 
Impf. Conj. ein. — Impf. Indic. hat -äv-, beziehungSAveise -ev-. 
Auch in den anderen Conjug. : devdye, valdye, loeldye (,dass ich 
w^olle'); veddye (von vendere), bevdye, Uzdye, didye, selbst dreme- 
sdye neben dremese. 

Gillieron erklärt -ay- der ^-Verba folgendermassen : ,La 
diphtongue ai , que nous ne devions trouver qu' a la seconde 
personne du pluriel (cantetis)^ a envahi tont ce temps^ 



1 Die 1. Pliir. wird uiclit angegeben. Soll aus dem Umstände, däss in der 
Äum. zu S. 25 diese Person in allen Tempora, mit Ausnahme des Präs. 
Conj. angegeben wird, der Scbluss gezogen werden, dass sie mit der des 
Indic. gleichlautend ist? Dann hätten wir porlen, tinen, dizen ; seil, en. 

2 teneat wird S. 16 mit ti7iej(, S. 47 mit tjenet wiedergegeben; tenea7if nnr 
S. 47 mit tjenont. 

3 Eigenthümlich, dass die 3. Plur. bald den Acceut auf dem Stamme — iJor- 
(nrd, Hont — bald auf der Endung ^ alönt, heönt — trägt. Möglich 
dass die ersteren Formen auf pörtent, Jegant {-ent und -ant zu -unt) zu- 
rückgehen. Die 3. Plur. scheint demnach sich der Vorrüekung des 
Accentes entziehen zu können. 

* Ueber diese Abkürzungen siehe Arch. III, 68. 

ä Das -e der 2. und 3. Sing., 1. Plur. ist mit dem Acutus bezeichnet; ich 
liess das Zeichen weg, da ich es. zur Angabe der Toustelle gebrauche. 



38 Mussafia. 

Mundart von Saint-Manrice, nach Melanges 534: e fau 
que ye ine levaye. 

Vaud. Vorerst das (welcher Quelle entnommene?) Para- 
digma bei Förster (s. oben), das hier wiederholt werden mag: 
am-eyo, eye, eye, eyan, eya (eyi), eyan. 

Ferner schreibt mir Cornii: In meiner Mundart — Villars- 
Mendraz, Jorat — conjugiren wir folgendermassen das Fräs. 
Conj. der ^-Conjug.: 

ameyii, ameye, ameye (-ay), ameye, ameyi (-eya, eye), eyä. 
Esse: seyon, seye, seye (say), seye, seye, seyä oder efeyou, eteye, 
eteye, eteye, eteye, eteyä. 

Weiter berichtet Cornu: Im Rhonethal, z. B. in der Mund- 
art von Aigle, sind ähnliche Formen vorhanden. Meine Ex- 
cerpte aus l'Agace, einer Zeitung, welche eine Zeit lang in 
Patois erschien, geben mir: 

1. Sing, racontayo; 3. Hing, einnortzai ,ensorcelle'^, roudzai 
^ronge% tzantai; 3. Plur. honnaion ,reposent', vom Obste, 
amaion, perhiayon ,percent', portayon. Dazu: 2. Plur. sayait, 
3. Plur. sayon. 

Montreux, nach Melanges 542: ne su pas digno qit'on me 
nommai, appellai. 

Freiburg. Nach Haefelin , der drei Hauptmundarten 
unterscheidet : 

I. plyor-Byu, Eye, eye, eyem, eye, eyan * 
II. plyor-e, g, ä, dm, i, ein 
in. plyor-S, S, B (ei), dm, i (ä), an 
Aus einer Sammlung von Liedern aus der ,Gruyere 
Friburgeoisc' entnimmt Cornu (Roman. IV, 238) dieselben Formen 
wie in III (3. Plur. nur -ey; 1. Plur. -an). Ferner theilt mir 
Cornu aus dem Pays d'Enhaut (Haute-Gruyere der alten Graf- 
schaft) folgendes Paradigma mit, das in der 1. und 3. Sing. 
1. Plur. von III. abweicht: tsant-o, e, äi, du, i, dn. 
Esse: I. sac-u, e, e, am, i, an 

n. se, se, seye, sam, sl, san 
III. se, se, se {sei u. and. Varianten), sam, slde (Sede, si), san. 
Impf. Indic. hat -av- : plyor-ävu, äve u. s. w. 

' Für allä werden auch folgende, denen von 11., III. näher stehende Formen 
angegeben: 2. und 3. e; Flur. -Um, -i, -dn. 



Zur Präscnsbildung im Romanischen. ö" 

Wie sind die Formen des Sing, in II. III. zu beurtheilen? 
Dass der Stamm tonlos ist, beweist die Gestalt des Vocals (o, 
nicht a); ist aber e = em, es, et? Schwerlich; vielmehr spricht 
der Conjunctiv von esse dafür, dass diese Formen aus früheren, 
die jenen von I. entsprachen, zusammengezogen sind. 

Für die anderen Conjug. kennt das Friburgische keine 
-er/-Conjunctive. 

Neufchatel. Nach Haefehn in der Zeitschr. für vgl. 

Sprachf. XXI, 524. Von den fünf Gruppen, die der Verfasser 

bei den Mundarten dieses Cantons unterscheidet, hat I. die 

klarsten Formen : 

cänt-eye, eye, eye, eye, eye, eye 

Was die anderen Gruppen betrifft, so vermag ich bei dem 
Umstände, dass die Tonstelle nicht bezeichnet ist \ nicht überall 
den wahren Sachverhalt zu erkennen. So würde ich in IL die 

1. Sing, cante als stammbetont ansehen, aber mge (,dass ich 
esse^) macht mich unschlüssig. 

Esse: seye, seye, seye, seye, seyep- seye 
Impf. Ind.: -äv- (-ev-). 

Doubs. Für das ,patois des Fourgs^ gibt Tissot folgendes 

Paradigma an: 

tsaiit-dion, die, . . ., aia, di, d'ion 

3. Sing.: tsanta] wie betont? Wenn auf dem Stamm, so ist 
dies sehr bemerkenswerth. Esse: sdiou, sdie, sdie, sdia, sdi, 
sdion. Impf. Indic. -aiv-. 

Auch in anderen Conjug.: fign-diou, die'^, die (also anders 
als in der ^-Conjug.), -dia, -die*, -dion. Dann neben 1. devou, 

2. cleve, die wohl den Stamm betonen, 3. devdie, Plur. -dia, di, 
dion.^ Man bemerke auch rendou, rend^, rende, rendd, rendai, 



1 Ein Ersatz dafür wäre, wenn der Verfasser statt cantare ein anderes 
Verbum gewählt hätte, dessen Stammvocal je nachdem er betont oder 
tonlos ist einen verschiedenen Laut annimmt. 

2 Wie betont 1. und 2. Plur? da hier e, in den anderen Personen e an- 
gegeben wird. 

3 e bezeichnet nicht die Tonstelle. 

* Wohl nur graphische Variante gegen tsantdi, devdi. 

^ Tissot druckt -ont; jedenfalls nur graphisch von -on verschieden. 



AQ Mussafia. 

rendon; die vier ersten und die letzte Form sind aller Wahr- 
scheinlichkeit nach stammbetont ; renddi entspräche *rendetis 
st. rendatis. 

Im Glossaire du Morvan S. 921 führt de Chambure als 
Conj. von vni die Form veane an mit der Bemerkung: ,Les 
anciens du pays disent encore au subj. 1. 2. vnä, 3. vne^. Man 
wird wohl nicht venidm zu Grunde legen, sondern es liegt 
jedenfalls auch hier eine frühere Form auf -ei-, -ai-, zu Grunde. 

Es sei noch an Courtisols (Marne) erinnert, über dessen 
Mundart Schnakenburg S. o5 nachzusehen-, ibid. 279 liest man: 
Y faut que dze me levaye et q'dz alaye. 

Uebersehen wir nun die angeführten Fälle, so werden wir 
leicht gewahr, dass die Erscheinung so ziemlich auf jenes Gebiet 
sich erstreckt, das Ascoli als franco-provenzalisch bezeichnet. 
Daher hielt ich mich bei der Besprechung der Fälle aus neueren 
Schriften und lebenden Mundarten an die geographische Reihen- 
folge AscoH's. Champagne, Burgund (Lothringen; darüber 
später) haben oi-^ von Lyon an erscheint ei (ay). Dass die 
Schweizer Urkunden oi aufweisen, ist wohl auf Rechnung lite- 
rarischer Tradition zu setzen. Ferner sehen wir, dass die Er- 
scheinung in erster Linie die J.-Verba betrifft; tritt sie uns bei 
anderen Verben entgegen, so ist analogische Ausdehnung des 
Gebrauches auch auf andere Fälle anzimehmen. 

Woher nun dieses -d-, -oi-'i Die Imperfectum -Theorie hat 
am wenigsten für sich; es ist schwer abzusehen, wie eine der- 
artige syntactische Verschiebung der Bedeutung stattgefunden 
hätte. An eine Form- Anlehnung ist ebenfalls kaum zu denken; 
von wo aus hätte sich der Anstoss dazu ergeben? Und gegen 
beide Annahmen spricht dann (wie, wenn ich seine Darstellung 
gut gedeutet habe, schon Förster meinte) der Umstand, dass 
auch dort, wo das Impf. Indic. -aha- rettete, dennoch -et-Con- 
junctive bei .<4-Verben vorkommen. 

Bestechend ist Gillieron's Ansicht. Caiit-etifi ergibt -ei- ; 
und diese Endung ergreift alle anderen Formen. Damit würde 
übereinstimmen, dass Amis et Amiles für die 2. Plur. -oiz ge- 
braucht (doignoiz, selbst wolloiz). Ist aber diese Theorie überall 



Zur Präsensbildung im Romanischen. 41 

anwendbar? Der burgund. Girart hat z. B. nm- -e,z (-iez) \ind 
diese Endung ist doch die in altfranz. Texten bei weitem vor- 
wiegende. Lassen sich dann die Freiburger Mundarten (II. III.), 
welche in der 2. Phir. -^ haben, damit in Einklang bringen? 

Eindringhcher Berücksichtigung würdig scheinen mir die 
zwei noch übrigen Theorien; jene, welche Anbildung an die 
-?c-Verba, und jene, welche Anbildung an einen sehr geläufigen 
Conjunctiv, zunächst an den von esse, annimmt. 

Ich gestehe, dass, da es in erster Linie das Ladinische war, 
durch welches ich mich schon vor vielen Jahren zur Unter- 
suchung unserer Frage angeregt fühlte, ich lange Zeit hindurch 
der Meinung war, im franz. entroit und gredn. fladei^ sei — 
trotz der Beschränkung des franz. Vorganges auf den blossen 
Conjunctiv — unbedingt die nämliche Erscheinung zu erkennen. 
Ich habe daher die Darstellung bei Hentschke, w^elcher Diess 
zum ersten Male üffenthch aussprach, mit lebhafter Freude 
begrüsst. Und dennoch bin ich jetzt aus mehr als einem 
Grimdc in meiner Ansicht einigermassen schw^ankend gew^orden, 
wenn ich auch Aveit entfernt bin, sie vollständig aufzugeben. 
So lange ich nämlich glaubte , die Form fladeie ohne w'eiteres 
auf ein flat-icat zurückführen zu können, stand ich nicht an, 
auch entroit = entr-tket anzusehen. Seitdem ich mich aber 
überzeugt habe, dass eine solche so einfach scheinende Auf- 
stellung einer hypothetischen lat.Form doch nur auf Schein 
beruht, dass an eine derartige Erklärung des Vorganges, welche 
ihn in die Zeit der Sprachbildung zurückverlegen Avürde, nicht 
zu denken ist und vielmehr Alles auf Rechnung der Analogie 
innerhalb des Romanischen gesetzt werden muss, sind mir 
Schwierigkeiten in den Weg getreten. Dazu kommt, dass nicht 
alle mir seitdem bekannt gewordenen Fälle durch die -<c-Theorie 
(man gestatte mir diese kurze Bezeichuungsweise) ihre Er- 
klärung finden. Man sollte eigentlich meinen, dass die tonlosen 
Endungen darüber Aufschluss geben sollten, ob Formen der 
J--Conjug. (speciell von -icare) oder von den anderen (hier von 
esse) als Muster dienten. Im Ital. Span. Rumän. wäre diess 
wohl der Fall; im Franz. aber erweist sich leider dieses Er- 
kennungsmittel als wenig tauglich. Nicht bloss die 3. Plur. 
-ent und -ant fielen von jeher zusammen, sondern auch in der 
3. Sing., Avelche die bei weitem zahlreichsten Beispiele liefert, 



42 Mnssafia. 

hat esse (von vorneherein oder schon frühzeitig) seit, das also 
keine Unterscheidung von -eit = Iket gestattet. Und umgekehrt 
hat. die 2. Sing, der ^-Conjug. ziemHch frühzeitig -e- erhalten, 
so dass wieder -oies = Ikes und soies zusammenfallen. Es bliebe 
niu- die 1 . Sing. : -ei -oi schiene entschieden für -Ikem, -eie -oie 
entschieden für siam zu sprechen. Nun aber ist diese Person 
nur aus wenig Denkmälern zu belegen. Yzopet hat -oie, diess 
z^vingt aber nicht, siam als Muster anzunehmen, da zur Zeit 
der Abfassung des Yzopet analogisches -e vielfach hinzugetreten 
war. Girart de Rossilho hat estrepei-^ diess zwingt aber, wie 
wir später sehen werden, nicht, -ikem als einzig mögliche Quelle 
anzusehen. Dass die neuen Mundarten in dieser Richtung keine 
Hilfe gewähren, braucht kaum gesagt zu werden. Unter solchen 
Umständen scheint es überhaupt sehr schwer, eine Entscheidung 
zu treffen. Es mag indessen bezügHch beider Ansichten das 
Flu* und Wider erwogen werden. Sehr wichtig ist hier die 
principiclle Frage, ob sich Analogiewirkung schon dadurch er- 
klären lässt, dass eine häufig vorkommende Form ohne irgend 
einen weiteren Beweggrund andere Formen zu modificiren ver- 
mag, oder ob nicht irgend ein Moment nachgewiesen werden 
muss, das ziu' Anbildung den Anstoss gab. Mit anderen Worten: 
genügt es zvi sagen, nach soie soies soit soient Avurden port-e for- 
tes port por teilt zu portoi-e^ es, t, ent? Die mächtige Anziehungs- 
kraft eines Verbums wie esse wird man leicht zugeben; aber 
fragt man sich da nicht mit Recht, wie es denn komme, dass 
gerade die Verba der J.-Conjug. einem solchen Einflüsse unter- 
Avorfen waren und die der übrigen (wenigstens in der ersten 
Anlage) davon verschont blieben? Ist es nicht auf fallend, dass 
estre soit nur porter port und nicht vendre vende ergriffen habe? 
Was nun -Xc- betrifft, so scheint hier die Sache leichter zu gehen; 
nur kann man in Ungewissheit sein, auf welche Art -oi- seine 
Expansionskraft ausgeübt habe. Für ital. Mundarten glaubte 
ich annehmen zu können, ein geläufiges Suffix sei vor tonloser 
Endung ohne weiteres benützt worden, um der Form eine grös- 
sere Körperlichkeit zu geben und den Stamm seines Accentes 
zu entledigen. Nur ist hier das Material so spärlich, dass es 
mir nicht möglich war, nachzuspüren, ob nicht vielmehr laut- 
liche Anlehnungen bestimmend oder wenigstens mit im Spiele 
waren. Im Ladin. Tirol's und im Lüttich., wo das ganze Idiom 



Zur Piäsensbildung im Romanischen. 4:d 

zur Untersuchuug vorlag, glaube ich, es sei mir gelungen, nacb- 
zuweiscn, dass es sich nicht schlechtweg um Anwendung des 
Suffixes als solchen, sondern um das Ergebniss von stufenweise 
auf einander folgenden lautlichen Anpassungen der Formen 
handelt. Wie soll man im Franz. lutheilen? Genügt es zu 
sagen: die zahlreichen Verben auf -oi- zogen unmittelbar alle 
anderen ^-Verba an, so dass nach otroit guerroit festoit sich 
porfoit cliantoit entroit u. s. w. modelten, oder ist ein lautliches 
Moment thätig gewesen? Für die paar Fälle im zehnsilbigen 
Girart de Rossilho wäre z. B. ersteres gar leicht annehmbar; 
ungezwungen liesse sich, bei der Bedeutung von alcar imd 
estrepar , ein Vergleich zwischen estrepei und abruzz. ggeleje 
anstellen. Geht diess aber für die ganze Masse der ^-Verba 
an? Lässt sich da behaupten, die S.ache verhalte sich da so 
einfach, wie wenn z. B. im Ital. aus passeggio corteggi sich auch 
canteggio 'porteggi entreggino entwickelt hätten? Unmöglich 
ist diess nicht, und dennoch will mich diess nicht überzeugen 
imd ich kann da nicht umhin, zu fragen, ob nicht auch hier das 
i, welches in tonloser Silbe lat. -tc- entspricht, eine bedeutende 
KoUe gespielt hat. Wenn Förster's Paradigma für Yzopet: ain- 
oie, oies, oit, 'ions, 'iez, oient richtig wäre, dann wäre so ziemlich 
Alles in Ordnung; wie neben otvi-ons, -ez sich otroi-e, es u. s. av. 
findet, so bildete man zu ami-ons , -ez ein amoi-e, -es u. s. w.; 
immer miter dem doppelten Streben der Sprache, Conjunctiv 
von Indic. zu scheiden und in allen Formen tonlosen Stamm 
zu erhalten.' Nun aber kann ich weder im Yzopet Conjunctiv- 
formen auf 'ions^ 'iez finden, noch scheint es mir rathsam, von den 
so späten Conjunctivformen auf -ions -iez auszugehen. Es sei 
indessen, um keine Möglichkeit zu übergehen, gefragt, ob nicht 
die Formen mit -iens in Anschlag zu bringen sind. Der älteste 
-oi-Conjunctiv scheint Joinville's entroit zu sein; Joinvillc aber 
gebraucht entriens gegen früheres, gleichzeitiges und viel späteres 
entrons-^ könnte man nicht da die Proportion entroit : entriens 
= otroit : otriiens (otrlens) annehmen ? Freilich muss man sich 
da über den Umstand hinaussetzen, dass i in entriens keinen 
sillabischen Werth hat, Avährend diess in otrlens der Fall ist. 

' Das einzige Bedenken, dass man bei solcher Annahme nur von der einen 
Form otrions ausginge und die eben so berechtigte und eben so häufige 
Form olroions ganz ausser acht liesse, würde kaum von Belange sein. 



44 Miissafia. 



1 



Diess scheint mir nun kein unübersteigliches Hiuderniss zu sein. 
Verhält es sich so, dann kann man auch eine andere allge- | 
meinere Erklärung geben. Das parasitische i machte sich | 
geltend. Wir sagten es: schon im In die. zog otrier otroie nach 1 
sich estudier estudoie, contralier contraloie ; dann führten auch, l 
mit Beschränkung auf den Conjuuctiv, otrier otriez otroit zu 
laissier laissiez laissoit. Später folgten die Verba mit reinem 
-er: portoit trovoif u. s. av. Wir würden also überall die Vor- 
gänge haben, welche wir oben für das Lüttich. (und zwar hier 
auch für den Indic.) mit ziemlicher Sicherheit constatiren 
konnten. Die Deutung durch -ie7is würde einerseits den Vor- 
theil bieten, dass die Erscheinung von vorneherein auf den 
Conjunctiv beschränkt wäre , andererseits dadurch im Nach- 
theile sein, dass eine locale Form zur Erklärung eines allge- 
meinen Vorganges benützt würde ; die Berufung auf das para- ' 
sitische i passt so ziemlich für das ganze Gebiet und hat nur 
das gegen sich, dass man dann auch für den Indic. ein laissoi 
laissoies u. s. w. erwarten würde. Indessen dem ist leicht 
durch die Bemerkung zu begegnen, dass die lautliche An- 
bildung an sich zu schwach war und nur durch den hinzu- 
tretenden Diflferenzirungstrieb die zur Erzielung des Ergebnisses 
nöthige Kraft erlangte. 1 

Wie man sieht, ist meine — vielleicht zu strenge — Ein- 
schränkung der -ic-Theorie nur auf jene Denkmäler und Gebiete 
anwendbar, in denen 1. parasitisches i vor e aus a sich ein- 
findet, 2. lat. -IC, roman. -ei. vor dem Tone zu ii, i wird. Für 
fast alle älteren Belege lässt sich diess ohne Weiteres annehmen. 
Ob aber für die neueren Mundarten, kann ich nicht angeben, 
wie denn überhaupt letztere wegen des quantitativ und quali- 
tativ nicht immer genügenden Materials jeder allseitigen, nicht 
bloss einzelne Belege sammelnden Untersuchung grosse Schwie- 
rigkeiten darbieten. 

Von den älteren Belegen scheint mir nur der zehn silbige 
Girart de Rossilho die zwei aufgestellten Bedingungen zu ver- 
weigern. Will man nun hier nicht (wie oben schon versucht) 
die laxere -ic-Theorie anwenden, — was mir übrigens noch 
immer als das einfachste erscheint — dann muss man freilich 
nach der anderen Erklärung greifen, und Anlehnung an einen 
geläufigen Conjunctiv annehmen ; dieser wäre aber nicht seie, 



Zur PräsensliiUlung ira Romanisclien. 'i.D 

sondern estei.^ Wie estar estei so alcar cdcei, estiepar estreper^ 
ein ^-Verbum beeinllusst die anderen ^-Verba; eine zweisilbige 
Form bringt eine zwei- (mehr-) silbige Form hervor. Ich glaube 
keine Indiscretion zu begehen, sondern vielmehr eine Pflicht 
zu erfüllen, Avenn ich hier, briefliche Mittheilungen benützend, 
erwähne, dass Cornu im amtyou seiner Mundart eine Anlehnung 
an seyou und eteyou erblickt, und dass AscoH, der vornehmhch 
die Schweizer und Savoyer Belege in's Auge fasste, ein beson- 
deres Gewicht auf stare legt, das Dank seinem prostetischen e 
die analogische Bildung wesentlich fördert. Es wäre daher 
überaus wichtig, die Gränzen des estei- Gebietes genau zu be- 
stimmen und zu untersuchen, ob nicht irgendwo beide Erklä- 
rimgen (durch -ic- und durch Conjunctiv von stare) den Vor- 
gängen der betreffenden Idiome entsprechen. 

Doch, als ob der Deutungen und Schwierigkeiten nicht 
genug wären, haben wir noch der Ansicht Nigra's Erwähnung 
zu thun. Er sagt : portoj aloj, auch soj, folgen oj = haheam -. 



1 Auch Hentschke hat estei, und zwar im Zusammenhange mit guerrei er- 
wähnt. Er drückt sich so kurz aus, dass es nicht ganz deutlich erhellt, 
wie er diess meint. Wenn er estei und estrepei als parallel lautende 
Anbildungen an guerrei ansieht, so kann ich mich damit nicht einver- 
standen erklären. Ein (ital. ausgedrückt) steggi, wo eggi = icet wäre, 
dürfte Niemand als zulässig ansehen. Ich würde ihm aber gerne bei- 
stimmen, wenn er die Sache folgendermassen beurtheilt. Die übliche Form 
ist esteia (angebildet an seia; letzteres statt sia = *siam-^ i — e und i 
hiatustilgend? Einmischung von sedeam"^ Anlehnung an aia"i), daneben 
vielfach estei. Wie zu erklären? Diez sagt: ,aus este fstevi) erweitert.' 
Man muss fragen: wie erweitert? phonetisch etwa wie jhcj, tei? oder 
morphologisch? und wenn letzteres, durch welchen Einfluss? Ich deute 
es so. Die Sprache hat das Bewusstsein, dass die 1. und 3. Sing, des 
Präs. Couj. kein -a am Ende hat: dam, perdö, guerrei; das a von estar 
esteia erscheint ihr anomal und sie wirft es ab, so dass nuu die ent- 
sprechende Form dieses ^1- Verbums ebenso lautet wie autrei, guerrei 
u. s. w. Die Sache liegt demnach ganz anders als bei estrepei. Hier 
fragt man, was ist -ei zu estrep-'i dort, wie wurde esteia zu estei'l Letztere 
Frage ist von der, die uns beschäftigt, ganz unabhängig. Von unserem 
Standpunkte aus haben wir nur zu sagen: Nach der -ic-Theorie ist 
eÄire^jeJ gleichsam strep-lkem und estei hat damit nichts zu schaÖ'en; nach 
der Conjunctivtheorie ist estrejjei an estei (möge dieses wie immer ent- 
standen sein) angebildet. 
- Auch -ebam ergibt -oj. Eine Erklärung gibt Nigra nicht. Wenn Thuni- 
eysens Erörterungen über Einfluss des Präs. Couj. von e^sn auf Impf. 



4G Miissafia. 

ej = kabeas, ejt = haheat Avird dann nur füi* fortej portejf, beej 
beejt in Anspruch genommen, nicht aber für sej sejf, die selbst- 
verständHch aus siafs] siat sich leicht ergeben. Der Umstand, 
dass sich die 3. Plur. ant {habeant) nicht mit portont bßönt 
decken, flösst Bedenken ein. Leichter erschiene portoj portej 
porteji portont mit sqj sej sejt sgnt zu vergleichen und für soj 
allein Anlehnung an oj anzunehmen.' Wir würden also an 
den Conjunctiv von esse gewiesen werden. Ob auch in Valsoana 
der erweiterte Conjunctiv zuerst bei den ^-Verben und erst dann 
bei den anderen sich einfand, ist nicht zu bestimmen. Sollte 
er in allen Conjug. zu gleicher Zeit zum Vorschein gekommen 
sein, so verschwände unser wichtigstes Bedenken gegen '*siam. 
Ist estoj dem Valsoanischen unbekannt? 

Bevor wir die -e^■-f-o^-j-Conjunctive verlassen, ist noch daran 
zu erinnern, dass im Yzopet einige Belege für 1. Präs. Indic. 
zu treffen sind: famois 1322; gardois 1479. 3841; maingois 1987. 
Förster hebt sie durch ein , wichtig!' hervor. Man kann da 
parallele Bildung zum Conjunctiv erblicken — wie wir sie an 
einzelnen Stellen der Geste de Liege vermutheten — oder bei 
der Seltenheit der Form und beim Fehlen der anderen drei 
Personen annehmen, der Indic. habe sich aus dein Conjunctiv 
entwickelt; wie zu Conj. otroie otroit ein Indic. otroi, so zu amoie 
ein amoi. Das -s wäre mit dem von ois (Jiabui) zu vergleichen, 
also kaum etwas mehr, als ein graphischer Zusatz ; Anlehnung 
an vois wäre möglich, ist mir aber nicht wahrscheinlich. 

Auch in den Urkunden zui' Geschichte des Hauses Saulx- 
Courtivron ein paar solche Fälle. So in der oben citirten Ur- 
kunde: acqnictoy S. 132, quitois S. 134, dann ouctvoyois (1389) 
S. 156. Also wie es scheint, in stehenden Formeln. 

Und nun zu den Conjunctiven auf -ozsse, -oisses, -oisse, -oissent 
(auch -oise, -oice geschrieben), die im Altlothringischen be- 

Ind. der II. bis IV. lat. Conjug. überzeugend wären, so könnte man hier 
einen neuen Beleg dafür finden. Könnte man nicht eher eine parallel 
laufende Mudification von -ej zu -oj aianehmenV 
> sont = sint ist wohl = sunf; oder ist *siant *siunt zu seioni und dieses 

V ' 

zu soioiU söfijont geworden. So erklärt wenigstens Nigra -e/javf. (eigent- 
lich -elnint) ; eionf. 6[i]ont mit, während er sich über aonl und die 3. Plur. 
portont heönt u. s. w. nicht ausspricht. 



Zur Präsensbildung im Runiiinischen. 4» 

gegnen. Willenberg (S. 441) verweist auf Hiob 324, 27: 1. Fers. 
manjoise ,eine offenbare Analogie zu voise'. In der Guerre de 
Metz kommt nur ein Beispiel vor: 3. Pers. or vigne avant et si me 
mostroice. Dazu Bonnardot (S. 453) : ,Outre la derivation nor- 
male . . . la langue de Metz affecte la desinence du subjonctif 
de deux manieres differentes, en adjoignant au theme les desi- 
nences -ce et -oise'. Er erklärt die erste durch iVoc. (ßerce, 
ressoice-, dann durch Analogie: messe, quierce, und aus der A- 
Conjug. envoice). Betreffs der zweiten sagt er: ,L'autre desi- 
nence . . . tres frequente dans les textes du XIV® siecle . . . 
a fini par evincer la premiere. Comme eile, eile se rencontre 
de preference dans les verbes, oü eile n'est cependant entree 
qu'en vertu de l'analogie; -oice -oisse, derive de -escam, subj. 
des verbes dits inchoatifs en -escere, se plait sui'tout a la 1^® 
conjugaison. L'exemple unique fom*ni par le poeme ne serait 
pas concluant a lui seul, si les Chartes et le Psautier n'appor- 
tassent de nombreux temoignages de cette preference, qui s'ex- 
plique par le desir d'unifier les desinences des diverses con- 
jugaisons pour le meme temps. Ainsi . . . lat. donet a produit 
. . . dont . . . modifie par analogie aux autres conjugaisons en 
dongeft] donoisseft], cette derniere forme etant d'ailleurs celle 
qui reproduit le theme avec le plus de fidelite'. Alle Formen 
des Psalters sind dann von Apfelstedt in der Einleitung zu 
seiner Ausgabe gesammelt worden. Vorwiegend in der ^-Con- 
jug., aber auch in den anderen, selbst in der inchoativen: ve- 
oisse, mettoisse, esjoissoisse. Apfelstedt ist mit Bonnardot's 
Deutung nicht einverstanden, mid zwar aus zwei Gründen: 
1. Die Form ohne ss ist die frühere; 2. sie findet sich bloss 
bei der ersten Conjvig. und ist erst dm-ch Analogie auf die 
übrigen übertragen. Der Grund zu der lothringischen Erwei- 
tervmg von -oi- zu -oiss- ist ihm dann klar: ,a) der Differenzirungs- 
trieb: Präs. Conj. und Impf. Indic. waren nicht mehr zu 
unterscheiden; ß) für die 3. starke Conjug. konnten einwu'ken 
die Formen von cognoscere mid crescere'. Zu a) wäre zu be- 
merken, dass Diflferenzirungstrieb zwischen Formen verschie- 
denen Modus und verschiedenen Tempus sich kaum bethätigt; wie 
denn auf den anderen Gebieten, welche -ot-Conjunctive kennen, 
die Sprache an der Identität mit dem Impf. Indic. sich nicht 
stiess. Indessen ist dieser Einwand nur von geringem Belange, 



48 Mnssafia. 

denn eine sprachliche Nei^mg kann selbst unter vollkommen 
gleichen Verhältnissen auf einem Gebiete sich stärker zeigen 
als auf dem anderen. Zu ß) sei bemerkt, dass wenn man 
für die zwei Verba ' , deren Perf. der -»/i-Classe angehört 
— movoir recoivre — etwas Specielles in Anspruch nehmen 
will, dies der von xVpfclstedt selbst vertretenen Ansicht wider- 
spricht^ dass die ganze Erscheinung zuerst innerhalb der A- 
Verba vor sich ging; dass mit anderen Worten chantoie chan- 
toisse schon eine Weile da waren, und sich erst daraus movoie 
movoisse entwickelten. Oder soll man die Ansicht modificiren 
und Folgendes sagen?: zncrat chantoie -^ dem nachgebildet movoie 
recevoie; letztere erhalten dann, und zwar durch Einfluss des 
Perf. und Parte, die Erweiterung zu oisse] wie connvi conneu 
connoisse so mui meu movoisse statt movoie '^ -oisse wird endlich 
allgemein als Nebenform von -oie gebraucht. Ich theile, wie man 
gleich sehen wird, diese Ansicht nicht, glaube aber doch be- 
merken zu sollen, dass wer sie verti'äte, eine Stütze in dem 
Umstände finden könnte, dass Am. Am., Yzopet, Gh-art in 
Alex, und Vegetius, die kein -oi- bei anderen Verben als bei 
denen der ^-Conjug. kennen, auch die Nebenform -oisse nicht 
besitzen. 



' Apfelstedt sagt mit Bezug auf die Präsentia: ,für die 3. starke Conjug.' 
wie er überhaupt bei der Darstellung des Präsens von einer I. n. III. 
schwachen und einer I. II. III. starken Conjug. spricht. Es sei mir ge- 
stattet, diese Gelegenheit wahi-zunehmen, noch einmal hervorzuheben, 
wie sehr es wünschenswerth wäre, dass eine derartige eher verwirrende 
als nützliche Unterscheidung vollständig aufgegeben werde. Es gibt 
nur zwei Präsensformen: eine für die J-Conjug., eine für die anderen; 
ob bei letzteren Conjug. Perf. und Parte, stark oder schwach seien, hat 
auf das Präs. keinen Einfluss; alle Erscheinungen im Präs. sind ledig- 
lich lautlicher oder analogischer Natur-, sei (sapifj ist ebenso wenig eine 
starke Form wie etwa pert (paret von parare); regoive (recip-am) ist 
ganz so gebildet wie dtsoivre (de-seprat), mueve wie pimeve] vueille und 
das Subst. fueille decken sich bis auf den Anlaut ganz genau, und das 
Vorkommen des ableitenden e (*voleam) kann doch nicht als ein Merk- 
mal starker Bildung angesehen werden. Mit anderen Worten: dass 
perderc videre viiUere movere ihr Perf. auf verschiedene Weise bilden, 
liat auf das Präs. nicht den geringsten Einfluss; es könnten zufällig 
alle diese Verba ihr Perf. schwach oder nach einer und derselben Classe 
stark flectiren; das Präs. würde dennoch dieselben Formen aufweisen, 
d. h. die Endungen sind überall gleich und die Gestalt des Stammes 
wird durcli die Lautverliältnisse bestimmt. 



Zur Tiäsensliildun^ im Koraanischen. 49 

Zu Apfelstedt's Erörterungen fügt Förster Einiges hinzu: 
betreffs des Materials ^vielleicht manjoise manjoust /= -oistj in 
Hiob'; betreffs der Deutung sieht er als eine andere Möglich- 
keit Anbildung an voise (dial. voisse) an; also, wenn auch weniger 
entschieden, wie Willenberg. Diese Vermuthung hat Avenig für 
sich; nicht so sehr weil man zur Nebenform mit -ss- greifen 
muss (voise ist selbst eine Nebenform, die eine starke Concur- 
rentin an der Bildung aus al- hat), sondern weil man sich 
umsonst fragt, wo denn die nähere spinta analogica (um mit 
Ascoli zu reden) läge. 

Ebenso wenig wie Apfelstedt kann ich mich mit Bon- 
nardot's Erklärung aus -escam befreunden. Sie ist desshalb 
nicht haltbar, weil man nicht ein einziges Verbum, von welchem 
der angegebene analogische Vorgang ausgegangen wäre, nach- 
weisen kann. Wo ist in der That das franz. Verbum, welches 
einen silbebildenden primitiven Stamm -|- -esc- aufwiese"? '^ Flor- 
esc-am ist floriscam ; crescam entspricht der Formel nicht genau. 
Uebrigens scheint Bonnardot, wie wir gleich sehen werden, 
seine Meinung aufgegeben zu haben. 

Indessen lässt sich -oice -oisse (immer vorausgesetzt, was 
zweifellos erscheint, dass es eine secundäre Form von -oie sei) 
in sehr einfacher Weise als eine der zahlreichen Bildungen 
mit -ce erklären, welche im Nordosten begegnen. Wie z. B. 
im lothr. Gregor über Ezechiel ed. Hofmann preice renece hu- 
melice, so wohl auch otroice guerroice und eben so amoice abitoice. 
Hiob's -oust, d. h. -oist, deckt sich dann genau mit \oarst = 
loarcet, preist = preicet u. s. av. 

Verwendung der InchoativHexion ist für eine andere 
Conjunctivbildung behauptet worden. In picardischen und 
wallonischen Denkmälern begegnet man nämlich vielfach einem 
Präs. Conj., vorei'st der -4-Conjug., in welchem vor den ton- 
losen Endungen sich -eck- f-ec-) eingeschoben rindet. Der 
erste, der darauf aufmerksam machte, ist meines Wissens A. 
Scheler in seiner Kecension des Livre des mestiers ed. Michelant 
(Jahrb. XIV, 441). Es finden sich da folgende Belege: quelle 
char voles que je vous acatechef; di au fevre qu'il metche le 
cheval les hroies ains qu'll ne[l] bouteche ou travail ; a hen a 
faire quelle wangueche; il faurra quil le hnyve meismes (sein 

Sitzungsber. d. phil.-hist. Cl. CIV. B.I. I. Ht't. 4 



ÖO Mussaf i a. 

schlechtes Bier) ou que le g et ecke devant les pourchiaus. Nicht 
ganz sicher ist: Colins, U foulons, sceit bien fouler un draj), si 
que je. voel qn'l.l me fouille che (vom Hg. in zwei Wörtern 
getrennt, von Scheler als eines angesehen)'. Scheler fragt: ,Ist 
diese Inchoativform schon irgendwo besprochen worden? 
Zehn Jahre später hat Bonnardot zur oben citirten Stelle in 
seiner Ausgabe der Guerre de Metz, wo er -oisse = -escam an- 
nimmt, folgende Anmerkung hinzugefügt: ,Cette terminaison 
est d'autant plus interessante a signaler qu'elle semble avoir 
appartenu en propre a la region extreme nord - Orientale ; en 
dehors du dialecte de Metz, le wallon est seul a la posseder 
sous la forme -ece.' Also -ece = -escam. Später hat Willenberg 
(1. c. S. 413 — 414), dui'ch Tobler geleitet, dieselbe Form bei 
Estienne Boileau's Livre des mestier^ (= Depping, Reglements 
sur les arts et mestiers de Paris) nachgewiesen einem Werke, das 
trotz seiner centralfranz. Heimat manche picard. Formen bietet. 
Willenberg's Belege sind : man darf keinen alten Kamm so 
richten que il samhleche nuef ; nus ne puet estre . . . venderes 
de pain que autres fournieche'^; 'pour taut qu'il ouvreche (mehr- 
mals); nus ne puet estre talemeliers ... que il n'achatece; nus 
ne doit conduit de cliose qu'il po rieche a col. Dazu noch S. 21: 
de quelque maniere de grain que il me sur ecke. Ein einziges 
Mal -ache: se aucvns amaine . . . oii aportache. Ferner erwähnt 
Willenberg, dass in der von Roisin veranstalteten Sammlung 
von Urkunden aus Lille, meistens aus dem 14. Jahrh., ähnliche 
Formen in grosser Anzahl vorkommen. Ich theile sie hier 
mit der Angabe der Seite mit: amonniestechent 2, arriesteche 11 , 
delivreche 2. 3, deneeche 123, desrenteche 65, entrechent 104, en- 
voyece 2, escassece 12, gouvierneche 220, greeche 322, loeche 322, 
mainechent 281, montreche 27, moutepUechent 171, oevreche 17, 
osteche GS, paieche 17. 65. 222, 280. 332, pappetece 175, perse- 
vereche 391, presteche 148, registreche 172, useche 1. 77, wm^- 
deche 83. Alle der ^-Conjug. 5 bezüglich coeuvrece 435 vgl. das 



1 Man entschuldige die hielier nicht gehörige Bemerkung. In diesen Ge- 
sprächen liest mau: Columbe, le boisteuse, n'en ala tenchant de cki, pour 
che que je le volare baisier. Wie ist diese Form zu erklären? Noch 
volueravt? oder aus voldre-nt, 3. Sing, volare, dann auch 1. Sing.? oder 
ist alles Täuschung und voloie zu lesen? 

^ Eine andere Handschr. four^tie = fournoit aus furn-lc-are. 



i 



Zur Präsensbildung im Romanischen. Öl 

oben beim pros. Girart de Rossillon Gesagte und die betreffende 
Stelle bei Roisin selbst: aucuns ne soit si hardis que coeuvrece 
ne face couvrir, recouvreir, rehouter ne fiestir u. s. w. Comme 
iL nous loizeche ce faire 419 ist mir nicht ganz klar. Zur 
Erklärung sagt Willenberg: man sei zur Annahme berechtigt, 
dass diese Formen ihre Bildung , einer Analogie zu dem picard. 
Conjunctiv meche oder mece verdanken, dem ja auch anderweitig 
Conj. Präs. der -4-Conjug. angeglichen werden'. Ob Willen- 
berg meche als das ausschliessliche Vorbild unseres -eche ansieht, 
oder es nur als Vertreter aller -cÄe-Conjunctive anführt, ist nicht 
klar; der Ausdruck , Analogie zu dem Conjunctiv meche' scheint 
auf erstere Auffassung hinzudeuten: und da lässt sich fragen: 
warum gerade meche? Doch nicht wegen des e, da auch S. 485: 
,wohl analog zu dem picard. Conjunctiv meche neben mete . . . die 
Conjunctivform porcher S. 385 etwas allgemeiner: ,das Picard. 
wandte . . . mesche, hasche, kiesche an, deren -che dann ebenfalls 
fälschlieh auf den Conjunctiv Präs. der ^-Conjug. übertragen 
wurde; daher esanche (= exemjytem), houche (== frz. boute).' Bezüg- 
lich -ecÄe fährt dann Willenberg fort: ,Nur dass wir es hiermit 
einer noch auffälligeren „inchoativen" Erweiterung zu thun 
haben, ähnlich wie bei den . . . Formen auf -ois -oit.' 

In seiner Ausgabe von Estienne Boileau gibt Bonnardot 
folgende Erklärung: ,-ece, -eche desinence du subjonctif, pro- 
vient de la 4^ (et 2'') conjug. lat. en -iarn (-eam), dont Vi est 
devenu yot, rendu en francais par j\ g, ch, c, s suivant la nature 
de la consonne thematique. De la 4® (et 2*^) conjug. lat. cette 
desinence a passe a la 3® (-am) et a la P^ {-em), oü eile s'est 
epanouie plus volontiers que dans toute autre.^ Also während 
in den Erörterungen zu Guerre de Metz zwischen 'ce, (das auf 'ia 
zurückgeht) und -ece unterschieden wurde und es von letzterer 
Endung hiess, sie sei identisch mit -oisse und gebe -esca- wieder, 
wird jetzt -ece in Zusammenhang mit 'ce gebracht. ' 

Zuletzt hat Settegast in der Einleitung zu seiner Ausgabe 
der in picard. Mundart abgefassten Hystore de Julius Cesar des 
Jehan de Thuin über die Conjunctive auf -ece abgehandelt. Die 



' Wenn Bonnardot bezüg-licli -ece seine Ansicht g-eändert hat, so ist zwar 
nicht sicher, aber docli sehr wahrscheinlich, dass er auch für -oisse Ur- 
sprung aus -escam nicht mehr annimmt. 

4* 



52 Mussafia. 

Vatican. Handschr. bietet zwei Beispiele: cou . . . m'amaine a ce 
qiie je vons 'proiece; il ne cuide mie que ja Tholeme li refusece. 
Ferner citirt Settegast zwei Stellen aus Tailliar's Urkunden- 
Sammlung, und zwar aus Uebersetzungen päpstlicher Bullen: adjo- 
stons (dcffendons) que nuls ne osece, und aus einer Urkunde von 
Valenciennes in Godefroy's altfranz. Wörterbuche: Cascuns don- 
que pensece quel cose il pulst a Deu mievx voer, aparellece soi 
cascuns et voeche, mais que il rendeche. Letzteres Verbum ist 
das einzige bisher belegte, das nicht der ^-Conjug. gehört. 
Settegast, von Willenberg unabhängig, sagt darüber: ,Was die 
Erkläning dieser Endung betrifft, so scheint dieselbe eine 
Erweiterung der Conjunctivendung -ce, Avelche letztere aus der 
2. und 3. Conjug. (mece cenrce) in die 1. eingedi-ungen sein 
mag (lieuce von locare bei Tailliar, lacet von laier, esliecent von 
eslever, leicent von laver bei S. Bernh. ) . . . Uebrigens erinnert 
die Conjunctivbildung mit -ece lebhaft an die Conjunctivendung 
-olsse, die sich häufig in dem von Apfelstedt herausgegebenen 
Lothr. Psalter findet/ 

Zu diesen Nachweisen käme noch aus den von N. de Wailly 
herausgegebenen Urkunden aus Aire im Artois : les quels quinse 
saus je wel Ice li dite eglise prenge et lieveche] a ceste fin ke [il] 
. . . lievechent et emporchent. De Wailly begnügt sich damit, 
auf die besondere Form dieser Conjunctive hinzuweisen. Aus 
Urkunden von Namur in Reiffenberg's Monuments I, 48 com- 
mandons . .. ke il paiechent et delivreiit, I, 117 voulons que il 
gouverneche. 

Alle drei übereinstimmenden Erklärungen lassen eine 
Lücke fühlen. Dass man von mece (che), sence (che) zu porce, 
esploice (che) gelangt sei, oder um sich mit Bonnardot allge- 
meiner auszudrücken, dass ursprüngliche Conjunctive auf 'ia- eine 
Menge Verba der ^-Conjug. nach sich zogen, ist gewiss; ebenso 
zuzugeben ist, dass unser -ece (eche) mit diesen Bildungen zu- 
sammenhängt. Die Frage, welche die drei Erklärer noch zu 
beantworten hatten, war: wie kam man von porche zu porteche? 
Letztere Form mit- Settegast eine , Erweiterung' zu nennen, 
genügt nicht, so lange man nicht erklärt, Avie eine solche Er- 
weiterung zu Stande kam, und mit Willenberg von einer ,in- 
choativen Erweiterung' zu sprechen, ist noch weniger deutlich; 
denn entweder ist die ganze Endung inchoativ (= -escam) oder 



Zur Präsensbildung im Komanischen. 53 

wenn -ce (che) auf das ce (che) von face mece zurückgeht, so 
kann man dem -e- keine inchoative Bedeutung beimessen. 
Wenn Willenberg schliesslich diese , inchoative Erweiterung' 
mit den Formen auf -oie vergleicht , so muss er das Wort 
^inchoativ' in einer ziemlich vagen Bedeutung gebrauchen; er 
hat wol dabei nur den Begriff ^Erweiterung' in's Auge gefasst 
und den Berührungspunkt der Bildungen portöie porteche gegen- 
über pörte pörche — Tonlosigkeit des Stammes — hervorheben 
wollen.' Settegast ist noch näher der Sache gekommen, wenn 
er sagt, -ece erinnere lebhaft an -oisse. Er hätte noch einen 
Schritt weiter machen sollen und sagen, -ece (eche) ist nur laut- 
liche Variante von -oice (oisse). Zu dieser einfachen Deutung 
kam ich, nachdem ich lange hin und her geschwankt habe. 
Also -ece ist secundäre, mittelst -ce gebildete Form von einem 
-e7-Conjunctiv. Man befrage das jetzige Walion. über den Laut, 
welcher vulg. lat. e oder e -\- i entspricht und man erhält die 
Antwort: ei; und wenn die literarischen Denkmäler oi bieten, 
so ist da eben so literarischer Einfluss zu erkennen , wie 
in den Schweizer Urkunden , die (wir sahen es oben) -oi- 
Conjunctive gebrauchen, trotzdem die jetzigen Mundarten -ey- 
(-ay-) aufweisen. Dass -eche, nicht -eiche, die beständige Schrei- 
bung ist, scheint mir keine Bedenken zu erregen; wie vor s 
sich leicht ein z-Element entwickelt, ebenso leicht geht i darin 
auf. Das einzige Beispiel aportache sieht Willenberg entweder 
als Anbildung an hache oder als Schreibfehler an. Ich neige mich 
letzterer Ansicht zu, denn ich frage wieder: wie ist die ver- 
muthete Anlehnung lautlich oder begrifflich zu begründen? 

In den jetzigen Mundarten vermochte ich keine Spur mehr 
von -ecAe-Conjunctiven zu linden. 

Und nun schliesslich zu einem dritten Fall von secundären 
Formen eines -e^-Conjunctives. Die Gedichte von Laurent de 



1 Im Anzeigeblatte, wo ich eine Inhaltsangabe vorliegender Abhandlung 
mittheilte , nahm ich porteche als eine Contaminatiou von parte und 
porche an. Ich verhehlte mir zwar dabei nicht die Schwierigkeit, das 
betonte e zu erklären, beabsichtigte aber durch die apodiktische Auf- 
stellung zu Widerspruch und Vorschlag einer befriedigenderen Deutung 
aufzufordern. Der Widerspruch blieb nicht aus. Auch positive Vor.schläge 
kamen mir von beachtenswerthen Seiten zu. Da ich sie aber nicht an- 
nehmen konnte, so halte ich es nicht für gestattet sie anzuführen. 



54 M u s s a f i a. 

Brian9ori gebraiichen neben -ei (s. oben unter ^Dauphine') auch 
-eiz- (-eis-) ' ; die späteren Denkmäler und die Nachweise aus den 
jetzigen Mundarten kennen fast ausschhesslich letztere Formen 
und als Lautvariante-ez- (-es-p. In der .4-Conjug.: 2. Sing, fr equen- 
teze 335, siegeze 335. 3. Sing, abhorreise 284, atrapeise 33, bra- 
meise 81, chanteise 93, couleyse 169, damageise 94, demoureise 
67, eigroizeize ,dechire^ 33, epargniese 345, grafuzeize 38, las- 
seize 90, machureise 94, meneize 38, outeizet ,6te' 38, ozeze 375, 
pardonneyse 213, tombeise 295, troveize 33, -e/se 33. 3, Plui\: 
aleizon 32, cliaronteiHon ,voiturent^ 159, dauceifton 67, waw- 
queison 273, oblieyson 161, pai-eison 67, parleyson 161, payezon 
343, porteizon 24, virolheison 154.'^ In den anderen Conjug. 
1. Sing, veieso 202. 3. Sing, ayeise 60, bateise 83, dieyze 180, 
diseize 287, faceize 44:, poisseize 40, preneyse 172, rendeyso 170, 
ne/se 96, senteize 90, teneize 74, tralueise 83, veyeize 32, viveise 
102, voleize 296. 3. Plur. ayezon 219, coneisseizon 42, metfeison 
147, preneison 63, semoneizon 42, sorfeison 159, venezon 325, 
voulezon 360. Esse: szeze 206, seeyson 149 saiezon 357. Wie 
ist die 2. Plur. «/we ijoms sieza 391. 410 zu betonen? Onofrio und 
Nigra (Arch. III, 41) führen einzelne dieser Formen an. 

Lyon. Monin kennt neben stammbetonten Formen •* nur 
noch -aiz-; einmal bietet er -ez-: ajotaise 12, multipliaise 12, 
paieze 202, seiaize 159. 

Forez. Onofrio: 1. douneyza; 3. conrrateyse ,se mette en 
marche* 91, courseleyze ,couvre' 105, hereteyse 203, renverseyse 
230. Ayeze 403, fazeize 437. Alle diese Belege aus den Schriften 
der drei Chapelon (16. 17. Jahrh.). Dann aus Philipon (19. Jahrh.) 
1. que je chaiesa 121; 3. seze 425. 

Wie ist diese Nebenform zu erklären? Es sei bemerkt, 
dasa die Sibilans schon in dem ursprünglichen (stammbetonten) 
Conjunctiv von r.5se vorkommt: se/ze sei.§e seze se.sr. Ob bei 
anderen Verben, die e oder a' im ursprünglichen Stamme 



' Die Belege bis S. 150 sind aus Laureut. 

2 Da auch stammbetonte Formen vorkommen, so sind der Formen drei: 

die alei aleize. 
^ Nur einmal -ays- (vgl. Lyon): 1. Sing, que ie nomayso (; a Vayso) 208 

in einer Schrift aus dem 18. Jahrh. 
* Im Paradigma der Verbalflexion verzeichnet er nur solche. 



Zur Präseiisbildunj; iin Konianischfn. ÖÖ 

haben, — etwa veize sieze — weiss ich nicht anzugeben. Dann 
in allen Verben, die ursprünglichen Stamm -{-ei aufweisen; 
doneize, veyeize und neben seize auch seieize seieze. Was nun 
s oder z in seize sei, ist mir nicht klar. War ein faize neben 
dem zu belegenden fasse (erweitert faceize) da, dem sich seize 
anbildete? Oder i&t d in vid-o sed-o^ assibilirt? Berücksichtigt 
man den Diphthong, so könnte man selbst in siese = sit- Ein- 
mischung von sed-at erblicken. 

PKOVENZALISCH. 

In provenzalischen Mundarten verliert der ursprüngliche 
Stamm seinen Accent in Gonjunctiven wie sentigue, aiizigue; joid- 
^ue. Chabaneau (S. 263) sieht diese Formen als das Product eines 
doppelten analogischen Einflusses an. Bei Gelegenheit der 
Erwähnung von venga, dolga u. s. w. heisst es: ,cette mutation^ 
— nämlich die von 'iVoc zu 'gVoc — ,est propre au Languedoc 
et aux pays voisins, oü le goüt pour ces flexions en g au sub- 
jonctif est si prononce qu'on les a pretees a beaucoup de ver- 
bes, par propagation a ce temps du g (normal ou anormal) du 
preterit.^ Er führt aus den Leys d'amors die Formen heva und 
hega, mola und molga, cola und colga, mova und mogua an, 
,dont les secondes, qui sont de vrais barbarismes, ont ete evi- 
demment formees d'apres les preterits hegui, molgui, colgui, 
mogui.' Dazu die Anmerkung: ,mngiia pourrait, sans doute, 
venir de moveam] mais ce verbe avait rejete Ve, car la forme 
classique constante est mova. On ne trouve ni movia, ni moya, 
ni moja. II est donc plus probable que mogua a ete forme 
abusivement sur mogui, comme je le suppose ici.^ Also Avenig- 
stens für mover oben ,evidemment^ vmten ,plus probable' und 
,je suppose^ Es will mir scheinen, als ob auch betreffs molya 
und colga es vollkommen genügen würde, Anlehnung an dolga 
anzunehmen. Indessen mag bei dem Umstände, dass alle Verba 
mit -g- im Conjunctiv auch -g- im Perf. haben, in der That dop- 
pelte Einwirkung stattgefunden haben. Ist dies bei den stammbe- 
tonten Gonjunctiven wahrscheinlich, so empfiehlt sich die Annahme 
einer Einwirkung des Perf. bei sentigue um so mehr. Denn blosse 

■' Ich sage d^ nicht dj, weil di Voc wohl eher i oder ;/ ergibt. 
2 Vgl. sie-ie bei Jaubert II, 318, welcher die Form auch bei Montaigne 
nachweist. 



56 Mussafia. 

Anlehnung von senfe an -^-Conjunctive ergäbe nur sengne. Oder 
sollte man vermuthen, dass bei dem Ueberhandnehmen der In- 
choativflexion alle Verba -iss- aufweisen und sentisse auzisse 
lediglich nach dem Muster der -^-Conjunctive zu sentigue auzigue, 
sich variirten? Gfibt man Einfluss des Perf. zu, so steht sentigue 
mit sentiguel in Zusammenhang. Ein noch wirksamerer Einfluss 
wäre da dem Impf. Conj. zuzuschreiben. Wie dem Impf, parti 
oder i)artisso ein Präs. -parte zur Seite steht, so dem Impf. 
ßnigue oder ßniguesso ein Präs. finigue. 

Ich bin am Schlüsse meiner Zusammenstellung. Im Hin- 
blick auf das Material bietet sie viel Bekanntes und manches 
bisher Unbekanntes. Dass umfassende Erforschung aller roman. 
Mundarten und betreffs der Erscheinung im Franz. eindring- 
lichere Untersuchung der Urkunden reichere Belege liefern wird, 
ist gewiss. Weniger wahrscheinlich ist, dass neue Bildimgen zu 
finden sein werden. Man wird mir nicht den Vorwui'f machen, 
dass ich meine Arbeit zu voreihg unternommen habe. Viele Werke 
über Mundarten Avaren mir nicht zugänglich ; und was die Urkun- 
den angeht, Hunderte von Bänden durchzulesen, um einzelne 
Conjunctive aufzufinden, wird man IS^iemandem zumuthen. Ich 
hoffe aber, dass bei dem grossen Fleisse, mit welchem jetzt das 
Studium der Urkunden in sprachlicher Richtung betrieben wird, 
es bei Gelegenheit allseitiger Untersuchungen gelingen werde, 
auch zu unserer Frage Gehöriges zu finden. Jeden — auf 
öffenthchem oder privatem Wege gesteuerten — Beitrag werde 
ich mit Freude und Dank entgegennehmen. 

Im Hinblick auf die Erörterungen lässt sich Folgendes als 
allgemeines Ergebniss sagen: In vielen roman. Idiomen erscheint 
der Stamm des Präs. — entweder aUer Modi oder wenigstens 
des Conjunctivs — vor tonlosen Endungen so modificirt, dass der 
ursprünglich betonte Stamm seines Accentes verlustig Avird und 
der Ton auf dem Vocale eines neuen, zwischen Stamm und 
Endung tretenden Elementes ruht. Die Quelle dieses Elementes 
— von dem man ebenso gut sagen kann, dass es den Stamm, 
als dass es die Endung erweitert — ist nicht überall dieselbe 
und nicht überall gelingt es, sie so zweifellos zu bestimmen, 
dass jede andere Annahme ausgeschlossen ist. Stimmen aber 
verschiedene Vorgänge in einem Puncte zusammen, so ist es 



Zur Präsensbildung im Romanischen. 57 

mehr als wahrscheinlich, dass das, was sie p^emeinsam haben, 
von einem Momente herrühre, welches überall, wenn auch nicht 
ausschliesslich und nicht in erster Linie, seine Wirkung aus- 
übte. Dieses Moment ist in der Neigimg zu suchen, den Unter- 
schied der Betonung zwischen vStamm und Endung in den 
einzelneu Formen des Präs. zu verAA^schen. Dort, avo mu' der 
Conjunctiv afficirt Avird, ist ferner der Trieb zu erkennen^ Indic. 
A'on Conj. so scharf als möglich zu unterscheiden. 

Es bleibt mir nur noch übrig, der vielen Freunde, von denen 
ich theils ausführhche Mittheilungen, theils einzelne NachAveise 
erhielt, mit dem Ausdrucke innigsten Dankes noch einmal zu 
gedenken; es sind diese: Alton, Ascoli, Cornu, Gärtner, Ive, 
Tobler, Vatova. 

I. Anhang. 

Ich theile hier ein ausführliches A^erzeichniss von Verben 
mit erAveitertem Präsens aus den ladinischen Idiomen Tirol' s 
mit. Es sind dabei vertreten: Grreden, nach Gartner's Werk 
(eif)\ Gaderthal, nach Alton's Mittheilungen feie); Vigo im 
Avisiothal (e) , Erto an der östlichen Grenze zAA'ischen Tirol 
und Friaul (ei)\ beide letztere nach Gartner's Mittheilungen. 
Wie immer, folge ich der Orthographie meiner Quellen; nur 
um Zusammengehöriges in der alphabetischen Reihenfolge nicht 
auseinander zu reissen , berücksichtigte ich im Anlaute aus- 
schliesslich die Schreibung Gartner's. Die mit g (vor e, i) gl 
(vor a, 0, u) anlautenden A^erba bei Alton sind also unter 
dy, die mit ch (= c) unter t/ angeführt; Avenn Ahon vor 
l, m u. s. Av. s schreibt, so stelle ich diese Verba der Aus- 
sprache gemäss zu z-. Eine Aenderung nahm ich blos beim 
Zeichen für Gutturalis tenuis vor: Alton verwendet vor e, 
i das Zeichen qu, vor a, e, u aber c; ich setzte überall k 
ein. Der Uebersichtlichkeit halber, trennte ich die conso- 
nantischen Stämme von denen, die mit i auslauten: in gajö 
savajä nahm ich .; an , hier von Gärtner abAveichend , der i 
schreibt; dass das Präsens gajeif, nicht gaieif lautet, recht- 
fertigt diese kleine Aenderung. Alton's prolongieie ist ebenfalls 
zu den consonantischen Stämmen gestellt Avorden , da i nur 
Zeichen der ^'-Aussprache ist. Dem Versuche, die oft schwie- 
rigen Wörter etymologisch zu deuten, AA'iderstand ich, theils 



58 



Mussa fi a. 



um nicht meiner Abhandlung zweierlei Aufgaben zu stellen, 
theils weil ich fühlte, dass ich zu den Erörterungen von Schneller, 
Alton und Gärtner kaum etwas Befriedigendes hätte hinzuzu- 
fügen vermögen. 

a) Verba, deren Stamm auf Consonant endigt. 

abineif (-i-) ' sammle, spare, hole harboteie (-Ö-) murmle. 



ein; nur ahine. 
abiteie wohne. 
aborveie (-)'o-) ,tränke' ; nur 

abvQve. 
adagheie bewässere; vgl. arna- 

geif und inaghete. 
agajeie, s. gaieie. 
akuzei^ (-Ü-) klage an ; nur aküse. 
anadeie bemerke. 



bastardeie gebäre ein uneheli- 
ches Kind; basterdeie ver- 
fälsche. 

hatezeie taufe. 

Jxttoreie (-d-J, bafuleie schwatze. 

biaberneie heule, klage. 

blasm&ie lärme. 

brunstleie brenne an, lasse ver- 
kohlen. 



antfrneie streue Erde auf den dernea (3. Person , weil nur 



Schnee. 
aptisteif (-Q-), apusteie bestelle. 
arbaseie (-d-) erniedrige ; als 

Rflx. und Intr. nur arbasf, 

ebenso arbdse. 
^HUei^ (-{-) ekle mich. Vgl. 

sgrice mit gleicher Bedeutung- 
arnagei^ bewässere, ertränke. 
arosseie bräune. 
nrsuUiP. (-0-), arsureie (-Ö-) be- 
sohle. 
rp-tsikeifi (-i-J berühre, taste an; 

nur azzike. 
astileü/- (-ie-) stelle, lege ; nur 

m'astile benehme mich. 
avizei^ (im Imper. auch aviza) 

benachrichtige. 
balbonue stammle. 
bandoU'ie flattere. 



von Sachen gebräuchlich) er- 
müdet. 

dpsfrateif räume auf (das Zim- 
mer), trage ab (vom Tische). 
Dazu itjfrateif. stelle voll, 
räume an; nur -frdte. 

dobiteie, diihitei^ (-Ü-) zweifle. 

drazeie ( -d- ) siebe mit der 
Reuter; nur drdje. 

geneieie erzeuge. 

giodikeie, dyudikeif richte, ur- 
theile. 

fantineie phantasire ; nur fan- 
tine. 

mffideie (-i-) traue. Dazu kunfi- 
deif (-1-) vertraue an ; nnrfide. 

fifpiei^, i^ 1(1 errathe nicht; 
ßferleie verschachere um 
einen geringen Preis. 



1 Die eingeschalteten betonten Vocale geben das Vorhandensein und die 
Form stammbetonter Flexionen (Nebenformen) an. 



Zur Präscnsbildung im Eomanischen. 



59 



ßaSeie, schnaube; nur flddP. 

fi a nkeie frankire . 

ftirneif fahre. 

'jaßie schneide gerade; agajeie 

mache kürzer, stutze. 
gonfedeie wehe. 
gouzeie beschuldige. 
grakeneie krache. 
gratoneie gehe zum Ständchen 
am Tage vor der Hochzeit; 
grahineie besuche die Braut- 
leute beim Male am Abende 
des Hochzeitstages. 

imbeverei tränke. 

m'inamoreie, mf. namurei^ ver- 
liebe mich. 

incerceneie schliesse ein. 

ind^rtseie mache gerade; nur 
derze. 

indoreie vergolde. 

infeteie verpeste. 

irjfrateie'^ s. desfr. 

ir. freie beschlage (Zugthiere) ; 
inferre. 

irifugeif (-Ü-) erzürne. 

intardiveie verspäte. 

vi'interesseiii nehme Antheil. 

intertseie flechte. 

kastigele strafe, vgl. kastieie. 

katreie, catreie spanne vor. 

colteie dünge. 

combineie (~i-) buchstabire. 

me konieligel communicire. 

consagreie weihe. 

consoleie (-öl-), kutjsuleie trö- 
ste. 

contrasteie streite. 

krevelei siebe. 

kuYjfidei^, s. ßdeif. 



kuspftelf brumme, miuTc; cu- 

spefe. 
kuzineif (-i-) koche; nur cuzine. 
lasteie^ befestige den Schaft an 

den Flintenlauf. 
litigeie filhre Process ; auch 

Uflgh. 
Utsiteie ligiteie licitire. 
lumenB (-Ü-) leuchte. 
marindoU nehme einen Xach- 

mittagsimbiss (Märende). 
maoleie miaut. 
markautseie treibe Handel. 
mavkeie markire. 
martyadei^, marchadeie treibe 

Handel. 
massacieie haue nieder. 
mazneie (-ez-) mahle; nur md- 

zene. 
moltiplikeie (-ipl-), muUiplikeie 

multiplicire. 
morenteie quäle. 
movmoreie murre. 
midpsteie belästige. 
mimt^rneie muntere auf. 
namureie, s. inam. 
naijkeie (-d-) belästige. 
n^geie. (-e-), nedyei läugne; nur 

neghe. 
nutseie nutze. 
ordeni verabreiche das Sacra- 

ment des Altars; vrdninf, 

ordöne. 
paidlejieif. bügle, glätte. 
paitsenB peitsche. 
pciradleie, pardleie mache der 

Anzahl nach gleich. 
pasnei^ passe, tauge. 
patineif, patintie flicke. 



60 



Mnssaf ia. 



"petenB kämme. 

piakeif beruhige. 

prepareie bereite. 

prolongeie verlängere. 

protesteif , protesteie "wider- 
spreche. 

pustfmeie buchstabire. 

pustfzeie brumme. 

rahesceie raffe zusammen. 

ragagneie komme nicht weiter 
mit der Arbeit. In Grreden 
ragdnye belästige. 

rähekeie stichle. In Greden re- 
hekf erwidere in beleidigen- 
der, ti'otziger Weise. 

refodeie verschmähe. 

r^susiteie. erwecke, stehe auf. 

rodoU wälze. 

sadoU (-cd-) schnitze. 

sg-kareie, sakareie schach're. 

sarpeU meissle; skarpeleskarpele 

sg,vßjeie stelle mich als . . ; savdje. 

secondeie begleite beim Spiele. 

sezolei schneide mit der Sichel. 

sfanteie und 

sfantineif schwinde. 

sfogateie mache grosses Feuer; 
sfugateie brenne heftig. 

sfraidumeif. gehe müssig. 

sintineif, sintineie (-ine) quäle. 

skadreif behaue vierseitig : 
skedre. 

skandaUtseif, skandalizeie (-%-) 
gebe Aergerniss. 

skarpfteif(-e-),skarpet'iiezsL^^\Q,. 

skartfzeif, skartejeie krämple. 

skasineip durchsuche; skascine. 

me skorn'Ue stosse mir die Hör- 
ner ab. 



skorteleie versetze einen Messer- 
stich; skörtle. 

skosoreie (-6-) stehle Bohnen 
vom Acker. 

soperseie bügle. 

soureif schmecke. 

spekuleie speculire. 

sprebei verachte. 

i^priguleie erschi'ecke. 

sf^rmfneie (-äin-) treibe Spässe. 
Wol dasselbe Wort Avie stro- 
meneie etwas an einen Platz 
hinthun, dass man es nicht 
sogleich findet. 

Hlmdfvneie und 

stUngheneie klingle. 

stlupeteie schiesse; stlupete. 

strameseie mache eine Scheide- 
wand. 

sittreie füttere Kleider, subtra- 
hire; sötre. 

fahakete schnupfe stark. 

taßeip täfle. 

fakleneie klopfe an die Thür. 

faconeie flicke alte Kleider. 

tamareie poltre, rausche. Alton 
übersetzt tamareie gehe müs- 
sig herum. 

tamfeip (-d-j dampfe. 

tastPMeie wackle. 

termon'iie gränze. 

tikfneie, tikineie schlage heim- 
tückisch. 

timplfnea ist feucht (von einem 
Zimmer). 

tlocore/'e klopfe. 

touzeneif brumme heftig. 

torceneie sudle. 

tr({.gfteif treibe Heimlichkeiten. 



Zur Präsensbildung im Romanischen. 



61 



frar^zeneie gehe müssig". 

trapineie (-i-J Avechsle Woli- 
nung; trapin^.. 

trapoleie, tiripoU betrüge. 

tratsemie. necke. 

travajeie verwickle. 

tsartigeie verzärtele. 

tsqvateie klappere mit den 
Schuhen. 

tsirleie ziere, schminke. 

tartspieie sudle mit Wasser. 

t%qkuleie,chakoleie (-ä-J plaudre. 

tyoutineie, deschaltineie f-i-) zer- 
trete. 

valiveif, valiveie ebne. 

vedleie, vklU'ie, orJleie wache bei 
einer Leiche; veclyei wache. 



vezoU (-Ö-) fixttere] o.iore, vdizle. 

zageie verdächtige, wünsche. 

zbaketB prügle. 

zblarjk^zeif^ shhmkezeie weisse. 

zboiizareie lüge. 

zhurdeneie zerreisse. 

zburdidei^ zerreisse. 

slambroteie rede unverständlich. 

slargi'^ie breite aus. 

zlavateie.y slavateie (-dt-) spüle 

aus. 
smandreie vertreibe. 
siiiardaceie bewerfe mit Koth. 
zm^zeif (-e-) haibire. 
smorgeleie erweiche. 
zniutsigeie beschmutze. 
smagazeie rüttle. 



b) Verba, deren Stamm auf i endigt. 



afostieie tinde die Fussspuren. 

amerieia hält Mittagsruhe (vom 
Vieh). 

baodieie f-do-) , boudiele jam- 
mere, wehklage. 

dezudieie vernachlässige. 

dobliete biege. 

me festodieie grüble nach. 

inkonieie treibe ein. 

inrabieie, s. rabieie. 

invieie lade ein. 

inzertieie verzärtle, vgl. im Verz. 
A. gredn. tsartigeie. 

kuk^nieie stottere. 

litsieie glätte. 

premieie belohne. 

rabieia geht hin und her (vom 
Vieh , das aus ]\[angel an 



Gras wie rasend wird); in- 
rabieie erzürne. 

rafiei striegle. 

ringratsieie (-d-) , rerjgraBiei 
danke. 

saziei^ belästige, quäle. 

serieie jäte. 

sfomieie^ 5fumiei^ räuchere. 

skorieie, sknrieif, skuriei peit- 
sche. 

sofoieie f-di-) ersticke; nur 
suföie. 

nie Stodiei beeile mich, stndieie 
studire. 

tarloieia blitzt; tarlüia. 

testimonieie bezeuge. 

tsiguniein (Inünitiv tsigiim/d) 
knarrt. 



62 



Mussafia. 



f/uftie komme mit etwas aus. i-^;-isie/^scbiele;6t/a>ci^/e blende. 

tyaorieie träume im halbwachen shoiieie,zburieie schinde, schürfe 

Zustande. auf. 

umdieie demüthige. svarcieie s. vprtsieif. 



II. Anhang. 



Ich theile hier ein Verzeichniss von Verben mit erweitertem 
Präsens aus den istrischen Mundarten von Rovigno (io) und 
Capodistria (eo) mit; erstere nach Dr. Ive's, letztere nach Herrn 
Vatova's Mittheilungen. Für fast jedes Verbum ist auch die 
Nebenform mit betontem Stamme gebräuchhch. Die Formen 
mit io, eo leben im Munde des niederen Volkes, der alten 
Weiber, der Fischer, u. s. w.; der edleren Mundart der Städter 
sind sie beinahe gänzlich abhanden gekommen. Für einzelne 
Verba aus Capodisti-ia wurde nur die 2. und 3. Sing., für andere 
nur die 3. Sing, als gebräuchlich angegeben; die ersten erscheinen 
daher in der Form -ei, die zweiten in der auf -ea. Ich habe 
mir erlaubt, die italienische Uebersetzung meiner Gewährsmänner 
beizubehalten. Einige Sätze, die mii' Herr Vatova mittheilte, 
druckte ich gerne ab, als kleine Probe einer noch fast gar nicht 
untersuchten Mundart. 



armizio (-eir) ormeggio. 

hahio ciarlo. 

hagulio, rne hagoleo (-d-) vo qua 
e la movendomi, me hagoUo 
(-d-) mi prendo spasso, mi 
diverto. 

harhofeo (-o-J borbotto. 

barufio f-oii-), se barvfea (-Ü-) 
m' abbaruffo. — Che vita che 
xe in sta casa; saldo (bestän- 
dig) i se barufea. 

bantiemio (-ie-), biastemeo bieste- 
vieo (-e-, auch bestiemo) be- 
stemmio. 

batizio (-et-) battezzo. 



batoleo (-d-J ciarlo. 

beculio (-ie-), becoleo (- e-) becco, 

beccolo. Eh j^overa didnzola 

(= diavola).' poco s\, ma in- 

tanto semper la hecolea qual- 

cossa. 
bianchizio (-ei-) biancheggio. 
bissinio (-ei-) tiro vescie. 
biulia (-i-) di bue, che saltella 

quasi avesse 1' assillo (beio.) 
bizighto (-ei-) frugo, cerco ta- 

stando. 
brassoleo (-d-) porto in braccio. 
bruntulio (-6n-), brontoleo (-6n- 

und -61-) brontolo. 



Zur Pr!ispnKbild>inK im Komanisclion. 



63 



hrustulio (-oüs-)^ brustoleo (hrüst- 
und -o7oJ abbrnstolisco. Cossa 
fe, comaref Brn,Htoleo sta 
s-cianta de caffe. — Ocio, 
Gnesa, varda la hime, che fi 
te hrustolef i cavei. 

huUghio (-oü-)^ hnleghei (-n- und 
-e-), bulico, mi inuovo. ßave 
che la ga squasi nonanta ani; 
ma intanto la hideghea ancora 
per casa (attende ancora a 
qualche minuta faccenda di 
casa). 

hurdizio (-ei-), hordizeo (-i-) 
bordeggio. 

buzereo (-Ü-) inganno. Wol 
auch in obscöner Bedeutung. 

cacheria (-d-) scricchiola. 

calcagnio (-dgn-) batto coi tal- 
loni. 

calighia (-ei-) fa nebbia. 

calpestrio (-e-) , calpestreo cal- 
pesto, uialtratto. 

me calumeo (-v-) mi avvicino 
adagio adagio ; mi mostro 
propenso a fare la pace dopo 
la contesa. 

calunio (-ou-) calunnio. 

caminio (-ei-) cammino. 

caminvlio cammino a piccoli 
passi, proprio dei bambini. 

campanizio (-ei-) suono Ic cam- 
panc (in einer bestimmten 
Weise). 

cantuUo canterello. 

cantusseo (-v-) canticchio. 

carighio caragh., desc. (-dr-) 



carico, scanco. 



carissio (-t-) accarezzo. 



carizio (-'^i-J carrieggio. 

cassutio (-UÖ-) do pugni, cazzotti. 

catecMzea (-%-) scandaglia 1' ani- 
mo. 

celehreo (cel-) celebro ; bevo 
vino. 

ciacereo (-d-) chiacchiero. 

ciacoleo (-d-) ciarlo. 

cihighio cionco. 

gigaUa (-d-) grida. 

cimegheo cimigheo (-im-) prendo 
via una briciola e poi un' altra; 
stosulla cima, sull' estremita. 
— Ocio, ocio, varda che 7 
casca: el sta svso tanto che 'l 
cimighea. 

me comodeo, descom. (-6m-) mi 
accomodo, scomodo. 

conversi'o (-h-) converso, dis- 
corro. 

coverzeo scov. (-e-) copro, 
scopro. 

crioleo (-el-) crivello. 

criticheo (-it-) critico, dico male. 

crizem.io (-i-) cresimo. 

crochetea, scr. (erde- und -eta) 
crocolea(-öc-), crucnUa (-%iöc-); 
schliesslich : 

crocofea (cröc-). Alle diese ono- 
matopöischen Verba bezeich- 
nen das eigenthümliche Ge- 
räiisch, welches dichte Flüs- 
sigkeiten beim Sieden her- 
vorbringen. Le verze crocotea. 
crostolei (-ös- und -öl-) taccio 
coi denti uno strepito partico- 
lare mangiando croste indu 
rite di pane, crostate. ciam 
belle e öimili. 



64 



Mu5; saf ia. 



ciicidio (-UÖC-) fo carezze. 
citjunio (-071-) cogliono, biu'lo. 
cultivio (-ßi-) coltivo. 
culumizio (-<i^-) economizzo. 
cumpassiumo (-ö-J couimisero. 
comiDiifjhio f-oün-) communico. 
cunfurtio f-iiör-J conforto. 
cunsacrio (-d-) consacro. 
ciinsuUo (-U-) consolo. 
cuntrastio f-d-j contrasto. 
cuntristio (-ei-) contristo. 
cimiUo vo correndo qua e lu 

a piccoli passi. 
cusinio (-et-) cucino. 
me decideo (-i-) ini decido. 
desgarnio (-d-) sgrauo. 
desmentegheo sment. (-ent- und 

-teg-) mi dimentico. 
me desmessedio mi desto. 
desmulio (-uö-j sciolgo, snodo. 
despalancheo (-du-) spalanco. 
destirio (-ei-) stiro, stendo. 
destrighio (-ei-) strigo, sbrigo. 
me dindoUo (-i-) faccio un mo- 

vimento simile a quello del 

pendülo. Ebenso 
me dondoUo f-ön-) mi dondolo. 
dopereo (-6- und -er-) adopero. 
esponea (-Ö-) espone il Santis- 

simo. — Cossa fall in Domo'? 

Se esponea. 
favelio (-i'--J favello. 
fracassio (-d-J fracasso. 
fragelto (-ie-) llagello. 
frantumio (-oü-J tVantumo. 
frigulio (-i-) sbriciolo. 
fucinio (-0Ü-) fo spallucce. 
fvßgneo (-Ü-), fußgnio (-oü-) im- 

broglio, inganno ; sciupo (le 



vestij — Varda, no starte 
senfar in quela maniera, che 
ti te fiißgnei V abito. 
fidminio (-oü-) fulmino. 

fameghio(-oü-) aflfumico. 
fureghea, sf. (-Ü-), furighto 
(-0Ü-) fruga. 

giahilio (-oü-) godo. 

(ßudichio (-0Ü-) giudico. 

giussuUa gocciola. 

grissuUo (-ei-) scricchiolo. 

gritnlio (-ei-) tiro calci. 

gumitio (-uö-) vomito. 

gondolea (-öl-),gundulio (-ön-) 
adesco; accarezzo per viste 
d' Interesse; ven. gondMar. 

imaneghio (-d-) guarnisco di ma- 
nico. 

imastelio (-ie-) metto 11 bueato 
nel mastello. 

imbacucheo (-ü-J m' imbacucco, 
m' incappuccio. 

vie imbagajeo f-dj-j mi copro di 
vestiti sopra vestiti per ripa- 
rarmi dal freddo : indosso 
male le vesti. — Vara come 
che ti te imbagajei; un lampo 
(,Lappen') su, un lampo zo. 

imbaU.nio (-e-) metto le stecche 
;il buöto. 

imbaibuio(-oüj-) imbroglio; ven. 
imbarbogiar. 

imbevario abbevero. 

imhutunio (-ön-) abbottouu. 

imbuvulio (-oüv-) fo bovoli (cor- 
uetti) di pane. 

impasturio (-Ü-) impastojo. 

ivipigidio (-ig-) impecio. 

impilverio (-Ü-) impepo. 



Zur PräsensbildunK im Komanisclien. 



65 



impiturto (-oü-) diping'o, 
impridlchio (-id-) predico. 
me inalboriio (-d-j und 
se inalhorizea (-{-) m' impenno, 

imbizzarrisco, aoinbro, infu- 

rio; dell'asmo anche in senso 

lubrico. — Tase, ve preyo, 

me se inalhorea i cavei. 
inascMo ineschio (-d-, -is-) metto 

l'esca suir amo. 
inasulio (-d-) metto il tilo nel 

cappio. 
incadanio (-en-) incateno. 
incalsinio (-ei-) incalcino. 
incapalio (Inf. -da, Präs. -ielfj) 

metto il cappello. 
incaputio (-uö-) metto il cappotto, 

il palandrano. 
me incasal/io m'intrudo in casa 

altrui. 
incatramio (-dvi-) do il catrame. 
te incioteghei (-Ö-) resti preso in 

trappola; auch la se inciote- 

ghea i cavei. 
incuraio (-dj-) incoraggio. 
incurdelio (-ie-) incordello. 
incuriinio (-ön-) incorono. 
indurmissio (-et-) addormento. 
indxmnio (-et-) indovino. 
infarinio (-ei-) infarino. 
infenucio (-oü-) inlinoccliio. 
inferio (-ie-) inferro. 
xnfvlinio (-ei-) imbratto di fu- 

liggine. 
infuscunio (-oün-) imbratto di 

nero. 
ingavoneo (-6-) rimpinzo. Come 
voleu che sti ßoi sia sanif i 
ringavonea Jin ai od. Dann 

Sitzungsber. d. phil.-hist. Cl. CIV. Bd. I. 



ingavunia (-Ö-) si sbilancia; 
detto specialmente delle bar- 
che quando, per il rovesciarsi 
da un lato, che fa il carico 
che sta nel fondo (gavön), per- 
dono r equilibrio. 

ingumbario (-6-) pongo il vo- 
mero all' aratro. 

insampegheo (-d-) inciampo. 

te insaiiguenei (-d-) t'insanguini. 

insavunio (-6-) insapono. 

insenerio (-ie-) incenero. 

insulferio (-Ü-) inzolfo, do lo 
zolfo alle viti. 

intamhaschio (-ds-) metto sos- 
sopra; vgl. tamh. 

se intardizea (-%-) si ritarda. 

intemperio (-em-) rattempro, 
annacquo il vino. 

interio (-ie-) interro. 

me intossegheo (-Ö-) m'intossico 

■ — Ocio che no ti te intosseghn! 
sagt man ironisch Jemand, 
der eine freundlich angebotene 
Speise zu kosten verschmäht. 

intrapidio (-Ü-) prendo in trap- 
pola. 

intraversio f-ze-) solco coll'aratro 
i campi gia arati. 

intrepetio (-iep-) rattoppo. 

intvdaschio inlinocchio. Vgl. fo- 
descheo. 

invardidio (-d-) metto i gnar- 
dioni (vdrdidi) alle scarpe. 

invidtisslo (-eiss-) avvoltolo. 

inzugnlio (-dg-) aggiogo. 

iradighio (-elg-) abbarbico. 

lagremio, lagremea (-d-) lacrimo. 

melamenfeolem.(-en-)\m\i\\na\\io. 

Hft. 5 



66 



Masbafia. 



lampizia (-ei-), lampizea (-i-) 
lampeggia. 

lavurio (-Ü-) lavoro. 

ledanio f-d-) letamo. 

limighio (-eim-j biascio, lamico. 

luminio num. (-vö-) nomino. 

luminio (-oü-) illuinino (beson- 
ders beimFischfange während 
der Nacht, um durch das 
Licht die Fische anzulocken). 

magnusseo (-U-) mangiucchio. 

magoleo (-d-) percuoto. — Vara 
che ciogo el haston e che te 
magoleo i ossi ! 

malmeneo sm. (-d- und -e-) mal- 
meno, sparlo. 

malsipio (-et-) maltratto. 

maltratio (-d-) mahratto. 

manestreo (-e-), menestrio (-ies-) 
metto la minestra nella sco- 
della. Scherzhafte Anrede: 
Drea, db la cassa e matiestrea. 

manizio (-et-) maneggio, in Capo- 
distria nur refl. memanlzeo mi 
do le mani attonio. 

martorizei (-%-) tu martorii. 

viasemo (-d-), mazeneo (-d- und 
-e-) macino. 

mastüjhio (-et-) mastico. 

viastrusseo (-A-) trituro, smi- 
nuzzo. 

matizio (-el-), matizm (-i-) niat- 
teggio, folleggio; ammatisco, 
mi rompo il capo. 

medegheo (-ed-), mideghio midag. 
(-1-) medico. 

mescoUo mescolo , messedeo 
(-ess-) , messedio mescito, 
mescü. Auch hier wie bei 



manestrea: Drea, cib la cassa 

e messedea. 
minciunio, mincioneo (-Ö-) can 

zono, burlo. 
minsoneo (-6-) menziono. 
minulio, me la me la spasso. 
misculio (-%-) mescolo. 
misurio (-oü-) misuro. 
morsegheo (-6- und -e-) mordo. 
muculio (-UÖ-) smoccolo. 
murmidio murmurio (-u6-) mor- 

moro. 
naveghio (-d-) navico. 
neveghia (-iv-) nevica, 
nississitia e necessario. 
nulizia (-ei-) noleggio. 
numinio; s. luminio. 
faimlio (-d-) pappo, mangio. 
jJarai^gaUo (-d-) pesco col pa- 

rangalo, sorta di lenza con 

piü ami. 
paricio (-%-) apparecchio. 
parlussea (-"A-) comincia a bal- 

bettare (von einem Kinde). 
pascoleo (-d- und -Ö-) pascolo. 
passiunio (-ö-) appassiono. 
pasteneo (-d-) rivolto la terra. 
patei~nustHo (-itö-), paternostreo 

(-Ö-) biascio paternostri. 
pausseo (-äu-) riposo ; fo tregua, 

pausa. 
pedegheo (-ed-) pedino; calco dei 

piedi. — Xe un liever che saldo 

me pedeghea el campo. 
pedessio (-iss-) tiro calci. 
petenio (auch patanw) desp. 

(-iet-), peteneo (-et- und -en-) 

pettino. 
picidio (-et-) penzolo. 



Zur Präsensbildiing im BomaniscbeD. 



67 



pindoleo (-{-) penzolo. 
piovizinea (-iii-) , piuvizinia 

(-ein-) pioviggina. 
pipigneo (-ip-) sottilizzo, sofi- 

stico ; opero materialraente 

senza alacritk e con poco ri- 

sultato. 
piscvlio (-i-) pascolo. 
pissighio (-et-), pissegheo, pü- 

sigheo (-iss- und -eg-) pizzico. 
pissolea (-{-) pioviggina, spande. 
pitocheo (-0-) pitocco. 
pluhichio s. prub. 
pontificMo (-if-) pontifico. — No 

scogni (man darf nicht) vol- 

tar el cao in ver l' örgheno, 

CO 'l veschevo pontißchea. 
precipifeo (-ip-) precipito. 
precoteo (-6-) ricuoco. — La 

hriziole de porco se precotea. 
predicheo (-e-) predico. 
profetizea (-i-) profetizzo, indo- 

vino. 
•me prossimeo (me apprössimo) 

mi apprössimo. 
prnhichio, pluh. (-v-) publ)lico. 
punticio (-n-) fo dei punti, ram- 

mendo. 
pthverizio (-ei-) rendo povero. 
radeghio (-d-) cavillo. 
ragumio (-ou-) sconvolgo lo sto- 

maco. 
me rampegheo (-d-) m' arrani- 

pico. — El se rampeghea sui 

speci = ital. s' arrampica su- 

gli specchi , sucht unmögliche 

Ausflüchte^ 
me rapatumeo (-d- und -xl-) nii 

rappattumo. 



raste lio rastrello ; me rasteUo (-e-) 
mi reggo e muovo a mala 
pena. — Go vudo una pete- 
nada (^schwere Krankheit') 
che no ve digo; za vede, me 
rasteleo mejo che posso. 

ratristio (-et-) rattristo. 

me rebecheo (-ec-) rendo parole 
mordaci per parole mordaci : 
mi rimetto in equilibrio men- 
tre sto per cadere. 

recamio (-d-) ricamo. 

remenio (-e-) malmeno; me re- 
meneo (-em- und -en-) mi di- 
meno qua e \k, insudician- 
domi. — Siestu s-ciopetä; fi 
ga le barghesse niove, e ti te 
remenei par tera come un 
porco. 

repessio (-ie-) rappezzo. 

repussio (-iiö-) riposo. 

resentio, rezenteo (-en-) risciac- 
quo. 

ressussiteo (-u-) risuscito. 

ricizio orecchio. 

rididio (-et-) sorrido. 

ronchizeo (-i-), runchizio (-ei-) 
russo. 

ronfizea (-i-) russa. 

rozeghei (-6- und -e-) , ruse- 
ghio (-0Ü-) rosico, mordo. 

rudulio (-oiid-) rotolo. 

rnmegheo (-Ü-) rumino, cagiono 
uno strepito sordo. 

sacagnio scuoto. 

sacramentio ,-teo (-e-) bestemmio, 
sacramento, tiro moccoli. 

sncrißchea (-if-) sacriflca. 

snlizio (-ex-) selcio. 



o- 



68 



M ussafia. 



saimastrlo salmastro. 
aalmlzio (-ei-) salmeg-gio. 
saltidio saltello. 
saltussio (-0Ü-) saltello. 
samario (-dm-; so Ive mit auf- 
fallender Betonung) fo da 

somaro. 
samemo (-im-), semeneo (-im-) 

semino. 
sapaUo, sapelio (sajMld sapielo) 

seorteccio. 
sapolea (-ä- und -ö-) calco coi 

piedi. 
sapunio (-Ö-) zappo rozzamente 

e con forza. 
savatio (-dt-) acciabatto; savatei 

(-dt-) canimini in ciabatte 

facendo rumore. 
me sazoneo, me dessaz. (-d-) mi 

sazio, fo una scorpacciata. — 

Gessu , el se ben dessazonea! 
sbahassio (-dss-) me la godo ma- 

terialmente. 
shampolea (-d-) di candela che 

non arde bene ed a luce fissa; 

sbampulio sciorino. 
sbevassio (-d-) bevo molto e dis- 

ordinatamente, sbevazzo. 
sheteghio (sbietegä, shidtego) bi- 

sbetico. 
sbianchizeo (-i-) divento bianco. 

— Quanti ani gave, compare? 

Eh, semo It semo lä, vede zd, 

sbiancinzea. 
libituUo (-ie-) peteggio. 
sbizeghco sbizig. (-iz-j cerco e 

ricerco, frugo. — Cossa ti 

sbizighei lä in quei straf anici? 

(Lumpen^ Abfälle). 



sbomhorea sbromh. fa pancia; 

e prossimo a franare. — Co 

sto ümedo quel muro lä el me 

dato sbomborea. 
sbrindidio (-ei-) spenzolo, 
sbrissoleo (-i-) sdrucciolo, sci- 

Vülo. 
sbrodeghei (-d-), sbrudeghio (-uö-) 

insudicio ; lavo , risciacquo 

alla buona. 
me sbrodoleo (-öd-) m' imbro- 

dolo. 
sbuzinici romba, fischia (del ven- 

to, delle pietre lanciate con 

fionda, delle barche quando 

fendono le acque con celerita). 
scandulizio (-ei-) scandolezzo. 
scapinio corro intorno. 
scapiissea (-U-) scappuccio, in- 

ciampo, erro. 
scaramio squar. (-dm-) pesco 

calamari. 
scareghio (-d-) scarico. 
scarpassio (-ds-) trascino le 

scarpe grossolanamente. 
scarpedeo (-d-) rivolto terra, ma 

superficialmente ; raspo^ raz- 

zolo. 
scarpalio (scarpeld , scarpielo) 

scalpello. 
scarselio (-ie-), scarseleo (-e-) 

intasco. 
scarsizeo (-%-) scarseggio. 
scarugnio (-oil-) diffiilcoin modo 

taccagno. 
scavassio (-dss-) spezzo. 
schissoleo (-i-) inumidisco, umet- 

to: alslmpers. comincia a pio- 

vere. — La schissolea la bian- 



Zur Präsenshildnne im Romanischen. 



69 



■ chevia. — Amin, che fnmpo 
xelof — Schissolea, ßa niia! 

s-ciafizeo (-i-) scliiafFeggio. 

s-ciapimo f-ßi-J fo male una cosa. 

s-ciopeten (ob keine stammbe- 
tonte Form vorhanden? als 
solche wird mir nur s-ciopetiza 
angegeben) scoppietta vom 
Feuer; s-ciupetio sparo il fucile. 

scominciei (-in-) comincio. 

scqrter)Mo (-6- und -e-Jscortico. 

scoverzeo; s. coverzeo. 

me screme)ieo (-em-) m'arruffo 
i capelli. 

scricoUi (-i-) digrigni i denti ; 
auch von dem Knistern der 
Stiefel. Die Stutzer lieben 
diess; daher die ironische 
Redensart do pataconi de piü, 
ma che i scricolei. 

scripigneo macchio, inzacchero. 

sculassio (-d-) sculaccio. 

sculitio (-{-) raccolgo i rimasugli. 

scuncassio (-d-) sconqiiasso. 

scurezio (-Ü-) tiro corrcggie. 

scuvuUo (-ÜV-) spazzolo. 

semenei; s. samenio. 

sepeteo rattoppo. — La mdmola 
xe in cdmhera che la sepetea 
le harghesse del mamo. 

sermentei (Sn-) tagli sermenti. 

sfadighio (-ei-) m' afFatico. 

sfregoleo (-e-) stropiccio: als 
Reflex, mi rendo amico alcuno 
fregandomigli d' attorno. 

sgargarizio (-et-) gargarizzo. 

sgrafignio (-ei-) arrafFo, aunci- 
no. Gleiche Bedeutung hat 

sgrufulio (-oüf-). 



sgnnterio (-d-) diguazzo. 

siezoUo (-ie-), sizulio (-i-) taglio 
colla falce. 

signißcheo (-if-) significo. 

sinicheo sindaco^ censuro; es ist 
wol dasselbe Wort wie sini- 
chio (sienicä, sienico), das Ive 
durch secco (,sekire') über- 
setzt. 

sipidio (-{-) pesco seppie. 

smentegheo; s. desm. 

smingidio (-ei-) riduco in bri- 
ciole, 

sofegheo (-6- und -e-) soffoco. 

somegiei (-e-) rassomigli. 

sparagnea (-dgn-) risparmia. 

sparnissio (-ei-) disperdo. 

spassizio (-ei-) passeggio. 

spissighio (-eiss-)-^ Bedeutung? 

spitnrio espettoro. 

sjpidverio (-u-) spolvero. 

sqiiaquerel (-d-) squacqueri. 

me stagioneo stajon. (-Ö-) mi sta- 



gnono. 



strangoleo (-d- und -6-), stran- 

gulio (-11-) strangolo. 
starnudio (-oü-) sternuto. 
strassinio (-et-), strassineo (-i-) 

trascino. 
strepiteo (-e-) , stripitio (strie- 

pitä, striepito) strcpito. 
strolegheo (-d-), sfruleghio (-n-) 

fantastico, fo lunarii. 
subhdio (-oul-) fischio. Ebenso 
suhiutio (-oüt-). 
S7ibussio (-0U-) metto uno in 

acqua a capo fitto. 
.mpressio (-ie-) stiro la bian- 

cheria. 



70 



Mus saf i a. 



sussureo scompiglio, tui'bo. — 
Sta quieto, cossa ti sussurei 
quele galin e? 
suterio sotterro. 
svalizio (-et-) svaligio. 
sventulio, te sventoUi (-e-) sven- 

tolo. 
iahachio, tahachea (-de-) tabacco. 
tacunio (-Ö-) rattoppo. 
fambario (-dm-) trimpello, batto 
sulla coperta delle barche pe- 
schereccie per ispavcntare il 
pescc. 
f,ainbaschio,tamhascheo(-ds-)dico 
SU parole e parole senza che 
altri m'intenda. 
tamhureo, tamburio (-il-). — Idol 
i qervei sti benedeti soldai; 
cossa i taniburea duto et san- 
tissimo zorno! Für dasRovign. 
bemerkt Ivc, das Verbum 
werde gebraucht um den 
Lärm zu bezeichnen, welchen 
die Fischer machen, um den 
Fischen Furcht einzuflössen. 
tamizio (-ei-) cribro. 
tarocMi (-Ö-) litighi. 
tarayatateo (-dto) fo confusione, 

fo un casa del diavolo. 
tartassea (-dss-) tartasso. 
tarunz'io (-Ö-) taghuzzo intorno 

intorno. 

me fazevteo (-e-) mi tranquillo. 

tempesteo (-es-) tempesto; el lo 

tem'pestea de domnnde'^ auch 

tampestea cadc la tempesta. 

tochizea tonchizea (-1-) dei tocchi 

concitati della campana alla 



fine deir ultimo segno che 
chiama alla messa. Auch 
pers. von Dem, der läutet. 

todetscheo parlo tedesco. — Son 
Stada, save, in siiso (bei einer 
Behörde) — conteme, conteme, 
come la xe andada'? — Noma 
che i todeschea qiiei siori lä 
su; chi vole che li capissi? In 
Rovigno tudescMo int. (-is-) 
rompo il capo ad alcuno. 

m« tomholeo (-öm- und -61-), tum- 
bidio (-6m-) fo capitomboh ; 
cado a capitomboli. 

tonizea (-i-), tunizia (-ei-) tuona . 

tontoneo (-6nt- und -6n-) brontolo 
senza fine. 

trapanio (-dp-) trapano, perforo. 

travasio (-ds-) travaso. 

trepeteo (-ep-) passeggio su e giü 
facendo rumore. — Saldo la 
trepetea (== savatea) per 
casa. 

tribuUo (-ei-),tribolea(-i-) tribolo. 

trombeteo (-e-), trumbetio (-it-) 
trombetto. 

trotoleo (-6t-), trutulio (-tiot-) fo 
passi piccoli e frequenti quasi 
saltellando. 

trumentio türm,, (-e-) tormento. 

urdenio (-Ü-) ordino. 

vendemio (-im-), vendemeo (-en- 
und -em-) vendemmio. 

verdezea (als stammb. wird in- 
verdiza angegeben) verdeg- 
gia. 

vrigulio (-et-) trivello. 

zunzidio (-6n-) gongolo? 



Znr Pi'äsensbildung im Romanischen. 71 



IV. Anhang. 

Verba, die in der Mundart von Veglia ein Präsens auf 

■aj- aufweisen. 

a) Der I. lat. Conjugation. 

catdjo (Inf. -udr) finde. sudajo (-udr). 

despressiajo. suflajo. 

fu Iminaja . suspirajo . 

legajo (-udr). tocajo. 

sperajo. tonaja. 

stimajo. tremajo (-udr) 

studajo (-iur). vegliajo. 

h) Der II. lat. Conjugation. 
-potajo (-dre) = pot-ere. tacajo (-dr) schweigen. 

c) Der III. lat. Coujugation. 

desponaja (-dr); el tidmp se d. premajo (-dre). 

alla pludja. sielgajo (-dr). 

distenguajo (-dr). 

d) Der IV. lat. Conjugation. 
fossujo (-er). venajo (-ere). 



Zusätze. 

Zu S. 3. Ob dem rumän. l^uddm l^Aiddisi lat. laud-abdmns, 
-ahdtis oder lauddh-amus, -aus zu Grunde liegt? Erstcrc Ansicht 
verficht Miklosich, Beiträge V, 33; letztere Lambrior, Roman. 
IX, 366. Für ein näheres Eingehen auf die Frage ist hier 
nicht der Ort. Ich hätte aber jedenfalls besser gethan, den 
Ausdruck , vielleicht im Rumänischen^ zu gebrauchen. 

Zu S. 3 und 4. Trotzdem ich bei der Anführung der 
Fälle, in denen Versetzung des Accentes aus analogischom Triebe 
stattfand, durchaus keine Vollständigkeit anstrebe und eine ge- 
wisse Anzahl von Roispiclrn für meinen Zweck ausreicht, so 



72 Mussafia. 

mög-e doch zu dem im Texte Angeführten noch Folgendes hin- 
zuti'eten. Eine JMonographie, welche die Erscheinung anf allen 
Gebieten verfolgte, würde keine undankbare Aufgabe sein. 

Vorrückung des Accentes innerhalb der Endung — um 
die Tonverhältnisse der verschiedenen Formen eines und des- 
selben Tempus anzugleichen — auch in der später unter ,Veglia' 
angeführten 1. Pers. Sing, credassai, (gleichsam rred-issem), be- 
einflusst durch credassdite (= -etis). 

Vorrückung des Accentes innerhalb der Endung auch im 
rumän. Imperf. Ind. der lat. III. und IV. Conjug. : -edm, -edi, -ed. 
Zwei Erklärungen schienen möglich. Man könnte meinen, an 
-ebdmus , -ebdtis seien -ehd-m, s, t, nf angeglichen. Da aber 
dieser Vorgang der Sprache sonst unbekannt ist (vendam hat 
sich z. B. nicht an venddmus angeglichen), so ist diese Deutung 
abzulehnen. Hier liegt ein anderes Walten der Analogie vor: 
das Imperf. Ind. der lat. II. und IV. Conjug. folgte dem der I. ; 
wie neben kuntd.m knntdtzi sich ßoredm ßoredtzi finden , so 
wurden an kunt-dm, di, d auch ßor-edm, edi, ed angebildet. 
Auch eram ging mit: er-dm, dt u. s. w. 

Betonung bald des Stammes, bald der Endungen in den 
einzelnen Formen eines und desselben Tempus kommt ausser im 
Präs. auch im Imperf. Ind. von esse und im starken Perf. vor, 
und in beiden Fällen fiindet sich vollständige oder partielle An- 
gleichung mittelst Zurückziehung des Accentes : Span. Port. 
eramos erais (-eis). Ital. Mund., z. B. in Capodistria: ierimo 
(die 2. Plur. ieri ist die des Sing.) ; Sicil. eramu (eravu ist streng 
genommen nicht erdtis -f- vos) u. s. w. 

Im starken Perf. am deutlichsten im Altrumänischen: 
rüpsl, rüpsesi, rüpse, rüpsem, rilpsetst, rüpsere ; vgl. Miklosich, 
Beiträge V, 32. Ital. mdimo, sfeltimo; eben so in Mundarten, 
z. B. Sicil. : vittimu, vistimu, stettimu, sfesimu geben wohl eher 
das classische vidimus^ stetimiis wieder, wie die 2. Sing, und 
Plur. vedest-i-e, vidist-i-ivn wahrscheinlich machen. Spätere franz. 
Formen wie voustes scheinen mir auch, wenigstens zum Theile, 
hieher zu gehören. 

Im Präs. Conj. tirol. Mundarten zieht sich der Accent 
in der 1. und 2. Plur. vielfach auf den vStamra zurück; so in 



Zur Piäsensbildung im Romanischen. io 

Cöret (Nonsberg); dhia, ähiesf, rjbia, dhien, dhi'en; sia, siest, süi, 
den, sim (Böhmer in den Rom. St. III, 77), in Cagno (Nonsberg") 
portta, fjrties^ portia, portien, pjrtio^ pQrtia und so in allen 
(Konjugationen (Gärtner, Sulzb. W. 13.) 

In der Volksspraehe Portugals werden die 1. und 2. Plur. 
Präs. Conj. der E- vmd 7-Verba mit betontem Stamme ausge- 
sprochen : devamos, devais, fujamos, füjais. Dass hier keine An- 
gleichung an dev-a-, as-, -a, -ad vorliegt, beweist der Umstand, dass 
die Erscheinung bei den /l -Verben (deren tonlose Conjunctiv: 
Endungen -e, -es u. s. w. lauten) ausbleibt. Wir haben es hier, 
nach Gon9alvcs Vianna (Roman. XII, 92), mit Angleichung an 
das Imperf. Ind. zu thun, das in der ZAveiten Silbe seiner En- 
dungen -a, -as, -a, -anios, -eis, -ad bietet. Also wie amdva, 
amdcamos, devia, deviamos, so deva, devamos , fuja, fujamos. 
Die Accentversetzung dürfte demnach vorerst die 1. Plur. ge- 
troffen haben, denn nur hier findet sich Parallelismus der En- 
dungen, während in der 2. Plur. dem -ais des Conjunctivs ein 
-v-eis im Imperf. Ind. gegenüber steht. Die 1. Plur. hat dann 
die 2. mit sich gezogen. Nach Goncalves Vianna kennt auch 
die spanische Volkssprache dieselbe Erscheinung. 

Zu S. 16. Die Vermuthung, dass auch im Buchensteini- 
schen -ey-Conjunctive sich finden werden, wird mir jetzt durch 
Gärtner bestätigt, welcher in handschriftlichen Aufzeichnungen, 
die ihm Schneller mittheilte, folgenden Satz findet: cosi se spri- 
goleja i tosacg ,so fürchten sich die Knaben^ 

Zu S. 35. Entreü in S. Bernh., das AViUenberg (S. 4015) 
gerne als einen Fehler ansähe, kann ganz gut als ein Beleg 
unserer Erscheinung angesehen werden ; et statt oi hie und da 
auch im Gregor über Ezechiel. 

In Ogier le Danois V. 106(5 liest der Druck iien retenrai. . . 
taut qne sarai con Kallon se plaidoif', dnzu die Variante K. esploi- 
teroit. Darf man in erstcrer Lesung ein sicheres Beispiel eines 
-ot-Conjunctivs erblicken ? 

Zu S. 36 und 54. Conjunctive auf -ei und -eize im 
Dauphine aus der Sammlung Lapaume's sind in Flochtner's 
Abhandlung über das Alexander-Fragment (S. 74) verzeiclmet. 



74 Mussafia. 

Zu S. 49. Bei Ant'iibrimg des altlotlirin^e;. Conjunctivs -oica 
-oisse fügt Bonnardot (Gu. de Metz S. 454) noch hinzu: ,de la 
sa faveur et sa persistance dans le patois moderne sous la 
notation -etisse qui tigure indistinctement le pr^s. et l'imparf. 
du subj/ In der That führt Adam nur für eine Section stamm- 
betonte Conjunctiv-Formen (gnilri, sauve, minge) an, sonst kennt 
er blos betonte Formen mit den Endungen -esse, -ess', -ehhe, 
-eusse, -euhke, -euh ; nur fasst er sie als Imperf. Conj. (also auf 
lat. Plusquamperf. Conj. zurückgehend) auf.' Ich glaube, Bon- 
nardot sei im Rechte; denn die 1. Plur., die auf -ms, -insse geht 
(chantins, demändinsse u. s. w.) kann doch wohl nur mit -emns, 
-timns, nicht mit -assemus, -issem.us zusammenhängen. 



Bibliographie. 2 

Adam, Lueien. Les patois lorrains. Nancy-Paris, 1881. 
Alexandre. Li romans d'Alix, par Lambert 11 Tors et Alexandre 

de Bernay . . . herausgegeben von Heinrich Michelant. Stutt- 
gart, 1846. (XIII. Bd. der Bibl. des lit. Ver.) 
Alton, J. Die ladiuischen Idiome in Ladiuien, Gröden, Fassa, 

Buchenstein, Ampezzo. Innsbruck, 1879. 
Behrens, Dietrich. Unorganische Lautvertretung innerhalb der 

formellen Entwickeluug des französischen Verbalstammcs. 

Heilbronn, 1882 (= Französische Studien, III. Bd., 6. Heft.) 
Boileau, Esticnne. Le livre des mestiers public par Rene de 

l'Espinasse et Franc;ois Bonnardot. Paris, 1879. 
Carigiet, Basilius. Raetoromanisches Wörterbuch, surselvisch- 

deutsch. Bonn, 1882. 
Chabaneau, Camille. Grammaire limousine. Paris, 1876. (Aus 

der Revue des langucs romanes, Bd. II — X.) 
de Chambure, E. Glossaire du Morvan. Etüde sur le langage 

de cette controe compare avec les principaux dialectes de la 

France. Paris, 1878. 
(Coquebert de Montbret.) Mclanges sur les langues, dialectes 

et patois etc. Paris, 1831. 
Finamore, Gennaro. Vocabolario dell' uso abruzzese. Lanciano, 

1880. 



* Er sagt: ,Taiuli.s qu'en fram;-ais rimparfait du subjonctif somble etre 
f'ra[>p(' de discredit et que la teiidance jj^cuerale ost ;i son remplacement 
par lo proseiit, c'est au contraire, dans la plupart de nos patois, I'im- 
parfait (jui s'emploie pour le pr^seut. 

' Die Zeitschriften zu verzeichnen, hielt ich für überflüssifr. 



Zur Präsensbildnn? im Romanischen. 70 

Flechtner, Hermann. Die Sprache des Alexander-Fragmentes 
des Alberich von Besantjon. Breslau, 1882. 

Forel, Franr;ois. Charles communales du pays de Vaud des l'an 
1214 a l'an 1527. Lausanne, 1872. (Memoires et documents 
publies par la Societc d'histoire de la Suisse romande, XXVII.) 

Forir, H. Dictionnaire liegeois-franc^ais. Liege, 1866 — 1874.' 

Gärtner, Theodor. Die Gredner Mundart. Linz, 1879. 

Gärtner, Theodor. Sulzberger Wörter. (Sonderabdruck aus dem 
Programme der k. k. Unterrealschule . im V. Bezirke Wiens.) 
Leipzig, 1883. 

Gillieron. Patois de la commune de Vionnaz (Bas-Yalais). Paris, 
1880. (XL. Band der Bibliotheque de l'dcole des hautes 
etudes. Sciences philologiques et historiques.) 

G e r 1 i ch, Ewald. Die südwestlichen Dialekte der langue d'oil . . . 
Heilbronn, 1882. (= Französische Studien, IIL Bd., 2. Heft.) 

Girart de Rossillon. Die Oxforder Handschrift nach Förster's 
und die Londoner Handschrift nach Stürzinger's Abdruck im 
V. Bande der Rom. St.; die Pariser Handschrift nach der 
Ausgabe von Konr. Hofmann; Berlin, 1855 — 1857. 

Girart de Rossillon. Le roman de G. de R. . . . public pour 
la premicre fois . . . par Mignard. Paris et Dijon, 1858. 

Gregor. Li dialoge Gregoire lo pape. Altfranzösische Ucber- 
setzung des 12 Jahrb.... und Moralium in Job Fragmcnla. 
Zum ersten Male herausgegeben von Wendelin Förster. Halle 
und Paris, 1876. 

Gregor. Altburgundische Uebersetzung der Predigten Gregors 
über Ezechiel aus der Borner Handschrift von Konrad Hof- 
mann. (Aus den Abliandlungen der k. bayer. Akad. der Wiss. 
L GL, XVI. Bd., 1. Abth.) 

H i b. Moralium in Job Fragmeuta (altfranzösische Uebersetzung. 
ed. Förster.) S. Gregor. 

Haefelin, Fr. Les patois romans du canton de Fribourg. Gram- 
maire, choix de poesies populaircs, glossairc. Leipzig, 1870. 

Hentschke, Georg. Die Verbalflexion in der Üxfordcr Hand- 
schrift des Girart de Rossillon. Halle, 1882. 

Jaubert. Glossaire dii centre de la France. Paris, s. a. 2 Bände. 

Jehan de T u i m. Li hystore de Julius Cesar, eine altfranzösi- 
sche Erzählung in Prosa, zum ersten Male herausgegeben von 
F. Settegast. Halle, 1881. 

Joufrois. Altfranzösisches Rit< orgedicht. Zum ersten Male hcr- 
aiisgegebcn von Konrad Hof mann und Franz Muncker. Halle, 
1880. 

La guerre de Metz en 1324, poeme du XIV^ siecle public par 
E. de Bouteillier, suivi d'etudes critiqnes sur lo texte par 



' Ich konnte nur den ensten Rand benützen. 



76 MnssBfia. 

F. Bonnardot e\ pr6c«5dc' d'une preface par Leon Gautior. 

Paris, 1S75. 
Lapaume. Recueil de po^sies en patois du Dauphin^ etc. Grenoble, 

1878. 
Les Lapidaircs franqais du vnoyen äge des XIP XIIP, et XI V'^'' 

siecles rcunis, classcs et publi<js accompagnes de prefaees, de 

tables et d'un glossairc, par Leopold Pannier, avec une notice 

preliminaire par Gaston Paris. Paris, 1882. (LIP fascicule 

de la Bibliothequ-e de 1' ecole des hautes etudes, sciences 

pbilologiques et historiques.) 
Lc livre dos mcstiers, dialogues fran^ais-flamands composes au 

XIV«* siecle par un maitre d'ecole de la Tille de Bruges, pu- 
blic par H. Michelant. Paris, 1875. 
Marnicr, A. J. Ancien couturaier de Bourgogne. In: Revue histo- 

riquc de droit francjaiß et etrauger publice sous la direction de 

MM. Ed. Laboulaye, E. de Roziere etc. Bd. III. Paris, 1857. 
Melanges sur Ics langues, dialectes et patois. S. Coquebert de 

Montbret. 
Motivier, Georges. Dictionnaire franco-normand ou recueil de mots 

partieuliers au dialectc de Guernesey. Williams and Norgate, 

1870. 
Miguard, Histoirc de l'idiome bourguignon et de sa litterature 

propre etc. Bijon, 1856. 
Miklosich, Franz. Beiträge zur Lautlehre der rumänischen Dialekte. 

Wien, 1881 — 1882. (Separatabdrücke aus den Bänden 98 bis 

102 der Sitzungsberichte der philos.-hist. Classe der kais. 

Akademie der Wissenschaften.) ' 
Monin, F. Etüde sur la genese des patois et en particulier du 

roman ou patois lyonnais. Paris et Lyon, 1873. 
Müller, Konrad. Die Assonanzen im Girart von Rossillon nach 

allen erreichbaren Handschriften bearbeitet. Heilbronn, 1882. 

(::= Französische Studien, III. Band, V. Heft.) 
Nouvelles frangoises en prose du XIIP siecle publiees d'apres les 

manuscrits avec une introduction et des notes par L. Molaud 

et C. d'Höricault. Paris, 1856. 
Ogier. La chevalerie 0. de Danemarche par Raimbert de Paris. 

Paris, 1842. 
Onofrio, J. B. Essai d'un glossaire des patois du Lyonnais, Forez 

et Beaujolais. Lyon, 1864. 
Pallioppi, Zaccaria. La conjugaziuu del verb nel idiom romauntsch 

■ d' Engiadin'ota. Samedan, 1868. 
Papanti, Giovanni. I parlari italiani in Certaldo alla festa del 

V. Centenario di messer Giovanni Boccacci. Livorno, 1875. 
Pont, G. Origines du patois de la Tarentaise. Paris, 1872. 



• Das Citat zu .Rumänisch' soll nicht ,111, 9", soiulftrn ,TV, 0' lauten (= 
Sitzungsber. CI, 9). 



Zur Präsenshildnng im Romanischen. 77 

Psalter. Lothringischer Ps. (bibl. Mazarine No. 798), altfranzösische 
üebersotzung des XIV. Jahrhunderts mit einer grammatischen 
Einleitung . . . und einem Glossar, zum ersten Male heraus- 
gegeben von Friedrich Apfelstedt. Keilbronn, 1881. (IV. Band 
der altfranzösischen Bibliothek.) 
Ileiffenbcrg. Monuments pour servir a l'histoire des provinces de 
Natuur, de Hainaut et de Luxcmbourg recueillis et publies 
pour la premiere fois. Bruxelles, 1844 ff. 
Roisin. Franchises, lois et coutumes de la ville de Lille, ancien 
manuscrit . . . public avec des notes et un glossaire par Brun- 
Lavainne. Lille et Paris, 1842. 
Scheler, August. La geste de Liege par Jehan des Preis dit 
d'Outremeuse. Glossaircphilologique. Bruxelles, 1882. (Aus dem 
XLIV. Bande der Memoires de l'Academie royale des sciences, 
des lettres et des boaux-arts de Belgique.) 
8chnackenburg, J. F. Tableau synoptique et comparatif des idio- 

mes populaires ou patois de la France. Berlin, 1840. 
Savini, Giuseppe. La grammatica ed il lessico del dialetto Tera- 

mano. Torino, 1881. 
Sigart, J. Glossaire etymologique montois ou dictionuaire du wallen 
de Mous et de la plus grande partie du Hainaut. Deuxieme 
edition. Bruxelles et Paris, 1870. 
iStürzinger, Jacob. Ueber die Conjngation im Bätoromanischen. 

Winterthur, 1879. 
Thurneysen, Ed. Rudolf. Das Verbum etre und die französische 
Conjugation. Ein Bruchstück aus der Entwickelungsgeschichte 
der französischen Flexion. Halle, 1882 
Tissot, I. Le patois des Fourgs, arrondissement de Pontarlier, 
departcment du Doubs. Paris, 1835. (Extrait des Memoires 
de la societ^ d'emulation de Doubs.) 
Tobler, Adolf. Die altvenezianische Uebersetzung der Sprüche des 
Dionysius Cato. (Aus den Abhandlungen der königl. preuss. 
Akademie der Wissenschaften vom Jahre 1883.) Berlin, 1883. 
de Wailly, Natalis. Obscrvatioas gramraaticales sur des chartes 
frauQaises d'Aire en Artois. Paris, 1872. (Aus der Bibliotheque 
de l'ecole des chartes, tome XXXI.) 
— Memoire sur la langue de Joinville. Paris, 1870. (Aus deu 
Memoires de l'Acadciuie des iuscriptions et belles-lettres, tome 
XXVI, 2« partie.) 
Yzopet, Lyoner; altft-anzösische Uebersetzung des XIII. Jahrhun- 
derts in der Mundart der Franche-Comte mit dem kritischen 
Text des lateinischen Originals . . . zum ersten Male heraus- 
gegeben von Wendeliu Foerster. Heilbronn, 1882. (V. Band 
der altfranzösischen Bibliothek.) 



IX. SITZUNG VOM 11. APRIL 1883. 



Das k. k. Ministerium für Cultus und Unterricht über- 
It eine Einladung zu dem in diesem Jahr 
sechsten internationalen Orientalisten-Congress. 



mittelt eine Einladune,' zu dem in diesem Jahre stattfindenden 



Die k. bayer. Akademie der Wissenschaften in München 
macht Mittheilung von den am 28. März d. J. ausgeschrie- 
benen Preisen des Zographos-Fondcs. 



Die k. würtemb. Archiv-Direction in Stuttgart übersendet 
den vierten Band des von ihr herausgegebenen ,Würtembergi- 
schen Urkuudenbuches'. 

Von dem w. M. Herrn Dr. Pfizmaier wird eine für 
die Denkscliriften bestimmte Abhandlung : ,Die Gottesmenschen 
und Skopzen in Russland^ vorgelegt. 



Herr Professor Dr. J. Loserth in Czernowitz übersendet 
unter dem Titel: ,Aus Breslauer Handschriften^ urkund- 
liche Beiträge zur Geschichte Böhmens und seiner Nachbar- 
länder im 14. und lö. Jahrhundert und ersucht um Aufnahme 
derselben in das Archiv für österreichische Geschichte. 



Von Herrn Dr. H. Marczali, Professor in Budapest, wird 
mit dem Ersuchen um Publication in den akademischen Schrif- 
ten vorgelegt: ,Jcurnal von 1789. lieber den Feldzug und 



I 



i 



79 

mein geführtes Commando der Hauptarmee gegen die 
Türken in Syrmien und dem Banat, von Graf Andreas 
von Hadik'; mit einer kurzen Einleitung über die Tagebücker 
des genannten Feklmarschalls und Hofkriegsraths-Präsidenten. 
Beide Vorlagen gehen an die historische Commission. 



An Druckschriften wurden vorgelegt: 

Accademia, R. delle scienze di Torino: Atti. Vol. XVIII, Disp. 1» (No- 

vembre— Dicembre 1882). Torino, 1882-, 8». 
Akademija jugoslavenska znanosti i umjetnosti: Rad. Knjiga LXII. 

U Zagrebu, 1882-, 8». 

— Rjecnik hrvatskoga ili srpskoga jezika; obraduje D. Danicic. Dio I, 
svezak 4. U Zagrebu, 1882; 8". 

British Museum: A Catalogue of the greek coins. Thessaly to Aetolia and 
the Ptolemies, Kings of Egypt. London, 1883-, 8". 

Bureau, k. statistisch- topograpliisches : Beschreibung des Oberamts Künzels- 
au. Stuttgart, 1883-, 8«. 

Faculte des lettres de Bordeaux: Annales. IV^ annee, No. G. Bordeaux, Lon- 
dres, Berlin, Paris, Toulouse, 1882; 8». 

Gesellschaft, k. k. geographische in Wien: Mittheilungen. Band XXVI, Nr. 2. 
Wien, 1883; 8». 

Nationalmuseum, germanisches: XXVIII. Jahresbericht. Nürnberg, Januar 
\ 1882; 4". — Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. Nr. 1 — 12. Nürn- 

berg, 1882; 40. 

Society, the Asiatic of Bengal: Bibliotheca indica. Nos. 483 and 48G. Cal- 
cutta, 1882; 80. 

— the royal geographica!: Proceedings and Monthly Record of Geography. 
Vol. V, Nr. 3 and 4. March and April 1883. London; 8". 

Strassburg, kaiserliche Universitäts- und Landesbibliothek: Akademisclie 

Schriften im Jahre 1881/82; 84 Stücke, 40 und 80. 
Verein für meklenbiirgischc Geschichte und Alterthuniskunde: Jahrbücher 

und Jahre.sbericht. XLVII. Jahrgang. Schwerin, 1882; 8". 
— - Meklenburgisches Urkundoubuch. XII. Band, Wort- und Sachregister zu 

Band V— X. Schwerin, 1882; gr. 4o. 

— historischer der fünf Orte Luzern, Uri, Schwyz, Unterwaiden und Zug: 
Der Goschichtsfround. XXXVII. Band. Einsiodeln, New-York, Cincinnati- 
und St. Louis, 1882; 8". 

Wissenschaftlicher Club in Wien: Monatsblätter. IV. Jahrgang, Nr. l! 
und Ausserordentliche Beilage Nr. IV. Wien, 1883; 80. 



1 



X. SITZUNG VOM 18. APRIL 1883. 



Von Herrn Dr. Wilhelm Kubitschek, wii-kl. Lehrer an 
dem Gymnasium zu Oberhollabrann , wird eine Abhandlung- 
unter dem Titel: ,Studien zu Juhus Honorius. Zugleich ein 
Beitrag zur Kritik der Erdkarte des AgrippaS mit dem Er- 
suchen um ihre Aufnahme in die Sitzungsberichte vorgelegt. 

Die Abhandlung wü'd einer Commission zur Begutachtung 
überwiesen. 

Herr K. Glaser, Professor an dem Staatsgymnasium zu 
Triest^ überreicht eine Abhandlung: ,Ueber Bäna's Pärvati- 
parinayanätaka' und ersucht um die Veröffentlichung derselben 
in den Sitzungsberichten. 

Die Vorlage wird einer Commission zur Berichterstattung 
zugewiesen. 



f 



An Drucksolirifteii wurden vorgelegt: 

AcacUmie imperiale des .sciences de St.-Petersbourg: Zapiski. Tom. XL, 
Nos. 1 und 2; Tom. XLI, Nos. 1 und 2; Tom. XLII. St.-Petersbourg, 

1882; 8«. 
Accademia, R. delle scienze di Torino: Atti. Vol. XVIII, Disp. 2» (Gennaio 

1883). Torino; 8«. 
Akademie der Wi.s.sen.scliaften, k. bayerische: Abhandlungen der histori- 
schen Classe. XVI. Band, II. Abtheilung. München, 1882; 4". 

— Churfürst Maximilian I. von Bayern. Festrede von Felix Stieve. München, 
1882; 4". — Aus dem handscliriftlichen Nachlasse L. We.stenrieder's, von 
August Kluckhohn. I. Abtheilung. Denkwürdigkeiten und Tagebücher. 
München, 1882; 4«. — Ueber die Anfänge des kirchenpolitischen Kampfes 
unter Ludwig dem Bayer von Wilh. P reg er. München, 1882; 4'. 

— Abhandlungen der philosophisch - philologischen Classe. XVI. Band, 
in. Abtheilung. München, 1882; 4». 

— Der Khetor Menandros und seine Schriften, von Conrad Bursian. 
München, 1882; 4". — Die Atticusausgabe des Demosthenes, ein Beitrag 



81 

zur Textesgeschichte des Autors, mit 1 Tafel, von W. Christ. München, 
1882; 4". — Kyaxares und Astyages, von Georg Friedrich Unger. 
München, 1882-, 4". 
Akademie der Wissenschaften, k. schwedische: Oefversigt af Förhandlingar. 
:{9: de Arg. Nr. 70, 8. Stockholm, 1883; 8». 

— Vitterhets historie och Antiquitets: Antiquarisk Tidskrift. G. Delen, 
3. Haftet. Stockholm, 1880—1882; 8». 

Alterthums-Verein zu Wien: Berichte und Mittheilungen. Band XXI. 

Wien, 1882; 4". 
Bonn, Universität: Akademische Schriften pro 1882. 59 Stücke, 8" und 4". 
Central-Commission, k. k. zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und 

historischen Denkmale. IX. Band, I. Heft. Wien, 1883; gr. 4". 
Gesellschaft der Wissenschaften, königl. böhmische: Abhandlungen vom 

Jahre 1881 und 1882. 6, Folge, XI. Band. Prag, 1882; 4". 

— Sitzungsberichte. Jahrgang 1881. Prag, 1882; 8". — Jahresbericht. Prag, 
1881; 8". 

— Regesta diplomatica nee non epistolaria Bohemiae et Moraviae: Pars II. 
Opera Josephi Emier. Vol. VIII und IX. Pragae, 1880 et 1882; 4". 

Handels-Ministerium, k. k. in Wien, statistisches Departement: Statisti- 
sche Nachrichten über die Eisenbahnen der österr.-ungarischen Monarchie 
für das Betriebsjahr 1879. Wien, Bresben, 1882; fol. 

Istituto veneto di scienze, lettere ed arti: Memorie. Vol. XXI, Parte III. 
1882. Venezia; 4". 

— Atti. Tomo VII, serie quinta, dispensa 10" Venezia, 1880 — 1881; 8». — 
Tomo VIII, Serie quinta, dispensa 1« — 10«. Venezia, 1881—1882; 8«. — 
Tomo I, serie sesta, dispen.sa 1«— 3^. Venezia, 1882—1883; 8". 

Verein für nassauische Alterthumskunde und Geschichtsforschung: Annalen. 
XVII. Band, 1882. Wiesbaden, 1882; 8". 



Sitzungsber. d. phil.-liist. Ol. CIV. Bd. I Hft. 



XI. SITZUNG VOM 2. MAI 1883. 



Für die akademisclie Bibliothek wurden nachfolgende 
Werke eingesendet: 

von dem k. k. Ministerium für (Jultus und Unterricht der 
2. Theil von Kurschat's Wörterbuch der litthauischen Sprache, 

von dem mährisclien Landesausschusse in Brunn der 
10. Band von Dudik's Mährens allgemeiner Geschichte, und 

von Herrn Hofrath Dr. Josef Haller in München der 
1. Theil seines Werkes , Altspanische Sprichwörter und sprich- 
wörtliche Redensarten aus den Zeiten vor Cervantes^ 



Der Vorsitzende der Centraldirection der Monumenta Ger- 
maniae in Berlin übermittelt in Abschrift den Jahresbericht 
über das Unternehmen. 

Von dem w. M. Herrn Professor Dr. Anton Gindely in 
Prag wird eine für die Sitzungsberichte bestimmte Abhandlung 
vorgelegt, welche betitelt ist: ;,Ein Beitrag zur Biographie des 
P. Dominicus a Jesu Maria, des Zeitgenossen der Schlacht 
auf dem weissen Berge'. 

Die Abhandlung wird der historischen Commission über- 
Aviesen. 



V 

Von Herrn Pfarrer W. Simerka in JenschoAvitz wird 
eine Abhandlung unter dem Titel : ^Die Kraft der Ueberzeugung, 
ein mathematisch -philosophischer Versuch', mit der Bitte um 
ihre Aufnahme in die akademischen Schriften vorgelegt. 

Die Abhandlung wird einer Commission zur Berichterstat- 
tung überwiesen. 

Herr Dr. Jos. Dernjac, Scriptor an der Bibliothek der 
k. k. Akademie der bildenden Künste in Wien, überreicht 



I 



mit dem Ersuclicii um ilire Verüffentlichimg in den Öitzungs- 
Ix'richten eine Abhandlung-, betitelt: ,Der Hof-Maler und Sta- 
tuarius Johann Wilhelm J3eyer, sein Bildungsgang und seine 
Arbeiten für die Porzellanfabrik zu Ludwigsburg und für den 
k. k. Park zu Schünbrunn. Ein Beitrag zur Kunstgeschichte 
des 18. Jahrhunderts^ 

Die Abhandlung wird einer Commission zur Begutachtung 
zugewiesen. 



An Druckschriften wurden vorgelegt: 

Academie royale des sciences, des lettre« et des beaux-arts de Belgique: 
Bulletin. 52« annee, ?,'' si'ne, tome V, No. 2. Brvaxelles, 1883; 8'\ 

Ac-adeniy of Natural Scieuces of Philadelphia: Proceedings. Parts I— III. 
Philadelphia, 1882: 8". 

Akademie der Wissenschaften, k. bayerische zu München: Sitzung.sberichte 
der philosophisch-philolop^ischen und historischen Classe. 1882. Band II, 
Heft III. München, 1882; 8'\ 

Burch, Leojiold Freiherr von: Beiträge /Air Rechtsgeschichte des Mittelalters 
mit besonderer Eücksiclit auf die Eitter und Dienstmannen fürstlicher 
und gräflicher Herkunft. Innsbruck, 1881; 4". — Geschichte des kaiser- 
lichen Kanzlers Conrad, Legat in Italien imd Sicilien, Bischof von Hildes- 
heim und von Würzburg und dessen Vertheidigung gegen die Anklage 
des Verrathes. Innsbruck, 1882; 8". 

Cautor, Georg Dr.: Grundlage einer allgemeinen Mannigfaltigkeitslehre. 
Ein mathematisch-iihilosophischer Versuch in der Lehre des Unendlichen. 
Leipzig, 188;}; 8". 

G enootschap, Bataviasch van Künsten enWetenschappen: Tijd.schrift voor in- 
dische Taal-, Land- en Volkenkunde. Deel XXVII, Af levering 6. Batavia, 
s'Hage, 1882; 8". — Deel XXVIII, Af levering 1. Batavia, .s'Hage, 1882; 8". 

— Notulen van de Algemeene en Bestuurs — vergaderingen. Deel XX, 
Nr. 1 und 2. Batavia, 1882; 8". 

— Chineesch-HoUandsch Woordenboek van iiet Kmoi Dialekt door J. J. C. 
Francken en C. F. M. de Grijs. Batavia, 1882; 40. 

Gesellschaft, k. k. gcographi-sche in Wien: Mittheilungen. Band XXVI, 
Nr. 3. Wien, 1883; 8". 

— der Wissenschaften, königliche zu Göttingen: Abliauillnngen. XXIX. Ban<l 
vom Jahre 1882. Göttingen, 1882; 4". 

— Göttingische gelehrte Anzeigen. 1882. I. und II. Band. Göttingen, 1882; 8". 
- Nachrichten aus dem Jahre 1882, Nr. 1—23. Göttingen, 1882; 8". 

- historisch-nnti(juarische von Graubünden: XII. Jahresbericht. Jahrgang 
1882. Chur; 8". 

— oberlausitzische der Wissenschaften : Neues lausitzisches Magazin. LVIII. 
Band. Görlitz, 1882; 8'». 

Institute, the Essex ; Bulletin. Vol. XIIL Nr. I 12 Sah'in. 1881: 8«. 



84 

Königsberg, Universität: Akademische Schriften pro 1882. — 37 Stücke, 

4" nnd 8«. 
Museo nacional de Mc^xico: Anales. Tomo II, Entrega 6». Me.xico, 1882; fol. 
Society, the American philosophical: Proceedings. Vol. XIX, Nr. 109. June 

to December 1881. Philadelphia, 1881-, 80. 

— the royal historical: Transactions. N. S. Vol. I., Part I. London, 1883; 8". 
Verein für Laiideskuiule von Niederösterreich: Topographie von Nieder- 

üsterreich. II. Band, X. und XL Heft. Wien. 1882 und 1883; 4". 

— Blätter. N. F. XVI. Band, Nr. 1—12. Wien, 1882; 80. — Register zu 
den Jahrgängen 186.5—1880. Wien, 1882; 8". — Festschrift zur GOOjähri- 
gen Gedenkfeier der Belehuung des Hauses Habsburg mit Oesterreich. 
Wien, 1882; 8". 

Wissenschaftlicher Club in Wien: Monatsblätter, IV. Jahrgang, Nr. 7. 
Ausserordentliche Beilage Nr. V. Wien, 1883; 4". 



I 



XIL SITZUNG VOM 9. 3IA1 1883. 



Das k. k. Reichs-Kriegsministerium ,Marine-Section^ über- 
mittelt den 3. Band des von F. Attlmayr herausgegebenen 
Werkes: ,üie Elemente des internationalen Seerechtes'. 



Von Herrn Professor Dr. Leopold Geitler in Agram 
wird sein mit Unterstützung der kais. Akademie erschienenes 
Werk: ,Die albanesischen und slavischen vSchriften mit 25 photo- 
typischen Tafeln' vorgelegt. 



Herr Ferdinand Tadra, Scriptor der k. k. Universitäts- 
Bibliothek in Prag, übersendet den ersten Theil einer Ausgabe 
der ,Acta Consistorii Pragensis' vom Jahre 1373 — 1407 mit 
dem Ersuchen, die Urkunden in den Fontes zu veröffentlichen. 

Die Vorlage wird der historischen Commission übergeben. 



Von Herrn Dr. Neman ic, Gymnasialprofessor in Pisino, wird 
eine Abhandlung unter dem Titel: ,Cakarisch-croatische Studien. 
Erste Studie: Accentlehre' mit dem Ersuchen um ihre Auf- 
nahme in die Sitzungsberichte eingereicht. 

Die Abhandlung wird zur Begutachtiing einer Commission 
zugewiesen. 

An Druckschriften wurden vorgelegt: 

Akademie der Wissenschaften, ungarische in Budapest: Almanaeh 
für 1883. Budapest, 1883; 8». — Eml^kbesz^dek 1882, Nr. 1 — 5. Buda- 
pest, 1882; 80. — Ertesitö, XVI. Jahrgang, Nr. 1—6. Budapest, 1882; 
80. — Ertekez(^sek a nemzetgazdasägtan es statistika kör^böl. I. Band. 
Nr. 1—5. Budapest, 1882 und 1883; 8". — Evkini yvei , XVI Band, 
VIII. Theil. Budapest, 1882; 4". — Ungarische Revue 1882, IV.— X. Heft. 



86 

Leipzig, 1S82-, 8". — I8sa, 1.— lil. Heft. Budapest, 188a, 8". — Körösi, 
J.,. Budapest nemzetisogi ällapotti ('s magyarosodäsa az 1881-diki nep- 
szaniläläs eredmenyei szerint. Budapest, 1882-, 8". 
Akademie der Wissenschaften, ungarische in Budapest: Archaeolo- 
giai Ertesitö. Neue Folge. II. Band, I.' und. II. Tlieil. Budapest, 1882; S». 

— Archiviuui Käkocziauum. I. Abtheilung, VIII. Band. Budapest, 1882; 8*. 

— Ertekezdsek a nyelv- es szeptudomanyok, köreböl. X.Band, Nr. 1 — 13. 
Budapest, 1881 und 1882; 8". 

— Ertekezesek a tärsadahni tudomauyok kön'böl. VII. Band, Nr. 1 — 6. 
Budapest, 1881, 1882, 1883; 8". — Ertekezesek a törtenelmi tudomänyok 
köreböl. IX. Band, Nr. 12. Budapest, 1882; 8». — X. Band, Nr. 1—3, 
5 — 10. Budapest, 1882 und 1883; 8". — Monumenta Comitialia Regni 
Huugariae. YIII. Band. Budapest, 1883; S". — Monumenta Comitialia 
Kegni Tran.s.sylvaniae. VIII. Band. Budapest, 1882; 8". — Monumouta 
Huugariae historica. I. Abtlieiluug, XXVI. Band. II. Abtheilung, XXXI. 
Band. Budapest, 1881 und 1882; 8". — Nyelvtudomanyi Közlemenyek. 
XVII. Band, I. und II. Heft. Budapest, 1881 und 1882; 8». — Kegi 
magyar kültök t;ua. IV. Baud. Budapest, 1883; 8". — Deäk, F., Grof 
Tiikfilyi luire levelei. Budapest, 1882; 8". — Dr. Karolyi, A., und Dr. 
özalay, J., Nadasdy Tamas Nädor csalädi levelezese. Budapest, 1882; b 
^ Dr. Ortvay, T., Magyarorsz;ig regi vizrajza a Xlll-ik szazad veg6ig. 
I. und II. Band. Budapest, 1882; 8". — Pesty, F., A magyarorszägi vari- 
spansagok törtenete különösen a XIII. szäzadban. Budapest, 1882; 8**. 

— Simonyi, S., A magyar kötöszok. II. Band. Budapest, 1883; 8^'. — 
Vämböry, A., A Magyarok ei-edete. Budapest, 1882; 8". — Vecsey, T., 
Lucius Ulpius Marcellus. Budapest, 1882; 8^. 

Bureau, k. statistiscli- topograpliisclios: Württembergischc .Jalirbüelier für 
.Statistik und Landeskunde. Jahrgang 1882, I. und II. Hälfte, tituttgart, 
1882—1883; -1». —Jahrgang 1882. II. Band und Suppleraentband. Stutt 
gart, 1882—1883; d«. 

Museum krälovstvi (Jeskeho: Casopis. 1883, rocuik LVII. Praze; 8". 

Society, the Asiatic ofBengal: Proceedings. Nr. 10, Deccmber 1882. Nr. 1, 
January 1883. Calcutta; 8. 

Verein, historischer der Pfalz: Mittheilungen. XI. Speier, 1883; 8". 



XIll. 81TZUNG VOM 23. MAI 1883. 

Se. Excellenz der Curator - Stellvertreter Herr A. Ritter 
von Schmerling theilt mit, dass er in Abwesenheit Sr. kais. 
Hoheit des dm-chlauchtig.sten Herrn Curators der kais. Aka- 
demie, Erzherzog Rainer, die feierhche Sitzung mit einer An- 
sprache eröffnen werde. 

Das w. M. Herr Professor Müller überreicht im Namen 
des Herrn Verfassers der Classe das zweibändige Werk: ,Etudes 
Iraniennes par James Darmesteter^ 



Herr Regierungsrath Dr. C. Ritter von Wurzbach über- 
sendet den 47. Theil des , Biographischen Lexikons des Kaiser- 
thums Oesterreich^ mit dem Ersuchen nm Bewilligimg des 



üblichen Druckkostenbeitrages. 



Von dem w. M. Herrn Dr. Pfizmaier wird eine für die 
Sitzungsberichte bestimmte Abhandlung unter dem Titel: ,Die 
neuere Lehre der russischen Gottesmenschen' überreicht. 



Das w. M. Herr Hofnith Ritter von Höfler in Praa' 
übersendet eine für die Sitzungsberichte bestimmte kritische 
Untersuchung, betitelt: ,Viucenzo Quirini, venctianischcr Bot- 
schafter am Hofe Königs Phili})p des Schönen, und die übrigen 
Quellenschriftstcller der Geschichte des ersten habsburgischen 
Königs von (Jastilien^ 

Herr Josef Teige in 1^-ag übermittelt ,Einc IJcinerkung 
zur Genealogie der Pfemysliden' mit dem ErsucluMi mn ilire 
Veröffcntlicliung in den akademischen Schriften. 

Die Mittlicilnm;' w'ivt] Avv Iiistoi-isclicu Gommission über- 
geben. 



88 



1 



An Druckschriften wurden vorgelegt : 

Academie des iiiscriptions et belies - lettres: Comptes rendus. i^ serie, 
tome 10, Bulletin d'Octobre — Novembre — Decembre. Paris, 1882 ; 8". 

— royale des sciences, des lettres et des beaux-arts de Belgiqvxe. 52* annee, 
3« serie, tome 5, No. 3. Bruxelles, 1883; 8». 

— royale de Copenhague: Bulletin. No. 3. Oversigt over det Forhandlingar 
og dets Medlemers, Arbejder i Aaret 1882. Kjöbenhavn, 8". — Bulletin 
pour 1883. No. 1. Kj<j.benhavu, 1883; 8». 

Accademia, R. delle scienze di Torino : Atti, Vol. XVUI, Disp. 3» (Febbraio 
1883). Torino; 8». 

— R. deiLincei: Atti. Anno CCLXXVIII. 1880—1881. Serie terza. Memorie 
della classe di scienze morali, storiche e tilologiche. Vol. VII und IX. 
Roma, 1881; 4«. 

Akademija umiejetnosci w Krakowie: Lud. Seria XV, No. 7. Krakow, 1882; 8". 

— Pokucie. Obraz etnograficzuy. Tom. I. SkreJlil Oskar Kolberg. Krakow, 
1882; 8". 

— Rozprawy i sprawozdania z posiedzeii wydzialu historiczno-filosoficznego. 
Tom. XV. W Krakowie, 1882; 8". 

— Starodawne prawa polskiego pomniki. Tom. VI. Cracoviae, 1881; 4". — 
Tom. VII, zeszyt 1. Cracoviae 1882; 4". 

Ateneo veneto: Revista mensile di scienze, lettere ed arti. Serie V, Nos. 1 — 6. 

— Serie VI, Nos. 1—6. Venezia, 1882; 8". — Serie VII, Nos. 1—3. 

Venezia, 1883; 8«. 
Central-Commission, k. k. statistische: Statistisches Jahrbuch für das 

Jahr 1880. VI.— VIII. Heft. Wien, 1883; 8«. 
Gesellschaft, deutsche morgenländische: Zeitschrift. XXXVII. Band, I. Heft. 

Leipzig, 1883; 8^ 

— Wissenschaftlicher Jahresbericht über die morgenländischen Studien im 
Jahre 1880. Leipzig, 1883; 8". 

Kar pathen-Verein, ungarischer: Jahrbuch. X. Jahrgang 1883, I. Heft. 

Kesmärk; 8». 
Lütticli, Universität: Druckschriften aus den Jahren 1869, 1876, 1878, 1881 

und 1882. 12 Stücke; 8". 
Mittheilungen aus Justus Perthes' geographischer Anstalt. XXIX. Band, 

1883. V. Gotha; 4". 
Society, ihe American geographical: Bulletin. Nr. 3 und 4. New -York, 1882; 

8". — 1883. Nr. 1. New-York, 1883; 8". 

— tlie royal Asiatic: the Journal nf the Bombay Brauch. Vol. XV, Nr. XL. 
Bombay, 1883; 8". 

— the royal geographical: Proceedings and Monthly Record of Geography. 
Vol. V, Nr. .5. May 1883. London; 8". 






Pfizraaier. Die neuere Lehre der rnssischen Gottesmenschen. 89 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmensehen. 



Von 



Dr. A. Pfizmaier, 

wirkl. Mitgliedc der kais. Akademie der Wissenschaften. 



In einer früheren, zur VeröfFentlichung bestimmten Ab- 
handlung : ,Dic Gottesmenschen und Skopzen in Russland' 
brachte der Verfasser die bis zu dem Jahre 1820 reichende 
Geschichte dieser zwei mit einander eng verbundenen Secten, 
von den Beobachtungen und urkundlichen Forschungen Herrn 
Professor Dobrotwörski's in Kasan ausgehend, zur Kenntniss. 

In der gegenwärtigen Abhandlung wird, ebenfalls auf 
Grund der Mittheilungen Herrn Dobrotwörski's, der Gegenstand 
weiter behandelt und an erster Stelle ein ausführlicher, in der 
früheren Abhandlung nicht enthaltener Bericht über die diesen 
Secten eigenthümhchen, mehr oder weniger verschiedenen gottes- 
dienstlichen Gebräuche, insofern dieselben bekannt wurden, vor- 
angeschickt, sodann die jetzt als Hauptlehre der Gottesmenschen 
geltende Lehre von dem geheimnissvollen Tode und der ge- 
heimnissvollen Auferstehung dargelegt. 

Nachdem Seliwänow, der sich für den Kaiser Peter HI. 
und nebenbei für Christus ausgab , um das oben erwähnte 
Jahr 1820 in dem Kloster von Suzdal gestorben, trat ein 
falscher Christus zwar nicht mehr auf, jedoch glauben die 
Skopzen, dass SeliwänoAV verborgen in Irkutsk noch lebe und 
bald zu dem sogenannten schrecklichen (Jericht zurückkehren 
werde. Thatsächlich verkündeten indessen die zurückgebliebenen 
Propheten, d. i. Vorsteher der Gottesmenschen, welche sich für 
geheimnissvoll Auferstandene hielten, die vielfach bedenkliche 
neue Lehre von dem gehcimnissvoUen Tode und der geheimniss- 
vollen Auferstehung. 



90 Pfiamaier. 



Die Gesellschaft der Gottesiiienschen und ihre gottes- 

dieustlichen Gebräiuhe. 

Die Gottesmenschen lassen sich gewöhnHch in die Kirchen- 
bücher zugleich mit den rechtgläubigen Christen eintragen, und 
sie werden meistentlieils von den Priestern selbst nicht allein 
zu den rechtgläubigen, sondern zu den besten Christen der be- 
treffenden Heerde gezählt. Die Hauptursache dieser Erscheinung 
besteht darin, dass ein Jeder bei dem Eintritte in die Gemein- 
schaft der Gottesmenschen schwört. Niemandem etwas von der 
Lehre und den Gebräuchen der Irrgläubigen zu verrathen, und 
dass er, um sicherer seine Theilnahme an der Irrlehre zu ver- 
bergen, sich verpflichtet, nach Möglichkeit alle Gebote der 
Kirche und die Vorschriften für ein christliches Leben zu be- 
folgen. Eine andere Ursache ist, dass sehr viele Anhänger der 
Secte beinahe gar nicht in die Geheimnisse ihrer Lehre und 
ihrer Gebräuche eingeweiht sind und daher, besonders von den 
mit der Irrlehre unbekannten Menschen, wesentlich unbemerkt 
bleiben können. Für derartige Mitglieder legen die Propheten 
der Gottesmenschen eine mit der Lehre der rechtgläubigen 
Kirche vollkommen übereinstimmende Lehre dar. 

Radäjew, einer der Propheten der Gottesmenschen, schreibt 
an seine Anhänger: Meine Brüder, seid der heiligen Kirche 
eifrig ergeben; glaubet, was in ihr Heiliges geboten wird. Drei 
Verbeugungen in ihr sind mehr Avcrtli als deren dreihundert 
zu Hause. Ehret die Priester sejir viel und hebet den ganzen 
Clerus. Betrachtet nicht ihre Fehler, sondern die Würde und 
ihr grosses Amt. Sic sind Diener des höchsten Gottes. Dem 
Herrn ist es sehr gefällig, sie ehren; wer sie ehrt, ehrt Gott. 
Sie sind grosser Ehre würdig. — Auf Grund solcher Anleitungen 
besuchen die in die Geheimnisse ihrer Lehre noch nicht ein 
geweihten Gottesmenschen in der That den Gottesdienst in den 
Kirchen, beten zur Zeit desselben andächtig imd ehren die 
Priester. 

Zum Theil beichten sie und gehen zum heiligen Abend- 
mahle öfter als selbst die Rechtgläubigen, Aveil die Propheten 
es ihnen befehlen. So sagt Radajew: Denn bei dem schreck- 
lichen Gerichte vor Gott alle seine Sünden bis auf die kleinsten 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmeuschen. 91 

entdecken und vor Gott und dem geistigen Vater bekennen, 
der Herr befiehlt , dii^scs zu thun, indem er spricht: Thuet 
Busse, denn es nahet das Gottesreich. Doch das Gottesreich 
selbst, es bedeutet das innere. Wenn der Mensch aufrichtig 
sich zu den Sünden bekennt vor Gott und dem geistigen 
Vater, so wird er getauft durch die Lossprechung, und diese 
Seele wird gewaschen, als ob mit Wasser, durch die Los- 
sprechung von dem Priester, wird geweiht von Gott durch den 
Segen. — Ferner räth Radäjew seinen Schülern: Meine Brüder 
und meine Freunde, gehet öfters zu dem heiligen Abendmahle. 
Ein grosser Nutzen ist der öftere Empfang des heiligen Sacra- 
mentes. Christus selbst spricht: Wer mein Fleisch isst und 
mein Blut trinkt, der ist in mir, und ich bin in ihm. 

Die Gottesmenschen wallfahrten viel öfter als die Recht- 
gläubigen, verbringen die Feiertage andächtiger u. s. w. Aber 
schon zu diesen noch unvollkommenen Mitgliedern der irrgläu- 
bigen Gemeinde spricht der Prophet der Gottmenschen in den 
Versammlungen, in welchen nur die heilige Schrift und Er- 
bauungsbücher gelesen werden, dass die Kirche zwar erretten 
könne, doch dass der Priester nicht so schnell in das Himmel- 
reich führe wie er (der Prophet), und dabei nicht so hoch 
führe wie er. Schon zu diesen seinen Schülern, Avelche sich 
allmälig gewöhnen, in ihm einen von Gott begeisterten Pro- 
pheten zu sehen, spricht er, seine Lehre derjenigen der Kirche 
entgegenstellend: Dass ihr die gesunde, euch gegebene Lehre 
nicht annehmet, sondern die falsche Lehre nach eurem Willen 
und falschem Begehren nicht annehmetV Wie ihr blind seid! 
Welche Lehre ist Avahrhaftiger, die buchstäbliche, menschliche, 
oder diejenige des heiligen Geistes, des in mir wirkenden V 

Die Uebcrzeugung von dem wirklosen Verbleiben des 
heiligen Geistes in dem Propheten und von Unzulänglichkeit 
der von der Kirche zum Seclenheile vorgcschlairenen Mittel 
zerreisst vollständig das Band zwischen den Gottesmenschen und 
der Kirche. Dieselben werden kalte, selbst frech spottende \o\[- 
zieher der Kirchengebote. Sie gehen allerdings oft in die Kirche, 
beten jedoch nur sehr wenig, stehen mit niedergeschlagenen 
Augen. Einige stehen gegen die Wand umgewendet, schütteln 
unaufhörlich mit dem Kopfe, tlüsteru Etwas und weinen über 
die vermeintlichen Irrthümcr der rechtgläubigen Kinder der 



92 Pfizmaiei. 

Kirche, oder sie stehen, nachdem sie ein Kreuz gemacht, und 
beten nicht. Bisweilen krümmen sie sich, lachen aber bei dem 
Austreten aus der Kirche. 

Sie beichten oft und geniessen das heilige Abendmahl; 
jedoch der Beichte schreiben sie keine Bedeutung mehr zu, 
und den Leib und das Blut Christi halten sie für gewöhnHches 
Brod und Wein. Bisweilen geniessen sie es auch gar nicht, 
sondern behalten es in dem Munde und bringen es zu ihren 
Propheten und Prophetinnen , Avelche es an unreine Orte werfen. 
Sie empfangen scheinbar auch die anderen Sacramente der 
Kirche , vollziehen auch die Gebräuche , doch weder diesen, 
noch etwas Anderem messen sie irgend eine Bedeutung bei. 
Sie verbeugen sich vor den Heihgenbildern , doch sie sind über- 
zeugt und versichern, dass man sich vor Bildern nicht zu ver- 
beugen braucht, und dass es besser wäre, anstatt der Bilder 
irgend Jemanden von ihrer Secte hinzusetzen und vor ihm zu 
beten, weil sie lebendig und nicht schlechter als die auf den 
Bildern gemalten Personen seien. 

Sie verwerfen boshafter Weise das Sacrament der Ehe, 
indem sie diejenigen, welche durch das Eheband vereinigt sind, 
Xestlinge (rHis^HnKH) , die von ihnen geborenen Kinder aber 
SpHtter (ockcikh) und junge Hunde (meHflTH) teuflischer Art 
nennen. Doch sie selbst halten ihre eigenen Ausschweifungen 
nicht für hässlich. Diese verneinende, der Kirche und deren 
Einrichtungen zuwiderlaufende, zuweilen selbst vor Rechtgläu- 
bigen unverhüllte Handlungsweise birgt in sich einen weit 
stärkeren Hass gegen alles Rechtgläubige. Ihr Hass gegen die 
Kirche spricht sich sowohl in den vertraulichen freimüthigen 
Unterredungen der Irrgläubigen , als besonders bei ihren gottes- 
dienstlichen Versammlungen aus, zu welchen nur die durch ihre 
Anhänglichkeit an die Irrlehre bekannten Personen zugelassen 
werden. 

Ein Mädchen, welches sich von der Irrlehre der Gottes- 
menschen zu der rechtgläubigen Lehre bekehrt hatte, erzählte 
Folgendes : Ich war in der Versammlung bei der Spinnerin (na 
nonpHAyxt). Daselbst befand sich ein Soldatenweib von der 
Geisslersecte vmd ein Mädchen, welche unter anderen Gesprächen 
den griechisch-russischen christlichen Glauben mit allen seinen 
Gebräuchen schmähten und ihn für die schlechteste aller Reli- 



I 



I 



Die neuere Lehre der russiselieti Gottesmensclien. tJö 

gionen hielten. Sie verwarfen gänzlich die Taufe der Kinder, 
die Beichte und das heihge Abendmahl. Die Priester hiessen 
bei ihnen Juden, Pharisäer und Christuskreuziger (pacnHHaTeiiH 
xpHCTOBLi), doch die Christen hiessen Irrgläubige. Sie verklei- 
nerten die Ehe und verlachten die Frauen , welche Mütter von 
Kindern waren, indem sie dieselben Garstige und Unreine 
nannten , welche wegen des Kindergebärens das Himmelreich 
nicht ererben können. Sie gaben alten Frauen Anweisungen, 
damit sie krankheitshalber die allgemeinen Gebete nicht ver- 
richten und in der Dämmerung beten. Sich selbst hielten sie 
für wahre Nachfolger Christi und Mitmärtyrer, indem sie sagten : 
Gleichwie man im Alterthum die Christen verfolgte und quälte, 
so verfolgen uns jetzt die Priester, welche uns irgendwelche 
Ermahnungen vorlegen. 

Der Hass der Gottesmenschen gegen die rechtgläubige 
Kirche erstreckt sich in ihren geheimen Versammlungen bis 
zu entsetzUcher Gotteslästerung, indem sie sich nicht allein 
über heilige Gegenstände, sondern auch über Gott selbst lustig 
machen. Ihre Lästerungen sind so gross, dass auch ein sclnvaches 
sittliches Gefühl sie zu wiederholen nicht erlaubt, so abscheulich, 
dass auch die einfache Anständigkeit sie anzuhören nicht ge- 
stattet. Es genüge zu sagen , dass die Irrgläubigen in der 
stolzen Ueberzeugung, als ob in ihnen der heilige Geist wirke, 
zu stolzer Selbstvergötterung gelangen, glauben, über Gott selbst 
zu herrschen und ungestraft über dessen Macht nach Gut- 
dünken verfügen zu können. Deswegen scheuen sie sich nicht^ 
solche Worte hervorzubringen wie : Da kann man nicht anders, 
als Gott einen Dummkopf (AypaKL) nennen, dafür, dass er 
nicht in den Mund legt, was zu sprechen ist (BO'V'h He^b3fl, 
qxoöi. H Bora -TG He nasBaTL ^YP^komi, ;m to, hto He BK^a^uBaeTi, 
'&% ycTa, HTÖ roBopHTL). So drückt sich ein Prophet der Gottes- 
menschen aus, der durch die Frage eines seiner Schüler über 
die Allmacht Gottes in Verwirrung gebracht wird. 

Dieser Hass gegen die rechtgläubige Kirche bewog die 
Irrgläubigen, in ihre Glaubenslehre selbst den iimen fremden 
Beariff von dem gewissermassen in der rechtaläubigen Kirche 
die Herrschaft führenden Antichrist aufzunehmen. Nur erhielt 
der vielen altgläubigen Secten gemeine Begriff von ihm in der 
Irrlehre des Gottesmenschen ein anderes Merkmal. Noch der 



94 Pfizmaier. 

zweite falsche Christus Lupkin predigte seinen Anhängern, als 
ob damals schon die letzte Zeit AVäre und es auf der Erde 
einen Antichrist von dem ]\Iönch orange gebe. Ein anderer, in 
heutiger Zeit lebender Prophet der Gottesmenschen , welche 
mit Ungeduld die Abkürzung der Herrschaft des Antichrists 
und den Triumph ihres Irrglaubens erwarten, spricht auf fol- 
gende Weise von diesem Gegenstande: 

Die Höllenhunde, nachdem sie sich zum satanischen Ge- 
richt versammelt und mit ihrem Ritter Satan auf dem Felde, 
oder evangelisch , in dem Dorfe versammelt . spielen in ver- 
schiedenartigen Kreisen in der Lust der Augen, in der Lust 
ihres abscheulichsten Fleisches und in weltlicher Lust. Sie 
drängten die Christusschafe, verscheuchten sie durch ihre wöl- 
fische und thierische Weise. Siehe, der Antichrist bestieg den 
Thron. Siehe, er liess sich nieder an dem heiligen Orte, auf 
dem Thron seiner Grösse und begehrt von Allen Ehrerbietung. 
Siehe, es besteigt den Thron der Antichrist. Man gestattet nicht 
den demüthigen Christusschafen in der Einheit der Liebe und 
Einstimmigkeit wahre Verehrung zu bezeigen dem Zaren der 
als Zaren Herrschenden, dem Gebieter der als Gebieter Herr- 
schenden. Die Höllenhunde verjagten diese sanften Christus- 
schafe von dem Christusfelde ; sie gestatteten den sanften Christus- 
schafen nicht, sich zu ergötzen an dem Gräschen (iMEKt) der 
evangelischen Lehre. 

Unter dem obigen Bilde des Spielens in verschieden- 
artigen Kreisen, welches aus den Versammlungen der in Kreisen 
springenden Irrgläubigen genommen ist, werden die Handlungen 
der rechtgläubigen Priester geschildert. 

Indem die Gottesmenschen sich von der Kirche und ihren 
Lehren lossagten, erdachten sie an der Stelle der nach ihrer 
Meinung buchstäblichen, menschlichen Kirchenlehre eine neue 
vermeintlich geistige Lehre, welche, wie zu sehen, von dem 
Geiste ausging, doch in dem Körperlichen endet. An der Stelle 
der Sacraraente und der Kirchengebräuche erdachten sie Sacra- 
mente und Gebriluche besonderer Art. Statt aus sich einen 
lebendigen (Jhristusleil) im Ziisjiiiniiciiliangc mit der Priester- 
herrschaft zu l)ild('n. bildeten sie aus sich eine Glaubens- 
gemeinde, in Avelcher man eine Art Hirten und Heerden unter- 
scheiden kann. 



1 



Die neuere Lehre der viissisdien Gottesmenschen. vO 

Einige wenige Irrgläubige, welche zugleich iliren Gottes- 
dienst verrichten, bilden einc^ Gesellschaft, welche von ihnen ein 
Schiff (K0pa6^L) genannt wird. In diesem bildlich vorgestellten 
Schiffe ist immer ein Steuermann des Schiffes (KOpMMHKi. KOpa- 
6Aa) oder Vorsteher der Gesellschaft, der geheim auferstandene 
Prophet der Gottesmenschen, welcher auch Gottcsgelehrter (uo- 
TOGAOBT,), Wallfahrer (6orOMOiii,mHK'&), Erzengel und anders ge- 
nannt wird. Dieser Steuermann besitzt unumschränkte Gewalt 
in seinem Schiffe, alle Handlungen der Gottesmenschen werden 
von ihm vollkommen beeinflusst. Er belehrt unaufhörlich sein 
Schiff über seine Ansichten, schärft insbesondere den Schülern 
ihm zu leistenden unbedingten Gehorsam ein, gibt ihnen ver- 
schiedene Rathschläge in geistigen Nöthen , behebt Zweifel 
in Glaubenssachen. Seine GeAvalt erstreckt sich selbst auf 
weltliche Kleinigkeiten. 

GewühnHch ist der Steuermann der Geeignetere und Ver 
ständig-ere aus der Zahl der Gottesmenschen, bisweilen auch 
der gewandteste Betrüger. Er unterscheidet sich durch Kenntniss 
des Gotteswortes, der asketischen Werke der Kirchenväter und 
selbst der mystischen Erzeugnisse des vergangenen Jahrhunderts. 
Er unterscheidet sich ferner von den anderen Irrgläubigen 
durch die Gabe der Rede und starken, durch Selbstbetrug ent- 
wickelten Willen. Er vertheilt seine Anhänger in Classen und 
gibt einem Jeden von ihnen besondere Vorschriften hinsichtlich 
der Beziehungen zu der rechtgläubigen Kirche und zu den 
Geheimnissen der Irrlehre. 

Ein Steuermann hat das Recht, gottesdienstliche Ver- 
sammlungen zu halten, wann es ihm einfällt, und er ladet zu 
ihnen seine zu den höchsten Classen gehörenden Anhänger. In 
den gottesdienstlichen Versammhmgen nimmt er den ersten Platz 
ein und trifft völlig Anordnungen iiber den Gang des Gottes- 
dienstes. Im gewöhnlichen Theben unterscheidet er sich haupt- 
sächhch von allen Irrgläubigen durch sein strenges Benehmen, 
äusserste Massigkeit in Si)eise und Trank. Er ist gemeiniglich 
ledig, und wenn er auch verheiratet ist, erlaubt er sich niemals 
iieziehuno-en zu dem Weibe, obuleich er nicht selten in seinem 
Benehmen gegen fremdi' Wei])er unrein ist. Kr lebt grössten- 
theils in einer besonderen Zelle, selbst getrennt von seiner 
Familie, wenn er eine solche hat. 



96 Pfizinaier. 1 

Bei dem Steuermann des Scbiffes befindet sicli immer ein 
Helfer (nOMomHHKi)), welcher, so viel ihm dieses der Steuermann 
erlaubt, an der allgemeinen Belehrung Theil nimmt und bei 
AbAvesenheit des Steuermannes völlig dessen Stelle vertritt. 
Der Helfer ist ebenso wie der Steuermann ein geheim Aufer- 
standener und unterscheidet sich wenig von dem Steuermann, 
sowohl im Leben als in den Geistesgaben. Endlich hält es der 
Steuermann für seine besondere Pflicht, Rechtgläubige, vor- 
nehmlich Männer, zu dem Irrglauben zu verleiten und bei sich 
in der Zelle oder in einem fremden Hause einen oder zwei 
Knaben aufzuziehen, von welchen einer in der Folge den Platz 
dieses Steuermannes in der Gesellschaft einzunehmen bestimmt ist. 

In jedem Schiffe der Gottesmenschen befindet sich auch 
eine Steuermännin (KopMm,Hi],a) , welche an der Leitung der 
Gesellschaft Theil nimmt. Dieselbe heisst gewöhnlich Prophetin 
(npopoqHi],a) , Erlöserin (cnacHTe.iLHHii,a) , Wallfahrerin (6oro- 
MO.aLni,Hi],a), Gottesgebärerin (6oropo/i,HiJ,a), Mütterchen (MamyniKa) 
und anders. Die Prophetin muss ebenfalls aus der Zahl der 
geheim auferstandenen Frauen sein und ist deswegen ihre Ge- 
walt, wie auch die Gewalt des Propheten, in der Gesellschaft 
unumschränkt. Gewöhnlich walten der Prophet und die Pro- 
phetin in dem Schiffe gemeinschaftlich, nur dass die letztere 
sich grösstentheils mit gottesdienstlichen Angelegenheiten und 
Anordnungen in den gottesdienstlichen Versammlungen befasst. 
Ein Lied sagt von ihr: 

Sie gibt den Gottesmenschen Henidclien, 
Schneidet den Gottesmenschen Handtüchlein, 
Dreht den Gottesmenschen heilige Plunipsäcklein. 

Die Prophetin muss nothwendig eine untadelhafte Jung- 
frau oder eine Frau sein, welche die ehelichen Beziehungen 
abgebrochen hat. Sie lebt gewöhnlich einsam, in einer beson- 
deren Zelle, bisweilen mit einigen alten Frauen. Sie hält es 
für ihre Pflicht, Rechtgläubige, besonders Frauen, zu dem Irr- 
glauben zu verleiten, erzieht, nach dem Beispiel des Propheten, 
ein oder zwei Mädchen, von welchen das eine in der Folge 
ihre Stelle in der Gesellschaft vertreten muss. In diesen männ- 
lichen und weiblichen Zöglingen wirkt, nach der Versicherung 
der Propheten , von Kindheit an sichtbar der Segen des heili- 
gen Geistes. Sie stehen daher in besonderer Achtung bei der 



i 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. «71 

Gemeinde, als die ersten Wegweiser zu dem Segen des heiligen 
Geistes nach den Propheten und den Prophetinnen. 

Unter der unumschränkten Herrschaft der Propheten und 
Prophetinnen stehen alle ihre Anhänger, die sogenannten ge- 
meinen (pÄ^OBue) Gottesmenschen, wie ein Lied sie bezeichnet: 

Brüder, Schwestern geistige, 
Geistige, von Gott geliebte. 
Von dem heiligen Geist auserwählte. 
Von Gottes Sohn geborne. 

Die Gottesmenschen, welche sich geistige Christen nennen, 
führen noch viele andere, meistens allegorische Benennungen, 
wie Bruderschiffer (öpaTtfl KOpaöe^LmHKH) , israehtisches Ge- 
schlecht (n.aeMa H3paH.aeBo), grüner Weinberg (se^eHHH bhho- 
rpa^'L), weisse Schwäne (öi^ue ^eöe^H), Christusheerde (cTa^o 
XpHCTOBo) u. s. w. Bei den Rechtgläubigen, bisweilen auch 
unter sich selbst, führen sie je nach den Statthalterschaften 
verschiedene Namen. So Betbrüder (öorOMO^ti) in Simbirsk, 
Montanen (MOHTaHH) in Samara, Lobsingende (KaHTOBmHKH), 
Beter (MO^e^tmHKH) in Kasan ; Geissler (x-IHCTh), Milchesser 
(MCiOKaHH), Kupidonen (KynH^OHbi) in Saratow, Scheinheilige 
(xaHJKH), Tümmler (BepTVHti), jMüssiggänger (^fl/i,u) in Kostroma 
u. s. w. 

Alle , Schiffer' (K0pa6e/I,i>m,HKH) glauben unbedingt, dass in 
ihren Steuermännern, in den Propheten und Prophetinnen, un- 
zertrennlich der heilige Geist seinen Wohnsitz habe, dass ihre 
Lehre unzweifelhaft wahr, dass ihr Wille ein göttlicher, heil- 
bringender sei. Es ist unmögHch , den Grad der Ehrfurcht 
und der Fügsamkeit der Irrgläubigen vor dem vermeintlich 
göttlichen Willen der Propheten zu beschreiben. Kein einziger 
Schiffer hat Bedenken, sich in das Feuer oder in das Wasser 
zu werfen, wenn dieses der Steuermann des Schiffes befiehlt. 
Jeder Anhänger der Irrlehre begeht in Ehrfurcht auf den 
Wunsch des Propheten die unsittlichste Handlung, in der festen 
Ueberzeugung, dass er den Willen Gottes erfülle. 

Die Irrgläubigen vertrauen die ganze Sache ihres Heiles 
den Propheten und Prophetinnen an und trachten einzig danach, 
ein eben solches Erbe im Geiste zu erlangen, wie es ihre Pro- 
pheten erlangten. Deswegen erfüllen sie pünktlich die Gebote 
ihrer Lehre von dem Gebete Jesii, der Selbstverleugnung und 

Sitzungsber. d. phil.-hist. Cl. CIV. Bd. I. Ilft. 7 



Qg Pfiz niaier. 

Selbsterniedrigung, Dingen, welche nach ihrer Meinung den ge- 
heimen Tod und die geheime Auferstehung herbeiführen, wenn der 
Geist Gottes in den Menschen sich einprägt und für ihn wirkt. 

Ihre äusserlichen Werke der Frömmigkeit, wie Fasten, 
Gebet in der Kirche, Wallfahrten nach heiligen Orten hängen 
gänzlich von den Propheten ab, gleichwie ihr geselhges mid 
häusHches Leben. Uebrigens geben ihnen die Propheten in 
dieser Beziehung keine bestimmten Vorschriften. Die Gottes- 
menschen fasten bisweilen freiwillig, bisweilen halten sie nicht 
die von der Kirche festgesetzten Fasten. Bisweilen enthalten sie 
sich gewisser Arten von Speise und Trank, wie des Fleisches, des 
Weines und anderer, bisweilen erlauben sie sich alle. Alles 
hängt davon ab, wie es ihnen der Prophet befiehlt oder erlaubt. 

Für eine mehr allgemeine, in allen Schüfen wirksame 
Vorschrift hält man Keuschheit und Ehelosigkeit. Die in die 
Gesellschaft Eintretenden sind verpflichtet, sich von den Be- 
ziehungen zu den Gattinnen loszusagen und mit ihnen w^ie 
Bruder und Schwester zu leben. Doch auch diese Regel er- 
leidet bei den Gottesmenschen verschiedeiie Ausnahmen. Nicht 
allein treten die Männer in Beziehungen zu den Gattinnen, 
sondern auch alle Irrgläubigen ergeben sich zu Zeiten mit der 
ganzen Gesellschaft gräuhchen Ausschweifungen. 

Die gemeinen Gottesmenschen sind gewöhnlich in gewisse 
Stufen oder Classen getheilt, unter welchen besonders drei 
Classen bemerkbar sind. Einige nehmen nur an den schlichten 
Versammlungen der Gottesmenschen Theil. Dieses ist die nie- 
drigste Classe. Andere Averden nur zu den gewöhnlichen Ge- 
beten und Besorgungen (pa/l.'iHiH) zugelassen. Dieses ist die 
mittlere Classe. Die Dritten, welche die höchste Classe vor- 
stellen, setzen zugleich mit den Propheten die jährlichen und 
andere ungewöhnhche Besorgungen ins Werk. Diese schlichten 
Versammlungen, gewöhnlichen und ungewöhnlichen Besorgungen 
stellen auch die gottesdienstlichen Versammlungen vor, welche 
bei den Irrgläubigen die Stelle der kirchhchen Versammlungen 
vertreten. In diesen Versammlungen werden von ihnen jene 
seltsamen Gebräuche, welche bei ihnen die Stelle der Sacra- 
mente und der Kirchen vertreten, vollzogen. 

Die sogenannten Versammlungen (6ec'hfl,ii) der Gottes- 
menschen schliessen in sich nichts Besonderes, Diese Ver- 



„ 



Die neuere Lehre der russischen Gottosmenschen. vv 

sammlung-en finden gewöhnlich an den Feiertagen der recht- 
gläubigen Kirche statt, vornehmlich die kirchlichen, in welche, 
nach altem Brauche, viele fremde Betende strömen. Die Gottes- 
menschen benützen das Zusammenströmen des Volkes, um die 
Rechtgläubigen leichter zu der Irrlehre verleiten zu können. 
In irgend einem Hause versammeln sie sich haufenweise, bis 
fünfzig und noch mehr, und laden Rechtgläubige, Nachbarn 
und Bekannte, besonders solche, welche früher der Irrlehre 
zugethan waren, ein. Uebrigens eilen Einige unter den Recht- 
gläubigen von selbst in die Versammlungen der Gottesmenschen, 
um den Propheten zu hören, weil dieser immer bei den Be- 
Avohnern der umliegenden Dörfer in dem Rufe eines heiligen 
Mannes steht. Hier liest der beredte Prophet das Wort Gottes 
und macht mystische Auslegungen, worüber die Zuhörer stau- 
nen, doch dabei oft nicht den Sinn seiner Auslegungen ver- 
stehen. Die Gottesmenschen sind überzeugt und versichern 
die rechtgläubigen Zuhörer, dass sie keine einfachen Reden, 
sondern die gottesweisen Predigten eines begeisterten Propheten 
hören. 

Durch die Seltsamkeit seiner Handlungen trachtet der 
Prophet diese Ueberzeugung zu bekräftigen. Er erhitzt sich, 
schreit, stellt sich dumm, bald in lautes Gelächter ausbrechend, 
bald verstummend, macht er Grimassen und verzieht das Ge- 
sicht bis zum Ohnmächtigwerden. Die Gottesmenschen ver- 
sichern die Rechtgläubigen, dass den Propheten der heilige 
Geist antreibt, so zu sprechen und zu handeln, w^eshalb eben 
seine Worte und Handlungen ihnen unbegreiflich seien. In 
einem solchen Zustande vergisst jedoch der Prophet nicht, die 
Hirten der rechtgläubigen Kirche, damit die Rechtgläubigen 
das Zutrauen zu ihnen verlieren, herabzusetzen und zu schmähen. 
Ausser dem Worte Gottes lesen die Gottesmenschen die 
Schriften, besonders die asketischen, der Kirchenväter, das 
Leben der Heiligen, die liturgischen Bücher, und zwar immer 
mit Auslegungen. Bisweilen lesen sie mystische Producte. Gft 
auch singen sie Kirchenlieder oder Psalmen, bisweilen volks- 
thümliche Verse, z. B. von dem schönen Josif, von dem Zaren- 
sohne Joasaf und andere. Alles Lesen und die Auslegungen 
des Propheten, ebenso auch die Gesänge haben den Zweck. 
dass die Zuhörer den unablässio-en Gebrauch des Gebetes Jesu, 



100 Pfizmaier. 

Selbstverleugnung und Ergebenheit in den göttlichen Willen, 
Massigkeit und Keuschheit, Duldung von Widerwärtigkeiten 
und Nöthen, Fernbleiben von allen Spielen und Ergötzlichkeiten 
des gemeinen Volkes lernen. Doch keine Gebräuche und nichts, 
das auf die Gottesmenschen bei ihrer Abweichung von der 
rechtgläubigen Kirche Verdacht werfen könnte, wird in den 
einfachen Versammlungen vollzogen. 

Dasselbe ist nicht der Fall bei den anderen Versamm- 
lungen der Gottesmenschen, bei ihren sogenannten Besorgungen 
(pa/l.imii) , in den apostoHschen Spinnstuben (öecfe^yniKH), wo, 
wie sie sagen, die Engel ankommen und der heilige Geist froh- 
lockt. Die Besorgungen der Gottesmenschen werden in ge- 
wöhnhche und ausserordenthche eingetheilt. Sie unterscheiden 
sich unter sich nicht allein durch die Umstände, denen sie 
ihre Entstehung verdanken, sondern auch durch das, was sie 
in sich schhessen. Der Vorgang bei einer gewöhnlichen Be- 
sorgung der Gottesmenschen ist folgender. 

An einem Sonnabend, an einigen Orten an einem Dienstag 
oder Donnerstag, auch an einem anderen Tage, je nach Ge- 
legenheit und nach besonderer Bestimmung des Propheten, ver- 
sammeln sich die Gottesmenschen der zwei höheren Classen in 
irgend einem Hause, in welchem ein eigenes Betzimmer her- 
gerichtet ist. Die Versammlung kommt immer nach vorläufiger 
Bekanntmachung des Propheten oder der Prophetin zu Stande. 
Nachdem man in das bezeichnete Zimmer gekommen, setzen 
sich die Gottesmenschen auf Bänke, die Männer zur rechten 
Seite, die Frauen zur linken. Vorn sitzen der Prophet und die 
Pro])hetin. Wenn alle Geladenen zusammenkommen;, beginnt 
das Lesen des Gotteswortes, der heiligen Bücher, das Absingen 
der Kirchenlieder und Psalmen wie in den einfachen Versamm- 
lungen. Dieses dauert vier, fünf Stunden, selbst bis Mitternacht, 
und erst um Mitternacht beginnt die eigentliche Besorgung. 

Vor der Besorgung entladen sie sich der gewöhnlichen 
Kleidung, sowie der Wäsche und kleiden sich, sowohl Männer 
als Frauen, in , fürsorgliche' Hemden (i^RflfkjihTiua pyöamKH) von 
eigenthümlichem Schnitte, Avelche immer weiss sind. Fast jeder 
Anhänger der Irrlehre besitzt ein eigenes fürsorgliches Hemd, 
doch in dem Betzimmer befinden sich, auf Veranstaltung der 
Prophetin, viele vorräthige Hemden, und wenn Jemand das 



! 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. 101 

scinig-c nicht mitbringt, gibt die Prophetin eines der vorräthigen 
heraus, weil man nach der Meinung der Gottesmenschen nicht 
in Hemden von anderem Schnitte und anderer Farbe beten kann. 

Auch die Propheten und die Prophetinnen Ideiden sich 
in weisse, blos künsthch mit Seide ausgenähte und gewöhnhch 
nesseltuchene Hemden. Auf die Füsse ziehen alle Fürsorger 
(pa^'fe^LmHKH) zwirnene Strümpfe an und bleiben entweder in 
blossen Strümpfen oder tragen über denselben leichte Schuhe. 

Weisse Hemden von einem besonderen Schnitte Averden 
von den Gottesmenschen zur Erinnerung an Iwan Timofejew 
gebraucht. Als man diesem nach der Sage lebend die Haut 
abzog, umwickelten ihn einige Mädchen mit Leinwand. Die 
Leinwand wäre an seinen Leib angCAvachsen und sei wieder 
Haut geworden. Auch die Skopzen gebrauchen bei ihren Ge- 
beten weisse Hemden, zur Erinnerung daran, dass die Schü- 
lerinnen Seliwänow's, als dieser mit der Knute gezüchtigt wurde, 
ihm das blutige Hemd abnahmen und ihn mit einem anderen 
weissen bekleideten. Es wird in den Todeskämpfen des grossen 
Erlösers erzählt. Die weissen Hemden sollen auch eine geheime 
Bedeutung haben und namenthch die Seelenreinheit der zu 
Gott betenden Gottesmenschen bezeichnen. Sie gelten ebenso 
wie die gottesdienstlichen Gewänder der rechtgläubigen Kirche 
für heilig. 

Nachdem man sich auf diese Art bekleidet, zündet man 
Wachskerzen an. Alle sitzen auf ihren Plätzen und beginnen 
mit gedehnter, kläglicher Stimme in der Gesangweise der Volks- 
lieder zu singen: 

Heiliger Gott, heiliger starker, 

Heiliger unsterblicher, erbarme dich luiser ! (Dreimal). 

Gib uns, Herr, Jesum Christum, 

Gib uns, Herr, den Gottessohn, 

Und erbarme dich, Herr, unser! 

Schick' uns den heiligen Geist, den Tröster u. s. w. 

Gleich nach diesem Gesänge springen einige Männer auf 
und beginnen zu hüpfen und mit schneller Stimme zu singen: 

Ach bei uns an dem Don 

Der Erlöser selbst in dem Hause 
Und mit den Engeln, 
Mit den Erzengeln, 



102 Pfizmaier. 

Mit deu Cherubim, Herr, 

Mit den Seraphim 

Und mit seiner himmlischen Macht u. s. w. 

Nach Beendigung des Gesanges theilen sich alle An- 
wesenden in zwei Hälften und nehmen an den Besorgungen 
Theil. Die Einen führen die eigentlich sogenannten Besor- 
gungen oder Tänze auf, die Anderen singen zur Zeit dieser 
Besorgungen Lieder, welche gedehnte Gesänge (pocniiBi],H) ge- 
nannt werden. 

Die Besorgungen sind von dreierlei Art. Es gibt eine 
zum Reihentanz gehörige (xopoBO^Hoe) oder kreisförmige (Kpy- 
roBOe\ eine zum Schiffe gehörige (KOpaöe.iLHoe) und eine zum 
Kreuze gehörige (KpecTHoe). Nachdem man das Lied: ,Ach 
bei uns an dem Don' gesungen, bilden die bei dem Gebete 
anwesenden Männer einen Kreis, wobei sie sich einer neben 
dem anderen, gerade wie bei den gewöhnlichen Rundtänzen 
der gemeinen Leute, aufstellen. Um den Kreis der Männer 
bildet sich ein zweiter Kreis aus Frauen. Bei dem von Tact- 
schlägen auf den Fuss begleiteten Absingen der Lieder geht 
man im Kreise hinter einander, die Männer in der Sonne, die 
Frauen gegen die Sonne. Dann, wenn der Gesang schneller 
wird, laufen sie einer hinter dem anderen , indem sie dabei 
streng den Tact halten. 

Nachdem man sich bei der zu dem Reihentanze gehörigen 
Besorgung müde gelaufen, halten die Kreise inne und ruhen 
ein wenig aus, um bei der eigentlich sogenannten, zum Reihen- 
tanz gehörigen und kreisförmigen Besorgung mit neuer Kraft 
beginnen zu können. Ohne die früheren Kreise zu verwirren, 
beginnt man, jeder einzeln, sich zu drehen, die Männer nach 
der rechten Seite, die Frauen nach der linken. Indem man 
auf diese Weise weder vorwärts noch seitwärts rückt, dreht 
sich ein Jeder an einem und demselben Orte so hurtig im 
Kreise, dass man nur ein Geräusch hört, aber die Personen 
nicht mehr erkennen kann. Dabei stellen die langen und 
weiten weissen Hemden, in der Luft aufgebläht, gleichsam sich 
drehende Säulen, ein seltsames Schauspiel für den fremden 
Beobachter vor. 

Auf der Ferse des rechten Fusses dreht sich jeder Für- 
sorger (pa^ijuiJ.HK'B), ohne vorwärts zu gehen, doch mit der 



i 



Die neuere Lehre der rassischen Gottesmenschen. 103 

linken Ferse stützt er sich etwas auf den Boden, wobei er 
streng den Tact des Liedes hält. In der Mitte der Kreise^ je 
nach der Ausdehnung des Zimmers, drehen sich ebenfalls einige 
Menschen, gewöhnlich der Prophet und die Prophetin, welche 
unaufhörlich dazu sprechen: .Schonet die Leiber nicht, schonet 
Martha nicht^, oder zugleich mit den anderen Sängern singen: 

Ach ihr, nun doch. Freunde, traget Sorge doch! 

Und ihr in des Väterchens, des Herrn, grünem Garten. 

Ach seine Gnade, die göttliche, sein Segen, der heilige u. s. w. 

Die kreisförmige Besorgung dauert so lange, als die 
Hemden nicht ganz von Schweiss feucht werden. Wenn dieses 
geschieht, hören die Fürsorger auf, sich im Kreise zu drehen, 
ringen die Hemden aus und erholen sich. Nach dem Ausruhen 
setzen sie entweder die nämliche Besorgung fort, oder sie be 
ginnen eine neue, die zu dem Schiffe gehörige. Oder es setzen 
sich, wenn es die Anzahl und die Geschicklichkeit der Für- 
sorger erlaubt, diejenigen, welche getanzt haben, nieder, um 
zu singen, die Sänger jedoch beginnen von Neuem die kreis- 
förmige Besorgung. Die Skopzen und bisweilen auch die Gottes- 
menschen gebrauchen bei ihren Besorgungen weisse Tücher, 
um sich zu fächeln und den wie Hagel von dem Gesichte sich 
ergiessenden Schweiss abzutrocknen, auch dadurch sich etwas 
zu erleichtern und neue Kräfte für die grosse Besorgung zu 
erlangen. 

Die Gottesmenschen sagen, dass das Muster für die kreis- 
förmige Besorgung bei ihnen von einem gewissen Gemälde ge- 
nommen wurde, auf welchem im Kreise stehende Engel und in 
ihrer Mitte der Erlöser mit einem Schafe in den Armen ab- 
gebildet seien. Rings um den Erlöser ist eine Inschrift: Man 
fand das verlorene Schaf. An den Rändern des Gemäldes sind 
die Evangelisten und Apostel mit verschiedenen Musikwerk- 
zeugen in den Händen abgebildet. Die Inschrift auf dem Ge- 
mälde lautet: Das Frohlocken (.iiiKOBCTBOBaHie). Die Gottes- 
menschen sagen, dass, wie die Engel im Himmel, dasselbe auch 
die Menschen auf der Erde thun, und dass man jene ganze 
Abbildung in Wirklichkeit zeigen müsste. 

Mit dieser Erklärung stimmt auch der Inhalt des Liedes 
überein, welches man an einigen Orten zur Zeit der kreis- 
förmigen Besorgung singt. Der Anfang desselben lautet: 



104 Pfizmaier. 

Es freut sich die ganze Menge, 

Es rollt zu uns der Falke, 

Der volle Geist, Herr, der heilige; 

Er zeigte sich im Kreise, 

Stösst in die goldene Trompete, 

Gibt zu wissen in alle Welt, 

Will verzeih'n den Sündern allen, u. s. w. 

Der Gesang dieser Lieder wird nach der Melodie der 
Volkslieder, jedoch nur avif eine den Gottesmenschen eigen- 
thümliche Weise ausgeführt. Ebenso hat auch der Tanz seinen 
bestimmten Tact. Deswegen können nicht Alle an dem Ge- 
sang und dem Tanze Theil nehmen. Die es nicht verstehen, 
machen die Sänger irre und verwickeln die Tänzer. 

Die zweite von den Gottesmenschen ausgeführte Besor- 
gung heisst die zu dem Schiffe gehörige (KOpaöe^iBHoe) oder 
Dawidische (^aBH^OBoe). Die Menschen bilden bei dieser Be- 
sorgung einen länglichen Kreis und beginnen unter Absingung 
von Liedern tactmässig einer hinter dem andern gegen die 
Sonne zu laufen. Hierauf wenden sie sich gegen einander um, 
und nachdem sie über Erklärung eines Propheten Gesicht gegen 
Gesicht gestanden, hüpfen sie ein wenig auf den Zehen in die 
Höhe, wobei sie um das Betzimmer von Norden nach Westen, 
von Westen nach Süden u. s. w. herumgehen. Während dieser 
Besorgung bekreuzen sich die Gottesmenschen, schlagen sich 
mit der Faust auf die Brust und mit den Handflächen auf die 
Ohrschiffchen, wobei sie beständig sagen: O Geist, heiliger 
Geist! — In dem Kreise hüpfen bisweilen auch, wie bei der 
zum Reihentanz gehörigen Besorgung, der Prophet mit der 
Prophetin oder die ältesten Irrgläubigen. 

Die Gottesmenschen begründen diese Besorgung durch 
das Schiffchen (Kopaö/iHK'B) oder den Kasten (KOBiert) nach 
dem Beispiele des Gottesvaters Dawid, als er vor dem Flur- 
gangkasten hüpfend spielte, und die Gottesmenschen, die Israe- 
liten, sich zugleich mit ihrem König freuten. Das Klatschen 
in die Hände und das Singen der gedehnten Lieder bei dieser 
Besorgung begründen sie durch die Worte der Psalmen: Klat- 
schet in die Hände, alle Völker, rufet zu Gott mit freudiger 
Stimme. 

Zuletzt folgt die zum Kreuze gehörige (KpecTHoe) Besor- 
gung. Die Männer oder Frauen, nachdem sie sich an allen vier 



Die neuere Lehre der russischen Gottesraenschen. lüO 

Ecken des Zimmers zu Zweien oder Dreien, je nach der Zahl 
der Fürsorger und der Ausdehnung des Zimmers, hingestelh, 
laufen von einer Ecke zur anderen, einer gegen den anderen, so 
schnell als möglich hinüber. Während sie so hinüber laufen, 
stampfen sie mit den Füssen nach dem Tacte des Liedes, 
schwingen die Arme und sagen dazu auf die frühere Weise: 
O Geist, heihger Geist! — Sie laufen von einer Ecke ziir 
anderen vierzig- bis fünfzigmal und noch öfter hinüber, so lange 
sie nicht in starken Schweiss gerathen, welches letztere von 
ihnen das Bad der Wiedergeburt (öaHBH naKHÖHTia) genannt wird. 
Die zu dem Kreuze gehörige Besorgung der Gottesmenschen 
geschieht gleichsam nach dem Befehle Christi: Wenn Jemand 
mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein 
Kreuz und folge mir nach. — Das Kreuz nehmen und dem 
Erlöser nachgehen, bedeutet nach der Erklärung der Irrgläubi- 
gen: sein Fleisch tödtcn. Aber nichts kann nach ihrer Meinung 
so sehr das Fleisch abmatten und die Leidenschaften besänfti- 
gen, als diese zu dem Kreuze gehörige Besorgung. Nach Be- 
endigung der zu dem Kreuze gehörigen Besorgung springt der 
Prophet plötzlich empor und ruft allein oder zugleich mit den 
Anderen: Siehe er fährt, siehe er fährt! der heilige Geist fährt! 
Er ist gefahren, er ist gefahren! — Dieses bedeutet, dass der 
heilige Geist in das ganze Schiff und insonderheit in den Pro- 
pheten und die Prophetin herabgestiegen ist. Hierauf enden 
die Tänze und beginnen die Vorhersagungen. 

Li dem Kreise Alatyr, Statthalterschaft Simbirsk, beginnen 
die Vorhersagungen wie folgt: Man hebt den Propheten (oder 
die Prophetin) zu der Decke der Stube, imd er kratzt die 
Decke, um den heiligen Geist herauszuführen, und s[)richt da- 
zu: Ich klettere vielleicht bis zu dem dritten Himmel, bis zu 
dem Gott ,Solowoch', wo die Himmclshöhe ist und wo die 
Paradiesesvögel singen u. s. w. Nachdem man ihn auf den 
Boden herabgelassen hat, erfasst der Prophet eine Kerze, stellt 
sie sich auf den Kopf, spricht, auch Andere nach ihm, Abge- 
schmacktheiten in verscliiedcnen Sprachen und bringt über- 
haupt, zum Zeichen der Herabkunft des heiligen Geistes, Ver- 
wirrung herVor. 

Der hier im Allgemeinen bei den Besorgungen der Gottes- 
menschen angegebene Vorgang ist, wie Herr Dobr. bemerkt, 



I 



106 Pflzmaier. 

der gewöhnliche, aber nicht der einzige Vorgang. Derselbe 
hänge grösstentheils von dem Willen des Propheten und der 
Prophetin, auch von der Zahl und Geschicklichkeit der Für- 
sorger, sowie von der Einrichtung und Ausdehnung des Bet- 
zimmers ab. So werde bisweilen die Besorgung, besonders in 
den grossen Schiffen, nur von Männern unter dem Gesang der 
Frauen, und umgekehrt nur von Frauen unter dem Gesang der 
Männer ausgeführt. Bisweilen vertheilen sich auch Männer und 
Frauen in gleicher Zahl und die eine Hälfte singe, die andere 
tanze. In der Mitte der Kreise hüpfen und drehen sich bis- 
Aveilen der Prophet und die Prophetin, mitunter geschehe auch 
keines von beiden. 

Die Tänze selbst werden nicht immer in der angegebenen 
Ordnung ausgeführt. Bisweilen werden sie verwechselt, indem 
nämlich nach den dreierlei durch Männer ausgeführten Besor- 
gungen die Frauen fürzusorgen beginnen, oder umgekehrt. Oder 
nach der von der einen Hälfte beAverkstelligten kreisförmigen 
Besorgung beginne die andere Hälfte mit dem Schiffchen (Kopa- 
ö-iHKi), die zAveite jedoch von Neuem mit der kreisförmigen Be- 
sorgung fürzusorgen. Bisweilen werden auch einige Besorgungen 
gänzhch weggelassen und nur eine oder zwei Arten Besorgungen 
ausgeführt. Ueberdies -wird bei den erwähnten gewöhnlichen 
Besorgungen bisweilen das Geissein (ÖHHeBanie) mit heiligen 
Plumpsäckchen (iKryTnKH), deren man sich sonst immer bei 
ausserordentlichen Besorgungen bedient;, zugelassen. 

Die andere Hälfte der Besorgungen der Gottesmenschen 
bilden die von ihnen sogenannten gedehnten Gesänge (pocniBii,fci), 
d. i. geistlichen Lieder oder Lobgesänge (KaHTu), welche sie 
während des Tanzes singen und von welchen die Irrgläubigen 
an einigen Orten die Lobpreisenden (KaHTOBmaKH) genannt 
werden. Von diesen Gesängen gelte dasselbe wie von den Be- 
sorgungen. Es gebe keine für diese oder andere Besorgungen 
bestimmten Lieder. Es gebe selbst, vielleicht einige Lieder 
ausgenommen, keine Gesänge, welche man nothwendig bei jeder 
Zusammenkunft der Gottesmenschen singen müsse, es gebe 
auch keine Lieder, in Avelchen für alle Schifte irgend etwas 
Bestimmtes, auf die Lehre oder die Gebräuche Bezügliches 
ausgedrückt werde. Gewöhnlich seien in ihnen irgend welche 
absonderliche und dabei unentwickelte Gedanken verworfen. 



Die neuere Lelirc der russischen Gottesmenschen. 1Ü7 

Die gedehnten Lieder werden gemeiniglich von den Pro- 
pheten selbst verfasst und hierauf in den von diesen Propheten 
verwalteten Schiffen gesungen. Nur wenige unter den Liedern 
könne man, mit den anderen verglichen, zu den mehr allge- 
meinen und älteren zählen, und es sei bemerkenswerth, dass 
diese Lieder sich von den anderen durch mehr ebenmässigen 
Gedankenfluss, geschicktere Vollendung der Gemälde und Bil- 
der, selbst durch grössere Reinheit der Sprache unterscheiden. 
Doch auch solche Lieder finde man in den Handschriften mit 
Varianten, was ohne Zweifel daher stamme, dass sie anfänglich 
von den Irrgläubigen mündlich überliefert und selten aufge- 
schrieben werden, dann aber Aenderungen und Verderbnissen 
ausgesetzt sind. 

Die gedehnten Lieder der Gottesmenschen stellen, wie 
Herr Dobr. sagt, denkwürdige Erzeugnisse volksthümlicher 
Dichtkunst vor, welche sich bedauerhcher Weise unter dem 
Einflüsse falscher irrgläubiger Anschauungen entwickelt habe. 
Vielen unter ihnen könne man geschickte Vereinigung des Ge- 
dankens und des Bildes, tiefes Gefühl und Lebhaftigkeit der 
Einbildungskraft nicht absprechen. Die Ursache bestehe haupt- 
sächlich darin, dass die ganze L'rlehre der Gottesmenschen 
nichts Anderes sei als der Ausdruck der feinen pseudomysti- 
schen oder vielmehr mystisch-pantheistischen Anschauungen der 
Welt und der Beziehungen Gottes zu dem Mensehen in russi- 
scher Stimmung und in äusserhchen Bildern. Nach ihrem In- 
halt können die Lieder der Gottesmenschen nicht streng durch 
irgend einen Namen bezeichnet werden. Es lasse sich l\brigens 
bemerken, dass in einigen die Lehre — es sind dogmatische, 
in anderen die Ceremonie — es sind rituelle, in einigen wieder 
Lebensregeln und verschiedene Gefühle — es sind sitthche 
Lieder, vorherrschen. 

In den dogmatischen Liedern der Gottesmenschen und 
der von dieser Secte losgetrennten Skopzen besinge man grössten- 
theils die abermalige oder vielmalige Menschwerdung des Gottes- 
sohnes in der Person einiger Auserwählten, dessen Leben auf 
Erden, dessen Leiden in der Person dieser Auserwählten. Man 
überliefere die Abgeschmacktheiten von dessen Aufenthalt in 
Irkutsk, der Ankunft zum schrecklichen Gericht, der Thron- 
besteigung mit seinen Kindchen u. s. w. Einige von diesen 



108 Pfizniaier. 

Liedern seien geradezu aiifrülirerisch und nähren feindselige 
Gefühle gegen die bestehende Ordnung. Vor Allem lieben es 
die Gottesmenschen^ das schreckliche Gericht zu besingen, bei 
welchem sie sich auf den besonderen Schutz ihres Christus ver- 
lassen. In den gedehnten Gesängen seien auch andere dog- 
matische Meinungen, z. B. von den Besorgungen Gottes mit 
den Engeln im siebenten Himmel, in den himmlischen Heeren 
oder Schiffen, wohin bei dem Tode alle eifrigen Fürsorger über- 
siedeln, von der Eingebung des Propheten der Gottesmenschen, 
von den Vorzügen ihrer ' Gesellschaft vor der rechtgläubigen 
Earche, von der Anwesenheit der drei göttlichen Personen bei 
den Besorgungen u. s. w. 

Bemerkenswerth sei, dass einige Propheten, Verfasser 
dieser Lieder, schlecht nicht allein die rechtgläubige, sondern 
auch ihre eigene Lehre verstanden haben. In ihren Liedern 
treffe man z. B. Ausdrücke wie: 



odei 



Das Mutterlämmchen Warwära die schöne 

In der Dreieinigkeit drei Götter erkannte, drei Fenster baute; 

Sprach zu ihm (zu Christus) die Mutter: 

Geliebter, Theuerster, 

Licht, Gottessohn, 

Auserwählt aus dem siebenten Himmel, 

Licht erschafienes, 

Von Zebaoth, Licht erschaffenes, u. s. w. 

Man müsse übrigens bekennen, dass solche Fehlgi'iffe, die 
dieser Lehre besonders eigenthümhchen Irrthümer ausgenommen, 
sehr wenige vorkommen, und dass es Lieder gebe, welche in 
geziemenden Bildern die hohe christliche Lehre verkörpern und 
dem Verständnisse des russischen Volkes Ehre machen. 

In den rituellen gedehnten Gesängen besinge man ver- 
schiedene auf die Besorgungen bezügliche Handlungen, wie 
Lieder, Tänze, Vorhersagungen u. s. w. Darunter finde man 
Lieder, in welchen die Besorgimgen vollständig besungen werden. 
Dieselben seien gleichsam ein Gedankenbild von Besorgungen, 
wo nach den falschen Begriffen der Gottesmenschen die ganze 
heilige Dreieinigkeit mit ihrer himmlischen Macht anwesend ist 
und theilnimmt. Es müsse von den rituellen gedehnten Ge- 
sängen noch bemerkt werden, dass in ihnen mehr Poesie und 
Begeisterung als in den dogmatischen und sittlichen enthalten ist. 



1 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. 109 

Die sittlichen gedelniten Gesänge und Lieder, in welchen 
verschiedene Empfindungen der Seele dargelegt werden, haben 
an sich nichts besonders Bemerkenswerthes. Nur seien die- 
selben eng mit der dogmatischen Lehre verbunden und leiteten 
aus den sitthchen, kaum jemals streng befolgten Vorschriften 
die dogmatische Lehre von der Vereinigung mit Christus und 
dem heiligen Geiste ab, während die rechtgläubige Sittenlehre 
selbst, nach dem vernünftigen Begriffe von der Sache, vorläufig 
in der dogmatischen Lehre begründet sei und rein zu sein auf- 
höre, sobald das Verständniss der Dogmen nicht rein sei. 

Wenn am Ende der Tänze und der Lieder, nach der 
Meinung der Gottesmenschen, der heihge Geist in das ganze 
Schiff herabsteigt oder, wie sie sich ausdrücken, besonders in 
den Propheten und die Prophetin fährt (naKaTHTi)), so ge- 
rathen die Letzteren in Entzückung und weissagen. Die Weissa- 
gungen, welche bei ihnen Vorhersagen des Schicksals (npopeneHie 
CYJi,h6u) heissen, legen gewöhnlich Vergangenes, Gegenwärtiges 
und Zukünftiges dar und geschehen auf folgende Weise. Wenn 
der Prophet darüber frohlockt, dass der heilige Geist in ihn 
gefahren, M^erden die Tänze sogleich unterbrochen, die Lieder 
verstummen, Alle setzen sich ehrerbietig auf ihre Plätze und 
erwarten mit Zittern ihr Schicksal. 

Der Prophet, mit einem kreuzförmig über die Schulter 
gelegten Handtuch oder, wie diese Leute sich ausdrücken, mit 
einer Fahne (3HaM>a) umgürtet, tritt in die Mitte des Zimmers 
vor, macht vor den Bildern einige Verbeugungen, verbeugt 
sich dann vor der ganzen Gesellschaft und hebt im singenden 
Tone an: 

Erlaube, Gebieter mein, 

Erlaube, Väterchen gebornes. 

In deinem Kreise zu stehen. 

Wolle mit mir den heiligen Geist besitzen! 

Alle Anwesenden fallen ehrerbietig auf die Kniee und 
bekreuzen sich. Doch der Prophet, vor ilmen stehend oder 
auf und ab gehend, spricht für das ganze Schiff die Weis- 
sagung aus, welche bei ihnen das gemeinschaftliche Schicksal 
(or»ui,aÄ cy^LÖa) genannt wird. Der Inhalt dieses , gemeinschaft- 
lichen Schicksals' sind verschiedene dogmatische Irrtliümcr der 
Gottesmenschen, z. B. das baldige Herannahen des Himmel- 



HO Pfizmaier. 

reiches, in welches nur eifrige Fürsorger eingehen, verschiedene 
Regehl, z. B. von der tiefen Bewahrung der Geheimnisse der 
Irrlehre, von der Verachtung gegen die Rechtgläubigen, Ver- 
sprechungen himmhscher und irdischer Belohnungen u. s. w. 
Der Prophet kümmert sich nicht um Wahrheit seiner Gedanken, 
sondern trachtet bloss in den Worten Gleichklänge oder Rhyth- 
men aufzunehmen. Von dem Unsinn, welchen die einfältigen 
und unwissenden Menschen zu hören bekommen, wird das fol- 
gende Beispiel angeführt: 

Ich, Geliebte, der Zebaoth, sage euch, in das Herz Segen 
leg' ich euch, mit der Decke euch ich bedecke und vor den 
bösen Schlangen verdecke. Ich, Gott euch vergelte und das 
Brod im Frühhng ich euch bestellte. Ich, der heilige Geist 
euch umfasse und keine Mohren hierher ich lasse. Ich, Gott 
euch Segen vom siebenten Himmel bringe und die ganze Welt 
ich zum Zittern bringe. Ihr lebet, GeHebte, wie die Vögel, 
in das Herz euch fallen keine Stachel. Ich, Geliebte, werd' 
euch erfassen, euch in das sichtbare Pfahlwerk nicht lassen. 
Ich euch verlasse nicht, ich stelle vor euch Engel in das Licht, 
befrei' euch von jedem Bösewicht. Mir an euch ist doch Vieles 
gelegen und Lohn ich euch werde hinterlegen. Ich werd' euch 
senden vom siebenten Himmel Manna, dass erfahre davon 
keine ,Anna^ Legt man an euch Fangstricke, befehl' ich, dass 
man sie wegrücke, u. s. w. 

Das Aussprechen des , allgemeinen Schicksals^, welches 
immer eine halbe Stunde und noch länger dauert, beendet der 
Prophet immer mit den Worten: Sehet, euch von Gott ein Be- 
fehl! Bleibet, Gott mit euch! Der götthche Schutz über euch! 
— In jeder Versammlung hält der Prophet verschiedene Reden 
nach Art der hier angeführten. Hierauf prophezeit oder, wie 
diese Leute sich ausdrücken, singt (oTniiBaeTTb) der Prophet 
jedem Fürsorger noch ein besonderes, eigenes Schicksal, wo- 
bei er entweder Lob für den Glaubenseifer oder Tadel der Un- 
vollkommenheiten ausspricht. 

Zu jedem Fürsorger spricht der Prophet von verschie- 
denen Gegenständen. Dem Einen räth er, mehr zu beten, dem 
Anderen, mehr zu fasten, dem Driften, eifriger fürzusorgen, 
u. s. Av. Eine theilweise (private) Weissagung schliesst man, 
ähnlich einer allgemeinen, immer mit den Worten: Siehe, dir 



Die neuere Lelire der russisclien Gottesmenschen. 111 

von Gott ein Befelil! Bleibe, Gott mit dir! Der göttliche Schutz 
über dir! — Diejenigen, denen der Prophet das Schicksal ,vor- 
singf^, knieen, bekreuzen sich gegen ihn und nicht selten weinen 
sie. Oder^ wie ein Lied sich ausdrückt, sie stehen Alle im 
Schrecken, glückseligen Geistes, überzeugt, dass der aufrichtige, 
lebendige Prophet bei ihnen im Kreise geht. 

Wenn ein Prophet Albernheiten spricht, wagt Niemand 
zu glauben, dass es Albernheiten seien, sondern er trachtet, in 
dessen Worten einen Sinn zu finden, den sie nicht haben. Bei 
diesen Menschen gibt es auch eine Redensart über alle, ziem- 
lich künsthchen, Eigenschaften der Besorgungen. Man sagt: 
Dem Einen gibt man Gesang, dem Andern Besorgung, dem 
Anderen Weissagung, dem Anderen Auslegung der Weissagung. 
Der Glaube an die prophetischen Pteden werde den Gottes- 
menschen beständig auch in ihren heiligen Liedern beigebracht. 

Wenn viele Fürsorger da sind, helfen dem Propheten bei 
dem Absingen des Schicksals seine Helfer (nOMomHHKi.), die 
Prophetin und die anderen gleichsam plötzlich von dem heiligen 
Geiste beseelten ältesten Irrgläubigen. Dabei wird der Prophet 
von dem unablässigen Geplauder in dem Masse ermüdet, dass 
sich fast immer an seinem Munde Schaum zeigt und er nicht 
selten in Ohnmacht fällt. Dieses kommt, nach der Meinung 
» der Irrgläubigen, von dem übermässigen Einflüsse des heiligen 
Geistes auf ihn. 

Nach Beendigung der Weissagungen stellen sich alle Irr- 
gläubigen vor die Bilder und singen das Schlussgebet für die 
glückliche Rückkehr nach Hause: 

Dem Zaren, Licht himmlisches, barmherzig-er unser Gott, 

Zuversicht göttliche, Christuszuflucht, 

Beschützer, heiliger Geist, auf der Reise! 

Gott mit uns, mit uns (}ott und über uns. 

Hinter uns, vor uns! Beschütze uns, Herr, 

Vor den Bösen, vor den Bösewichten, vor den boshaften Juden! 

Nach diesem Gebete setzen sie sich von Neuem auf ihren 
Plätzen nieder, werden mit Thee und verschiedenen Süssig- 
keiten bewirthet und erhalten ein Nachtmahl oder, wenn die 
Besorgung zur Morgenzeit stattfindet, ein Mittagsmahl. Für 
die Besorgung bringt ein jedes JMitglicd Thee, Zucker, Süssig- 
keiten oder Mundvorräthc, aus welchen man das ^Mittagsmahl 



112 



Pf izinaier. 



oder das Nachtmahl bereitet, mit. Alle bringen auch, je nach- 
dem ihre Vermögensumstände sind, Geld und wird Alles der 
Prophetin ganz zur Verfügung gestellt. Nach dem Mittagsmahl 
oder dem Nachtmahl gehen Alle iiach Hause. 

In Bezug auf das Mitbringen von Geld sagt in einem 

Liede der Prophet der Gottesmenschen bei der Besorgung 

unter Anderem: 

Und nocli, meine Lieben, 
Sag' ich wichtige Worte: 
Dass die Casse sei bereit. 

Dieses ist der zehnte Pfennig, Avelchen der Zebaoth der 
Gottesmenschen bei seiner Herabkunft vom Himmel auf die 
Erde begehrte, wovon es in einem Liede heisst: 

Werdet ihr zu mir iu's Gefängniss kommen 
Und die Fesseln von mir nehmen, 
Den Gekreuzigten vom Kreuze nehmen, 
Den zehnten Pfennig geben? 

So ist der Verlauf der gewöhnlichen Besorgungen oder 
gottesdienstlichen Versammlungen der Gottesmenscheu. Doch 
es gibt noch besondei-e, ausserordentliche Besorgungen. Solche 
Besorgungen linden statt: bei Aufnahme eines neuen Mitgliedes 
in die Gesellschaft, ferner bei Eintritt irgendwelcher besonderen 
Umstände im Leben der Gottesmenschen. Hierher gehören 
auch die sogenannten jährlichen Besorgungen. 

Wenn die Gottesmenschen es dahin Ijringen, irgend Je- 
manden zu der Irrlehre zu verleiten und von dem feststehenden 
Wunsche des Verleiteten, in ihre Gesellschaft zu treten, über- 
zeugt sind, veranstalten sie zum Behufe der Aufnahme des 
Neubekehrten eine Versammlung womöglich von allen Mit- 
gliedern der Ortsgemeinde. Der Bekehrte geht zu dem Pro- 
pheten, fällt ihm zu Füssen und bittet unter Thränen, ihn in 
die Gesellschaft aufzunehmen. Der Prophet fragt den Bekehrten 
noch einmal, ob er nicht zum Scheine gekommen, ob ihn nicht 
ein Pope geschickt und ob er ernstlich ihren Glauben anzu- 
nehmen wünsche. Nachdem er die nöthigen Antworten erhalten, 
befiehlt der Prophet dem Bekehrten, zu ihm zu einer gewissen 
Zeit zu kommen, bis zu welcher er ihm aufträgt, mehr zu 
fasten und zu beten. 



Die neuere Lebre der rassischen Gottesroenschen. 1 1 13 

Zu der Ijestimmten Zeit begibt sicli der Bekehrte zugleich 
mit dem Propheten in die Versammhing der Irrgläubigen. In 
dem Betzimmer ist bereits Alles vorbereitet. Die Gottesmenschen 
sitzen auf Bänken mit angezündeten Kerzen^ auf einer Seite 
die Männer, auf der anderen die Frauen. Vorn an einem mit 
einem weissen Tuche bedeckten Tische sitzt die Prophetin. 
Beim Eintritt in das Betzimmer nimmt der Prophet in die rechte 
Hand ein Heiligenbild von einer nicht von Menschenhand ge- 
machten Gestalt, in die linke eine angezündete Kerze und führt 
den Bekehrten in das Zimmer, indem er ihm befiehlt, sieh an 
der Schwelle zu bekreuzen. Hierauf stellt man den Bekehrten 
in die Mitte des Zimmers und heisst ihn vor den Heiligen- 
bildern, tief bis zur Erde gebeugt, beten und vor den Brüdern 
und Schwestern ebenfalls bis zur Erde sich verbengen. 

Die Prophetin fragt jetzt den Bekehrten: Warum bist 
du gekommen? — Dieser, im Voraus belehrt, was er sagen 
solle, antwortet: Die Seele zu retten. — Die Prophetin 
spricht: Eine gute Sache warst du Willens, die Seele zu retten. 
Doch wen stellst du zum Bürgen V — Der Neuaufgenommene 
antwortet : Christus selbst. — Die Prophetin spricht : Gut, dass 
du Christus zum Bürgen stellst. Siehe, dass er nicht von dir 
verunglimpft wird. — Hierauf befiehlt sie ihm, den Eid zu 
leisten, dessen Wesen darin besteht, niemals von der Irrlehre 
zu lassen. Niemandem etwas von deren Geheimnissen zu ent- 
decken, Aveder dem Vater, noch der Mutter, noch den Ver- 
wandten, noch den Freunden, und für den neuangenommenen 
Glauben Alles, was sich ereignet, ja selbst den Tod zu erdulden. 

Nach dem Schwur überliefert die Prophetin dem Neu- 
aufgenommenen die hauptsächlichsten Gebote der Irrlehre, näm- 
lich nichts Berauschendes zu trinken, nicht zu Hochzeiten und 
Taufen zu gehen, nicht zu heiraten oder, wenn man verheiratet 
ist, die Beziehungen zu dem Weibe abzubrechen, keine welt- 
lichen Lieder zu singen . an Spielen nicht theilzunehmen und 
anderes mit den Geboten Danila Filipow's Uebereinstimmendes. 
Nachdem der Bekehrte versprochen, unverbrüchlich diese Ge- 
bote zu halten, befiehlt iu;ni iliin, um A'erzeihung zu bitten, dass 
<'r bisher der Gesellschaft der Gottesmenschen nicht angt'iiürt habe. 

Nach einem Gebete, in welchem der Neuanfgenommene 
bei Gott, der Gottesmutter luul den Engeln, bri «Icni Himniol. 

Sitzungsber. d. pliil.-bist. U. I'IV, IM. I. llft. S 



114 Pf i zmai er. 

4 

der Erde und allen Geschöpfen um Verzeihung bittet, wendet 
er sieh, indem er sich bis zur Erde verbeugt und mit dem 
Kreuze bezeichnet, zu den IiTgläubigen und sagt: Verzeihet 
mir, verzeihet mir, Brüder und Schwestern. Schuldig bin ich, 
schuldig, der Sündhafte. Und betet für mich, für den Sünd- 
haften und für die neue Seele. Ich danke euch für eure Gebete, 
die gerechten und heiligen. — Dabei lässt man ihn bisweilen 
verschiedene Schmähungen gegen die rechtgläubige Kirche aus- 
stossen. 

Auf die Bitte des neuen ^Mitgliedes erheben sich Alle und 
fangen an, für ihn zu beten. Das Gebet dauert zAvei Stunden, 
auch länger, während dessen man verschiedene Gebete liest 
und Kirchenlieder singt. Ferner singt man den Anfang zweier 
Lieder, welche den Besorgungen vorangehen. Das eine ist: 

Gib uns, Herr, Jesum Christum, ' 

Gib uns, Herr, den Gottessohn. 

Das andere ist: 

Ach bei uns an dem Don 

Der Erlöser selbst in dem Hanse. 

Hierauf umgürtet man das neue MitgHed mit Handtüchern 
und führt es in dem Zimmer herum. Dabei singt man den 
kirchlichen Lobgesang: 

In dem Jordan der sich taufen lässt, dir, Herr . . . 

Dann singt man den besonderen gedehnten Gesang: 

Gnadenreicher Gott, gewähr' uns, Gott, 

Mit uns bleibe, Gott, bis zu der Ewigkeit Ende! Amin. 

Dann befehlen die Irrgläubigen dem neuen Mitgliede, das 
Heiligenbild zu küssen, imd küssen dieses selbst. In einigen 
Schiffen befiehlt man um diese Zeit dem neuen Mitgliede, auf 
dieses Heiligenbild zu spucken, um dadurch die Verachtung 
gegen die rechtgläubige Kirche und deren Einrichtungen aus- 
zudrücken. 

Die Prophetin spricht jetzt zu dem Neuaufgenoramenen: 
Siehe, auch wir haben dir Alle geschworen. Da liast du aucii 
die geistige Taufe. Da hast ilu hier auch die geistigen Brüder 
und Schwestern. — Unterdessen bekleidet man ihn mit einem 
fürsorglichen Hemde, welches man mit einem schwarzen Bande 
umgürtet. Alle küssen ihn, führen ihn zu der Prophetin, und 



71. 

I 



nie neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. llO 

sowohl die Irrgläubigen als auch der Neuaufgenommene küssen 
ihr das Knie. Um die Zeit bekreuzigt die Prophetin das neue 
Mitglied dreimal mit einer brennenden Kerze, wodurch er, Avie 
die Gottesmenschen meinen, im heiligen Geiste und im Feuer 
getauft wird. Es entspreche den Worten des Evangeliums : Er 
Avird euch im heiligen Geiste und im Feuer taufen. Hierauf 
wird die Besorgung in der gewöhnlichen Ordnung vollzogen. 

In der angeführten Weise geschieht die Aufnahme eines 
Mannes. Auf dieselbe Weise wird auch eine Frau aufge- 
nommen, nur mit dem Unterschiede, dass dann die Prophetin 
ilas Geschäft des Propheten verrichtet, doch der Prophet das 
Geschäft der Prophetin, d. i. sie tauschen gänzlich bei ihren 
Obliegenheiten. 

Man sagt, dass die Besorgung bei Aufnahme eines neuen 
Mitgliedes bisweilen mit Laufen um einen mit Wasser gefüllten 
Kübel imd mit Geissein verbunden ist. Doch das Laufen um 
einen Zuber, verbunden mit Geissein, finde unabänderlich bei 
einer jeden unter irgend welchen besonderen Umständen ein- 
berufenen Besorgung und bei der jährlichen Besorgung" statt. 
Die Umstände, unter welchen ausserordentliche Versammlungen 
der Gottesmenschen einberufen Averden, sind: die besondere 
Bitte eines oder mehrerer Mitglieder, bei den Versammlungen 
zu beten, Unglück der ganzen Gesellschaft, der Wunsch, Zu- 
künftiges zu erfahren, die Bekehrung irgend eines Irrgläubigen 
zur rechtgläubigen Kirche , imd Aehnliches. Diese N'er.samm- 
lungen sind entweder an den Tagen, an Avelchen auch gewöhn- 
liche Besorgungen abgehalten Averden, oder nach dem Ermessen 
des Propheten und der Prophetin an and(!ren. 

Die ausserordentlichen Gebete, -zu Avelchcn unter beson- 
deren im Leben der Gottesnienschen A'orkommenden Umständen 
berufen Avird, verrichtet man auf folgende Weise. In der Mitte 
des Betzimmers ist unter dem Fussboden eine grosse Grube 
ausgegraben und über dieser an dem Fussboden ein Gitter be- 
festigt. Ueber das Gitter stellt man einen mit frischem AVasser 
gefüllten und mit Wachskerzen beleuchteten runden Zuber. 
Die versammelten Gottesmenschen nähern sieh der l^i-ophetin, 
welche geAVöhnlieh vorn sitzt, kiissen ilü- das Knie und stellen 
sich hieran!' um den Zul)ei- in zwei Kreise, die Männer näher 
dem Zuber^ die Frauen, hinter ihnen, diese und die anderen 

8* 



1 1 1) Pf i 7. in ai er. 

mit dem Gesicht gegen den Zuber. Der Prophet und die Pro- 
plietin lesen verschiedene Gebete, nicht selten unter Thränen. 
Alle Fürsorger fallen oft vor dem Zuber mit dem Gesichte 
zur Erde. Ein solches Gebet dauert bis Mitternacht. 

Gerade um Mitternacht lassen die Männer die Hemden 
Ijis zu dem Gürtel, die Frauen rückwärts bis zu dem Gürtel, 
vorn bis zu den Brüsten herab und binden sich die langen 
Aermel des Hemdes oder Handtücher um den Gürtel. Die so 
halbentblössten Gottesmenschen gehen zu der Prophetin und 
diese gibt einem jeden von ihnen ein aus schmalen Hand- 
tüchern zusammengedrehtes heiliges Plumpsäckchen (cnHTOn 
iKryTUKi.) oder einen aus drei Ruthen gebildeten Bündel Wei- 
denzweige, indem sie vorläufig einen jeden mit diesem oder 
jenem zweimal über die Schulter schlägt. Der Prophet schlägt 
ebenfalls die Fürsorger nach einander mit heiligen Plumpsäck- 
chen. Dann stellen sich Alle nochmals um den Zuber, die 
^länner in den einen Kreis, die Frauen in den anderen und 
führen die Reihentanzbesorgung (xopOBO/l,HOe pa^liHie) aus, d. i. 
sie laufen einer hinter dem anderen, der hinterher Laufende 
schlägt den Voranlaufenden, und dabei spricht man: 

Icli geissle, geissle, Christum sncir ich. 
Komm herab zu ims, Christus, vom siebenten Himmel, 
Gelie zu nns, Christus, in dem heiligen Kreise, 
Fahre vom Himmel, Herr, heiliger Geist! 

Diese Besorgung dauert je nach der Wichtigkeit der Ge- 
genstände des Gebetes und nach Ermessen des Prophete'n, wird 
aber unverweilt abgebrochen, sobald man in dem Zuber ein 
Schaukeln des Wassers bemerkt, Avas nicht bei jeder Besorgung 
der Fall ist. Kaum dass man dieses Avahrnimmt, fallen Alle 
mit dem Angesicht auf den Fussboden und erzählen, dass sie 
gleichsam unter dem Ziiber hervor eine dumpfe Stimme hören. 
Der Prophet und die Prophetin erklären diese Stimme gemäss 
den Umständen, unter welchen sie die ausserordentliche Be- 
sorgung einberiefen. Nachher lässt man das Wasser aus dem 
Zuber durch das Gitter. Alle Fürsorger verbrennen eine Wei 
denruthe an den rings um den Zuber angezündeten Kerzen, 
küssen der Prophetin das Knie und gehen auseinander. 

AVenn Jemand unter den Gottesmenschen an seinem 
Weidenzweige Blut bemerkt, so nimmt er diesen Weidenzweig 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. 117 

jedenfalls mit sich und nennt es seine Erneuerung des Leibes 
durch Blut. Hei Krankheiten verbrennt man eine solche Ruthe 
und verschluckt davon den Rauch. Alle Gottesmenschen tragen 
auch die Stümpfchen der Kerzen, welche an dem Zuber brann- 
ten, mit sich fort und verwahren sie bis zum Tode. An dem 
Lebensende eines Irrgläubigen zündet man rings um ihn diese 
Stümpfchen an, doch diejenigen, welche übrig bleiben, legt 
man , ebenso wie den bei der Besorgung gebrauchten Weiden- 
zweig, mit ihm ins Grab. 

Den Grund für das Gcisseln mit dem Weidenzweige bei 
den Besorgungen glauben die Gottesmenschen in der Apoka- 
lypse zu linden, woselbst es hcisst: Ich blickte hin, und siehe, 
eine grosse Menge Menschen, welche Niemand zählen konnte, 
aus allen Stämmen und Geschlechtern und Völkern und Spra- 
chen, standen im Angesicht des Thrones und im Angesicht 
des Lammes in weissen Gewändern und mit Palmzweigen in 
ihren Händen. 

Zu den ausserordentlichen Besorgungen gehören noch die 
sogenannten jährlichen Besorgungen. Sic unterscheiden sich 
von den anderen ausserordentlichen Besorgungen durch ihre 
besonders lange Dauer. An dem längsten Junitage, meistens 
um Ptingsten, halten die Irrgläubigen diese Besorgung, indem 
sie sechs Stunden bis Mitternacht und sechs Stunden nach 
Mitternacht unter Geisselung um den Zuber herumlaufen. Wenn 
•das Wasser in dem Zuber autwallt, fallen sie sinnlos und er- 
müdet auf die Kniee. Sie bilden sich ein, über dem Zuber 
einen Nebel und in dem Nebel einen in goldenem Lichte glän- 
zenden Jüngling zu sehen. Bei dieser Erscheinung befällt sie 
heftiges Zittern, sie fallen empfindungslos nieder, dann, nach- 
dem sie wieder zu sich gekommen, verbeugen sie sich vor 
einander und wünschen zu der Erscheinung Christi Glück. So 
erzählen nach den von Herrn Dobrotwörski eingesehenen Hand- 
schriften die Gottesmenschen der Statthalterschaften Sarätow, 
Nizni-Nowgörod und Jekatcrinoslaw. Es wird der erregten 
Einbildungskraft dieser Menschen zugeschrieben. 

Die Prophetin bestreicht dann alle Fürsorger mit Wasser 
aus 'dem Zuber, wobei sie spricht: Älit dem Geschenke des 
heiligen Geistes bestreichet euch, durch iUmi heiligen Geist 
erquicket euch und werdet in dem (Hauben nicht wankend. 



W^ Pfizmaier. 






Hierauf nimmt man aus dem Kübel Wasser in Getasse, trägt 
es nach Hause und gebraucht es zur Heiking von Krankheiten 
und selbst bei dem Tode. Die Prophetin nimmt mehr als die 
Anderen von diesem Wasser und gebraucht es, wenn die An- 
hänger des Irrglaubens sich an sie in verschiedenen geistigen 
Nöthen Avenden. 

Bei den ausserordentlichen Besorgungen werden auch 
einige andere Gebräuche vollzogen. So die Thcilnehmung an 
Brod und Wasser, Avelche noch bei Lupkin, dem zweiten 
falschen Christus, üblich war. Unter diesen Gebräuchen seien 
besonders Thcilnehmung an Leib und Blut (npH^ameme rluoM'b 
H KpOBbK)) und die Sünde des Handgemenges (cBa.ibHMii rptxTb), 
die Versündigung gegen das siebente Gebot, bemerkbar. Das 
erstere linde statt, wenn Jemand aus der Gesellschaft sich zu 
verstümmeln wünscht. Die Gottesmenschen selbst hätten dar- 
über einer Vertrauensperson Folgendes erzählt. 

Während des Gebetes setzt man in einen mit warmem 
Wasser gefüllten Zuber ein fünfzehn- oder sechzehnjähriges 
Mädchen, Avelches man durch verschiedene Versprechungen zur 
Verstümmelung bewogen hatte. Sobald das Mädchen sich in 
den Zuber setzt, gehen alte Frauen zu ihr hin und machen ihr 
auf der Brust einen tiefen Einschnitt. Hierauf schneiden sie 
eine ihrer BrustAvarzen, die linke, ab und stillen mit wunder- 
barer Geschicklichkeit die Blutung. Während dieses Eingreifens 
gibt man ihr das Bild des heiligen Geistes in die Hände, damit 
sie, in das ehrerbietige Anschauen vertieft, den Schmerz leichter 
ertrage. Hierauf legt man den abgeschnittenen Theil in eine 
Schüssel, zerschneidet ihn in kleine Stücke und vertheilt diese 
unter die Anwesenden, von welchen sie verzehrt werden. Wenn 
diese Menschenfresserei endet, setzt man das Mädchen an einen 
abgesondert für sie hergerichteten Ort und die ganze Gesell- 
schaft fängt an um sie herumzulaufen, indess man singt: Durch 
Tanzen, durch Verbrennen (iiou.iiicaxoM'b iioropaxoMiV) auf den 
Sionischen Berg. H 

Der Tanz wird immer lebhafter und geht bald in eine 
wahre Tobsucht über. Der Wahnsinn erreicht die höchste 
Stufe. Blötzhch verlöschen die Lichter und ein Auftritt beginne, 
von welchem man in dem Heidentlium vergebens Beispiele suche. 
Dieser Auftritt sei auch die Sünde des Handgemenges oder 



I)i(; neuere Lehre der russischen üottcsmenschen. 1 1 ;) 

gemeinschaftliche iSittcnlosio-kcit des ganzen Schiffes^ was weit 
häufiger geschehe als die Theilnehmung an Leib und Blut. Na- 
mentlich nach dem tollen Tanze verlöscln; man die Feuer, wälze 
sich auf dem Fussbodcn herum und treibe Buhlerei, wobei man 
weder Alter noch Verwandtschaft unterscheide. Die durch diese 
Sünde empfangenen Kinder erkenne man für solche, welche 
durch Ausgicssung des heiligen Geistes empfangen wui-den, und 
wenn sie geboren werden, sage man von ihnen, wie es bei 
Johannes heisst, gotteslästerlich: Kicht aus Blut, nicht aus 
dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, 
sondern aus Gott sind sie geboren. Solche Kinder werden 
gewöhnlich, Avenn es Knaben sind, bei den Propheten, wenn 
es Mädchen sind, bei den Prophetinnen auferzogen und ver- 
treten in der Folge deren Stelle in der Gesellschaft der Irr- 
gläubigen. 

Die hier erwähnte Sittenlosigkeit werde von allen Gottes- 
menschen zugegeben. Nach den Geständnissen derselben ge- 
schehe in einigen Schiffen die Sünde des Handgemenges fast 
bei jeder ausserordentlichen Besorgung. 

Bei der obigen Beschreibung der gottesdienstlichen Ver- 
sammlungen werde blos über einen Theil der bemerkenswer- 
thesten Aeusserlichkeiten der Irrlehre berichtet, und schlössen 
diese Versammlungen nicht alle Aeusserlichkeiten in sich. Die 
Gesellschaft, welche eine Art Hirten und einen eigenthümlichen 
Gottesdienst habe, könne in verschiedenen Verhältnissen des 
Lebens nicht ohne kirchliche Gebräuche bleiben. Es gebe in 
ihr etwas Aehnliches wie das in der rechtgläubigen Kirche 
übliche Taufen der Kinder, es gebe Busse und Spendung der 
Sacramente, Begräbnissfeierlichkeiten und Gebet für die Ver- 
storbenen. Es gebe auch andere, gewöhnlich von den Propheten 
und Prophetinnen verrichtete Gebräuche. Man beschreibe sie 
jedoch nicht, theils weil sie nichts besonders Merkwürdiges 
enthalten, theils weil man nicht mit Bestimmtheit sagen könne, 
ob sie in allen oder nur in einigen Schiffen unabänderlich 
verrichtet werden. 



120 Pfizmaier. 



Die Lehre der Gottesiiienscheii von dem geheimnissrolleii 
Tode und der geheininissvolleii Auferstehung. 

Auf den ersten Anblick stellen, wie Herr Dobr. sagt, die 
Lehre und die Handlungen der Gottesmenschen ein seltsames 
Gemisch von Ungereimtheiten und Widersprüchen vor. Wenn man 
sich z. B. an die allgemeine Regel, Keuschheit zu bewahren, halte, 
so ergeben sich diese Menschen und besonders die Propheten 
sehr oft gräulicher Unsittlichkcit und Keiner unter den An- 
hängern von den höheren Classen sehe darin einen Widerspruch 
mit ihrer Lehre. Während sie den öfteren Besuch des Tem- 
pels, die Beichte vor den geistigen Vätern, den Empfang der 
Öacramente, die Verehrung der Heiligenbilder und die Hoch- 
schätzung der Geistlichkeit gebieten, verwerfen die Propheten 
und deren Anhänger zu gleicher Zeit die Lehre, die Öacra- 
mente und die Einrichtungen der Kirche, schmähen die Priester- 
herrschaft und die kirchlichen Gebräuche, spotten über die 
Heiligenbilder u. s. w., wobei sie nicht im Geringsten daran 
denken, in ihren Handlungen einen Widerspruch mit ihrer 
eigenen Lehre zu sehen. Dergleichen entschiedene Widersprüche 
möchten auch bei einem aufmerksamen Beobachter Zweifel er- 
wecken, doch seien hier dreierlei Umstände in Betracht zu 
ziehen. 

Nach dem Beispiele des ersten falschen Christus, Iwan 
Suslow's und in Folge der gemessenen Befehle seiner Propheten, 
sowie der eidlichen Versprechen bei Eintritt in die Gesellschaft 
halten die Gottesmenschen sorgsam ihre Lehre geheim und 
trachten, äusserlich alle Vorschriften der Kirche zu befolgen. 
Hierdurch erkläre sich der Widerspruch zwischen der Lehre 
und den Handlungen der Gottesmenschen. Die Fasten, die 
Gebete in den Tempeln und Anderes Averde selbst aufrichtig 
von ihnen durchgeführt, so lange diese Dinge sich als über- 
einstimmend mit ihrer Lehre und in gewissem Masse für die 
niederen Mitglieder ihrer Gesellschaft nützlich erweisen. Hier- 
durch erklären sich die entgegengesetzten Handlungen anderer 
Mitglieder, welche, nach ihrer Meinung, weder der Fasten, noch 
der Gebete in den Tempeln u. s. w. bedürfen. Was unter den 
kirchlichen Einrichtungen und sittlichen Vorschriften für die 



f 



Die neuere Lehre der rassischen Gottesmenschen. 121 

Gottesmenschen, welche nur noch nach rlem geheiranissvollen 
Tode streben, niitzhch und unenthchrhch ist, halte man für 
unnütz und unnöthig für die geheimnissvoll Auferstandenen. 
Hierdiu'ch seien alle Abweichungen der geheimnissvoll Aufer- 
standenen nicht allein von den Satzungen der rechtgläubigen 
Kirche, sondern auch von der Lehre und den Vorschriften der 
Secte selbst zu erklären. In dem Nachfolgenden werde, ohne 
auf die auch bei anderen Irrgläubigen vorkommenden näheren 
Umstände einzugehen, blos die Hauptlehrc der Gottesmenschen, 
die Lehre von dem gcheimnissvollen Tode und von der ge- 
heimnissvollen Auferstehung dargelegt, da bezüglich des Uebri- 
gen an anderen Orten, namentlich bei den Schilderungen der 
Gesellschaft und ihrer Gebräuche, Mittheilungen enthalten seien. 

Der Begriff des gehcimnissvollcn Todes (TanncTBeHHaH 
CMepTb) entspricht dem Begriffe des Todes, Abgestorbenseins 
für Sünde (CMepTb rplixy) und gründet sich auf Aussprüche 
der heiligen Schrift, besonders auf die Stelle in dem Briefe an 
die Römer: Sein (Christi) Tod ist noch nicht der Herr. Denn 
er starb, er starb für die Sünde einmal. Doch er lebt, er lebt 
für Gott. So glaubet auch ihr von euch, dass ihr todt seid für 
die Sünde, aber lebendig für Gott, in Christus Jesus unserem 
Herrn. — In dem Munde der Propheten der Gottesmenschen 
wird der Ausdruck ,geheimnissvollcr Tod' oft mit anderen Aus- 
drücken, z. B. jLeidenschaftlosigkeit und Heiligkeit (öeacrpacTie 
H CBHTOCTb) , , Erwerbung des Christusverstandes' (CTH/KaHie 
paayMa XpHCTOBa) ,P]rlangung des Segens des heiligen Geistes' 
(uo^yqeHie ö^aroAüTH cß. ^yxa) und anderen verwechselt. In 
dieser Darlegung würden alle diese Ausdrücke erklärt. 

Der hier gemeinte Zustand lasse sich nicht durch Be- 
schäftigung mit äusseren Sachen der Frömmigkeit erreichen, 
keine Fasten, keine Thatcn, nicht einmal wirkliche Erleuch- 
tung tragen zu dem geheimnissvollen Tode bei. Radajew, der 
Prophet der Gottesmenschen, spricht: In Aeusserlichkeit und 
in äusseren Dingen sich vervollkommnen , d. i. Leidenschaft- 
losigkeit und Heiligkeit erreichen, ist unmöglich. — Dieser Zu- 
stand sei nur durch innere Thatcn oder Büttel der Gottgefälligkeit 
erreichbar, namentlich durch nüchternes Aufmerken, verbunden 
mit dem Gebete Jesu und durch Selbstverläugnung, begleitet 
von Ergebenheit in den Willen Gottes. 



122 Pfizmaier. 

Derselbe Radajew sagt: Wenn nur aus Mitleid der heilige 
Geist nieht auf die Seele regnet, sind vergeblich die Mühen 
dieses Menschen (die äusseren Sachen der Frömmigkeit): den 
wahren Verstand zu erlangen. Der^ welcher Innerlichkeit, d. i. 
Aufmerksamkeit und Nüchternheit sammt dem Gebete Jesu 
Christi und die Entsagung, nach dem Rathe Christi, seiner selbst 
nicht hat, auch die gänzliche Ergebung seiner selbst in den 
Willen Gottes wenn er nicht hat, kann nicht, sage ich, den I 
Christusverstand ohne Innerlichkeit erwerben. — Dieses sei die 
Grundlehre der Gottesmenschen von dem geheimnissvollen Tode, 
Avelcho sie zu den verleitenden Wahnbildern der gehcimniss- 
vollen Auferstehung führe. 

Der Geist Gottes schickt mich, sagt Kadtijcw weiter, die 
Menschen vor Allem das unaufhörliche Gebet Jesu Christi zu 
lehren, die Verläugnung ihrer selbst und die Gottergebenheit 
und dass sie sich der Führung seines Geistes unbedingt über- 
lassen. — Mit diesen Worten sage der Prophet der Gottes- 
menschen in Kürze die Mittel, durch welche er seine Anhänger 
zu der geheimnissvollen Auferstehung vorbereitet, sobald die 
gewaltsame Führung des Geistes Gottes beginnt. Und das erste, 
vorzüglichste unter diesen Mitteln sei das Gebet Jesu, welches 
Gebet der tiefen Aufmerksamkeit auf den eigenen inneren Zu- 
stand vorhergegangen. 

Die erste Tugend, sagt Radajew, ist die Aufmerksamkeit, 
d. i. die Bewahrung des Herzens vor allem nicht gottgefälligen 
Denken, sammt dem Jesusgebete, unaufhörlich, ununterbrochen, 
mehr als Athemholen, ausrufen das Gebet: ,Hcrr, Jesus Christus, 
Gottes Sohn, erbarme dich meiner, des Sündigen^ in der Heim- 
lichkeit des Herzens, gehend, sitzend, liegend, bei Tische, bei 
Handarbeit, reisend, kurz gesagt, Avic man athmet, immer und 
zu jeder Zeit rufe dieses Gebet aus, und deine Seele wird enget 
gleich sein. 

Wie jedes Gebet ein (Jespräch der Seele mit Gott sei, so 
sei im Einzelnen und insonderheit das Jesusgebet ein Gespräch 
der Seele mit dem Gotte Christus. Es bringe innere Gemein- 
schaft, Einigung, Liebe und Verbindung der Seele mit Jesus 
Christus hervor. Deswegen sind wir, si)richt von sich Radajew, 
über Alles schuldig, sie zu belehren und zu lenken zum Ge- 
spräche mit Christus, d. i. zu unablässigem Jesusgebete, damit sie 



Die neuere Lehre der russischen Gottesraenschen. 123 

durch das Gespräch Liebe zu ihm und grosse Verbindung mit ihm 
erlangen. Doch die Sache werde nicht fest sein. — Diese durch 
das Jesusgebet hervorgebrachte Verbindung der Seele mit 
Christus gehe allmälig, nach ]\Iassgabe der Verstärkung des 
Gebetes, gleichsam in den Zustand der Verkörperung des Gottes- 
sohnes mit dem im Gebete begriffenen Menschen über. 

Ein anderer Prophet der Gottesmenschen sagt: Wenn der 
göttliche Namc^ geheiligt werden wird in unserem Herzen, so 
heiligt auch Gott unser Herz und macht es untheilhaftig jeder 
Unreinheit, und wenn Avir in Uebereinstimmung leben werden 
mit seinem heiligen Worte, dann wird auch das Wort in uns 
sein vmd Avir in dem Worte, weil das Wort Fleisch wurde und 
in uns wohnte. In einem solchen Zustande wird der Mensch 
in Wesenheit, stufenweise sterben der Sünde, oder sterben des 
gcheimnissvollen Todes , d. i. erreichen Leidenschaftlosigkeit 
und Heiligkeit: weil, wie aus Gott alle Geschöpfe hervorgingen 
im Himmel und auf der Erde, so kommen aus dem Jesus- 
gebete alle Tugenden hervor mit Aeusserlichkeit und Inner- 
lichkeit: die Liebe zu Gott und zu den Menschen aus ihm, 
Glaube, Hoffnung und Zuversicht eben aus ihm, Ergebung, 
Vernichtung, Abtödtung, Entsagimg, gänzliche Aufopferung und 
Entblössung von allem Erschaffenen, Irdischen, Wesenhaften, 
Himmlischen eben aus ihm, die Kraft, alle Betrübnisse zu er- 
tragen eben aus ihm, die Führung des heiligen Geistes eben aus 
ihm, Weisheit, Verstand, Vorhersehen, Scharfsinn, Wunder, 
Wunderwerke eben aus ihm, Sanftmuth, Einfalt, Mitleid, Thränen 
eben aus ihm, kurz gesagt, die ganze ]\[enge der Tugenden 
kommt aus ihm hervor und die Unerschütterlichkeit im Leben. 

Welcher segensreichen (üiben man, nach den Begriffen 
der Gottesmenschen, durch das Jesusgebet gewürdigt werden 
könne, lehren die Worte Kadcijew's: Jede Minute, mehr als das 
Athmen, rufe mit Aufmerksamkeit das Jesusgebet: ,Herr, Jesus 
Christus, Gottessohn, erbarme dich meiner, des Sündhaften', 
und deine Seele wird wie ein Engel rein sein. Durch dieses 
Gebet, diesen Eiiaswagen, steigst du in den Himmel auf; durcii 
dieses Gebet erlangst du Cherubimverstand, durch dieses Gebet 
erwirbst du Seraphimliebe im Herzen zu Gott; durch dieses 
Gebet, wie mit einem scharfen Scheermesser, schierst du aus 
dem Verstand alle Gedanken aus, durch dieses Gebet erlangst 



124 Pfi/.maier. 

du schnell den Segen des heiligen Geistes, durch dieses Gebet 
von sündigen Dingen, Worten, Gedanken befreist du dich am 
Ende; durch dieses Gebet die Stufen der Heiligkeit schnell du 
erreichst; durch dieses Gebet die Tiefen der heiligen Schrift du 
verstehst, durch dieses Gebet in das Allerheiligste gehst du ein, 
und wunderbarer Eingebungen wirst du gewürdigt, und Gott in 
deinem Herzen du siehst. Dieses Gebet ist Gott allen Tugenden 
und segensreichen Gaben, und Zarin ist dieses Gebet allen Guten, 
und Haupt und Wurzel und Quelle allen Tugenden. Wie süss, all- 
gut, hellbhckend diese Tugend — Aufmerksamkeit und Jesusgebet! 

Deswegen eben ist, nach den Worten aller Anhänger 
Radäjew's, dessen Lehre insonderheit in der unaufhörlichen 
Wiederholung des Jesusgebetes eingeschlossen, durch welches 
selbst man den Segen des heiligen Geistes erlangt, einen solchen, 
Avie er (Radäjew) ihn bereits erlangte, d. i. durch das Jesus- 
gebet stirbt der Mensch geheimnissvoll und ersteht dann auf. 

Die zweite Tugend, welche zugleich mit der ersten den 
geheimnissvollen Tod in dem Menschen hervorbringt, ist ,die 
Verläugnung seiner selbst in Allem und zu jeder Zeit und die 
Zuversicht auf Gott und Hingebung an ihn zu jeder Zeit^. 
Radäjew sagt: Jeder sage sich von sich los und verläugne sich, 
und Jeder entschliesse sich und ergib dich, um zu bauen für 
Gott selbst und seinen Willen, wie in den leiblichen Dingen 
und Erfordernissen des Lebens, um so mehr auch von Minute 
zu Minute und in geistigen Sachen und im ganzen Leben sich 
Gott zu ergeben und in seinen heihgen Willen. 

Um zu dem geheimnissvollen Tode zu gelangen, müsse 
der Mensch eine solche Stufe der Selbstverläugnung ersteigen, 
dass er nicht allein von Eigenliebe und Allem, wovon die Eigen- 
liebe sich nährt, sondern auch von allen wesentlichen Gaben und 
segenreichen Tugenden, von allen Gesetzen und Vorschriften, 
von allem Irdischen und Himmlischen sich lossagt und einzig 
dem Willen Gottes oder der Führung des heiligen Geistes folgt. 

Die Worte des Herrn erklärend sagt Radäjew: ,Wenn 
Jemand mir nachgehen will, so verläugne er sich selbst', d. i. 
wer wahrhaft heilig leben will, muss vergessen auf sich selbst 
und darf durchaus nichts fürchten, muss äusserste Sorglosigkeit 
haben in Allem, den einzigen Willen Gottes begehren, in welcher 
Weise er bei dir auch erfüllt werde, sei es in Ruhe, sei es in 



Die neuere Lehre der russischen Oottesmenschon. 125 

gTossem Leiden. Diese äiisserste Verleugnung ist: entblössen 
muss ich micli von allem Erschaffenen, Irdischen, und entblössen 
von Reichthum, Ruhm, Ehren u. s. f. — von allem Irdischen, 
Weseuhaften und entblössen von Verstand, Gedächtniss, Ver- 
langen, Willen, erworbener Erleuchtung, alles meines Eigen- 
thums, aller Eigenliebe; von tugendhaften Uebungen mich ent- 
blössen, von allen Anordnungen und Regeln, aber nur folgen 
der Führung des heiligen Geistes; — mich entblössen auch 
von allem Segenreichen, wie: von Erleuchtung, Gnaden, Ein- 
gebungen und Uebrigem dergleichen; mich entblössen von Heilig- 
keit, Glückseligkeit, himmlischem Ruhme, von dem Reiche, dem 
Paradiese und allem Himmlischen, d. i. alles dieses nicht be- 
gehren, sondern den einzigen Willen Gottes, dass er einrichte 
und schenke. Dieses ist die wahrhafte Verleugnung seiner selbst 
und die Entblössung von Dingen. 

Als unumgängliche Bedingung und zugleich für den ge- 
heimnissvollen Tod imentbehrliche Frucht der Selbstverleugnung 
gebe es die Herabwürdigung seiner selbst in den Augen Gottes 
und der IMenschen, die Demuth. Radajew schreibe an seine 
Anhänger: JMeine geliebten Brüder, haltet euch auch an alle 
Tugenden, besonders über Alles an diese : Aufmerksamkeit 
sammt dem Jesusgebete, Verläugnung seiner selbst, Zuversicht 
auf Gott und Demuth. Demüthiget euch, meine Brüder, vor 
Gott und den Menschen. Niemand ist Gott so lieb, wie ein 
demüthiger Mensch, Niemand ist Gott so zuwider, wie ein 
stolzer. Niemanden fürchten die bösen Geister so sehr, wie 
einen Demüthigen, über Keinen freuen sich die bösen Geister 
so sehr, wie über einen Stolzen. Sehr hütet euch vor dem 
Stolze. Gott ist den Stolzen ein Gegner, den Demüthigen gibt 
er Segen. — Wer daher, heisst es noch, reichlicher den heiligen 
Geist sich (in der geheimnissvollen Auferstehung) einfüllen will, 
der darf nicht zu Mühen, Thaten und Fasten sich zwingen, 
sondern muss trachten, mehr und mehr sich zu verringern luid 
sich zu demüthigen vor Gott und allen Menschen. 

Zur Erwerbung solcher Demuth könne man sich tliat- 
sächlich in den Augen der jMenschen sogar verächtlich machen, 
könne auch Todsünden begehen, nur um nichtswürdig zu 
scheinen. Radäjew sprach zu einem seiner Anhänger: Nahmst 
du nicht Anstand daran, dass ich Buhlerei treibe und eliebreche. 



126 Pfizmaier. 

Avie Viele von mir sagen? Wisse also, dass ich einen Buhlei' 
nur spiele, um eine herabgewürdigte Seele zu haben. — Ra- 
ddjew spreche hier von thatsächlicher Sünde, über welche er 
weiter unten eine gotteslästerliche Erklärung abgibt. Um sich 
vor den Menschen herabzuAvürdigen, erlaubten sich auch andere 
Irrgläubige verschiedene Verstösse gegen die Kirchenregeln 
und die Regeln der Wohlanständigkeit, schrieen öffentlich, dass 
in ihnen der böse Geist sitze, die Kröte, der Frosch, die 
Schlange, u. s. w. 

Dieses seien Arten der Grottgefälligkeit, vermittelst deren 
der Mensch den geheimnissvollen Tod erreichen, d. i. der 
Sünde sterben und für Gott leben könne. Herr Dobr. bemerkt 
hier, dass anscheinlich nichts erhabener und heiliger als diese 
Mittel sein könne. Fast bei jeder einzelnen Vorschrift, wie sie 
von dßn Gottesmenschen dargelegt wird, sei eine Bestätigung 
entweder in dem Worte Gottes, oder in den asketischen Werken 
der Lehrer dei- rechtgläubigen Kirche zu finden. Die Vor- 
schriften der rechtgläubigen Asceten würden selbst in den Vor- 
schriften der Gottesmenschen bekräftigt. Jedoch dieselbe Be- 
stätigung und die Stärke dieser Mittel zur Reinigung der Seele 
zeige auch, dass sie nicht aus der reinen Quelle christlicher 
Sittlichkeit hervorgehen, sie seien nicht so übereinstimmend mit 
den Mitteln der Gottgefälligkeit der rechtgläubigen Streiter, als 
mit den Vorschriften der Freimaurer und anderer westländischer 
Mystiker des vorigen Jahrhunderts. 

Später erinnert Herr Dobr. in seinem Buche, dass Selbst- 
verläugnung, nach der Lehre des Gotteswortes und der recht- 
gläubigen Kirche, nicht verzichten, weder auf wesenhafte, noch 
auf segenreiche Gaben verzichten müsse, dass Ergebung in den 
göttlichen Willen äusserliche Werke der Frömmigkeit nicht 
ausschliesse und umsoweniger von allen kirchlichen und bürger- 
lichen Regeln und Satzungen sich lossage, nicht ausschliesslich 
der Führung des heiligen Geistes, von welchem man nicht wisse, 
in wem und avo er Avirkt, sich überlasse. Wenn man jetzt die 
Folgen der »Streitbarkeit dei* (jlottesmenschen betrachte, go sage 
nicht umsonst die Wahrheit: An ihren Früchten Averdet ihr sie 
erkennen. 

Da der Mensch, Avelcher durch die angedeuteten Mittel 
den geheimnissvollen Tod erreicht, noch nicht den heiligen 



Die nPiiPve T.oliro clor russlsflion Gnffesmensclien. 1P7 

Geist in sich aufgenommen habe, so müsse er zur Erfüllung 
aller Vorschriften der Selbstverläugnung und der Ergebung in 
den göttlichen Willen sich der Führung des in den geheim- 
nissvoll auferstandenen Menschen oder in den Propheten der 
Gottesmenschen lebenden heiligen Geistes überlassen. Geheim- 
nissvoll sterben könne, wie Radäjew sagt, nur derjenige Mensch, 
welcher sich unbedingt Gott und dei- Führung des Geistes 
Gottes überlässt, welcher (dem Propheten der Gottesmenschen) 
mit ,nacktem und bhndem' Glauben, d. i. ohne alle Zeugnisse 
und Offenbarungen glaubt. Nackter und blinder Glaube sei 
viel zuverlässiger als alle Offenbarungen. 

Doch thatsächlich zeige es sich, sagt Herr Üobr., dass 
es nicht ungefährlich sei, sich der Führung des in den Pro- 
pheten der Gottesmenschen lebenden Geistes zu überlassen, 
welche gefällige Maske immer sie auch vorhalten mögen. 
Ein Priester, Avelcher Rada.jew, Avie derselbe im Leben und in 
seinen Schriften Avar, kennen gelernt hatte, schreibt über die 
Handlungen dieses falschen Propheten: Prüfungen, dergleichen 
er mit seinen Anhängern anstellt: Gehe mit ihm, schickt er 
wohin und befiehlt etwas zu thun, thue es ohne Bedenken. 
Was er von deinem Eigenthum begehrt, gib es ohne Bedauern 
und darf dui'chaus Niemand seinen Willen haben und darf man 
nichts ohne den Willen und die Erlaubniss des Propheten thun. 
Bei dem Manne nimmt er das Weib (wenn derselbe oder ein 
Anderer in reiner Ergebenheit), schläft mit ihr entweder selbst, 
oder übergibt sie einem Anderen. Den Mann verkuppelt er 
mit einer Anderen. Ein Mädchen oder eine Witwe hält viel auf 
Ehre und Keuschheit. Er beraubt sie derselben, damit sie nicht 
stolz seien und sich nicht mit ihren Tugenden beschäftigen. 

Radajew selbst bekräftige in seinen Briefen die Richtig- 
keit dieser Worte. »So schreibe er von den Frauen, welche viel 
auf ihre Keuschheit halten: Dieser äusserste Unverstand, sich 
einer solchen Seele anzupassen, ncithig habeii, dass sie dem 
Geiste freien Willen lässt, zu Avirken. Besser, dei- Geist thut 
das Unwürdigste, als wir das Vortrefflichste, u. s. f. Mit welclier 
ich augensclieinlich schlechter verfahre, diese Avird besser Avider- 
stehen, denn ich Averde für sie beten. Welche sich fürchtet 
und sich hütet, diese Avird nicht Aviderstehen. Welch' grossen 
üuA^erstand begehen dicienigen. Avelche sich hüten: sind sie 



1 28 P f i z m a i e r. 

vielleiclit verständiger als Gott? Welcli' grossen Schaden ver- 
ursachen sie ihren Seelen! Da würden wir doch Gott für nn- 
vernünftig halten; wir trauen dieses Gott nicht zu. Der ver- 
gängliche Mensch lehrt Gott, wie er den Menschen retten solle. 

Ebenso verfahren auch andere Propheten für die vermeint- 
lich geheimnissvolle Abtödtung ihrer Anhänger, indem sie ihren 
Schülern zeigen wollen, dass die Vorschriften dieser Propheten 
Avichtiger seien als die kirchhchen Satzungen und die Em- 
pfindungen des Gewissens. So habe der Prophet der Irrgläubi- 
gen von Cistopol, als er sich in dem Hause eines seiner 
Schüler drei Tage bis Christi Geburt befand und Ferkel laufen 
gesehen hatte, zu dem Schüler gesagt, dass Gott die Ferkel 
zu schlachten und zu braten befehle, was auch ausgeführt wm-de. 

Herr Dobr. bemerkt, er sei hier bei der Betrachtung 
solcher Befehle, welche die Propheten der Gottesmenschen ihren 
Anhängern ertheilen, in der Absicht stehen geblieben, um jene 
Stufe der Selbstverläugnung und Ergebung in den gleichsam 
durch die Propheten thätigen göttlichen Willen, Avie sie von 
Allen, welche den geheimnissvollen Tod erreichen Avollen, ver- 
langt Avird, zu sehen. Wenn der Mensch zu einer solchen 
Höhe der Selbstverläugiiung und Ergebung in den göttlichen 
Willen sich aufschAvingt, so sterbe er geheimnissvoll oder sterbe 
der Sünde, erreiche, wie die Gottesmenschen sich ausdrücken, 
Leidenschaftlosigkeit und Heiligkeit und erstehe geheimniss- 
A'oll auf. Ein Priester schreibt A'on einem Propheten der Gottes- 
menschen: Seine Lehre besteht in reiner SelbstA'^erläugnung, 
Ergebenheit und Vernichtung seiner selbst, AA^as A^on ihm der 
geheimnissA'olle Tod genannt Avird. Doch sich selbst nennt er 
oder gibt sich aus für einen geheimnissA'oli Auferstandenen, da 
er bereits alle Stufen der Selbstverläugnung, Ergebung und 
Vernichtung erstiegen habe. 

Die für den geheimnissA^ollen Tod notlnvendige Stufe der 
Selbstverläugnung und Ergebung in den Willen Gottes Averde 
von dem lieiligen Geiste selbst bestimmt, Avelcher sich in dem 
geheimnissvollen Todten niederlässt und ihn geheimnissvoll auf- 
erAveckt. Radajew schreibt an einen Priester: Wenn der lieiHge 
Geist sich in einen Menschen niederlässt, so lässt er viele 
offenbare Zeichen zum Vorschein kommen, anfangs persöuHche 
desshalb, damit der Mensch deutHch erkenne, dass der heilige Jf 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. 129 

Geist in ihm wirkt, damit er sich ihm nicht darin widersetze, 
worin er Betrug von dem Feinde gefürchtet. Gott lässt jene 
Seele nicht ohne gerade und offene Nachricht, damit sie ihm 
nicht ungehorsam sei und Strafe sich nicht zuziehe. 

Diese götthche Nachricht oder Regung des heiligen Geistes 
im Inneren des geheimnissvollen Todten erfolge gewöhnlich zur 
Zeit des Gebetes. Radäjew schreibt: Wer grosse Sorgsamkeit 
hat und Liebe und Eifer zum Gebete, d. i. grosse Lust, viel 
und öfter Gebete zu verrichten, aber an sich bemerkt, dass 
man ihn dieses nicht ausführen lässt, ihn wirft irgend eine un- 
merkliche Kraft — Gott selbst zurück: desswegen, damit wir 
errathen, dass Gott uns von allen eingeführten Regeln abhalten 
will, jedoch will, dass wir auf die Regung des inneren Geistes 
warten. So merke auch auf alles auf, sei zuverlässiger als 
dieses. — Der Mensch, der bereits geheimnissvoll gestorben 
ist, brauche nicht lange auf diese Regung des inneren Geistes 
zu warten. Wie sehr auch der Mensch in seinem Zustande 
im Zweifel sei, der heilige Geist durch seine Einwirkungen, 
welche bis zur Vernichtung der Persönlichkeit des Menschen 
gehen , überzeuge diesen , dass er geheimnissvoll aufer- 
standen ist. 

Radäjew schreibt: Anfänglich zweifelte ich daran, ob in 
mir das Göttliche, Volle, Nichtfeindliche sei. Doch als in meinem 
Herzen der Geist sprach: ,Bete zur Gottesmutter, lies den Kanon', 
und ich es erfüllte, indem ich eine ganze Woche gebetet hatte, 
begann der Geist in mir zu führen. Bisweilen geschah es, dass 
ich mich dem Geiste Avidersetzte, doch dafür litt ich durch fünf 
Wochen. Einmal lebte ich in einer Zelle im Walde, in einem 
Bienengarten, wohin ich auch meine Bücher verschleppte. Plötz- 
lich drückte es mich stark und ging mir der Athem aus und 
begann ich (geheimnissvoll) zu sterben. Nachher ging ich zu 
dem Priester beichten, doch zu dem Abendmahl Hess mich der 
Geist nicht zu. Ich wurde krank auf eine Woche, hierauf durch 
eine Woche empfand ich in mir den Geist Gottes, welcher sprach: 
Stehe auf und gehe zu dem heiligen Abendmahle. — Dann 
stand ich auf und war gesund, doch mein Wille war nicht mehr 
in mir. Endlich empfing ich das Abendmahl und ermuthigte 
mich, und begann es wieder, mich zu treiben und zu fuhren 
durch den heiligen Geist, so dass es bisweilen. Avenn ich esse, 

Sitzungsber. d. phil.-hist. Cl. CIV. Bd. I. Hft. i) 



130 Pfizmaier. 

plützlrcli die Hand bei mir zurückhält^ und in allen Dingen 
meinen Willen ich nicht mehr habe. 

Drücken in der Brust und Ausgehen des Atliems sind, 
nach der Lehre der Gottesmenschen, das gewöhnliche Kenn- 
zeichen der starken Regungen des heiligen Geistes in dem ge- 
heimnissvoll Auferstandenen. Vor diesem, wenn der heilige 
Geist herabsteigt, fühle man Verdunkelung des Verstandes und 
Drücken in der Brust. Ein anderer Prophet der Gottesmenschen 
sagt: Was immer mit mir geschehen mag, alles, soviel ich be- 
merke, hängt nicht von meinem Willen, sondern von dem 
Willen der alles leitenden göttlichen Vorsehung ab, und selbst 
die Stürme meines Lebens sind der unbegreifliche Weg der 
göttlichen Vorsehung. 

Auf diese Weise erfolge die geheimnissvolle Auferstehung 
durch die Kraft des göttlichen Geistes selbst und führe zur 
Vernichtung der Persönlichkeit des Menschen. Von der Zeit 
der geheimnissvollen Auferstehung an, handle nicht der Mensch 
selbst, sondern Gott, der in ihn sich niedergelassen. Wenn der 
geheimnissvoll Auferstandene auch gedächte, dem heiligen Geiste, 
der in ihn sich niedergelassen, sich zu widersetzen, er würde 
nichts ausrichten können. Ein Prophet der Gottesmenschen 
sagt: Wir wissen auch selbst, dass manche unserer Handlungen 
nicht verträglich mit dem geschriebenen Gesetze, und ist es für 
uns schwer und traurig, so zu handeln. Was sollen wir also 
thun? Unseren Willen haben wir nicht. Und wir kränken uns 
darüber, dass unsere Handlungen ärgerlich sind: was sollen wir 
also thun? Die Kraft, die in mir wirkt, lässt nicht Ruhe Tag 
und Nacht;, führt mich hierhin und dorthin. Niemals lässt mich 
jene Kraft essen, trinken oder gehen, wohin es mich verlangt. 
Bisweilen führt sie mich wohin und stellt mich an einen Ort, 
ich kann dann von dem Orte nicht herabkommen. 

Der Hergang des geheimnissvollen Todes und der Auf- 
erstehung, deren Ursachen und dann der Zustand der geheim- 
nissvoll Auferstandenen Averden in dem Briefe eines anderen 
Propheten der Gottesmenschen folgendermassen kurz beschrie- 
ben: Wir werden von Herzen heiligen den Namen Gottes in 
uns, bis zu der Zeit, wo der Tod, der in uns lebt, den starken 
Namen Gottes nicht erträgt, abstirbt und unsere Seele aufersteht. 
Doch Avenn wir Theil haben werden an dieser ersten Aufer- 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. 131 

stehung,' dann verwandelt sich, zum Zeichen dessen, auch unser 
Geist in das segenvolle Athmen des überhiiumhschen Geistes des 
Christusfriedens, die Luft wird die himmlische, von den Blumen 
des Wohlgeruches des himmlischen Paradieses getränkte, so 
dass man selbst, d. i. der geheimnissvoll Auferstandene, auch 
die Blume der Reinheit wird. Unsere Seele wird dann auch 
genau, bei dem Versuche selbst, bei Offenbarung der Wahrheit, 
den in uns lebenden Gott erkennen. Gott sagt sich niemals 
von seinem Eigenthum los, und wenn der Mensch sein ganzes 
Dasein, d. i. sein ganzes Herz, welches Gott fordert, indem er 
spricht : ,Sohn, gib mir dein Herz/ Gott zum Opfer bringt, und 
wenn das gottliebende Herz nur einen einzigen Schatz — Gott 
haben wird, dann wird auch für das gotthebende Herz Alles, 
was das Herz in Gott fühlen wird, sein. Was das Auge nicht 
sah, und das Ohr nicht hörte, und in das Herz des Menschen 
nicht einging, was Gott bereitete denen, die ihn lieben. 2 

Die Lehre von dem geheimnissvollen Tode und der ge- 
heimnissvollen Auferstehung glauben die Gottesmenschen durch 
Bruchstücke der heiligen Schrift auf folgende Weise begründen 
zu können. .Durch den Ungehorsam eines einzigen Menschen 
wurden Viele zu Sündern gemacht und herrschte die Sünde in 
dem Tode^ Dem geistigen Tode und allen seinen schrecklichen 
Folgen entrinnen, mit der Seele auferstehen, könne der Mensch 
nur durch den geheimnissvollen Tod, d. i. wenn er der Sünde 
stirbt. Dieser Tod erfolge vermittelst des unaufhörlichen Jesus- 
gebetes, welches den Menschen mit Jesus Christus vereinige, 
weil nur , vermittelst des einzigen Jesus, die den Ueberfluss 
des Segens und das Geschenk der Gerechtigkeit annehmenden 
Menschen gerecht werden können, im Leben herrschen'. Dieser 
Tod erfolge ferner vermittelst vollkommener Selbstverläugnung 
und unbedingter Ergebung in den göttlichen Willen, welcher 
durch die geheimnissvoll Auferstandenen wirksam sei, weil der 
Mensch für sich selbst nicht nur nicht handeln, sondern auch 
nichts Gutes voi'haben könne. 

Wenn der Mensch in die Höhe dieser Tugenden eingehe, 
so sterbe er geheimnissvoU, d. i. er erlangt Leidenschaftlosigkeit 



' Die erste AuferstehuMg zufolge der Apokalypse. 
2 Worte aus dem ersten Briefe an die Korinther. 

ii* 



L 



132 Pfizmaier. 

und Heiligkeit, mache sich für immer von Sünde frei : ,denn 
der Gestorbene AA^erde von Sünde befreit', und von dem Gesetze 
selbst, Avelches ,nicht für den Gerechten gegeben ist'. Der 
Mensch werde dann mit der Auferstehung Christi gleichförmig, 
erstehe geheimnissvoll in erster Auferstehung zu ewigem Leben 
auf, und ,glücklich, wer Antheil an der ersten Auferstehung 
hat, über ihn hat keine Gewalt der zweite Tod'. Denn in den 
geheimnissvoll Auferstandenen lasse sich nieder der heilige 
Geist, wohne immer in ihm, verlasse ihn niemals und thue 
Alles füi- ihn. Für den geheimnissvoll Auferstandenen sei auch 
keine einzige Verurtheilung mehr möglich, weil er in Christus 
Jesus lebe, nicht leiblich gehe, sondern im Geiste, oder A^on dem 
Geiste geführt Averde, Aveil er der Sohji Gottes von Abkunft sei. 

Auf diesen Grundlagen beruhe die unsinnige Lehre der 
Gottesmenschen A"on dem Zustande ihrer Propheten oder der 
geheimnissvoll auferstandenen Menschen. Vorerst seien die 
Handlungen der Propheten der Gottesmenschen und der im 
Allgemeinen geheimnissvoll Auferstandenen, für wen es auch 
sei, unbegreiflich und unterlägen daher keinem zu nichts be- 
rechtigenden Urtheile, Aveil in ihnen der heilige Geist AA^rke, 
dessen Handlungen mit den geAA'öhnlichen menschlichen Ge- 
setzen nicht übereinstimmen. 

RadäjeAA' schreibt an seinen Priester: Ihr wollet mich 
durchschauen; AA^as in mir, ist euch schlechterdings unmöglich 
zu erkennen, Aveil Ariele Begi'iffe höher als der eui'ige. Wenn 
ihr die Offenbarung des heiligen Apostels Johannes genau A^er- 
stehen werdet, werdet ihr auch mich begreifen. Wahrhch sage 
ich euch, dass ihr mich kfeinesfalls A^erstehen und erkennen 
werdet, sollten euch auch hundert Gottesgelehrte schicken. 
Oder ihr leset alle Bücher und das Leben der heiligen Väter, 
auch dann \^erstehet ihr nicht und erkennet nicht, AA^enn ich 
nicht selbst es erkläre. Sehr Aveise verfährt in mir der Geist, 
es ist keineswegs möglich zu erkennen. Und ihr saget, dass 
ich gleichsam selbst es nicht AA'eiss. Ich glaube, mich führt 
der Geist Gottes, doch völlig der Verleumder herrscht und der 
Geist der Bosheit in mir handelt. Ihr Avisset dieses nicht, 
denket auch so daA'on. 

Um die geheimnissA'ollen Handlungen des heiligen Geistes 
noch unbegreiflicher zu machen, halten es die Propheten der 



i 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenscben. lo3 

Gottesmenschen für nothwendig, sieh einfältig, glückselig zu 
stellen, wovor das gemeine Volk solche Ehrfurcht habe. Radäjew 
schreibt seinem Priester: Der Herr verzieh mir alle Sünden 
längst, imd Nachricht von Gott erhielt ich in der Verzeihung, 
und ward mir gegeben von dem Herrn grosser Segen sammt 
den Geschenken der Heilungen. Nur bin ich in meinem Be- 
nehmen streng, entdecke mich deutlich Niemandem, desswegen 
begehe ich auch zuweilen Thorheiten, damit man mich durchaus 
nicht erkenne. Wo ich etwas sage oder thue durch die Thätig- 
keit des Geistes, wenn die Menschen dann es zu eiTathen 
beginnen, ziehe ich schnell als Zaun irgend etwas Unsinniges, 
damit sie mich gar nicht erkennen. Besser und leichter zu 
ertragen, wenn sie spotten und für einen unnützen Menschen 
halten, als für einen heiligen. Es kann keineswegs sein, um 
nicht stellenweise Thorheiten zu begehen. 

Vernünftig denkende Menschen, heisst es, sähen in solchen 
Handlungen eines vermeintlichen Propheten die Narrheiten 
eines Betrügers, doch die Gottesmenschen sähen darin die ver- 
borgene, der Welt unverständliche höchste Weisheit Gottes, 
weil das sinnlose Göttliche weiser als die Menschen sei. Was 
die Propheten selbst betrifft, so sei keine Macht im Stande, 
sie zu überzeugen, dass in ihnen der heilige Geist nicht Avirke, 
dass sie nicht frei von Sünden seien. 

Radäjew schreibt : Ihr glaubet, dass ich verblendet bin, 
haltet mich für verloren und im Irrthum. Das göttliche Zeug- 
niss, welches in mir, ist zuverlässiger als das eurige. Könnte 
ich mich nicht beunruhigt haben? Die Menschen jeden Berufes 
versprechen mir Untergang imd Hölle ; warum stehe ich denn 
unerschütterlich? Weil in mir die klare und offenbare Thätig- 
keit und Gnade Gottes. So in mir, und mir deutlich, ist dieses 
eröffnet, dass herabsteigen alle Engel vom Himmel imd sagen 
mögen: ,Lebc nicht so'. Und dieses höre ich nicht. In Wahrheit 
weiss ich an mir kein einziges « Gebrechen. Der Herr, mein 
Gott rechtfertigt mich, doch ihr beschuldiget mich? Z^vischen 
euch und mir ist ein grosser Abstand. Ihr haltet mich für 
behaftet mit allen Gebrechen, ich aber habe diese nicht. liu- 
saget: Thue Busse. Ich sage: Ich wüsste nicht, wofür. 

An einen anderen Priester schreibt Radäjew : Ich bei 
meinem gesunden Verstände, erscheine Vielen nur als wahn- 



134 Pfizmaier. 

sinnig. So wie sie dafür halten, habe ich auch das ganze 
Aussehen. So wie sie mich für unvernünftig halten, erscheine 
ich auch als unvernünftig. Wer weise vor Gott sein will, wird 
vor den Menschen ein Thor sein. Die höchste götthche Weisheit 
wird bei den Menschen als Unvernunft angerechnet. 

Ungeachtet so feierlicher Versicherungen von Seite der 
Propheten und der Hoffnung ihrer Schüler, könnten selbst die 
Anhänger der Irrlehre nicht umhin zu bemerken, dass die 
Worte und Handlungen der geheimnissvoll Auferstandenen bis- 
weilen allzusehr von den allgemein anerkannten Regeln des 
Glaubens und der Sittlichkeit abweichen. Doch es sei Niemand 
zu einem Urtheil berechtigt, da Niemand deren Handlungen 
begreifen könne. , Dieselben hätten im Sinne Christi über Engel 
zu urtheilen, nicht blos über irdische Menschen'. Ein Prophet 
der Gottesmenschen ,lebe in vollkommener Freiheit. Was er 
auch thue oder spreche, wären seine Werke die verwerflichsten 
und abscheulichsten, seine Worte gotteslästerlich, man rechnet 
es ihm nicht als Sünde an, und er ist dafür nicht verantwort- 
lich'. Dieses komme daher, weil er sich von Sünde frei gemacht. 
In Wahrheit, thue er bisweilen solche Dinge, Avelche von An- 
deren als Sünde bezeichnet werden, doch diese Handlungen 
machten keine Sünde aus, wenn sie von ihm begangen werden. 
Ferner heisst es: Die Kälte des Nordens durchdringt den 
Fremden in dem Masse, dass er genöthigt ist, bisweilen Hilfe 
in dem Weine zu suchen. Die strenge Lebensweise der ver- 
meinthchen Heiligkeit verurtheilt uns bei Unmässigkeit, doch 
dafür lassen wir uns durch den heilsamen Balsam des ewigen 
Lebens heilen. 

Zudem heisst es: Ihr betrachtet mich von Seite des Ge- 
setzes und von Seite des Geschöpfes. Ich weiss, was Sünde, 
was nicht Sünde, was gut, was nicht gut, Avas sich gebührt, 
was man nicht thun soll. Ihr saget: Davon ist nichts geschrieben, 
was ich thue, d. i. viele meiner Werke sind unvereinbar mit 
dem geschriebenen Gesetze. — Genau ist es so: Viele Hand- 
lungen sind gleichsam zuwider dem geschriebenen Gesetze. 
Meine Handlungen sind unvereinbar mit dem geschriebenen 
Gesetze, und ich bekenne dieses, doch mit dem Willen des 
Gesetzgebers sind sie nur vereinbar'. Die Sache bestehe darin, 
dass in dem Propheten der heiUge Geist, Gott selbst lebe, und 



Die nenere Lehie der rassischen Gottesmenschen. 13o 

,wenn Gott, durch den Propheten nämlich, die hässhchste Hand- 
lung begehe , so werde auch, sagt Radäjew, diese Handlung 
besser sein, als die beste menschliche Reinheit milHoncnmal'. 

So habe sich der Prophet von Arsamas durch Gottes- 
lästerung und ausschweifendes Leben hervorgethan. Doch da 
er sich in Allem als nach dem Willen des heiligen Geistes 
handelnd hinstellte, hatte nach seiner Meinung Niemand ein 
Recht, über seine, des Propheten, Handlungen zu urtheilen. 
Er bekannte die Gotteslästerung, bemerkte jedoch : Etwelche 
hinterbringen euch, dass wir gleichsam Lästerung gegen Gott 
ausstossen, dieses ist euch nicht möglich zu vei'stehen. Da 
verbirgt die höchste Weisheit des heiligen Geistes uns dadurch 
vor den Menschen. — Er bekannte auch die ßuhlschaften mit 
seinen Schülerinnen, hatte aber die Kühnheit, sogar darzuthun, 
dass er es nicht mit seinem Willen, sondern mit dem Willen 
des heiligen Geistes gethan. 

Die Kühnheit der Lästerungen selbst sei geeignet, die 
unerfahrenen Anhänger der Lehre zur Vernunft zu bringen. 
So Radajew in seinen Aussagen: Ich erkenne in mir den Geist 
Gottes, desswegen verfahre ich auch so zur Strafe auf Rechnung 
der Mädchen, ich fürchte, mein Recht höher zu stellen, als das 
göttliche Recht. Wenn ich dieses nicht nach dem Willen Gottes 
thäte, so dürfte ich selbst im höchsten Grade Segen haben, 
wenn ich einmal so handelte, würde ich mich dessen entkleiden. 
Doch was ist dieses? Ich thue es, und in mir ist das Nämliche, 
ich werde dessen nicht entkleidet, nach Art des Propheten 
Dawid, als er sündigte. Das Gewissen in mir hat bei dieser 
Sache mich durchaus nicht überführt, sondern mehr in mir 
kochte Freude und Wonne in meinem Inneren, grosse Rührung 
verblieb immer in mir. Weder Gefühllosigkeit, noch Versteine- 
rung und Härte im Herzen entstand bei mir durch solches Ver- 
fahren. Liebe zu Gott und Demuth, Glaube, imd Sanftmuth 
und Gebet in mir kochten unzertrennlich und unaufhörlich im 
Herzen mit einer so ungewöhnlichen Freude und Wonne. 

Dessen nicht genug, scheue sich der Prophet nicht, noch 
beweisen zu wollen, dass er durch seine Handlungen, welche bei 
nicht gewissenlosen Menschen schwere Sünden genannt werden, 
die Sünde selbst vertilge. Radäjew schreibt an einen seiner 
Anhänger: Christus nahm das Fleisch Adams an, um durch 



136 Pfizmaiei. 

Sünde die Sünde zu vertilgen. Und ich ntahm das Fleisch an 
und thue Fleischliches, um dadurch die Sünde zu vertilgen.' — 
Ferner schreibt er: selbst jene Frau, welche mit ihm schlechter 
verfahre, d. i. mit ihm sündige, verfahre besser ihrer Seele wegen. 

Wenn also Niemand das Recht habe, solche offenbar allen 
Geboten der Sittlichkeit zuwiderlaufende Handlungen der ge- 
heimnissvoll Auferstandenen zu vcrurtheilen , so könne um so 
weniger Jemand andere, blos Albernheit, Wunderhchkeit oder 
"Verstandesverwirrung bekundende Handlungen beurtheilen. Und 
da der Prophet, wie die Gottesmenschen sich ausdrücken, in 
den apostoHschen Zustand versetzt und seine Lehre als die 
Lehre des heiligen Geistes unermesslich wahrhaftiger, als die 
gleichsam buchstäbliche, menschliche Lehre der rechtgläubigen 
Kirche sei, so seien Alle ohne Ausnahme, ohne auf irgend 
welche Handlungen von seiner Seite zu sehen, verpflichtet, ihm 
unweigerHch Gehorsam zu leisten, wenn sie Leidenschaftlosig- 
keit und Heiligkeit erreichen wollen. 

Radäjew schrieb seinen Schülern: Ihr saget: Wie ist es 
dem heiligen Geiste möglich in dir zu wirken, — ein solcher 
Sünder! — In wie fern wisset ihr, dass ich ein Sünder bin? 
Wer hat es euch gesagt? — Ihr saget: Wir selbst kennen 
deine Sünde. — Ihr kennet meine Sünde, aber die Gnade Gottes 
in mir kennet ihr nicht. Glaubet sicher, dass der Herr euch 
zurechtstellt. Offenbar spricht sein Geist, der mir gegebene, 
dass sein Erbarmen mit euch gross sein wird, dass ihr nur 
wenig leiden Averdet. — Der Prophet der Gottesmenschen findet 
auch Beispiele in der Geschichte der Kirche Christi, welche 
darthun, dass der heilige Geist ihn niemals verlassen werde, 
wenn er selbst, der Prophet, auch wirklich sündigen sollte. 

Seinen Anhängern, welche bei all' ihrem, von ihm nicht 
viel verlangenden Gewissen an der Wahrheit seiner Lehre 
und der Tadellosigkeit seiner Handkingen zweifelten, schrieb 
Radajew: Warum glaubet ihr nicht? Sollte es sein, dass ich 
euch verführe und falsch lehre? — Ihr saget: Du wolltest uns 
da bewahren und lögest; wie könnten wir deiner Lehre glau- 
ben ? — Auch Petrus, der Apostel versprach Christus, mit ihm 

' Die hier noch lolgeiuleii Worte der Handschrift wurden weggelassen 
und sollen nicht druckfähig sein. 



1 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. Iö7 

ZU sterben, doch später verläugneto er ihn dreimal unter Eid, 
er sagte Christus eine Lüge. Was alsoV Braucht man desswegeu 
Petrus, dem Apostel nicht zu glauben? Dawid, der Prophet, 
so gross er auch war, beging zwei Sünden, er war dennoch 
das Gefäss des heiligen Geistes. So ist auch dieses. Wenn ich 
auch in etwas gesündigt habe, ist es desswegen nicht nöthig, 
dass ihr an mir verzweifelt und meinen Worten nicht glaubet. 
Schwerer sündiget ihr durch Unglauben. Wegen Unglauben 
traten die Israeliten nicht in das Land ein, welches ihnen von 
Gott versprochen worden. So werdet auch ihr nicht hinauf- 
gehen zu dem Segen der Lcidenschaftlosigkeit und Heiligkeit 
eures Unglaubens wegen. Ihr fallet Alle aus dem Segen heraus 
und sterbet mit euren Seelen, eures Unglaubens wegen. 

Sich einbildend, dass er in sich den Geist Gottes habe, 
versicherte Radäjew feierlich seinen Schülern : Weder nach 
dem Menschen urtheile ich, noch nach dieser Welt, auch weder 
mit meinem Willen schrieb ich euch oder schickte, sondern 
mit dem Willen des Geistes, den ich von Gott Vater empfing, 
vermittelst Jesus Christus. — Und wehe dem, der nicht meinem 
Zeugniss glaubt. — So spricht ein anderer Prophet. Wenn er 
seinen Zuhörern gesagt hätte, dass irgend etwas zweifelhaft 
oder geradezu falsch sei, so wären seine Zuhörer verpflichtet 
gewesen, dieses nicht dem Propheten, sondern dem heiligen 
Geiste zuzuschreiben. Wenn, so spricht der öfter genannte 
Prophet der Gottesmenschen, in allen Erklärungen, Predigten 
und Gesprächen irgend welche Fehler von meiner Seite waren 
oder sind, so stammen sie von dem heiligen Geiste, welcher in 
Allem in mir wirkt und mich überallhin führt. — Eine solche 
Sprache sei Selbstbetrug und Wahnsinn. 

Die gcheimnissvoll Auferstandenen seien in dem Obigen 
negativ betrachtet worden, wobei sich für jeden vernünftig 
Denkenden ein grässliches Bild darstelle, doch in den Augen 
der Gottesmenschen Averde dadurch nur die verborgene höchste 
Weisheit Gottes ausgedrückt. Doch es folgen jetzt Angaben 
über den wirklichen Zustand der geheimnissvoll Auferstandenen, 
welcher ganz klar die Kraft des in diesen Älenschen lebenden 
heiligen Geistes erkennen lasse. Der geheimnissvoll Aufer- 
standene, Avelcher den Segen des heiligen Geistes empfangen, 
werde desselben nicht mehr beraubt, wie er auch lebe und 



138 Pfizmaier. 

was er auch thue. Seine Seele, in welche Gott sich niederge- 
lassen, besitze sämmtliche Tugenden. In ihm seien ,grosse 
Liebe zu Gott und zu dem Bruder, tiefe Demuth und Fröm- 
migkeit, Glaube und reine Gottergebenheit, masslose Sanftmuth; 
Unehre, Schmähimg und Verfolgung liebe er über Alles; das 
Jesusgebet gehe in ihm über das Athemholen ; die Leiden- 
schaften gestillt, die Gedanken gereinigt, fleischUche Begierde 
gänzlich verschwunden und verwelkt; Freude und Wonne und 
unaussprechliche Rührimg kochen immer ununterbrochen in 
seinem Herzen^. 

Gott, der in der Seele des Propheten sich niedergelassen, 
erlaube ihm nicht, auch nur Bussgebete hervorzubringen, welche 
sich für die noch nicht ganz von Sünden gereinigten Menschen 
geziemen. Radajew schreibt: Das Gebet lautete früher so: 
,Herr, Jesus Christus, Gottessohn, erbarme dich meiner, des 
Sündigen'. Doch nachher veränderte die in mir wirkende Kraft 
mit starker Zurückhaltung dieses Gebet, liess nicht zu, den 
Schluss zu machen : ,erbarme dich meiner , des Sündigen', 
sondern blos: ,Herr, Jesus Christus, Gottessohn, erbarme dich 
meiner*^ ; und so wie sie das Gebet veränderte, so liess auch die 
Kirchengesänge und die Bussgebete die Kraft, welche in mir 
wirkt, nicht lesen, indess man zu Gott betete, — Die Reinheit 
der Seele des Propheten werde selbst durch dessen Angesicht 
ausgedrückt. ,Er zeigt ein ungewöhnliches Aussehen, er wird 
von Freude erfüllt, rein, so dass es unmöglich ist, hinzubhcken, 
obgleich übrigens nicht zu jeder Zeit ein solcher Ausdruck 
sich in seinem Gesichte zeigte 

Der Prophet der Gottesmenschen sehe dm*ch die Kraft des in 
ihm lebenden heiligen Geistes beständig seine Zukunft vorher. 
Der Prophet schreibt : Seit derselben Zeit, als mit mir die Ver- 
zückung erfolgte, höre ich immer das Zeugniss des heihgen 
Geistes. Das erste Mal, als ich ohne Erlaubniss mich entfernte, 
hörte ich die Stimme des Geistes in folgendem Zeugnisse: ,I)u 
kommst unter das peinliche Gericht'. Ich wollte nicht um- 
kehren, und um dieselbe Zeit erfolgte der Bericht von meiner 
eigenmächtigen Entfernung. Als auch der Befehl hinsichtlich 
meiner Vorladung vor die ärzthche Verwaltung erging, rief die 
Stimme des heiligen Geistes in folgendem Zeugnisse: ,Gehe 
nicht'. Desswegen gehorchte ich lange Zeit nicht der Auf- 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. 139 

forderung des Consistoriums , und oftmals versuchte ich es, 
doch kaum denke ich an die ärztliche Verwaltung, so merke 
ich einen unerträglichen Gestank. Als ich der Rathsversamm- 
lung gehorchte und in das Consistorium ging, ertönte ztir Zeit 
des Gebetes eine Stimme: ,Du gehst in das Verderben'. Bei 
meiner Ankunft in der Festung, erfolgte die Offenbarung in 
dem folgenden Zeugnisse : , Allen Sündern die Vergebung der 
Sünden', und als ich die Stimme des Geistes hörte, umwallte 
mich ein unaussprechlicher Wohlgeruch u. s. w. 

Ihm sei^ mit einem Worte, jeder bevorstehende Schritt 
nicht nur in dem eigenen, sondern auch in dem Leben An- 
derer bekannt. In ihm verbleibe unzertrennlich der heilige 
Geist, der Urheber aller segenbringenden Gaben. Desswegen 
, sehen seine erleuchteten geistigen Augen, von welchem Le- 
benswandel Jemand ist, ob von einem schlechten, oder guten. 
Der Geist Gottes entdecke ihm, was für ein Leben Jemand 
führt, wer ein schlechtes, und wer ein gutes. Es seien in ihm 
Geistesabwesenheit, unaufhörliche Offenbarungen in Dingen, 
viele Entzückungen im Gebete, geistige Trunkenheit. ,Der in 
dem Propheten lebende heilige Geist entdecke ihm, wenn in 
.Jemanden der Wunsch bemerkt wird, mit ihm zu sprechen, 
und ermuntere ihn, zu ihm zu gehen. Wenn er dann zu Je- 
manden gehe, gebe ihm der Geist ein, was er zu sprechen 
habe, ohne dass er um das, was zu fragen nöthig ist, fi-age'. 

Einer der Irrgläubigen von Cistopol, welcher einen Priester 
überredete, ihrem Irrglauben beizutreten, sprach zu ihm : Du 
wirst der glücklichste Mensch sein ; du wirst jeden Menschen 
ganz durchblicken, sehen in ihm die Gebrechen und die Tu 
genden. Sobald als du austrittst bei dem Gottesdienst aus der 
heiligen Pforte, siehst du sogleich, wer in die Kirche gekommen 
mit Eifer und wer ohne Eifer, den Würdigen und den Un- 
würdigen wirst du deutlich sehen, und dabei wirst du einen 
ungewöhnlichen Wohlgeruch in der Kirche bemerken, und der 
Dienst selbst wird kein irdischer, sondern ein himmlischer sein. 

,Der Geist, der sich in dem Propheten befindet, habe 
die Kraft, ]\Ienschen zu fesseln und an ihn zu ziehen. Kadä- 
jew spricht: Als Beweis kann ich anführen, dass ich einmal 
auf dem Wege ging. Plötzlich hielt mich der iieilige Geist 
zurück, und ich stand lange Zeit wie eingegraben. Die Schwester 



I 



140 Pfizmaier. 

des Weibes meines Bruders erntete (atajia) eben um diese Zeit 
und war von mir so entfernt, dass sie mich nicht sehen konnte, 
aber plötzlich zog es sie seitdem zu mir. Doch da dieses für 
sie etwas Ungewöhnliches war, so begann sie zu schreien, indem 
sie gesagt hatte, dass sie mit aller Anstrengung dem Geiste 
nicht widerstehen gekonnt. Ich beruhigte sie auch dort und 
entliess sie. 

Zur Zeit der geistigen Trunkenheit, oder zur Zeit der 
verstellten Ohnmächten ,tragen ihn (nach den Worten des 
Propheten) die Engel in den Himmel und entzücken ihn durch 
wunderbare Gesichte. Er sehe von Angesicht zu Angesicht 
Gott und dessen Herrlichkeit; er sehe das Paradies und die 
Pein, die Verlorenen und die Frohlockenden^ 

Ein anderer Prophet der Gottesmenschen sagt: Es blickte 
herab der Herr auf die Demuth seines Knechtes, auf meine 
Ergebenheit seit dem Mutterleibe. Er goss das Feuer seiner 
Barmherzigkeit aus, nicht irgend einen Wasserstrom, sondern 
den Fluss des Segens, in welchem ich versinke, wie ein Stein 
in dem Meere. Ich sehe mit den geistigen Augen Gott, nicht 
in Hexereien, sondern in der Offenbarung selbst. 

Doch auch in seinem gewöhnlichen Zustande erkenne der 
Prophet der Gottesmenschen durch den in ihm lebenden Geist 
den Zustand der in das jenseitige Leben hinübergegangenen 
Seelen. Der Prophet schreibt: Wenn wir sie (die Gottes- 
fürchtigcn) in die Verzeichnisse der Verstorbenen eintragen, 
zeigt sich beim Einschreiben oder bei der Erinnerung immer 
der Schatten des göttUchen Segens in dem Wohlgeruch des 
lebendigen Geruchs, und bei der Erinnerung an ihre Namen 
versüsst sich aller Geschmack durch die Früchte ihrer Liebe 
zur Tugend. Diejenigen, welche in verkehrter Eitelkeit lebten, 
dem Christusleibe entfremdet , bei der Erinnerung an ihre 
Namen zeigt sich ein tödtlicher Schatten und selbst aller Ge- 
schmack leidet Schaden durch das finstere Dasein ihres Auf- 
enthaltortes. Es kam mir vor, dass ich in die Verzeichnisse 
der Verstorbenen derartige Seelen eintrug. Kaum schreibst du 
in die Verzeichnisse den Namen, so athmet augenblicklich aus 
dem Namen der Untergang in dem unerträglichen Leid der Hölle. 

Ein Prophet der Gottesmenschen ist überzeugt, dass er 
von weitem sehe, was in den Häusern seiner Anhänger vorgeht, 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. 141 

wie sie leben und von was sie leben, so oder anders. Einst 
war Radäjew kaum nur noch gewürdigt worden, den Geist 
Gottes in sich aufzunehmen. ,Aus der Kirche gegangen, sah 
er mit den inneren Augen in einem Hause Menschen, welche 
beim Nachtmahl sassen, und vorn ein Mädchen. Der Geist 
bewog ihn, in dieses Haus zu gehen und das Mädchen in die 
Zelle zu nehmen. Er ging in dieses Haus, wohin ihn der Geist 
führte, und fand Alles, wie er es in dem eigenen Inneren gesehen'. 

Er sehe den inneren Zustand Anderer und könne tausend 
Fälle von seiner Vorhersehung erzählen. Besonders sehe der 
Prophet, wer an seine Lehre glaube und wer nicht. Radäjew 
sagt: Wer zu mir in Unglauben an mich kam, mit diesen 
Menschen that ich nichts, ich jagte sie fort. Doch bei All' 
diesem handelte nicht ich, sondern der heilige Geist, indem er 
mich überall führte und drehte. 

Der Prophet der Gottesmenschen, der in sich den heiligen 
Geist aufgenommen, sei mit ungewöhnlicher Kraft und Stärke 
begabt. Durch die Kraft des heiligen Geistes sage er die Zu- 
kunft vorher. Radäjew sagt: Ein Weib war krank und kam, 
mich zu bitten, dass ich sie mit Oel aus meiner Lampe be- 
streiche. Ich nahm aus der Lampe Oeb doch der heilige Geist 
hielt mich zurück und befahl, ihr blos Kerzen und Weihrauch 
zu geben. Als sie fortgegangen war, schickte mich der Geist 
Gottes zu ihr, und als ich kam und auf sie zugehen Avollte, 
sagte sie, dass sie, wenn sie sich von der Krankheit wieder 
erholt haben würde, ein besseres Leben führen wolle. Doch 
der heilige Geist sagte mii', dass sie nicht mehr leben werde, 
und genau am Morgen starb sie. — Zu einem Bauer kam ich 
und suchte Spleissen in den Händen aus. Eine von ihnen 
steckte ich in den Fussboden und sagte: Du bleibst allein 
übrig. — Nach Verlauf von vier Tagen starb sein Weib. 

Durch die Kraft des heiligen Geistes wirke er Wunder. 
,Ieh verwandle diesen einfachen Wein in Kirchenwein'. »So 
versicherte feierlich in di'r Kirche der Prophet der Gottes- 
menschen von Cistopoi. 

Ein anderer Prophet erzählt: Ein Weib war krank. Ich 
kam zu ihr, als sie krank war, auf Eingebung des Geiste», icii 
bat bei ihr um Kwass, in der Absicht, ihn nicht selbst auszu- 
trinken, sondern ihn ihr zu geben, und als sie sagte, dass sie 



II 



142 Pfizmaier. 

niclit selbst gehen könne, befahl ich ihr^ ihn, wenn auch krie- 
chend, selbst zu bringen. Als sie dann den Kwass brachte, 
nahm ich ihn gleichsam zu dem Zwecke, um mich selbst satt 
zu trinken. Hierauf bekreuzigte ich sie und Hess sie ihn aus- 
trinken. Den anderen Tag wurde sie gesund. 

Indessen seien dieses gewöhnliche Handlungen der mit 
dem wunderthätigen Segen des heiligen Geistes begabten 
Menschen. Aber der mit aller Macht des göttlichen Geistes 
wirkende Prophet der Gottesmenschen habe eine Kraft und 
eine Macht, welche gleich mit der Kraft und der Allmacht 
Christi selbst. Radäjew schrieb von sich : Die Seele, in den 
apostolischen Zustand versetzt, tritt an die Stelle Christi. Diese 
Seele versieht sich mit einer so grossen Gewalt, dass es zwei- 
felhaft ist, ob man es glauben könne; weil sie dasselbe thut, 
was auch Christus thut, und von sich bezeugen kann, und ihr 
Zeugniss wahr ist, Avie dasjenige Christi. 

Der mit dieser Gewalt ausgerüstete Prophet tödte und 
mache lebendig, wen er wolle. So sagte Radäjew vorher, 
dass , sechs Mädchen seiner Brüderschaft am zweiten Tage des 
glänzenden Festes sterben müssen und dass er sie in das 
Himmelreich sende. Dass er dieses thun könne, bcM'ies er 
dadurch, dass auch Christus den Lazarus erweckt habe, nach- 
dem er zu ihm gesagt : Gehe heraus ! Und ich, so spricht er, 
thue dasselbe. Ich lege die Leiber hin und sende die Seelen 
in das Paradies*. 

Er könne an seine treuen Anhänger solche himmhsche 
Belohnungen vertheilen, wie sie Gott allein nur geben könne 
und wie sie selbst Gott nicht verspreche. Radäjew schrieb 
an einen seiner Anhänger: Knecht Gottes, sorge für die Ver- 
mehrung und Ausbreitung unserer Brüderschaft. Besonders 
ziehe junge Mädchen heran — es liebt sie Gott, — und wenn 
sie von reinem Herzen mir anhängen, so bereite ich ihnen 
Ruhmeskränze, dir auch die höchste Bergstadt Jerusalem, E. 
(einem sechzehnjährigen IMädchen), sechs Seraphflügel, und ihr 
Angesicht leuchtet gleich der Sonne. 

Noch mehr, der Prophet der Gottesmenschen könne das 
Loos der Verstorbenen, das ihnen von Gott selbst bestimmte, 
verändern, und er werde an dem schrecklichen Gottesgericht, 
welches für immer Belohnungen und Strafen der Erdgebornen 






Dip neuere I,elire der russischen Gotteamenschen. l4d 

festsetzt, Theil nehmen. Kadäjew s])r;icli zu seinen Schülern, 
jdass er die Gewalt habe zu binden und zu entscheiden, die 
Gewalt habe, die sündigen Seelen aus der Hölle zu führen und 
ihnen das Himmelreich zu gebend Endlich sagte er: Wenn 
ihr mich bittet, in den Kirchhof zu kommen und ihr euch mit 
dem ganzen Dorfe vor mir verbeuget, so führe ich alle Todten, 
auch die in der Hölle befindlichen, in das Himmelreich, und 
wenn das schreckliche Gericht herannaht, rücke ich Alle, welche 
Christo nahe sind, auseinander, und setze mich neben ihn, und 
werde über euch urtheilen, wer wohin. 

Er habe die Kraft, auch die Seelen seiner Anhänger mit 
Christus zu vereinigen, so wie er selbst mit ihnen vereinigt 
sei. Radäjew schrieb seinen Schülerinnen : Meine geistigen 
Schwestern, ich will euch wenig bcAvirthen mit der unsterb- 
lichen Speise, welche das Leben unserer Seelen ist und welche 
in der heiligen Schrift das himmlische Brod genannt wird. 
Das Brod selbst, das aus dem Himmel hervorgegangen, ist 
Christus : mit diesem Brode will ich euch nähren. 

Er habe die Kraft, den heiligen Geist seinen Anhängern 
mitzutheilen. ,Es werde mir die Gewalt gegeben, den Segen 
des Geistes auszugiessen. Möglich ist es mir in dem Dorfe 
oder auf dem Lande durch das Auflegen der Hände auf das 
Ganze'. 

Mit göttlicher Gewalt versehen, sei der Prophet der Gottes- 
menschen keiner Gewalt unterworfen. Radäjew sagt von sich, 
,der heilige Geist habe ihn höher gestellt als jeden Urquell 
und jede Gewalt. Das Gesetz und die Kirche können ihn 
durch nichts binden; sie führten zwar auch zu Gott, doch er 
habe bereits das Mass geistiger Vollkommenheit erreicht und 
sei zu Gott gelangt, folglich habe er es nicht mehr nüthig, 
dass er hindurchgegangen sei'. Selbst Gott könne nichts mit 
dem Propheten thun, was immer dieser auch gethan habe. 
,Gott erzürne sich nicht über ihn. F.r habe ganz so, wie ein 
treuer und geliebter Sohn, der den Willen des Vaters vollzogen, 
jetzt seinen AVillen, und bei ihm könne der Vater nichts fordern, 
wolle es auch nicht. Im Besitze göttlicher Allmacht, geniesse 
er eine solche Glückseligkeit, wie Gott selbst, und keine Macht 
sei im Stande, seine Glückseligkeit zu vergrössern oder zu ver- 
mindern. Sollte man ihn auch in die Hölle schicken, keine 



I 



244 Pfizmaier. 

Macht könne ihm dort beikommen. Wäre es auch in das 
Paradies, er würde dort mehr Freude nicht antreffen'. 

So sei die Lehre der Gottesmenschen von dem geheim- 
nissvollen Tode und der geheimnissvollen Auferstehung be- 
schaffen. Herr Dobrotworski setzt hinzu, dass er in eine um- 
ständliche Kritik dieser Lehre sich nicht einlasse, weil eine 
solche Kritik nur die Wiederholung der Lehre der Kirche z. B. 
von der Bilderverehrung, von den Fasten u. s. w. sein würde. 
Er beschränke sich auf einige kurze Bemerkungen über die 
Hauptsätze der Lehre der Gottesmenschen und über die Fol- 
gerungen aus der Lehre von dem geheimnissvollen Tode und 
der geheimnissvollen Auferstehung , um demjenigen , der es 
nöthig habe,, die Mittel an die Hand zu geben, die Irrthümer 
dieser Menschen in den Ansichten von Glauben und Gottge- 
fälligkeit immer direct und zutreffend widerlegen zu können. 

Indessen sind die genannten Bemerkungen von bedeu- 
tender Länge, mit Citaten aus der heiligen Schrift durchmengt 
und streifen vornehmlich theologisches Gebiet. Es schien daher 
angemessen, diese Abhandlung durch Anführung einer Anzahl 
Gesänge (pocn'tBU.u) , in welchen weitere Aufklärungen über 
die Gebräuche der Secte enthalten sind, zu beschliessen. Die- 
selben wurden aus der dritten Abtheilung der Gesänge der 
Gottesmenschen an diese Stelle versetzt. 



Aus den Liedern von den Gebräuchen der Gottesmenschen. 

Ha rop-ife, ropi na CIohckoh ropi 
Ctoht'b Tyit i],epKOBi. anocTO^LCKaa, 
AnocTO./iLCKaH, ö1i.aoKaMeHHaji, 
B't.aoKaMeHHaa 3.aaTor.aaBa)j. 
KaKi HO Tofr ^h bo ii,epKBH Tp« rpo6a CTOHTt, 
TpH rpo6a ctoht-l KHuapHcoBue. 
KaKi. BO nepBOMT. bo rpoöii 6oropo^HU,a, 
A BT. ;;pyroM'L bo rpoGt loaHH'b ITpe^Te^B, 
A bx TpeTLeMi> rpoöli caMi. iHcycL XpacTOCt. 
KaK-B Ha^'B TliMH rpodaMH n,BliTti pasu.B'feÄn, 
Ha i^B^Tax-B CH^HT-L nTHu,iJ paßcKia 
Bocn-tBaioTi. OHt ntcHn apxaHrejtcKiH. 



Die nonere Lehre der russiscben (.JottesTüenschen. 140 

A et HHMH noK)TT> Bcfe aHre^iu, 
Bei anrege co apxanre^aMn, 
Ci. cepa<i>HMaMH, ch xepyBHMaMH 
H CO Bceio CH^OK) HeöecHOio; 

BocntBaiOT'b OHli nliCHIO XpHCTOCI. BOCKpeC/L. 

BoscTasaja nsi. rpoöa Boropo4Hi],a, 

ITo^aBajia j.roAaMT> öojkIhm'b pyöarae^iKH, 

KpoH^a Amß,ii'yi'h öoaciHMi. no^OTeHMHKii, 

CBHBa^a JHOAHMi. öomiHMi. cbüti-i KryTHKH, 

BoscTaBa^T. hi^s-l rpoöa loanni. npe^Te^t, 

CTaHOBHAi> OHi. ÄTOji,m öojkIhxt. bo e^HHHfi Kpyri), 

Bo e;i,HHLiii Kpynb na paA'tnie, 

Ha paAliHie, na nooymaHie; 

Bocn-feBa^ii oh-b niiCHH apxanreiLCKH, 

Ohi. CKaKajii-Hrpa^'B no 4aBrj/i,0By. 

BocTasa^'B HSt rpoöa caMi. Incyci. XpncTOCB, — 

Bo CBATOMi. Kpyry BCt cb^^h 3aTeU^H^HCL. 

CoKaTH^i. CB HeöecH öaTiomKa .^yxT. cbatoh, 

CoKaTHjii. OH-B na ^ioagh öoKinx^.; 

noxo^H^t Bt jiio^ÄXi, öoJKiHxi. caMT. Bor'B CaBaoe-L, 

HocKaKa^i'B bi> ÄJOß,ax'h öoKinx!. caiiT. IncycT. XpiiCTOci.. 

ConycKa^i> na HHXt ii,apB neöecHM ö^iaro^aTh cbok), 

Oc^EüA'h ii;apL HeöecHufi nxi> noKpoBOMT) cbohmtj; 

Xo^H^'B ci. HHMH i^api. HeöecHLifi BO cBiiTOMt Kpvry. 

Auf dem Berge, Berge, auf dem Öionischen Berge 

Steht dort die Kirche, die apostoHsche, 

Die apostolische, weisssteinige, 

Die weisssteinige, goldhäuptige. 

Wie in dieser Kirche wohl drei Gräber stehen, 

Drei Gräber stehen, Cypressengräber. 

Wie in dem ersten Grabe die Gottesmutter^ 

Und in dem zweiten Grabe der Vorläufer loänn. 

Doch in dem dritten Grabe Jesus Christus selbst. 

Wie auf diesen Gi'äbern Blumen erblühten. 

Auf den Blumen sitzen Vögel paradiesische, 

Sie singen Lieder erzenglische. 

Und mit ihnen singen die Engel alle, 

Die Engel alle mit den Erzengeln, 

Sitzungsber. d. phil.-hist. Cl. CIV. Bd. 1. Htt. 10 



146 Pfizmaier. 

Mit den Seraphim, mit den Cherabim 

Und mit der ganzen himmlischen Macht; 

Sie singen das Lied: Christus stand auf. 

Es erstand aus dem Grab die Gottesmutter, 

Sie gab den Gottesmenschen Hemdchen, 

Schnitt den Gottesmenschen Handtüchlein, 

Drehte den Gottesmenschen heilige Plumpsäcklein. 

Es erstand aus dem Grab der Vorläufer loänn, 

Er stellte die Gottesmenschen in einen einzigen Kreis, 

In einen einzigen Kreis zu der Besorgung, 

Zu der Besorgung, zur Folgsamkeit; 

Er sang Lieder erzenglische, 

Er sprang, spielte nach Davidart. 

Es erstand aus dem Grab Jesus Christus selbst, — 

In dem heiligen Kreis alle Kerzen brennen. 

Es rollte vom Himmel das Väterchen, der heilige Geist, 

Er rollte herab auf die Gottesmenschen; 

Es ging einher in den Gottesmenschen Gott Zebaoth selbst. 

Es sprang in den Gottesmenschen Jesus Christus selbst. 

Es liess herab auf sie der himmlische Zar seinen Segen, 

Es beschattete der himmlische Zar sie mit seinem Schutze ; 

Es ging mit ihnen der himmlische Zar in dem heiligen Kreise. 

Dieses Lied beschreibt die Besorgungen der Gottesmenschen 
und Skopzen mit ihrem Zubehör: den Hemdchen, Handtüchern, 
Plumpsäcken, mit den Kerzen, Kreisen und Gesängen; doch 
merkwürdiger sei in ihm die Darstellung der idealen Seite der 
Besorgungen. Diese Besorgungen seien nicht einfache Ver- 
sammlungen Singender und Tanzender, selbst nicht einfache 
Mittel der Gottgefälligkeit, sondern die thatsächlichsten Mittel 
der Vereinigung mit Gott, wie diese nur unter Vorstellung des 
mystischen Pantheismus möglich sei. Deswegen rolle auf die 
Gottesmenschen der heilige Geist herab, es springe in ihnen 
und mit ihnen Jesus Christus selbst, es wandle in ihnen und 
mit ihnen Gott Zebaoth selbst. Deswegen erstehen in den 
Seelen der Irrgläubigen aus den Gräbern sowohl die Gottes- 
mutter, als Christus und der Vorläufer. Deswegen seien 
auch ihre Lieder erzenglische, und mit ihnen singe die ganze 
himmlische Macht, — die Abgelebten, nach ihrer Lehre, die 



i 

! 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. 147 

geheimnissvolleii Todten, welche in dem Himmel «ich in Engel 
verwandeln, auch auf der Erde als Mitglieder der Gesellschaft 
der Gottesmenschen leben, besonders die geheimnissvoll aufer- 
standenen Propheten imd Prophetinnen. Eine solche verführe- 
rische und zugleich weite Entwicklung pantheistischer Welt- 
anschauung könne man noch in dem folgenden Liede sehen. 



BaöpaHHOH BoeBO/i,a Hami. cy^apL öaTioniKa 
BBÖpaHHon BoeBO^a nami. i];apt HeöecHuil ! 
Pa^ynca ! C^a^HMt-piKa hsi. paa Te^exT.. 
Pa^VHca C^a^HM'L-p'feKa Cb HCKyniiTe^eMi., 
Pa^yacü Cja^HMi-pliKa co cnacHTe^eM'b, 
Pa^ynca et cßaTHMt ^yxoMt yT^niHTe^eMt ! 
Pa^ynca Cj.a^HM'L-piKa — TÄ-äcia Bimaeia 
Pa^ynca C^ia^HMt-piKa — oaci. yieeia 
Bo Bci KOHi],u aeM^H no^BcewieHHLia. 
^,o^nHä C^aAHM'B-p'feKH CaBaoet rocno;i,b, 
UlHpHHa Cjia^HMt-pliKH cy^apL cuh'b BojKin, 
FjiyÖHHa C^ia^HM'L-p'feKH cy^apL /l,yxt CBaTon. 
n^uBeTt no C^a^HMi.-p'feK'Ii ^a napcKiii KopaÖJL, 
BoKpyri. i],apcKaro Kopaöjia ^erKia jo/1,ohkh, 
n^LiByTt ^ema ^o^oikh, Bce a>peraTyniKH, 
Bo3;iK)6^eHHLie BipHue i],apcKie ^liTyniKH, 
MaTpocH, 6'i>Ähu,u, CTpi^Lnu, ^OHCKie KaaaKH, 
BoHHM sarpamiHHue, c^yrH BtpHüe. 
BocnjiMBaeTt öaxioniKa cy^apL Chhi. BosKifi, 
DonpaB^aeTi. öaTJoniKa cy/i,apL ^vx-b cBaTon. 
IIocHHeMy no Mopio non^aBUBaroTi», 
Bi^EiMH napycaMH pasMaxHearoTt, 
H Bt rycüH 4,aBH^0BiJ BMurpuBaroTi», 
r^iaro^H rocno/],HH BUHUTUBaiOTt, 

oüeHHTLCa OHH ÖaTIOIUKli COB'IiTUBaiOT'B. 

CocBaTa^ca öaTroniKa na CioncKon ropi, 

JlKeHH^ca Hami. öaTioniKa na Fo^roet ropli, 

BiHHa^ca nami. BaTiouiKa na cbhtoii'l Kpecrk. 

PaAyiica Ciom. ropa upeBucoKoa, 

Pa/i,yfica Fo^rowb ropa — m'1>cto ^ouHoe! 

JKeHHxx. Ko Te6h ii^ext, ateHiiTLca rpa^ext. 

lu* 



148 Pfizmaier. 

HeB-hcTV B'SHA'h 6aTK)mKa Caßaoea Ao^l, 

CaBaoea Ao^h, AOHBKy 6^h3khk)K)j 

^OHBKy 6^H3KHK)K) — Hcöo BiiniHee; 

A seMAK) Ham-B öaTioniKa bo npH4,aHCTB0 Bsa^i.. 

3a TO CaBaoeT> OT^a^i-B, '«to KpoBtio CTpa^a^it, 

3a TO CaBaoei. ycTynnwU., hto KpOBBio KynK^t. 

Erwählter Heerführer unser, Herr, Väterchen, 

ErAvählter Heerführer unser, Zar himmlischer! 

Freue dich! I)er Süssfluss aus dem Paradiese fliesst. 

Freue dich, Süssfluss, mit dem Erlöser, 

Freue dich, Süssfluss, mit dem Erretter, 

Freue dich mit dem heiligen Geiste, dem Tröster! 

Freue dich, Süssfluss — Stimme der Mahnung, 

Freue dich, Süssfluss — Stimme der Lehre 

Nach allen Enden der Erde, die unterweltlichen. 

Die Länge des Süssflusses — Zebaoth, der Herr, 

Die Breite des Süssflusses der Herr, Gottes Sohn, 

Die Tiefe des Süssflusses der Herr, der heilige Geist. 

Es schwimmt auf dem Süssflusse ja das zarische Schifi", 

Um das zarische Schiff" leichte Kähnchen, 

Schwimmen leichte Kähnchen, alle Fregatchen, 

Geliebte, treue zarische Kindchen, 

Matrosen, Novizen, Schützen, Donische Kosaken, 

Krieger fremdländische, Diener treue. 

Es schwimmt hervor das Väterchen, der Herr, Gottes Sohn, 

Es verbessert das Väterchen, der Herr, der heilige Geist. 

Auf dem Meer, dem blauen ein wenig schifi'en sie. 

Die weissen Segel hissen sie, 

Und die Davidharfen spielen sie. 

Die Worte des Herrn herauslesen sie. 

Sich zu vermalen dem Väterchen rathen sie. 

Es freite das Väterchen auf dem Sionischen Berg, 

Es vermalte sich unser Väterchen auf Golgatha's Berg, 

Es ward getraut unser Väterchen auf dem heiligen Kreuze. 

Freue dich, Sion, sehr hoher Berg, 

Freue dich, Golgathaberg — Schädelstätte! 

Der Bräutigam zu dir geht, sich zu vermalen er kommt. 

Zur Braut nahm das Väterchen Zebaoths Tochter, 



t 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. 14y 

Zebaoths Tochter, das Töchterchen das nahe, 
Das Töchterchen das nahe — den oberen Himmel; 
Doch die Erde unser Väterchen zur Mitgift nahm. 
Dafür Zebaoth gab zu, dass mit Bkit er litt, 
Dafür Zebaoth liess zu, dass mit Blut er kaufte. 

Einige Propheten der Gottesmenschen verstehen, wie Herr 
Dobrotwörski angibt, unter dem ungewöhnlichen Worte Süssfluss 
(C.iayl.HM'B-p'feKa) den göttlichen Segen, was auch in einer Hand- 
schrift angemerkt werde. Jedoch Andere verstehen unter dem 
Bilde des Süssflusses alle Mittel der Vereinigung des Menschen 
mit Gott, wie auch in dem Liede selbst die Hindeutung, dass 
,der Süssfluss die Stimme der Mahnung, die Stimme der Lehre' 
sei, sich finde. 

Dieses Lied bestehe augenscheinlich aus zwei Hälften: 
in der einen werde das Leben der Kindchen in unmittelbarer 
Vereinigung mit der Gottheit vorgestellt, in der anderen das 
Leben in der Vereinigung vermittelst der Erlösung durch den 
Sohn Gottes, welche Erlösung sich auf den Himmel und die 
Erde erstrecke. Daher drücke der Süssfluss alle Mittel der 
Vereinigung der Gottheit mit dem Menschen aus, nicht ein 
gnadenvolles allein, oder geistiges diu'ch die Lehre, sondern 
auch ein thatsächliches im pantheistischen Sinne. Doch weil 
Gott, nach der pantheistischen Weltanschauung, von selbst in 
alles Wesen und in das Leben des Menschen dringe, so seien 
die Mittel der Vereinigung ebenfalls unendlich, Avie Gott selbst 
unendlich sei. Deswegen sei die Länge des Süssflusses der 
Herr Zebaoth, dessen Breite der Sohn Gottes, aber die Tiefe 
der heilige Geist. 

Das Bild der Ehe, die Vereinigung durch die Erlösung, 
sei so wie das biblische Bild zu verstehen. Hierher sei es 
von der Sendung des Christus Seliwänov genommen, der eine 
solche Ermahnung macht : Warum suchst du nicht deine 
himmlische Mutter, Avclche deine Seele durch Segen gross 
ziehen imd zu dem himmlischen Bräutigam führen würdeV Doch 
er nimmt mit sich alles Unterweltlichc und füiu't es von der 
Erde in den Himmel, wo die treuen und rechtschaffenen Seelen 
frohlocken. 



150 Pfizraaier. 

IIoyTpo 6uÄ0 paHHMi. pano, 

Ha yTpeHnefi 6uäo na sap"!!, 

CKaTa^a ki. HaMi. MaxymKa Cb bhcoth, 

Ha^SMpaxa se^eHH ca^H; 

y Haci. 6uA0 Bi. se^eHOMT) ^yry, 

KaTa^a MaTyuiKa bo Kpyry, 

Kara^ia cy^apuHa bo cbatom^. 

Eui,e sE/h efi öaxiomKa r^arojieT'b: 

,ryiian, ry^an, ^.hthtko, ß,Äii Bora, 

KaTafi, KaTafi, MH^aa, ß,Äa Bora; 

Xorei'i. Teoii 6aTK)niKa ata^oßaTL, 

3a Bipy tbok) — pa^tHLa 

Oö'tmaeTT. itapcTBO neöecHO, 

3a c^esH tboh — pn^aHBa 

OöimaeTi. so^oxa Harpa^u; 

Eme 3Ki> Te6a ata^yeT^ boti. oxeii,!. — 

KjLa^ex'L na ro^OByniKy 30^oxoh B^Heii,!. ; 

MojLHXBa BT. ce^BMO He^o — BO ABopeii,!.; 

ÜOMyrnafl, ^ixo ^yxi. cbäxoh pe^exi.: 

HcxoiHHKi. CB ce^BMa He6a xenexi.; 

Eme 3KI. xeö'fe BicxOHKy bi. Ayxi ni^exi., 

Hex^eHHoe n^axBHi],e xeöli niBexi., 

Bx. neöecHHH no^Ki. xe6a at4exx>'. 

Eme JKX. XH MHii, öaxioniKa, npoiuaro^B ; 

Bo3BMH MCHa Bt Ayx^ 3a coöofi, 

He rHymafiCÄ rp'feniHOK) paöoii, 

Mhoh noc^e^nen CHpoxoil. 

ÜBaxoMy Jijxj qecxB h bok^ohx., 

HtHBH Ayma Bope^L xh noxoMi.. 

Am Morien war es^ am Morgen früh, 

Am Morgen war es, in der Morgenröthe, 

Hüpfte zu uns das Mütterehen aus der Höhe, 

Ueberwaehte die grünen Gärten; 

Bei uns es war auf der grünen Wiese, 

Fuhr herum das Mütterchen im Kreise, 

Fuhr herum die Herrin in dem heiligen. 

Noch zu ihr das Väterchen spricht: 

,Ergehe dich, ergehe dich, kleines Kind; für Gott, 



Die nenere Lehip der nissischen Gottesmenschen. 151 

Fahr' herum, fahr' herum, Liehe, für Gott; 

Es will dir das Väterchen gnädig sein. 

Für deinen Glauben — die Besorgungen 

Versj3richt er das himmlische Reich, 

Für deine Thränen — das Hchluchzen 

Verspricht er goldenen Lohn. 

Noch dir gnädig ist, siehe! der Vater — 

Setzt auf das Köpfchen den goldenen Kranz ; 

Das Gebet in den siebenten Himmel, in den Hof. 

Höre, was der Geist, der heilige spricht: 

Der Quell aus dem siebenten Himmel fliesst; 

Noch dir Nachricht im Geiste man schickt, 

Das imvergängliche Kleidchen man dir näht, 

In das himmlische Heer man erwartet dich^ 

Noch du mir, Väterchen, sprich es aus ; 

Nimm mich im Geiste zu dir. 

Verachte nicht die sündige Magd, 

Mich, die letzte Waise. 

Dem Geiste, dem heiligen Ehre sei und Gruss, 

Als Seele lebe du fernerhin imd nachher. 

Dieses Lied beschreibe die Besorgungen der Gottesmutter 
der Gottesmenschen und Skopzen in der Versammlung der 
Irrgläubigen. Aehnliche Worte der Ermahnung von Seite Gottes 
selbst würden von den Propheten iind den Prophetinnen in den 
Besorgungen immer vorgebracht. Unter der Zahl der für eine 
eifrige Besorgung versprochenen Belohnungen sei die höchste für 
die Irrgläubigen: die Aufnahme in das himmlische Heer. In 
dem himmlischen Heere führe Besorgungen, ähnlich denjenigen, 
welche auf der Erde abgehalten Avcrden, Zebaoth selbst, d. i. 
Danila Filipyö aus. Sie unterscheiden sich von den irdischen 
dadurch, dass die himmlischen Fürsorger sich nicht krümmen, 
sondern einfach sitzen oder liegen und weder an Ermüdung, 
noch an Ohnmächten leiden. 



XoAH.aa A'1>B^ wo »mcTOMv iiciro, 
IIcKa.ia rjo]'opo4Hu,a iHcyca XpHCTa, 
iHcyca XpHCTa CnHa BojKia, 



J^2 Pfizmaier. ■ 

Cuna Borna. HCKyüHTe.ia, " 

EcKVUHTe^a — CßliTa öaTKiuKy. 

Ha BCTpiiHV 6oropoAHii,ii me^'L HBan-L npeATeii., 

^T0 IlURHl. npe^Teqi., XpHCTOBI. upopoKi). 

KaK-L BOsroBopHTi) IlBani. npe^TeHi) — XpHCTOBi> npopoKt: 

,Hto tu, xii^^ 6oropoAni],a, xo^HniB no noAD? 

Mto tli MaTroniKa, iimeniB no iHCxoMy?' 

OTB'tqaAa eny öoropo^ima : 

XojKv Ä, ry^aio no HHCxoMy no^io, 

lIm,Y, He HanAy Incyca XpncTa, | 

Incyca XpncTa CnKa BoaiLaro, 

Cuna BoaiLaro HCKynaxe^a.' 

Tu noAH, A'ä^ßa 6oropo4HU,a, bo ihcto no^e; 

Bo HiiCTOMi noAi Tpn ApeBa ctohti, 

^Ito nepBoe Apeso KHnapncoBoe, 

A Apyroe ^epeBO anncoBoe, 

A xpeiBe ^epeßo 6ap6apHCOBoe. 

lU-b xixi, xpexx. ApeBi D,epKOBb cxpoena; 

Bo XOÜ .IH BO U,epKBH TpH nTHU,U nOKXI., 

EoiOTi» oni nicHH eBanre^tcKH, 
r^aciixt oni r.iacoMi. apxaHre^bCKHMi.; 
A.i^H.iyna, aa.iH^yim, Bocno^n noMH^yfi ! 
Ha 30.iox'Ii npecxoAi xam-b XpHcxocB cn^nxi, 
ITpHsuBaex'L ont ki. ce6i ^i.txymeK'L, 

rOBOpHX-b HM'L MOBa npiIB^XHUH: 

.Afi, BU nyre-Ka, Apyr«, uopa^ferixe-Ka, 

^)0.'i0Tue KopeHLfl He cxouxuBaiire, 

CepeupflHu B'lixo»iKH ne ou.iOMUBanre, 

BvMaaiHue .iHCxoqKM ne ocuu.iiiBanre ! 

A BU Hvxe-Ka, Apyi'H, nopa/i,iHTe-Ka, 

Mena XpMCxa Bora iioyxtmxe-Ka, 

Meio Biaxepb Boropo^imy nopa^ynxe; 

OcBliyy ii Baci, Äpyi'H, ao.ioxuMH .lyiasiH, 

H conujo BaMi, mom Apyi«, et Heöeci. ^yxi> CBüxofl-. 

Ging die Jungfrau auf dem reinen Felde, 
Suelite die Gottesmutter Jesum Christum, 
Jesum Christum, den Gottessohn, 
Den Gottessohn, den Erlöser, 



Die neuere Lehre der russischen üottesinenschen. lod 

Den Erlöser, das Väterchen der Welt. 

Entgegen der Gottesmutter kam der Vorläufer Johann, 

Er, der Vorläufer Johann, der Christusprophet: 

,Was du, Jungfrau Gottesmutter, gehst du avif dem Felde? 

Was du, Mütterchen, suchst du auf dem reinen V 

Antwortet' ihm die Gottesmutter: 

,Gehe ich, ergehe mich auf dem reinen Felde, 

Suche, nicht finde Jesum Christum, 

Jesum Christum, den Gottessohn, 

Den Gottessohn, den Erlöser/ 

Du gehe, Jungfrau Gottesmutter, auf das reine Feld; 

Auf dem reinen Feld drei Bäume stehen, 

Der erste Baum ein Cypressenbaum, 

Der zweite Baum ein Anisbaum, 

Doch der dritte Baum ein Berberisbaum. 

Aus diesen drei Bäumen die Kirche ward erbaut; 

In dieser Kirche wohl drei Vögel singen, 

Sie singen Lieder evangelische, 

Sie verkünden mit Stimmen erzenglischen: 

Halleluja, Halleluja, Herr, erbarme dich! 

Auf goldenem Thron dort Christus sitzt. 

Er ruft zu sich die Kindchen, 

Spricht zu ihnen Worte freundliche : 

,Ach, ihr nun doch. Freunde, besorget doch, 

Goldene Wurzeln zertretet nicht, 

Silberne Aestchen zerbrechet nicht. 

Papierene Blättchen streuet nicht! 

Und ihr, nun doch. Freunde, besorget doch. 

Mich Christus, den Gott erfreuet doch. 

Meine Mutter, die Gottesmutter erfreuet doch : 

Ich beleucht' euch. Freunde, mit goldenen Strahlen, 

Ich schick' euch, meine Freunde, vom Himmel den heiligen Geist.' 

In diesem Liedc Averde die Gesellschaft der Gottesmenschen 
und Skopzen, welche mit Christus selbst besorgen, phantastisch 
vorgestellt. Die freuiullichen Worte Christi, Avelcho das Ende 
des Liedes bilden, werden oft in Gestalt eines abgesonderten 
Liedes, blos von Seite des Propheten und der Prophetin und 
mit zAvei unwesentlichen Zusätzen im Anfange, umgeschrieben. 



I 

154 Pfizmaier. 



Xo^H^a CBflTaa a^^br no ropaMi>, no RpyTHMi ropaiii, 
IIcKaJia, HCKa^a iHcyca XpHcxa; 

HaBCTpli'iy Ji,i>B^ JKHAOBBÜ — JKH^OBCKia 4,iTH. 

CnpaniHBa^a hx^ CBaTaa ^i.'IiBa: 

,He BU ^H, 3KH4,OBi>Ä, XpHCTa pacHÄ^H?' 

He MH, 4liBa, ne mh, CBÄTaa, pacnaJiH XpHcxa, 

A pacna^a XpncTa ^.i^H-npa^ii^.ti ; 

U.ofl,n K-B TH, flf^BSi Ha Kpyiy ropy; 

Ha KpyTOH ropt. Tpn Apeßa ctoäti., 

TpH ApeBa CTOiiTi KHnapHCOBua; 

Hat T-hx.'h ApeBi> KpaaiBa pyöJieHH, 

KpaacBJi pyö^eHH, aockh ko^otu, 

^OCKH KOJIOTH, 6pyCBH TCCaHH; 

Hat T'hx'b öpycBeBi) i],epKOBB CTpoena; 
B'h TOH i],epKBH TpH rpo6a ctoäti, 
TpH rpo6a ctojiti. KHpapncoBH ; 
Bi> Tixi rpcöaxi. Tpn cbäthxii Aem.a.T'b: 

IlepBHH CBflTOfi — iHCyCB XpHCTOCt, 

BTopoit CBflTOH — CBaxaa T^iiBa, 
TpeTifi CBÄTOH — loaHHi. npe^Teqb. 
Ha^-B caMHMi) Tocno^^OMii anre^u noiOTt, 
Ha;!.!) CBflTon ^iBofi ^03a npoi;BiTaeTi., 
Ha^Tb HBaHOMi) üpeATeieH) cBiiH Ten^ioTCÄ. 

Ging; die heilige Jungfrau auf den Bergen, auf den steilen 

Bergen, 

Suchte, suchte Jesum Christum 5 

Begegneten der Jungfrau Juden, jüdische Kinder. 

Fragte sie die heilige Jungfrau : 

,Habet ihr nicht, Juden, Christus gekreuzigt?' 

Nicht wir, Jungfrau, nicht wir, o heilige, haben Christus 

gekreuzigt. 

Es kreuzigten Christus die Grossväter, die Urgrossväter. 

Gehe doch, Jungfrau^ auf den steilen Berg; 

Auf dem steilen Berg drei Bäume stehen. 

Drei Bäume stehen, Cyprcssenbäume ; 

Aus diesen Bäumen Balken gezimmert sind, 

Balken gezimmert, Bretter gespalten sind, 

Bretter gespalten sind, vierkantige Balken gehauen; 



. 



Die neuere Lehre der rnssischen Gottesmenschen. löO 

Aus diesen Balken die Kirche ward erbaut. 

In dieser Kirche drei Gräber stehen, 

Drei Gräber stehen, Cypressengräbcr ; 

In diesen Gräbern drei Heihge liegen : 

Der erste Heilige — Jesus Christus, 

Die zweite Heilige — die heilige Jungfrau, 

Der dritte Heilige — der Vorläufer Johann. 

Ueber dem Herrn selbst — die Engel singen, 

Ueber der heiligen Jungfrau ein Reis erblüht, 

Ueber dem Vorläufer Johann Kerzen brennen. 

In diesem Liede werde, wie in dem vorhergehenden, die 
Gesellschaft der Gottesmenschen und Skopzen phantastisch 
I unter dem Bilde der Kirche vorgestellt. In dieser seien die 
drei Gräber der Hauptpersonen der Gesellschaft, nämhch des 
Väterchens Christus, des Mütterchens, der Gottesmutter, und 
des Propheten. Der Letztere erscheine in der Person des 
Christuspropheten, des Vorläufers Johann. Ueber dem Ersten 
ertönen Lieder, über der Zweiten befinden sich Reise (Weiden- 
zweige), über dem Dritten Kerzen, Dinge, welche ein Zubehör 
der Besorgungen sind. 

Der offenbare Widerspruch, dass die Jungfrau Christum 
sucht, die Jungfrau aber im Grabe liegt, werde dadurch auf- 
geklärt, dass sowohl Christus als die Gottesmutter, nach der 
Lehre der Gottesmenschen, einige Male auf der Erde in der 
Person göttlicher Auserwähltcn erschienen; dass die geschicht- 
lichen Personen, der wahre Christus und dessen sehr heilige 
Mutter, nachdem sie ihren Dienst auf Erden verrichtet, in der 
von den Gottesmenschen idealisch vorgestellten Kirche ruhen : 
jedoch die selbst sich so nennenden Christusse und die Gottes- 
mutter in der genannten Gesellschaft entweder persönlich, oder 
unsichtbar in den Personen des Propheten und der Prophetin 
wirken. 

üo TOMy An MopB) no BaccioHCKOMy, 

n^u.!!. .T{C TyTi> Pociio^i. Wovh iii Kopaö.inKl. 

Co aerc.iaMH, co ap.xaHre.iaMH, 

Gl xcpyBHMaMH, ch cepa'^HMaMH 

H CO Bcero ch.iok) hcucchok). 



156 Pfizmaier. 

no^u^HBa.!!. ace Focno^B Bort k-b Hav^t-ropi; 

Ha nay.ii.-ropi ctohti. ^peso KHnapHCHoe; 

no^'b T^Mi. .iH noA'h ApesoMi .leatHTi» ro.ioßa A^aiioßa; 

3a TOH ÄK ro.iOBOK) CTOHTt Epycaj.HMCKin rpa^,!. ; 

Bi. Towb AU BO rpa^i ctohtI) ii,epKOBi. coöopnaa, 

CoöopHa^a, 6'feAOKaMeHHaa, 

Bi.iOKaMeHHafl, s^axLiuaBaa. 

KaKi. BO TOMTy ^H BoacBGM-B coßopt 

Ctoht-b XpHCTOCb öaxiomKa bo yöopi; 

FOBOpHTI. OHI. rO^OCOMt I'pOMKHMI) I 

,Bh npOpOKH MOII, 6oropo4Hi],H, 

Bh peKHTe ^lo^HMi) öojkIhm'b, npopeKanxe 

lipo Moe aiHT&e-ÖLiTBe npo XpncTOBo: 

Bi.' so^OTvro TpyöymKv BOCTpyÖHTe, 

BocKoapBiÄ CBiiH saHCHraÜTe, 

Bo CBaTon Kpyrt Bci coönpaiiTecB, 

XepyBHMCKyio nicHB Bct BOcnliBanxe, 

MoH apxaHre.iBKm oaci. BOSMamafiTe'. 

In diesem Meere wohl, in dem Sionischen, 

SchiiFte dort Gott, der Herr in dem Schiffchen, 

Mit den Engeln, mit den Erzengeln, 

Mit den Cherubim, mit den Seraphim 

Und mit der ganzen himmlischen Macht. 

Auch schiffte Gott, der Herr zu dem Paulberge; 

Auf dem Paulberge steht ein Cypressenbaum ; 

Unter diesem Baume wohl liegt das Adamshaupt, 

Hinter diesem Haupte wohl steht Jerusalems Stadt. 

In dieser Stadt wohl steht die Kirche, die allgemeine, 

Die allgemeine, weisssteinige, 

Die weisssteinige, goldhäuptige. 

Wie in dieser Gottesversammlung wohl 

Christus, das Väterchen, steht im Schmucke; 

Er spricht mit laiiter Stimme : 

,Ihr meine Propheten, Gottesmütter, 

Ihr saget den Gottesmenschen, saget vorher 

Für mein Leben, für das Christusleben; 

Das goldene Trompetchen blaset. 

Wachsglänzende Kerzen zündet an, 



j 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. lj)7 

In dem heiligen Kreis Alle versammelt euch. 

Das Cheriibimlied Alle singet, 

Meine erzenglische Stimme machet kund. 



! In diesem Liede werde, wie in den zwei vorhergehenden, 

die Gesellschaft der Gottesmenschen und Skopzen phantastisch 
dargestellt. In die Gesellschaft derselben gehe ihr Christus 
selbst und lasse die Propheten und Prophetinnen weissagen und 
zugleich mit allen Gliedern der Gesellschaft die Besorgung 
ausführen. 

Pl 

Hsi-noAt rOM, 6H.ao, KpyrOH ropH, 

Hsi-no^i. öepeatKy rwiyöoKaro, 

Po^HHKa, 6uÄ0, rocno/i,Haro, 

üpoTeKa^a ryTi» BTaft-pliKa, 

^TO no 6'fe.aoMy no caxapy, 

^TO no a.aoMy no öapxaxy. 

y nen aohhiuko cepeöpaHoe, 

Kpyru 6epe.3KKH noso^enue, 

A aceATH necKH — KpynHiin JKeMqyri. 

no 6epeaiKy pascHnaeTca. 

/l,o.aHHa-TO y BTafi-p'feKH 

Oxi BOCTOKa H TO sana^a, 

UlHpHHa-ro BO BecB 6i.aijri CBiiTi., 

r^ayÖHHa-TO y BTaft-pIiKH 

ÜHKOMy HeHcnoB'h^Maii 

Onpana ii,apa Heöecnaro, 

Focy^apÄ CHHa Boatbaro, 

Eme MaryniKH — noMOiii,Hnii;Li, 

UpecEJirofi CB'tTi» 6oropoAHii,u 

H neöecHHxi. cn.ii. 3acTynHHii,ij. 

Yjki. cnacHÖo reö'fe, BTau-piKa, 

Hto tu BTafi Ki> HaMTE. npHKaTiuaca, 

Bo cepAua naniH Bce.aH.iac>i, 

H CBtiueK) 3acB'bTH^acH ; 

HaniH cep4i],a noKopH.iHCü, 

r0.10ByUIKH UpeiClOHHJlHCH 

Ko u,apK) cB'liTy HeöeceoMy, 
Pocy^apio cMHy BoKteMy, 



158 I'tizmaier. 

Emie MaTyniK-fe — noMom.Hni^'Ji 

H CBHTon CBiT-B 6oropo4Hii,'fe 

n He6ecHuxi> ch^'b sacTynHHii.'t. 

nocjymaHTe, Apyrn MH^ue, 

Bu öpaTLH, cecTpu AyxOBHue, 

^yxoBHHe, BoroMi) jioöoBHLie, 

Cbäthmt. ^yxOMi. H36paHHLie, 

CuHOMi. BojKiHMi. nopoatAeHHiie. 

Emie ecTB y HacB LUaT^-piKa, 

lUaT'B-p'tKa meTOBaTaÄ, 

UJ,eTOBaTafl — BopoBaTaa, 

H OHa HecnpaBe^^HBaa. 

He xo^nxe acB bu na IIIaTi.-p'fcEy ; 

Yati H KTO HS'B BacB Ha UlaT-L noH^.ex'B, 

H TOTi., 4pyrH, samaTaeTca, 

üpoHB OTi Kopaö^Ä OT.ayqaeTca, 

^OHTH Ao Bora ne naeTCa, 

Bl. TOM-B H 3KH3HL CrO CKOHiaeTCÄ. 

Hervor unter dir, war es, dem steilen Berge, 

Hervor unter dem Uferchen, dem tiefen. 

Der Quelle, war es, der Herrnquelle, 

Floss hervor dort der heimliche Fluss, 

Er, der nach Art weissen Zuckers, 

Er, der nach Art hellrothen Sammts. 

Bei ihm ein Boden, ein silberner, 

Steile Uferchen vergoldete, 

Und gelber Sand — grobe Perlen 

An dem Uferchen sich verstreuen. 

Die Länge bei dem heimlichen Fluss 

Von Osten und bis Westen, 

Die Breite in die ganze weisse Welt, 

Die Tiefe bei dem heimlichen Fluss, 

Die Keinem erforschliche. 

Ausser dem himmlischen Zaren, 

Dem Herrn, dem Gottessohne, 

Dann noch dem Mütterchen, der Helferin, 

Dem sehr heiligen Licht, der Gottesmutter 

Und der himmlischen Mächte Beschützerin. 



Die neuere Lehre der russischen Uottesmenschen. 109 

Schon Dank dir, heimlicher Fluss, 

Dass du heimHch zu uns herangerollt. 

In unsere Herzen dich niederhessest, 

Und mit dem Licht leuchtetest. 

Unsere Herzen ergaben sich, 

Die Köpfchen neigten sich 

Vor dem Zaren, dem Licht, dem himmlischen, 

Dem Herrn, dem Gottessöhne, 

Dann noch vor dem Mütterchen, der Helferin 

Und dem heiligen Licht, der Gottesmutter 

Und der himmlischen Mächte Beschützerin. 

Höret, Freunde liebe, 

Ihr Brüder, Schwestern geistige^ 

Geistige, von Gott geliebte, 

Von dem heiligen Geist auserwählte, 

Von Gottes Sohn hervorgebrachte. 

Noch ist bei uns der TaumelÜuss, 

Der Taumelfluss, der störrige. 

Der störrige, der tückische, 

Und er ist der ungerechte. 

Gehet doch nicht an den Taumelfluss ; 

Schon Jemand von euch an den Taumel geht. 

Auch er_, Freunde, zu taumeln beginnt, 

Los von dem Schilfe trennt er sich. 

Zu Gott zu gelangen hofft er nicht. 

Darin sein Leben auch endet sich. 

Hier werden unter dem Bilde zweier Flüsse die zwei 
entgegengesetzten Lehren und Gesellschaften, die rechtgläubige 
und die irrgläubige, vorgestellt, und zwar unter dem Bilde 
des heimlichen Flusses (BTaH-pliKa) die geistige, geheim ge- 
haltene Lehre der Gottesmenschen, deren Gesellschaft von 
geistigen Brüdern und Schwestern, welche sich vor den Recht- 
gläubigen verberge ; miter dem Bilde des Taumelflusses (Ulax'B- 
piiKa) die rechtgläubige, wie die Gottesmenschen sich aus- 
drücken, jbuchstäbliche, menschliche' Lehre und die Gesellschaft 
der rechtgläubigen Christen, in welcher, nach der Meinung der 
Gottesmenschen, das Heil unmöglich sei. Der heimliche Fluss 
sei, nach seiner ganzen Tiefe und Ausdehnung, blos dem Christus 



J6Q Pfizrnaier. 

der Gottesmenschen und der Gottesmutter, oder deren Stell- 
vertretern, den Propheten und den Prophetinnen, bekannt. Die 
Dankbarkeit gegen den heimhchen Fluss und die Warnung 
betreffs des Taumelflusses seien auf die diesen Flüssen nach 
dem Verstände der Irrgläubigen zukommenden Eigenschaften 
gegründet. 

BO COÖpaHBH BO ÖO^lLmOMt, 

Bo ö.aaHieHCTB't bo CBaTOMi., 
Cy4api. öaTioniKa nomeAi,, 
Bcixi. npaBe^HHX'B o6oine.ii>. 
Jwb Bor^-noMOiB xeöi, 
Po^HMaa cecTpHü;a! 

Ä Bl> rOCTH Kl. TeÖi XO^HA-L, 

Ä 4o6po Teöi roBopHA'b, 
Hb'B noTonn bhboahai. 
Hs'b noTonu hsi. boaj, 

HS-B OCOKH IISI» TpaBH, 

Hsi. MopcKOn MyÖHHu; 
CxaHOBHj.'B Te6a, cecTpHii,a, 
Si Ha BoHtLeMT. nyTH 
Bo 3eAeH0M'B bo ca^y 
11041. aöiiOHLK) no^i. cbätoh. 
ByHi. BOSAyx'B BOCTaBaii., 
3e.aeHHH ca^i. BCKO.iHxaji'B. 
3e.aeHHH ca^i. pasrayM'fe.iCfl, 
Hami. öaTioniKa jwaA^ACii, 
B-B se^eHHii ca/1,1. npHKaTn^aca, 
Oto CHa HacB pasöy^n.n., 

MaAOBlipHHXI. JB'fcpH.Ü, 

Ma.iOMom,HHxi. no^Kp'fenH./i'B. 
Mhmo ae^aenaro ca^a 
üpoTCKa^ia TyT'B pliKa, 
noMHBa^ia öepera. 
FoBopHTi. Teöi, cecTpHii,a: 
,He xoAH C).iH3K0 K-B ptKt; 
Tu, cecTpHi],a, He ccTynacB 
H BO B-feKH He cryÖHCB.' 



i 

i 



Die neuere Lehre der russischen Gottesnienschen. 161 

In der Versammlung, der grossen,' 

In der Griückseligkeit, der heiligen 

Der Herr, das Väterchen kam. 

Allen Gerechten zuvor er kam. 

Schon Gott helfe dir 

Geborenes Schwesterchen ! 

Ich als Gast zu dir ging. 

Ich gut zu dir redete, 

Aus dem Sumpf führte heraus. 

Aus dem Sumpf, aus dem Wasser, 

Aus dem Riedgras, aus dem Grase, 

Aus der Meerestiefe; 

Stellte dich, Schwesterchen, 

Ich auf den Gottesweg 

In dem grünen Garten 

Unter den Apfelbaum, den heiligen. 

Ungestüme Luft sich erhob, 

Regte den grünen Garten auf. 

Der grüne Garten lärmte viel. 

Unser Väterchen Mitleid hatte. 

In den gi-ünen Garten rollte herbei, 

Aus dem Schlaf uns erweckte, 

Die Kleingläubigen er überzeugte. 

Die Unkräftigen er stärkte. 

Vorbei an dem grünen Garten 

Lief dort ein Fluss, 

Unterspülte die Ufer. 

Sprach man zu dir, Schwesterchen: 

jGehe nicht nahe zu dem Flusse; 

Du, Schwesterchen, steige nicht herab 

Und in Ewigkeit nicht verdirbt 

Das letzte Bild ist von dem Taumelflusse (UlaT-B-piiKa), 
worunter die rechtgläubige Kirche verstanden wird, genommen. 
Das Väterchen rieth dem von ihm auf den Gottesweg in dem 
grünen Garten gestellten, d. i. von der Rechtgläubigkeit zu 
dem Irrglauben verleiteten Schwesterchen nicht, sich diesem 
Flusse zu nähern. Der Christus der Gottesmenschen und Skop- 
zen habe auch bis zu seiner Verbannung , Viele aus dem Sumpf, 

Sitzungsber. d. phil.-hist. Gl. CIV. Bd. 1. Hft. 11 



152 Pfizmaier. 

aus dem Wasser, aus dem Riedgras, aus dem Grase, aus der 
Meerestiefe herausgeführt^ Bei der Ankunft zum schreckhchen 
Gerieht ,geht er auf der feuchten Erde, entdeckt sündige 
Seelen aus den Feldern, aus den Meeren, aus den kalten 
Sümpfen'. In den ,Todeskämpfen^ heisst es: Viele versanken 
in dem Meere, der Eine bis zu dem Halse, der Andere bis 
zu dem Gürtel. Der Vater, der Erlöser erschien, zog Alle aus 
dem Meere heraus. 

Dasselbe Bild von dem Taumelflusse, vor welchem jeder 
Sectirer sich fürchten müsse, um nicht in ihm zu versinken, 
ist in dem folgenden Liede angebracht. 

Be^iopi. AOÖpBift MOAO/i,eii,'h saLTjÄHACn, 
Ha jTpeHHeö sopHnBEii cnaTB AomviAca; 
Ha Bocxo/i.'fe coyiHi],a npo6y3K/i,a.ic>a, 

Co TpaBOHLKH pOCOK) YMUBSiACÜ, 

Bi.AhiM'h no.aoTeHD.eM'L yTHpayiCü. 

MOCKOBCKHMI. HJ^OTBOpDiaMI. M0.1HACfl, 

Ha BCi HeTbipe CTOpOHVniKH nOK.10HHJ.CH. 

Bh B^OpOBO AVI, ÖpaTEIH. CUSiAM — HOTCBa.aH? 

A a /^oöpuft MO.iOAen.'b nes^opoBO cna.A'h; 

By^TO HO RpyTHMI) HO KpaCHHMi 

Bepe.JKKaM'B 3aryia.aca; 

By^TO KpyTOH öepeiKOKi. o6BaiiH.ica, 

A a ^itBOH HOJKeHbKOH 0CTynH.ica, 

üpaBoft py^eHBKOH cyxBaTH.ica 

3a TO ,aH 3a KpinKoe AepeBi],o 3a KpyTHHV. 

Th KpyqHHa Moa, KpyHHHa, 

Bcero Mena C0KpymH.ia, 

Ct rocnoAOMi. BoroMi. pa3.iyqH.aa. 

Gestern Abend der gute Junge sich erging. 

In der Morgendämmerung schlafen er sich legte; 

Bei Sonnenaufgang er erwachte, 

Mit Thau von den Gräschen er sich wusch, 

Mit weissem Handtuch er sich trocknete. 

Zu Moskauischen Wunderthätern betete, 

Nach allen vier »Seitchen sich verbeugte. 



1 

I 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. 163 

Habt ihr gesund, Brüder, geschlafen, die Nacht verbracht? 

Doch ich, der gute Junge, nicht gesund schhef; 

Gleichsam auf steilen, auf schönen 

Uferchen ich mich erging; 

Gleichsam das steile Uferchen stürzte, 

Und ich mit dem linken Füsschen trat fehl. 

Mit dem rechten Händchen ich mich hielt 

An dieses, an das feste Bäumchen, an Kummer. 

Du Kummer mein, Kummer, 

Ganz mich du verzehrtest. 

Von Gott, dem Herrn trenntest. 

Wie dieses Lied sich ausdrückt, erging sich der Junge 
gestern Abend sehr lange in der Besorgung und legte sich, 
als bereits die Morgendämmerung war, schlafen. Die gottes- 
dienstlichen Versammlungen der Irrgläubigen dauern oft von 
einer Dämmerung zur anderen. Dess wegen werde die Däm- 
merung häufig in ihren Liedern erwähnt. Da ihre Besorgungen 
immer mit Weissagungen enden, , steige in der Morgendämmerung 
das Mütterchen aus der Höhe herab' und weissage. 



Bece^HTCÄ Becb coöopi, 

KaTHTCJI KI> HaMl. COKOAl., 

ncaHHH ^jxi,, cy^apB, cbhtoh; 
Ohi> ÄBiiÄcn Ha Kpyry, 
TpyÖHT'L CHI. 30^0Ty Tpyöy, 
no^aeTt 3HaTi. bo BecL cb^ti., 
Xoiexi. npocTHTL rp'feniHHX'L Bcixi.. 
HamT. öaTiomKa bi> Ti^eoaxi 
Bo npeMy/i.pHX'B My^eoaxi.; 
ToiiBKO Ha seuÄ'h cht. 6RÄ'h, 
Oti, HacB cy^apt yKaTH^i.; 

0;i,HLIMT[. ^aCHKOM'B B3BH.lCa 
MHHyTOK) TLOA^SÄCil. 

T0./ILK0 :m3pHM'L MBi Tor^a, 

Tßfk Harnt 6aTJomKa cy^LH 

Cy^HTi. BBiciniji ^liiia, 

OTpamaeT'B, cy^apB, CBATa ,4yxa h^-b paa; 

11* 



164 Pfizmaier. 

3jiaTUM% nepcTHeM-B oöpy^n^'B, 
Co rp-fexoMt HacB pasAviH^'L, 
CBHTaro no.iHaro ^yxa 
Bi. cep/i,i],a HaniH bkjIiohh^'b, 

^0 B-^KV AO KOHI],a 

Oö'femaeT'B He ahiehtl B'fcHita. 
Ha rojOBymKy Ha.i05Ky 
H yTimy-yö^aaiy, 

AmHHB CJIOBO CKOJKy. 

Es freut sich die ganze Menge, 

Es rollt zu uns der Falke, 

Der volle Geist, Herr, der heilige; 

Er zeigte sich im Kreise, 

Stösst in die goldene Trompete, 

Gibt zu wissen in alle Welt, 

Will verzeih-n den Sündern allen. 

Unser Väterchen in den Leibern, 

In den sehr weisen Wundern; 

Nur auf Erden er war, 

Von uns der Herr zog; 

In einem Stündchen er zur Höhe flog, 

In einer Minute sich erhob. | 

Nur wir sehen alsdann. 

Wo unser Väterchen, der Richter 

Richtet die höchsten Dinge, 

Entsendet, Herr, den heiligen Geist aus dem Paradiese; 

Mit goldenem Ring er verlobte, l 

Mit der Sünde liess er uns brechen, jr' 

Den heiligen vollen Geist 

In unsere Herzen er verschloss, 

In die Ewigkeit bis zu Ende 

Er versprach, nicht zu berauben des Kranzes. 

In das Köpfchen leg' ich ein 

Und erquicke, beglücke, 

Das Wort Amin sag' ich. 

Dieses Lied beschreibt die Herabkunft des heiligen Geistes 
in die Besorgungen und dessen Niederlassung in die Herzen 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. 1 DO 

der Fürsorgenden. Ihn entsendet in die Versammlung Christus 
selbst, welcher nach kurzem Verbleib auf der Erde in den 
Himmel aufstieg und von dort in eigener Person die Gesell- 
schaft der Irrgläubigen verwaltet. 



Mofi CHSeHbKift BOpKVHOKl.! 

Ho ca^y ACTniuL, BopKyemL, 
HpHna^i. Wh TcpeMy, noc^yma^ii., 
4to bi> TepeMli roBopflTi., 
Bo^K) BoatiK) TBopaTi». 
^a no^H, öpaTCD,!., nopa^M, 
JKhbmm'b BoroMt saBia^M. 
,3,a nomeATy 6paTeii,i., nopa^iATb 
H acHBHMi. BoroMt saB.aa^'feA'b, 
Owb no cAOBeqKy cKa3aAi>, 
Cboh) öpaTLK) Be^H^iaAi), 
CecTpHu,!., öpaTi^eBi, oö^iH^a^i.. 
KpacHU A'^BHii.Ei com^iHca; 
Ohh öaTvniKy cosBain. 
FocyAapB öaTyniKa nonie.^'L, 
Kte. 6paTn,y cb ntceHKofi noAme^i.: 
,yati. TH öpaTeu,!. MO.ioAei;^, 
Th HenpaB^ofi, öpaxi., jKHBeniB, 
He nopüAKH, öpai^, seAemb; 
BoaiBK) KHHry th HMTa^ai», 
Cboe) öpaTLK) Be^wmaAi, 
CecTep^, öpaTin oö.in^a.i'L ; 
Ilo^ieMy JKT. Hxi> o6.iHia.li>? 
BiA^ 3^4*^ HHMH ecTB Hana.!!. — 
Kto hmi> pnsyniKH Taia.!!. 
H Ao6py HXT. Hayiaiii..' 
Bory ciaBa h Aepacasa 

BO BiiKH B^KOBl., RMHEb. 

Schon du, weisses Täubchcn, 

Mein schwarzbläuHches Trommeltäubchen! 

Im Garten du fliegst, girrst. 



Ißß Pfizmaier. 

Fiel zu dem Dachzimmer, hörte, 

Dass in dem Dachzimmer man spricht, 

Gottes Willen vollzieht. 

Geh doch, Bruder, Sorge trage, 

Den lebendigen Gott nimm in Besitz. 

Da der Bruder kam, Sorge trug 

Und den lebendigen Gott nahm in Besitz. 

Er auf ein Wörtchen sagte, 

Seine Brüderschaft rühmte, 

Schwesterchen, Brüderchen er überführte. 

Schöne Mädchen versammelten sich 5 

Sie das Väterchen luden ein. 

Der Herr, das Väterchen kam. 

Auf das Brüderchen mit einem Liedchen er ging zu: 

, Schon du, Brüderchen, Junge, 

Du in Unwahrheit, Bruder, lebst, 

Kein ordentlich Leben, Bruder, du führst; 

Das Gottesbuch lasest du. 

Deine Brüderschaft rühmtest du, 

Schwestern, Brüder überführtest du: 

Wessen sie überführtest du? 

Ja über ihnen ist das Gebet — 

Wer hat ihnen die Kleidchen gesteppt, 

Und Gutes ihnen gelehrt. 

Gott sei Ehre und die Macht 

In alle Ewigkeit, Amin. 

Dieses Lied sei rein skopzischen Ursprungs, weil es am 
Ende eine Ueberführung des Propheten selbst enthalte, Avelcher 
alle Stufen des geistigen Fortschrittes erstiegen. Derselbe habe 
anfänglich behorcht, zu der Brudergesellschaft der Irrgläubigen 
gesehen, sei hierauf unter die Zahl der Brüder getreten, habe 
hier Gott in Besitz genommen, d. i. sei geheimnissvoll auf- 
erstanden und damit zugleich Prophet geworden. Endlich habe 
er auf ungesetzliche Weise seine hervorragende Stellung be- 
nützt, um dui'ch Unwahrheit Brüder und Schwestern zu über- 
führen, wessen er auch von dem Väterchen selbst, von Christus 
als der Beleidiger des Mütterchens, der Gottesmutter, welche 
den Brüdern und Schwestern Kleider gesteppt und Gutes ge* 



^ 
I 



Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. 167 

lehrt hatte, überführt wird. Das Gottesbuch, von den Irrgläu- 
bigen auch das Taubenbuch (ro^iyÖMHaa KHHra) genannt, be- 
zeichnet die Vorhersagung selbst. 



Th nonoit, moh rciOByniKa, co.iOByniKOMi> Bi ca^y, 
nory.aiifi, Moa rciOByniKa, no Bciiii. cxopoHaMi», 
nory^aan, Moa roAOByniKa, no Bctiii. ropo^aM'B, 
noryAÄH, Moa ro.iOByniKa, sa Kaaiy sa p'feEy. 
TencTi) öaTiomKa .VpeHL, KpacHuxi. ^'^BynieKi. KypeHL; 

y HnXl» BepÖH 3010THa HSI. HCÖeCHOH BMCOTtl, 

He.iOßiKOM'B BpyqeHBi, kg ycTaiit upeEe^eHH (?). 

Du singe^ mein Köpfchen, Nachtigallchen im Garten, 

Ergehe dich, mein Köpfchen, nach allen Seiten, 

Ergehe dich, mein Köpfchen, nach allen Städten, 

Ergehe dich, mein Köpfchen, hinter dem Kama, hinter dem 

Flusse. 
Es fliegst das Väterchen Uren, der schönen Mädchen Kosaken- 
dorf; 
Bei ihnen Weidenzweige goldene von der himmhschen Höhe, 
Von dem Menschen überreicht, zum Munde hingeführt (V). 

,Mein Köpfchen' ist ein liebkosendes Wort als Anrede. 
Uren scheine der Fluss Urenga in der Statthalterschaft Simbirsk, 
Kreis Kurmys, zu sein. Goldene Weidenzweige sind ein Zu- 
behör der Besorgungen. ,Von der himmlischen Höhe' bedeute: 
aus dem Himmelreiche, in welchem ebenfalls Besorgungen ver- 
richtet werden. 

Afi y Haci) Ha ^ony 

CaMi cnacHxe^b bo ^OMy 

K CO aHre.aaMn, 

Co apxaHre.aaMH, 

Ct} xepyBHMaMH, cj^^a-pt, 

Ci cepa'WiMaMH 

H CO BceK) cn.i0H) HeoecHOio. 

Ah ßj^'h, CBÄTOH J\j\'h\ 

9Ka MH.aocTB, öj^aro^axB 



168 Pfizraaier. Die neuere Lehre der russischen Gottesmenschen. 

CTa^a 4yxoMi) oö^a^axB! 
Bory c^asa h ^epataBa 

BO BiKH BiKOBI), aMHÖB. 

Ach bei uns an dem Don 

Der Erlöser selbst in dem Hause 

Und mit den Engeln, 

Mit den Erzengeln, 

Mit den Cherubim, Herr, 

Mit den Seraphim 

Und mit der ganzen himmlischen Macht. 

Ach Geist, heiliger Geist! 

Welch' eine Gnade, welch' einen Segen 

Begann man dui'ch den Geist zu besitzen! 

Gott sei Ehre und die Macht 

In alle Ewigkeit, Amin. 

Dieses Lied wird uDabänderlich in jeder Besorgung der 
Gottesmenschen und Skopzen gesungen, und zwar im Anfange 
der Besorgung selbst, wenn die Kreise noch nicht gebildet 
worden. 



Verbesserungen. 

S. 91, Z. 10 V. u. statt ,von dem wirklosen Verbleiben' zu setzen: von 

dem wirklichen Verbleiben. 
S. 111, Z. 17 statt , seine Helfer' zu setzen: sein Helfer. 



Hof 1er. Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 169 



I 



Kritische üntersuchimgeü über die Quellen der 
Geschichte Philipps des Schönen, Erzherzogs von 
esterreich, Herzogs von Burgund, Königs von 

CastiUen. 

Von 

Dr. Constantin R. v. Höfler, 

wiikl. Mitgliede der kais. Akademie der Wissenschaften. 



I 



Uas Geschick, welches den einzigen Sohn Maximilians I., 
Philipp den Schönen, Herzog von Burgund, Erzherzog von 
Oesterreich, König von Castilien, traf, als er in der Blüthe 
seiner Jahre in Burgos starb (1506), war kaum weniger hart 
als dasjenige, das sein Andenken bis zum heutigen Tage ver- 
folgt. Obwohl Begründer der habsburgischen Herrschaft in 
Spanien und damit der in der Weltgeschichte beispiellosen 
Aera dieses königlichen und kaiserlichen Hauses, vereinigten 
sich doch so viele ^schwerwiegende Momente, dass das Anden- 
ken des hochherzigen Fürsten, wie ihn Spanier und Italiener 
nannten, bis auf wenige Ueberlieferungen aus dem Gedächt- 
nisse der Geschichte schwand. Verdunkelt durch die Regie- 
rungen seines Vaters Maximilian, wie seiner Söhne Karl V._ 
und Ferdinand I., wurde er von der deutschen Forschung 
kaum gestreift. Die wenigen Urkunden, welche Chmel über 
ihn publicirte,' lassen kaum ein Streiflicht auf ihn fallen. 
Hefele hat in seinem Leben des Cardinais Jimenes den arago- 
nesischen Berichten zu viel Glauben geschenkt und iliren 
Parteistandpunkt nicht beachtet. Der habsburgische Kaiser- 
sohn gehörte mehr der Geschichte Westeuropas als Deutsch- 
lands an. Die Belgier, Avelche vor Allem berufen waren, das 
Leben ihres Herzoggrafen zu schildern , haben wohl höchst 



1 Bibl. des liter. Vereines. Stuttgart 1845. Bd. X. 



170 Höfler. 

dankenswerthe Forschungen angestellt, die Geschichtschreibung 
aber bisher ihm wenig Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ale- 
xander Henne, welcher diu'ch seine gründliche Geschichte 
Karls V. dazu vor Allem berufen schien, vergriff sich selbst 
im Datum seiner Geburt, da er die Herzogin Marie, Karl des 
Kühnen Erbtochter, am 22. JuH 1478 statt am 23. Juni des- 
selben Jahres ihren Gemahl Maximilian mit der Geburt dieses 
ihres Erstgebornen erfreuen lässt. 

Henne ist K. Philipp gegenüber entschieden Parteimann 
und lässt eigentlich nichts Gutes bei K. Philipp gelten,' wäh- 
rend doch sicher ist, dass sein Bestreben darauf gerichtet Avar, 
selbst auf die Gefahr hin , mit seinem Vater wie mit seinen 
Schwiegereltern in ConÜict zu gerathen, Belgiens Unabhängig- 
keit zu Avahren und den Franzosen, die unablässig am Ruine 
der Niederlande arbeiteten, sorgfältig jeden Anlass zu ent- 
ziehen, mit einem Scheine von Recht sich in die burgundischen 
Angelegenheiten einzumischen. Es Avird wenigstens gestattet 
sein, den Anschauungen Henne's nicht unbedingt zu folgen und 
den Beweis zu versuchen, dass es den entgegengesetzten nicht 
an Begründung fehle. In dieser Beziehung haben die Forschun- 
gen des früh verstorbenen Herrn Gachet und in erhöhtem 
Grade die umfassenden und gründlichen Arbeiten des Alt- 
meisters belgischer Geschichtsforschung, Herrn Gachard, den 
Weg gewiesen. Nicht blos, dass in den lettres inedites (Bru- 



I 



' Er bezeiclinet ihn als esclave de ses caprices et. de ses passions aux- 
quelles il sacrifia souvent ses plus grands interets. Ces defauts, behauptet 
er, firent le malheur de sa femme: vain, leger, inconstant, il s'ali^na 
Testime de ses allies et de ses parents, subit toute espece d'influence, 
et merita le surnom de Croit conseil que lui donnerent les Italiens. 
Aussi laissa-t-il apres lui le trouble et la desorganisation dans toutes 
les branches de Fadininistration. Son regne, re präsente par certains 
^crivains comme l'aurore d'une prosperite que rien ne constate, fut 
plutot l'image du chaos et d'uue effrayante decadence. Wenn man diesen 
Anklagen Gehör geben wollte, wenn sie sich als Thatsachen constatirten, 
wäre es viel besser, das Andenken Philipps in das Meer der Vergessen- 
heit zu versenken, als sich mit seiner Geschichte zu beschäftigen. Es 
ist, wenn man die Charakteristik K. Philipps von Vincenzo Quirino, 
der ihm so nahe stand und ihn so genau kannte, liest (Alberi, I, 1, 
pag. .5), geradezu unbegreiflich, wie man Anklagen erheben kann, die 
im directesten Widerspruche mit den Aeusserungen der bewährtesten Zeit- 
genossen stehen. 



.ai 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 1 i 1 

xelles 1871) sich ein sehr interessantes Material vorfindet, Herr 
Gachard hat auch die einschlägige spanische Literatur zu be- 
meistern gestrebt (Les bibhotheques de Madrid et de l'Escurial, 
Bruxelles 1873), und endlich durch die Collection des voyages 
des Souverains des Pays-bas, t. I, Bruxelles 1876, die Bekannt- 
machung des Itinerars Philipps des Schönen und der beiden 
Relationen Antons de Lalaing, seignevir de Montigny, über die 
erste Reise des Prinzen und der Prinzessin nach Spanien im 
Jahre 1501, und dann über die eigenthche Königsreise 1506 
ein äusserst werthvolles Material gehefert, von dessen Reich- 
haltigkeit auch die schon früher gesammelten und in den Ana- 
lectes belgiques (Bruxelles 1830, t. I) und den Analectes histo- 
riques (Bruxelles 1856, Serie 1 — 17) veröffentlichten Urkunden 
rühmlich Zeugniss geben. Unsere Forschungen können nun 
begreiflicher Weise weniger auf die, die inneren Verhältnisse 
Belgiens betreffenden Einrichtungen, Massregeln und Ereignisse 
gerichtet sein. Hierüber können wir nach dem Vorgange 
Henne's nur durch belgische Gelehrte unterrichtet werden und 
nehmen auch jede Belehrung mit Dank an. Allein was die 
Person K. Philipps, die Königin Donna Juana und die so in- 
teressanten auswärtigen Verhältnisse betrifft, dürfen wir es 
wagen, gestützt auf die allgemeinen Regeln der Kritik, unseren 
eigenen Weg zu gehen und namentlich auch die erwähnten 
beiden Relationen einer Prüfung zu unterziehen. Die Lalaing's 
über den Königszug soll selbst Gegenstand einer besonderen 
Erörterung werden, da sie sorgfältig mit den Angaben des 
Venetianers Vincenzo Q.uirino verglichen Averden muss. 

Die Herausgeber der Lettres de Louis XIL und Le Glay 
im ersten Bande der Negociations diplomatiques entre la France 
et r Antriebe (1845) haben sehr dankenswerthes Material ge- 
liefert, Letzterer nicht blos fiir die Geschichte Frankreichs in 
der Zeit K. Philipps , sondern auch für die Geschichte der 
Unterhandlungen der burgundischen Botschafter in Rom, Phili- 
bert Naturelli und des später in eigenthümlicher Weise her- 
vortretenden Don Antonio de Acuna. Le Glay hat dasselbe 
auch in seiner preface und dem Precis historique in lehrreicher 
Weise verarbeitet, freilich ohne auf den Standpunkt eines 
Biographen K. Philipps sich zu versetzen. Baco von Vorulam, 
der vermeintliche Verfasser der ,Shakespearischen' ^Meister- 



172 Höfler. 

werke, hat in seiner Geschichte K. Heinrichs VII. über den un- 
freiwilHgen Aufenthalt K. Philipps in England (Januar, Februar, 
März, April 1506) Aufschlüsse gegeben , die das Verlangen 
erregen, die Quelle, aus welcher er schöpfte, näher zu kennen. 
Bergenroth, welcher bekanntlich englisch schrieb, ward durch 
die Urkunden, die er aus dem Archive von Simancas in seinem 
Supplement 1868 publicirte, und seinen grotesken Missverstand 
des Wortes premia der Urheber der Anschauung von scheuss- 
licher Gewaltthat, die an K. Philipps Witwe Donna Juana 
verübt worden sei , und dadurch Urheber einer eigenen Lite- 
ratur, die sich aber mit seltener Einstimmigkeit gegen seine 
Avillkürlichen Folgerungen kehrte. 

Hat der unglückselige Versuch Bergenroth's , aus der 
Witwe K. Philipps eine wegen ihres Glaubens verfolgte Prote- 
stantin zu machen, seiner Autorität vielfachen Eintrag bereitet, 
so muss man doch die von ihm im Supplement veröffentlichten 
Urkunden dankbar annehmen, und darf man nicht, wie Antonio 
Rodriguez Villa es in seinem Bosquejo biografico de la Reina 
Donna Juana formado con las mas notabiles documentos histo- 
ricos relativos a Ella, Madrid 1874, gethan, seine Verdienste 
unberücksichtigt lassen. Der von Bergenroth herausgegebene 
erste Band des Calendar of letters, dispatches and State papers 
relating to the negotiations between England and Spain, pre- 
served in the archives at Simancas and elsewhere, London 
1862, bietet noch eine sehr dankenswerthe Nachlese in Betreff 
der Beziehungen K. Philipps zu K. Heinrich VH., ja auch zur 
Königin Isabella, zu K. Ferdinand und K. Ludwig XH. Wir 
werden genöthigt sein, auf beide Werke wiederholt zurück- 
zukommen. Ein nicht geringeres Verdienst kommt dem in 
Venedig lebenden Sir Rawdon Brown zu, welcher im ersten 
Bande seines Calendar of State papers and manuscripts rela- 
ting to english affairs 1202 — 1509 höchst interessante Daten 
für die Geschichte K. Philipps lieferte. Brown hat das grosse 
Verdienst, nachdem man bisher von Dr. Vincenzo Quirino, 
venetianischem Orator bei K.'Philipp 1505 — 1506, nur seine rela- 
zione kannte, welche Alberi Serie I, vol. I der Relazioni degli 
ambasciatori veneti abdrucken Hess, von dem durch Valenti- 
nelli beschriebenen Codex der dispacci recht interessante Aus- 
züge gegeben und damit auf die Wichtigkeit dieser authen- 



Quellen der Gescliichte Philipps des Schönen. 173 

tischen Berichte liingewiesen zu haben. Das Verdienst R. Brown's 
wäre noch grösser, wenn er nicht, die Sitte des verstorbenen 
hochachtbaren Brewers nachahmend, nur englische Auszüge 
statt des italienischen Textes gegeben hätte , wo es sich denn 
doch nur zu oft um den genauen Wortlaut handelt. 

Auch kann man sich aus den Diarien Marin Sanuto's, 
die man künftig nicht mehr aus der Copie des geheimen Haus-, 
Hof- und Staatsarchivs wird benützen müssen, seit eine Gesell- 
Bchaft gelehrter Venetianer sie mit anerkennenswerthem Eifer 
herauszugeben begonnen hat, überzeugen, dassVincenzo Quirino 
auch noch andere Depeschen an die Signoria vom Hofe K. 
Philipps richtete, als die von ihm angeführten. Gar manche 
wichtige Thatsache erhellt nur aus seinen Depeschen oder wird 
durch sie erläutert, weshalb diese Correspondenz ganz besonders 
gewürdigt werden muss. Sie gibt im erhöhten Masse, was 
die Depeschen Marco Dandolo's und Francesco Foscari's' 
für den Sommer 1496 und die Zusammenkunft K. Maximilians 
mit dem Herzoge Ludovico Moro von Mailand am Fusse des 
Wormserjoches bieten, der ja auch Herzog Philipp beiwohnen 
sollte,'^ wenn er auch nur bis Laudeck kam. 

Wenn die italienischen Quellen als werthvoUe Ergänzungen 
schwer empfundener Lücken erscheinen, so nehmen die spani- 
schen schon mehr den Charakter selbstständiger und mass- 
gebender Forschung an. Petrus Martyr von Anghiera (Don 
Pedro M.), der gelehrte Lombarde in spanischen Diensten, be- 
richtet in seinem ,Opus epistolarum^ Aviederholt über Vorgänge, 
welche sich theils auf die Königin Johanna, theils auf K. Philipp 
unmittelbar bezieheu. Er nennt, wie z. B. bei dem Berichte 
über den Ausbruch eifersüchtiger Wuth von Seiten der Königin, 
welcher bis zur Misshandlung eines belgischen Hoffräuleins ge- 
dieh, seine Quellen. Er steht aber in dem grossen und ent- 
scheidenden Conflicte der drei Könige , Ferdinand , Philipp 
und der Donna Juana, auf Seite des alten Königs und ist in 
die Geheimnisse der niederländischen Politik nicht eingeweiht. 
Er steht ausserhalb des Kreises der diese leitenden Persönlich- 
keiten und hat über sie und von ihnen nur ab und zu Kennt- 



' Archivio storico italiano t. VII. 2. 
^ Sieh hifirüber weiter unten. 



174 Höfler. 

niss; was er dann noch Fernerstehenden mittheilt, ist für diese 
von Interesse, weil es von ihm kommt und sie noch weniger 
wissen. Er will gewiss nicht die Unwahrheit sagen, und wo 
er die Wahrheit erfuhr, sagt er sie auch, weshalb die Berichte 
des Opus epistolarum einen verschiedenen Werth haben, je nach- 
dem er in manchen Jahren Gelegenheit hatte, wirklich Bedeu- 
tendes zu erfahren. Das war z. B. der Fall im Jahre 1521, 
als er während des Aufstandes der Comunidades sich in Valla- 
dolid befand und aus dem Herde der Bewegung Nachrichten 
an den Grosskanzler nach Belgien sandte. Wenn er aber im 
Jahre 1506, auf seine frühere Bekanntschaft mit K. Philipp und 
auf dessen bekannte Leutseligkeit pochend, zu ihm nach la 
Coruüa ging und sich zutraute, den König, welcher den Ver- 
trag von Salamanca vom Jahre 1505 — den sogenannten Drei- 
königsvertrag — mit Recht als ein diplomatisches Monstrum 
und eine politische Unmöglichkeit ansah, von dieser Ueberzeu- 
gung abzubringen und ihn auf die Seite K. Ferdinands zu 
ziehen suchte, der doch seinen Schwiegersohn durch die Heirat 
mit der 22jährigen Prinzessin Germaine von Foix, und die 
Castilianer nicht minder, tödtlich beleidigt hatte, so hatte 
Anghiera in seiner Eitelkeit sich zu viel zugetraut. Wenn er 
seitdem in den HintergTund tritt, so ist damit nicht gesagt, dass 
er aufhörte, ein Mann von Bedeutung zu sein. Uebergab doch 
K. Ferdinand, als er Castilien verliess, gerade ihm die Sorge 
für die Königin Donna Juana, die er als eine geistig unbedeu- 
tende, ihrer Mutter unähnliche Persönlichkeit schildert, lange 
ehe sie der Wahnsinn ergriff. 

Man kann aber Pedro Martil, wie ihn Don Lorenzo de 
Padilla, Erzdechant von Ronda, nennt, hier nicht anführen, 
ohne nicht des Letzteren ,Cronica de Felipe P llamado el 
hermoso^ zu erwähnen, die der Verfasser, nachdem er 1538 in 
die Dienste K. Karls getreten war, in dessen Auftrag verfasste 
und ihm auch übergab, nicht damit sie bekannt Averde, son- 
dern damit ,sie nicht aus des Kaisers Zimmer käme^' Sie 
ist nur ein Theil der spanischen Chronik , die Don Lorenzo . 
im Auftrage K. Karls verfasste und bis zum Tode Ferdinands 
el catolico fortführte, den er übrigens einen Tag früher sterben 

• no salga de su camara. Coleccion de documentos ineditos, t. VIII, pag. 7. 



Quellen der Geschieht« Philipps ilcs Schönen. 175 

lässt, 22. Januar 1516, ' als es Avirklich der Fall war. Die 
gelehrten spanischen Herausgeber Don Miguel Salvä und Don 
Pedi'o Sainz de Baranda haben für gut gefunden, Ueber- 
llüssiges wegzulassen, so dass unser Urtheil auf dasjenige be- 
sehi-äukt wird, was sie uns im achten Theile der grossen 
Sammlung der documentos ineditos vorlegten. Der Autor 
selbst betheuert, dass er sich bei wahrhaftigen und ange- 
sehenen Personen, die zugegen waren, unterrichtete,- und wir 
haben keinen Grrund, seiner Versichermig nicht Glauben zu 
schenken. Nicht minder fühlte er sich aber auch in Betracht 
der Sorglosigkeit, mit welcher die Zeit Ferdinands behandelt 
wurde, berufen, die Chronik um zehn Jahre auszudehnen 
(1506 — 1516), so dass dieselbe eigentlich mehr die Geschichte 
des Letzteren als die seines habsbm-gischen Schwiegersohnes 
zum Inhalte hat. 

Sie beginnt mit der Eroberung von Granada (6. Januar 
1492) und den nächsten Anordnungen der königlichen Sieger, 3 
beschreibt dann im zweiten und dritten Capitel das Land, das 
erste Auftreten Colones und die Vertreibung der Juden und 
Moros aus Granada (Cap. 5),^ den Mordversuch auf K. Ferdi- 
nand, den Don Lorenzo in das Jahr 1494 versetzt (Cap. 6) , und 
bei dieser Gelegenheit erwähnt er der Mission Balduins , Ba- 
starden von Burgund, und der Botschafter K. Maximilians, um 
die Heirat der Infantin Donna Juana mit dem Erzherzog Philipp 
und der Prinzessin Margarita, seiner Schwester, mit dem Prinzen 
Don Juan zu Stande zu bringen. Eine frühere erste Werbung hatte 
nach Pulgar III, Cap. 102 im Jahre 1488 stattgefunden, imd zwar 
bezog sie sich auf die älteste Tochter der reyes catohcos, Fer- 
dinands und Isabellas, die Infantin Donna Isabel, welche K. Max 
für sich begehrte, und auf Donna Juana, welche, wenn sie das 
gehörige Alter erreicht, Gemahlin des Herzogs Felipe duque de 
BorgoSa, conde de Flandes werden sollte. Es blieb jedoch 



' Pag^. 266. 

^ quise dar punto en todo lo demas que entiendo e iuforniarnie de personas 

verdaderas y de autoridad que se hallarou presentes. 
3 Leider ist Cap. 2 ausgelassen und ebenso Cap. 4: de cuentas maneras 

de imperios de moros fu^ gobernada Espana o parte della. 
* postponiendo las grandes rentas que los moros y los judios que habita- 

ban en los pueblos de Castilla ^ Leon les daban. Pnlo-. 16. 



« 



176 Höflei. 

damals bei der Bewerbung, und Donna Isabel heiratete Don 
Alonso de Portugal, den sie am 13. Juli 1491 durch jähen Tod 
verlor. ' Don Lorenzo de Padilla beschreibt dann den Zug 
K. Karls VIII. nach Italien, der alle Mächte aufrüttelte (Cap. 7), 
und die Mission Antonio's de Fonseca an den französischen 
König, die Betheiligung K. Ferdinand'« am neapolitanisch- 
französischen Kriege Cap. 8 , die Vertreibung der Franzosen 
aus Italien; und erst in Cap. 10 kommt er auf die ver- 
hängnissvolle Doppelheirat der Kinder Maximilians und der 
reyes catolicos zurück und beschreibt nun ausführlich den Hof- 
staat der neuen Erzherzogin, ihre glänzende Ausrüstung, ihre 
Abfahrt von Laredo, ihre Ankunft in Middelburg, die Abreise 
Philipps von Imst in Tirol, die Vermählung und den fest- 
lichen Empfang der Braut in Flandern (20. October 1496). 
Dieser Gegenstand findet sich in gleicher Ausführlichkeit nir- 
gends behandelt. Man sieht, dass Don Lorenzo genaue Daten ^ 
vor sich hatte. 

Im eilften Capitel beschreibt er die Vermählung der Prin- 
zessin Margarethe, Schwester Philipps mit dem älteren Bruder 
der Donna Juana, April 1497, imd den frühen Tod des 
Neuvermählten, 4. October 1497. In Cap. 12 geht er auf den 
Tod K. Karls VIII. und die Nachfolge K. Ludwigs XII., den 
Tod der Prinzessin Isabel, die Festlichkeiten in Brüssel und 
die Geburt der ältesten Tochter des Erzherzogs Philipp am 
15. November 1498 über. Auch hiebei finden sich, wie schon 
der Herausgeber bemerkt, in den chronologischen Daten Irr- 
thümer vor. Die beiden nächsten Capitel beschäftigen sich 
mit dem Aufstande der Moros in den Alpujaren und erst im 
fünfzehnten kommt er auf die Geburt und die Taufe des Herzogs 
Karl von Luxemburg und nachher K. Karls V., 24. Februar 
1501,^ zusprechen. Mit dem sechzehnten Capitel, das den Tod 
des spanisch-portugiesischen Thronerben Don Miguel, 20. JuH 

' Memorial del Doctor Lorenzo Galindez de Carvajal ad 1491. 

2 Sie werden ergänzt durch die von Chmel heransgeg-ebenen Urkunden 
(Bibl. des liter. Vereines X): Advis conceu par le roy sur le fait de la 
recepcion de madanie rarcliiducesse et l'alee de madame le princease n. 
CXXXII), sowie durch die Berichte des Gesandten Gaspar de Lupian. 

3 Er sagt vispera de S. Matia, das wäre 23. Februar. Dann heisst es 
aber :\ la una despues de media noche. Pag. 63. 

I 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 1 < 7 

1500, berichtet, beginnt für den Erzherzog und seine Gemahlin 
der eigentliche Wendepunkt, da ihr Erbfolgerecht an Castilien 
imd Aragon sich geltend macht und die durch die Vermählung 
der Donna Isabel mit Don Manuel von Portugal und die Ge- 
burt ihres Sohnes Don Miguel eingeleitete Vereinigung Spaniens 
mit Portugal ein ungeahntes Ende findet. Es folgt Cap. 12 der 
Aufstand der Moros in der tierra de Ronda, Cap. 18 die Ver- 
treibung des Königs Ludwig (Don Fadrique) aus Neapel, und 
erst in Cap. 19 und 20 beschreibt er die Reise des Prinzen 
! und der Prinzessin von Spanien aus Flandern nach Castilien 
und Aragon 1501 — 1502, um in Toledo und Saragossa die 
feierliche Huldigung zu empfangen. 

Diese Reise des Prinzen und der Prinzessin, welche am 
4. November 1501 begann und von Seiten Philipps am 8. No- 
vember 1503 durch seine Rückkehr nacli Löwen beendigt 
wurde, von Seiten der Prinzessin Juana sich bis März 1504 
hinausschob, bildet in dem Leben der beiden fürstlichen Per- 
sonen den entscheidenden Abschnitt, da ihnen als Erben von 
Spanien gehuldigt wurde und sie somit aus der verhältniss- 
mässig bescheidenen Stellung von Grafen von Flandern, Her- 
zogen von Brabant etc., in den Vordergrund der europäischen 
Verhältnisse traten. 

Don Lorenzo erwähnt, dass die fürstlichen Personen im 
December ' 1501 Brüssel verliessen, in St. Quentin das fran- 
zösische Gebiet betraten und bis ziim Ausgange aus demselben 
in Bayonne von dem ,marechal de Logis^ begleitet wurden ; 
dass sie über Ham, Compiegne nach Paris, von da über Orleans 
nach Blois kamen. Er verschweigt die Betheiligung Philipps 
am fi'anzüsischen Pairsgerichtshofe, offenbar weil die Erinnerung 
an die Erfüllung der Lehenpfliclit von Seite des Prinzen un- 
angenehm war, und erwähnt dafür, wie sich die Erzherzogin 
weigerte, am Tage Epiphaniac 1502 für die Königin Anna zur 
Opferung zu gehen. Das Zerwürfniss, Avelches hieraus entstand, 
habe dann die Beschleunigung der Abreise veraidasst. Allein 
wann soll denn dieser Beweis spanischen Stolzes geliefert 
worden sein? Wir besitzen die sehr umständliche und authen- 
tische Aufzeichnune: über die Aufnahme des Prinzen und der 



' Es geschah am 4. November. Heuterus, pag. 140. 
Sitzungsber. d. phil.-hist. Cl. CIV. Bd. I. Hft. 12 



« 



178 Höfler. 

Prinzessin in Blois, wo sie Abends am 7. December ankamen. 
Am 8. December (Marientag\ an welchem dies am ehesten 
hätte geschehen können, hörte die Erzherzogin eine stille Messe 
in ihrem Zimmer, am 9. kamen König, Königin, Erzherzog und 
Erzherzogin zusammen und wurde drei Stunden getanzt, und 
von diesen und den folgenden heisst es ausdrücklich: la reine 
et l'archiduchesse s'entrevirent souvent ainsi que leurs dames 
et demoiselles; am 12. December hörten der Erzherzog und 
die Erzherzogin eine Messe , dinirten und reisten hierauf ab, 
nachdem der Erzherzog und der König den Vertrag von Blois, 
der gerade fertig geworden war, unterzeichnet hatten. Wahr- 
scheinlich hat eine Verwechslung mit dem 30. November in 
Estampes (Reception,pag. 153), an welchem Tage bei demToison- 
feste wohl der Erzherzog und die Ritter des goldenen Vliesses, 
aber nicht die Erzherzogin zum Opfer gingen, stattgefunden. 
Ebenso wenig weigerte sie sich, in die Pairskammer zu gehen, 
sondern sie blieb überhaupt nach dem mühevollen Einzüge in 
Paris am 25. November den ganzen Vormittag des 26. No- 
vember in ihrem Gemache. L'archiduchesse ouit la messe en 
sa chambre bien tard et pour ce matin ne fut personne vers 
eile (Reception, pag. 152). Diese Anekdoten schmeichelten 
zwar dem castilianischen Stolze, haben aber nur den Einen 
Fehler — der Unwahrheit, (^urita, der die Geschichte mit 
der Pairskammer erzählt, ist gerade in Bezug auf die fran- 
zösische Reise sehr ungenau. Am 6. Januar 1502, an welchem 
die Scene zu Blois stattgefunden haben soll, war die Erzher- 
zogin schon lange nicht mehr in Blois. ^urita aber lässt 
den Prinzen am 7. November in Blois ankommen und am 
13. December den König in Paris den Vertrag (von Blois) be- 
schwören (I, pag. 226, 227). Man sieht, wie nothwendig hier 
die Kritik einzutreten hat. Von dem so wichtigen Vertrage 
von Blois, 12. December, ist bei Padilla keine Rede, und von 
der weiteren Reise durch Frankreich wird nur des Aufenthaltes 
in Tours bei Franz von Paiila und der Zusammenkunft mit 
dem Könige von Navarra in Bayonne gedacht ; dass der Prinz 
den Quell der schönen Melusina in Lusignan, das Grab des . 
grossen Palatin Roland und seines Gefährten Olivier in Blaye 
besuchte, wird nicht erwähnt, wohl aber auf die Begegnung mit 
König Jean d' Albert von Navarra in Bayonne Werth gelegt. 



I 



QucUmi der Geschicliti.' Pliilijips do.s Siliönen. 179 

Am 26. Januar verliessen die Fürsten Frankreich: am 
29. betraten sie die spanische Grenzfestung Fuentarabia. Von 
der weiteren Reise erwähnt Don Lorenzo den Aufenthalt in 
Vitoria, Miranda am Ebro, Burgos und ValladohVl^ in Madrid, 
wo es nothwendig war zu bleiben, weil die Granden noch nicht 
nach Toledo gekommen waren, übergeht aber die Erkrankung 
des Prinzen in Olias, hart vor Toledo, die allen geplanten 
Festlichkeiten ein unvermuthetes Ende zu bereiten schien. 
Hingegen wird die Begegnung mit den königlichen Eltern in 
Toledo weitläufig beschrieben, nicht minder die Festlichkeiten, 
welche in Toledo der Huldigung folgten. Was aber Don 
Lorenzo nicht angab, war das Datum jenes Tages, an welchem 
von den drei Ständen des Königreichs Castilien und Leon Erz- 
herzog Philipp, als Gemahl der Prinzessin und Erbin der beiden 
Königreiche , gleichfalls als , Erbe der Königin Isabella aner- 
kannt wm-de.' Es war der 22. Mai 1502, an welchem dieser 
für die Geschichte des Hauses Habsburg und der 
spanischen Monarchie entscheidende Act vollzogen 
wurde. Wichtig ist, dass Padilla pag. 88 noch eines Zer- 
würfnisses zwischen dem Herrn von Berghes und dem Erzieher 
des Prinzen, Erzbischof von Besancon, gedenkt.- Ersterer wurde 
verabschiedet. Letzterer starb kurze Zeit darauf. Der Huldigung 
der Castilianer in Toledo folgte dann die der vier brazos 
von Aragon in Saragossa, jedoch mit einer wesentlichen Ein- 
schränkung, die Padilla übergeht. Er berichtet, dass Philipp 
schon von Saragossa aus den Herrn von Lachaulx zu K. Ludwig 
nach Frankreich sandte (Cap. 21). Wenn er aber behauptet, 
dass der Prinz im Januar 1502», seine Gemahlin in Madrid zu- 
rücklassend, abgereist sei, so ist das irrthümlich, da Philipp 
am 19. December 1502 von Madrid aus die Reise nach Frank- 
reich antrat, und ebenso unrichtig ist, dass er einige Monate 
in Alesburque en el condado de Tirol — Innsbruck und nicht 
Salzburg, wie man vermuthen möchte, bei seinem Vater ver- 
weilte. Nach Thomas Leodius hielt er sich selbst nur drei oder 
vier Tage in Innsbruck auf. Der Aufenthalt dauerte aber vom 



' de los recebir por siis reyes y senoi'es, wie es hiess, despues de los dias 

de la reiiia Dofia Isabel. Pag. 87. 
- Auch Quiriiio erwälnit dasselbe in der Depesche vom -\K Noveiiibor 1505. 

1-2* 



I 



180 Höfler. 

8. September bis 0. October 1503. Nach Padilla hätte K. Ludwig 
mit dem Prinzen in Lyon keinen Vertrag- abgeschlossen; richtig 
ist, dass er daselbst zwei Monate an einer tödtlichen Krankheit 
darniederlag. Die weiteren höchst wichtigen Negotiationen, 
die damals stattfanden, scheinen Padilla unbekannt geblieben 
zu sein. 

Die nächsten Capitel wendet Padilla dem siegreichen Vor- 
dringen des gran capitan im Königreiche Neapel zu. Erst in Cap. 28 
kommt er Avieder auf seinen Hauptgegenstand zurück. Er er- 
wähnt der Geburt des Infanten Don Fernando — Bruder K. 
Karls V. — zu Alcalä de Henares, die aber nicht im Februar 
1503, sondern am 10. März stattfand, d. h. an dem Tage, an wel- 
chem vor 51 Jahren Don Fernando el catolico geboren worden 
war, eine Thatsache, an welcher man bisher vorüberging. In 
Cap. 28 schildert Padilla die aus Petrus Martyr bekannte Scene 
in Medina del Campo, als die Prinzessin plötzlich abreisen wollte 
und nur mit Gewalt an ihrer von dem Prinzen verlangten Rück- 
kehr gehindert wurde (November 1503). Sie ist, ganz abgesehen 
von allem Andern, deshalb so wichtig, weil die Königin sich selbst 
damals von der unbegrenzten Leidenschaftlichkeit ihrer Tochter 
überzeugte, was bisher Familiengeheimniss war, in erschreckender 
Weise zur Oeffentlichkeit kam, und Donna Juana sich berufen 
fühlte, Scandale dieser Art von Zeit zu Zeit zu erneuern. 
Uebrigens zog sich die Rückkehr noch lange hinaus und wurde 
die ohnehin nicht zu grosse Geduld der Prinzessin von ihren 
Eltern auf eine schwere Probe gestellt. Am 1. März 1504 
begab sie sich endlich von Medina nach Valladolid und von da 
nach dem Hafen von Laredo, um sich nach Flandern einzu- 
schiffen. Padilla hat übrigens die Farben bei seinem Bilde viel 
sanfter aufgetragen als der gleichzeitige Berichterstatter An- 
ghiera. — Die nun folgende Erzählung von der Abreise und 
der Ankunft der Prinzessin in Blankenberge und Brüssel, so- 
wie der Unterhandlungen, um den Prinzen Karl nach Spanien 
zu bringen (Cap. 29), müssen dankbar anerkannt werden. In 
Cap. 30 und 31 theilt Padilla das Testament der Königin 
Isabella vom 12. October und den verhängnissvollen Codicil . 
vom 23. November 1504 — drei Tage vor ihrem Tode — mit. 
Beide Actenstücke haben jedoch die Herausgeber, weil sie bei 
Mariana historia de Espaiaa IX apendice abgedruckt sind, weg- 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 181 

gelassen^ obwohl das Nachfolg-endc oline Kenntniss namentlich 
des Letzteren unverständlich ist. Jetzt aber handelt es sich um 
eine der wichtigsten Controversen. Wenn nämhch, wie Don 
Lorenz behauptet (pag-. 121), unmittelbar nach dem Tode 
der Königin, seiner Gemahhn, Don Fernando mit Umgehung 
K. Philipps seine Tochter Donna Juana als Königin aus- 
rufen hess, wie dieses auch der Continuator Pulgar's und Lo- 
renzo's ' (jedoch nicht Galindez Carvajal) ^ bereits vor Padilla 
beinchteten, so war dieses ein vollständiger Eingriff in die 
Rechte des habsburgischen Fürsten und begann das In- 
triguenspiel K. Ferdinands, um seinen Schwiegersohn aus dem 
Königthume von Castilien zu verdrängen, bereits, als die Leiche 
der Königin noch nicht in die Gruft von Granada übertragen 
worden war. Diese Frage ist so Avichtig, dass von ihrer 
Lösxmg die richtige Auffassung des ganzen nach- 
herigen Conflictes zwischen Don Fernando xmd Don 
Felipe abhängt, der doch mit der Vertreibung des Ersteren 
aus Castilien und der erzwungenen Niederlegung des König- 
thums von Castilien endete (1506), nachdem ihm dasselbe nach 
1505 durch den Dreikönigsvertrag von Salamanca zugesichert 
Avorden war. Wenn aber auch noch Henne den Satz aus- 
führt,-' K. Ferdinand habe seine Tochter als Königin ausrufen 
lassen — sans mentioner le nom de son mari — so be- 
weist das, wie sehr der Irrthum Glauben fand und Avie noth- 

Ij wendig hier eine kritische Erörterung eintreten muss. Ich lege 
darauf Aveniger Werth, dass Alvaro Gomez in seinem Werke 

|| über den Cardinal Jimenes positiv ausspricht, Philipp und 
Juana seien am 26. November in Medina als Könige aus- 
gerufen Avorden.' Allein auch Petrus Martyr, der den Brief 
K. Ferdinands an seinen Sclnviegersohn vor sich gehabt zu 
haben scheint,'' tlieilt mit, dass Ferdinand diesem geschrieben: 
er bestreite nicht, dass Philipp König sei, Avenn auch nur als 
Gemahl seiner Tochter. Das Entscheidende ist aber das nach 



' Die Contiuuation reicht bis /au- Throubesteif^uu^- Ciivls I. (V.) Croiiicas de 

los Reyes de Castilla por D. Cayetano Kossei 111. [lag-. 523. 
- 1. c. pag. 554. 
^ I, pag. 76. 
■» Pag. 59. 
= Ep. 282. 



182 



Höfler. 



allen Seiten hin verbreitete Memorial K. Ferdinands vom 1 . Juli 
1506 (aus Tordesillas), das die Herausgeber des VIII. Bandes der 
documentos als Carta del Rey Catolico ä Gonzalo Ruiz de Figueroa 
SU embajador en Veuezia pag. 385 abdrucken Hessen, während 
es längst bei Qurita II, f. 68 b zu lesen war. In diesem Rund- 
schreiben , das gar keinen geheimen Charakter an sich trug, 
sagt aber der König ausdrücklich: el mesmo dia que murio 
— mi muger, contra el parecer de muchos yo sali a la 
plaza de Medina del Campo y subi en un cadalhaso y alli 
publicamente me quite el titulo de Rey de Castilla y lo di 
al Rey y ä la reina mis fijos y los alce por Reyos y fice 
que los alzasen por Reyes en todo el reino. 

Ferdinand entschlug sich des Titels eines Königs von 
Castilien, den er bei Gelegenheit des Vertrages von Salamanca 
1505 wieder annahm, um ihn im nächstfolgenden Jahre 1506 
durch den Vertrag von Villafafila wieder aufzugeben, — weil 
es seiner Politik damals räthlich erschien, , seine Kinder zu 
Königen zu machen' — in der Voraussetzung, dass er dafür 
administrador, gubernador und für die Königin Donna Juana 
auch curador werde, und König Philipp wohl König von Castilien 
heissen, sich aber mit Neapel begnügen werde. Padilla ent- 
schuldigt sich, dass ihm bis zum Tode der Königin 1504 von 
der Eroberung von Granada an nichts vorgelegen habe, er 
eben deshalb nicht so ausführlich habe schreiben können, als 
er wollte. ' Allein eine so gewaltige Fälschung des Thatbestandes 
durfte er denn doch nicht sich zu Schulden kommen lassen. 
Das hiesse ja geradezu die Sache auf den Kopf stellen. Er 
beschreibt nun den geldrischen Krieg II, Cap. 2 und im nächst- 
folgenden die abscheuliche Intrigue, zu der sich Lope de Con- 
chillos hatte brauchen lassen, um von der Königin, die ihr 
Vater bereits als regierungsunfähig erklärt hatte, hinter dem 
Rücken K. Phihpps eine Uebertragung des Königthums an Don 
Fernando zu erschleichen. Wäre sie gelungen, so wäre das 



1 Libro seguiido Cap. 1. Uebrigens ist auch die Behauptung Padilla's, dass 
sogleich das Testament und der Codicil der Königin eröffnet wurden, 
irrig, da wir aus Carvajal wissen, dass dies erst in la Mejorada geschah. 
Es handelt sich in Medina wohl nur um die Bestimmung^en der Königin 
in Betreff ihres Begräbnisses; die staatsrechtlichen Bestimmungen wurden 
später bekannt. 



QuuUoii der Geschichte Philipps des Schönen. 183 

Königthum Philipps an die Luft gesetzt gewesen. Padilla be- 
spricht sehr ausführlich den Verlauf der ganzen Sache, die ge- 
eignet war, für immer eine Scheidewand zwischen Schwieger- 
sohn und Schwiegervater aufzurichten und den sehr ungeeigneten 
Eifer des Erzbischofs von Toledo zu documentiren, der, bisher 
bei K. Ferdinand nicht in grosser Grünst stehend, jetzt in einem 
für seine Würde gar nicht schicklichen Eifer die Partei des 
Intriguanten nahm, in welchem Alvaro Gomez einen unschiddig 
Verfolgten darstellen möchte. Doch verwechselt hiebei Padilla 
den Bischof von Palencia, Jan de Fonseca, mit dem Bischof 
von Cordova. Auch diese Angelegenheit ist ein Cardinalpunkt 
in dem Conllicte der Könige von Aragon und Castilien und 
beweist ganz klar, dass, während einerseits K. Ferdinand that, 
als wünsche er nichts so sehr als die baldige Ankunft seiner 
Kinder in Spanien, er heimlich Alles aufbot, die Reise zu ver- 
hindern und Philipp seines Königthums zu berauben. Man 
hat allen Grund;, anzunehmen, dass er die freiwillige Abdication 
des Königthums von Castilien am 26. November 1504 als einen 
grossen politischen Fehler ansah, aber indem er ihn gut machen 
wollte, in einen noch tieferen verfiel. Gerade seine Rücksichts- 
losigkeit trieb aber die Granden an, in K. Philipp zu dringen, 
dass er seine Abreise beschleunige, und wenn man die Namen 
derselben liest, so mag man sich wohl hüten, in den land- 
läufigen Fehler Curita's, Alvaro Gomez' und Anderer zu ver- 
fallen, die in den um K. Philipp sich schaarenden CastiHanern 
nur eine Bande unruhiger Köpfe erblickten, welche Castilien 
in das Unglück zu stürzen sich bemühten, indem sie ihrem Vater- 
lande statt des Königs von Aragon den König von Castilien zu 
geben suchten, den Ersterer selbst proclamirt hatte! 

Nach einer Abschweifung über die Eroberung von Mazar- 
quevir im Königreiche Tremecen kommt Padilla II, Cap. 6 und 7 
auf die spanische Expedition K. Philipps, Januar 1506, zu spre- 
chen, und zwar zuerst auf den durch einen entsetzlichen Orkan 
herbeigeführten unfreiwilligen Aufenthalt des Königs in England, 
wo er von Anfang Januar bis Mitte April verweilen musste. 
Wenn er aber bei Aufzählung des Hofstaates der Königin sagt, 
sie habe alle ihre vlämischen Damen in Mecheln zurückgelassen ^ 



La, Reina dejö todas sus dainas flamencas cu Maliues. Pag-. 135. 



134 Hötler. 

und nur eine Tochter des Herrn von Aluiu, senora de Besula, 
und Madame de Rodas als Ehrendamen und einige spanisclie Skla- 
vinnen mitgenommen, so findet auch diese Thatsache durch 
das, was wir durch den venetianischen Botschafter, der den 
König nach Spanien begleitete, erfahren, ' eine bedeutende Ein- 
schränkung. Die ciertas esclavas espauoles — wahrscheinlich 
kriegsgefangene Maurinnen — ausgenommen, hatte Donna Juana 
gar kein weibliches Gefolge bei sich, und waren Hoffräuleins 
und Hofdamen, wie es scheint, nach der erfolgten persönlichen 
Misshandlung, die sie sich erlaubt, ohne Ausnahme im Jahre 1505 
entlassen worden. Der Bericht des Padilla über die grosse 
Gefahr, welche der König und sein Gefolge auf dem Meere 
ausstanden, ist von jeder Uebertreibung frei und hält sich streng 
an die Wahrheit. AVenn aber Padilla sagt, K. Philipp sei, nach- 
dem er in Portland gelandet, acht Tage in Antona (Hampton) 
gebheben, sich zu erholen, und dann zu K. Heinrich nach 
Windsor gegangen, so scheint das irrig. Die Landung fand 
am 15. Januar in Portland statt; am 17., also zwei Tage später, 
stellte der König in Windsor das Belohnungsdecret für die wacke- 
ren Piloten aus, die sich drei Male in die Wogen gestürzt, das 
Segel zu retten und das könighche Schiff vor dem Kentern zu 
bewahren. Allein das Datum dieses Decretes oder Avenigstens der 
Ausstellungsort sind entschieden falsch, da Avir von K. Philipp 
selbst wissen (Schreiben aus Windsor vom 1. Februar 1506), 
dass er am 31. Januar erst nach Windsor kam. Es ist ferner 
richtig, wenn Padilla in Betreff der AusHeferung des Herzogs 
von Suffolk an K. Heinrich sagte, dieser habe versprochen, 
que no seria fecha ninguna afrenta ni muerte en su persona. 
Es ist überhaupt unrichtig, K. Philipp daraus einen Vorwurf 
zu machen, da die Ausheferung von Verräthern, Rebellen etc. auf 
den Verträgen beruhte, die MaximiHan und Heinrich abge- 
schlossen hatten und, Avie auch Quirino bezeugt, deshalb schon 
früher Verhandlungen stattgefunden haben. Baco hat hierüber 
ein selbst sehr interessantes Detail in sein Werk aufgenommen 
und Adrian de Croy in seinem Schreiben an K. Maximilian vom 
23. März 1506 (Chmel, Urkunden, I, pag. 229) in der Sache, 
was K. Philipp betrifft, das entscheidende Wort gesprochen. 



Bericht vom 13. Apiil 1506. 



I 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 18ö 

Was den Aufenthalt der Königin betraf, so sagt (^urita. die 
Königin sei erst nach einigen Tagen nach Windsor gekommen, 
dort nur eine Nacht gebheben und zum grossen Verdrusse 
K. Heinrichs gleich nach Falmouth in Cornwallis gegangen, wo 
sich die zerstreute Flotte wieder sammelte. Donna Jviana blieb 
jedoch längere Zeit in Exeter, ehe sie nach Falmouth ging, 
und was ihren Aufenthalt in Windsor betrifft, so kam sie wohl 
am 10. Februar daselbst an, verliess aber, wie es scheint im 
grössten Verdrusse, nach wenigen Stunden ihren Gemahl, 
den König von England und ihre Schwester Katharina, die sie 
nicht mehr sah. 

Wir sind durch die Schreiben des Königs und die Berichte 
Vincenzo Quirino's im Stande, den Aufenthalt des Königs sehr 
genau nachzuweisen. Er war am 31. Januar in Windsor, wo er in 
der ersten Hälfte Februars blieb, am 18. Februar in Richmond, 
am 8. März (krank) in Redin (Reddich), am 10. und 20. wieder 
in Windsor. Am 26. März kamen König und Königin nach 
Falmouth, aber erst am 16. April konnten sie sich einschiffen, 
am 17. zwang sie der widrige Wind, sich wieder auszuschiffen, 
am 23. erfolgte die neue Einschiffung, worauf die Flotte statt 
nach Laredo, wo man sie erwartete, nach la Coruna in Galicien 
segelte. Am 26. April 1506 kamen sie daselbst an , somit 
nicht im Mai, wie Padilla II, Cap. 8 sagt, auch nicht durch 
den Wind dahin getrieben, während die Absicht gewesen wäre, 
in Andalusien zu landen. Letzterer Plan, wie es scheint, in 
Uebereinstimmung mit dem Könige Manuel von Portugal ge- 
fasst, war in Folge des langen und kostspieligen Aufenthaltes 
in England um so mehr aufgegeben worden, als Avährend des 
grossen Sturmes der König und so viele Andere das Gelübde 
gemacht hatten, wenn sie gerettet würden, nach San Jago de 
Compostella zum Grabe des Apostels Jacobus zu wallfahrten, 
dem, nach dem Zeugnisse des Erasmus von Rotterdam, be- 
rühmtesten und besuchtesten Wallfahrtsorte der damaligen Zeit. 
Wenn ferner Padilla berichtet, König und Königin hätten sich 
nur einige Tage (algunos dias) in la Coruila aufgehalten, so ist 
das wieder irrig, indem Beide zum Thcil durch den gänzlichen 
Mangel an Pferden und Saumthieren, zum Thcil aus politischen 
Gründen bis zum 28. Mai in diesem Winkel von Galicia bheben. 
dann ging der König erst mit seinem kleinen Heere über Betanzos 



186 Hofier. 



I 



nach San Jago. K. Ferdinand aber war nicht etwa damals in 
Valladolid, sondern über Torqiiemadaj zwischen Palencia und 
Burgos, wo er die Nachricht von der Landung seiner Kinder 
erhalten, über Valladolid, Palencia, Carrion, Sahagon, Mansilla 
nach Leon gegangen (3. Mai) ; fälschlich heisst es bei Petrus 
Mart., Opus epist. nr. 304: in nonis Mail statt III non. Mali. 
Von da nach Astorga (15. Mai), nach Ravanal (16. Mai), nach 
Motina, wo der Erzbischof Jimenes zu ihm kam, nach Villafranca 
de Valcacer (Ende Mai oder Anfangs Juni), nach Villanueva 
und Baneza (7. Juni), nach Matilla (9. Juni), nach Rio negro 
(13. Juni), nach Asturianos (19. Juni) und von da endhch nach 
Remessal zwischen Asturianos und Puebla de Senabria, wo am 
20. Juni die erste Begegnung der beiden Könige stattfand. 
Die Königinnen, Donna Juana und Madame Germaine, welche 
Ferdinand am 18. März 1506 während Philipps Aufenthalt in 
England in Duenas geheiratet hatte, ' sahen sich so wenig als 
Donna Juanä ihren Vater. Wenn daher Padilla den König- 
Ferdinand diese ganze Zeit in Tordesillas verweilen lässt, so 
ist dieses ein grosser L-rthum, der sich durch das freilich 
etwas mühsam zusammenstellende Itinerar sattsam widerlegt. 
Ebenso falsch ist es aber, wenn Alvaro Gomez pag. 70 den 
König Phihpp zwanzig Tage in Warmse, welcher gothische 
Name den heissen Bädern von Orense geblieben war, zu seiner 
Erholung verweilen lässt. Der König verliess am 3. Juni San 
Jago, wandte sich südlich, die steilen Gebirge gegen Leon um- 
gehend, nach Orense, überschritt hier den Mino, wandte sich 
dann in der Richtung von Monterrey, das Silthal links lassend, 
nach Villa vieja, in östlicher Richtung nach la Puebla de Se- 
nabria und kam endlich, nachdem er einen grossen Halbkreis 
beschrieben und unendlich viele Mühseligkeiten überstanden, 
über zweihundert Pferde und Maulthiere verloren hatte, aus 
den Schluchten von Galicia und durch die elendesten Nester 
dieses wilden und unfruchtbaren Landes in die Ebene von 
Castilien, erst nach Remessal (20. Juni) und dann nach Bena- 
vente. Während er hier war, wurde in Villafafila (27. Juni), 
das schon in der fruchtbaren Ebene liegt, die sich die Gothen , 
ausgesucht und die nach ihnen campi Gothorum — tierra de 



1 Le mariage vitupereux, wie es Philipp bezeichnete. 



! 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 187 

campos — genannt wurde, der Vertrag mit K. Ferdinand ab- 
geschlossen, der diesen zwang, auf Castilien Verzicht zu leisten 
und sich mit der Krone von Aragon zu begnügen. 

Aus dieser Erörterung ist bereits ersichtlich, dass man den 
guten Don Lorenzo sehr commentiren und suppliren muss, er 
als eigentlicher Geleitsmann nur in seltenen Fällen zu gebrauchen 
ist. Das strenge Urtheil wird aber gerechtfertigt, wenn man 
sagen muss, dass er die wichtige Zusammenkunft zu Remessal 
gar nicht kennt und den K. Philipp gleich von Senabria nach 
Benavente gehen lässt, wohin er erst am Tage vor Johannes 
kam, während K. Ferdinand nach Villafafila abschwenkte, 
Villafafila liegt auf dem Wege von Asturianos, Rio negro und 
Marta nach Villalpando, südlich von Benavente. Ferdinand ge- 
wann dadurch die Strasse nach Tordesillas und Valladolid; am 
1. Juli war er in Tordesillas. Lorenzo lässt aber die Könige und, 
was vollends ganz unbegreiflich ist, auch die Königin in Vi 11a- 
lar zwischen Tordesillas und Toro zusammenkommen, Cap. 9, 
wo gar keine Zusammenkunft stattgefunden hat. Die 
letzte Zusammenkunft über Muzientes (4. Juli) in Renedo 
(5. Juli) kennt er. Die angeblich daselbst stattgehabten Be- 
schlüsse sind aber die von Villafafila (27. Juni). Dann ging 
wohl der König Ferdinand nach Aragon, K. Philipp aber nach 
Valladolid (Juli), von da nach Tudela und am 1. September 
(nach Alvaro Gomez) wieder nach Valladolid (Pinzia) zurück, 
in Wirklichkeit gegen Ende August, wie Padilla sagt, nach 
Burgos, wo K. Philipp am 16. September 1506 erkrankte und am 
25. September starb. Padilla gibt in demselben Capitel noch ein 
Verzeichniss der Personalveränderungen, die K. PhiKpp in Be- 
treff der Besetzung der wichtigsten Aemter vornahm, und schliesst 
mit einer. Charakteristik des früh verstorbenen Königs, pag. 149. 

Es genügen uns diese Proben , um zu ersehen , mit 
welcher Vorsicht die Cronica de Felipe 1° llamado el hermoso 
benutzt werden muss, wie sie in vielen und wichtigen 
Dingen nur irreführen kann, die wichtigsten Ver liand- 
lungen gar nicht mittheilt, und wenn man sie ohne voraus- 
gegangenes sorgfältiges Detailstudium zu Grunde legen 
wollte, den Forscher oft geradezu irreführen Avürde. 

Das Gegenstück zu Don Lorenzo de Padilla bildet Robert 
M aquere au de Valenciennes, Verfasser des Traicte et recueil 



188 Höfler. 

de la maison de Bourgoigne en forme de clironiqiies, Louvain 
1765, 4.^ und des Werkes: La maison de Bourgogne, histoire 
generale de l'Eiirope diirant les annees 1527, 1528, 1529, Paris 
1841, 4. Der Traiete erstreckt sich von 1499—1527 inclJ 

Es ist sehr nothwendig, den kritischen Werth dieses 
Werkes, dessen erstes Buch die Geschichte K. Philipps ent- 
hält, genau zu untersuchen. Das erste Capitel beschäftigt sich 
mit der Geburt des nachherigen K. Karl V. und den Feier- 
lichkeiten bei seiner Taufe. Er setzt die Geburt auf einen 
Sonntag, 22. Februar 1499; der Mathiastag, an welchem Karl 
geboren Avurde, fiel aber auf keinen Sonntag und ist auch nicht 
der 22., sondern der 24. Februar, und Avenn man den Schalttag 
rechnet, wie es Galindez gethan zu haben scheint; der 25. Fe- 
bruar des Jahres 1500 und nicht 1499. Seine Taufe fand auch 
nicht sechzehn Tage später statt, wie Maquereau angibt, son- 
dern am 7. März. Machen diese irrigen Angaben im ersten Ca- 
pitel schon stutzig, so ist der Inhalt des zweiten nicht geeignet, 
grösseres Vertrauen einzuflössen. Nach ihm kam Donna Juana 
im Jahre 1500 mit ihrem zweiten Kinde nieder, das Elisabeth 
(Isabella) hiess. Die Infantin Isabella, geboren am 15. Juli 1501 
— nach Galindez am 14. Juli und nach Henne am 27. Juli 
1501 — war das dritte Kind der Erzherzogin. Maquereau 
kennt nämlich die Geburt der Infantin Donna Leonor nicht, 
welche 1498 geboren wurde. Er berichtet die Reise des Prinzen 
und der Prinzessin nach Frankreich, meldet ihre Ankunft in 
Paris am 25. November richtig, aber nicht 1500, sondern 1501; 
richtig auch den Tag der Ankunft in Blois am 7. December, 
worauf die Prinzessin Claude am 8. December ihrer designirten 
Schwiegermutter nackt präsentirt worden sei ? Dann aber bringt 
Maquereau einen Bericht über französische Geiseln, die nach 
Valenciennes gebracht wurden, und verwechselt, was 1502 bei 
der Rückkehr des Erzherzogs geschah, mit dem, was angeblich 
1501 geschehen sein soll. Er lässt, was geradezu monströs ist, 
den Prinzen 1501 zuerst nach Leon kommen, was wohl wieder 
eine Verwechslung mit seinem Aufenthalte in Lyon 1503 ist, 
dann ihn nach Burgos gehen, wo der König und die Königin 



' Die Ausgabe vou Buchon, Choix de chroniques, t. XIV, war weder in 
Prag, noch in München, "Wien oder Göttingen aufzutreiben. 



Quellen der Gescbiilitf Philipps des Schönen. 189 

ihn und die Donna Juana empfangen haben sollen, was erst 
am 7. Mai in Toledo geschah, und ebenso verwechselt er den 
Bischof von Cambray, Heinrich von Berghes, welchem die Reise 
nach Spanien das Leben kostete, mit Jean de Berghes, sou- 
verain bailli du comte de Namur, und macht Franz von Bux- 
leiden, Erzbischof von Besan9on, zum duque de Busen- 
ton, pag. G. Noch schöner lauten die Dinge in Cap. 3. Da 
nimmt im Juni 1504, dem Todesjahre der Königin Isabella, 
der Erzherzog mit seiner Gattin Abschied von K. Ferdinand 
und Königin Isabella, reist mit ihr in sieben Tagen nach Lyon, 
hat dort wegen der Zerstörung von Perpignan einen grossen Streit 
mit K. Ludwig, geht dann zu seiner Schwester, der Herzogin 
von Savoyen, wird dort krank und brach, als er dem Leichnam 
des heil. Claude en Bourgogne die Füsse geküsst, une si mer- 
veilleuse poison que chacun s'en esmerveilloit, pag. 7. Das 
Alles geschah in dem Jahre, in welchem die Königin Isabella 
starb ! Das ist aber noch nichts gegen Cap. 4. In diesem 
übersendet K. Ferdinand seinem Schwiegersohne die Krone 
von Castilien, die die Könige in Bruges feierlich empfangen, 
worauf beide könighche Personen Rvmdreisen antraten. Dann 
folgte der geldrische Krieg, in welchem K. Philipp die Stadt 
Herlem ' belagerte. Er meint Arnheim und erzählt dann aus- 
führlich die Einnahme und den Vertrag mit Charles d'Aighe- 
mont, pag. 9. In Cap. 5 beschreibt er sehr drastisch, wie 
Karl von Egmont sich krank gestellt, um nicht nach Spanien 
reisen zu müssen, die Abfahrt des Königs aus Armuyden und 
die Seereise, die anfänglich so gut von Statten ging, bis das 
gräulichste Ungewitter losbrach, der Mast des königlichen 
Schiffes niederfiel, die Segel in das Wasser sanken und der 
König nur durch die Kaltblütigkeit seiner Piloten gerettet 
wurde. Er sei am 13. Januar in Maillergon gelandet, dann mit 
seiner Frau und ältesten Tochter (sa maisgnie) nach Hatonne 
gegangen. Wie bekannt, blieben alle königlichen Kinder mit 
Ausnahme des in Spanien weilenden Don Fernando in JMecheln 
zurück. Von filles de la Reynne, die auf den Schiffen waren, 
ist schon gar keine Rede. Die Landung in Hampton erfolgte 
am 15. Januar 1506. Die Cap. G und 7 beschäftigen sich mit 



' Harlem? 



190 Höfler. 

dem Aufenthalte K. Philipps in England. Er erzählt, dass die 
Königin nach Windsor gekommen sei und ihren Aufenthalt in 
Resdnicq nahm, und zwar mit der dame de Gondel, Contesse 
d'Hulincq, Madame de Bersele, femme de l'Amand (Amptmann?), 
Madame de Ville und mehreren anderen dames et demoiselles. 
Er theilt einen Brief K. Ludwigs an K. Heinrich mit vom 
17. April, worin Ersterer den König von England bat, den 
K. Philipp Zeitlebens einzusperren. Dieser Brief sei in London 
beiden Königen vorgelesen worden. Das Datum und der Aus- 
stellungsort , auch der Secretär Robert le 'gros di de la Ha je 
(Robertet) können richtig sein. Sehr verdächtig ist die Erzäh- 
lung insoferne, dass zur Zeit, als das Schreiben A'on Paris nach 
London kam, K. Philipp sich bereits in Falmouth nach Spanien 
eingeschifft hatte. Es müsste sehr sonderbar zugegangen sein, 
wenn K. Ludwig am 17. April 1506 nicht gcAvusst hätte, dass 
K. Phihpp bereits am 26. März bei seiner Flotte in Falmouth 
angekommen war. Der ganze schöne Dialog, den Maquereau 
pag. 16 mittheilt und der die hochherzige Gesinnung K. Heinrichs 
gegen seinen Gast enthüllt, fällt somit weg. Allein Maquereau 
lässt jetzt erst noch die Königin Johanna mit der (verstorbe- 
nen) Königin von England nach London kommen, den K. Ferdi- 
nand aber mit 10.000 Maim Stellung bei Comp oste IIa nehmen, 
um K. Philipp, der erst noch drei Tage bei Ha vre! verweilen 
musste, an der Lau düng zu verhindern. Ferdinand befand sich 
aber damals (26. April) mehr als 100 Stunden von San Jago de 
Compostella entfernt! Doch habe noch die Königin Johanna den 
Frieden hergestellt^, der von beiden Seiten beschworen wurde. 
— Li Gap. 8 lässt Maquereau die zwei Könige und die Königin 
in der Stadt Orrenger ' zusammenkommen und dann nach San 
Jago gehen , von da nach Benavente , nach Tudela , wo sie 
sechs Wochen geblieben seien, worauf K. Ferdinand Abschied 
nahm. Die Einwohner von Valladolid hätten die 600 Deutschen 
K. Philipps nicht in die Stadt gelassen, weshalb er sie verab- 
schieden musste. j\lan habe dem Könige seinen kleinen Sohn 
gebracht und Jedermann ihn Friedensfürst genannt. In 
Burgos habe er eine Gesandtschaft des Padischah mit Geschen- 



• Es ist das Oreuse, wohin K. Philipp kam (6. Juni), nachdem er San 
Jago verlassen und den Weg nach Benavente eingeschlagen hatte. 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 191 

ken empfangen, als er aber hörte, dass Karl von Egmont mit 
Hilfe der Franzosen die Waffen ergriffen und Tvirnhout ver- 
brannt habe, sammelte K. Philipp ein Heer von 100.000 Mann ' 
gegen die Franzosen! In Cap. 9 wird dann Philipps Erkran- 
kung weitläufig beschrieben und namentlich der Abschied, 
den er von den Seinen genommen, sein Tod, die feierliche 
Ausstellung der Leiche, die Bestattung und die Heimkehr der 
Flanderer, die (Cap. 10) sa chapelle, sa vaichelle, sa tapisserie 
et autres baghes nach Mecheln brachten. 

Abgesehen von dem Umstände, dass, was Maquereau 
von der Erkrankung berichtet, noch am ehesten mit der Wahr- 
heit übereinstimmt, müsste man auf das Tiefste bedauern, wenn 
Jemand seinen Traicte in gutem Glauben bei Forschungen über 
K. Philipp zu Grunde legen wollte. Man würde sich sehr bald 
überzeugen, dass dieser einen Roman mit einigen geschichtlichen 
Daten aufputzte, das erste Buch seines Werkes aber nicht sowohl 
Geschichte als Fabeln enthalte. Die weiteren Bücher, Avelche 
sich nicht mehr auf K. Philipp beziehen, gehören nicht in den 
Kreis dieser Erörterungen. Er ist ein Fabelschmied und ver- 
dient gar nicht die Aufnahme in ein ernsthaftes Geschichts- 
werk, wenigstens was die Darstellung K. Philipps betrifft. 
Irre ich mich nicht, so ist er das Gegenstück zu der von 
Gachard in Madrid eingesehenen handschriftlichen Biographie 
K. Philipps. 

Gachard führt aus der Bibliotheque nationale : el con- 
sejero del desenganno delineado en la breve vida de Don Phelipe 
el Hermoso von Don Joseph Michele Marquez Baron de San 
Dimitrio an. Diese vida ist K. Philipp IV. gewidmet, also 
aus dem 17. Jahrhundert. Gachard sagt pag. 13: 

,0n trouve dans ce livre des details curieux sur le mariage 
de Philippe avec la princesse Jeanne d'Aragon, sur ses discus- 
sions avec sa femme, sur ses favoris.' Wenn man aber auf die 
von ihm benützten Quellen sieht, so gewähren seine Angaben 
gar keine Bürgschaft für ihre Richtigkeit und Wahrheit, 
und scheint man es mit einem Gegenstücke zu Maquereau oder 
zu Varillas zu thun zu haben. P. M. de Anghiera scheint dem 
Baron Marques eine unbekannte Grösse gewesen zu sein, wie 

' Spanier! 



192 Höfler. 

überhaupt genuine Quellen. Das Werk scLeint ganz werth- 
los zu sein und auf reinem Klatsch, zu beruhen. 

Die Nachrichten über K. Philipp, welche Avir bei Pedro 
de Alcocer — Relation sobre las comunidades, herausgegeben 
von Antonio Martin Gamero, Sevilla 1872 — finden, beziehen 
sich auf den Aufenthalt des Königs, nachdem derselbe bereits 
Galicien verlassen. Pedro war Zeuge des Gespräches zwischen 
Don Bernardino de Velasco, Condestable de Castilla, und Don 
Fadrique de Toledo, duque de Alba, in der villa de la Baneza, 
als Ersterer K. Ferdinand verliess. Er beschreibt mit grosser 
Genauigkeit die erste Zusammenkunft der beiden Könige (in 
Remessal), wobei er bemerkt, dass K. Ferdinand von Yanta de 
Conejos in Galicien kam, während die anderen Quellen Asturianos 
nennen. Ueber den Aufenthalt K. Philipps in Benavente, die 
Audienz der Cortes, den Fluchtversuch der Königin ist er Haupt- 
quelle; wenn er aber pag. 11 den König im Mai 1506 in Bena- 
vente Hof halten lässt, so ist dies ein grosser Irrthum, da der 
König erst Ende Mai la Coruna verliess und den Tag vor Johan- 
nes, 23. Juni, nach Benavente kam. Auch ist es irrig, dass 
K. Ferdinand. von Asturianos (Yanta de Conejos) nach Valladolid 
ging, pag. 9. Er ging nach Tordesillas, wo er sich noch am 
1. Juli befand (Qurita H, f. 68). K. Philipp war aber noch 
am 30. Juni in Benavente. Alcocer berichtet ferner sehr ein- 
gehend über die Verhandlungen mit den Cortes in Muzientes 
in den ersten Tagen des Juli und dann mit Pedro Lopez de 
Padilla, Bruder Don Gutierre de Padilla. Ueber die zweite 
und letzte Zusammenkunft der Könige in Renedo ist er Haupt- 
quelle. Wenn er aber vor dieser König und Königin in Tudela 
am Duero ihren Aufenthalt nehmen lässt^ so ist dieses irrig, 
da nach (^urita K. Ferdinand sich wohl in der Aldea de Tudela 
aufhielt, aber rasch über Valladolid nach Aragon abzog. Auch 
hierüber gibt Alcocer sehr interessante Nachrichten. Dann aber 
eilt er zu Ende und erzählt nur mehr mit wenigen Worten den 
Aufenthalt K. Phihpps in Valladolid und Burgos, seine Krank- 
heit, seinen Tod, pag. 19. 

Alcocer's Berichte sind sehr beachtenswerth und wir be- 
dauern, dass sie eigentlich nur die Monate Juni und Juli 
1506 behandeln, den Monat September kaum streifen. 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 193 

Es ist zweckdienlich, nocli auf einige spanische Schrift- 
steller aufmerksam zu machen, ehe wir uns einem Belgier, dem 
Verfasser des Werkes : De rebus a principibus Burgundis atque 
Austriacis qui Belgis imperarunt pace belloque praeclare 
gestis, Lovanii 1652 f., Paulus Heuterus aus Delft, Propst von 
Arnheim, zuwenden. 

Der Herausgeber der Aveitläufigen Historia de los reyos 
catolicos escrita por el bachiller Andres Bernaldez, 
Don Rodrigo Caro, hat aufmerksam gemacht, dass der Verfasser 
den Don Rodrigo Ponce de Leon und Don Christobal Colon 
persönhch kannte, Caplan des Erzbischofs von Sevilla, Don 
Diego Deza (früher Erzieher des Infanten Don Juan, Schwieger- 
sohn Maximilians) war und namentlich genaue Berichte über 
das besass, was ausserhalb Spaniens vor sich ging — er meinte 
die Kriege um Roussillon und Neapel — ,niemals aber der 
Wahrheit untreu wurde, die die Seele der Geschichte ist'. 
Wir werden das Letztere in Betreff K. Philipps untersuchen. 
Er erwähnt, dass mehr als 20.000 oder 25.000 Mann die Infantin 
Donna Juana nach Flandern begleiteten, als sie im September 
1496 Biscaya verliess, und von diesen mehr als 10.000 in 
Flandern starben, ehe die Flotte die Prinzessin Margaretha im 
März 1497 nach Santander brachte. Padilla erwähnt, dass 
damals mehr als 9000 Menschen an Kälte und anderen Un- 
bequemlichkeiten starben, nicht aber 20.000 oder 25.000 nach 
Flandern gingen, sondern 15.000. Dass die Verlobung der 
Kinder Maximihans und Ferdinands schon 1490 stattfand, ist 
Bernaldez eigen. Die Darlegung der Zwistigkeiten zwischen 
Ferdinand und Philipp, Cap. 204, ist ganz vom Standpunkte 
des Ersteren gehalten, natürlich auch Ferdinands Verbindung 
mit K. Ludwig XII. und seine zweite Vermählung, die im 
April 1506 stattgefunden habe, ebenso aufgefasst. In dem 
langen Cap. 205 führt er an, dass die Abfahrt K. Philipps 
nach Spanien im Februar oder März 1506 stattfand, der König 
etwas mehr als einen Monat in England bheb , wo Donna 
Juana vielen Trost bei ihrer Schwester fand, während 
sie in Wirklichkeit allen Trost zurückwies und nach wenigen 
Stunden auf- und davonging. Das sind doch lauter Fabeln, 
die man bisher ruhig als Geschichte annahm. König und Köni- 
gin landeten in Salisbury (k la ciudad y puerto de Salisbur e 

Sitznngsher. d, phil.-hi«t. Cl. CIV. Bd. 1. Hft. 13 



194 Höfler. 

dende por tierra — k LondresV Der lieenciado Rodrigo Caro 
meint, ßernaldez muestrase en la geogi'afia j leccion de antiqua 
historia, aber Salisbmy zum Hafenplatze zu machen, ist doch 
nicht erlaubt. K. Philipp habe sich einige Tage in la Coruria 
aufgehalten, in "Wahrheit vom 26. April bis 28. Mai 1506. 
K. Philipp habe nur einen Anhang gewonnen, indem er den 
Granden Gnadenbezeugungen erwies (mercedes e partidos), 
während die Granden in Wahrheit sich das Wort gaben, keine 
zu verlangen. Dann wird eines grossen Sti*eites zwischen dem 
Könige und der Königin, ehe sie nach Benavente kamen, ge- 
dacht und ebenso eines grossen Schiedsspruches der beiden 
Conseils, K. Ferdinands und K. Philipps, in Ki'aft dessen Ersterer 
Castilien zu verlassen hatte. Darauf sei K. Ferdinand von Toro 
nach Benavente gegangen, wo er seinen Schwiegersohn um- 
armte. Allen seinen Segen gab und dann spornstreichs von dan- 
nen ritt! All' dieses geschah im Monate Juni 1506. In Bena- 
vente fand keine Zusammenkunft statt, die von Remessal, 
20. Juni, wird so wenig erwähnt wie der Vertrag von Villafafila, 
27. Juni, oder die Zusammenkunft in Renedo. Die Abreise 
K. Ferdinands nach Aragon fand unmittelbar nach der letzten 
Zusammenkunft am 5. JuK 1506 statt. Dann wird Cap. 207 so- 
gleich der Tod K. Philipps an einem pestilenzialischen Uebel 
erzählt, an dem er mit gi'osser Reue über seine vSünden — invo- 
cando a Nuesti'o sefior — starb. Der cura de la villa de los pala- 
cios und Caplan des Erzbischofs Don Diego Deza weiss dieser 
Erzählung eine solche Wendung zu geben, dass K. Philipps Ende 
als mehr oder minder verdientes Gottesgericht erscheint. Es wird 
gestattet sein zu sagen, dass Bernaldez trotz der Versichei-ung 
Don Rodrigo Caro's, wenigstens was die Geschichte K. Philipps 
betrifft, keinen Werth besitzt, seine Thatsachen so wenig 
als sein Urtheil. Die angeführten Daten erweisen sich sämmt- 
lich als unrichtig. Bernaldez zu folgen würde nothwendig zu 
noch grösseren Verirrungen führen, als Don Lorenzo de Padilla 
unbedingt zum Geleitsmanne zu machen, der doch, wenn auch 
mit Auswahl zu benutzen, noch immer ein schätzenswerthes 
Detail bietet, während der Werth des Bernaldez so ziemlich 
dem Maquereau's gleich kommt. 

Die anonyme Fortsetzung der Chronik des Pulgar 
kennt nur eine Zusammenkunft der Könige in der Aldea de 



II 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 195 

Remesa am 19. (20.) Juni. Sie fülirt an, dass, weil sich die Königin 
nicht sehen Hess, man sie für eingesperrt hielt ; dass der König 
den Grranden die Krongüter überliess, Granden und Städte über 
seine deutschen Soldaten murrten, weil sie so viel an Speise 
und Trank zu sich nahmen, und der frühe Tod Phihpps als 
Strafgericht erschien, weil er ungehorsam gegen seinen Schwie- 
gervater gewesen.' Der Anonymus spricht mit dem letzten 
Satze die Tendenz seines ganzen Werkes aus, das in der Ver- 
herrlichung K. Ferdinands besteht. Man kommt von diesen 
Chroniken immer wieder auf des Aragonesen G e r o n 7 m o 
Qurita Historia del rey Don Hernando el catolico de las 
empresas y ligas de Italia zurück, die zwar, wo sie kann, die 
Vertheidigung K. Ferdinands übernimmt, aber immer wieder 
auch die Gegenseite berücksichtigt und durch die Einflechtung 
wichtiger Urkunden der Darstellung eine sichere Grundlage ge- 
währt. Man muss sich nur gegenwärtig halten, dass (^urita nicht 
die Geschichte K. Philipps zu schreiben beabsichtigt, sondern 
des Königs von Aragon und Castilien, welcher seine mit grosser 
Umsicht und Thatkraft erworbene Stellung und Würde nicht 
preisgeben will und am allerwenigsten wünscht, dass eine 
Herrschaft der Granden entstehe, die Alles umstösst, was die 
reyes catolicos mühsam in 30 Jahren geschaffen. Die That- 
sache, aufweiche es ankam, bestand in Folgendem: Ferdinand 
und Isabella hatten mit Hilfe der Granden das Königreich 
Castilien über die näher berechtigte Tochter ihres Vorgängers 
K. Heinrich IV., la excelente senora, la Beltraneja, la Monja, 
erlangt, Isabella ihre eigene Nichte, Donna Juana, entthront, 
welche dann in Portugal Zuflucht fand und die Schwester ihres 
Vaters überlebte. Da der Letztere gegen die wider die Recht- 
mässigkeit ihrer Gebm-t ausgestreuten Gerüchte auf dem Tod- 
bette seine Tochter feierlich anerkannte, war durch die reyes 

' Era asimismo, schreibt der Anonymus xnn K. Philipp, dado a los 
juegos y holgaba de fablas y tractar con mugeres; no le parccia cosa 
mejor que los gentiles gestos de mngeres, pag-. ö24. Tu äiniliclier Weise 
drückte sich auch Padilla ans pag. 149: a mugeres dabase muy secreta- 
mente y holgabase de tener conversacion ä bueua parte con ellas por- 
que se holgaba con todo placer y regocijo. Cuando le toniaba algun 
enojo, luego se le qnetaba. Quiso mncho ä la Reina: sufriale mucho 
y encobria todo le que podia las faltas que della sentia aoerca del 



gobernar. 



LS 



* 



196 Söfler. 

catolicos die Legitimität verletzt worden, der castilianisclie Adel 
aber hatte seine Rechnung gefunden, als er die Tante statt der 
Kichte, den Aragonesen statt der Castilianerin erhob. Nachdem 
aber die reyes catoHcos einmal die Herrschaft erlangt, drehten 
sie, wie man zu sagen pflegt, den Spiess um und strebten sie 
mit aller Consequenz die Krongüter, welche an den Adel ge- 
kommen waren, wieder zu gewinnen. Wenn K. Ferdinand 
wiederholt betheuerte, er müsse seinem jugendlichen Schwieger- 
sohne, der die Castilianer nicht kenne und nicht wisse, wie sie 
zu behandeln seien, Rathschläge geben, wie er die Regierung 
einzurichten habe, so bezog sich dieses auf die Besorgniss, der 
jugendliche Habsburger möchte, ohne es zu ahnen, das Werk- 
zeug castilianischer Granden werden, die den Regierungswechsel 
in ihrem Interesse auszubeuten unverhohlen Lust zeigten. Der 
alte König, einer der grössten politischen Rechner seiner ,an 
solchen Charakteren so reichen Zeit, Avusste aber durch beson- 
dere Leutseligkeit, Herablassung, Witze und Spässe die Personen, 
mit welchen er zu verkehren hatte, ebenso an sich heranzu- 
ziehen und zu gewinnen, als seine grosse Klugheit und eine 
ausserordentliche Arbeitskraft, eine unermüdliche Thätigkeit und 
die grossen Erfolge, die sich an diese anschlössen, sein scharfer, 
weit über die Gegenwart hinausblickender Verstand allen den- 
jenigen imponirten, die mit ihm zu thun hatten. Nun ist es 
äusserst interessant, zu sehen, wie der kluge Mann nach dem 
Tode der Königin sich immer mehr verstrickte und durch die 
Pläne, welche er gegen seinen habsburgischen Schwiegersohn 
aushegte, zuletzt wie in einem Netze gefangen wurde. Die 
Entwirrung dieses Knotens ist freilich ungemein schwierig, ' die 
mühsame und zuletzt doch sehr dankbare Aufgabe des Bio- 
graphen K. Philipps, ^urita hat wohl der Lösung derselben 
durch seine vielfache Unparteilichkeit vorgearbeitet, wie er denn 
z. B. kein Bedenken trägt, erst den Vertrag von Villafafila, den 
K. Ferdinand am 27. Juni einging und beschwor, mitzutheilen, 
und nicht minder die geheime Revocation eben dieses Freund- 
ßchafts- imd Bundesvertrages, der den Wirren zwischen Schwie- 
gervater und Schwiegersohn ein Ziel setzen sollte, die K. Fer- 
dinand noch an demselben Tage vor Zeugen vornahm und durch 
welche er Alles für erzwungen und ungiltig erklärte, was 
er kurz vorher feierlich versprochen, unterzeichnet und 



I 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 197 

besiegelt hatte (Qiirita II, f. 68). Die Beurtheilung K. Philipps 
wird sich aber ganz anders gestalten, wenn man sich vergegen- 
wärtigt, welche Treulosigkeit ihm gegenüber geübt wurde, mit 
welchen Factoren er zu rechnen hatte, wie sein Untergang fast 
unvermeidlich schien. 

Da noch genug Gelegenheit gegeben Avird, auf ^urita zu- 
rückzukommen, der zu den besten und trefflichsten Geschieht^ 
Schreibern nicht blos Spaniens gehört, Avenden wir uns dem 
Biographen des Erzbischofs von Toledo, des Fray Francisco 
Jimenes deCisneros zu, welcher, so lange K. Philipp lebte, 
nicht Cardinal wurde — Alvarus Gomez Toletanus, de 
Francisci Jimenii vita et rebus gestis, libri VII. Der Heraus- 
geber Doctor Agorreta, Rector der Universität Alcalä, machte 
K. Philipp II. bei der Widmung des Werkes aufmerksam, dass 
in demselben auch von seinem Grossvater Philipp die Rede 
sei; Gomez aber gibt in der Vorrede Aufschlüsse über die von 
ihm benützten Quellen, Originalaufzeichnungen, Berichte von 
Zeitgenossen und Vertrauten des Erzbischofs Jimenes, nament- 
lich des Diego Lopez Ayala, die die Sorgfalt beweisen, mit 
der er eine gründliche Kenntniss der Lebensschicksale des 
nachherigen Cardinais und Regenten von Castilien sich zu ver- 
schaffen suchte. Sein Werk ist denn auch für alle deutschen 
und nicht deutschen Bearbeiter des Lebens des Jimenes die 
Hauptquelle geblieben. Es ist nothwendig, auf diejenigen Stellen 
einzugehen, in welchen Gomez von K. Philipp berichtet. Es 
ist das dritte Buch, welches vorzüglich damit sich beschäftigt, 
nachdem im zweiten die Ankunft Philipps und Johannens in 
Toledo (7. Mai 1502) besprochen worden, pag. 42, Er irrt sich 
aber bereits, wenn er behauptet, Philipp habe aus Rücksicht für 
die SchAvangerschaft seiner Gemahlin den Landweg durch Frank- 
reich der Seereise vorgezogen. Die Prinzessin kam erst am 
10. März 1503 nieder, die Reise nach Frankreich Avurde aber 
bereits im November 1501 angetreten, die Prinzessin hätte somit 
22 Monate lang in anderen Umständen sein müssen! In der 
Auseinandersetzung der Gründe, A\^elche Piiilipp bcAvogen, 1502 
Spanien zu verlassen, führt Gomez noch an, dass er der Eifer- 
sucht seiner Gemahlin zu entfliehen dachte, pag. 50.' 

* Aut istnniin (französisch Gesinnter) suasionibus incitatns aut Joaunae 
conjugis taedio affectus, quae incrcdibili zolotypia stinuilata acerlta in 



198 Höfler. 

Gomez erwähnt, dass die Königin ibre Zuflucht zu dem Erz- 
bischofe Jimenes nahm, sowohl des eigenen Trostes wegen, als 
um der Prinzessin willen, damit er auf ihr Gemüth einwirke, 
pag. 51. Nur mit wenigen Worten schildert er die Scene im 
Schlosse von Medina 1503, als die Prinzessin, ohne von ihrer 
Mutter Abschied zu nehmen, ' spornstreichs nach Belgien gehen 
wollte, pag. 53. Da wir von Gomez erfahren, dass Jimenes 
im Anfange des Jahres 1504 von dem Könige nach Medina 
berufen wurde, kommt auch eine chronologische Ordnung in 
die weitläufige Erzählung der Anderen. CarvajaP erzählt nichts 
von dem Vorfalle in Medina, er berichtet aber, dass die Königin 
— als handle es sich nur um eine gewöhnliche Reise — am 
26. November 1503 von Segovia nach Medina aufbrach und 
nach zweimahger Rast am 28. daselbst ankam. Am 20. De- 
cember kam auch der König und Anfangs Januar 1504, wie 
Gomez sagt, auch der Erzbischof von Alcalä her, alle aus dem- 
selben Grunde, die afrikanische Löwin, wie Petrus Martyr 
Donna Juana (ep. 268) nennt, zu beruhigen. Dann folgte aber 
erst noch die schmähliche Misshandlung eines Hof fräuleins ■' 
durch die Prinzessin, als sie nach Brüssel zurückgekehrt war,^ 
von der Gomez nach genauen Mittheilungen/'' nicht blos nach 
oberflächlichen wie Petrus Martyr, berichtet, "^ und in Folge 



eum erat, ea molestia liberari properans etc. Dieses Zeugniss ist jeden- 
falls sehr interessant. 

1 regiae majestatis oblita, nulla pareutis ratione habita quam bidiii itinere 
visere quivisset, 

2 Lorenzo Galindez de Carvajal, Anales braves (Memorial y registro. 1525) 
enthält wenn auch nur kurze, doch in der Regel zuverlässige Angaben. 

ä quam secum comitem Joanna adduxerat, pag. 53. 

* zelotypiae stimulis. vehementer exagitata criminationibus jurgiis et tra- 
goediis totam Philippi regiam implevit. 

^ per fidos tabellarios. 

•> Varillas, den ich nicht gerne citire — er macht unter Anderem den be- 
rühmten Don Juan Manuel zum Secretär, den die Granden nach Brüssel 
sandten, um den Erzherzog von der Falschheit des Testaments der Kö- 
nigin Isabella zu überzeugen — führt diese Erzählung, sich auf das 
theätre des malheurs stützend, mit Details aus, die wir ihm überlassen 
müssen. Hist. de Louis XII, pag. 311. Den Pierre Martyr d'Angleria 
macht Varillas zum ambassadour du S. Siege aupres des rois catholiques, 
pag. 219. K. Ferdinand habe den Vertrag von Salamanca zerri-ssen, 
pag. 330. Philipp starb am 17. September 1506 nach dem Einen an 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 199 

dessen die Erkrankung der Königin und des Königs. Isabella 
erholte sich seitdem nicht wieder. Sie siechte langsam dahin. 
Ausdrücklich erwähnt Gomez, dass Jimenes bei dem Tode 
der Königin Isabella und somit auch, als Philipp und Juana in 
Medina del Campo als Könige ausgerufen wurden, nicht zugegen 
war, welch' letzteres Padilla behauptete, sondern von Alcalä sich 
nach Toro begab. lieber das, was hier geschah, berichtet nun 
Gomez ausführlich und namentlich über die Art und Weise, 
wie K. Ferdinand den einflussreichen und energischen Erz- 
bischof für seine Absichten zu gewinnen wusste (pag. 60 seq.). 
Es ist eine sehr zu beherzigende Thatsache, dass die Intrigue 
des Lopez de Conchillos, welcher heimlich von der Königin 
Donna Juana die Zustimmung der Uebertragimg des König- 
thums an K. Ferdinand erlangen sollte und erlangte, und auf 
welche K. Philipp nur durch einen Zufall kam, die er aber 
doch noch zeitig genug entdeckte und verhinderte, von dem 
Primas von Castilien, Erzbischof Jimenes, ausging,' der 
schon wusste, Avarum er sich gar so ereiferte, als dies Complot 
entdeckt wurde und Conchillos von K. Philipp zur Kerkerhaft 
verurtheilt wurde. Darüber gibt uns Gomez ebenso inter- 
essante Aufschlüsse als Padilla über die Entdeckung des Com- 
plotes. Was aber Beide nicht wussten, das wissen wir: dass 
sich auf dieses hin K. Philipp in sehr harten Worten bei P. 
Julius über Jimenes beklagte und seine Zurechtweisung ener- 
gisch begehrte. Jimenes hat sich dann, als K. Philipp kam, 
bei Zeiten mit ihm auszusöhnen gesucht und dadurch wieder 
den Argwohn K. Ferdinands rege gemacht. Doch wir Averden 
den Pfaden des Primas noch öfter begegnen, wo Avir dieselben 
nicht zu treffen hofften. Als die Intrigue mit Conchillos ein 
für diesen klägliches Ende genommen, berief Ferdinand ihren 
Urheber zu sich, und nun kam Jimenes nach Segovia und drang 
in die Gesandten Philipps und Maximilians, durch einen Courier 
dem Könige Drohungen zukommen zu lassen,- Avenn er Con- 



Gift, nach dem Andern an einer Indigestiunj pag. 340! Solche Autoreu 

kann man nicht citiren. 
J Pag. 61. 
2 non defntura esse optimatum studia qui ilhxm (Philippum) ab horum 

regnorum accessu prohiberent, pag. 64. Gerade das Entgegengesetzte 

erfolgte, wenn auch Jimenes sehr wohl wusste, was er sagte. 



200 Höfler. 

chillos nicht sogleich freigebe. Diese Thatsache ist nur durch 
Gomez bekannt, völlig unrichtig aber, Avas dieser behaup- 
tet, dass K. Philipp sich durch die Drohungen des 
Primas bewegen Hess, den Conchillos sogleich freizu- 
geben (pag. 64). Wohl aber bheb jetzt Jimenes bis zur An- 
kunft K. Philipps in Spanien in der Nähe des K. Ferdinands, 
und mit seiner Zustimmung' that dieser nun den Schritt, 
der mehr als alles Andere die Sache zum Bruche brachte. 
Das verhängnissvolle Bündniss Ferdinands mit K. Ludwig 
wurde abgeschlossen, und Gomez muss zugestehen, unter den 
für Jenen ungünstigsten Bedingungen, ^ und was noch schlimmer 
war, der König erkaufte mit Preisgebung seiner Ehre, des 
Ruhmes seiner ungewöhnlichen Klugheit und der Zuneigung 
seiner bisherigen Anhänger — eine höchst unbedeutende und 
hässliche Frau, die 22jährige Germaine von Foix, die dem um 
34 Jahre älteren Könige ihre Hand bot — non abnuente Ximenio ! 
Mit diesem dummen Schritte war Alles verdorben und nichts 
mehr gutzumachen. Wer dazu K. Ferdinand rieth oder, wenn 
er die Stellung dazu hatte, ihm nicht aus allen Kräften Wider- 
stand leistete, nahm Antheil an einem politischen Fehler, den 
man ein Verbrechen nennen könnte. 

Gomez erwähnt nun des Dreikönigsbündnisses von Sala- 
manca, das am 6. Januar 1506 verkündigt wurde, worauf sich 
K. Ferdinand wieder nach Segovia begab, des Waidwerkes zu 
pflegen. Beinahe an demselben Tage erfolgte die Abfahrt 
Philipps nach Castilien. Nach Gomez machte sich Ferdinand, 
als er von der Landung seiner Kinder in la Coruna hörte, auf 
den Weg nach Compostella, was gewiss unrichtig ist und la 
Coruna heissen soll. Jimenes zog ihm über Villumbrale nach, 
während Ferdinand in Molina ^ unthätig verweilte. Hier kam 
es nun zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Könige, der 
sich allmälig von den Granden verlassen sah, und dem Primas, 
der die Vorwürfe des Neuvermählten mit dem Bemerken ab- 
wendete, er habe immer gerathen, dass er mit einem 



' non abnuente Ximenio. 

2 etsi iniquissirais conditionibus. 

3 Ganz in der Nähe von Ponferrada, das selbst östlich von Villafranca 
liegt. 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 201 

Heere dem K. Philipp gegenübertrete.' So übel der Rath 
war, da er zum Bürgerkriege führen musste, so war er doch noch 
besser als jenes Schwanken und die rathlose Unschlüssigkeit, 
die sich bei Ferdinand bemerkbar machten, der in eben dem 
Masse , seinen Kindern' entgegenzukommen sich beeilte, als sie, 
wenigstens K. Philipp , denn von einem Willen der Königin 
Johanna war keine Rede mehr, von der Stiefmutter und deren 
Gemahl als König von Castilien nichts wissen wollten. Hätte 
Jimenes dem Könige Widerstand geleistet, als dieser, ehe noch 
das Trauerjahr vorüber war, zur zweiten Heirat schritt und 
die Braut, umgeben von seinen Bastarden, in Duennas, wo er 
sich einst mit der Königin Isabella vermählt hatte, wirklich 
zum Altare führte, so könnte man sich mit seinem Benehmen 
leichter aussöhnen, als es so nach jener Zustimmung und seinen 
Rathschlägen der Fall ist. Man müsste an der staatsmännischen 
Befähigung des Primas zweifeln, wenn er nicht einsah, dass die 
Heirat Ferdinands den Bruch mit K. Phihpp und den Granden, 
den Castilianern überhaupt herbeiführen musste. 

Wenn aberGomez sagt, dass um den Anfang Mai Jimenes 
von K. Ferdinand bestimmt wurde, von Molina (an der galiciani- 
schen Grenze des Königreiches Leon) nach Compostella zu 
K. Philipp zu gehen, so ist diese Nachricht nicht nur falsch, 
sondern sie verwirrt auch die ganze Sachlage. K. Philipp kam 
erst am 29. Mai in San Jago di Compostella an, und die Unter- 
handlungen, zu welchen Jimenes ausersehen wurde, müssen 
somit um einen Monat später verlegt werden. Nicht K. Philipp 
triiOft der Vorwurf, dass die Zusammenkunft der Könige mit 
dem Primas, der den Vermittler spielen Avollte, nachdem er 
zuerst dem K. Ferdinand den Rath gegeben, zu den Waffen zu 
greifen, nicht mehr in Compostella stattfand, sondern K. Ferdinand, 
der in Molina und dann in Villafranca stehen blieb, und den 
Primas, der sich unterwegs so lange aufhielt, dass er auch nicht, 
wie er doch Avünschte, mit dem Könige und der Königin zu- 
gleich in Orense am oberen Miiio einziehen konnte. Philipp war 
vom 29. Mai bis 3. Juni in San Jago geblieben;- er brauchte 

' quoties adraonuisset ut annatus et c-opiis militaribus iustnicttis res 

controversas cum genero componeret pag. 67. 
2 El rey D. Felipe partio de Santiago para Orenes (Orense) a tres dias 

de Jnuio. yurita II, pag. 56. 



202 Höfler. 

von da mindestens drei Tage bis Orense, wo er Abends 6 Uhr 
— Avir Avissen am 6. Juni — ankam. Nun haben wir einen 
chronologischen Anhaltspunkt daran, dass die Unterhandlungen 
den Tag nach der Ankimft des Primas mit K. Philipp und 
dann mit seinen Käthen geführt wurden. Letzteres geschah am 
Tage vor den Sacramentalia, das ist eben Frohnleichnamstag, 
welcher 1506 auf den 1 1 . Juni fiel. Somit kann man den 10. Juni 
als Anfang der Unterhandlungen und den 6. Juni als Tag der 
Ankunft Philipps und des Primas in Orense ansehen, und Gomez 
ist in seiner Zeitangabe diu'ch sich selbst widerlegt: nicht im 
Mai, sondern im Juni unterhandelte Jimenes. Dieses ist denn 
doch ebenso sicher, als dass die Behauptung desselben Schrift- 
stellers, Philipp habe sich zAvanzig Tage in Orense und dessen 
Avarmen Bädern aufgehalten, pag. 70, unrichtig ist. Wenn aber, 
auf Gomez und Petrus Martyr sich stützend, ein neuerer deut- 
scher Schriftsteller im Leben des Jimenes behauptete : ,man sei 
zweifelhaft, ob es mehr kleinlich oder böslich Avar, Avenn Philipp 
jetzt Avie ein Dieb sich in die Gebirge Nordspaniens vergrub, 
um seinem SchAA'iegervater nicht begegnen zu dürfen; das odiunt 
quem laeserint trat auch bei ihm ein, nebst der natürlichen Un- 
behaglichkeit, dem unters Antlitz zu treten, den er eben durch 
die VerAverfung des Vertrages von Salamanca und dadurch ge- 
kränkt hatte, dass er der Tochter den Verkehr mit dem Vater 
Anerbot',' so enthält diese Darstellung so \'iele Irrthümer als 
Worte. K. Philipp einen Dieb zu nennen AA^ar kein Grund vor- 
handen, da man ihm Castilien genommen hatte. Auch pflegen 
Diebe nicht, von sämmtlichen Granden eines Königreiches be- 
gleitet, an der Spitze eines Heeres heranzuziehen. Man darf 
doch nicht ausser Acht lassen, dass es sich längst nicht mehr 
um eine persönliche Auseinandersetzung zAvischen zwei Mon- 
archen handelte, sondern einfach um die Frage: solle Castilien 
Einen König haben oder die Monstrosität eines dreifachen König- 
thumsV Da Ferdinand selbst den Primas beauftragt hatte, zu 
unterhandeln, so ging er auch in den Grundsatz ein, dass eine 
Fürstenzusammenkunft erst dann stattfinden solle, Avenn die 
Avichtigsten Controversen durch reifliche Besprechun- , 
gen der beiderseitigen Unterhändler bereits geordnet 1 

> Hefele S. 21U. 

H 

-«M 

I 



« 



Quellen der Gescliichte Philipps des Schönen. 2\jö 

waren, was ihn freilich nicht hinderte, jede gemachte Zusage 
gleich wieder im Geheimen zurückzunehmen. 

Nach Gomez bleibt nun der Primas bei K. Philipp, bis 
dieser nach Sanabria kam.' Qurita aber erwähnt, der Primas 
habe sich drei Meilen von Orense aufgehalten. ^ Der Zug musste 
sich wegen Mangel an Verpflegung in Gruppen theilen, so lange 
man in Galicien war; Jimenes folgte ihm dann nach, rieth 
aber jetzt dem Könige Ferdinand, sich nach dem Süden zu 
werfen, wo er ihm von Madrid an alle Festungen übergeben 
wolle (Qurita, f. 60 b), d. h. des Erzbisthums Toledo; die des 
macstrazgo von San Juan, welche in der Umgegend waren, be- 
sass Ferdinand ohnehin. Der Rath involvirte aufs Neue den 
Bürgerkrieg. Philipp aber begab sich von Orense — nach Qurita 
schon am 11. Juni — nach Cortegana zwischen Orense und 
Verin und war am 13. Juni in letzterem Orte, wo er die süd- 
liche Richtung aufgab, um in östlicher Richtung nach Bena- 
vente zu gehen und dort San Juan zu feiern. Am 14. Juni war 
er in Nellesa,^ am 15. in Villavieja , während der Primas sich 
über la Gudina und Santigoso auf dem Wege nach Rio negro, 
wo K. Ferdinand war, zu diesem begab. Endlich kam Philipp 
am 19. Juni nach Sanabria, K. Ferdinand ihm entgegen nach 
Asturianos, worauf die erste Begegnung in RemessaP am 20. Juni 
und nicht am 23. Juni, wie der deutsche Biograph des Cardi- 
nais Jimenes schrieb, stattfand. Gomez gibt nun einen weit- 
läufigen Bericht über diese Zusammenkunft. Er ist Urheber 
der Erzählung, dass Jimenes den Don Juan ]\[annuel aus der 
(Japelle entfernt habe, in welcher sich beide Könige zwei Stun- 
den lang (?) besprachen^ und wobei Ferdinand seinem Schwie- 
gersohne den Primas, mit dem Finger auf ihn deutend, besonders 
empfahl , nachdem derselbe kurz vorher dem Könige gerathen, 
es auf einen Kampf ankommen zu lassen! Gomez mag hiebei 
über authentische Aufzeichnungen verfügt haben, wie er auch 



' altero postqiiam profcctus ost die f. 71. Der Kfinio- kam erst am l'.l. >Tiini 

nach la Puebia de Sanabria! 
2 f. 59. 

2 qne es tierra niiiy steril y miserable, ^'urita f. 112. 
* a nn robledad en unos baruecho.s de una ;il({iieria. ^'urita t". tU. 
^ Die Bespreihunjx fand im Freien statt — debajo de una encina (Eiclion- 

wald); la liabla tue mny breve y el despedirso deseontontos. AK'oeor \>. 8. 



204 Höfler. 

berichtet; dass weder K. Ferdinand das Verlangen stellte, seine 
Tochter zu sehen, noch Philipp das Anerbieten einer Zusam- 
menkunft mit ihr machte. Curita ergänzt, was nachher geschah, 
da K. Philipp noch am 20. Juni von K. Ferdinand begehrte, 
er möge von Asturianos sich nach Villafafila in östlicher Rich- 
tung begeben, ihm selbst aber den Weg nach Benavente offen 
lassen, der für K. Philipp über Asturianos ging. K. Ferdinand 
war dadurch genöthigt, vor K. Philipp sich in der Richtung 
von Valladolid zurückzuziehen, und K. Philipp vermochte endlich 
an Benavente den ersten Ruhepunkt, seit er San Jago verlassen, 
zu gewinnen. Jetzt blieb Jimenes bei K. Philipp. 

Bis dahin gibt auch Gomez Aufschlüsse, so weit seine Quellen 
reichen, zu welchen, wie sich pag. 69 zeigte, auch die bisher nicht 
aufgefundene Correspondenz mit K. Ferdinand, aber nur von 
Seiten des Primas gehörte. Er weiss anzuführen, dass Jimenes bei- 
nahe in der Arena eines Stiergefechtes verunglückte, aber nichts 
von dem Vertrage der beiden Könige zu Villafafila (27. Juni), 
sondern nur von der letzten Begegnung der Könige zu Renedo 
(5. Juh), welche mit dem Abzüge K. Ferdinands nach Aragon 
endete, pag. 74 b. Jimenes ward jetzt Rathgeber K. Philipps, imd 
Gomez weiss zu berichten, dass es nur mit grosser Mühe und durch 
List gelang, die Königin zu bewegen, in Valladolid einzuziehen 
(1. September). Gomez berichtet ferner über die Thätigkeit des 
Primas am königlichen Hofe, über den Streit des Marques von 
Zeneta mit dem Grafen von Benavente, lässt den König am 
9. September von Valladohd nach Burgos gehen, dort Jimenes 
die Massregeln des Don Juan Manuel durchkreuzen und eine 
Stellung einnehmen, die mehr und mehr diesen Staatsmann, 
welcher, nachdem er wesentlichen Antheil an der Beseitigung 
K. Ferdinands genommen, nun auch Castilien in seinem Interesse 
auszubeuten für gut fand, auf eine bescheidene Linie zurück- 
drängte. Da erkrankte K. Philipp. Jimenes sandte ihm seinen 
Arzt zu, der nun gewaltig über die Unwissenheit der belgischen 
Aerzte donnerte, weil sie dem Könige bei einem linksseitigen 
Abscesse nicht zur Ader Hessen! Wir besitzen aber auch den 
genauen Bericht eines andern Arztes, des Dr. Parra (Docum. 
ineditos VIII, pag. 394), der von gewissen Flecken sprach, die 
man Blattern nennt (unas manchicas pequenas entre coloradas 
y negras ä quo llaman nuestros doctores blattas). An diesen starb 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 205 

der König, nachdem er zehn Tage krank gewesen, 28jährig, 
am 25. September 150ß zu Burgos, im Palaste des Condestable 
de Castilla, Schwiegersohnes K. Ferdinands. 

Ich glaube hiermit die Verdienste und die Schwächen der 
Lebensbeschreibung des Cardinais Jimenes sattsam hervorge- 
hoben zu haben. 

Unter den gedruckten Briefsammlungen nimmt Le Glay, 
Negociations diplomatiques entre la France et l'Autriche durant 
les trente premieres annees du XVP si^cle, t. I., Paris 1845, 4., 
den ersten Rang ein. Von dieser so wichtigen Sammlung, der 
ein sehr gründhch gehaltener Precis historique und lehrreiche bio- 
graphische Notizen vorangehen, gehören die Instructionen Philipps 
für seinen Gesandten in Frankreich, Courteville, und die einschlä- 
gigen Briefe von den Jahren 1500 — 1506, sechzig Documente, 
entweder unmittelbar zur Geschichte K. Philipps, oder beziehen 
sich doch auf Verhandlungen mit seinem Vater Maximilian, denen 
er nicht fremd war. Ein nicht unbeträchtlicher Theil enthält die 
Correspondenz der königlichen Botschafter in Rom und an dem 
Hofe zu Blois-Tom's aus dem letzten Lebensjahre K. Philipps 
und somit aus der Zeit, als K. Ludwig XU. alle mit Philipp 
abgeschlossenen Verträge brach und sich auf das Innigste mit 
K. Ferdinand verband, dieser eine Nichte des Königs von Frank- 
reich heiratete. Wenn man diese Briefe durchgeht, sieht man 
erst, wie dürftig und unvollständig die Nachrichten der Schrift- 
steller im Gegensatze zu dem reichen factischen Inhalte sind, 
den diese authentischen Correspondenzen bieten. 

Le Glay hat nun im Precis historique pag. LXVII eine 
Frage angeregt, deren Lösung, wie er sie versuchte, zu dem 
Resultate führt, que si les soupcons que nous venons exprimer 
etaient fondes, il en resulterait que Philippe d'Autriche dont 
le caractere a semble jusqu'ici irreprochable, ne serait pas 
^tranger a cette maneuvre deloyale et un accusation de faux 
peserait des aujourd'hui sur sa memoire aussi bien que sur celle 
de son pfere, pag. LXIX. 

Wir AvoUen nun hier nicht untersuchen, ob bei der Kette 
von Treulosigkeiten Ludwigs XL, Karls VIIL, Ludwigs XII., 
Franz' L, Heinrichs IL gegen die habsburgischen Fürsten irgend 
ein Franzose das Recht hat, sich über eine Fälschung zu be- 
klagen, welche man sich von der Gegenseite erlaubt hätte, imd 



206 Höfler. 

ganz unbeküinmert um diese Frage die Sache unparteiisch 
erörtern. Es handelt sich um eine Aufzeichnung auf gewöhn- 
Hchem Papier, wie Le Glay pag. 78 Note selbst erwähnt, sehr 
verdächtig in Folge der Uncorrectheit, wesentlich differirend 
von dem Abdrucke des Investiturinstrumentes mit Mailand bei 
Dumont, Corps diplomatique IV— I, partie 60, und wie Le Glay 
selbst pag. LXVIII anführt, wird dem Bischöfe von Paris, 
Etienne Pouches, der Taufname Anton, Fran9ois d'Estaing, Bi- 
schof von Rodez, der Taufname Jacques gegeben, endhch ein 
Louis Robertet erwähnt, den Niemand kennt. Da aber die 
maximilianischen Zeugen correct angegeben sind, so weist der 
Entwm-f wohl auf diese Seite hin, aber noch lange nicht, dass 
K. Philipp denselben verfasste, und die ominöse Clausel, die 
diesem Concepte eigen ist, dass, wenn mit Willen des Königs 
und der Königin von Frankreich Prinz Charles ihre Tochter 
nicht heiraten sollte, dann die Investitur mit Mailand ungiltig 
sei, beweist deshalb noch lange nicht, dass der Entwurf an- 
genommen wurde, sondern nm-, dass er mit seinen kaiserlich 
gesinnten Zeugen ein Concept war, das, so weit Le Glay darüber 
Aufschlüsse gewährt, nicht sich der Annahme erfreute; daraus 
aber eine Unredlichkeit zu folgern und das Andenken eines 
Fürsten, der wegen seiner Vertragstreue unter den Vertrags- 
brüchigen bekannt war, deshalb mit dem Vorwurfe eines unred- 
lichen Verfahrens zu belasten, ist jedenfalls zu weit gegangen. Aus 
einem Berichte des venetianischen Botschafters Vincenzo Quirino 
aus Hagenau vom 3. April geht aber hervor, dass im Conseil 
K. Maximihans sich eine grosse Verschiedenheit der Meinungen 
circa le alteration de li capitoli primi ergab und somit sicher 
verschiedene Entwürfe verfasst wurden. Warum soll nicht ein 
oder der andere in französische Hände gekommen sein, da fran- 
zösisches Gold sich damals wie immer als sicherer Schlüssel zu 
diplomatischen Geheimnissen erwiesen hat? Dafür, dass K. Phi- 
lipp sich eine Fälschung erlaubt habe, zeugt gar nichts von 
dem, was Le Glay erwähnt. Für mich genügt daher vollkommen 
die Note Le Glay's pag. 78: cet acte (nr. XXII) dont nous 
n'avons pas vu l'original offre plusieurs erreurs de noms; il 
est sui'tout fort incorrect dans le manuscrit du roi. Nous le don- 
nons ici, parcequ'il differe essentiellement de celui qu'a publik 
Dumont. Du reste nous tenons ce diplome (?) pour suspect. 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 207 

Wir stimmen damit völlig überein und erlauben uns nur die Fol- 
gerung, dass, ehe nicht eine böswillige Fälschung evident nach- 
gewiesen wurde, Niemand das Recht hat, einen Fürsten als 
Fälscher zu bezeichnen, dessen Redlichkeit ausser Zweifel steht. 
Damit dürfte diese Sache abgethan sein; nicht aber, was 
Le Glay entgangen ist, dass zu dem Acte der Investitur mit 
Mailand am 5. April 1505 ein geheimer Vertrag hinzugefügt 
wurde, den nach Mittheihmgen des Bischofs von Triest, Francesco 
Capello, Doctor Vincenzo Quirino am 8. April an die venetiani- 
sche Signoria berichtete und der unter den Briefen Quirino's 
sich vorfindet. Ein eigener Courier wurde deshalb nach Venedig 
gesandt. Dadurch tritt die Sache in ein von Le Glay's An- 
klagen ganz unabhängiges Stadium. Uebrigens ist die Königin 
Isabella nicht am 25. November 1504 gestorben (Le Glay, Precis 
historique pag. LXIV), sondern am 26. November. König- 
Philipp ist in Hagenau nicht am 29. März 1505 eingetroffen 
(pag. LXV), sondern nach dem Berichte Vincenzo Quirino's, 
welcher mit ihm einzog, am 31. März, und der Cardinal von 
Amboise kam am 1. April nach Hagenau und nicht am 30. März. 
Wenn nun in der K. Pliilipp zugeschriebenen Urkunde Un- 
genauigkeiten in Betreff französischer Namen vorkommen sollen, 
so geht das zunächst die Urkunde Maximilians vom 7. April 
1505 (Negociations diplomatiques pag. XXII) an und würde 
höchstens beweisen, dass man eben in der kaiserlichen Kanzlei 
mit den Namen des zahlreichen Gefolges des Cardinais von 
Ronen (Georg' s von Amboise) nicht genau bekannt war, keines- 
wegs aber Namen und Personen erfinden wollte. Das mag ge- 
nügen. Die späteren Actenstücke Le Glaj's enthalten die in- 
teressanten Berichte Courteville's, Gesandten K. Philipps am 
königlichen Hofe zu Blois im Sommer 3 500, als K. Ludwig XII. 
den Aufstand Karls von Geldern veranstaltete, denselben! nährte, 
seine Tochter Madame Claude, die Braut Herzog Karls, mit 
Herzog Franz von Angouleme vermählte und sämmtliche des- 
halb abgeschlossene Verträge in der schnödesten Weise brach. 
Leider besitzen wir weder die Schreiben K. Philipps an Courte- 
ville, noch an seine Botschafter in Rom, Philibert Naturelli, 
Propst von Utrecht, und Antonio de Acuiia. Nach dem 
ersten Schreiben Philiberts vom 12. April 150G muss es übri- 
gens pag. 125 offenbar heissen: les citez del regno uiul nicht 



208 Höfler. 

de Remont. Die 23 Schreiben Coiu'teviile's sind für das Ver- 
hältniss der Könige Ludwig und Philipp und die mannhafte 
Vertretung seiner Rechte gegen französische Intrigue und Ge- 
walt von Seiten des Letzteren von grösstem Interesse. Sie 
ergänzen sich durch die Lettres duRoyLouis XII (Bruxelles 
1712, 1), unter welchen sich auch das merkwürdige Schreiben 
K. Philipps an den Cardinal von Ronen befindet, in welchem 
er seiner gerechten Indignation gegen das schändliche Ver- 
fahren des französischen Cabinetes Luft macht, 24. Jvüi 1506. 
Sein Vertreter in Rom warnte K. Philipp vor K. Ferdinand. 
Indem aber dieser jetzt gegen Gonsalvo von Cordova, den Er- 
oberer Neapels sich erklärte, that er nur, was den Franzosen 
angenehm war, — les Fran9ois solHcitent merveilleusement son 
partiment de Naples, pag. 121 — und zerstörte er selbst auch 
in Italien das Werk, an welchem er so lange gearbeitet hatte. 
Der Cardinal von Ronen war im Sommer 1506 ganz Aragonese 
geworden, weil er dadurch sich den Weg zum Pontificate zu 
bahnen hoffte. Unter den Urkunden Le Glaj's befindet sich 
auch das Schreiben K. Philipps an Gonsalvo über die mariage 
si vitupereulx K. Ferdinands (pag. 203), welche weder K. Maxi- 
milian noch sein Sohn zu überwinden vermochten. Von diesem 
Augenblicke gab es eben keine Versöhnung mehr. 

Die Dispacci del oratore Veneto FrancescoFoscari (Nach- 
folger des magnifico M. Zacaria Contarini) all' imperatore Maxi- 
miliane I. nel 1496, Archivio storico italiano, t. VII, parte 2, 
pag. 723 — 948, sind, wenn auch nur für einen kleinen Zeit- 
abschnitt der Geschichte des Erzherzogs, doch von grosser Be- 
deutung. Der römische König, Avie alle Fürsten Mittel- und 
Westeuropas, aufgescheucht durch die Gefahr einer französi- 
schen Oberherrschaft, beschloss, den Kriegszug K. Karls VIII. 
von Frankreich nach Neapel 1494 dm-ch einen Römerzug zu 
beantworten, der die verschiedensten Fürsten in einen Bund 
,pro pace Christianorum et liberatione s. ecclesiae a vexationi- 
bus GaUorum' vereine , ihm selbst in Rom die Kaiserlo'one, 
Italien seine Befreiung vom französischen Joche, für 
die Franzosen aber den Verlust von Bm-gund und des arelati- 
schen Reiches herbeiführen sollte. Die Reichsfürsten sollten sich 
am 7. Juli in Feldkirch, am 2. August zum Reichstage in Lindau 
versammeln, Erzherzog Philipp aber war aufgeboten worden, zu 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 209 

seinem Vater nach Oberdeutschland und Tiro] zu kommen, 
wo Erzherzog Sigmund gestorben war. Die Vereinigung der 
österreichischen ErbLande war erfolgt und Phihpp Herzog von 
Bui-gund ihr dereinstiger Erbe. 

Gerade über das, was jetzt vorging, fehlen uns genaue 
Nachrichten, so dass wir den venetianischen Berichten dank- 
bar entgegensehen. 

Heuter ' berichtet, der Erzherzog sei, von seinem Vater 
einberufen, gegen Ende April abgereist, am 1 . Mai nach Mast- 
richt gekommen, von da am 29. Juni nach Wien, wo er mit 
seinem Vater viele Tage in vertrauten Gesprächen zugebracht 
(de archiduce in Regem Romanorum creando etc.), worauf Beide 
zusammen nach Innsbruck gingen. 

Wir erfahren nun aus Foscari, dass sein Vorgänger Za- 
caria schon in Ulm sich von dem Erzherzoge verabschiedete 
(pag. 732), Foscari am 10. Juni von Landsberg nach Augsburg 
aufbrach, und zwar nachdem er mit dem römischen Könio-e 
verkehrt, nach der Depesche pag. 728 aber am 17.; der Bot- 
schafter ging nach Augsburg, jedoch nicht mit K. Maximilian 
(pag. 945), worauf am 20. Contarini die Heimreise antrat. 
Am 22. Juni — nicht am 24., wie es pag. 945 heisst — kam 
der Erzherzog von Ulm — nicht von Wien — mit stattlichem 
Gefolge nach Augsburg, wobei alle Fürsten und Botschafter 
ihm zwei Meilen entgegengeritten waren (pag. 731). Foscari be- 
richtet, er sei heute (22. Juni) bei dem Erzherzoge gewesen, 
wo er Monsignor di Berges (Monseigneur Jehan de Berghes) 
und den nachher so viel genannten Propst von Lüttich, Franz 
von Buxleiden, Erzieher und Vertrauten des Erzherzogs, und 
viele andere Herren fand. Er überreichte dem Erzherzoge seine 
Credentialen und suchte nachher den König auf. Dass der 
Erzherzog am 24. Juni nach Augsburg kam, wie es pag. 945 
heisst, ist schon deshalb falsch, weil sicher ist, dass Foscari 
schon am 22. seine Anrede an ihn in Augsburg hielt. Am 24. Juni 
reiste Philipp von Augsburg ab; an diesem Tage war der 
römische König in Reuti auf dem Wege nach Innsbruck an- 
gekommen, expedirte daselbst den spanischen Gesandten und 
ging über Cerh (Zirl) nach Innsbruck (pag. 73G\ wo or am 



' Rerum, austriacarum lib. V, cap. 4. 
Sitznngsber. d. phil.-hist. CI. CIV. Bd. I. Hft. 14 



210 HöfK 



« 



27. Juni ankam, aber nui' sechs Tage bleiben Avollte (pag. 739). 
Sein Ziel war Worms (Bormio ), um mit dem Herzoge Ludovico 
Moro (il Rustico, wie ihn Foscari nennt) zusammenzutreffen. 
Am 28. Juni kam angeblich der Erzherzog nach Innsbruck, 
ging aber schon am 3. Juli wieder fort (?), da im Kloster Stams 
Exequien für den Erzherzog Sigmund gehalten werden sollten. 
Am 5. Juli ging der König nach Stams und blieb den 6. und 7. 
dort. Am letzteren Tage schreibt er von Flaurling an seine Räthe 
wegen des Erzherzogs, der nach Mals gehen sollte, aber ihn 
bereits gebeten hatte, ihn nach den Niederlanden ziehen zu 
lassen, da seine Braut unterwegs Avar (Innsbrucker Archiv). Von 
Foscari heisst es, da der König den Botschaftern schon wegen 
der Schwierigkeiten des Fortkommens und der Verpflegung be- 
fohlen hatte, sie sollten zwei Tage nach ihm aufbrechen, so 
sei er am 8. Juli von Innsbruck nach dem Oberinnthale auf- 
gebrochen, am 13. in Nauders auf der Höhe der Finstermünz 
angekommen, am 16. in Marienberg bei Mals, am 17. traf er 
in Mals mit dem Könige zusammen, am 20. kamen der Herzog 
und die Herzogin von Mailand und fand (sotto un padiglione) 
grosser Kriegsrath statt, am 21. ging der König nach Worms 
(der Herzog auf die Jagd) und am 26. kam der König wieder 
über das Wormserjoch nach Mals ziu'ück (pag. 945, 946). 

Es ist nun sehr sonderbar, dass Foscari, als er am 10. Juli 
nach Imst kam — nachdem er Innsbruck bereits verlassen — 
schreibt, der König habe den Erzherzog nach Mals befohlen, 
seine Excellenz sei auch schon von Augsbiu'g abgereist. Es 
ist nicht eigenthümlicher, als wenn der König am 7. Juli seinen 
Räthen aufträgt, sich zu dem Erzherzoge zu begeben, um ihn 
zu bewegen, er möge sich auf die Reise zu seinem Vater 
nach Füssen machen, wo Melchior von Massmünster, Jäger- 
meister in Flandern und Tnichsess des Erzherzogs, den dieser 
an seinen Vater wegen der Rückreise nach den Niederlanden 
gesandt, seiner warten und ihn zum Könige bringen sollte. 

Daraus geht denn doch hervor, dass der Erzherzog trotz der 
Zusammenstellung der Daten (pag. 945) nicht, wie Heuter will, 
in Wien, aber auch in Innsbruck Ende Juni nicht war, der 
Vater ihn erst in Füssen sprechen wollte, dann, weil der Herzog 
von Mailand kam, nach Mals aufbrach und den Erzherzog zu 
bestimmen suchte, auch dahin zu kommen, dieser, wie auch 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 211 

,em Schreiben Maximiliane vom 18. Juli aus Nauders (citirt in 
dem Schreiben des Tegen Fux und Jörg Puchler an den König, 
bei Chmel, Urkunden nr. 113, vom IG. JuH) beweist, jetzt 
wirkHch den Weg nach Mals einschlug, aber nur bis Landeck 
(24. Juli) kam, von wo er seinem Vater schrieb (Chmel, Urkunden 
nr. 113, pag. 111): die Post von Mecheln bis Worms (Bormio) 
sei eingerichtet. Der Herzog von Burgund kam somit weder 
nach Wien, wie Heuterus sagt, noch nach Innsbruck, wie es in 
der Recapitulation der chronologischen Daten (dispacci pag. 945) 
heisst, sondern ging zweifelsohne über Landsberg, Füssen, 
Reuti, Imst nach Landeck und von da, eines Fussleidens wegen, 
nach Imst zurück. 

Am 19. und 20. fanden den dispacci zufolge im Bene- 
dictinerkloster zu Marienberg auf der Höhe bei Mals die Bot- 
schafter-Conferenzen mit K. MaximiHan und dem Herzoge von 
Mailand statt, denen der Erzherzog nicht beiwohnte, nach deren 
Beendigung aber Maximilian sich nach Bormio begab. Drei 
spanische Gesandte waren bei ihm, von denen Don Antonio de 
Fonseca das Unglück hatte, auf der Jagd bei Nauders durch den 
Sturz eines Pferdes das Bein zu brechen, so dass er zur Cur 
nach Mals gebracht wurde. K. Ferdinand betrieb sehr den 
Römerzug Maximilians, ohne jedoch selbst in den Vordergrund 
treten zu wollen. Seine Tochter, die Braut Philipps, hatte bereits, 
von einer Flotte begleitet, den Hafen von Laredo verlassen, und 
der Prinz stand im vollen Rechte, wenn er von seinem Vater 
die Erlaubniss zur Rückkehr verlangte. So schön aber auch die 
Worte lauteten, es handle sich um die Befreiung Italiens, die 
Wiederherstellung des Kaiserthums, Fernehaltung französischer 
Despotie, der römische König hatte kein Geld (dispacci 14), die 
Deutschen Avollten keinen Antheil nehmen, weshalb ]\[aximilian 
nur von den bestiali Alemanni sprach, und die ])urgundischen 
Räthe Philipps, welche avoIiI erkannten, welches Schicksal den 
Niederlanden im Falle eines französischen Krieges drohe, wollten 
schon gar nichts davon wissen, dass auch der Beherrscher der 
Niederlande in den Krieg hineingezogen werde, und da ferner 
der König erklärte, selbst sein Herzogthum Burgund daran zu 
setzen, wenn nur die Franzosen gedemüthigt würden, so hatten sie 
von ihrem Standpunkte aus ganz Recht, wenn sie dazu sich nicht 
erboten. Die Politik Maximilians trennte sich jetzt von der seines 

U* 



212 Höfler. 

Sohnes, und wenn die Räthe des Letzteren den Plänen des 
römischen Königs nicht beipflichteten, ist kein Grund vorhanden, 
ihnen deshalb Vorwürfe zu machen und sie als Söldlinge Frank- 
reichs hinzustellen. 

Der Erzherzog war nach Imst zurück gegangen, und ein 
Fussleiden, welches ihn daselbst — zwischen Innsbruck und 
Laudeck im Oberinnthale — festhielt, veranlasste den römischen 
König, sich in den letzten Tagen des Juli 1496 dahin zu ver- 
fügen, worauf am 2. und 3. August daselbst sehr eingehende 
Berathimgen stattfanden. Wir besitzen darüber die Berichte 
des venetianischen Botschafters Francesco Foscari, welche um 
so wichtiger sind, als damals auch eine spanische Gesandtschaft, 
an ihrer Spitze Don Antonio de Fonseca nach Tirol gekommen 
war. Nachdem die Zusammenkunft in Imst stattgefunden, be- 
richtet Foscari aus Nauders auf der Höhe von Finstermünz: La 
regia Maesta che stando lo 111™° arciduca in Borgogna vedeva 
le cose sue si pubbliche che private essere mal governate da 
alcuni che erano appresso il detto arciduca e gli usurpano 1' en- 
trate e di quello stato disponevano a beneplacito de' francesi, 
lo ha fatto venire in Alemagna ed e per ritenervelo tanto 
tempo quanto bisogna per rasettar quello stato. E gia ha ridotto 
il numero di trenta tesorieri che erano in un solo, dicendo 
che servendo fidelmente saria perpetuo, e questo medesimo ha 
fatto dei segretarii, e ha licenziato tutte quei gentiluo- 
mini che intrattenevano in varii giuochi e piaceri diso- 
nesti il detto arciduca. Insuper ha mandato in commissione 
il preposto Leodiense (Franz von Buxleiden, Erzieher des 
Prinzen, von Avelchem bei Lalaing die Rede ist) ed altri che 
lo consigliavano e cercavano di ridurlo alle voglie francesi, per 
modo che resta col solo Monsignor di Berges. 11. August 1496. 
Auch Qurita spricht II, c. 22 von den Zei-würfnissen, die da- 
mals mit dem Propste von Lüttich stattgefunden hatten , und 
dessen temporäre Entfernung veranlassten. 

Man muss hierbei drei Momente unterscheiden. Maximilian, 
welcher sich noch immer als den natürhchen Vormund Philipps 
und den obersten Schutzherrn Burgunds ansah, suchte 1. der 
Verschleuderung der öffentlichen Einkünfte zu steuern und 
Ordnung in die Finanzen zu bringen; 2. seinen Sohn des ge- 
fährlichen Umganges zu entledigen; 3. und hauptsächlich die 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 21 

französisch gesinnte Partei im burgundischen Staatsratbe zu 
sprengen. Ich erwähne nur vorübergehend, dass damals die 
Verschiedenheit der Interessen der Niederlande und des rö- 
mischen Königs grell zum Vorscheine kam, da die burgun- 
dischen Räthe von einer Betheiligung an einem Kriege in Italien 
und gegen Frankreich so wenig wissen wollten als die deutschen 
Fürsten, die Maximilian damals als ,bestie di Alemannia (pag- 797) 
zu bezeichnen pflegte. AVie später K. Ferdinand alle Castilianer, 
die mit seinem Verfahren unzufrieden waren, als Ruhestörer 
und schlechte Leute bezeichnete, die auf seinen Schwiegersohn 
verderbhchen Einfluss ausübten, waren für den römischen König 
alle Niederländer und Burgunder, die nicht auf seiner Seite 
standen, im Solde Frankreichs, was übrigens auch von mehr 
als Einem vielleicht mit vollem Rechte gesagt werden konnte. 
Worauf es aber bei dieser Erörterung zunächst ankommt, ist, 
dass wir von einer sehr competenten Seite erfahren, dass auf 
den jugendlichen Prinzen wirklich ein ungünstiger Einfluss aus- 
geübt wurde und eine Reform des Hofes wie des Staats- 
wesens dringendes Bedürfniss war, jedoch auch damit schon be- 
gonnen worden war. 

Noch immer hielt Maximihan daran fest, dass Philipp 
nach Lindau zum Reichstage gehe. Was aber den Römerzug 
betraf, so erklärten sich alle Räthe des Erzherzogs entschieden 
dagegen (pag. 795). Der römische König reiste dann am 
4. August wieder ab, begleitet von dem Herrn von Berghes, 
dem er die Regierung übergab. ' Er ordnete dieselbe, schied aber 
sehr ungehalten, indem er die Räthe und vor Allen den Propst 
von Lüttich französischer Gesinnung beschuldigte (Bericht aus 
Nauders vom 11. August 1495, nr. 26). Der Propst wurde selbst 
auf vier Monate entfernt, und es ist, da später (1502) dem Herrn 
von Berghes dasselbe in Spanien widerfuhr (Lorenzo de Padilla, 
pag. 88), anzunehmen, dass zwischen beiden einflussreichen und 
in ihrer Art ausgezeichneten Persönlichkeiten eine heftige Ri- 
valität obwaltete, der jetzt der Propst unterlag.- Der Kaiser 
hatte starken Missbräuchen in der Verwaltung gesteuert, der 
Erzherzog aber dann die Heimreise angetreten. Als er am 



' per modo clie resta sol col Monsignor di Berp^es, pag. 805. 
^ Jedoch uur für kurze Zeit. 



214 Höflcr. 

24. August nach Halle (in Schwaben) gekommen war, schrieb 
er seinem Vater, ' er habe dem Propst auf vier Monate Ur- 
laub gegeben und derselbe sei zu seinem grossen Kummer 
heute abgereist, sowohl aus Liebe zu ihm, als weil er Niemanden 
besitze, der die niederländischen Angelegenheiten besser kenne, 
noch sich denselben fleissiger unterziehe. Er sei überzeugt, 
dass der Verdruss (courous), welchen der König gegenwärtig 
gegen den Propst hege, nur aus falschen Berichten von Per- 
sonen hervorgegangen sei, die ihn hassten, da er ihnen niemals 
zum Nachtheile des Erzherzogs habe gefallen wollen. Der 
König werde erkennen, dass dem so sei, wenn es ihm gefallen 
werde, ihn zu hören. Er möge die guten Dienste würdigen, 
welche der Propst eilf Jahre ohne Fehl geleistet habe, sowie 
dass die Ungnade nur aus falschen Berichten hervorgegangen 
sei. Der König möge ihn wieder in seine Gnade aufnehmen 
und ihm die Diplome seiner Pension gefertigt schicken, Avie er 
es dem Herrn von Berghes und Gondebaut versprochen habe. 
Da in nächster Zeit der Propst an den Hof zurückkehrte, 
darf man annehmen, dass der König eine andere Ansicht ge- 
wann, wie er ihn auch zum Erzbischof von Besannen erhob. 
Damit dürfte aber auch die spätere Anklage Montigny's stark 
entkräftet werden. Als er nach Spanien kam, zeichneten ihn 
K. Ferdinand und die Königin Isabella sehr aus und ernannten 
ihn zum Bischof von Coria (Padilla, pag. 88). Anghiera und 
Erasmus von Rotterdam in der Rede, die er nach der Rück- 
kehr des Prinzen hielt, haben sein Andenken sehr in Ehren ge- 
halten, wenn auch eine Partei, die deshalb nicht gering geschätzt 
werden darf, ihm feindlich gegenüber stand.^ 



1 Chmel, Urkunden nr. 119. 

2 Die Berichte Gaspars de Lupian, den der König 1496 nach Spanien 
sandte, seine Instruction (Chmel nr. 131) über den Abschluss der heil. 
Liga, das memoire de par messire Ladron nr. 134, Lupiaii's Bericht 
aus Genua vom 31. October 1496, seines Caplans vom 6. November, 
von Lupian (7. November), aus Burgos 9., 12. Januar 1497, Medina del 
Campo vom 29. Juni und 20. August 1497 finden sich bei Chmel, Ur- 
kunden I. Nicht minder die Anweisung über den Empfang der In- 
fantin Erzherzogin (Donna Juana) nr. 132, und das Memoire ä maistre 
Anthoine de Waudripont, Secretär des Erzherzogs über denselben Gegen- 
stand, nr. 133, pag. 137. 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 215 

Wenn von Briefen und Depeschen jener Zeit die Rede 
ist, so muss vor Allem des Materiales gedacht werden, das 
das spanische Reichsarchiv in Simancas in sich schliesst. Die 
Cartas de Felipe el Hermoso, welche daraus im achten 
Bande der documentos ineditos publicirt wurden (vom 19. De- 
cember 1504 bis 15. Mai 1506, pag. 270 — 384), sind ein höchst 
werthvoller Beitrag zur Geschichte des Anschlusses der casti- 
hanischen Granden an K. Philipp und beweisen, wie Unrecht 
K. Ferdinand hatte, diese gegen ihn gerichtete Bewegung ge- 
ring zu schätzen. Genauer aber muss eine andere CoUection 
besprochen werden, die derselben Quelle entstammt und der 
schon früher vorübergehend gedacht wurde. 

Der eifrige Forscher im spanischen Reichsarchive zu Si- 
mancas, G. A. Bergenroth, hat sich, wie schon bemerkt, durch 
Herausgabe des Calendar of letters, dispatches and state 
papers relating to the uegociations between England 
and Spain, preserved in the archives at Simancas and 
elsewhere, vol. I, Henry VIT. 1485 — 1509, London 1862, ein 
grosses und bleibendes Verdienst erworben. Er enthält neben 
einer Einleitung von 146 Seiten Auszüge von 605 Urkunden aus 
der Regierungszeit Heinrichs, des Begründers der blutigen Herr- 
schaft des Hauses Tudor, freilich, wie das in England Sitte ist, 
nicht mit Beibehaltung des Originaltextes, der doch in so vielen 
Fällen entscheidend ist, sondern in englischer Uebersetzung. 
Die Briefe und Depeschen sind grösstentheils die diplomatische 
Correspondenz des spanischen Botschafters am Hofe vonWindsor, 
Dr. Puebla, einer sehr thätigen Persönlichkeit, welche aber, 
je mehr man sie kennen lernt, desto mehr an Achtung ver- 
liert und zuletzt mehr Agent und Lobredner K. Heinrichs bei 
den spanischen Königen Ferdinand und Isabella wurde, als 
Botschafter der Letzteren. Da jedoch auch Don 'Pedro de 
Ayala, ein Castilianer, und Don Fernando ducque de Estrada 
mit Missionen am königlichen Hofe von England betraut wurden 
und sein Treiben sehr genau kannten und schilderten, so 
wurde seinem Unwesen wenigstens in Etwas ein Ziel gesetzt. 
Die Instructionen, welche er theils von K. Ferdinand, theils 
von der Königin Isabella, und zwar sehr ausführlich erhielt, 
gCAväliren einen tiefen Einblick in die geraden und krummen 
Pfade der spanischen Politik, bis endlich das Interesse sich 



216 Höfler. 

der Person der Braut und Gemahlin des ersten Prinzen von 
Wales, Arthur, und dann des zweiten, des nachherigen Königs 
Heinrich VIIL, zuwendete. Gemahhn und doch Jungfrau, Braut 
ihres Schwagers und von diesem durch geheime Urkunde zurück- 
gestossen, von dem Vater schnöde verlassen, von ihm und dem 
geizigen Schwiegervater, welcher sie als eine Geisel für das Be- 
nehmen Don Fernandos betrachtete und behandelte, dem bittersten 
Elende preisgegeben, die morahsche Erbärmhchkeit des Dr. Puebla 
erkennend und doch genöthigt, ihre Anschauung von ihm zu 
verbergen, machte die bejammernswürdige Prinzessin in früher 
Jugend eine Schule des Lebens durch, die geeignet war, sie 
für jene Bitterkeit vorzubereiten, welche ihr, als Königin von Eng- 
land stets erhaben über die Personen, die ihr ihr unverdientes 
Schicksal bereiteten, in so reichem Masse zu Theil wurde.' 
Ferdinand und Isabella, eher eifersüchtig gegen ihre Umgebung 
als gewillt , sich von ihr leiten zu lassen , bedurften fähiger 
Werkzeuge ihrer Politik, welche durch den König von Aragon 
einen Grad von Unehrlichkeit, Lüge und Täuschung einnahm, 
der nur durch die Treulosigkeit des französischen Cabinets 
übertreffen wurde, das Ferdinand zu bemeistern glaubte, während 
er ihm factisch 1506 durch seinen schlecht bemäntelten Hass 
gegen seinen Schwiegersohn und seine lächerhche Heirat mit 
der so tief unter ihm stehenden Germaine Gräfin von Foix 
eine dominirende Stellung bereitete. Bergenroth hat in der Ein- 
leitung nach den publicirten Documenten den Charakter des 
charakterlosen Botschafters, seine Lügenhaftigkeit, Bestechlich- 
keit und Niederträchtigkeit mit sehr schwarzen Farben, aber 
durchaus wahr geschildert ; da er aber K. Heinrich genehm war, 
wurde er nicht abberufen und konnte sein UnAvesen ruhig fort- 
treiben, selbst auf Kosten der Tochter K. Ferdinands. 

So interessant es ist, Bergenroth zu folgen, wo er sich 
auf seine Forschungen in Simancas, Barcelona und Paris stützt, 
um den geheimen Fäden der englischen und spanischen Pohtik 
nachzugehen, so wenig erfreuhch ist es, zu bemerken, wie er 
der vorgefassten Meinung in Betreff der Donna Juana huldigt, 



1 ,Iwas a chaste wife to iiiy grave, — although unqueend, yet liko 
A Queen and daugliter to a King, interr nie.' 

Shakespeare, ,King Henry VIII.' Act IV, Schluss. 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 217 

die er schon 1497 zu einer Freidenkcrin macht. Es scheint 
weit eher, dass sie an nichts dachte, als dass sie sich mit reh- 
giösen Fragen beschäftigte, und der Ausdruck des könighchen 
Rathes Don Pedro de Anghiera, der sie so g'enau kannte, sie 
sei eine femina simplex, nicht eine einfache, sondern eine ein- 
fältige Frau, scheint schon damals die richtige Bezeichnung 
gewesen zu sein. Wenn ferner Bergenroth von einem Auf- 
enthalte K. Phihpps und seiner Gemahlin in Spanien 1504 be- 
richtet, pag. CII, so ist dies ein grosser Irrthum, der ihn auch 
noch verleitet, anzunehmen, dass Philipp damals den Vertrag 
von Blois abschlösse nicht minder, dass er vor dem Tode der 
Königin Isabella den Königstitel annahm. Richtig aber ist, dass 
Philipp sich mit der Prinzessin Catharina von Wales, seiner 
Schwägerin, auf dem besten Fusse erhielt, wodurch die Behaup- 
tung K. Ferdinands, Philipp habe immer seine Schwägerinnen 
gehasst und sei Ursache des Elendes, das über die Prinzessin 
von Wales durch die beispiellose Vernachlässigung von Seiten 
Ferdinands und Heinrichs gekommen war (Cal. nr. 502), voll- 
ständig widerlegt wird. Dasjenige, was wir von den Bemühungen 
Puebla's erfahren, eine von der Prinzessin veranstaltete Zu- 
sammenkunft der Könige Heinrich und Philipp zu verhindern 
(17. August 1505), beweist klar, dass ein übler Wille nicht 
auf Seiten Phihpps, sondern Ferdinands war, der in einem 
eigenen Schreiben seinen Schwiegersohn bei K. Heinrich an- 
schwärzte, und dessen Botschafter Alles aufbot, Unfrieden 
zwischen der Prinzessin von Wales und ihrem Schwager, dem 
Könige, zu stiften. In Ränken aller Art war Puebla Meister 
und deshalb seinem ränkesüchtigen Herren unentbehrlich. 

In Bezug auf den Aufenthalt K. Pliilipps in England 
stützt sich Bergenroth auf ein Cottonian Ms.: Narrativc of the 
reception of Philip, King of Castile, in England, das von einem 
Zeitgenossen herrührt. Allein die Landung Philipps fand nicht 
in Melcolmbe am l(x Januar, sondern in Hampton am 15. Ja- 
nuar statt. Wie es mit K. Pliilipps Aufenthalt in Windsor, wo 
er den Gnadenbrief für seine treuen Piloten crlicss , die ihm 
das Leben gerettet (Docum. incditos VIII, pag. oGU), und an 
seine Räthe schrieb (Gachct IV, pag. 302) steht und dass erst 
am 31. Januar die beiden Könige zusammenkamen, ist vorher 
ei'örtert worden. Am 10. Januar kann somit auch die Königin 



218 



Höfler. 



nicht in Windsor eingetroffen sein, wie die Narrative will, und 
ebensowenig an diesem Tage auch gleich abgereist sein. Dass 
sie aber wirklich im gi'össten Verdrusse mit ihrem Gremahle^ 
den sie in Belgien, in England, in Spanien prostituirte, gleich 
wieder von dannen zog und den König allein Hess, wissen wir 
aus einem Briefe ihrer Schwester, der Prinzessin von Wales, an 
sie vom 25. October 1507 (Cal. nr. 553). Am 10. Februar 
schreibt K. Philipp an seine Schwägerin aus Windsor über den 
Maestre Sala Comendador Alonso d'Esquival, und daraus geht 
hervor, dass es nicht, wie es Cal. nr. 440 heisst, einen maestre- 
sala und Alonso de Esquival gab, sondern Beide Eine Person 
Avaren. Auch war K. Philipp nicht, wie es heisst, die übrige 
Zeit in Richmond, sondern am 1. März in Windsor, am 8. in 
Redin (Reddich), am 10. März wieder in Windsor. Wenn 
endlich die Narrative sagt: on the 15 (Februar) the King of 
Castile profered unasked to yield for up Edmund Earl of 
Suffolk to the King of England, so ist das doch, wie abgesehen 
von allen Anderen Baco von Verulam es sattsam ausführt, 
eine schreiende Unwahrheit. Der Brief A. de Croy's an K. 
MaximiHan vom 23. März 1506 sagt nicht nur, dass K. Philipp 
has been urged so strongly by the King of England, that he 
had decided to deliver up Suffolk in his hands, sondern auch: 
he had not done so however until the King of England had 
given him a solemn promise in writing sealed with his seal, 
that Suffolk should receive a füll pardon for all his past 
offene es and not be exposed to persecution during the whole 
remainder of his hfe. (Cal. nr. 456, Original bei Chmel, 
nr. 189.) 

Wir müssen noch einen wichtigen Punkt rügen. Bergen- 
roth theilt unter dem 16. December 1506 ein Document mit, 
dui'ch welches, wie er sagt, bewiesen wird, dass K. Ferdinand 
die Räthe K. Philipps bestochen habe, unter ihnen Don Juan 
Manuel und (den kaiserhchen Botschafter) Andrea del Burgo. 
Freilich kamen Bergenroth Bedenken in Bezug auf den Ort 
der Ausstellung, Avie in Betreff des Datums, an dem Factum 
aber hielt er fest. Wäre der sonst verdienstvolle ]\Iann mit der 
spanischen Geschichte etwas vertrauter gewesen, so hätte ihn 
gerade der Ausstellungsort Salamanca, wo K. Ferdinand am 
24. November 1505 den berühmten Dreikönigsverti-ag mit den 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 219 

Abgesandten K. Philipps und K. Maximilians abschlösse auf 
die rechte Fährte bringen müssen. Wir wissen auch aas einer 
anderen Quelle (Quirino), dass K. Ferdinand den mit Abschluss 
des Vertrages beschäftigten Diplomaten Dotationen gewährte. ' 
Darauf bezieht sich die Urkunde , deren Ausstellungsort und 
das Datum • — nui- nicht des Jahres ganz richtig sind. Hierbei 
muss aber Eines erwähnt werden: dass die Unterhändler K. 
Philipps wie K. Maximilians jenen Vertrag nur unter der 
Voraussetzung abschlössen, es werde dadurch die Heirat K. 
Ferdinands nicht zu Stande kommen. Man bestärkte sie in 
dem Glauben und benützte sie^ um wieder zu erlangen, was 
man am Todestage der Königin Isabella freiwillig aufgegeben 
hatte. 

Der letzte König Spaniens aus echtem spanischen Ge- 
schlechte und der erste König Englands aus dem wallisischen 
Hause der Tudor waren einander verwandte Naturen. Beide 
waren in ähnlicher Weise durch einen Bürgerkrieg, den sie 
glücklich beendeten, zu ihrer Macht gekommen: Heinrich, in- 
dem er Richard HI. aus dem Hause York besiegte, Ferdinand, 
indem er die Portugiesen aus Castihen jagte und die Tochter 
K. Heinrichs IV. zu Gunsten Donna Isabels um den Thron ihres 
Vaters brachte. Beide stützten ihren Rechtstitel auf ihre Frauen, 
Ferdinand als König von Castilien , das er fünf Jahre früher 
, wm-de, ehe er (1479) König von Aragon wurde, auf Isabella, 
H Heinrich VI. auf die Hand der Ehsabeth, Tochter K. Eduards IV., 
den die Königin Isabella hasste, weil er ihre Hand verschmäht 
hatte. ■■^ Heinrich hatte beständig mit Yorkischen Prätendenten 
zu kämpfen und durfte deshalb nie die Gefahr ausser Acht 
lassen, durch einen unglücklichen auswärtigen Krieg seiner 
Krone verlustig zu gehen. Ferdinand hatte beständig mit der 
Existenz der Beltraneja, der seiiora excelente, zu rechnen, die 
in Portugal eine Heimat gefunden, weshalb er in Verfolgung 
seiner politischen Pläne stets auf das Avestliche Königreich 
Rücksicht nehmen musste. Beide Könige waren durcli die in 
ihren Tagen in vollem Glanz dastehende französische Gross- 
macht in allen ihren politischen Entwürfen eingeengt. Nie ver- 



> R. Brown, nr. 873, 4. Ainil 1506. 
2 Gairdnor. 



220 



Höfler. 



gass man in England, dass Frankreich diesem seine continen- 
talen Provinzen bis auf Calais entrissen, und der Name eines 
Königs von Frankreich, den der englische König führte, sinn- 
los gCAvorden war. Mit vollem Rechte sagte sich aber K. Hein- 
rich, so oft ihn K. Ferdinand zum Kriege di-ängte, ein Ki'ieg 
mit Frankreich sei für ihn ein Krieg auf Leben und Tod und 
könne nur unternommen werden, wenn er Alles daran zu setzen 
bereit sei. Eben deshalb unterliess er ihn. In Spanien wusste 
man nicht minder^ dass Frankreich auch über aragonesisches 
Besitzthum zu seiner Grösse emporgewachsen war, das ehe- 
malige Königreich der Balearen, Roussillon und Cerdaigne, und 
jetzt das aragonesische Neapel zu erobern gedenke, um diu-ch 
den Besitz Italiens die Kaiserkrone, eine dominirende Stellung 
in Rom; die Herrschaft in Europa zu gewinnen. Den Franzosen 
auf diesem Wege Schwierigkeiten zu bereiten, war das conse- 
quent verfolgte Ziel K. Ferdinands ; alle Consequenz hinderte 
ihn aber nicht, wenn sich auf diesem Wege durch vorüber- 
gehenden Anschluss an die Franzosen territoriale Vortheile er- 
reichen Hessen, diese mitzunehmen und dann den Kampf aufs 
Neue zu unternehmen, wobei er auf die von ihm und der 
Königin Isabella eingeleitete Familienpolitik mit den Häusern 
Burgund - Habsburg , Tudor und Portugal rechnete. Beide 
Könige, Heinrich VII. und Ferdinand wetteiferten als aus- 
gezeichnete Finanzmänner. Niemand wusste den Werth des 
Geldes mehr zu schätzen als Beide, die, wenn sie nicht von 
fürstlicher Geburt gewesen wären , entweder Banquiers oder 
Jäger — ihrer Natur nach geworden wären. Der König von 
Aragon und Castilien sah das letztere (dreifache) Königreich 
als seine Domäne an, die er finanziell ausnützte und nament- 
lich zur Eroberung von Neapel gebrauchte, das nicht mit Ca- 
stilien, sondern mit Aragon vereinigt wurde. Der König von 
England vergnügte sich, wenn er von eigentlichen Regierungs- 
geschäften sich frei gemacht hatte, seine Ausgaben (und Ein- 
nahmen) selbst aufzuzeichnen. Puebla sagt (25. Juli 1498), 
K. Heinrich sei nicht so reich, als man glaube, liebe es aber, 
dass man ihn für reich halte, obwohl sein Einkommen sowohl 
vom Landbesitze als von den Zöllen täglich abnehme. Das 
letztere, theils weil der Handel stocke, theils wegen der Zölle, 
die der König erhöhe. Der Hauptgrund, meint aber Doctor 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 221 

Puebla, bestehe in der fortsclireitenden Verarmung des Volkes 
durch die hohen Steuern. Der König selbst habe ihm gesagt, 
er beabsichtige seine Unterthanen herabzudrücken, weil Reich- 
thum übermüthig mache. Aber auch die Einkünfte der könig- 
lichen Domänen minderten sich, da die Lords sie administi'irten. 
Im darauffolgenden Jahre heisst es (26. März 1499), des Königs 
Reichthümer mehren sich jeden Tag. Ich meine, er habe in 
dieser Beziehung seines Gleichen nicht. Wenn ein Goldstück 
in seine Büchsen gerieth, kommt es nicht mehr zum Vorschein; 
er bezahlt aber nur in herabgewürdigter Münze. Das Parlament 
gewährt ihm, diesem Uebelstande zu steuern, 300.000 Kronen; 
er gewinnt bei jeder Mark Silber sieben Realen. Wie er, sind 
seine Diener, die eine wunderbare Geschicklichkeit besitzen, 
anderer Leute Geld zu gewinnen. Den ganzen Hofhalt für 
sich, die Königin, die königlichen Kinder, den geheimen Rath. 
die Legaten, Kirche, Jagden, bestreitet er mit 100.000 Scudi 
jährlich. In einer Beziehung übertraf ihn K. Ferdinand, indem 
er die ausserordentlichen kirchlichen Einkünfte aus Kreuzzug- 
und Indulgenzbullen zum Theile in seine Gasse leitete und die 
Inquisition schuf. K. Heinrich hätte sehr gerne die Könige 
von Frankreich nachgeahmt und sich zum absoluten ^Monarchen 
erschwungen. Doch dazu war die Zeit nicht reif, die Nach- 
wirkungen des grossen Bürgerkrieges der königlichen Linien 
noch zu heftig; erst sein Sohn Heinrich VIII. konnte mit Hilfe 
der kirchlichen Wirren dieses Ziel des Hauses Tudor en-eichen. 
Ferdinand, der mit Hilfe des Adels den Thron von Castilien 
errungen, verwandte seine ganze Sorgfalt darauf, den hohen 
Adel einerseits mit gefälligen Worten, immer heiterer Miene 
zu umstricken, andererseits ihm so viel als möglich zu ent- 
ziehen, um die abhanden gekommenen Domänen wieder zu er- 
langen. Ein Grund des Hasses gegen K. Philipp, den er über 
das Grab hinüber getragen, bestand darin, dass dieser sich 
dem castilianischen Adel zuwandte, welcher von der drückenden 
Regierung des Königs von Aragon nichts wissen wollte. Auch 
K. Heinrich verstand sich sehr wohl auf Spässe und Freund- 
lichkeiten. Beide Könige ähnelten einander auch äusserlich; 
rothwangig und freundlich, wussten sie ihre tiefe Falschheit 
dm-ch gewinnende Redensarten zu bedecken. Der Tod der 



^r 



Königin Elisabeth und der Königin Donna Isabel brachte Beide 



222 Höfler. 

ZU Bewerbungen, die bei K. Heinrich an Intensität zunahmen, 
je näher das Ende seines Lebens rückte, aber doch kein prak- 
tisches Resultat hatten. Die jungfräuliche Witwe seines älte- 
sten Sohnes Herzog Arthur, die jüngere Königin von Neapel, 
die Eine Ferdinands Tochter, die Andere Ferdinands Nichte, 
die Witwe Don Juans von Aragon und nachher des Herzogs 
Philibert von Savoyen , die Prinzessin Margareth (Tochter K. 
Maximilians und Schwester K. Philipps), endlich des Letzteren 
Witwe, K. Ferdinands wahnsinnige Tochter waren die Ziele 
seiner ehelichen Wünsche. Machte sich K. Heinrich lächerlich, 
als er sich fruchtlos um so viele Bräute bewarb, so machte 
sich K. Ferdinand verächtlich, als er schon im Jahre 1505, 
wenige Monate nach dem Tode Isabellens, sich um die Hand 
der unbedeutenden Nichte K. Ludwigs XH. — briita e zota 
nennt sie der Venetianer — bewarb und Germaine Gräfin von 
Foix wirklich in Duenas, wo er sich mit der Königin Donna 
Isabella vermählte, am 18. März 1506, während K. Philipp in 
England bei K. Heinrich weilte, Ferdinands Gemahlin wurde. 
Ein eigenthümliches Nachspiel führten aber beide Könige auf, 
als K. Ferdinand — offenbar auch in Folge seiner zweiten 
Heirat und der damit, sowie für den Krieg in Neapel verwen- 
deten Ausgaben — die Mitgift seiner Tochter, der Prinzessin 
von Wales, nicht bezahlte, die Heirath mit ihrem Schwager 
und nachherigen Gemahl, den Prinzen Heinrich, sich hinaus 
schob, sie von ihrem Schwiegervater auf das Unwürdigste be- 
handelt, von ihrem Vater geradezu dem Elende preisgegeben 
wurde. Diese Episode im Leben Beider charakterisirt durch 
ihren Schmutz die beiden Könige in gleicher Weise. 

Unmittelbar nach dem Tode des Prinzen Arthur bevollmäch- 
tigten K. Ferdinand und Donna Isabella den Don Ferdinand 
Herzog von Estrada, die Werbung in Betreff ihrer Vermählung mit 
dem Prinzen Heinrich vorzunehmen, 10. Mai 1502. Sie selbst 
erhielt schon im Mai den Rath, Geld zu leihen zu nehmen, weil 
K. Heinrich seine Verpflichtungen gegen sie nicht zu erfüllen 
gedenke (Cal. nr. 325). Er hielt ihr die Mitgift (marriage portion, 
Cal. nr. 323) zurück, die sich auf 100.000 Kronen belief (Cal. 
nr. 342), und Hess sie ebensowenig nach Spanien zurückkehren, 
was die Königin Isabella so sehr betrieb (Cal. nr. 343). Schon 
am 11. November 1503 fand die Königin das Benehmen K. Hein- 



I 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 223 

richs aller Wahrheit, RechtschafFenheit, Recht und Vernunft baar 
(Cal. nr. 359) und bestand auf Rücksendung der Prinzessin; 
sein Verfahren gegen diese sei höchst barbarisch und unehrlich 
(Cal. nr. 360). Am 23. Juni erfolgte sodann der spanisch-eng- 
lische Vertrag wegen Vermählung der Prinzessin mit ihrem 
Schwager Heinrich (Cal. nr. 364), wobei gesagt war, dass die 
frühere Ehe consumirt worden Avar, was K. Ferdinand am 
23. August 1503 widerrief. Es sei in England wohl bekannt, 
dass die Prinzessin (Witwe) Jungfrau sei (Cal. nr. 370). Die 
Königin ratificirte in Segovia am 30. September 1504 den Rich- 
monder Vertrag vom 23. Juni (Cal. nr. 378). Kaum Avar aber der 
neue Bräutigam volljährig geworden, als er am 27. Juni 1505 
den während seiner Minorität geschlossenen Ehevertrag für null 
und nichtig erklärte (Cal. nr. 435). Von dieser Zeit an beginnt 
der eigentliche Jammer der Prinzessin. Sie hat kein Geld, die 
Spanierinnen auszusteuern, die mit ihr nach England gegangen 
waren (Cal. nr. 446). Am 2. December 1505 schreibt sie ihi'em 
Vater, sie habe seit ihrer Ankunft in England keinen Maravedi 
empfangen, ausgenommen für ihren Unterhalt. Ihre Dienerinnen 
könnten sich keine Kleider kaufen, sie habe aus Verdruss ihre 
Gesundheit verloren. Die Schreiben Puebla's seien voll Lügen 
und Verleumdung (15. December, nr. 449). Noch während K. Phi- 
lipp in England war, schrieb die Prinzessin ihrem Vater, welcher 
ihr seine zweite Heirat als im Interesse des Friedens abge- 
schlossen dargestellt hatte (Cal. nr. 449), und stellte ihm vor, 
ihr Gefolge sei im Begriff Almosen zu begehren und sie selbst 
von Allem entblösstt (22. April 1506, nr. 459). Die nächsten 
Schreiben melden ihre Erkrankung; dann beschuldigt K. Fer- 
dinand seinen verstorbenen Schwiegersohn, dass er Schuld an 
ihrem Missgeschick sei (Cal. nr. 502). Er selbst thut aber nichts, 
ihr beizustehen, so sehr sie auch dessen bedürftig war (Cal. 
nr. 506); im Gegentheil, K. Ferdinand verlang-t erst noch Fristen 
wegen Bezahlung der noch ausständigen JMitgift, worauf Heinrich 
sehr ungern eingeht, nun al)er sich um die Hand der Donna 
Juana bewirbt (Cal. nr. 511).- K. Ferdinand kam dadurch in 
Verlegenheit^ da Donna Juana noch immer mit der Leiche 
ihres Gemahls herumzog. Am 15. April 1507 schreibt die 

^ herseif all but naked. 

- whether she be sane or insane. 



224 Hofler. , l 



v! 



Prinzessin von Wales ihrem Vater, sie sei genöthigt, ihr Silber- 
zeug, das ohnehin nicht mehr vollzählig sei, zu veräussern; 
ihre Leute hätten keine Schuhe und lebten im Elend. Seit- 
dem sie in England sei, lebe sie in Dürftigkeit und Elend. 
K. Heinrich erklärte ihr offen, er fühle weder sich noch den 
Prinzen von Wales ihr gegenüber gebunden, da die Mitgift 
nicht bezahlt worden sei (Cal. nr. 514, 15. April 1507). In 
vier Monaten hatte sie den Prinzen Heinrich , ihren Ver- 
lobten, nicht gesehen (nr. 412). Die Prinzessin konnte nicht 
einmal den Courier bezahlen, den ihr Vater ihr sandte. K. Hein- 
rich gewährte endlich dem K. Ferdinand eine neue Frist zui- 
Abzahlung (Cal. nr. 520), und dieser versprach, wenn Donna 
Juana wieder heirate, soll es nur K. Heinrich sein, der sie 
erhalte; aber in seiner Abwesenheit könne Niemand mit ihr da- 
von reden (Cal. nr. 523). K. Philipp sei sein Feind gewesen, 
aber Heinrich würde sein ihn liebender Sohn werden! End- 
lich hatte K. Ferdinand seiner Tochter etwas Geld geschickt; 
sie erklärte dafür, sie habe ihm nie den ganzen Umfang ihres 
Elendes geschrieben. Sie sei schlechter behandelt worden als 
irgend eine Frau in England und bezeichnet selbst als die Haupt- 
ursach e ihrer Leiden, dass der spanische Botschafter nicht mit 
den gehörigen Subsistenzmitteln ausgerüstet war (5. August 1507, 
Cal. nr. 582). K. Ferdinand" verlangte jetzt wieder eine Frist 
zur Heimzahlung der Mitgift, und Heinrich gewährte sie wieder 
auf sechs Monate. Am 6. September schreibt der maestresala 
der Prinzessin an den König, er müsse seine Kleider ver- 
äussern, die Diener der Prinzessin lebten in grösster Armuth 
(Cal. nr. 539). Am 7. September bittet die Prinzessin ihren 
Vater, dem nicht zu glauben, was Dr. Puebla schreibe, der 
mehr Vasall des Königs von England als Diener K. Ferdinands 
sei und auf Geheiss loben müsse. Seit sie 2000 Ducaten von ihm 
erhalten, wisse sie nicht, wen sie zuerst bezahlen solle. Sie 
habe ihr Silber ausgelöst, kleine Schulden bezahlt, es blieb 
nichts für die Diener und Frauen (Cal. nr. 541). Fortwährend 
drängte K. Heinrich, Gemahl der Donna Juana zu werden, 
Puebla versichert, er Avürde ein besserer Sohn sein, als der 
Erzherzog war (Cal. nr. 531). Jetzt endhch wies K. Heinrich 200 
Ducaten für die Hausoffiziere der Prinzessin an (Cal. nr. 545). 
Catharina hatte jetzt auch Chiffriren gelernt, nicht minder sich 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 225 

vor Puebla zu verstellen, den sie in einem ausgedehnten Schreiben 
wieder als Ursache ihres Unglücks bezeichnet (4, October 1507, 
Cal. nr. 551). Am 25. October schrieb sie, offenbar im Auftrage 
des Königs von England an ihre Schwester Donna Juana, um 
derselben mitzutheilen, wie sehr Heinrich sie verehre. Es war 
die Einleitung zur Werbung um ihre Hand (Cal. nr. 553). Dann 
folgt noch ein undatirter Brief K. Ferdinands an Dr. Puebla, 
dass, wenn die Mitgift bezahlt sei, sogleich die Vermählung des 
Prinzen und der Prinzessin von Wales stattfinden müsse, so- 
wie dass Donna Juana nicht früher eine Erklärung in Betreff 
der Werbung K. Heinrichs geben wolle, so lange nicht K. Phi- 
lipp begraben sei (Cal. nr. 577). Mehr konnte auch später 
(Cal. nr. 586, Juli ? 1508) aus ihr nicht herausgebracht werden. 
Ihr Zustand könne nicht mit Worten beschrieben werden. Es 
war nicht möglich, sie dazu zu bringen, K. Philipp bestatten 
zu lassen. Ihr offen entgegen zu treten, würde ihre Gesundheit 
völlig ruiniren. Dazu kam eine Erklärung des Königs gegen 
Heinrich VH., als Membrilla ihm schrieb, dieser werde die 
Prinzessin ziu'ückschicken, er werde ihm einen ärgeren Krieg 
machen als dem Türken; er müsse sein Wort halten, oder 
die Welt möge zu Grunde gehen. Der Brief Ferdinands von 
7. August 1508, Cal. nr. 588, ergeht sich in den stärksten Aus- 
drücken über das Benehmen Heinrichs gegen ihn und seine 
beiden Töchter. ^ Er wolle mit ihm weder Freundschaft noch 
Bruderschaft pflegen. Die Prinzessin aber schrieb ihrem Vater, 
ihr Leben werde mehr und mehr unerträglich; sie könne diesen 
Zustand nicht länger aushalten, sie wisse nicht, wovon sie leben 
solle, da der König sich weigerte, ihr oder den Ihrigen Lebens- 
mittel reichen zu lassen. Sie sei in einem Zustande der Ver- 
zweiflung (9. März 1509, Cal. nr. 604), ein Ausdruck, der sich 
in noch stärkerer Weise in ihrem Briefe vom 20. März 1509 vor- 
findet (Bergenroth, Suppl. pag. XX). Am 22. April 1509 starb 
K. Heinrich VII. und sechs Wochen später, am 11. Juni,"^ wurde 
Catharina Gemahlin K. Heinrichs VIIL, bisher Prinzen von Wales. ^ 



' has shown extreme covetousness, pag. 461. 

2 Carvajal. 

^ Schon 1510 gab es wegen einer Schwester des Herzogs von Buckinghani 
einen Streit zwischen den beiden Gatten, der seine Schatten weithin 
warf. Suppl. Queen Catharina, Depesche vom 29. Mai 1510. 
Sitzungsber. d. phil.-hist. Ol. CIV. Bd. I. Hft. 15 



226 Höfler. 

Es charakterisirt schliesslich beide Fürsten, class sie in 
grösster Feindschaft schieden, nachdem Heinrich sich um 
Ferdinands wahnsinnige Tochter beworben und dieser sich 
wieder der französischen Seite zugeneigt, der Tochter jedoch 
Tordesillas zum ständigen Aufenthalte angewiesen hatte. ' Er 
that dasselbe, was er K. Philipp so sehr verübelte, dass er sich 
in Castilien so Ruhe zu verschaffen suchte. Dieses aber war zu 
einer Zeit, als man sagte, es gebe in Paris keinen grösseren Fran- 
zosen als den König von Aragon (Schreiben des Prevost of Cassel, 
Abgesandten der Prinzessin Margareth an K. Heinrich VH., 
Gairdner I, pag. 360), und diese zugleich befürchtete, que le roy 
Dengleterre se joindra avec le roy de France entierement a 
notre destruction. — Le roy Dengleterre a toutjours espie la 
fortune et ne vouldroit que eussions le pays de Gheldres 
(1. c. pag. 366). Es ist von Wichtigkeit, K. Ferdinands Benehmen 
gegen die eigene Tochter kennen zu lernen, um sich nicht 
durch die schönen Redensarten täuschen zu lassen, die er in 
den Schreiben an seinen Schwiegersohn gebrauchte, während 
er, wo er konnte, ihn herabsetzte und betrog. 

Es ist hier nothwendig, auch den obenerwähnten Gairdner, 
Letters and papers illustrative of thereigne of Richard III. and 
Henry VII., vol. I, 1861; vol. II, 1863 zu besprechen. Die 
Briefe enthalten mehrere auf K. Philipp bezügliche Documente, 
sehr viele, welche sich auf die Brüder white Rose, Edmund und 
Richard von Suffolk beziehen, mit denen sich auch die Vorrede 
des I. Bandes beschäftigt, und im zweiten Bande eine sehr 



I 

i 



' Donna Jnana blieb nach dem Tode K. Philipps (25. September 1506) 
bis zum 20. December in Burgos, dann ging sie nach Torquemada, wo 
sie vom 23. December 1506 bis Mitte April 1507 blieb und am 14. Jan. 
die Infantin Catalina gebar. Dann ging sie nach Hornillos, wohin am 
26. Juli auch der vierjährige Infant Don Fernando gebracht wurde, seine 
Mutter zu sehen. Hierauf ging Donna Juana nach Arcos, wo sie ihr 
Vater von Burgos aus Anfangs 1508 besuchte, dann ging er im Juli nach 
Valladolid, nach Mahamud, wo er fünf oder sechs Tage auf die Königin 
wartete, ging dann nach Arcos ziarück und nahm den Infanten Don 
Fernando zu sich. Im Februar 1509 kam er wieder nach Arcos und 
brachte im März desselben Jahres die Königin Donna Juana nach Tor- 
desillas, wo sie bis zum 12. April 1555 blieb, an welchem Tage in 
Gegenwart ihrer Enkelin Donna Juana sie ihr qualvolles Leben endete. 
Siehe in Betreff der Daten Lorenzo Galindez de Carvajal. 



Quellen der Uoschichtc Philipps des Schönen. 227 

interessante Correspondenz des gelehrten Königs Jaraes IV. 
of Scotland, unter Anderen auch mit K. PliiHpp, endHch im 
Appendice II auch spanische Briefe K. PhiHpps, die aber dem 
VIII. Bande der Docnmentos ineditos entnommen sind. Leider 
ist ein grosser Theil der veröffenthchten Briefe nur in sehr 
lückenhafter Gestalt auf uns gekommen. Wir lernen das ganze 
Gefolge K. Heinrichs VII. und des Erzherzogs bei ihrer Zu- 
sammenkunft vor Calais 1500 kennen (II, pag. 87), ein im 
Namen Philipps (dostrice duc de Bourgogne) ausgefertigtes 
Schreiben an K. Richard HL vom 30. Juli 1483 (I, nr. 8), eine 
Erklärung der Königin Isabella von Castilien, welche sehr auf- 
gebracht war, dass K. Eduard IV. aus dem Hause York nicht 
sie heiratete, sondern a wedowe of England, for the wich cause 
alsowas mortelle werre betwint him and the erle of Warre- 
wyk (I, pag. 32, Schreiben K. Heinrichs VII. an K. Philipp). 
Da die Königin Donna Juana unendlich schwer zum Schreiben 
zu bringen war, erweckt ein Schreiben derselben an Emanuel 
King of Portugal, Valladolid, 5. April 1506 (II, pag. 150) um 
so grösseres Interesse. Allein die Königin Donna Juana befand 
sich am 5. April 1506 nicht in Valladolid, sondern in England, 
und wir wissen sehr genau, dass sie sich in der Charwoche, 
5. — 11. April, einschloss und mit Niemandem verkehrte. Noch 
mehr; die Königin Donna Juana hat sicher den Gemahl ihrer 
Schwester Donna Maria, Emanuel von Portugal, nicht nuestro 
muy caro y amado fijo genannt. Letzteres beweist hinlänglich, 
dass nur Emanuels Scliwiegermutter Donna Isabel den Brief 
geschrieben haben kann, aber nicht im Jahre 1506,, wo sie längst 
todt war, sondern viel früher, da sie auch in den letzten 
Jahren ihres Lebens (f 26. November 1504) nicht nach Valla- 
dolid kam. Darnach ist Gairdner zu berichtigen. 

Der vorliegende erste Band der Materials for a history of the 
reign of Henry VII, edited by Rev. William Campbell, London 
1873, beschäftigt sich nur mit den Jahren 1483 — -1486, und so 
interessant diese kurze Zeit ist, um aus den Urkunden zu er- 
sehen, wie Heinrich Graf von Richmond es anfasst, das auf 
Bosworth Field blutig eri-ungene Königtlnim zu beliaupten 
und das Haus Plantagenet durch ein fremdes zu ersetzen, jeden 
zum Thron näher Berechtigten als einen Rebellen und Ein- 
dringling zu behandeln, was er selbst war, so steht das doch 

15* 



228 



Höfler. 



mit den Endzwecken, die wir hier verfolgen, nicht in näherer 
Beziehung. Interessant ist, dass der zweite Josua, wie der 
Kanzler von England, John Albert, Bischof von Winchester, 
den Abkömmling Owen Tudor's am 7. November 1485 nannte, 
die Parlamentsacte gegen Heinrich VI., dessen Gemahlin und 
Sohn, sowie die gegen Elisabeth, Gemahlin Eduards IV., an- 
nuUirte, Richard 111. nur als factischen König anerkannte und 
am 27. März 1486 vom Papste Innocenz YTLl. eine vollständige 
Confirmation seiner und seiner Nachkommen (von der Prinzessin 
Elisabeth) Anrechte auf den Thron erlangte; ja es ward die 
Excommunication schon im Voraus gegen Alle — etiam si du- 
cali aut majori praefulgant dignitate — ausgesprochen, welche 
Unruhen gegen dieses neue Königsthum erregen würden (I, 
pag. 395). Der römische Stuhl band sich, wie so oft, auch 
diesmal die Ruthe, die ihn später traf. Nannte sich der neue 
König by the grace of god, King of England and of France 
and lord of Irland, so sprach die päpstliche BuUe von ihm doch 
nur als von einem Angliae rex illustris. Defensor fidei, das 
Gegenstück zu Ferdinands Titel, el catolico, wm-de erst Hein- 
rich VIII. kurz vor dem Thorschlusse der alten Zeit zu Theil. 
Ich muss hier noch einer Thatsache von allgemeinem In- 
teresse gedenken. Navarete hat einen Brief des grossen Ad- 
mirals Christoforo Colon an K. PhiHpp und die Königin Donna 
Juana bekannt gemacht,' den sein Bruder der Adelantado den 
Hoheiten, überreichen sollte. Er bedauert darin, dass es ihm 
nicht möglich war, die könighchen Personen selbst über das 
Meer nach Spanien zu führen, und betheuert seine grosse Er- 
gebenheit. An diesen Brief knüpft Alexander von Humboldt 
die Bemerkung an, er hätte der Königin während ihrer Reise 
von Coruna nach Laredo übergeben werden sollen (Kritische 
Untersuchungen H, Seite 543). Diese Reise fand jedoch nicht 
statt und kein Mensch dachte daran, sie zu unternehmen. Nach 
Peschel aber (Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen, 
Seite 392) habe Diego Colon ,bei dem österreichischen 
Monarchen' eine üble Aufnahme gefunden. Es ist erstens gar 
nicht sichergestellt, ob der Adelantado Diego bei Lebzeiten Chri- 
stoforo's den Brief dem Könige übergab, der, ehe er nicht seine 



1 Colecciou de los viages y descubrimientos t. III, nr. 62, pag. 530. 



II 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 229 

Regiervmg geordnet hatte, sich mit den Angelegenheiten des 
Admirals um so weniger beschäftigen konnte, als K. Ferdinand 
einen grossen Theil der Einkünfte von Indien bezog, und wenn 
dieser später dem Don Diego, Sohn des Admirals, sein Be- 
dauern darüber ausdrückte, ,dass man mit Euch in Castilien 
nicht gut umgingt, so verstand es Don Fernando meisterhaft, 
die eigene Schuld auf fremde Schultern zu werfen. A. v. Hum- 
boldt hat daher Recht, wenn er sagt, Ferdinand habe nur sich 
selbst Vorwürfe machen dürfen. Was aber die Bezeichnung 
Philipps als österreichischer Monarch betrifft, so hatte der Erz- 
herzog von Oest erreich so wenig mit Colon zu thun als Colon 
mit ihm. Der Admiral wandte sich an den König von Castilien, 
Don Felipe, und an Donna Juana, aber nicht mit Anfordeimngen, 
sondern mit Ergebenheitsbezeugungen. König von Castilien 
war aber bis zum 27. Juni 1506 • factisch nicht der Erzherzog- 
Herzog von Burgund, sondern K. Ferdinand, und an diesen 
musste sich Colon wenden, wenn er rechthche Anforderungen 
zu stellen hatte. Colon selbst 'aber starb am 20. Mai 1506, also 
zur Zeit, als K. Philipp noch in la Coruna wie festgebannt 
sich aufhielt und sein castilianisches Königsthum sehr zweifel- 
haft war. 

Man sieht, wie vorsichtig man mit seinen Behauptungen 
in dieser verwickelten Zeit sein muss. 

Die Theorie über die Königin Donna Juana, welche G. 
A. Bergenroth in seiner Schrift: Intended mariage of King 
Henry VII with Queen Juana (Supplement to vol. I and vol. H 
of letters, dispatches etc., London 1868) aufstellte, ist in neuerer 
Zeit so gründhch widerlegt worden, dass es nicht nothwendig ist, 
auf sie zurückzukommen. Rösler und H. Gachard, der anerkannte 
Meister belgischer Geschichtsforschung, bewiesen, dass von der 
angeblichen Folter, die gegen sie ihres Glaubens wegen an- 
gewendet worden sei, so wenig die Rede sein kann als von 
ihrer angeblichen Hinneigung zum Protestantismus. Allein indem 
man sich beschränkte, die Spitzen seiner Theorie abzubrechen, 
übersah man, dass man es mit einem Avohlausgebildeten Systeme 



' Dem Vertrage von Villafafilla, der den von Salamanca aufhob. Nicht 
K. Philipp, sondern K. Ferdinand regierte seit dem Tode der Königin 
Isabella Castilien. 



230 Höfler. 

ZU thun habe, das nicht minder einer Untersuchung bedarf 
als die Consequenzen, welche er aus demselben zog. Es wurzelt 
in folgenden Sätzen : 

1. K. Philipp war als Gemahl ebenso hart und grausam, 
wie er als Fürst verächtlich war. Er raubte seiner Frau ihre 
Mitgift und ihre Bezüge aus Spanien, Hess sie ihr Leben in 
Verlassenheit zubringen, während er selbst ihr Geld in Orgien 
mit seinen Lieblingen und verächtlichen Weibern vergeudete. 

2. Die Geschichte von dem Wahnsinne der Königin Donna 
Juana als Folge des Todes ihres Gemahles ist zwar piquant, 
aber unwahr. Bergenroth stellt dafür die oben angedeutete 
Hypothese auf, wobei ich nur bemerke, _^dass sehr wohl zu- 
gegeben werden kann, dass Donna Juana nicht in Folge des 
Todes K. Philipps erst wahnsinnig wurde, ohne dass es noth- 
wendig wäre, die Theorie anzunehmen, welche Bergenroth an 
die Stelle der bisher allgemeinen Ansicht von dem Entstehungs- 
grunde des Wahnsinnes der Königin aufstellt. Im Gegentheile, ■ 
wenn bewiesen werden kann, dass Donna Juana schon bei 
Lebzeiten K. Philipps wahnsinnig war und sein früher Tod 
schon von Zeitgenossen den Kränkungen seiner Gemahlin zu- 
geschrieben worden ist, so wird sich auch die Anschauung 
Bergenroth's über K. Philipp , die er durch nichts bewies, 
modificiren, sie vielleicht ganz aufgegeben werden müssen. 

3. Eine weitere Thatsache, die Usurpation des Thrones 
von Castilien durch die Königin Donna Isabel nach Beseiti- 
gung der rechtmässigen Erbin, ihrer Nichte Donna Juana, der 
sogenannten Beltraneja^ kommt hier nur insofern zur Sprache, 
als Bergenroth von der wahnsinnigen Meinung ausgeht, die 
Mutter habe ihre eigene Tochter foltern lassen, damit sie vom 
Glauben nicht abfalle. War Königin Isabella auf dem Wege 
der Usurpation auf den Thron gekommen — und das Recht 
war auf Seite ihrer Nichte — so hat sich dieselbe in der 
zweiten Generation durch beispiellose Unglücksfälle schrecklich 
gerächt, wenn auch nicht geleugnet werden kann, dass Donna 
Isabel den Thron, welchen sie mit Gewalt einnahm, zum Heile 
Castihens behauptete. Uebrigens ist sie nicht, wie Bergenroth 
Seite XXVII berichtet, am 17. November 1504 gestorben. Es 
bestand ein grosser Unterschied zwischen dem fröhlichen Hofe 
von Burglind, an welchen die Infantin Donna Juana heiratete, 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 231 

und dem der Königin Isabella, die sich berufen fühlte, die 
Juden zu vertreiben, die Moros gewaltsam zu bekehren und 
die Maranos der Inquisition zu überliefern. Die Prinzessin 
Margaretha, Schwester des Erzherzogs Philipp, hatte, als sie 
Don Jua,n's Witwe geworden war, gegen den Willen ihrer 
Schwiegereltern Spanien sehr rasch verlassen; die neue Erz- 
herzogin Donna Juana sich in den Niederlanden so heimisch 
gefühlt, dass sie auf alle ihre spanischen Bekannten vergass 
und, wie es scheint, auch ihrer Mutter nicht schrieb; später 
freilich hasste sie die Niederländer auf das Aeusserste, wie sie 
überhaupt das Gegentheil von dem Avurde, was sie anfänglich 
war. Zwei spanische Mönche, welche ihr ihre Mutter 1497 
sandte, damit sie ihr authentische Kunde gäben, wurden von 
Donna Juana nichts weniger als freundlich aufgenommen; sie 
weigerte sich, einem von ihnen zu beichten. Darin und namentlich 
in dem Umstände, dass sie französische Geistliche den spanischen 
Asketen vorzog, liegt aber noch lange nicht ein Grund zur 
Annahme sogenannter häretischer Anschauungen, wie Bergenroth 
will, der sich nmi einmal in den Kopf gesetzt hat, aus Donna 
Juana eine Glau.bensmärtyrin zu schaffen. Wenn der Bruder 
Tomas de Matienzo von ihr schrieb, sie habe ein hartes und 
grausames Herz ohne Mitleid,^ so bezog sich dieses nicht 
auf Glaubenssachen, sondern steht in innerem Zusammenhange 
mit dem Berichte Vincenzo Quirino's über sie, der, nachdem er 
ganz im Gegensatze zu Bergenroth die grossen Tugenden des 
kurzverstorbenen K. Philipp hervorgehoben, sie als mala, 
avara e zelosa bezeichnet. 

Die Argumentation des verdienstvollen Sammlers und sehr 
willkürlichen Historikers wird aber geradezu lächerlich, wenn 
er anführt, um Donna Juana für ihren Mangel an Glauben zu 
bestrafen, habe man verhindert, dass sie Königin werde, und als 
Beweis, wie dieser Plan reife, die Cortes vom Jahre 1502 an- 
führt, welche der Erzherzogin am 22. Mai in Toledo feierlich 
als künftiger Königin huldigten! Daneben aber wird der Auf- 
tritt in Medina del Campo, November 1503, wo Donna Juana 
ihre ganze Ungezähmtheit zeigte, und der noch schlimmere in 
Brüssel, Jmii 1504, übergangen, obwohl durch beide Scenen 



1 duro y crudo — sin niuguua piedad. Bergenroth, pag. 5i. 



232 Höfler. 

der Raserei ihr Gemüthszustand sich klar aussprach und sie 
der Nagel vom Sarge der Königin IsabeUa wurden. Bei Bergen- 
roth waren diese aber so wenig vorhanden als die Intrigue 
mit Lopez de Conchillos und der Schwur der Königin-Erz- 
herzogin — e che la facto sacramento et lo observava 
de far tuto et contrario de quello li comandara el re suo 
marito, wie der venetianische Botschafter Vincenzo Quirino 
am 22. April 1505 aus Namur von ihr berichtet. 

Wenn daher Bergenroth alle Nachrichten von der insanity 
der Königin Johanna bei K. Phihpps Lebzeiten nur als Er- 
findungen bezeichnen möchte^ während es sich um infidel opinions 
of Juana gehandelt hätte, so mvisste er neben so vielen anderen 
Beweisen des Gegentheils auch verschweigen, dass den reyes 
catoHcos ein Tagebuch aller ihrer Extravaganzen und den 
Cortes von Toro 1504 die Beweise ihrer vollständigen Regierungs- 
unfähigkeit vorgelegt wm'den. Auch eine andere wichtige That- 
sache hat er umgangen. Ich führe sie mit den Worten des 
Chronisten an. Juraron ä. el Rey Don Fernando, sagt Alcocer 
von der Zusammenkunft in Renedo, 5. Juli 1506, el Arzobispo 
de Toledo y Don Juan Manuel y el Embajador del rey de 
Romanos y el secretario Miguel Perez de Almazan (der Vertraute 
K. Ferdinands) que la Reyna su hija estava loca, (pag. 16). 
Wenn er ferner von der Zusammenkunft der Könige Don Fer- 
nando und Don Felipe am 27. Juni zu Villafafila berichtet, so 
ist dies wieder falsch, da K. Philipp damals in Benavente und 
nur K. Ferdinand an dem bezeichneten Orte war. Die erste 
Zusammenkunft fand am 20. Juni in Remessal zwischen Astu- 
rianos und la Puebla de Senabria statt und dann eine zweite 
am 5. Juh zu Renedo zwischen Muzientes und Tudela (am 
Duero). Dass aber K. Philipp an einer Krankheit starb, die 
vom Sonntag bis zum Freitag dauerte, ist wieder unwahr, da 
nach dem Berichte des Doctors Parra die Krankheit Donners- 
tag am 17. September 1506 (wo nicht früher) begann und er 
Freitag den 25. September Morgens früh starb. In Wien glaubte 
man an eine Vergiftung, und zwar durch die Venetianer, die 
gar keinen Grund hatten, den König, der mit ihnen im besten 
Vernehmen war, aus der Welt zu schaffen. Dass es einzelne 
Castihaner wie Lopez de Araos von Onate glaubten, ist nicht 
most remarkable und beweist schon aus dem Grunde nichts, 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 233 

weil diese Rede erst eilf Jahre später (1517) erfolgte (Bergenroth, 
pag. XXXVII), ohne dass ein Grund ihre Glaubwürdigkeit er- 
hellte. Wie lange hat man von dem 1503 verstorbenen Papste 
Alexander VI. geglaubt, dass er vergiftet wurde, und da liegen 
doch ganz andere Dinge vor als bei K. Philipp, bei welchem 
sich unas manchicas pequenas entre coloradas y negras zeigten, 
welche unsere Doctoren blattas (Blattern) nennen, wie Parra 
sich ausdrückte. 

Die brieflichen Aufzeichnungen Petri Martyris de Anghiera, 
welche zuerst in Alcala 1530, dann in Amsterdam 1670 im 
Drucke erschienen, haben vom Anfang als eine hervorragende 
Geschichtsquelle gegolten. Sepa Vm., schrieb J. Vergara an 
Florian de Campo, que de todas las cosas de aquellos tiempos 
de casi el imperio de los reyes catolicos y despues hasta pa- 
sadas las comunidades yo no pienso que puede haver mas cier- 
tos y claros memoriales que son las epistolas de Pedro Martyr ; 
y porque demas de lo que por ellas qualquiera podra ver, 
yo soy testigo de vista de la diligencia que este hombre ponia 
en escrivir luego ä la hora todo lo que pasaba, y como no 
gastaba mucho tiempo en pulir ni limar el estilo, se no que 
mientras le ponian la mesa, como io lo vi, le acontecia escrivir 
un par de cartas, del las no recebia trabajo ni pesadumbre, 
y asi ni cessaba en el oficio ni se tenia otro cuidado. 

Er liegt in Granada begraben, wo ihm Prior und könig- 
liche Räthe, Decan und Capitel 1526 die Grabschrift setzen 
liessen. 

Die Briefe, welche sich auf K. Philipp und seine Gemahlin 
Juana beziehen, geben grösstentheils wichtige Aufschlüsse. Der 
erste vom 3. October 1496 aus Burgos bespricht die Abreise 
der Infantin nach Belgien, Ep. 160. Ein zweiter, Burgos, 
10. December, bespricht nur die Angst der Königin über das 
Schicksal ihrer Tochter, Ep. 172. Der Brief vom 27. April 1497, 
Ep. 174, meldet den Tod so vieler Begleiter der Infantin 
Donna Juana und die Vermählung der Prinzessin Margaretha 
mit Don Juan. Am 13. Juni erfolgt aus ]\[edina del Campo 
eine enkomiastische Beschreibung der habsburgischen Tnfantin, 
Ep. 176, und am 15. Juli, gleichfalls aus Medina, Ep. 179, 
des ehelichen Glückes Philipps und seiner neuvermählten Gattin. 
Erst als das tragische Geschick in das Haus der reyes catolicos 



234 Höfler. 

einzog^ Don Juan, der Thronfolger^ Don Alfonso, der erste Ge- 
mahl Isabellens, dann sie selbst und endlich ihr Sohn, Don 
Miguel, der präsumtive Thronerbe von .Aragon, Castilien und 
Portugal, rasch nacheinander in das Grab gesunken waren, 
traten Philipp und Johanna wieder in den Vordergrund. An- 
ghiera berichtet Ep. 216 aus Granada, 29. Juli, ihre Beru- 
fung nach Spanien. Aus Granada ist auch der Brief vom 
5. Juni 1501, Ep. 221, über den Aufenthalt der erzherzoglichen 
Gesandten, des Philibert de Beyre vmd des Franz von Bux- 
leiden. Das Schreiben vom 30. Juni meldet die Abreise der 
Gesandten, Ep. 222. Im September trat Aughiera seine Reise 
nach Aegypten an. Auf der Rückreise erfuhr er in Mailand, dass 
Philipp und Johanna in Spanien angekommen seien, Ep. 245, 
12. Juli 1502. Nach Spanien zurückgekehrt, machte er die Be- 
kanntschaft des Prinzen und gewann selbst dessen Vertrauen, 
wie er sich später rühmte. Das nächste Schreiben vom 20. Sept., 
Ep. 250, ist für die Kenntnissnahme der Motive, weshalb der 
Erzherzog Spanien 1502 verHess, es ihm geradezu unter den 
Sohlen brannte, nach Belgien ziu'ückzugehen, von grosser Wich- 
tigkeit. Er besass eine ungemeine Gewissenhaftigkeit in Haltimg 
seines Wortes, und da er den Niederländern versprochen hatte, 
binnen Jahresfrist zurückzukehren, liess er sich durch nichts 
abhalten, sein Wort zu erfüllen. So sehr er auch deshalb ge- 
tadelt wurde, er blieb dabei. Dass der jähe Tod seines Erzie- 
hers, des Erzbiöchofs von Besancon, an der Beschleunigung der 
Abreise gleichfalls einen Antheil hatte, wird von Anghiera wohl 
bemerkt. Nur kann man beweisen, dass m'sprünglich die Ab- 
sicht feststand , mit der Prinzessin zurückzukehren , als die 
Krankheit der Königin Isabella den Prinzen zwang, seine Ab- 
reise bis zum 19. December 1502 zu verschieben, worauf von 
einer Begleitung von Seite Donna Juanas keine Rede sein 
konnte. Schon von dieser Zeit an, schreibt derselbe am 4. Ja- 
nuar 1503 — der Text hat 1502 — sass die Prinzessin sprach- 
los da und heftete nur immer die Augen auf den Boden, alles 
Andere kümmerte sie nicht. Anghiera fürchtete, sie möchte 
im Wahnsinne enden (turbine mentis obibit), Ep. 253. Die 
Sache war dmx'h die Geburt des Infanten Ferdinand, 10. März 
1503, Ep. 254, nicht besser geworden. Die Schilderung, welche 
Petrus Martyr fünf Tage später von ihr entwarf, Ep. 255, 



i 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 235 

gewährt von ihr ein Bild, das beweist, dass das Glück, aufs 
Neue Mutter eines Prinzen geworden zu sein, ihrem krank- 
haften Zustande keine Besserung gebracht hatte. Der Lyoner 
Vertrag Philipps mit K. Ludwig XII. hatte die Spanier aufge- 
regt; sie spotteten über denselben, Ep. 257, 3. Juni 1503. 
Petrus Martyr aber schrieb, Ep. 268, die Vorgänge in Lyon, 
mit welchem Grunde, lasse ich dahingestellt, der Bestechlichkeit 
seiner belgischen Räthe mid vor Allem dem Tode des Erz- 
bischofs von Besan9on zu, dessen vorzügliche Eigenschaften er, 
so oft er auf ihn zu sprechen kommt, hervorhebt. In demselben 

«Briefe, in welchem er dieses erzählt, aus Medina del Campo vom 
19. December, beschreibt er auch die gräuliche Scene, welche 
' Donna Juana gleich einer afrikanischen Löwin, leider ohne 
Angabe des Datums, aufführte. Dass die Königin schon am 
26. November sich zu ihrer Tochter bringen Hess, ist aus 
Carvajal zu sehen. Seine Behauptung, K. Ferdinand sei am 
20. December dort eingetroffen, widerstreitet aber einer posi- 
tiven Angabe bei Marin Sanuto (V, pag. 795), der zufolge der 
König erst am 28. December aus Catalonien abreiste. Im 
Briefe nr. 270 vom 12. Januar 1504 ist der Anwesenheit des 
Königs bei Donna Isabel und Donna Juana in Medina bereits 
'tl gedacht. Am 10. April, Ep. 281, erwähnt er der Abreise Donna 
Juanas und meint dabei, dass sie sich so wenig als Philipp um 
ij Spanien kümmere. Nun folgt der Brief vom 25. Juni, in wel- 
'" chem Petrus Martyr über den Wuthausbruch Donna Juanas 
gegen eine Geliebte (pellex) ihres Gemahls, Ep. 272, berichtet 
und Ep. 273 vom 19. Juli über die Erkrankung des Königs 
und der Königin, welche sich nicht mehr erholte. In dem 
Schreiben vom 19. November, Ep. 277, theilt er schon den 
hauptsächlichsten Inhalt ihres Testamentes mit, und zwar so, 
dass Ferdinand für den Fall der Unfähigkeit seiner Tochter 
die Regierung führe (dotalibus regnis assideat) und von Philipp 
keine Rede sei (sive quod non fuerit ejus dictis parens et filiam 
concitus ira tractaverit sive quod belgicis moribus enutritus — 
gallicisque magis aflfectus studiis quam Hispanis, his tot regnis 
gubernandi minime aptus putetur). Es hatte sich demnach um 
den Ausschluss dessen vom Königthumc gehandelt, dem als 
Thronerben in Toledo und Saragossa gehuldigt worden war. 
Ep. 279 bringt bereits die Nachricht vom Tode der Königin, 



236 Höfler. 

wobei Petrus Martyr, von der durch sie erfolgten Vertreibung 
der Juden sprechend, sagt: ehminandos ex omnibus suis regnis 
Judaeos qui pro commercio cuncta foedabant. Also war 
das der eigentliche Grund der Judenverfolgung unter den reyes 
catolicos! Er erwähnt, dass K. Ferdinand sich sogleich nach 
dem Tode Isabellens seiner königlichen Würde entschlagen und 
seine Tochter und deren Gemahl habe als Könige ausrufen 
lassen. Er fügt hinzu : ahi rem novam admirati regem incusant 
remque arguunt, non debuisse fieri. Da die Königin am 
26. November starb, kann der Brief nicht X cal. Dec, sondern 
VI cal. Dec. datirt sein. Auch die Abreise des Petrus Martyr 
nach Granada, um die Leiche der Königin zu ihrer Ruhestätte 
zu bringen, kann nicht IX cal. Dec. erfolgt sein. 

Die Briefe werden seit dem Tode der Königin immer 
wichtiger. Petrus Martyr schreibt aus Segovia am 1. Juni 1505, 
K. Philipp habe an K. Ferdinand das Begehren gestellt, aus 
Castilien nach Aragon zu gehen, und Letzterer ihm nun den 
Lopez de Conchillos gesandt, Ep. 282. Hier werden aber zwei 
Thatsachen mit einander in Verbindung gebracht, die ausein- 
ander gehalten werden müssen, da sie in keinem chronologi- 
schen Zusammenhange stehen. Am darauffolgenden Tage be- 
richtet er von der Ankunft der Gesandten Philipps und seines 
Vaters, die das Ansinnen erneuern, und nun stellt sich Anghiera 
ganz auf Seite K. Ferdinands, Ep. 283. Im Briefe 285 vom 
13. Juli ist von der Hilfe die Rede, welche nach dem Bündnisse 
von Orleans (Lyon-Blois) Philipp von K. Ludwig erwartete, eine 
Thatsache , welche Petrus Martyr Anlass gab , sich auf das 
Günstigste über den Charakter Philipps, den Don Juan Ma- 
nuel vorschiebe, auszusprechen. Am 5. August, Ep. 286, be- 
richtet er über die Verhaftung Lopez de Conchillos, weiss aber 
bereits, dass er im Kerker seine Haare verloren und Philipp 
die spanische Umgebung seiner Gemahlin mit geringen Aus- 
nahmen nach Spanien geschickt habe. Ep. 287, 13. August, 
theilt er mit, dass K. Ferdinand sich an K. Ludwig anschliesse 
und an eine zweite Heirat denke, und beklagt das Schick- 
sal Spaniens^, das an der Grösse Frankreichs arbeite! 

In dem Texte scheint wieder ein Fehler vorgefallen zu 
sein, da zuerst ein Brief aus Segovia vom 29. September, Ep. 289, 
und dann vom 24. September, Ep. 290, mitgetheilt wird. Der 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 237 

letztere enthält die Absendung der aragonesischen Gesandt- 
schaft nach Frankreich zum Abschlüsse der Heirat K. Ferdi- 
nands mit der unbedeutenden Germaine von Foix. Im Briefe 
(aus Salamanca?) vom 20. October, Ep. 291, wird Philipp ein 
Angriffsbündniss mit Frankreich zum Ueberfalle von Neapel und 
Roussillon imputirt. Diesem Bündnisse habe nun Ferdinand ein 
anderes mit den beiden Habsbm-gern zur Erlangung von Bur- 
gund für K. Philipp entgegengestellte?) und K. Ludwig dem 
K. Ferdinand die Hand seiner Nichte angetragen. Aber schon 
am 3. November, Ep. 292, musste er mit schwerem Herzen die 
ignominiosa damnosaque contractus capita, den Abschluss des 
französisch-aragonesischen Vertrages berichten und theilt dann 
in dem Briefe vom 13. November 1505 das Schreiben K. Fer- 
dinands an seinen Schwiegersohn mit, in welchem er ihn mit 
dem äussersten Hohne von seinem Anschluss an K. Ludwig und 
seiner zweiten Heü-at, zu welcher ihn K. Philipp gezwungen (!), 
in Kenntniss setzt. 

Der Brief vom 3. Januar 1506, Ep. 294, berichtet von 
dem Dreikönigsvertrage von Salamanca und dass K. Ferdinand 
sage, wenn er Philipp in die Regierung eingeführt, wolle er nach 
einigen Jahren sich nach Aragon zurückbegeben ! Der nächste, 
welcher wieder von K. Philipp berichtet, Ep. 296, 10. Februar, 
erzählt die Rettung des Königs aus dem Schiffbruche. "Wenn 
er aber anführt : reginam ducit — gi-avidam, ea libens maritum 
, , sequitui' quacunque ierit — so müsste die Königin, welche am 
J 14. Januar 1507 in Torquemada die Infantin Catalina gebar, 
mindestens zwölf Monate schwanger gewesen sein! Ep. 298 
vom 25. Februar bespricht die üble Stimmung, in Avelche die 
Heii-at Ferdinands K. Philipp versetzt, und wie Ersterer, jetzt 
il offenbar mildere Saiten aufziehend, von seiner Reise nach Neapel 
spreche. Ep. 300 vom 4. April gibt Nachricht über das trost- 
lose Benehmen der Königin und die schlimme Wirkung, die 
Ferdinands zweite Heirat hervorgebracht. Petrus Martyr tadelt 
sie ganz unverhohlen, ein Beweis, dass die öffentliche öLeinung 
in Castilien sich bereits über diesen Punkt Klarheit verschafft 
hatte. Am 7. Mai schreibt er aus Leon, Ep. 304, wohin er mit 
dem Könige auf die Nachricht der Landung Philipps aus Yalla- 
dolid über Pallencia, Sahagun, Mansilla gegangen war. Von 
Astorga schreibt er Ep. 305, 15. Mai, er Avolle morgen nach la 



238 Höfler. 

Coruiia j:fehen, um mit K. Philipp zu sprechen, und die Biiefe 
Ep. 306 und 307 vom 31. Mai sind auch in der That aus la 
Coi-uija. Allein wenn ihn K. Philipp auch freundlich aufnahm, 
so hatte doch Petrus Martjr sein Ansehen zu sehr überschätzt. 
Die Dinge waren so weit gediehen, dass gutgemeinte Vorstel- 
lungen nichts mehr fruchteten, und die Rede, welche er an den 
König richtete, Ep. 306, war zwar sehr pathetisch und decla- 
matorisch, aber eben deshalb auch wirkungslos. Der Brief aus 
Villafafila, Ep. 308 vom 20. Juni, berichtet über die erste 
Zusammenkunft der Könige am abgelegenen Orte Remessal. 
Corruptis animis regrediuntur, schreibt er als traurigen Erfolg 
der Unterredung. Die Zusammenkunft hatte, wie auch Alcocer 
bemerkte, die Gemüther der beiden Könige nicht zusammen- 
geführt. K. Philipp verlangte seine Stiefschwiegermutter nicht 
kennen zu lernen, und Ferdinand nicht, seine Tochter zu sehen. 
Am 30. Juni berichtet er Ep. 309 über die Verhandlungen in 
Villafafila, ist aber offenbar mit den wichtigsten Vorgängen 
nicht vertraut. Während dann K. Ferdinand nach Tudela, 
acht Meilen südlich von Valladolid ging, wo Petrus Martyr die 
nächsten Briefe schrieb, ging Philipp nach Muzientes, da die 
Königin Johanna nicht weiter gehen wollte. Von Valladolid 
berichtet er am 7. Juli über die letzte Zusammenkunft der 
Könige in Renedo, Ep. 310 ; er blieb nach dem Wunsche des 
K. Ferdinand bei der Königin Johanna, während der König am 
6. Juli nach Aragon abzog. Der nächste Brief aus Valladolid 
vom 9. Juli, Ep. 311, beklagt die unheilvolle Wendung der 
Ding-e; der vom 7. September, Ep. 312, berichtet die Ankunft 
in Burgos und die Scene, welche die Königin in Coxeres auf- 
führte, das sie nicht betreten wollte. Der nächste vom 21. Sep- 
tember, Ep. 313, aus Burgos bringt die Nachricht von der Er- 
krankung K. Philipps, es ist zwar nur ein morbulus, welcher 
jedoch schon Bedenken erregt; am 28. September, Ep. 316, 
theilt er schon die Todesnachricht (25. September), sowie die 
provisorische Beisetzung der Leiche K. Philipps im Karthäuser- 
kloster von Miraflores mit. 

Petrus Martyrs Nachrichten sind übrigens bis zur letz- 
ten zu würdigen. In Uebereinstimmung mit dem Krankheits- 
berichte, den der Doctor la Parra an K. Ferdinand absandte, 
erzählt er, dass die Königin den Kranken nicht verliess, aber 



Qnellpn der Gescliichto Philipps des Scliönen. 239 

niemals eine Thräne vergoss, Ep. 178. Hätte sie geweint, wie 
aus der Darstellung des Alvaro Gomez hervorzugehen scheint, 
so würde Petrus Martyr, der auf Befehl K. Ferdinands bei ihr 
blieb, das wohl gesagt haben. Sie verharrte auch nach dem 
Tode, wie sie es bei seinen Lebzeiten getrieben (ut viro sole- 
bad vivente, Ep. 318), in Finsterniss und Einsamkeit, die rechte 
Hand unter dem Kinn, den Mund geschlossen im Hasse gegen 
das weibhche Geschlecht (omne praesertim foemineum genus 
et odit et abjicit etc.). Was aber ihren Wahnsinn bis zum 
höchsten Grade brachte, war die Dummheit eines Karthäuser- 
mönches, der den Sarg des Königs begleitete. Nicht blos, dass 
täglich Trauergottesdienst gehalten werden musste, keine Frau, 
kein Mädchen in die Kirche von Torrequemada sich begeben 
durfte — uritur namque misera zelotypia eadem, qua, cum 
maritus viveret, cruciabatur, Ep. 324 — sondern der Mönch 
lobte auch noch die tägliche und nächtliche Verrichtung des 
Todtenamtes, da er gelesen, dass ein König vierzehn Jahre 
nach seinem Tode wieder vom Grabe auferstanden sei ! Bergen- 
roth hat die unglückliche Johanna zu einer Protestantin gemacht. 
Ihr Wahnsinn wurde durch den Aberglauben des thörichten 
Mönches unheilbar. Sperat regina hujus vani hominis verbis 
infantilibus persuasa, rediturum ad superos virum Regem. 
Ita blasteronis cucullati sermo illius insedit pcctori, Ep. 328, 
15. Juni 1507. Sie wartete die Auferstehung ihres 
Gatten ab, der, wie natürlich, kein Frauenzimmer beiwohnen 
durfte. Die Frage ül)er den Wahnsinn der Königin Juana ist 
nach diesem wohl überflüssig. Don Vincenzo Quirino, der vene- 
tianische Botschafter, welcher sie nach Spanien begleitete und 
von den Scenen berichtet, die sie, wo sie hinkam, aufführte, 
kennt im Schlussbericlite, den er vor dem venetianischen Se- 
nate abhielt, nur ihre verkehrten Tugenden. Sie kümmerte 
sich nicht um ihre Kinder und zerstörte das Leben ihres Mannes, 
dadurch ihre eigene Existenz. 

Ich vermeide es absichthch, mich in die Controversc über 
die Glaubwürdigkeit Anghcria's einzumischen. Ich habe mich 
darüber bereits an einem anderen Orte sattsam geäussert. Er 
war nicht immer in der Lage, genaue Erkundigungen einzu- 
ziehen. Was im Cabinet K. Philipps vorging, blieb ihm selbst- 
verständlich unbekannt, und Almazan, der erste Secretär K. Fer- 



240 Uöfler. 

dinands, welcher allein die geheimsten Gedanken seines Hen'n 
kannte, hat ihn nicht zu seinen Vertrauten gemacht, leider auch 
keine Denkwürdigkeiten hinterlassen, die freilich von äusserster 
Wichtigkeit hätten sein können. Don Pedro Martjr erfährt 
manche Dinge verhältnissmässig etwas spät; bei anderen Be- 
gebenheiten ist er besser unterrichtet als irgend Einer. Das 
Alles muss bei der Benützung seiner Briefe wohl erwogen 
Averden und ist ein allgemeines Urtheil über seine Glaubwür- 
digkeit somit nm- insoferne zu fällen, als an seinem Willen, die 
Wahrheit zu sagen, nicht gezweifelt werden kann, wohl aber 
an der Möglichkeit, sie immer zu erfahren. Er steht 1505 bis 
1506 auf Seite K. Ferdinands, was ganz begreiflich ist und mit 
seiner amtlichen Stellung im Einklänge steht, aber die nicht 
vorherzusehenden Ereignisse des letzten Jahres, vor Allem die 
Heirat K. Ferdinands, die ihn zu Grunde richtete, bringen auch 
in ihm eine grosse Veränderung hervor. Gewiss hat er Briefe 
an K. Ferdinand nach Neapel über die Königin Donna Juana 
gesandt ; wie lehrreich müssten sie sein, wenn sie je an das 
Tageslicht träten! 

Wenden wir uns nun dem bedeutendsten niederländischen 
Geschichtschreiber über die Zeit K. Maximilians und K. Phihpps 
zu: Pontus Heuterus, Opera historica, Lovanii 1643. 

Heuter, geboren 1535, gestorben 1602, ist ein fleissiger 
Sammler, ein gewissenhafter Geschichtschreiber, wie er in 
seinem ganzen Leben sich als gewissenhaft erwies; er wägt 
die verschiedenen Berichte genau ab und entscheidet sich nm* 
nach eifriger und besonnener Erörterung für den Entscheid, 
den er trifft. Ihm ist es um wissenschaftliche Förderung zu thun, 
weshalb er nicht bei dem überlieferten Materiale stehen blieb, 
sondern dasselbe durch urkundliche Forschung vermehrte und 
erweiterte. Ich rechne es ihm nicht zu hoch an, wenn er bei Ge- 
legenheit des Landshuter Erbfolgekrieges die beiden Herzoge 
Albrecht und Georg zu Brüdern macht, dem ersten Niederbaiern, 
dem zweiten Oberbaiern mit Ingolstadt zum Herzogthume gibt, 
somit die Sache auf den Kopf stellt. In Delft geboren, war seine 
Domäne Niederdeutschland, der nördliche Theil der Nieder- 
lande, der gerade in seiner Zeit Flandern und Brabant über- 
flügelte, und ist er deshalb in Groningen und Friesland mehr 
zu Hause als am Fusse der Alpen. Er nahm Einsicht von 



Quellen der Geschiclite Philipps des Schönen. 241 

Briefen K. Maximilians; er benutzte zur Geschichte K. Phi- 
Hpps I. das Tagebuch Antons von Lalaing, Herrn von Montigny, 
nachher ersten Grafen von Hochstraten, das dieser als Begleiter 
des damaligen Prinzen auf seiner Reise nach Frankreich und 
Spanien 1501 — 1502 in zwei Büchern, wie er sagt, in ele- 
gantem Französisch verfasste. Was er über den Aufenthalt 
Philipps und der Donna Juana in Paris und am königlichen 
Hoflager zu Blois, von Brüssel bis Bayonne, 4. November 
1501 bis 26. Januar 1502 mittheilt, ist diesem Tagebuche ent- 
nommen. 

Heuter zwingt uns dadurch, nochmal zu den Darstel- 
lungen der ersten Reise des Erzherzogs nach Frankreich und 
Spanien 1501 bis 1503 zurückzukehren. Wir besitzen näm- 
üch noch zwei andere Aufzeichnungen über denselben Gegen- 
stand, und zwar stammt die eine bisher so viel als unbenutzte 
von einem deutschen Begleiter des Prinzen, dem Pfalzgrafen 
Friedrich bei Rhein (später Churfürsten und Gemahl einer 
Nichte K. Karls V.) her; sie findet sich in Huberti Thomae 
Leodii annales Palatini (Francof. 1665) pag. 24 vor. Der Ver- 
fasser hat offenbar nach Berichten oder Aufzeichnungen des 
Pfalzgrafen, welcher am niederländisch-spanischen Hofe eine sehr 
eigenthümliche Rolle spielte, Einzelnheiten bekannt gemacht, die 
wir nur durch ihn kennen. Ein dritter Bericht eines Ungenannten 
ist in das schon früher erwähnte Ceremonial de France überge- 
gangen und kann nur von einem Augenzeugen herrühren (Recep- 
tion de la part du roy Louis XII faite a Philippe archiduc d'Au- 
triche, seigneur des Pays-bas, fils de TEmpereur Maximilian I et 
pere des empereurs Charles V et Ferdinand I, passant par 
la France avec sa femme Jeanne de Castille pour aller en Es- 
pagne ^s mois de Novembre et de Decembre de l'annee 1501. 
■ ; Et l'entrevue faite a Blois des dits Roi et archiduc. Tire du 
f^ Ceremonial franyais, t. H, pag. 711.) Uebrigens ist denn doch 
zwischen diesen Relationen ein erheblicher Unterschied bemerk- 
bar. Die pfälzische ist die kürzeste, enthält aber interessante 
Daten, freilich mit Bezugnahme auf den Pfalzgrafen, welcher auch 
Ende 1502 und 1503 Begleiter des Prinzen auf der Reise nach 
Barcelona und dann nach Lyon war. K. Ludwig, der übrigens 
undecimus statt duodecimus heisst, sei, von Podagra gequält, 
mühsam dem Prinzen entgegengegangen; seiner Leidenschaft für 

Sitzungsber. d. pliil.-hisf. Cl. CIV. iid. 1. litt. 1 (> 



242 Höfler. 

hohes Spiel — was man jetzt fluere nenne — habe er jeden 
Abend gehuldigt; an einem Tage habe man nach französischer 
Sitte gejagt, gebirscht, aber des schlechten Wetters wegen wenig 
ausgerichtet; das Gefolge habe Abends deutsche und französische 
Tänze aufgeführt, am vierten Tage aber sei der Prinz wieder 
fortgezogen. Lalaing sagt (bei Heuter, Rerum belgicarum, 
Lib. 17, pag. 259) post decem festos Blosii exactos dies, worauf 
der König den Erzherzog bis Amboise begleitet habe. Die 
reception erwähnt von dieser Begleitung nichts, sondern führt 
Tag für Tag vom 7. — 12. December an, was bei Hofe geschah. 
Rechnet man den Tag der Ankunft und der Abreise ab, so er- 
streckte sich der Aufenthalt auf volle vier Tage. Nach Lalaing 
verabschiedeten sich Philipp und Donna Juana am 15. von dem 
Könige und der Königin, wobei die Prinzessin der Madame 
Claude einen Brillantring im Werthe von 2000 Francs zum Ge- 
schenke machte, der König aber den Prinzen bis Amboise be- 
gleitete. Die Aufnahme des Prinzen und der Prinzessin in 
dem prachtvoll geschmückten Schlosse von Blois, wo der ganze 
Glanz des französischen Hofes sich entfaltete, wie denn über- 
haupt in Frankreich Alles den Typus einer einheitlichen Mon- 
archie an sich trug, ist in der französischen Darstellung bis in 
das Genaueste geschildert, jedoch im Gegensatze zu Heuter 
und in Uebereinstimmung mit der pfälzischen Darstellung an- 
gegeben, dass bei der ersten Zusammenkunft der König und 
der Prinz nur wenige Worte wechselten und nicht, wie Heuter 
sagt, zwei Stunden mit einander unter vier Augen verkehrten, 
auch wie das Gedränge so gross war, dass der Prinz und die 
Prinzessin von einander getrennt wurden, Letztere nur mit 
grosser Mühe zur Königin gelangen konnte. Als die Dame 
Claude, das kleine Töchterchen der Königin, das mit H. Carl 
(Charles-Quint) verlobt war, hereingetragen wurde, habe sie 
vor der grossen Menge schrecklich zu schreien angefangen etc. 
Mehrere andere ähnliche Züge, namentlich aber die Beschrei- 
bung der Prachtsäle und des ganzen Hofhaltes geben der re- 
ception einen gewissen bleibenden Werth. Wie armselig er- 
scheinen gegen dieses Auftreten des französischen Königthums 
die spanischen Zustände, wo es an königlichen Schlössern und 
Residenzen nicht minder als an blühenden und volkreichen 
Städten gebricht, die Könige in den Palästen der Granden ab- 



^v. 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 243 

steigen und wohnen müssen, der Glanz des Adels das König- 
thum in den Hintergrund drängt, von einer Hauptstadt wie 
Paris nicht im Entferntesten die Rede ist. 

Eine, und zwar sehr wichtige Stelle aus Lalaing finden 
wir bei Heuterus nicht erwähnt, sei es, dass sie sich in dem 
Originale, welches er in Händen hatte, nicht vorfand, sei es 
aus einem uns unbekannten Grunde. Während er nur ganz 
zuletzt die Eifersucht der Königin Donna Juana erwähnt (Rerum 
austriacarum, Lib.l7,pag. 151), berichtet Lalaing über die Gründe 
derselben ausführlich (Henne, pag. 18): La chose est tellement 
allee que la bonne reine n'a eu en trois ans non plus de bien 
ni de repos qu'une femme damnee ou une femme hors de sens. 
Et pour en dire la verite eile avoit quelque occasion de ce faire: 
car comme je vous ai dit son mari estoit beau, jeune et fort 
bien nourri et lui sembloit qu'il pouvoit beaucoup plus accomplir 
des Oeuvres de nature qu'il n'en faisoit et d'autre part il entoit 
avec beaucoup de jeunes gens et de jeune conseil qui a l'aven- 
ture lui faisoient et disoient plusieurs parolles et pr^sens de 
belies fiUes et le menoient souvent en plusieurs lieux dissolus 
dont les rapports lui estoient faits et peut-etre aucunes fois pires 
que le fait. Tellement qu'elle se contenoit en femme deses- 
per^e et ne regrettoit en ce monde fors sa vie et estoit tenue 
tant ^s pays d'embas que ailleurs encloze et tellement serree^ 
qu'elle ni parloit ni veoit nulle personne que ceux qui estoient 
contraints la servir et lui donner ;i boire et a manger et ad- 
ministrer ses nöcessites — — . De la quelle chose le bon 
roi avoit si grand deuil que sans faute s'a estö une 
des principales causes de sa mort. 

Zur Erläuterung dieser Darstellung, welche durch die 
Beziehungen des Herrn von Montigny zum königlichen Hofe 
\ besonderes Gewicht erhält, dient die nachfolgende Stelle: il 
semble que si le bon prince eut demeur^ sous son ancienne et 
bonne garde, de la quelle il avait ete preservö nourri, appris et 
endoctrinö qu'il n'eut point fait plusieurs jeunesses, qu'il faisoit 
journellement et qu'il ne fut jamais este en Heu ni place dont 
la reine eut en quelque suspicion ni occasion de courroux ni de 
Jalousie; mais le bon roi se laissa tellement mener de l'eveque 
de Besanyon et d'aucuns jeunes gens qu'il fut contraint de 
chasser arriere de lui, voire tous ceux qu'il avait en reverence 

IG* 



244 Höfler. 

tant poui* ce que le roi son pere les lui avait bailles que pour 
rhoüiieur et reverence de la nourriture. 

Damit sind directe Anklagen gegen den Prinzen ausge- 
sprochen und wird der Eifersucht der Prinzessin eine factische 
Grundlage gegeben. Lalaing behauptet^ dass Donna Juana drei 
Jahre keine Ruhe mehr gehabt habe. Das würde auf die Jahre 
1504, 1505, 1506 hinweisen, d. h. auf ihre Rückkehr aus Spanien 
nach den Niederlanden, und die Scene, die sie dort aufführte. 
Henne verweist hiebei auf Varillas (La pratique de l'education 
des princes, pag. 94). Die Hauptquellen sind aber Don Pedro 
de Anghiera und Alvaro Gomez. Die Sitten Spaniens und des 
burgundischen Hofes waren insoferne sehr verschieden, als die 
Beziehungen zu dem weiblichen Geschlechte an letzterem viel 
freundUcher sich gestalteten als am königlichen Hofe. Philipp 
liebte den Umgang mit Frauen, und auch Lorenzo von Padilla 
weiss von seinen geheimen Verbindungen — a mugeres dabase 
muy secretamente , pag. 149 — zu reden, und je unliebens- 
würdiger sich Donna Jaana benahm, desto mehr mochte er 
ausserhalb des ehelichen Kreises Erholung suchen. Am burgun- 
dischen Hofe war dieses keines Aufhebens werth. Philipp der 
Gute, Vater H. Karls des Kühnen, hinterliess vierzehn Bastarde, 
unter ihnen Anton, den Vater Philipps und Antons von Burgund, 
David, nachher Bischof von Terouanne und endlich von Utrecht, 
Raphael, Abt von St. Bavo in Gent, Anna, die in zweiter Ehe 
den Adolf Herzog von Cleve, Herrn von Ravenstein heiratete, 
und den Bastard Balduin, welcher eine Tochter Don Juan Ma- 
nuels heiratete und nach dem Tode des Franz von Buxleiden, 
Erzbischofs von Besan9on und früheren Erziehers Philipps, Prä- 
sident des königlichen Rathes wurde. (Heuterus, Rerum austria- 
canim VI, pag. 141.) 

Wie es am Hofe K. Karls VHI. von Frankreich aussah, 
davon wusste man in Italien nicht minder als im Heimatlande 
zu erzählen.' Qurita aber behauptele, K. Philipp habe einen 



^ Von seinem Nachfolger K. Ludwig Xu. berichtete der apostolische Nun- 
tius, Nov. 1498 (R. Brown I, nr. 774): the King never gives aught to 
any one in the world and devotes himself to lascivious pleasures to bis 
utmost, — he hoped for the settlement of the devorce froin bis wife 
(Tochter Ludwigs XI.) that he might espouse the duchess of Britanny 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 24ö 

Unterthan K. Karls in seinem Gefolge gehabt, welcher ihm das 
Leben, das dieser führte, trefflich lehrte und das er ebenso gut 
gelernt habe (t. I, pag. 246). Ist damit Franz von Buxleiden 
gemeint, was aus den Worten Lalaings abgeleitet werden könnte, 
so stehen diesem wieder so ausgezeichnete Eigenschaften zur 
Seite und wurde derselbe, ungeachtet er in Bezug auf Philipps 
Reise nach Spanien die K. Ferdinand entgegengesetzte Meinung 
vertheidigte und schliesslich durchsetzte, so sehr von den reyes 
catolicos geehrt, auch von Don Pedro Anghiera als eine her- 
vorragende Persönlichkeit bezeichnet, dass es schwer fällt, eine 
solche Verunglimpfung nachzusprechen. Es ist aber keine Nach- 
rede, sondern eine sichere Thatsache, dass der Gemahl Donna 
Isabels, der rey catolico Don Fernando de Aragon, von der 
Donna Aldonga Roch de Yborra y Aleman den nachherigen 
Erzbischof von Saragossa, Don Alonso de Aragon hatte ; von 
einer anderen Frau Donna Juana de Aragon, Gemahlin des Con- 
destable de Castilla, Don Bernardino de Velasco; von Donna 
Toda aus Bilbao die Donna Maria, eine andere Maria von einer 
Portugiesin aus dem Hause Pereyra. Die beiden Marien wur- 
den Nonnen im Augustinerinnenkloster zu Madrigal.' Hievon 
erwähnt freilich Curita nichts. Wenn ferner bei dem Empfange 
des Prinzen und der Prinzessin in Toledo im Mai 1502 Donna 
Isabel die natürhche Tochter ihres Gemahls neben sich sitzen 
Hess, so war es nicht immer der Fall gewesen. Wir besitzen 
einen Bericht Quirino's an seine Signoria über die Unterredung 
K. Ferdinands und K. Philipps in Renedo am 5. Juli 150(), 
wobei der König seinen Schwiegersohn bat, er möge seine 
Gemahlin so ertragen, wie er die Königin Isabella, la quäl 
in zoventu per zilosia se trovo in assai pezor termine che al 
presente non si atrova questa sua tiola, tamen suportata da lui 
ritorno in si et fu la regina che tuto il mondo ha oogTioscuto. 
Ich lasse es dahingestellt, ob K. Ferdinand, der seine 
Tochter nicht gesehen, über ihren Zustand das Wahre ausge- 
sagt hat. Er wollte auch noch später niemals zugeben, dass 
K. Philipp sie in eine Festung einsperre, obAvohl sie ihn bei 



(Witwe K. Karls VIII.) with whom it is affirmed that he consummated 
raariage before she qiiittod France. 
1 Salazar de Mendoza, Origen de las diguidades 1618, pag. 151. 



246 Höflev. 

jeder Gelegenheit vor den Cortes, vor den Granden, vor ihrem 
eigenen Gefolge prostituirte und geradezu erklärte, sie könne 
wegen seiner absolut keine weibliche Bedienung haben. Nach- 
dem aber K. Ferdinand, der sie schon vor den Cortes in Toro 
für regierungsunfähig erklärt hatte, sie bei seiner Rückkehr 
von Neapel gesehen und ihr Benehmen in der Nähe beobachtet 
hatte, internirte er sie für immer im Schlosse von Torde- 
sillas. Donna Juana war eine ihrer Mutter sehr unähnliche 
Tochter und besass keine von den hervorragenden Eigenschaften 
der Donna Isabel, am wenigsten die, sich in eine gegebene Lage 
zu linden. Uebrigens kann es wohl sein, dass, wenn die Köni- 
gin Donna Isabel eine Ahnung hätte haben können, dass Don 
Fernando noch innerhalb des Trauerjahres sich mit einer Fran- 
zösin vermählen und sich dazu seine ganze uneheliche Sipp- 
schaft laden werde, sie dann auch wie eine afrikanische Löwin 
aufgefahren wäre, mit welcher Don Pedro de Anghiera das 
Benehmen ihrer Tochter Donna Juana vergleicht. Besässen 
wir das Tagebuch ihrer Extravaganzen, das Philipp 1504 seinen 
Schwiegereltern übersandte, so wäre das Urtheil über sie wohl 
sehr einfach. Aber auch das, was Lalaing erzählt, genügt, — Elle 
fit tant qu'elle demeure seule de toutes femmes du monde, fors 
qu'une lavandiere qui aucunes fois et a l'heure qu'il lui plaisait, 
lui lavoit son linge en sa presence. Et en tel estat alloit seule 
et Sans compagnie de femme estoit et se contenoit avec son 
mari, faisant ses necessites et se servant eile meme, comme une 
povre esclave et en tel estat alloit aupres de son mari par les 
champs ou la compagnie de dix ou aucime foi de vingt mille (?) 
hommes, seide femme, sans compagne. 

Dieser Theil der Geschichte der Donna Juana und wie 
sie ihrem Gemahle die Existenz vergiftete, die Scene von 
Muzientes, wo sich K. Philipp in ein Kloster zurückzog, die 
von Benavente , wo übrigens K. Ferdinand und K. Philipp 
nicht, wie Henne I, pag. 119 behauptet, zusammenkamen, und 
endlich die von Coxeres aufführte, ohne Würde, ohne Weib- 
lichkeit und ihrer königlichen Stellung nm- eingedenk, wenn es 
etwas Verkehrtes zu befehlen gab, ist noch nicht geschrieben. 
Selbst der Venetianer Quirino, welcher anfänglich für sie war, 
tadelt dieses Benehmen, das in Spanien 1506 den höchsten 
Grad ex'reichte, in starken Worten. Es wird daher schwerlich 






Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 



247 



der Behauptung etwas Gründliches entgegengestellt werd-en kön- 
nen, dass die castilianische Heirat für K. Philipp persönlich das 
grösste Unglück war, ihm sein Leben frühzeitig kostete 
und er zuletzt noch froh sein durfte, dass er, nach kurzer Krank- 
heit 28jährig am 25. September 1506 sterbend, doch als König 
starb und der Entthronung dvirch seinen Schwiegervater und seine 
Gemahlin entging, die sich zuletzt in den Kopf gesetzt hatte, 
kein Niederländer dürfe König von Castilien werden, 
aber auch keine Frau eines Niederländers Königin und 
somit sie selbst nicht, noch viel weniger ihr Gemahl, son- 
dern nur ihr Vater, der König Don Fernando de Aragon, den 
die Granden um keinen Preis mehr wollten. 

Wir werden den letzten Ausspruch noch genauer zu be- 
gründen Gelegenheit haben. Der Bericht des Herrn Anton 
von Lalaing über die erste Reise des Erzherzogs-Prinzen von 
Spanien und seiner Gemahlin zu K. Ferdinand und Königin Isa- 
bella besitzt somit bedeutende Vorzüge. Der Herr von Montigny 
war, drei Excursionen nach San Jago de Compostella, nach 
Granada und Valencia, endlich nach Marseille abgerechnet, 
der ständige Begleiter des Erzherzogs vom 4. November 1501 
an, an welchem Tage die Reise von Brüssel aus nach Frank- 
reich angetreten wurde, durch die Königreiche Frankreich und 
Navarra, nach CastiHen zur Huldigung in Toledo, nach Aragon 
zur Huldigung in Saragossa, nach Frankreich, nach Savoyen, 
zum dritten Male nach Frankreich, nach Hochbm-gund, dm-ch 
Oberdeutschland nach Tirol, von da nach Mainz, Köln und 
endhch nach Malines, wo der Prinz ohne seine Gemahlin am 
9. November 1503 bei seinen Kindern ankam. Der Bericht, nach 
einer Stelle erst nach dem Tode der Königin Isabella ausge- 
arbeitet (1504), ist eine Art von Court-joiu-nal, Avelches Tag für 
Tag sehr genau angibt, wie die hohen Herrschaften gekleidet 
waren, wo sie zur Messe oder Vesper gingen, wo sie zu 
Mittag oder Abend speisten, tanzten, jagten oder Ball schlugen, 
wer sie in den verschiedenen Städten, Biu'gen etc. empfing 
und dabei nie vergisst, zu bemerken, ob eine Stadt ge- 
pflastert war oder nicht. Abgesehen von diesem besteht der 
Hauptwerth in den chronologischen Daten, wodurch der Auf- 
enthalt des Prinzen zwei Jahre lang Tag für Tag sicher- 
gestellt wird, wenn auch namentlich auf tirolischem Gebiete 



248 Höfler. 

die Feststellung der Ortschaften einer kritischen Untersuchung 
unterliegt. 

Für Montigny ist es eine Sache von besonderer Bedeutung, 
hervorzuheben, ob K. Ludwig XIE. oder K. Ferdinand el cato- 
lico vor dem Prinzen die Mütze lüfteten, den Handkuss zu- 
Hessen, wer zur Rechten oder zur Linken ritt und ähnhche Dinge, 
die die Weltgeschichte etwas weniger, aber das Herz eines 
Hofmannes sehr erregen, übrigens auch von dem Prinzen selbst 
in seinen uns erhaltenen Schreiben sehr hervorgehoben werden. 
Er theilt mit, dass der Herr von Berghes plötzlich entlassen und 
aus Spanien zurückgeschickt wurde, was ungemeines Aufsehen 
erregte, fügt aber hinzu, dass der Grund dieses Verfahrens, den 
man so gern erfahren möchte, ihm unbekannt geblieben sei. Er 
erwähnt den Tod des maistre Gille Besselede, archevesque de 
Bezenchon (Franz von Buxleiden, Erzbischof von Besancon), 
23. August 1502, führt an, dass er, abgesehen von seinen bischöf- 
Hchen Wüi-den, Propsteien, Pfründen ohne Zahl in Belgien be- 
sessen habe, und macht zu" seinen letztwilligen frommen Ver- 
fügungen die charakteristische Bemerkung: aulmonnes faites en 
sancte de biens salutairement acquis sont meritoires (pag. 197). 
Niemand misskennt den Stachel, der in diesen Worten liegt. Er 
hebt die wichtige Thatsache hervor, dass Prinz und Prinzessin 
nach der Huldigung in Saragossa gleich zusammen nach Flandern 
reisen wollten und deshalb schon Abschied von der Königin 
Isabella nahmen, 30. September 1502 (pag. 220), so dass also 
der Entschluss, die Prinzessin in Spanien zurückzidassen und 
allein nach Flandern zu gehen, erst späteren Datums war 
und dadurch das Schreiben Ferdinands und Isabellens an den 
Marques de Villena, Madrid, 7. December 1502 (Documentos 
ineditos, t. VIH, pag. 269) sich erklärt. Nachdem sich durch 
die Erkrankung der Königin Isabella im Spätherbste 1502 die 
festgestellte Abreise nach Flandern unerwartet verzogen, blieb 
kein anderer Ausweg übrig, als die Infantin im siebenten 
Monate ihrer Schwangerschaft nicht den Gefahren einer höchst 
beschwerhchen Winterreise auszusetzen, welcher der Prinz selbst 
beinahe erlag. Diese Thatsache zerstört viele willkürliche Com- 
binationen. 

Ein anderer Punkt von Wichtigkeit betrifft eben diese 
Erkrankung des Prinzen, nachdem er am 10. April 1502 Lyon 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 249 

verlassen, dein Könige und der Königin von Frankreich aber 
sein Wort gegeben, nicht ohne sie nochmals gesehen zu haben 
nach den Niederlanden zurückzukehren. Er erkrankte am 
17. April in Bourg, Hess sich wirklich, sein Wort zu lösen, 
nach Lyon zurückbringen und lag nun in der Abtei de Aisney 
so hart am hitzigen Fieber darnieder, dass er am 10. Juli von 
vierzehn Aerzten aufgegeben wurde. Am 2. Juni fand in 
Aisney die Auseinandersetzung mit den spanischen Gesandten 
statt, wobei sich der Erzherzog in Betreff seines Vorgehens 
auf die ihm ertheilte, von K. Ferdinand und Königin Isabella 
unterzeichnete Instruction berief, während die neue Gesandt- 
schaft keine solche besass (pag. 291). Den Aufenthalt in Inns- 
bruck setzt Montigny vom 13. September bis 5. October, wo- 
bei der stattgehabten Feierlichkeiten umständlich gedacht wird. 
Auf dem Heimwege erhielt der Prinz noch die Mission, mit dem 
Erzbischofe Berthold von Henneberg, Churfürsten von Mainz, 
wegen dessen Abdankung zu unterhandeln. Im Text heisst es: 
adlin qu'il veulsist resigner son benefice es mains du marquis 
de Brandenbourg, qui la estoit advec luy, non mie le electeur, 
pag. 329. Der gelehrte Herausgeber fügt in der Note hinzu: 
C'est a dire non pas l'electeur. Nous avouons ne pas com- 
prendre ces mots. Ich möchte nicht zweifeln , dass Berthold 
zwar nicht zu Gunsten des regierenden Markgrafen - Chur- 
fürsten abdanken sollte , der als Laie doch nicht Churfürst 
von Mainz werden konnte, wohl aber zu Gunsten des Mark- 
grafen von Brandenburg, welcher den Erzherzog von Innsbruck 
nach Mainz zu diesem Zwecke begleitet hatte und nun Erz- 
bischofwerden sollte. Der Ausdruck scheint mir keine Schwierig- 
keiten zu haben. Der niederländische Ritter Montigny, welcher 
nach seiner Rückkehr aus Tirol gleich eine grosse Herausforderung 
ergehen Hess, besass übrigens Sinn und Interesse für mannig- 
faltige Dinge. Er vergleicht regelmässig die Grösse der von 
ihm besuchten Städte mit belgischen, beschreibt den Bau 
schöner Schlösser und Burgen, zählt die Einkünfte des hohen 
spanischen Clerus, der Ritterorden und der Granden auf, hat 
für fremde Sitten und Gebräuche ein feines Ohr, freilieh auch 
einen bodenlosen Wunderglauben. Während die Spanier und 
Portugiesen die neue Welt entdeckten, entdeckten Anton von La- 
laing, der Venetianer Navagero, sein Zeitgenosse, ein Italiener 



250 Höfler. 

und ein Belgier, das Wunderland Spanien für die mittel- und ost- 
europäische Welt. Der Sagenkreis der schönen Melusina, Rolands 
und seiner Gefährten, die verrätherisch an den muselmännischen 
Sultan verkauft worden , Karls des Grossen überhaupt, führt 
wie ein grosser Leitfaden durch die Welt der Abenteuer direct 
nach Spanien, imd zwar in das Baskenland, nach Castilien und 
nach Aragon. Von der Alhambra, die Montigny besuchte, 
nordwärts gegen Sevilla und Toledo drangen arabische Tradi- 
tionen; Alles überragten aber die eigentlich christlichen Legen- 
den, die sich an bestimmte Klöster , Wallfahrtsorte , Bischof- 
sitze, Einsiedeleien und eine Unzahl von freilich sehr zweifel- 
haften Reliquien anschlössen, an Königsgräber, Kreuzpartikeln, 
Dornen von der blutigen KJrone Christi, an dessen Grabtuch, wie 
an die Ruthe Aarons. Es war kein Ort dieser Art, wo nicht 
Wunder auf Wunder geschahen, alle Legenden über Kloster- 
begründung, über das Leben und das Ende der Apostel oder 
der heiligen Frauen, die den Herrn begleitet und auf ihrer 
Pilgerfahrt zuletzt nach Spanien gekommen seien, wurden mit 
einer Innigkeit geglaubt, dass man Mühe hat, sich in diese 
Welt zu versetzen , die wie in einem Zaubergarten des reli- 
giösen Mythus sich bewegte, und, je zweifelhafter diese Tradi- 
tionen ihrem geschichtlichen Ursprünge nach waren, desto fester 
und inniger sie wahrte. Wehe, wenn die Zeit kam, die den 
Zweifel gebar und dieser dann das Echte und Sichere mit 
dem Unechten und Widerspruchvollen auf Eine Linie setzte! 
Diejenigen, welche neben Legenden voll poetischen Inhaltes 
auch ganz abgeschmackte lehrten und dadurch sich bereicherten, 
trugen dann die Schuld, wenn auch das Heilige in den Verruf 
der absichtlichen Fälschung und Misskennung gerieth und 
die Glaubwürdigkeit des unzweifelhaft Wahren selbst gefährdet 
wurde. Der Moment des heftigen Conflictes zwischen christ- 
licher Romantik und christlicher Wahrheit war dann unaus- 
bleibHch. 

Der erwähnten Fehler ungeachtet bleibt Montigny ein 
sorgfältiger Beobachter spanischer Verhältnisse und wetteifert 
in dieser Beziehung mit dem Venetianer Quirino, der gleich ihm 
den König auf der zweiten Reise nach Spanien begleitete. Es ist 
interessant. Beide in dem Berichte über das Einkommen des 
Adels und der Krone zu vergleichen. 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 251 

In Betreff der Bischöfe und Erzbischöfe von Oastilien 
gibt Quirino (relazione , pag. 23) nur an, dass der Erzbischof 
von Toledo ein jährliches Einkommen von 40.000 Ducaten 
habe, die übrigen 5000—18.000, die geringsten 1000—4000. 
Zu den mittleren rechnet er die Erzbischöfe von San Jago und 
Sevilla und den Bischof von Burgos. Montigny gibt dem Erz- 
bischof von Toledo 52.000 Goldgulden," dem von Sevilla 
24.000,2 von Granada 34.000, San Jago 18.000, dem Bischof 
von Burgos ebenso viele. Es folgen die Bischöfe von Segura 
und Palencia mit 14.000, Osma mit 12.000, Cordova, Jaen, 
Aissia (?) mit 10.000, Leon, Plasencia, Salamanca, Calatrava, 
Avila mit 8000, Zamora, Oviedo, Badajoz und Astorga mit 
6000, Ciudad Rodrigo, Coria, Lugo, Tuy, Almeria, Cadix, 
Orense mit 4000, Malaga, Mondanedo mit 5000. 

Nach Quirino bezog der Condestable 50.000 Ducaten jähr- 
lich, der Herzog von Medina Sidonia 40.000,3 Medina Celi 
35.000, Recos (Arcos?) 30.000, Infantado und Alba 25.000, 
Mian(?) 22.000, Agen (?) 17.000, der Graf von Benavente 27,000, 
der Almirante 30.000, der Marques von Villena 50.000, im 
Ganzen Prälaten und Granden 800.000 Ducaten. Montigny 
schreibt dem Condestable ein Einkommen zu von 72.000 Gold- 
gulden, dem Admiral nur 15.000, dem Herzog von Alba 40.000, 
Infantado und Medina Celi je 40.000, Medina Sidonia 56.000, 
Najera 20.000, Bejar 28.000, Albuquerque 23.000, Cadix und 
Arcos je 16.000, Marques von Villena 20.000,^ Astorga und 
Villafranca je 12.000, Marques von Zenette,^ Aquilar, Moya je 
16.000, Denia 10.000. Dann bringt er erst noch ein Ver- 
zeichniss von 38 Grafen und 2 Viscondes zusammen mit 350.0U0 
Goldgulden Einkünften (pag. 234), an ihrer Spitze der Graf 



' Navagero, Lettere, pag. 304: 10.000 Ducaten und ung-efähr ebenso viele 
die Domkirche, e piü entrata ha l'arcivescovado e chiesa de Toledo che 
tutto 11 resto della cittä, pag. 306. 

2 Nach Navagero hatte jeder Canonicus von Sevilla 400 — 500 Ducaten 
jährliche Einkünfte. 

^ Nach Navagero, Viaggio pag. 362; piü di 70.000 ducati. 

* Nach Navagero mehr als 70.000 Ducaten. 

■^ Aelterer Sohn des Cardinais Don Pero Gonzalez de Mendoza mit 
30.000 Ducaten Einkünfte; der jüngere Sohn, Don Diego de Mendoza» 
hatte von seinem Vater ein Einkommen von 15.000 Ducaten. 



252 Höfler. 

von Benavente mit 44.000 Golclgulden und der Graf von Urena 
mit 24.000. 

Nach Quirino bezog der Grrossmeister von San Jago jähr- 
lich 40.000 Ducaten, nach Montigny 64.000; der von Calatrava 
nach Quirino 35.000, nach Montigny 40.000; der von Alcantara 
nach Quirino und Montigny 36.000. Die 100 Commendatoren 
von San Jago bezogen nach Quirino ein jährhches Einkommen 
von 40.000 Ducaten. Der Orden hatte 50.000 Vasallen. Die 
50 Commendatoren von Calati^ava bezogen 35.000 Ducaten 
Rente. Der Orden verfügte über 5000 Pferde (vasalli?). Der 
Orden von Alcantara hatte 20 Commendatoren mit einem jähr- 
lichen Einkommen von 30.000 Ducaten. Der Orden verfügte 
über 5000 Vasallen (pag. 26). 

Montigny schreibt noch dem Grosscommandeur von Leon 
40.000 Ducaten Rente zu, dem Grosscomthur von Calatrava 
8000, dem clavero von San Jago 8000, dem von Calatrava 6000, 
dem von Alcantara 2000, dem Prior von San Juan 10.000, dem 
von San Marco und Leon 8000, dem von Velles 6000, dem des 
Conventes von Calatrava 4000. Von den 6 Adelantaden bezog 
der von Castilien 12.000 Goldgidden, der von Murcia 14.000, der 
von Leon 6000, der von Cazorla 8000, der von Granada 6000, 
der von Andalusia 16.000. Von den 4 Marschällen hatte der 
von Naves und der von Melpica je 2000, der von Salvedra 
3000, der von Penaflor 1000 Goldgulden. 

Da K. Ferdinand die drei Grossmeisterthümer in seinem 
Besitze hatte, genoss er von diesen ein Einkommen von min- 
destens 120.000 — 140.000 Ducaten, der eigentliche König von 
Castilien — nichts, so dass er weder den Hof, noch die Armee 
unterhalten konnte. Der zärtliche Schwiegervater hatte ihm 
von den königlichen Renten nichts gelassen. — 

Bei dieser Erörterung mag es genügen, an zahllosen Bei- - 
spielen hervorgehoben zu haben, wie sehr die Geschichte 
K. Philipps im Argen liegt und der Forscher beinahe keinen 
Schritt zu machen im Stande ist, ohne auf Klippen oder Un- 
tiefen zu stossen. Es ist dies aber die Uebergangszeit von 
dem 15. zum 16. Jahrhunderte. Nur ein Jahrzehnt trennt 
uns von der grössten und folgenreichsten Revolution, welche 
die neuere Geschichte kennt, der kirchlichen Umwälzung, und 
wir müssen zu unserer Beschämung gestehen, dass wir in der 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 253 

Vorhalle derselben uns mühsam erst den festen Boden zu bereiten 
suchen. Ich habe in der Schrift: , Die romanische Welt und 
ihr Verhältniss zu den Reformideen des Mittelalters/ Wien 
1878, auf die Nothwendigkeit hingewiesen, sich die Geschichte 
der reformatorischen Bewegungen unmittelbar vor Ausbmch 
der grossen Glaubensspaltung zu vergegenwärtigen und damit 
die Frage zu erledigen, inwiefern die Romanen berufen waren, 
dem immer stärker sich kundgebenden Andränge nach einer 
kirchlichen Reform zu entsprechen. Die jüngst erschienene 
dritte Abtheilung ,Zur Kritik und Quellenkunde der 
ersten Regierungsjahre K. Karl V. (1883) hat hiefür neue 
wissenschaftliche Belege geliefert. Die Abhandlungen aus dem 
Gebiete der slavischen Geschichte und das vor zwanzig Jahren 
geschriebene Werk über Johannes Huss und den Abzuff der 
deutschen Professoren und Studenten aus Prag, gewährte der 
Anhaltspunkte genug, um dieselbe Frage vom Standpunkte der 
slavischen religiösen Bewegung zu erörtern. Vom deutschen 
Standpunkte aus sie in Angriff zu nehmen, ist jetzt ein Wag- 
niss, da jede Erörterung, die zu unlieben Resultaten führt, nicht 
blos des Anathema's deutscher Zeloten sicher ist, sondern auch 
sich auf jene Rohheit der Denk- und Ausdrucksweise gefasst 
machen muss, die seit dem Culturkampfe sich in unsere 
literarische Journale einbürgerte und einen Mann der Wissen- 
schaft geradezu anwidert. Nichtsdestoweniger muss ausge- 
sprochen werden, dass wir von dem Standpunkt v er gl eich en- 
der Geschichte der tonangebenden Nationen des IG. Jahrhunderts 
keine Geschichte des kirchlichen Revolutionszeitalters besitzen, 
um darzuthun, wie es kam, dass die allgemein erstrebte Re- 
formbewegung in die Revolutionsbewegung umschlug und 
namentlich in Deutschland das Heil nur mehr in einem neuen 
Glauben gesucht wurde, im Bmche mit der ganzen Ordnung 
der Dinge, die unsere Altvorderen dem Heidenthume entriss 
und 1500 Jahre als Quelle des Lebens galt, mit der ganzen 
Verfassung, die den apostolischen Zeiten entstammte, mit der 
eigenen Vergangenheit, die weder ein Fürst noch ein Volk un- 
gestraft von sich stossen darf! 

Wir sind da zunächst auf die Geschichte Maximilians I. an- 
gewiesen, dessen letzte Lebensjahre in den Anfang dieser gross- 
artigen Umwälzung hineinragen, und wenn wir sie befragen 



254 Höfler. 

und Aufschlüsse von ihr begehren , so erhalten wir nirgends 
genügende Antwort. Im Gregentheile, befragen wir in Betreff 
der wichtigsten Ereignisse seiner Jugendperiode die unstreitig 
mit vielem Talent und mannigfaltigem Studium verfasste Hi- 
stoire de Flandre von Kervyn de Lettenhove, t. V: Duc de 
Bourgogne, und t. VI: Temps modernes, Bruxelles 1850, so 
tritt uns eine so feindselige Gesinnung, eine so entschiedene 
Parteilichkeit für die aufrührerischen Flanderer und gegen Ma- 
ximilian, eine so consequent durchgeführte Kunst des Ver- 
schweigens wichtiger Thatsachen hervor, dass eigentlich Capitel 
für Capitel umgeschrieben werden müsste. Maximilians grosses 
Verdienst war, mit ungemeiner persönlicher Aufopferung, man 
kann sagen, die Pike in der Hand und seine Kanonen selbst 
dirigirend, Belgien gegen die Franzosen vertheidigt und diesen 
die Niederlande entrissen, sie dem deutschen Reiche wieder 
gewonnen zu haben. Ich begreife, dass dieses in den Augen 
mancher Personen kein Verdienst, sondern eine grosse Schuld 
ist. Es wird aber doch wohl gestattet sein, sich von der Herr- 
schaft französischer Historiographie und der einseitigen Auf- 
fassung grosser Weltbegebenheiten unter der Form ,der Riva- 
lität zweier Fürstenhäuser' zu emancipiren und an die Stelle 
derselben das Bestreben der Franzosen zu setzen, die Herr- 
schaft in Europa zu erlangen, sich auf Kosten der Nachbarn 
zu vergrössern und ein System des Vertragbruches und der 
Treulosigkeit emporzubringen, mit welchem die moderne Aera 
beginnt und das sich in Ludwig XIV., Napoleon I., zur Dictatur 
erschwang. Es handelt sich meiner Ueberzeugung nach um 
nichts Geringeres, als mit einer gewissen Art von Geschicht- 
schreibung aufzuräumen und den Boden zu einer anderen uni- 
versellen zu schaffen, die nicht, was in Einem Lande — gleich- 
viel , ob Frankreich oder Deutschland — vor sich ging , nur 
von dem einseitig patriotischen Standpunkte desselben auffasst 
und den übrigen Nationen, ihrer eigenthümlichen Entwicklung, 
keine Gerechtigkeit zuerkennt, oder, wie es unlängst geschah, 
es für ein Pamphlet ausgibt, wenn man eine Vergleichung des 
Entwicklungsganges Deutschlands und Spaniens unternimmt, was 
freilich nicht Jedermanns Sache ist, auch nur zu versuchen. 
Es ist nicht wissenschaftlich, an den gewaltigen Gegen- 
sätzen vorüberzugehen, die der slavisch-magyarische Osten und 



Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 255 

der romanische Westen ^egen das Reich der Mitte, Deutsch- 
land, bildeten, das selbst im Anfange des 16. Jahrhunderts dui'ch 
die grossen Weltbegebenheiten von den Romanen übei-flügelt 
wurde. Damals war es, dass Maximilian durch das burgun- 
dische Herzogthum, mit dessen Titel und Insignien er sich so 
gerne schmückte, das Reich mit dem Welthandel verband, als 
sich dieser nach Sevilla und Lissabon gezogen hatte. Damals 
war es, dass Maximilian nicht blos die Krone von Ungarti, die 
ihm vertragsmässig zukam, zu erwerben trachtete, sondern auch 
geradezu die Königreiche, die man unter dem Gesammtnamen 
Ungarn begriff, dem deutschen Reiche einzuverleiben gedachte. 
Es war ein grossartiger und fruchtbarer Gedanke, der Ungarn 
von zweihundertjähriger osmanischer Knechtschaft zu befreien 
vermochte, wenn er zur That wurde. An dem Hohne und der 
Schadenfreude der Franzosen, als der Plan scheiterte, kann 
man sehen, wie sehr die Erbfeinde der Deutschen das Gelingen 
desselben perhorrescirten. Das deutsche Reich, im Innern dem 
Kampfe der Stände verfallen und einer Revolution entgegen- 
gehend, deren Charakter man damals nur nach dem steigenden- 
Hasse der Laien gegen den übermächtigen Clerus bemessen 
konnte, selbst mit Italien in Zwiespalt, an dessen Vereinigung 
mit dem Kaiserreiche die echten deutschen Kaiser ihre ganze 
Kraft gesetzt hatten, bedurfte eines Anlehnens an einen an- 
dern Staat, sei es Ungarn, sei es Spanien, um bei der sich 
jetzt vollziehenden Bildung eines neuen Staatensystemes und 
der Uebermacht Frankreichs sich aufrecht zu erhalten. So viel 
und so glänzend über die grosse Blüthe Deutschlands im An- 
fange des 16. Jahrhunderts — im Gegensatze zu den Bürger- 
kriegen und der Verwirrung, die letztere über das arme Vater- 
land brachten — geschrieben wurde, der Mangel an Einheit, 
an Organisation, an nachdrücklicher Leitung Hess keine Macht 
aufkommen, und wo sich Mächte messen, entscheidet die grös- 
sere, die besser organisirte, die geeinigte Macht! Das fühlte 
Maximilian sehr wohl , während die Churfürsten des Reiches 
ihren König und Kaiser zwangen, bei den wichtigsten Ver- 
handlungen den Berathungssal zu verlassen und draussen vor 
der Thüre zu warten, bis ,die sieben grossen Leuchter der 
Welt' mit ihren Berathungen fertig geworden waren. Das war 
im geeinigten Frankreich, in Castilien, in Aragon, in England 



« 



256 Höfler. Quellen der Geschichte Philipps des Schönen. 

oder Portugal unmöglich ! Alles hatte in Deutschland nur die eine 
Aufgabe sich gestellt, die Centralgewalt zu schwächen, und der 
religiöse Bürgerkrieg, der sich jetzt entzündete, hat Deutsch- 
land vollends zum Spielballe der Factionen gemacht, deren 
Häupter, wenn sie sich an Frankreich anschlössen und das 
Reich verriethen, noch jetzt als Patrioten gepriesen werden! 
Nichts thut uns mehr Noth als eine gründliche Geschichte 
Maximilians, ohne welche die seines Enkels Karl V. nicht ge- 
schrieben werden kann. 

Doch es bieten die Quellen der Geschichte der letzten 
Jahre K. Philipps noch Gelegenheit genug dar zu wissenschaft- 
lichen Erörterungen über ihn und seine Zeit, und Manches, 
was bisher nur angedeutet werden konnte, wird in dem, was 
noch folgt, seinen Abschluss finden. 



Meyer. Albanesische Studien I. 257 



Albanesische Studien. 

Von 

Gustav Meyer. 

I. 

Die PluralbilduQO'en der albanesisclien Nomina. 



Einleitung. 
I. Quellen und Hilfsmittel. 

Uie Zahl der Quellen, aus denen wir eine Kenntniss alba- 
nesischer Spracherscbeinungen gewinnen können, hat sich nicht 
unerheblich vermehrt, seitdem Herr Miklosich im ersten Hefte 
seiner bahnbrechenden , Albanischen Forschungen', Wien, 1870, 
eine Uebersicht der von ihm benutzten Hilfsmittel gegeben hat. 
Es erscheint daher nicht unangemessen, den folgenden Unter- 
suchungen ein ähnliches bibliographisches Verzeichniss der 
Schriften über albanesische Sprache und Literatur vorauszu- 
schicken, die zu meiner Kenntniss gekommen sind, und die 
ich, trotzdem sie zum Theil sehr schwer zugänglich sind, auch 
fast alle selbst benutzen konnte , dank der freundlichen 
Unterstützung deutscher und fremder Gelehrten, unter welchen 
ich dem Prinzen Lucian Bonaparte in London , Herrn Com- 
paretti in Florenz, Herrn Jungg in Scutari, Herrn De-Mar- 
tino in Alessio , Herrn Politis in Athen und Herrn Stier in 
Zerbst ganz besonders auch an dieser Stelle danke. Das Ver- 
zeichniss enthält auch in der Angabe der Literatur bis 1870 
einige Nummern mehr als das von Herrn Miklosich. Ich habe, 
dem Vorgänge dieses Gelehrten folgend, die chronologische An- 
ordnung gewählt; der Vollständigkeit wegen ist auch die bei 
Herrn Miklosich verzeichnete Literatur mit aufgenommen, aber 
blos mit ganz kurzer Titelangabe und der Bezeichnung durch Mi. 

Sitzungsber. d. phil.-hist. Gl. CIV. Bd. I. Hft. 17 



258 Meyer. 

1. Blanchus, Dictionarium latino - epiroticum. Rom, 
1635. (Mi.) 

2. Budi, Dottrina christiana di Bellarmino tradotta in 
lingua aDjanese. Rom, 1664. (Mi.) 3. edizione. Rom, 1868. 

3. Bogdanus, Cuneus prophetarum. Padua, 1685. (Mi.) 

4. Lecce, Osservazioni grammaticaK nella lingiia albanese. 
Rom, 1716. (Mi.) 

5. Breve compendio della dottrina christiana. Rom, 
1743. (Mi.) 

6. Kaßa/«Xtu)TY)c,npw:o7:eip(cz. Venedig, 1770, bei Thunmann, 
Untersuchungen I, 181—238. Leipzig, 1774. (Mi.) 

7. V. Windisch, Von den Klementinern in Syrmien, Unga- 
risches Magazin II. Pressburg, 1782. (Mi.) 

8. Aavt7^A,E':caYWYcy.ri Stoar/.a)aa 1802. (Mi.) Vgl. Miklosich, 
Rumunische Untersuchungen I, zweite Abtheilung. Wien, 1882. 
S. 43 f. 

9. Mithridates oder allgemeine Sprachenkunde. Von J. Th. 
Adelung, fortgesetzt und bearbeitet von Joh. Severin Vater. 
Zweiter Theil. Berlin, 1809. S. 792—803 Albanisch, darin sechs 
Uebersetzungen des Vaterunsers: I (gegisch), V (aus Calabrien) 
und VI (aus SiciHen) aus Hervas, III aus Budi's Dottrina 
christiana (oben Nr. 2), IV aus dem Ungarischen Magazin 
(oben Nr. 7), 11 aus dem Munde von Kaufleuten aus der 
Gegend von Argyrokastro aufgezeichnet. 

10. Hobhouse, Journey through Albania. London, 
1813. (Mi.) 

11. Pouqueville, Voyage dans la Grece. Paris, 1820 
und 1821. (Mi.) 

12. Grammatik der albanesischen Sprache nach Fr. Mar. 
da Lecce. In , Vergleichungstafeln der eui'opäischen Stamm- 
sprachen' usw. von Joh. Severin Vater. Halle, 1822. S. 133 
bis 182. Enthält eine Bearbeitung der Osservazioni von Lecce 
(Nr. 4) und ein kleines Wörterverzeichniss nach Blanchus, 
Thunmann und Pouqueville. 

13. 'H y.atvT) ctaBy^y.Yj oi'yawtto? xouTecTt ^(pa.:y,<.y.ri y.al «Aßxvr^-'.y.rj. 
Corfu, 1827. (Mi.) 

14. Pun t' nevoiscem . . . Rom, 1828. (Mi.) 

15. Kopitar, Wiener Jahrbücher, 1829. S. 60 bis 
106. (Mi.) 



Albanesische Studien I. 259 

16. y. Xylander, Die Spraclie der Albanesen oder Schki- 
petaren. Frankfurt a/M., 1835. (Mi.) 

17. Neugriechischer Dolmetsclier nebst türkischem und 
albanesischem. Zweite vermehrte Ausgabe. Von J. A. E. Schmidt. 
Leipzig, 1838. Enthält nach Materien angeordnete Wörterver- 
zeichnisse. Das Albanesische ist mit lateinischen Buchstaben 
geschrieben, der unbestimmte Vocal durch ä bezeichnet. 

18. G-irolamo de Rada, öanti di Serafina Topia. Napoli, 
1843. (Mi.) 

19. Basile, Via del paradiso. Rom, 1845. (Mi.) 

20. Guagliata, Dottrina ehristiaua del card. Bellarmino. 
Rom, 1845. (Mi.) 

21. Girolamo de Rada, Milosao und andere Gedichte. 
Neapel, 1847. (Mi.) 

22. Sugli Albauesi ricerche e pensieri di Vincenzo Dorsa. 
Napoli, 1847. Interessant sind die allerdings nur in itahenischer 
Uebersetzung mitgetheilten Volkslieder im 5., 6. und IG. Capitel 
und die Ausführungen über die italienischen Albanesen und ihre 
Literatur, Cap. 7 ff. 

23. G. Stier, Die Albanesen in Italien und ihre Literatur. 
Allgemeine Monatsschrift, 1853. S. 864—874. Fusst wesentlich 
auf der unter Nr. 22 aufgeführten Schrift von Dorsa. 

24. J. G. V. Hahn, Albanesische Studien. Jena, 1854. (Mi.) 

25. Ist die albanesische Sprache eine indogermanische? 
Von G. Stier. Allgemeine Monatsschrift, 1854. S. 860-872. 

26. Reinhold, Noctes pelasgicae. Athen, 1855. (Mi.) 
Unter dem Titel ütkaa'(i%y. Hess der (im Jahre 1881 verstorbene) 
Dr. Reinhold 1856 autographirte Fortsetzungen der drei Ab- 
theilungen der Noctes pelasgicae drucken, die sehr selten zu 
sein scheinen, nämlich rpapip-aTavi S. 41 — 71. UpcopciJ.oq Xe?f/.ou 
S. 81—112. 'Av0cAoYia S. 29—52. 

27. Bopp, Ueber das Albanesische. Berlin, 1855. (Mi.) 

28. Max Müller, The languages of the seat of war in 
the East. 2. edition. London, 1855. Enthält S. 50—63 eine 
Uebersicht der bisherigen Ansichten über die Stellung des 
Albanesischen im Kreise der anderen Sprachen. 

29. riEpt if,^ xj-oyßo^naq xwv 'ÄAßavwv yjtoc Zy-tTTttap, UpT;[ix':v.x 
i(JTopf/.ocptXoXoYtxr) f]v . . . e^paos ]Ni/,6Xaoq FstopYtcu Nr/.ov.\f,q 'Eaayjv 
ey. KouavY;; ty); May.sBoviot;. Göttingen, 1855. 

17* 



260 Meyer. 

30. Studii linguisticl di B. Biondelli. Milano, 1856. Enthält 
pag. 43 — 73 Prospetto topografico-statistico delle colonie straniere 
d' Italia, darin pag. 59 — 63 Colonie Albanesi ; pag. 75 — 103 Della 
letteratura popolare deU' Epiro. Der letztere Aufsatz gibt nach 
Skizzirung der Hauptphasen der albanesischen Greschichte Notizen 
über die Volkslieder mit Proben aus denselben in italienischer 
Uebersetzung ; die Originale sind seitdem zum Theil in den 
Rapsodie von Rada (s. unten Nr. 49) publicirt worden. Ein 
Auszug aus diesem schon früher gedruckten Aufsatze Biondelli's 
steht im ,Magazin für die Literatur des Auslandes^ 1846, 
Nr. 133 und 134. 

31. Hieronymi de Rada Carmina italo-albanica quinque 
transscripsit . . . Th. Stier. Braunschweig, 1856. (Mi., der die 
Schrift durch ein Versehen unter 1866 gestellt hat.) 

32. Das albanesische Element in Griechenland. Von Dr. J. 
Ph. Fallmerayer. 1. Abtheilung 1857. 2. und 3. Abtheilung 
1860. München, aus den Abhandlungen der königl. bayrischen 
Akademie der Wissenschaften. 

33. Vigo, Canti popolari siciliani. Catania, 1857. (Mi.) 
Eine zweite Ausgabe ist als zweiter Band der Opere di 
Lionardo Vigo mit dem Titel Raccolta amplissima di canti 
popolari siciliani in Catania 1870 — 1874 erschienen. Die (21) 
canti albanesi stehen hier mit einer Einleitung von Francesco 
Crispi S. 692 — 706 als Nr. 5270—5290 mit italienischer 
Uebersetzung. Aus der ersten Auflage hat Gregorovius in 
seiner Abhandlung ,Die siciHanischen Volkslieder' (Wanderjahre 
in Italien HI, 277 ff.) zwei albanesische Lieder übersetzt. 

34. 'H y.atvY) BtaOy^y.-/) tcu y.up'.ou y.at GtOTrjpoq •/;[j.wv 'Ir^coij Xp'.orou 
ätYAWTTo;, TOUTecT». iWr^^n'/Sr, y.at aXßavtx.-*^. 'Ev 'A6r,vatc, 1858. Eine 
neue Ausgabe der unter Nr. 13 aufgeführten Uebersetzung. 

35. Travels in Albania and other provinces of Tiu'key in 
1809 and 1810 by the Right Honourable Lord Broughton. 
A new edition. 2 Bände. London, 1858. Enthält im 2. Bande 
S. 414 — 433 einen Abriss der Grammatik nach L e c c e. 

36. UzXaiT-foc, y.al <l>6ttoTi;. Skip§tari eoe greku. Lamia, 1860. 
Eine Zeitung, welche wöchentlich erschien und von der mir 
der erste Jahrgang durch die Güte von Herrn Director Dr. 
Stier in Zerbst vorgelegen hat. Ob mehr erschienen ist, weiss 
ich nicht. Herausgeber war ein gewisser Pykaeos (Ilu/.a'o;), 



Albanesische Studien I. 261 

Tendenz, den engsten Zusammenhang zwischen Albanesen und 
Griechen nachzuweisen. Die Schreibung des Albanesischen ist 
griechisch, mit Zusatz einer Menge von Zeichen, die meist aus 
umgekehrten griechischen Buchstaben bestehen. An thörichten 
Etymologien ist die Zeitschrift sehr reich, an brauchbarem 
Material ganz arm. 

37. rpaiJ.[JM -Äip c(7.)uT:t-:xpe. Lamia, 1861. 16 S. 12. Enthält 
Vorschläge zu einer höchst complicirten' und unzweckmässigen 
Schreibung des Albanesischen von dem Herausgeber der als Nr. 36 
genannten Zeitung, übereinstimmend mit der dort befolgten. 

38. As coli, Frammenti albanesi. In den Studi critici I, 
79 — 101. 1861. (Mi.) Deutsch in ^Kritische Studien zur Sprach- 
wissenschaft^ von G. J. Ascoli, autorisirte Uebersetzimg von 
R. Merzdorf. Weimar, 1878. S. 31—45. 

39. Studi etimologici della lingua albanese per Vincenzo 
Dorsa. Cosenza, 1862. Die Methode des Verfassers ist keine 
wissenschaftliche. 

40. USa e sceites cruc. Rom, 1862. (Mi.) 

41. Jezu Criscti n' zemer t' mesctaarit. Kuitime t' scpirtit 
ci do t' keet mesctaari per giötsilen dit t' möit k6ue sccup' 
prei D. Eigna Radojet prift i dieces' i Scodrs. Rom, 1862. 

42. Die albanesischen Thiernamen. Von G. Stier. Zeit- 
schrift für vergleichende Sprachforschung XI (1862), S. 132 
—150. 206-253. 

43. Die Nutzpflanzen Griechenlands. Mit besonderer Be- 
rücksichtigung der neugriechischen und pelasgischen [d. i. alba- 
nesischen] Vulgarnamen. Von Theodor v. Heldreich. Athen, 
1862. Das wichtigste Werk über albanesische Pflanzennamen. 

44. Corifessione pratica italico-epirotica scritta dal P. 
B(onaventm'a) da F(rancavilla). Rom, 1863. (Mi.) 

45. Otto Blau, Das Albanesische als Hilfsmittel zur Er- 
klärung der lykischen Inschriften. Zeitschrift der deutschen 
morgenländischen GeseUschaft XVII (1863), S. 649 fi". 

46. Notizie ed osservazioni in proposito degli studi critici 
del prof. Ascoli per Domenico Comparetti. I. Sui coloni 
greci e slavi dell' Italia meridionale. II. Sülle ricerche albanesi. 
Pisa, 1863. 

47. Moj' i majit . . . prei P. Gaitanit Bruschi. Rom, 
1864. (Mi.) 



262 Meyer. 

48. Saggio di grammatologia comparata sulla lingua alba- 
nese per Demetrio Camarda. Livorno, 1864. (Mi.) 

49. Rapsodie di un poema albanese raccolte ... da 
Girolamo de Rada e di Niccolö Jeno de' Coronei. Firenze, 
1866. (Mi.) 

50. Appendice al saggio di grammatologia comparata sulla 
lingua albanese per Demetrio Camarda. Prato, 1866. (Mi.) 

51. Regole graramaticali della lingua albanese compilate 
dal Francesco Rossi da Montalto. Roma, 1866. (Mi.) 

52. Vocabolario italiano-epirotico compilato dal P. Fran- 
cesco Rossi da Montalto. Roma, 1866. (Mi.) 

53. Urat usw. K9ue sccup prei Itinit prei P. Tom 
Marcozzit. Rom, 1867. (Mi). 

54. Gli scrittori albanesi delF Italia meridionale di Elena 
Ghika (Dora d' Istria) con note del traduttore. Palermo, all' uf- 
ficio delle Ore del popolo presso A. di Cristina. 1867. Ueber- 
setzung eines in der ,Independance hellenique^ erschienenen Auf- 
satzes der Fürstin Ghika durch Niccolö Camarda. S. 20 steht 
ein albanesisches Sonett von Niccolö Chetta, S. 27 ein anderes 
Gedicht von demselben und ein anakreontisches Gedicht eines 
unbekannten Verfassers. 

55. Reise durch die Gebiete des Drin und Wardar, im 
Auftrage der k. Akademie der Wissenschaften unternommen 
von J. G. V. Hahn. Wien, 1867. 

56. Dora d' Istria, Fyletia e Arbenore prej kanekate la- 
oshima. Enkethyeme ne shkjipe perei D(emetrio) C(amarda). 
Ne Liviirne te tjpografia e P. Vannini e te bii'ite. 1867. 85 S. 8. 
Albanesische Uebersetzung eines Aufsatzes der Fürstin Ghika 
aus der ,Revue des deux mondes' vom 15. Mai 1866: ,La natio- 
nalite albanaise d'apres les chants populaires^, mit Zusätzen 
des Uebersetzers. 

57. T' verteta t'paa-sosme. Rom. 1867. (Mi.) Neudruck 
1873. 

58. Cuvendi i arbenit. Rom, 1868. (Mi.) 

59. U<sa\zipi. Köuspg ~QLq cßpaicxsai ß'.eTspe äy.m vde y"''8/.I '^°' 
r/.spiSTi Tcpet K 0V(7TavTivtx Kptcxo^opi^'.x, EXba javaatT. KovaTavxiviäoX, 
vdc cTJTra-c/.psvs x| A. X. ßojadcrtav'.x. 1868. Toskische Ueber- 
setzung des Psalters. Griechische Buchstaben mit diakritischen 
Zeichen und hinzugefügten lateinischen Buchstaben. 



Albanesische Studien I. 263 

60. II vangelo di S. Matteo, tradotto dal testo greco nel 
dialetto albanese di Piana de' Greci in Sicilia da un nativo di 
questo luogo. Riveduto e corretto da Don Demetrio Camarda, 
autore della grammatologia albanese. Impensis Ludovici Luciani 
Bon aparte. Londra, 1868. 

61. II vangelo di 8. Matteo, ti-adotto dal testo greco nel 
dialetto ealabro-albanese di Frascineto dal Sig. Vincenzo Dorsa. 
Riveduto e corretto da Don Demetrio Camarda. Impensis Lu- 
dovici Luciani Bon aparte. Londra, 1869. Hier wie in dem 
vorhergehenden Büchlein ist eine vortreffliche phonetische Schrei- 
bung angewendet. 

62. II vangelo di S. Matteo, tradotto dalla volgata nel 
dialetto albanese ghego scutarino, dal P. Francesco Rossi da 
Montalto. Riveduto e corretto da Mons. Gaspare Crasnich, 
abate mitrato diMirditta. Impensis Ludovici Luciani Bonaparte. 
Londra, 1870. Die Schreibung des Albanesischen beruht auf der 
Grundlage der in den Uebersetzungen der Propaganda befolgten. 

63. Grammatica della hngua albanese di Giuseppe de 
Rada. Firenze, Tipografia dell' Associazione. 1870. Wesent- 
lich auf dem unteritalischen Albanesisch fassend. Dazu die Re- 
cension von Hugo Schuchardt in der Zeitschrift für verglei- 
chende Sprachforschung XXII (1874), S. 69 — 88. 

64. A Dora d' Istria gli Albanesi. Canti pubblicati per 
cura di D(emetrio) C(amarda). Livorno, 1870. Enthält nach 
der Widmung an die Fürstin Ghika eine Abhandlung ,della 
scrittura albanese' von Demetrio Camarda S. 9 — 33 und dann 
eine Reihe von Gedichten zum Preise der Fürstin in den ver- 
schiedenen albanesischen Mundarten. 

65. Albanische Forschungen von Franz Miklosich. 

I. Die sla vischen Elemente im Albanischen. Wien, 1870. 

II. Die romanischen Elemente im Albanischen. Wien, 1871. 

III. Die Form entlehnter Verba im Albanischen und einigen 
anderen Sprachen. Wien, 1871. 

66. Raccolta di canti popolari e rapsodie di poemi al- 
banesi tradotti nell' idioma italiano da Giuseppe Jubany, 
Albanese. Trieste, 1871. Enthält eine Einleitung mit politischen 
Erörterungen, dann S. 25 — 54 ein nuovo sistema di lettere al- 
banesi suir alfabeto latino , das sehr schwerfällig und unprak- 
tisch ist, sammt einigen Flexionsparadigmen, endlich S. 55 — 113 



264 Meyer. 

\ 

Gedichte und Volkslieder. I war aus der Uebersetzung in 
Hecquard's Eeisewerk bekannt; 11, III, IV sind aus Bog- 
dan's Cuneus prophetarum ; VIII ist bei Hecquard p. 500 
und daraus bei Gropcevic, Oberalbanien S. 475 übersetzt. 
Volksthümlich sind nur die Todtenklage und die Hochzeitslieder 
S. 104 ff. Am Schlüsse fehlt auch hier nicht eine Ode an 
Dora d' Istria. Die Mundart aller Lieder ist gegisch. 

67. Albanisches und Romanisches. Zu Miklosich's 
Albanischen Forschungen. Von Hugo Schuchardt. Zeit- 
schrift für vergleichende Sprachforschung XX (1872), S. 241 
bis 302. 

68. Kaxpi r^ep-^g\j.i[).e Trsp Täouvax' e ßo-^iXs. KsOüsps izpei Kov- 
oravTiviT KptaTO(popiSiT, EXbacavaaiT. KcvaTavctvoTioA, 1872. 32 S. 12. 

69. Psalteri, k§Ouem mbas ebraistes§ viet§r§ skip nd§ 
guh§ geg§niste prei Konstantinit Kristof oridit, Elbasanasit. 
Konstantinopol, 1872. Gegische Uebersetzung des Psalters mit 
Anwendung des Standard - Alphabets wie in allen gegischen 
Schriften von Kristoforidis. 

70. Abetär skip prei Konstantinit Kristoforidit, Elba- 
sanasit. Konstantinopol, 1872. 30 Ss. 

71. luTOpia £ äy,p6v£(j£ äcvx&pbapi zip di£|Ji.. n£p[ji.b£X£o8p£ vy^t 
Atäxa £ Bl£T£p£ £0£ v^a tcTopia £ boXcCc £§£ y.£66£p£ äxiTc vdi ijs'/c 
Toc/.£ptäT£ T:p£i Kovax. KptaTooJcpi'StT, EÄb. KovaxavTtvcTroXi, 1 872. 
148 S. 8. 

72. Aiata e re e zotit eoe sgl'buesit t' un§ Jesu-Kristit, 
k§6uem prei grekistes§ viet§r skip nd§ guh§ geg§niste prei 
Konst. Kristof oridit, Elb. Konstantinopol, 1872. 

73. Poesie albanesi di Girolamo de Rada. Vol. I, Cori- 
gliano-Calabro, 1873. Vol. II, ebenda, 1872. Vol. III, IV, ebenda, 
1873. Vol. V, NapoH, 1877. Neue Ausgaben der unter Nr. 18 
und 21 angeführten Dichtungen de Rada's. 

74. I parlari italiani in Certaldo alla festa del V. cen- 
tenario di Messer Giovanni Boccacci. Omaggio di Giovanni 
Papanti. Livorno, 1875. Enthält auf S. 659 — 678 die neunte 
Novelle des ersten Tages aus dem Decamerone in Uebersetzun- 
gen in die verschiedenen albanesischen Mundarten Unteritaliens 
und Siciliens (Badessa in Abruzzo Ulteriore I; Barile in BasiH- 
cata; Frascineto, San Demetrio-Corone, Santa Caterina, Spezzano 
Albanese in Calabria Citeriore ; Ururi in Molise ; Contessa, 



Albanesische Studien I. 265 

Palazzo Adriano, Plana de' Greci in Sicilieu; Greci in Princi- 
pato Ulteriore), angefertigt von Eingeborenen der verschiedenen 
Orte, revidirt und mit einer Einleitung und Anmerkungen ver- 
sehen von Demetrio Camarda. 

75. Recnik od tri jezika, S. Makedonski [d. i. Bulgarisch] 
Arbanski i Turski. Knjiga IL Napisao Gjorgje M. Puljevski. 
U Beograd, 1875. Die von Miklosich, Rumunische Unter- 
suchungen n, 94, angeführte Schrift desselben Verfassers : ,Re- 
cnikt Ott öetiri jezika, Belgrad, 1873' ist mir nicht zugänghch 
gewesen. 

76. Vocabolario della lingua epirotica-itahana compilato dal 
P. Francesco Rossi da Montalto. Roma, 1875. 1400 S. 8. 
Vgl. Nr. 52. 

77. Fiabe, novelle e racconti popolari siciJiani raccolti ed 
illustrati da Giuseppe Pitre. Vol. IV. Palermo, 1875. Enthält 
S.281 — 298 sechs km-ze albanesische Märchen (pugare) aus Plana 
de' Greci in Sicilien mit beigefügter italienischer Uebersetzung. 
Die Aufzeichnung scheint eine sehr incorrecte zu sein. 

78. B. P. Hasdeu, Le type syntactique homo-ille iUe- 
bonus et sa parentele. In Ascoli's Archivio glottologico HI 
(1878), S. 420—441. 

79. 'AXßav'.-AYj \)£f,<.züy. {hr^K'.i—y. ccy.iu-Yjtaps). ^rc^(^y.\).'^.3. iX- 
ßavo-£AAY;v[y.bv . . . rrxny:/j)bt bizo E. M -/^ x •/, o -j. 'Ev 'AAsqavSps'la, 1878. 
Ein sehr wichtiges Buch, das Sprichwörter, Räthsel, eine reiche 
Sammlung gegischer und toskischer Volkslieder und zwölf Mär- 
chen enthält; den Schluss macht ein Glossar. 

80. Tb /.axa MaxOaTov a^'-sv EjaYYsX'.ov zapaopasOkv £•/. -lü äc/s- 
TUTTOJ sXXrjVf/.oj. Konstantinopel, 1878. 

81. Tc xa-a Mipy.cv äv-ov EuavYiX'.ov u. s. av. Konstan- 
tinopel, 1879. 

82. Tb y.aia AiJy.zv äyiov Eua^Y^^^^ov u. s. w. Konstantinopel, 
1879. 

83. Tb y.axa 'I()>avvy;v ay'-ov E'javYsXiov u. s. w. Konstan- 
tinopel, 1879. Die als Nr. 80—83 aufgeführten Uebersetzungen 
der vier Evangelien sind in toskischer Mundart mit neben- 
stehendem neugriechischem Text, besorgt von Kr is toforidis. 

84. Analyse de la langue albanaise. Etüde de grammaire 
comparee par Louis Benloew. Paris, 1879. Unmethodisch 
und ohne annehmbare Resultate. 



266 Meyer. 

85. Albanien und die Albanesen. Eine historisch- kritische 
Studie von Wassa Effendi. Berlin, 1879. 

86. MeXsTYj '.axopfAY] /,ai (fOSKo-^iY-r, 7:ep: ttj; Y^warr;? xal tcO 
sBvoJ? Twv 'AXßavwv imb 0. A. K ou^tTw p-^. Mepc; a (ävaTuxwOev 
ey. Tou Büpo)vc;). Athen, 1879. 64 S. 

87. AiaTp'.ßr; Trepl t^? Trap' 'AAßavoTq ä^^twvufjLiaq -cou xptTou Trpo- 
(7U)Tou y-axa tyjv ctäXexxov xwv sv 'EXXaSt 'AXßor^cov [).i\'.<s-x twv Topa'wv 
•j-b n. A. Ko'JTi'.Ttopr,. Aus der ,'Esr,[X£p'.? xwv <I>'.Xo[j.a6öiv'. Athen, 
1879. 17 Ss. Von dem (kürzlich gestorbenen) Verfasser konnte 
ich für die Mundart der Albanesen Griechenlands noch zwei 
einzelne Blätter benützen, auf denen die Uebertragung zweier 
Lieder aus Hahn und de Rada sowie des E^j7^(^(i\izv xf,q 
ScUTspa; ävacxajcw; in die Mundart von Hydra gedruckt ist. 

88. Kanonizm§ e sok§ris§ t§ stupuri skroiia skip. Nd§ 
Konstandinupoj§ mbe 1879. Statuten einer Gesellschaft für den 
Druck albanesischer Bücher. 

89. Alfabetare e g'uh§s§ skip. Nd§ Konstandinupoj§ mbe 
1879. Ein von der eben genannten Gesellschaft herausgege- 
benes Lesebuch mit gegischen und toskischen Sprachproben. 
Die Schreibung, auf deren Wiedergabe ich aus typographischen 
Rücksichten verzichtet habe, bietet eine Mischung lateinischer 
und griechischer Buchstaben, die ganz willkürlich gebraucht 
und vielfach durch eigenthümliche Entstellungen zur Be- 
zeichnung unursprünglicher Lautwerthe verwendbar gemacht 
werden. 

90. Manuel de la langue chkipe ou albanaise par Auguste 
Dozon, consul de France. Paris, 1879. Enthält Märchen, 
Lieder und andere bisher unbekannte Texte, eine Grammatik 
und ein Wörterbuch ; die beiden letzteren fussen zum grossen 
Theil auf den Angaben von Dozon's Lehrer Kristoforidis. 
Der toskische Dialekt ist fast allein berücksichtigt. 

91. L' Epiro, gli Albanesi e la Lega. Lettere di Pietro 
Chiara. Palermo, 1880. 

92. Cihac, Le type homo-ille ille-bonus. In Boehmer's 
Romanischen Studien IV (1880), S. 431 if. 

93. Hasdeu, O pagina din sintaxa romano-albanesa. 
Reduplicarea si triplicarea articului deünit. In dessen Cärtile 
poporane ale Romänilor in secolul XVI. Bucuresci, 1880. 
S. 609—687. 



M 



Albanesische Studien I. 267 

94. L'Albanie et les Albanais par le colonel Becker. 
Paris, 1880. 

95. Völkerkunde Osteuropas, insbesondere der Hämos- 
halbinsel und der unteren Donaugebiete von Lorenz Diefen- 
bach. Erster Band. Darmstadt, 1880. Handelt S. 25— 90 von 
den Albanesen, mit zahlreichen etymologischen Versuchen. Nach- 
träge dazu Band II (1880), S. 171—175. 

96. RafFaele Parisi, Costumi albanesi d' Italia. Rivista 
europea XXIII (1881), 423—428. XXIV (1881), 544-550. 
Handelt über Hochzeitsgebräuche. 

97. Oberalbanien und seine Liga. Ethnographisch-politisch 
geschildert von Spiridion Gopcevic. Leipzig, 1881. Der Ver- 
fasser war leider der albanesischen Sprache nicht mächtig. 

98. Zur albanischen Sprachenkunde von Dr. Johann Urban 
Jarnik. Leipzig, 1881. 51 S. 8. Enthält ein Gedicht, zwei 
Märchen und dreiundfünfzig Sprichwörter, aufgezeichnet nach 
den Mittheilungen eines gegischen Albanesen aus Scutari, und 
eine Zusammenstellung der in diesen Texten enthaltenen gram- 
matischen Thatsachen. 

99. Elementi grammaticali della Hngua albanese compilati 
da Giacomo Jungg D. C. D. G. del uso del coli, di S. Fran- 
cesco Saverio. Scutari d' Albania, 1881. 112 S. 8. Eine sehr 
dankenswerthe Zusammenstellung der Formenlehre des Dialektes 
von Scutari. 

100. Kempis o sikur kaltsoin t' diiscmit Giovanni Gersen 
t' perghiaamit e Jesu Krisctit kOue schjup prei P. Toms Mar- 
cozzit M. O. Miss. Ap. N' Rom, 1881. 472 S. 

101. P. Leonardo De-Martino, L' arpa d'un Italo- 
Albanese. Venezia, 1881. 442 S. 8. Enthält S. 183—370 alba- 
nesische Gedichte, Originale und Uebersetzungen, in gegischer 
Mundart. Der Verfasser ist von Geburt italienischer Albanese 
aus Greci in Principato Ultcriore. 

102. Sopra un' antologia albanese del Rein hold, da 
Emilio Teza. Rivista di Filologia IX (1881), 262 f. 

103. Contes albanais recueillis et traduits par Auguste 
Dozon. Paris, 1881. Enthält die Uebcrsetzimg der in des 
Verfassers Manuel (Nr. 90) mitgetheiltcn ]\Iärchcn. 

104. Sponsali e nozze albanesi. Versione con proemio 
del Prof. Carlo Moratti. L' Avanguardia, Palermo, 7. 8. 9. 



268 Meyer. 

giugno 1881. Das proemio ist sehr beachtenswerth, die Hoch- 
zeitsgebräuche sind aus Dozon's Manuel übersetzt. 

105. 'AXßavr/.bv aXsaßrjxap'.ov %cab. to sv 'EXaccc'. cjaiAou[ji,£vov 
aXßavty.bv ic{u),aa . . . sxBcOev utuo A. I. Kou a c j pi wtcj. 'Ev 'ÄOiQvatc, 
1882. 164 S. Enthält Leseübungen , Uebersetzungsbeispiele, 
Vocabelverzeichnisse (leider blos Nomina), Fabeln, Lieder und 
Sprichwörter. 

106. rpa[j,[j.aTi/,rj vr^z, dAßav.y.^c yawcsv)!: y.aTa ttjv TCjy.'.y,r,v Bta- 
Xey.Tov !7JVT5:-/Ös"isa U7ib KwviJTavTivc'j Xp c ctoco p •! o o u. 'Ev Kwvctav- 
Ttvo'jzcAs'., 1882. 165 S. 8. Seit Hahn die werthvoUste und 
zuverlässigste grammatische Darstellung des Albanesischen. 

107. Ueber Sprache und Literatur der Albanesen. Von 
Gustav Meyer. Nord und Süd XXIV (1883), S. 211—226. 

108. Albanische Märchen, übersetzt von Gustav Meyer, 
mit Anmerkungen von Reinhold Köhler. Archiv für Literatur- 
geschichte XH (1883), S. 92—148. 

Ohne Druckjahr sind die folgenden zwei Schriften: 

109. Kap-ra £ (xzeascs ce vs^TipsßcT vt£ YTJou/^e ts ay.'JTr£'rap£ß£T. 
Neapel. 16 S. Enthält nach einer Einleitung das Credo, Vater- 
unser, ein paar Psalmen und Gebete an verschiedene Heilige, 
Alles in sehr problematischer Schreibung. 

110. 'AXsaßiTap c/.;x. ttoeV KovcravT'lv.T KpcaxooopiS'.T, EXba- 
aavas'.'r. Die toskische Ausgabe des unter Nr. 70 aufgeführten 
gegischen Elementarbuches. 

Ausserdem konnte ich bei meinen albanesischen Studien 
benutzen: 1. Eine reiche Sammlimg handschriftlicher Textein 
den griechischen Dialekten des Albanesischen, die mir aus dem 
Nachlasse des verstorbenen Dr. Reinhold in Athen von seinem 
Bruder, Herrn Hauptmann Rein hold in Posen, gütigst über- 
lassen worden sind; 2. ein Verzeichniss von Vocabeln aus der 
Mundart der Albanesen von Borgo Erizzo, das auf meine Ver- 
anlassung Herr Tidlius Erb er, Professor am Gymnasium in 
Zara, für mich anzufertigen die Güte hatte. 



II. LautbezeieUnuiig. 

Herr Demetrio Camarda (bei Papanti S. 659) hat mit 
Recht gesagt, dass man das alte quot capita tot sententiae mit 
Rücksicht auf die Schreibung des Albanesischen frei übersetzen 



Albanesische Studien I. 269 

könne: quante persone che scrivono coine che sia, altrettanti 
metodi di scrittura. Einigermassen feststehend ist nur die 
Schreibung des Gegischen in den von der Propaganda veran- 
lassten Uebersetzungen und grammatischen und lexikalischen 
Compilationen; sie befolgt noch Herr Jungg in seiner Gram- 
matik, auch Prinz Lucian Bonaparte hat sie in der von ihm 
veranstalteten Ausgabe des Matthäus-Evangeliums im Dialekte 
von Scutari nur wenig modificirt. Herr De-Martino dagegen 
hat an -Stelle der vier hässlichen nicht itahenischen Zeichen in 
seinen Gedichten th, dh, z und ü geschrieben. Herr Kristo- 
foridis aus Elbassan, der sich um die Fixirung und gram- 
matische Darstellung seiner Muttersprache die wesentlichsten 
Verdienste erworben hat, wendet für das Gegische das Standard- 
Alphabet an, für das Toskische eine der Hahn 'sehen sich 
annähernde Schreil)ung, von dem er sich im Gebrauche von 
'{ X X V p für Hahn's vj '''-j ''j '0 'r^ sowie in der Schreibung 
8 für oj entfernt. Herr D o z o n braucht nur lateinische Buch- 
staben: ^ij und ky sind palatales g und k, \ij weiches l, rh das 
starke r, n mouillirtes n, g und tq = s und U, th und dh die 
beiden interdentalen Spiranten (die jetzt auch Herr Miklosich 
so schreibt), oe der unbestimmte Vocal. Man sieht, eine recht 
schwerfällige und wenig empfehlenswerthe Lautbezeichnung. 
Ich verzichte an diesem Orte auf eine ausführliche vergleichende 
Darstellung der verschiedenen Methoden; für die hauptsäch- 
lichsten bis 1870 angewendeten hat Herr Miklosich im ersten 
Hefte seiner , Albanischen Forschungen' S. 14 eine Uebersichts- 
tabelle gegeben. Die von mir angewandte Schreibung schliesst 
sich im Wesentlichen an das Standard-Alphabet an. Ich unter- 
schreibe durchaus, was Herr Hübschmann neulich zu Anfang 
seiner Schrift ,Die Umschreibung der iranischen Sprachen und 
des Armenischen' (Leipzig, 1882) bemerkt hat: ,Dass Lepsius' 
Standard- Alphabet — mutatis mutandis — nicht zu allgemeiner 
Annahme gekommen ist, bedaure ich dvu'chaus. . . . Sicher 
ist, dass wir in der Transscriptionsfrage trotz neuen Aufwandes 
von Zeit und Geld noch heute nicht so weit sind, als wir bei 
Annahme des Lepsin s'schen Alphabetes schon längst gewesen 
wären.' Schliesslich hängt die Entscheidung über die Bezeich- 
nung eines Lautes von seiner genauen lautphysiologischen Be- 
stimmung ab ; dieselbe wird mir für die Laute der albanesischen 



270 Meyer. 

Spraclie erst dann möglich sein, wenn es mir vergönnt ist, durch 
längere Zeit unter albanesisch redender Bevölkerung Beobach- 
tungen anzustellen. Vorläufig schreibe ich so: 

Vocale : a e o i u u §. 

Die Länge bezeichne ich mit ä u. s. w., die Nasalirung 
mit ä u. s. w. (nasalirtes « kommt im unteritalischen Dialekt 
von Frascineto vor) ; also lange nasalirte Vocale mit ä. 

Liquidae : r f l T. 

Nasale : n ii n m. 

Explosivae : k g, U g, f d, p h. Ich habe, zunächst aus 
etymologischen Gründen, der Schreibung f d, die Herr Miklo- 
s i c h neuerdings (Beiträge zur Lautlehre der rumimischen 
Dialekte IV, 54) befürwortet, mich noch nicht anzuschliessen 
vermocht. 

Spiranten : h, y v (iui Dialekt von Plana de' Greci sehr 
verbreitet), j, s z, s z, 6 o, f v. 

Dazu die zusammengesetzten Laute ts ts, dz dz. 

Die Tonsilbe bezeichne ich durch den Acut. Ich bezeichne 
sie aber überhaupt nur dann, wenn es eine andere ist als die 
vorletzte eines mehr als einsilbigen Wortes. Das geschieht vor- 
wiegend aus ästhetischen Rücksichten, weil das Zusammen- 
treffen so vieler Accente mit den übrigen diakritischen Zeichen 
einen höchst unerfreidichen und verwirrenden Eindruck hervor- 
bringt. Ich folge hierin dem Vorgange des Prinzen Lucian 
Bonaparte. Herr Kristofo ridis hat wahrscheinlich aus 
demselben Grunde den Accent in seinen gegischen Schriften 
ganz unbezeichnet gelassen. 

Ich habe die Schreibung meiner Quellen durchgängig in 
die von mir befolgte umgesetzt; nur wo ein Zweifel möglich 
schien, ist die ursprüngliche Schreibung in Klammei'n beigefügt 
worden. 

Die Pluralbildungen der albanesischen Nomina. 

Die nominale Pluralbildung im Albanesischen bietet der 
Untersuchung eine Reihe interessanter Probleme dar, so dass 
es durchaus angemessen erscheint, ihr eine besondere Behand- 
lung zu widmen. Die Angaben aller Grammatiken, auch der 
neuesten von Kristoforidi s, sind durchaus lückenhaft; Ver- 
suche zu einer wissenschaftlichen Erklärung der hier zu Tage 



-4i 



Albanesische Studifin I. 271 

tretenden Erscheinungen sind noch keine gemacht worden. 
Es erschien nothwendig, das Material aus den verschiedenen 
Quellen in grosser Ausdehnung mitzutheilen, damit die grosse 
Mannigfaltigkeit, deren fast alle Nomina in der Pluralbildung 
fähig sind, klar hervortrete; doch wurde natürlich auf voUstän- 
- dige Anführung aller zu Gebote stehenden Belege verzichtet. 
Die Anordnung der folgenden Untersuchung ist die, dass zu- 
nächst die Nomina, nach dem Auslaut des Stammes geordnet, 
der, manchmal durch das Auslautgesetz etwas modificirt, in der 
unbestimmten Form des Nominativ Singular zu Tage tritt, mit 
ihren verschiedenen Pluralbildungen aufgeführt werden ; hieran 
schliesst sich die gesonderte Darstellung und Untersuchung der 
verschiedenen Pluralbildiingen. Bei der Aufführung der Nomina 
wurde der Versuch gemacht, die entlehnten (lateinischen und 
romanischen, griechischen, slavischen, türkischen) Bestandtheile 
von den einheimischen zu sondern; was als ursprünglicher Besitz 
übrig blieb, wird sich allerdings wohl noch durch fortschreitende 
Untersuchung manche Einschränkung müssen gefallen lassen. 

Stämme auf Consonanten. 
I. Stämme auf Gutturale und Palatale. 

1. Stämme auf -k. Die bestimmte Form des Nom. Sin«:. 
wird mit -u gebildet. 

a) Lateinische und romanische Wörter. 

fik Feige, bestimmt ßku; lt. ficus Mi.: ßk H. ; Doz.; Krist. 
Gr. 14, Matth. 7, 16 g. und t.; Kul. 23. ßti Scut. Matth. 7, 16. 
ßke, Frasc, Pian. Matth. 7, 16. ßJce (ßkie) Lecce 21. 

mik Freund, lt. anücus Mi.: mik' H. ; Krist. Gr. 14; Kul. 
23; Jub. 38. mitse Rossi Gr. 19. mig Khd. 6. 

anmik Rossi Gr. 339, anemik Kul. 57, armik H. Feind, lt. ini- 
mlcus Mi.: an§milc Krist. Matth. 5,44 g.; (tr§milc Krist. ebenda t.; 
armikKul 148; H. armiJc(^ Frasc, Pian. Matth. 5, 44. anmits Scut. 
ebenda. mjwiÄ; Conf. 67; Kul. 57. Die Angabe von Kuluriotis 
über griechisch-albanesisches -n- scheint unrichtig zu sein. 

vik Steg H., aÜXa; Kul. 161, lt. ricus Mi. 2, 71: r/Ä:' Kul. 
22; Krist. Gr. 14. 

i:ak Schlinge, lt. laqueus Mi. : rake Kul. 23. rakf H. rek' 
Krist. Gr. 14. J'eke Rada 12. IWSe Jarn. 5 {lece). 



272 Meyer. J 

grek Grieche, lt. Graecus: g§rkine H. 

termek Erdbeben, lt. terrae motus Mi. : termefse Jungg 20. 
tremek Scut. Mattli. 24, 7. Ueber das -k siehe Mi. A. F. 2, 66. 
Mit ursprünglicherem t: t§rmete Krist. Luc. 21, 11 t. t§rviet§ra 
Krist. Matth. 24, 7 t. t§rmef§nci Krist. ebenda g. Als Femininum 
t§rmete Luc. 21, 11 Ath. 

sok Gefährte, SoU Ehemann; nach Jungg 24 dagegen sok-u 
und sots-i compagno , letzteres mit vorgesetztem Artikel i sotsi 
marito; lt. socius Mi.: Sok' H. ; Doz.; Kul. 23. sok Jarn. 7*, 
Jub. 58; Scut. Matth. 9, 15. sok§ Krist. lar. 77; AB. 146; 
Doz. S. 117 in einem Liede. Soke Raps. 50. 

fl'ok Haar, im Sing, nach Krist. Gr. 15 ungebräuchlich, 
lt. ßoccus Mi.: flok§ Krist. Gr. 15; Doz. flbk Rossi Gr. 328; 
Jungg 19; Jub. 39. flöge H. (Sing, ftok best, flog u). 

hindk, hinök Zwilling (binak Ro. Gr. 20), lt. hinatus Mi.: 
bmak§ Krist. \o~. 21. binök Jungg 19. Die Form auf -ok ist 
an Wörter wie matsök patök angelehnt. 

mick Schimmel, lt. mücus Mi. 2, 43: muJce Kul. 23. 

"selk Weide, lt. salicem Mi. : selUe Kul. 23 ; H. selge Doz. 

hark, best, hargu Doz., Krist. ist. 85 Bogen, lt. arcus Mi.: 
karge Doz. arge Kul. 22. 

tsark Kreis, Hahn an der Flinte, Jungg 19, focile Lecce 21; 
tserk Rada 12; ital. cerchio : tsarke Kul. 23. tsarki Lecce 21. 
tserke H. tserke Rada 12. j\Ii. Rum. Lautl. 2, 46 ist geneigt, 
tsark für türk. cark zu halten. 

nerk Stiefvater, lt. *novercus: nerke Kul. 23. 

tsurk, tsfurk H. Krist., sfttrk Krist. Scorpion, lt. scorpius: 
tsurk Kul. 23. tsfurk§ H. sfurke Krist. Luc. 10, 19 t. sfurke 
ebenda Ath. tsfurke Apoc. 9, 3 Ath. 

mosk Moschus, spätlt. muscus moscus, it. musco: moske H. 

insk, pesk Jungg 20, Rhd. 7, Fisch, lt. piscis Mi.: j^'-^^ 
Doz.; Krist. Matth. 14, 17 t.; Kul. 23. piski (zum Nom. 
Sing, peslc) in Hydra nach Rhd. 7 ; Stier. piskit§ Rhd. 
Anth. 32. pisk§ Frasc, Pian. Matth. 14, 17. pisJc§s Krist. 
Luc. 5, 6 t. pisket ebenda Ath.; pUke in Haliussa (zum Nom. 
Sing, pisk) Rhd. Gr. 7. — pesk Krist. Matth. 14. 17 g. ; Gr. 
14. pesk'it§ Krist. Gr. 14. peskis Krist. Luc. 5, 6 g. pests, 
best, pestsit, Jungg 20. peske Doz. ; Ki'ist. lax. 2. pesk Scut. 
Matth. 14, 17. 



Albanesische Studien I. . 273 

hrusk Schwiegervater u. s. \v., lt. consocer Mi. : krusl'c Kul. 
23. best. krnsUif^ Doz.; H.; Krist. (xr. 14. kruskat§ Doz. 1, 127. 
mu^k lt. muscidus Mi. Rum. Laiitl. 4, 59: mu.ikU§ Schul- 
tern, in Calabrien Cani. 2, 108. 158. 
I turk Türke, it. Turco : turJc Doz.; H. ; Krist. Gr. 14. best. 

turkit§ Krist. Gr. 14; furklt Jub. HO; AB. 57. turü, best. 
turisit Jungg 20. hirUe (turkie) Lecce 20, der als ,altro plu- 
rales turit, turte anführt, turket Conf. 53. 

bulk Rossi, büik H., bujk Krist., Bauer, Landmann, lt. 

bubuleus: bujk Krist. Luc. 20, 9 t.; büjl^ Krist. ebenda g. bujkitQ 

fl Krist. Matth. 21, 35 g., t. buItSvet Scut. Matth. 21, 33. bultset 

ebenda 21, 35. bujket Luc. 20, 9 Ath. 
|i b) Griechische Wörter. 

avJ'ak Furche, wohl avTdk betont, aus griech. yhXiy.'. : avValce 
Kul. 142. av^Take Rada 22. avlak§ra Rada 12. 
venetik ßsv£-:'.z,:c : venetike Kul. 57. 

poganik Geburtsfest, griech. a-cYov.yJ: poganik§ Kul. 57. 
poganike H. 

peSpek Bischof, griech. irdrAo-oq Tricy.oTroc : pespek§rat Raps. 
72. (Betonung?) 

disk Teller, griech. olr/.oz,: diske H. 

bozilök Basilicum, griech. ßac.A'.y.i? : bozilök Kul. 57. Vgl. 
Cihac 2, 35. 

Griechisch mit türkischem Suffix ist konomlek o!y.ovo(;,'!a, 
Plur. ebenso Kul. 57. 
■ c) Slavlsche Wörter. 

zbordk Sperling, serb. cvorak Staar ]\[i. A. F. 1 , 18 : zborek Doz. 
muzik asellus, vgl. cech. mezek Maulesel, serb. mazga ]\laul- 
thier: miizikera Rada 12. 

katsek Schlauch, zu serb. bulg. kaca Kufe, Fass : katsek§ 
_j Krist. Matth. 9, 17 t. 

matsök Kater, serb. macak dass. : matsoke Krist. Gr. 15. 
Vgl. patök Enterich, serb. bulg. patak dass. 
d) Türkische Wörter. 

hak Recht: hake Kul. 23, hatse Jungg 20. 
bairdk Fahne: bairdk Jungg 19. Jub. 60. 
barddk Pocal : barddk Jungg 19. 

tiarddk loggia : tsardatse Jungg 19; Rossi Gr. 20. tsar- 
deki Lecce 21. 

SitzBngsbcr. .1. phil.-hist. Cl. CIV. BJ. I. litt. IS 



ll 



2^4 Meyer. 



marak affezione : maratse Jungg 20. 



odmk casato : odzatSe Jungg 20. 

sakdk Fusssteig, türk. soqäq: sakatse Jungg 20. 

pumhdk Baumwolle^, Kul. 75, ijarnuk Jungg 19, türk. pam- 
hnq; vgl. Mi. Fremdwörter in den slav. Sprachen S. 80: pamuk 
Jungg 19. jpamukna Jungg 23. 

vardk Messing: varatse Jungg 20. ,Wohl arab.-türk. varaq 
veraq feuille, feuillet, etwa wie lt. laminaJ W. Tomaschek. 

sad^dk Dreifuss : sadzdk, sadzatse Jungg 20. 

zamhdk Lilie : zamhak§t Krist. Matth. 6, 28 g. zamdkt Scut. ebd. 

urnek Beispiel: urnetse Jungg 20. 

dusek Matratze, dusk Ro. Gr. 20 : dusek, dusetse Jungg 20. 

sermasek Eplieu: Sermasek^ sermasefse Jungg 20. 

dufek, tufek Gewehr : dufeJce Kul. 58 ; tufeke Jub. 104. 
fufetSe Jarn. 5. 

jehrik cocoma, türk. ihriq: jehrik, jehritse Jungg 20. 

tsuhiik Pfeife : tsuhuk, tsuhutse Jungg 20. 

sendilk Koffer: senduke H. 

uluk Traufe: ulutse Jungg 19. Türk. uluq tuyau, canal, 
conduit d'eau. Bianchi. Damit wohl identisch luK ätwpuYY^ Kul. 
21, Plur. luke; Tuk Quellbecken H., Plur. I/u,ge; luk Tränke, 
Plur. lutse Jungg 20. 

kulük Schildwache : kuluise Jungg 19. — Ein anderes kuluk 
haustus verzeichnet Rada 12 mit dem Plural kuluk§ra. 

ask Liebhaber, asik H. : aske Kul. 22. 

zefk Schmaus : zefke Kul. 23. 

tsekerk Rollrädchen : tsekerka Jungg 20. 

denk Pack: denga Jungg 20. 

halk Volk: halk Scut. Matth. 8, 1. 

tsoik balcoue: tsostse Jungg 19. 

Wörter auf -lek -luk mit dem Plural auf -tse verzeichnet 
Jungg 21. konomlek s. o. Ein albanesisches Wort mit türk. 
Endung ist pabesUk Untreue^ Kul. 57, Plur. ebenso. 

e) Albanesische Wörter. 

plak Greis, plak Raps. 35 : jj/eA; H. ; Krist. Gr. 14 ; Kul. 
23; Rhd. 7 (piek); Stier (piek) ; Jub. 37. pleU Jungg 20; Scut. 
Matth. 16, 21. i^/eiÄ; Act. 4, 8 Ath. piek Rada 12; plegve Imit. 16. 
pjekizit Dorsa bei Stier (■kJsä'.c'.t oder xjectT). Ist von derselben 



Albanesische Studien I. 275 

Wurzel wie das, wie es scheint, sonst isolirte rSi.iy.'. r.7Ma>.zz mit 
dem im Albanesisclien häufigen Suffix -ak gebiklet. 

fjak Blut, dzak Jungg 19: dzaUe Jungg 19. gaka. Krist. 
Gr. 15. ijakera H. ; Kul. 23. Da <j- mehrfach — s-, so ver- 
gleicht sich slav. sokii Saft. 

skak a\xioL : Skaka Kul. 23. 

gak Eber: geke Rada 12. 

vieo§rdk Dieb : viei§rake Kul. 57. Von vieO stehlen = ai. 
vah, zd. vaz, lt. veho, slav. vezq, lit. vezii. 

fVuturdk Schmetterling, auch fJkturdk: fTidurdk Kul. 57. 
Von fluturön (aus lt. ßuctuare Mi. 2, 27?); rum. fluture 
Schmetterling. 

fiiSardk 7:eovfiz: fuSarake Kul. 57. Von fus§ Ebene. 

fseh§rdk y.pu-J^i'vo'j;: fseh§rake Kul. 57. Von fseh verbergen. 

gUm§sdk schlaftrunken: gumesake Kul. 57. Von gwn Schlaf. 

rosdk Enterich: rosak§ Krist. Gr. 15. Y on ros§ Ente. Im 
Slavischen sind folgende männliche Thiernamen mit dem Suffix 
-ak gebildet: nsl. gosak Gänserich, macak Kater; bulg. kofak 
Kater, patak Enterich; serb. omak junges, einjähriges Pferd, 
macak Kater, i:)atak Enterich ; klruss. husak Gänserich ; russ. 
gusak-^ öech. Jmsdk, opicdk Affe, vidldk Gabelhirsch; Y>o\n. jagniak 
Bocklamm, kielcziak Spanferkel. 

motdk jährlich : m,ofak§ Krist. Gr. 20. Von mot Jahr. 

rik ps^Öpov: riket§ Kul. 162. 

strik geizig: Ho'iU H. 

vir5§mk Altersgenosse: virsenik Kul. 57. 

kakip'ook Augenkugel H. (g. kak§rQok-i), csOa/.iJ.c; Kul. 57, 
vitellus (Eidotter?) Rada 12: kak§rloke Kul. 57. Das Ende sirht 
aus wie it. d' occhio. 

muk Dämmerung: muk^ H. 

hark Bauch: harkt Lecce 20. harke H. g. ; Doz. ; Krist. 
Luc. 23, 29 t. und g. ; hartse Ro. Gr. 19. Z>a>7cß Krist. Gr. 15; 
Luc. 23, 29 Ath. ; Kul. 22. herke H. t. herke in Argyrokastron 
nach Krist. Gr. 15. 

dzerk, sverk, dzverk, tserk Nacken : dzerke Kul. 23 ; zi^erke 
H. ; tserke Rada 12. Daraus ngriech. cßspy.oc, mrum. zverkf Kav. 
Vgl. an. sviri Nacken, ka'pqdzerk Schlund, Kul. 120. 

tirk Gamasche: tirli H. ; Krist. Gr. 14; Rhd. Anth. 32. 

tirh^ H. Hrke Doz.; Kul. 23. 

18* 



270 Meyer. 

derh Ferkel^ Kiil. 48, Cönf. 37, dirk Krist. : dirlc Krist. 
Gr. 14. dirlce Frasc. Matth. 7, 6. dÄrk Rada 12. 

id'k Wolf, uik Jungg 20: id'k Kul. 23; ujk Krist. Mattli. 
7, 15 t., g. ; uts Scut. ebenda; uits Jungg 20. ulTci, ulJce Csun. 
1. 205. idk§ Pian. Matth. 1, 15. urk§ Frasc. ebenda. idUei^ 
Act. 20, 29 Ath. i'ijk§re Doz. ük§re H. ulk§ra Rhd. 6. Euro- 
päische Urform des Thiernamens ist *vlko-. 

%ark Schweinstall : ^artse Jungg 20. 

duik Gesträuch Jungg, [jolkx/zz Krist., Eiche Rada: dustse 
Jungg 20. duske Krist. Gr. 15. Rada 12. duskat Eichen, Pulj. 
132. dmk Jungg 20. 

hnaSk Schlamm: Imastse Jungg 20. 

tosk Toske : toske, toska Jub. 74. tosk Jub. 78. 

vlsk Fohlen: visll, best. viskit§ Krist. Gr. 14. 

hisk -/./«svapay.t : biske Krist. Gr. 15. 

petk Kleidung, z. B. Scut. Mattli. 3, 4: ^;efÄ;a Jungg 20. 

brisk Rasirmesser : brists, best, bfistsit Jungg 20. briske 
Kul. 58. briske Kul. 22. Vgl. rum. briciü; asl. brici novacula, 
biiti scheeren Mi. Vgl. Gr. 1, 124. 

buk Streu: butse Rossi Gr. 20. (Aus pers. buk locus vel 
fovea, ubi frumentum reconditur, Vullers?) 

furik HühnerhsLViS : fu7'itse Jungg 19. Bei Kul. 33 fuflk 
Nest mit dem Plural furik e. 

2. Stämme auf -/J. — Die bestimmte Form des Nom. 
Sing. Avird mit -i gebildet. 

a) Lateinische und romanische Wörter. 

kriU, kruk Kreuz, bei Jungg 23 krmj-i Crucifix, krug-ia 
Kreuz; lt. crucem Mi.: krike Kul. 20, kruke H. 

gik Richter, lt. judicem: yilc§ Matth. 12, 27 Plana. 

kuk roth, lt. cocceus, Schuchardt, Kuhn's Zeitschrift 20, 
249: kuke Kul. 20. 

ketk, Uel'k Glas, lt. calicem Mi.: kel'ke Kul. 20; kel'ke H. 
kel'kere Doz. 1, 129. 

cZ?'eA; Drache, Teufel, lt. draco Mi.: drek^rit§ Krist. Gr. 11. 

unli Onkel, best, ung-i Krist. und nach H. g., lt. avunadus 
Mi. : unya, uhge Krist. Gr. 12. uidcQre H, 

spindU Spinat, ital. spinace Mi. : spinalie H. 

In lat. Wörtern ist alb. -k entstanden 1. aus -ke: kruU 
crucem, kel^k calicem, sjnndk spinace, pak pacem, yik judicem, 



I 



Albanesische Stiulien I. 277 

ilJi ilicem, Heldreich 17 5 2. aus -Ido: soJc Gatte, socius, vgl. 
oben S. 272, JcuJc cocceus, iriU ericius: 3. aus -Mo: iinU avun- 
c(u)lus. Schwierig ist dreU , das ebenso wie das kymrische 
draig aus draco vielleicht eine ursprüngliche Pluralform ist 
= *draci; vgl. ngriech. opa7.oc, rum. drac. 

h) Griechische Wörter. 

pelelc Axt; griech. TieXsy-i: peleJce Kul. 32. 
katsil:, bei Kul. 126 Uatsill Böcklein, griech. -/.y-zi-/:. Zick- 
lein : kaUiUe Kul. 33. 

c) Slavi^ch ist nach Mi. A. F. 1, 26 r§§ilc Schlauch, bei 
Rossi rsits, aus serb. mjesic: resiket Pian., Frasc. Matth. 9, 17. 
r§sika Krist. g. ebenda, rsitst Scut. ebenda. 

d) Albanesische Wörter. 

kek schlecht : kek H. kekin H. ; Krist. Igt. 74 ; Cam. 1, 
206. kekij Krist. laz. 79. Zu griech. v.av.oq, lit. kenkti schaden. 

3. Stämme auf -g. Im unbest. Nom. Sing, erscheint 
nach albanesischem Auslautsgesetze -k. Form des Artikels im 
best. Nom. Sing, ist -u. ark oder hark, best, hargu, wo -g- aus 
-k- erweicht ist, s. 0. S. 272. 

a) Lateinische und rovianische Wörter, 
preiik, -gu Fürst, lt. princeps: preng Kul. 23. 
strik, -gu £pivv6(;, lt. striga Mi. : strige Kul. 23. 
lt. magus: madzit p-avot Scut. Matth. 2, 1. magl Krist., 
ebenda. mddz§rat Frasc, Pian. ebenda. 

hurk, -gu Gefängniss, vulgärlt. hurgus Mi. : hurge Doz. 

h) Slavische Wörter. 

p7'ak, -gu Schwelle, serb. präg Mi. A. F. 1, 30 : präge H. 
pfeg Kul. 23. 

trek, -gu Markt, asl. frügü c/.-io^i., serb. trg Mi. A. F. 1, 35: 
trege Krist. Gr. 15 5 Luc. 20, 46 f., g.; Kul. 23. 

hrek, -gic Hügel, serb. breg Mi. A. F. 1, 17: brige, geg. 
hrekg H. breg (bregk) Jub. 88. 

fok, -gu, Haufe, Bausch, tt-üj/y^ Kul., serb. stog Schober, 
vgl. drum, stog, m.r\\m. stog k. cumulus: togeVL.-, Doz. toge Kn\. 

c) Griechisch ist Avohl zunächst murk, -gu neben murgq -a 
Bodensatz des Oels, aus ngriech. \j.z\)^-(y. = serb. murga Oelhefe, 
Bodensatz, beide aus lt. amurca (Mi. Fremdw. in den slav. 
Spr. 112), das wieder seinerseits aus agricch. i'^-ip'^;rt stammt 



278 Meyer. 

(Weise 336). Plur. murU Krist. Gr. 14. Das Adjectiv murk 
dunkel ist vieUeicht davon zu trennen und mit serb. mrk schwarz 
urverwandt oder daraus entlehnt; vgl. auch rum. murg schwarz- 
braun. Mi. Lex. palaeoslov. 383. Vgl. Schuchardt 250. 

d) Älbanesische Wörter. 

steh, -gu Eingang: Stege Doz. 5 Kul. 23. stige H. Zu got. 
steiga ich steige, staigs Steg, asl. stignqti kommen, lit. staigüs 
hastig, griech. crst/w gehe. 

stok,- gu HoHunder : stoge H. ; Doz. ; Krist. Gr. 15 ; Rada 
12 5 Kul. 23 ; stotse Jungg 20 (wohl ungenau für stodze). Rum. 
soc aus sambücus; vielleicht ist auch das alb. Wort entlehnt. 

zok, -gu Vogel: zog Kul. 23; 140; Rhd. Anth. 41. zog§ 
Rada 13. zoj Rhd. 6 ; geg. nach H. zögere Doz. 1, 131. zoga 
Pian. Matth. 6, 26- sie. bei Cam. 2, 174. zogt Scut. Matth. 23, 
37. zok H.; Doz.; Krist. Gr. 14, Matth. 23, 37 t., g.; Jub. 
102. zots Jarn. 9. zok§ Frasc.^ Pian. Matth. 23, 37. zojkt (^oiv-at ) 
Luc. 8, 5. Ath. 

lenk, -gu Brühe H., wohl richtiger l^nk (Kul.), wegen geg. 
I^ank: Teiige IL, l§nge Kul. lengera H., Vp.hgpxi Rhd. Lex. 99 
(l'öngera). 

vark, -gu collier Doz., ap[;.a8ta Krist. : varge Doz. ; Krist. 
Gr. 15. 

vank, -gu Rad, Felge : vange Krist. Gr. 15. Vgl. lit. vinge 
f. Krümmung, Biegung, und was Fick 2, 658 dazu stellt. Dazu 
auch vehgHvt^ schielend. 

pelk, -gu Pfütze: ijelge H. Vgl. lt. palüs; ■äocX/.s;. r.r^KÖq 
Hesycli. 

vruk, -^it (Bedeutung?): vruk Krist. Gr. 14. 

4. Stämme auf -g. Im unbest. Nom. Sing, erscheint 
nach albanesischem Auslautsgesetze -k. Form des Artikels im 
best. Nom. Sing, ist -/. 

a) Lateinische und romanische Wörter. 

rek, best, regi König, nur in Unteritalien, z. B. Papanti 
669, lt. regem: reg§ra Frasc. INIatth. 11, 8. Danach selbst ein 
Sing. Gen. regerit Papanti 668. 

h) Griechische Wörter. 

zik, -gi Wage, ngriech. '(Jj^v. zikt§, zig§re Doz. 

fäiik, fähgi c^aAavYiov: fäng§ Rhd. Lex. 98. 



Albanesische Studien I. 279 

c) Alhanesische Wörter. 

JcenJc, Jcengi Lamm : Jx'eiuje Kul. 20 Qcenge, wohl Druck- 
fehler); Jc§h<je Rada 12. Uenga Krist. Gr. 12, ungebräuchlich 
(dafür sÄ;efa). Ä;m^'a Alf. Konst. 37. Uigna f^= Jcinyna) Jub. 84; 
]iehg§ra Krist. '.'t. 61 ; Up'igipxi Rada 12. 

n§nU, n§ng'i Knoten, Rada 12 (bei H. neje, bei Pulj. 134 
nuje) : n§nge, n§hg(^ra Rada 12. 

5. Stämme auf -Ä. Best. Nom. Sing, auf -u. 

a) Griechische Wörter. 

ah, -u -/^xw: ahe. Kul. 22. Das a- ist sehr auffallend und 
macht die Entlehnung des mir sonst unbekannten Wortes 
zweifelhaft. 

vlah, -u BXdyoc : viehp. Krist. Gr. 15. 

stomdh, -u Magen, aus griech. ■jxoij.xyo- oder Gxo'^Ayj: stomahe, H. 

Hier reihe ich an ray, best, rayi monte (Raps. 66), mit 
palatalem -/ wegen des Ursprungs aus griech. oxy:: Rücken, 
Bergrücken, mit -yi-. 

b) Alhanesische Wörter. 

ah, -u Buche : ahe Krist. Gr. 23. Identisch mit ahd. asc, 
ags. aesc, an. askr Esche, h = idg. sk wie oft. Asl. jnsika, 
lit. üsis, griech. o^'jy; scheinen verwandt. 

kräh, -u Schulter: kraha Doz. ; Krist. Matth. 23, 4 g. ; kScut. 
ebenda; Kul. 23. krähe Rada 13. krah§}i.:, Doz.; Frasc, Pian. 
Matth. 23, 4. krahera Rada 13. Wohl zu ht. kdrka f. Ober- 
arm, bei Schweinen der Vorderfuss mit der Schulter (Nessel- 
mann) ; serb. krak m. langes Bein, Schenkel, bulg. krakii Fuss, 
rum. krak crus. 

II. Stämme auf Dentale und Interdentale. 

Der bestimmende Artikel hat die P'orm -i. 

1. Stämme auf -^. 

a) Lateinische und romanische ]Vörter. 

Hat Statur, lt. stätus Mi. 2, 63: state H. ; Kul. 21. 

strat Bett, lt. Stratum Mi. 2, 64: streite Kul. 21. stvaU^. 
Act. 5, 15 Ath. stret Rhd. 7. strete H. ; Doz. strdtpia Kv\i>X. 
Act. 5, 15 g. strdtora Krist. b-r. 49. streten, best, stretnit 
Rossi Gr. 18 ; Jungg 18. stretina Lecce 18. stret^ra sie. 
Cam. 1, 200. 



280 



M e V e r. 



16; 



32 



paldf Palast, lt. palätium Mi. 2, 46: pahde H. ; Kul. 32. 
fat Schicksal, lt. fätum Mi. 2, 25 : fate H. fdtejitp^ Krist. 

Gr. 11. 

frat, it. frate ^l\. 2, 28 : freten, best, fretnit Jungg 18 ; 

fretenit Rossi Gr. 17. 

kundt Schwager, lt. cognätus Mi. 2, 15: kunet§ Raps. 26. 
kuneten, best, kunetnit Jungg 18. kunet§re Alb. B. 168. 

mfca« Sünde, lt. peccatum Mi. 2, 48 : mkate Rossi Gr. 
Scut. Matth. 3, 6. 7??Ä:afß6- Scut. Matth. 1, 21. 

lief Netz, lt. rete Mi. 2, 55: riete Kul. 21. 

mj-et , mhret, mheret Herrscher, lt. imperätor Mi. 2, 
mßjrete Kul. 21. mretna Jungg 23; Alf. Konst. 37; mb§retna 
Krist. Matth. 11, 8 g. mhretra Pian. ebenda. mb§ret§ra Krist. 
b^. 142. mbret§re H. ; Doz. ; best. mh§ret§ret Krist. Matth. 11, 
8 t. vib§ret§re Ki'ist. -.ctt. 13; best. mb§veterit§ Krist. Gr. 11, Igt. 13. 

Uutet, gutet Stadt, lt. civltätem Mi. 2, 14: Ä^wtete Doz.; 
Krist. 'CTT. 15, Luc. 13, 22 t., g.; gutete Alf. Konst. 39. dzutete 
(giytette) Jub. 68. 

s§ntet, sendet Gesundheit, lt. saniiätem Mi. 2, 57 : s§ntete 
H. s?MZete saluti Jub. 108. p^rsmdete ya ipsT(c7[xaTa Kul. 57. 

kriet Diener, it. creato, sie. criatu: kriet^ Raps. 85. 

Z^»< Fass, it. botte Mi. 2, 6: 6t4fe H.; Kul. 19. 

miU Schmutz, it. mota Schlamm: mute Kul. 22. mdt§ra 

H.; Doz. 

virtiU Tugend, vertut Kul. 34, vurtut Jungg 14, lt. virtü- 
tem Mi. 2, 71: uiriwfe Kul. 32, vurtute Jungg 14. 

frut, frut Frucht, lt. /rtic^MS Mi. 2, 28 : /?-tt<e Frasc. Matth. 
7, 16. /rw^s Scut. ebenda. 

not Schwimmen, aus lt. natare gebildet, Mi. 2, 43: note 
Kul. 22. 

s§int, s§it, g. seit heihg, lt. sanctus Mi. 2, 57: 6^ette Rhd. 
Lex. 28. Seite g. H. seitna g. H.; Imit. 1; Scut. Matth. 27, 52. 
sent§na Krist. ebenda, g. seitra Frasc. ebenda, seitra Pian. 
ebenda, sentore Ki'ist. ebenda t. ; Gr. 11; s§intor§ Kor. 1, 1, 2 
Ath.; seintor§ H. ; sentor§ Leake 293. 

(Zrei« gerecht, lt. directus Mi. 2, 21 : f/retY' Krist. Matth. 
5, 45 t., g. dreitit ebenda Scut., Frasc. drejeßt ebenda Pian. 

prift Priester, lt. presbyter Mi. 2, 52: prifte Kid. 19. prif- 
ten, best, priftnit Jungg 18. priften, best, priftenit Rossi Gr. 18. 



Albanesische Studien I. 281 

priftmi Lecce 15. prift§nit Krist. Matth. 2, 4 g. jirifte^iit Krist. 
ebenda t. j)rift§re, best. prifteriU H.; Doz. prift^ra Rhd. 6, Anth. 
48; Raps. 44; Stier, priftra Matth. 2, 4 Frasc, Pian. 

laß Ruhm, lt. Zaitriem Mi. 2, 35: Ta/^e Kul. 21. 

Hift milvus, lt. accipiter: Uif^ra Rada 14; Mftra Adler, 
y Matth. 24,28 Frasc. Ngriech. tc-st-^; milvus regalis Bikelas 13. 

spirt Seele, %7rf Jungg, spurt Doz., lt. spiritus Mi. 2, 62 : 

spiV^ Doz. spirte H.; Krist. b-r. 134, Luc. 9, 56 t.; ebenda und 

11 Act. 15, 26 Ath. splrtna Jungg 23; .spirtna Rossi flr. 18; Scut. 

^' Matth. 8, 16; spirtma Krist. ebenda g. ; spirtina Lecce 18. 

spirtra sie. Cam. 2, 197; Matth. 8, 16 Pian., Frasc; spfrf^ra 

Krist. Igt. 16; i^ct. 5, 16 Ath. spirtere Act, 15, 24 Ath. 

sort Loos, Zufall, lt. sortem Mi. 2, 61: sorte H.; Kul. 21. 

7norf Tod, lt. mortem^ Mi. 2, 42: ??20f<e H. 

?ni(s^ Most, lt. mnstum Mi. 2, 43: muste H.; Kul. 22. 

h) Griechische Wörter. 

arcjdt, ergdt ep-(y.T:r,c ap-{d-r,:: argdte Kn]. S2. Vgl. rum. argat 
Knecht Roesler 6. bulg. argat, Mi. Fremdw. in den slav. Spr. 75. 

monopdt Fusssteig, [j-ovcTtatc : monopate H. 

ipokrit Heuchler, 'j^cy-ptTr-: : ipokrü§rit§ Krist. Matth. 6, 2 t. 

ipokritin Krist. Luc. 11, 44 t. Aus it. ipocrita sind wegen ihrer 

Ij Betonung entlehnt ipökritit Scut. Matth. 6, 2. ipökritrat Frasc, 

Pian. ebenda. Für hipokrit§te Krist. ebenda g. und hipokrit^na 

Luc. 11, 44 g. ist keine Betonung angegeben. 

skut T/Sixzq: skide Kul. 21. 

c) Slavisch ist 

grust Handvoll, serb. grst Mi. 1, 20: grusle Kul. 19. 

cHJ Türkische Wörter: 

at Pferd: ate Kul. 18, atldr Jungg 18. 

azdt «cc'.a : azate Kul. 32. 

dzeldt Henker: dztlatat oder dzelet Jungg 18. 

surdt Maske: sufeten, best, suretnit Jimgg 18. 

zandt Handwerk: zanate H. 

indt Hartnäckio-keit : inate H. 

saÄrf^ Stunde : sahate, sahate H. 

adet Gewohnheit: adete H. ; Kul. 32. 

milet Volk: milete H. 

Aitfe'i; Starke: kuvete H. 

kurbet Fremde: kurhete H. 



282 _ Meyer. 

Jiusmet Dienst: hnsmete H. 

beit Gedicht: heita Jub. 102. 

serü Seidenband : sevita Jungg 23 ; Jub. 94. seritna 
Jungg 23. 

agezöt Pulver dei' Zündpfanne: ag§zote Kul. 57. 

bariU Schiesspulver : harute Kul. 32. 

tsifüt Jude: tsfutvet Scut. Mattb. 21, 11. 

tsift Paar: töifte H. 

raft Bret, Fach, türk. raf, ngriech. päcpt: vafte Kul. 21; Doz. 

dert Seelenqual: detie H. 

hast Wette: baste Kul. 18. 

käst Absiebt : käste H. 

pust Scbandbube: puste, püst§7-e H. 

sist Dolcb, Stockdegen, türk. sis : slste. 

d) Albanesische Wörter. 

at, bei Doz. ate. Vater: ata Doz. jätet Luc. 1, 17 Atb. 
aten, best, dtenit Jungg 22. dtpia Krist. Mattb. 23, 32 g. dt§- 
r§vet Krist. ebenda t. atret Krist. Luc. 1, 17 t. dt§7it§ Doz.; 
Krist. Gr. 11, '.ct. 25. Vgl. griecb. ät-ca, lt. atta Väterchen; 
got. atta Vater, asl. ottcl Vater, air. ate Pflegevater. 

ßat Dorf : f säte Kul. 19. fsdt§ra H. ; Doz.; Krist. Luc. 
13, 22 t.; Luc. 9, 12 Atb. fsatra Krist. ebenda t. Vgl. rum. 
sat Dorf. 

sat Karst, Egge, H., a^tvv) Kul.: säte Kul. 21. suejte H. 
(? ist auch Plur. von sual Sohle). 

mzat junger Stier: mzet und mzetnit Jnngg 18. Ableitung 
von m§s, mozi, geg. mas männliches Füllen, worüber man Diefen- 
bach, Völkerkunde Osteuropas 1, 247 und Mi. Kumunische 
Untersuchungen 1, 23 sehe. 

det Meer, det Jungg, deit Stier : dete H. ; Krist. Alf. t. 22, 
g. 21. detna Jungg 23. detera H.; Doz.; Krist. Gr. 13; Rhd. 6; 
deitora Rada 14. detQvet Krist. lox. 17. Vgl. griech. Oexig? 

ret e^opia : rete Kul. 21. 

vit Jahr, bei Jungg 23 viet: vite Kul. 19; Act. 24, 17 Ath. 
vitna H. g. vitere H. ; Doz. viteravet Kul. 106. vitQrvet Kul. 
112. viet Doz.; Kul. 106; Pitre 285; A Dora d' Istria gh Al- 
banesi 88 cal. viete Raps. 61. vleta Vigo 696. Vgl. griech. Fetoc, 
lt. vetus, ai. vatsd- Jahr, asl. vetühü alt. 

ndit Schnelligkeit: ndite H. 



t 



;A 



Albanesische Studion I. 283 

zot Herr: zot Jungg 25. zote Kul. 21. zött^na li. g. zotra 
Stier; Raps. 19; Matth. 6, 24Frasc. ; zöt§ra ebenda Pian.; sie. 
Cam. 1, 200. zöt§re R. /:;o7^W!?ß Krist. Gr. 11. 2;o^mz}" Lecce 13; 
zotnij Rossi Gr. 15. zot§rin H. 

Tot Thräne: Tot Krist. Gr. 13; Jimgg 13; Jub. 39. 96. 
lote^ Doz. Toife H.; A Dora d' Istria gli Alb. 74 t. ; Kul. 21. 
Vgl lt. fletus. 

mot Jahr: mote H. ; Kul. 22; Rlid. Antli. 12; Krist. Luc. 
8, 27 t. (motes). mots Krist. ebenda g. möteriti' Krist. Gr. 11. 
mot§rat Raps. 85. Vgl. lit. uietas Zeit, Jahr zu wz. 7nä, europ. 
me wessen. 

hut sanft: hutit Scut. Matth. 5, 4. 

fut Schnabel der Lampe : fnfe H. 

ast Jungg 18, Rada; äst Rossi; est Kul.; aite-a H. ; est^ 
Alb. B. 25 Knochen: este Kul. 19. estna Scut. Matth. 23, 27; 
estena Krist. ebenda g.; esna Borgo Erizzo. estra Matth. 23, 27 
Frasc, Pian.; est§ra Krist. ebenda t. ; Rada 14; Raps. 103; H. 
ast§ra H. azdq.ra Kul. 154. Y^\. ai. asthi-, asthdn-, zd. asti, 
asta, griech os-rsov, lt. o.s, ossum. 

ust Aehre : iiMe Kul. 22. ilst<pxi H. ustere H. ; Doz. Vgl. 
russ. ösiie n. Pflanzenstachel, osty f. Achel; cech. osti n. Acheln ; 
pol. ose f. Achel, Stachel. Diefenbach, Got. Wörterb. 1, 8. 

pTest, pl'est Floh: pTesta H.; Doz.; Krist. Gr. 12; Kul. 19. 
pl'este Krist. Gr. 12. i)Test§ Leake 394 aus Daniel. Die sonsti- 
gen indogermanischen Wörter für ,Floh' (Curtius Grundzüge ö 
374), die jedenfalls auch nicht alle imter einer Grundform zu 
vereinigen sind (vgl. Fick Vgl. Wörterb.), stimmen nicht, wohl 
aber cech. plostice, plosfka, rum. plosnitä Wanze Cihac. 2, 266. 

vrest H., Raps. 29, v§restß-i Krist. Gr. 13, vest§-i ebenda, 
g. vest H., vresta r, «[X'äjsaoc Kul. 28: v§nesta H. g. vresta H., 
Doz., Kul. 26; Rhd. Anth. 10. v^restera Krist. bi. 75. Abge- 
leitet von g. vme-a, t. vefe-a Wein, das aus dem lt. Plural vina 
entlehnt zu sein scheint. Mi. 2, 71. 

bist Schwanz: biste Kul. 19. bisfrna Apoc. 9, 10 g. bistera 
ebenda Ath.; H. 

gist H., glH Rossi, (ßist Alb. B. 190, Kul. Finger: gist 
Jub. 102. gUta Rossi Gr. 328; Krist. Alf. g. 18. ghsfe Kul. 
19. (Jist§ Raps. 69. gUstra Alb. B. 39; gmtern Rhd. 6; Kul. 
161 ; (ßst§ra H. ; Doz. gütere 11. ; Doz. ; glUtere Kul. 78. gistr^.t 



m 



284 Meyer. 

Krist. Alf. t. 18. (ßistervet Kiil. 46. Vg]. ai. ahgustha- Daumen^ 
pers. ahgust, kurd. engist, ihgist, zigeun. angiist, gusto Finger, 
Mi. Mundarten der Zigeuner 7, 9. 

i-ist verso Ro.: H§t Conf. 15. 

k§rvist GxövouAoc: k§rviste Kul. 33. 

bost Spindel: hoste Kul. 19. 

kopest Kul., H. g., kofst H. Garten : kopste Kul. 2Q. kö- 
p§stra Krist. Gr. 13. köfst§ra H. lap^sna H. g. Jcipstera Krist. 
lax. 112. 

oht Trauer: ohte Kid. 21. 

jjaÄf, g. ?K//< Mitgift: ?iaA<e Kul. 22. 

2. Stämme auf -c?. Der unbest. Nom. lautet auf -t aus. 

a) Lateinische und romanische Wörter. 

kaut, kandi Saum, Ecke, it. canto Mi. 2, 10 : kande Doz., 
Kul. 19. Ungenau sind kantet Krist. Matth. 6, 5 g., kantevet 
bi. 38. 

gent , gendi; dzint Jungg 24, lt. genteni Mi. 2, 30: gende 
Kul. 19; gindevet Mattli. 4, 15 Pian. gind§vet ebenda Frasc. 
dzind Jub. 46. dzinnt (nn = nd) Scut. Matth. 25, 32. 

vient, viQudi Verstand, lt. mentem Mi. 2, 40 : mende H. 

argent, argendi Krist. Igt. 20; er gent Kul. 33 Silber, lt. ar- 
gentum Mi. 2, 3: argpide Kul. 32. 

kuvent, kuvendi Erzählung, Unterredung, lt. conventum Mi. 
2, 17: kuvende H. ; Doz. kuvene (n = wn = wcZJ cuveopta Scut. 
]\[atth. 10, 17. Ungenau ist kuvente ebenda Frasc. 

kint hundert, lt. centum Mi. 2, 13 : kinde, kind§ra Alf. 
Konst. 108. 109. 

print, p§rint, -ndi Vater, lt. par entern Mi. 2, 47 : prind 
Jungg 24 ; prinde Raps. 50 ; prin Conf. 57 (n = nd) ; print^ 
Kul. 112; p§rint§ Krist. Luc. 2, 27 g. p§rinde Krist. ebenda t.; 
printe Kul. 19; printevet Conf. 57. printe Doz. 73 (in Fjcri): 
pprint§ Ivuc. 2, 27 Ath. pgrm Eltern H. prind§ra sie. Cam. 2, 
160; prindra Matth. 23, 32 Frasc, Pian. Die Formen mit -nt- 
sind ungenau. 

funt, -ndi Boden, lt. fundus Mi. 2, 28: funde H. ; Kul. 19; 
Scut. Matth. 23, 5. 

katnnt , -ndi Stadt, Dorf, it. cantone: katunde Kul. 33; 
Krist. Matth. 14, 15 g. ; ebenda Frasc; katune Scut. ebenda. 



Albancsische Studien I. . 285 

h) Slavisch ist 

graSt, best, grazdi Krippe, asl. graztli Mi. 1, 20: grazde 
Kul. 19; Raps. 62. Ung-eium graste. H. 

c) Türkische Wörter. 

fiU Elefant, B.. fil', tnvk. ßl : Jl/'de Kul. 19. 
dzmt böser Geist: dzinde H. 

d) Albanesische Wörter. 

vent, -ndiOvi: vende H. g. ; Doz. ; Krist. Gr. 13; Kul. 19; 
ungenau vente Kul. 64; Rhd. 5. v§ndeH..t. vend^ra Do7.. ven- 
d§re, best. vend§rit§ Doz. 

int, -ndi Gewebe : iude Kul. 20. 

§nt-, ndi axkx (Weberschiff) : §nde Kul. 20. 

leint, -ndi Zwickel, Einsatz; Jcinda H. 

3. Stämme auf -0. 

Diesen Ausgang haben vor Allem die männlichen Demi- 
nutiva. Sie kommen in allen albanesischen ^Mundarten vor, sind 
aber besonders im griechischen und italienischen Albanesisch sehr 
häufig. Sie werden fast ausschUesslich von Masculinis gebildet ; 
die wenigen Fälle, in welchen nur ein Femininum als Grund- 
wort nachweisbar ist, erklären sich mit Hinblick auf den so 
häutio; zu beobachtenden Wechsel zwischen Masculinis und 
Femininis, über welchen später ausführlich gehandelt werden 
wird. Herr Dozon führt in seiner Grammatik S. 276 folgende 
Beispiele an : o§nd§riO sposino, ri/ry/VO petit gar§on , ceö pays, 
patrie, hlrO jeune fils, dre() joiuu^ cerf. Er bemerkt dazu : ,cüreO 
est le seul exemple que j'aie rencontre; les autres sont em- 
pruntes ä Camarda p. 165 ou a Krist.' Ich gebe daher im 
Folgenden eine reichere Beispielsamndung. Das Suffix -0 ist ent- 
weder an den unbestimmten oder an den bestimmten Nominativ 
angetreten ; selbst an den Plural finden wir es angefügt. Beim 
Antritt an den unbestimmten Nominativ entwickelt sich zwischen 
einem auslautenden Consonanton und dem -0 loicht ein -t'-. 

a) Demimitiva auf -0 rom unbestiiiDiiten Xoinhuitiv oder 
richtiger vorn Stamme gebildet. Die Wrirter sind nach dem 
Auslaut des Stammwortes geordnet. 

Stämme auf Gutturale; auch -(7 erscheint vor -0 als -k. 

mikd Freund: mik dass. — rnkd kleine Quelle 11.. /'//AO 

xuXa; Kul.: l'nk s. 0. — htkO cartilago thyreoidea Klid. Lex. 16: 



28G • Meyer. 

Tak, lt. laqueus. — dufekf) Flinte Alb. B. 86: dufek, türk. — 
sti-ukfi Hobel Jungg 15: struk class. H., serb. strug Mi. A. F. 
1^ 34. — tsandk^ Batterie am Feuerscbloss H. : tsandk Schüsseü 
türk. — zo/cO kleiner Vogel Klid. Anth. 50, zog^ avicula Blan- 
chus: zok-gu Vogel. — tsh'ik% Frostreif H. : ein Stamm tsii^k^ 
ergibt sich aus tsmkn§ dass. und tsiukp^§ Eis. — dzerk§^ collo 
Raps. 69 : dzerk Nacken. — tsuiiMa Binsen von tsunk it. giunco 
Jungg 105. — s^nkiß segno Rap^. 78: sie. s§ng§ d. i. wolil 
s§nk-ngu Zeichen Cam. 2, 153, aus sie. singu = it. segno Traina 
Vocabolario siciliano-italiano 932. — kraheß Arm Raps. 77 
[kraghißin Acc): kräh Arm. — Hieher gehört auch dzikb -petto 
Conf. 55, von gi Busen, doch bleibt mir das -k- unklar. Auch 
emdM Alp scheint eine solche Bildung zu sein. 

Stämme auf Dentale: 

Strato lectulus Kav. 490: Strat Bett, lt. Stratum. — bistß 
coda Raps. 78 : bist Schwanz. — k§Settß treccia Raps. 55. 82. 
95: p§r kesetti per le treccie Raps. 74; keseii la treccia. — 
MOß Brennnessel H. : hib, Jüd ortica Ro., äm6 Blanchus, gt^ 
Rada 14. — hres^ zona Raps. 44, unrichtig hrezQ Raps. 49: 
hres-zi Gürtel. 

Stämme auf Labiale: 

grep^ Thürklinke H., Kul. : grep Haken. — kripß criniera 
Raps. 93: krip-i Haar Cam. — puhmi^ Täubchen Alb. B. 56 
tosk. : indiimi>hi Taube. 

Stämme auf Liquidae und Nasale: 

Ur^ Sohn Doz., Kul. {Inr^o Voc), Dorsa, Vigo 696: hir 
Sohn. — oe^ntej-^ sposo Raps. 57: ce,nte,r Bräutigam. — sünß 
arena Raps. 51: mr Sand H. — potir^ Branntweingias Rhd. 
Lex. 50: griech. 7:o':/,p'.:v. — /vopaVO das TcXv^y.Tpsv bei einem 
Kinderspiel, Rhd. Lex. 74: griech. y.ir.moq. — diaT(ß Knäblein 
Kul. 78, Alb. B. 53: diaT§-i Knabe. — Tumi) Flüsschen Kid. 21: 
lam, üirnQ, Tume^-i Fluss. — l'um^ selig H: Tum dass. — trim^ 
Vigo 696 : trhn Jüngling. — drom^ cammino Vigo 699 : drom 
Lauf, lp\}.oz. — giton^) Nachbar Rhd. Anth. 40: gitön -/eiTo^v. 
— ßistd.n() Alb. B. 89: fustdn Fustanelle. — kend ranula? Rhd. 
Lex. 71: eig. Hündchen, von ken ? — gred Kul. 19, Wespe, 
nach H. g. gria, best. grTßi: ""gren, vgl. fem. grme^z§ H. und 
die Plurale greres, gri'razite, (r = n) Rhd. Lex. 66. 



Albancsische Studien I. 28 i 

Stämme auf Voeale: 

vfildO Brüderchen Alb. B. 67: v§IA Bruder. — dreJi jeunc 
cerf Doz.: dre Hirsch. — ceö suolo Raps. 49. 93 5 Alb. B. 90; 
Krist. icJT. 109: ce Erde. — pefua^ torrente Raps. 49: p§fua best. 
p§foi Giessbach. — knoMt Acc. das Haupt, Raps. 78. 104: mit 
neutralem Artikel vom Neutrum krie Haupt, wie uiUt V acqua 
Raps.. 51 und sur^^it T arena Raps. 51. — tw6 acqua Raps. 75: 
uj§ Wasser. — fai^i Fehler Kul. 138: faj dass. — suO Knöchel 
am Fus.s, Handgelenk, geg. Schlinge H. : su, si Auge. — nierif^) 
Halszäpfchen: nieri Mann (vgl. rum. omiisor dass., Hasdeü, 
Cuvente, Suppl. I, p. LXXVI). 

b) Deminutiva auf -0 vom hesthnmten Nominativ. 
vdp§kuO poverino sie. Cam. 2, 182: vohek arm. — zogiiO 

Vöglein sie. Cam. 2, 134 : zok-gu Vogel, vgl. zoUi. — vlau^ 
Brüderchen Vigo 705: vlä-u Bruder, vgl. v§lä^. — hivi^ Sülm- 
chen, Dorsa bei Stier: hir Sohn, vgl. hir%. — girü) Busen, Vigo 
697 : yi, best, yiri Busen. — oenf§fi^ sposo Raps. 61 ; cend§ri% 
Doz. : ö§nd^r Bräutigam, vgl. cend§f%. — djerif) venterello Raps. 
69: oj§7' lt. aer. — vdrfyrif) orfanello, sie. Cam. 2, 132: varfer 
verwaist. — hükuriB schön, sie. Cam. 2, 132: hukur schön. — 
nök§ri() pargolo, sie. Cam. 2, 168: nokrs piccolo Cam. 1, 83. 
: — fl'amuri^ Fahne Vigo 697; Cam. 1, 132: fJ'amnr ^= ßam- 
mulum. — dialä^ petit garfon Doz.: diaT<^-i Knabe, vgl. diaJ'o^. 
■ — vög§E^ picciolo Raps. 41. 61: vogej^ klein. — ehgeM) angio- 
letto Raps. 70: engel = angelus. — hutöpuUQ Fässchen. Rhd. 
Anth. 43: von einem ngriech. Deminutiv hnföjndo, vgl. alb. hut-i. 

c) Von einem Plural sind gebildet diem^it Kinderchen, 
Krist. '.GT. 23. 52: diem Plural zu diaT§ Knabe. — pidTnOite 
Hühnchen, von einem Plural '^pulm zu ind'q,-a. ]\Ian vergleiche 
hiezu Grimm, Deutsche Grammatik 3, 673 : ,Liegt dem Dimi- 
nutiv ein Neutrum zu Grunde, das den Plural auf -er bildet, 
so nimmt die Volkssprache dieses -er zuweilen in den Plural 
des Diminutiv auf, z. B. Lämmlein, Lämmerlein ; Kindh'in, Kin- 
derlein.' Ebenda S. 680: ,Die hessische und rheinische Volks- 
sprache gibt einigen Pluralformen -er vor dem.-chen: Mädchen, 
Mäderchen-^ Rädchen, Rä'derchen; Kindchen, Kinderchen; Lämm- 
chen, Lämmer cli en ; Kätzchen, Kätzerchen; Gläschen, Gläserchen ; 
Stückchen, StückercJien ; eine klihne Fortführung des epenthe- 
tischen Plurals -er der Neutra, die in Kinderchen, Lämmerchen 



288 Meyer. 

zulässiger scheint als in Kätzerchen, Mäderchen. Ja man ver- 
wandelt an einigen Orten sogar den Sing, -chen in Plural -eher: 
Kindercher, Mädercher, Schaf er eher.' Kehrein, Grammatik der 
deutschen Sprache des 15. bis 17. Jahrhunderts, 2, 308 führt 
an cleiderlin, Kinderle, Kinderlein, Geisterlein, Gliederlein, Wei- 
herlein , Lämmerlein, Kälberlein, G Uterlein ; Erdtmännerchen, 
Weihriger, weihrigen, Kindergen, dingrigen. Ich füge das ver- 
breitete Häuserchen hinzu. Im Albanesischen wird uns bei der 
Aveiblichen Deminutivbildung mit -ze die gleiche Erscheinung 
wieder begegnen. 

d) Deminiitiva auf -0 von weihlichen Substantiven. 

pün^^-i kleine Arbeit, Kul. 122: pune-a Arbeit. — burm§h-i 
geg. Zündloch H. : burm§-a dass. — pipö geg. Schnabel der 
Lampe H. : von it. pipa Pfeife, vgl. pip^zQ-a Laubspitze, Kinder- 
pfeife H. — tamhl^^at Schläfen Rossi Gr. 328 : teinpoTa Plural 
Schläfe H., Mi. 2, QQ. Hier ist auch die weibliche Plural- 
endung eingetreten. — Ist zek^ Bremse H., Kul. 21 die Demi- 
nutivform des it. zecca (Diez, Wörterbuch 1, 449)? 

Wie Herr Dozon, Grammatik S. 276 nach de Rada's Gram- 
matik 28. 40. 50 bemerkt, sind der Deminution mit -6 im 
italienischen Albanesisch auch die Adjectiva und Pronomina fähig. 
Von dem. Adjectiven sind oben einige Beispiele mit aufgeführt 
worden; von dem. Pronominen stehen bei Rada ü^) du, Mfy dieser 
Kleine, aiO. Die Feminina verkleinern entsprechend mit -zq : 
ajöz, k§jöz. Auch Adverbia können mit -6 verkleinert werden; 
vgl. eyn cleyn iceniglin Kehrein 2, 308; niederl. en iceinigje, 
Schwab, a, icengeli, österr. a icengl Grimm 3, 688, wo man noch 
weitere Beispiele findet. So äfiri^ da vicino Raps. 27. ditsa^ 
alquanto 65. prdpanifi dietro 73. vet§mi^ allein 74. 103. sönteniB 
questa sera 84. neseriH domani 103. Aber selbst Verbalformen 
können ein solches kosendes -0 annehmen: ,il vezzeggiativo 
nella lingua albanese investe anco i verbi nelle terze persone 
plurali e ne' participi e negli infiniti, significando quel modo tene- 
rezza d'aftetto in chi lo pronunzia'. G. de Rada, Rapsodie 69 
Anm. So von 3. Pers. Plur. z. B. vin^ni^ vengono Raps. 26. 77. 
tQ vartöinih a piangere 44. tünd^nlH 69. Participia : jnanepsuri^ 
Raps. 22. 103. mbesüarif) 25. martuari% 25. piugurössurifi 32. 
tr^mburid 57 (fem. tremhuri^z 61. 93). di'eburih (i9. 92. prerib 
71. 93. kepuri<) 71. pieksnri^) 71. harepsurii} 72. d§r^ituriQ 78. 



>■ 



Albanesische Studien I. 289 

k^putturi^ 78. hel'Uuri^ 79. värituriQ 85. segurih 99. piehirih 
104. Icesuri^ 105. trüarifi 106. beküanb sie. Cam. 2, 188. zZ/Zik/- 
Wö ebenda. t§ rüami^ Raps. 70. Andre s. bei Camarda 2, 132. 

Von den Deminutiven führe ich folgende Pluralbildungen an: 

grep^ Hebel: grep^e Kul. 19. 

zek^ Bremse: zek^e Kul. 21. 

Vuk^ auXa^: luk^e Kul. 21. 

Vumfy Flüsschen: J'umfye Kul. 21. 

emdk^ Alp: emaMe Kul. 33. 

/a^6 Fehler: /atö Kul. 138. 

strukB Hobel: struk^a Jungg 15. 

ÄtOgO Brennnessel: /«'OgOe H. 

nieriH Halszäpfchen: nierib§ H. 

tsunkH Binse: tsunMa Jungg 105. 

Andere Stämme auf — 9: 

Ä;ä6 Augenkrankheit, H.; Rhd. Lex. 69: kcM Kul. 19. 

dia^ Käse: dia%na Jungg 23. Sing, auch dia(i§t§. 

v§f) Ohrgehänge, Doz. va6; v§^e Kul. 19. v(ß Rada 14. 
v§^§ Doz. vabe Doz. va(i§ Krist. Gr. 12; bt. 21. va^a Rossi 
Gr. 330. 

reo Kranz, bei H. best. t. rec,i, g. fe%i:re^e Kul. 21. 
faöf H.; Doz.; Krist. Gr. 12, Igt. 21; Rhd. 7; fa^ Rada 14. 
Zu ai. ratha-, air. rof/i, lit. rdtas, lt. rofa. 

cZrtö Getreide: dri^na Jungg 16. driO§ra Luc. 12, 18 Ath. 
Sing, auch dribet§. 

/ü6, /w8 Brennnessel: hiQ§ra Rada 14. 

wt6 Maffcn: ?«'0e Kul. 22. 



"ö^ 



4. Stämme auf — S. Der unbestimmte Nominativ ondet 
auf — 0. 

a) Lftteinische und romdmache ]Vörter: 

ku^-oi Amboss {-/pTpa. Kul. 20), lt. incüdeni: kuoe Krist. 
Gr. 12; Kul. 20. ku^a Krist. Gr. 12. 

bandid-li, it. handito, zunächst aber aus ngriech. [xiravoioo^: 
bandioe Kul. 32. 

e6-Bi Bücklein, lt. haedus: «3« Scut. I\[utth. 25, 33. Rum. 
jedu, jezl Mi. Rum. Unt. 1, 31. 

Sitzungsbei-, tl. phil.-liist. C'l. CIV. liii. 1. lU't. 19 



290 Meter. 

h) Griechische Wörter: 

skotdb-ci Finsterniss, griech. c/.oixo'.: skotace H. 

sImB-zi Strohhut^ griech. cv.'.io'.: sJcaoe H. 

rivdO-U, Doz., Krist., Ko.; ludd Kul. 102; luvdb H., Doz.; 
Jugab Raps. 28, Wiese, aus griech. Ä-ßact; luvace H. lua^^ Alf. 
Konst. 20. 

taJcsib-li Reise, griech. Ta^icc: taksile H. 

kso^-li Begräbniss, griech. x% s^cS'.a: ksooe H. 

c) Türkisch ist: 

omwö-Si Vertrauen (Blau): omule H. 

c?J Albanesische Wörter: 

ma^-ci gross: 7neoerit§ Ki'ist. '.st. 84. TTjgc'in^g H., Apoc. 20, 
12 Ath. u. 0. meoej Krist. ebenda g.; H. Zu sk. mah-, zd. maz-, 
gr. pi^ac, lt. magnus, got. mikils. 

breb-ci Tanne : ? Auch ureB Doz. Vgl. rum. hradü Tanne, 
Fichte; lettisch preede in Kurland Fichte, in Livland Tanne. 
Vgl. auch Cihac 2, 714. Diefenbach 1, 50. 

dreb-zi: dreoat§ nur Plur., g., Wendungen H. 

^■eO-s^ Böcldein: ^'6!ca Krist. Matth. 25, 33 t., g.; '.ct. 22. 
In der Uebersetzung von Frasc. und Pian. steht Matth. a. a. 
O. Jc§t§. 

vib-oi Ulme H., Doz., ßaXavo; Krist. Gr. 12: vioe, vi^a 
Kjrist. a. a. O. Vgl. russ. vidzü, poln. iciäz Ulme, lit. vinksna 
dasselbe. 

jnb-ci weibliche Scham: p{z§ra H. Vgl. lit. j^^o, cunnus, 
plsti coire cum muliere, slav. (und daraus isti'o-rum., Mi. Rum. 
Unt. 1, 40) pizda cunnus. 

kirib-oi, ein zoologischer Ausdruck: kiril§s, kiric§zit§ Rhd. 
Lex, 72. 

leb-zi Rand eines Grundstückes H., Wand Kul., bord d'un 
fleuve Doz.: Z'eBe H.; Kul. 21. 

frub-^i Doz. Masern: frufie Kul. 19. 

garb-zi Zaun, Hecke; ySr^r.oz Kul.: garze H. ; Luc. 14, 23 
Ath. (unrichtig wohl garHe Kul. 19). gerze Krist. Gr. 12; Luc. 
14, 23 t., g. ; Rada 12. Vgl. rum. gardü Zaun, asl. gradü murus 
usw. Mi. Lex. palaeoslov. 141; Cihac 2, 115. Letzterer hält 
das alb. Wort für slavisches Lehnwort. 

wrö-Bi, hurb Epheu, auch Masern Kid. : uroe (urBe) Kul. 22. 



I 

1 



Albanesische Studien I. 291 

5. Stämme auf — s. 

a) Lateinische und romanische Wörter: 

as Asz, it. asso, ngriech. äso;, aso: ase Kul. 18. 

jjus Brunnen, lt. pufeus Mi. 2, 51: puse H.; Doz.; Krist. 
Gr. 12; Kul. 19. pusa Krist. Gr. 12. 

tas metallene Reisetrinkschale, H., v.jaOo; Kul.; it. tazza, 
frz. tasse: tase Kul. 20. 

paris Paradies, lt. paradisiis Mi. 2, 47: parise Kul. 32. 

5 j Griechische Wörter : 

pras Lauch, griech. ~pico-f: pras§ Doz. 

eksetasit die Prüfungen, Doz. 1, 144, aus griech. e^etacecc. 

wes (bei Krist. Gr. 12 bestimmt mezi) Hüfte, griech. p.£(;ov: 
mese H.; Doz; Kul. 21. meza Krist. Gr. 12. 

ko2)ös Cam. 2, 178 Mühe, gi'iech. v.i-oq: kopose Kul. 70; 
A Dora d'Istria gii Alb. 81 aus Hydra; Cam. 2, 176 sie. 

Anmerkung. Hier ist von einem griechischen o-Stamme 
(der Nominativ Sing, in sehr roher Weise im Alb. der Aus- 
gangspunkt der Flexion geworden. Ebenso ristös-i Xp'.cro; Alb. 
B. 58 in einem Liede. Sonst ist der Accusativ Sins;. auf -o 
für -07 entlehnt: sorön Acc. Sing, cwpö; Haufe Kul. 144. 
eh^rot§ Feinde, t/ßpö- Rhd. Anth. 5. koftö-i geschroteter 
Weizen H. y.oetöv (Mi. 2, 15 unrichtig aus coctum). skdndalo-ja 
Q'KTK^KZ'i H. tropo 'pbr.zz Doz. sofovet Rom. 1, 14 Ath., sofont§ 
A Dora d'Istria gli Alb. 81 aus Hydra, ccocc. kamnua (best. 
kam)iüi, nach den -«-Stämmen) Raps. 28 •/.«■rrvöc. jatrö-i Ai'zt 
H., Plur. jatron Raps. 44. Alb. B. 76. ipur-{ö Minister, Plur., 
Cam. 2, 86, griech. üzcupvcc. asfakö Cam. 2, 88 ebendaher, 
ä'cray.sc. ahinö ebenda , cn/'.viz. Taolt des Volkes Act. 4, 8 Ath. 
naora Tempel, Plur., Act. 17, 24 Ath., vasc. Der Accusativ 
Plural ist entlehnt in korfüs-zi Kopffioi Alb. B. 72 und latis-zi 
Volk Aao(. Die Endung ist abgefallen in sof AA'eiser, aus cooc^ 
Kul. 62, drom. Zpi\t.oc, nom vijjLo; u. a. 

fis, fus Natm-, Stamm, griech. ifjci;: fise H.; Scut. Matth. 
19, 28. fisra Krist. Igt. 78. 

taks Ordnung, griech. ~i^<.q,: takse H. 

c) Türkisch ist: 

haps Gefängniss: hapse H.; Kul. 22. 



292 Meyer. ^ 

d) Älbanesische Wörter: * 

bes Sack: %ese Cam. 1, 226; Kul. 20. bas§ H.; Doz.; Krist. 
Gr. 12, tax. 33; Rhd. 1, Anth. 50; 6as Rada 13; Raps. 74. 
dds^re Doz. 

p^rles Gricht: p§rZese Kul. 32. 

k§ndes Hahn: k§ndesa Doz. 1, 142. Ableitung von k§nduem 
aus lt. cantare Mi. 2, 10. 

Tis Baum H., rovere Jungg, ßaXavtSta Kul.: l'ise Kul. 21. 
42; Matth. 3, 10 Piana. Tisa Scut. ebenda; Jungg 15; H. Uza 
Doz. Vgl. asl. lesü silva, rum. leasä Buschwerk Cihac 2, 167. 
Vielleicht ist das alb. Wort aus dem Slav. entlehnt. 

pUs Scholle: i^H^*^ Krist. Gr. 12. plisa Krist. ebenda; H. 

vise geg. Plur., Orte, Plätze H. Vgl. ai. vig-, vegd- Haus, 
zd. VIS Haus, Dorf, Clan, asl. visl praedium, vicus, lit. veszpats 
Herr, griech. FoTxo?, lt. vicus, got. veilia-. Das alb. Wort ist 
vielleicht slav. Lehnwort, doch steht alb. s = idg. ky = sk. g 
u. s. w. auch in siviet in diesem Jahre, wo si- = lit. szis asl. sl 
(germ. hi, lt. ce, griech. xsüvo? Fick, Spracheinheit 263, armen, s 
Hübschmann, KZ. 23, 37) ist. 

ergis Laus: ergise Kul. 33. 

kos halbsaure Schafmilch: kose H. ; Kul. 20. Zu asl. kvasä 
;^'j[ji.7i, bulg. kvasü ferment, serb. kvas Sauei'teig, saui-e Milch; 
dazu auch lt. cäseus (Fick 1, 543), das wegen seines nicht 
rhotacisirten -s- ein Lehnwort scheint. 

bors fringilla: börs§ra Rada 13. 

Zahlreich sind die Ableitungen mit Suffix -§s von Sub- 
stantiven und Verben, um denjenigen zu bezeichnen, der eine 
Handlung ausübt oder zu etwas gehört. Sie haben nach Krist. 
im bestimmten Plural -§sit§, Gen. Dat. -§set. So von Verben 
z. B. skron§s Schreiber: skr6n§s'it Krist. Luc. 5, 30 t., skrüisit 
g. — m§son§s Lehrer Krist. Gr. 10. — dz§7i§s Schüler : 'ndz§n§zit 
Krist. Luc. 5, 30 t. — koT-§s Schnitter: kör§sife Krist. Gr. 10. 
kör^savet Krist. Matth. 13, 30 g. k6f§s§vet ebenda t. korsve 
Scut. ebenda, korazvet Frasc. ebenda. — kulöt§s Hirt (bei H. 
kulötas), von kulös ich weide : kidöt§sit§ Krist. Luc. 8, 34 t. — 
vieo§sit§ Diebe Krist. bx. 88. — b{§t-tund§stt§ ol csi'ovxs«; ixq ohpdq 
Krist. Gr. 20. — ziar-Vüt§sa Feueranbeter Krist. \<j-. 128 ist neben 
hör§sa die einzige mir bekannte Form mit dem Plural auf -a. -e 
hat stip^s Stössel des Mörsers, von stip, stup: sHp§se H. Von 



Allanesische Studien I. 293 

Nominen kommen miek§sit die Aerzte, Krist. b-. 60, Luc. 8^ 43 
t., g., von miek = medicus. — • gukdt^sit§ Richter Krist. '.c-r. 75 
von gukat§ = judicatum.. — katünd§sif§ yiüpr/.zi Krist. Gr. 20, 
von katünd. — vend§sit§ ivxozioi Krist. Gr. 10 von vend Ort. 

Auch die Namen von Bewohnern von Orten auf -as haben 
im Pkiral nach Krist. Gr. 10 -it§ wie die vorigen, z. B. El'ba- 
sdnas-i Bewohner von Elbassan: Elbasdnasit§. 

6. Stämme auf -ts. 
a) Slavische Wörter: 

vrahets Sperling, serb. vrabac Mi. 1, 37: vrapetsa Dan. 
bei Mi. a. a. O. 

tsilts Schlüssel, neben Mits, Muts aus serb. bulg. kljicc 
Mi. 1, 21: tsiltsa Scut. Matth. 16, 19. In der geg. Uebersetzung 
von Krist. steht hier tsel'a. 

krastavets Gurke H., serb. krastavac ]\Ii. 1, 23: krastavetsa 
Krist. Igt. 65. 

karkalets Heuschrecke: karkal'etsa Krist. Gr. 12, Matth. 
3, 4 t.: kartsal'etsa Krist. ebenda g. ; katsaletsa Scut. ebenda. 
kartsaVets§ Pian. ebenda, karkaletse Frasc. ebenda; Krist. 
Gr. 12i Vgl. y.£p/.a. av-piq Hes. , lit. kirklys (Ness.). Stier, 
KZ. 11, 241. Diefenbach 1, 47 nimmt Urverwandtschaft an; 
wahrscheinlicher ist das Wort slavisches Lehnwort: bulg. ska- 
kalecü sauterelle (Bogor.), daher auch das grosse Schwanken 
in der Form. 

h) Alhanesische Wörter: 

bits Ferkel: bitsa Krist. Gr. 23. Die Plur. bifsujt§, bitsn- 
n§tf H. gehören zu bitsun Doz., bitsün H. Vgl. serb. bics 
junger Stier? 

kets, g. nach H. kets Ziege: ketse Kul. 19. 48. ktts^ra 
Doz. kets§rit§ H. ; Dan. bei Leake 385. ketsgre Doz. 1, 135. 
Vgl. esthn. kic, votj. kec, magy. kecske Ziege (Donner 1, 24); 
an. kijh unser Kitze? alb. kei) Böcklein s. o. 

7. Stämme auf -§. 

a) Lateinische und romanische Wörter : 
pas Klafter, lt. passus ]\Ii. 2, 47: pase H.; Doz.; Kul. 19. 
pas Krist. Act. 27, 28 g. ; ebenda Ath. 



294 Meyer. 

ses Ebene, rum. ses dasselbe, von sessus oder sessum, vgl. 
Schuchardt, KZ. 20, 251. Cihac 1, 273 (vgl. sedere in der Ebene 
liegen, sich hinstreckenj : sese H. ; Doz. ; Kul. 21 : Raps. 46. 

m^nddfs, niundas u. s. w. Seide, lt. mataxa Mi. 2, 40: 
raundds§ra Rada 14; Raps. 87. 

viers Vers, lt. versus ^li. 2, 70: viersa Blanchus 100. 

Tems Knäuel, zu lt. rjlomus, vgl. mrum. ghmu: l^mse H.: 
Kul. 21. 

h) Türkisch ist: 

Tes Leichnam, auch serb. les Aas, Leiche : tes^ra H. ; Kul. 21. 

c) Slavische Wörter: 

kos Korb, serb. bulg. kos Korb, Mi. 1, 23: kose H. kosa 
Krist. Gr. 23; Luc. 9, 17 t., g. 

los Thiernest, asl. loze lectus, serb. loza f., loze n. Lager: 
lose H. Bei Kul. 21 lots, Plural lotse. 

gros Piaster, serb. gros u. s. w., vgl. Cihac 2, 131: gros 
Jungg 15; Rhd. Anth. 10. 

kokös Hahn, serb. bulg. kokos Henne Mi. 1, 22: kokose 
Kul. 33. Für kokös hat Cam. kokö-i. Rum. cocö^ Cihac 2, 67. 
Vgl. auch Hehn 523. Das Slavische kennt Suffix -os nur in 
diesem Worte (asl. kokosi), ausserdem in russ. rokosü seditio aus 
magy. rakds Mi. Vergl. Gr. 2, 343. Dem Alb. ist es eigen noch 
in gelos Hahn Kul. 92, vom lt. Lehnwort gel^ = gallus (]\Ii. 2, 
80); dialos Jüngling, von dial'^; halos brandroth, von Haaren 
und Pferden, Doz. ; baroös weisslich H. : rarös aschgrau Doz. ; 
verlos von gelber Gesichtsfarbe Doz. 

d) Albanesische Wörter: 

das Widder: des H.; Doz.; Krist. Gr. 12; Rada 13; Rhd. 
7 {das Lex. 110); Jungg 18. des§ Krist. Gr. 12. 

l'es Fliess: Zes Doz.: Kul. 159. resna Jungg 23; les^ra 
Haare H.; Doz.; Kul. 152; Rada 14. Vgl. asl. vlxisü capillus. 

ves Ohr: vese Kul. 19. vese Doz.; Krist. Gr. 11, Luc. 1, 
44 i., g.; ebenda Ath. ves Jungg 15; Jarn. 18; Scut. Matth. 
13, 19; Frasc, Plan, ebenda. Vgl. zd. gaosa, apers. gaiisa, 
osset. ghos, afg. yvaz, arm. -guis Ohr. 

pres Lauch: prese Kul. 19. pres Kul. 158; Alb. B. 9. 
Die Form pras (s. o.) ist aus Trpaaov entlehnt; pres dagegen 
scheint das damit urverwandte Wort zu sein. 



i 






Älbanesische Studien I. 29ö 

mis Fleisch: misna Jimgg 16; ini§raK.nst. Gr. 13; mis§ra 
H.; Doz.; Kul. 22; Rhd. 6. ^^\- ai. mäsa-, lit. me«a, apr. 
mensa, menso, asl. m^so, got. mimz Fleisch. 

pfus Kohle: pruse H.; Kul. 19. prusa Rossi Gr. 326. 
Vgl. ai. prus, lt. prüna aus *'prusna, lit. prau&iü, ahd. friosan. 
J. Schmidt, Vocalismus 2, 271 fF. 

f'MS Traube: ime Kul. 21. ms Kul. 163; Stier; Scut. 
Matth. 1, 16; Krist. ebenda t., g. ; Frasc. Pian. ebenda. Vgl. 
ai. rasa raisin, pers. raz, razan vigne, raisin, kurd. rez dasselbe. 
Pictet 1 2, 308. 

dialos Jüngling: dialose, dial'osa Krist. Gr. 12. Ueber das 
Suffix -OS s. 0. 

SOS Sieb: sose Kul. 21. 

gus Urgrossvater : guse H.; Kul. 19. gus§re H. 

Mu§, Jc§lus, k§lus u. s. w. junger Hund: Mus Scut. Matth. 
15, 27; k§I/us Krist. ebenda und Luc. 3, 7 t., g. kid'iUp Frasc. 
ebenda. kuVise Pitre 296. k§üise Doz. 146. k^Tmera Alb. B. 
170. Das Wort, dßssen ursprünghchste Form kJus aus '^kus 
ist, gehört zu einem sehr weit verbreiteten Stamm: serb. kuce 
Hündchen, it. cuccio u. s. w. (Diez, Wörterb. 1, 146), magy. 
kutya Hund, kiiszl Hündchen, und was Donner, Vergl. Wörterb. 
der finnisch-ugrischen Sprachen 1, 23 aus diesem Sprachkreise 
sonst noch verzeichnet. Alb. kuts Hund in der Kindersprache H. 

ofs Zugwind: oße H.; Kul. 21. Damit identisch scheint 
afs vapeur Doz., Plural afse. (Etwa zu türk. öf- schnauben? 
W. Tomaschek.) 

8. Stämme auf -t§. 

a) Lateinisch ist : 

vits Kalb, lt. vitidus Mi. 2, 72: vitsa Kri^i. Igt. 98. vits^re 
H. vits§r§ Doz. 

b) Griechisch ist: 

halits Kieselstein (aus halik), griech. yyX'.v,:: halitse H. 

c) Slavisch sind : 

kats Weber, serb. bulg. fkac, Mi. 1, 35: katse Kul. 10. 
kets H. ; Doz. 

Ä;itrrtf6- Brodkuchen, serb. bulg. /coZac, Mi. 1,22: kufeti IL; 
Doz.; Krist. igt. 14; Rhd. 7; Alb. B. 10; Jungg 18. kurefs^i^ 
Krist. Gr. 12; Rhd. Lex. 96. 



296 ' Meyer. 

kEt§, Muts Schlüssel, serb. bulg. kljuc, Mi. 1, 21 : Mutset 
Alb. B. 177; klitse Raps. 17; Matth. 16, 19 Plan. Ä;i7^e« ebenda 
Frasc. Untse Doz. Lied. 97. 

mats Kater, serb. mace junger Kater, macka Katze, Mi. 

1, 25: matse H. 

d) Albanesische Wörter: 

kut§ Hund: kutse H. Vgl. oben. 

krit§, krots Eselsfüllen: kritse H. 

Zu diesen Thiernamen auf -ts kommt ausser vits und mats 
(s. 0.) noch guts Schwein, Kul. 48, das zu magy. kocza Mutter- 
schwein, serb. kocak Schweinstall, frz. cochon gehört. 

Nur im Plural steht Kul. 122 palamat§e Händeklatschen, 
von lt. pahna. 

9. Stämme auf -z. Der unbest. Nom. Sing, endet auf -*(. 

a) Griechische Wörter: 
fis -ZI, Jungg 23 oriz Reis, ngriech. cpüi^i: fize Kul. 21. 

orizna Jungg 23. 

laus -zi Volk, griech. Acc. PI. Xaoüc;: lauze Krist. Luc. 

2, 31 t. latize Krist. igt. 13. laüz§ra Krist. Igt. 11. laüz§r§ 
Doz.; Krist. lox. 63. 

b) Türkische Wörter : 

nas -zi coquetterie : naze H. ; Doz. ; Kul. 22. 
gards -zi Widerwille : garaze Kul. 33. 
kafds -zi Käfig: kafaze Kul. 33. 
talds -zi Woge: talaze Scut. Matth. 8, 24. Das türk. Wort 

ist griech. 6ocAacaa. 

mards -zi Auszehrung: maraze H. Das türk. Wort ist aus 
griech. iJ.apac\).6q entlehnt. ■ 

geris -zi Wasserleitung: gerize Kul. 33. 

tos -zi Staub: toze H. 

karpils -zi Wassermelone: karpuze Kul. 33. 
' topns -zi Keule: topuze H. 

c) Albanesische Wörter: 
ruf^s -zi Füllen, Pulj. 133 rmis: 7n§ze Kul. 21. m§za Doz. 

1, 146; muza Pulj. 133. Ueber das Wort vgl. o. S. 282 bei mzat. 
gas -zi Freude : gaze H. ; Kul. 1 9. gazp-a H. Mi. 2, 29 
stellt das Wort als Lehnwort zu lt. gandere, was mir sehr 
unwahrscheinlich ist. 



Albanesische Studien I. 297 

gurmds- zi Schlund: gurmaze Kul. 33. gurmaza Krist. Gr. 12. 
Gehört das Wort zu frz. gourmand Schleminer, gotirmette und 
bret. gromni Kinnkette der Pferde, über welche Diez, Wörterb. 
2, 327 nichts Befriedigendes zu sagen weiss? Drum, grumdz, 
mriim. grumddzu Mi. Rum. Unt. 2, 15. 

bres -zi Gürtel: breza H.; Doz.; Krist. Gr. 12; Matth. 
1, 17 t.. g. ; Scut. ebenda, breze Raps. 40. Vgl. drum, briü, 
brine, istrorum. breu, brene Gurt. Mi. Rum. Unt. 1, 21. 

kufis -zi Rückgrat, kons Jungg: kurize H.; Doz.; Krist. 
Alf. t. 26. kuriza Krist. Alf. g. 26; koriza Jungg 15. 

levris -zi verme solitario : levriza Jungg 15. 

muris -zi Schwarzdorn: muriza H.; Krist. Matth. 1, 16 g., t.; 
ebenda Frasc, Pian. Vgl. it. marrxica Dornstrauch ; Schuchardt 
250 hält das alb. Wort für entlehnt. 

los- zi Stützholz, Riegel: loze H. loza Krist. Gr. 12. 

J'os -zi Spiel: hze Kul. 21. 

III. Stämme auf Labiale. 

Der best. Nom. Sing, hat den Artikel in der Form -i. 
1. Stämme auf -p. 

a) Lateinische und romanische Wörter: 

pTep Pappel;, lt. popidus, plopus Mi. 2, 51 : plspe Kul. 19. 
pVepa H. 

nip Neffe, Enkel, lt. nepos Mi. 2, 44: nipe Kul. 22. nipa 
Jub. 45. nip^re H. nipere Krist. Igt. 11. nip§rit§ Krist. Gr. 11; 
IGT. 119. nipra Cam. in A Dora d' Istria gli Alb. 116. sterni- 
p§re Urenkel Doz. St§r7iip§r§ Krist. '.gt. 11. 

skop Stock, lt. scopus Stengel; scäpus Schaft: skope Matth. 
26, 47 Pian. skopin H.; Doz.; Kul. 21. skopi Scut. ]\Iatth. 26, 
47. skopinete, Cam. 1, 199. skop^nte Krist. Gr. 12. skepi H. g. 
äkep§ Krist. Gr. 12; Luc. 9, 3 g. 

kup Fass, lt. cüpa, Mi. 2, 19: knpe Kul. 20. 

k§rp, g. kdn§p nach H., konöp Rossi Gr. 331, Hanf. it. 
canape Mi. 2, 9: hp-pje Kul. 20; H. 

korp Körper, lt. corpus Mi. 2, 18: korpna Scut. ^latth. 27, 
52; körpipia Krist. ebenda g. körp§nit<> Krist. Rom. 12, 1 g. 

tm-p Schande, lt. turpe Mi. 2, 69: turpe Kul. 20. 



298 Meyer. 

h) Griechisch ist: 

sindp Senf, ngTiech. zvtdr^i (bei Mi. 2, 61 als lat. Lehn- 
wort^ was wegen des Accentes nicht angeht): sinape H. 
ti-ap traghetto, axpazc?: trapa Jungg 15. 

c) Slavische Wörter: 

stap Stab, serb. stap, stap Stab, Stock, Schritt (aus nhd. 
Stab, Mi. Fremdwörter in den slav. Sprachen, S. 127): stape 
H.; Kill. 21. stapa Krist. Luc. 9, 3 t. stap ebenda Ath. 

tsap Schritt, nsl. scap, s. Mi. a. a. 0.: tsape H. 

turp, trup Leichnam, serb. bidg. triq? Leib, Mi. 1, 35: 
ti-upe Krist. Matth. 27, 52 t.; turpe H. trupa Rom. 8, 11 Ath. 

skrap Scorpion, asl. skrapij aus lt. scorpio: skarpin Krist. 
Apoc. 9, 3 g. 

d) Türkische Wörter: 

doldp Schrank: dolape Doz. 

tsurdp Strumpf: tsurap^ H. j Doz. tsurepQ H. ; Rhd. 7; 
tsurep Doz. 

dzep Tasche: dzepe Doz. dzejya Rossi Gr. 329. 

gazep Gefahr : gazepe Kul. 33. 

hakrep Scorpion: hakrep^na Krist. Luc. 10, 19 g. 

teHip artiiice, ruse: tertipe Doz. 

top Kanonenkugel: fope H. 

kalüp Form: kahipe Kid. 33. 

e) Alhanesische Wörter: 

fap Platane: fape Kul. 21. fapa Krist. Gr. 23. repe H.; 
Doz. fep Rhd. 7. 

trap Grube: trape Kul. 20. trepe H.; Doz. 

tsidp Bock; bei Doz. tsijdp, tskap; nach KJrist. g. skap: 
tsiep Krist. Gr. 12; H.; Kul. 20; Rhd. 7; Rad. 13. tsiepp, Krist. 
Gr. 9; tsep g. H. skep g. H.; skepe^ g. Krist. Gr. 9. Vgl. rum. 
tapü Bock, slovak. klruss. cap, cech. cdp, magy. czap. Cihac 2, 
429. Diefenbach, Völkerk. Osteuropas 1, 45 möchte tsiap 
und skap trennen und letzteres zu deutsch Schaf, poln. skop 
Widder (daraus lit. skapas, Brückner, Litu- slavische Studien 
1, 142) stellen. 

grep Angelhaken: grepeH.; Krist. Gr. 12; Kul. 19. gj-epa 
Doz.; Krist. Gr. 12; Act. 27, 29 g. Anker. Vgl. mrum. grepu 
Kav. dasselbe. 



Albanesische Studien I. 299 

die-p Wiege: diepe H.; Doz. 5 Kul. 20. 

tsep Schnabel : tsepe Kul. 20. 

strep Wurm: strepe Kul. 21. st^rpin Krist. \z-. 2; ste^rpij 
Tic spTCTst Krist. Act. 10, 12 g.; stp,rp§n Alb. B. 58. Entlehnt 
aus serpens, serpentesf Wegen st- vgl. dann stok aus samhucus. 

g§Tep Augenbutter, Kav. gTep, Xyl. sklepp^: ge/epe Kul. 33. 
Vgl. mrum tsalpü Kay.; ngriech. -'CJ.'^.tzkol. 

fip Riemen, Doz. rup: ripe Kul. 21; Rhd. Lex. 86. ripa 
H.; Rhd. 6; Act. 22, 25 Äth. rupa Krist. ebenda g. ; Doz. 

sttp Rücken, Schultern: supe H. ; Doz. 

Öe^/> Kern, Beere: belpe Kul. 20. (ielpin§ H. fielpifie 
Cam. 1, 199. 

2. Stämme auf -5. Der unbest. Nom. Sing, endet auf -p. 

a) Lateinische und romanische Wörter: 

plump -bi, pl'ump, g. plum, Rossi Gr. 332, lt. plumhum, 
Mi. 2, 50: plumbe Krist. Gr. 12; pJ'umbe Kul. 19. pTumha Dez.; 
Krist. Gr. 12; pTumha H. ; Kul. 140. 

sk§mp -hi Fels, Klippe, lt. scamnum, Mi. 2, 58: sk^mbe Doz.; 
Krist. tuT. 42; Kul. 21; Rada 12. skembe 6pövo[ Krist. Apoc. 4, 4 g. 
skemben Krist. tffi. 54. sk^mben Doz. skembin Doz. sk§mbij H. 

fgwip -6i Reihe, Runzel, Strahl, lt. rämus, Mi. 2, 54: rf»?6ö 
Kul. 21. Pgm6a H.; Doz.; Kul. 30. 

korp -hi Rabe, lt. corvus, Mi. 2, 18: korbe H.; Krist. Gr. 12; 
Doz.; Rhd. 5. korba Krist. Gr. 12, '.ct. 99. körhere H.; Doz. 
korpt§ Doz. 

komp -hi Volk, bei Rhd. Lex. 95 Strohhaufen, lt. cumulus, 
vulg. comblus, vgl. Diez 1, 133: kombe Krist. Matth. 4, 15 t., g.; 
Kul. 20; Rhd. 95. köme Scut. Matth. 4, 15. 

b) Slavisch ist : 

rop -bi Diener, Sclave, serb. bulg. rob, Mi. 1, 32: rohe 
Kul. 21. roh Act. 4, 29 Ath. roi^t Act. 2, 18 Ath.; Jarn. 4 
(robt). röb§re H. röpere Doz. röperit Krist. icrr. 123. 

c) Türkisch ist : 

fsimp -bi das Zwicken, vgl. ngriech. TCiiJ.Tuaw: fsimbe H. 

f/) Älbanesische Wörter: 
lujy -bi der Ljape: labere H. 

e?p -5i Gerste: eZ'&a Krist. Gr. 12. e?pe Kul. 19. el'bna 
Jungg 23. elbina g. Cam. 1, 200; heTbina Lecce 16. el'pra Krist. 



300 Meyer. 

Gr. 12. Vgl. ahz'. Gerste, aA9iTov Gerstengraupe ; nicht aber magy. 
türk. arpa Gerste (Diefenbach 1,51; vgl. über letzteres Vam- 
bery, Die primitive Cultur des turko-tatarischen Volkes S. 216). 

6e/p -bi ffy.£A(?: ^eTpa, ^el'pra Krist. Gr. 12. 

Uelp -bi Eiter, (elp Pulj.: Uelpe Kul. 20. felpa Pulj. 130. 
]celb§ra H. 

o§mp -bi Zahn, g. cam: l§mbe Kul. 20. ogm6a H.; Rhd. 6. 
le,mb§ Doz.; Kul. 161; Krist. Matth. 8, 12 t.; ebenda Pian. 
llmbe ebenda Frasc. oamb§ Krist. ebenda g. läm ebenda Seut. 
lam Jungg 15; Eossi Gr. 328; Jub. 102. Zu ai. yam&Äa- Gebiss, 
Mund, asl. zqbü Zahn, griech. yc[;.so; Zahn, lit. zamba Fresse, 
Maul (Geitler, Lit. Stud. 122), lett. fohbs Zahn. " 

^ump -bi Stachel, grand bec Doz.: Humba H.; Krist. Apoc. 
9, 10 g.; ebenda Ath. 

gemp -bi Dorn, Ka-ist., g§mp H., Doz., g§m Doz., gep Kav., 
gl'imp Kul., gr§mp sie: gembe Klrist. Gr. 12; gl^mbe Matth. 13, 
7 Pian. gemba Krist. Gr. 12; ge^mha H.5 g§j§mba Rada 12. gTemba 
sie. Cam. 2, 186. ^eSa Leake 293. gl'imba Kul. 19; Rhd. 6. 
Rum. ghimp Dorn, Cihac 2, 717, dessen Vergleich mit lt. Spina 
aber falsch ist; die Wörter gehören vielmehr zu lit. gembe Haken 
in der "Wand. 

krimj) -bi, Krist. krump Wurm: krimbe Kul. 20; krumbe 
Krist. Gr. 12. krimba H. ; Doz.; Rhd. 6; Kul. 140; Rada 12; 
krumba Krist. Gr. 12; Alb. B. 99. Zu ai. krmi-, lit. kirmis, 
air. cruim Wurm. 

krump- bi alles Verbrannte, Verkohlte: krumbe H. 

3. Stämme auf — /. 

a) Romanisch ist: 

stuf v.ooc, Tjstpa? eXaspx; Krist., Eisenstein, Ocker H., it. iufo 
Mi. 2, 68: stufe H. stufa Krist. Gr. 23. 

b) Türkische Wörter: 

def Handtrommel: defe Kul. 20. 

laf Unterhaltung: lafe Kul. 21. 

k^Uf Behälter: k§l§fe Kul. 33. 

mutdf Pferdedecke: mutafe H. ,Der Form nach sicher 
arabisch.' W. Tomaschek. 

g§zöf Pelz : g§zofe H. ? »Vielleicht zu türk. gözemek aus- 
bessern, flicken?' W. Tomaschek. 



Albanesische Studien I. 301 

eHdf Begierde: estafe Kul. 33. estafp, Kul. 78. Türk. 

Aussprache von pers. istäh häte, precipitation. Bianchi. 

tsef Vergnügen: tsefe Jungg 14. Die türk. Herkunft ist 
fraglich. 

c) Albanesische Wörter: 

pTaf Decke: pTafat Krist. Igt. 126. plafen Kul. 32. 'pl'^fene 
H.; Cam. 1, 199. pl'^j'e/ie, H. pTe,fen Kul. 19. ° 
gof hanche: gof§ Doz. 

4. Stämme auf; — v. Der unbestimmte Nom. Sing, endet 
auf — f. 

Griechisch sind: 

sklaf-vi, sklaf, hkTaf Sclave, ngriech. cxXaßo; : sklef Krist. 
Gr. 23, -OT. 135; H.; sUev Doz; Rhd. 7; sld'ev Kul. 21. 
skldv§t§ g. H. 

kardf-vi Schiff, ngriech. y.apaß'.: karave Rhd. 17; Kul. 33. 
karav^ A Dora d'Istria gli Alb. 81 aus Hydra. 

IV. Stämme auf Nasale. 

Der bestimmte Nom. Sing, nimmt den Ai-tikel in der 
Form — i. 

1. Stämme auf — m. 

a) Lateinische tmd romanisclie Wörter: 

d§m Schaden, Strafe, lt. damnum Mi. 2, 20: d^rae H.; 
Kul. 20. 

Tum, Tum Fluss, lt. ßümen Mi. 2, 27: lume Matth. 7, 25 
Pian. Tume Kul. 21. luma Pulj. 146. lumna Krist. Alf. g. 22; 
Scut. Matth. 7, 25; Tüm§na Krist. ebenda g. ; Tumrn ebenda 
Frasc; Mmfra Krist. ebenda t. ; H.; Doz.; Alb. B. 96; Krist. 
'.ST. 40; Rhd. 6; Tume.ra Kul. 162. rumen Doz.; Krist. Alf. t. 22. 

kühn Dachfirst H., kid'm Spitze Kul., lt. cidmen: kidme H., 
kidme Kul. 20. 

kalm Rohr, lt. calamus Mi. 2, 8: kdlmevn Stier. 

h) Griechische Wörter: 

kaldm Rohr, ngriech. •/.%kol\>x : kalame Kid. 33. 

orom Lauf, griech. Sp6(^.o;: Irome Krist. laT. 59; Matth. 3, 3 
Pian. Sromji Raps. 47. 



I 



302 Moycr. 

nom Gesetz^ griech. v6|xoc;: nome H.; Alf. Konst. 92. 

hrazim Sauerteig, aus gr. Trpc'Cüjj.t , vielleicht zunächst aus 
dem Türk. : hrazime Kul. 32. 

kurm Körper, griech. y.opp,' Rumpf, Leib (unrichtig Mi. 2, 
18 zu lt. corpus): kurme H.; Rom. 12, 1 Ath. ; Kul. 20; Raps. 
103. kurma Doz.; Krist. h-:. 42. kürvi§ra Matth. 27, 52 Frasc, 
Pian. 

c) Slavisch ist: 

fMwi Rauch, aus serb. divi, bulg. dymü Rauch; allerdings 
macht das t- = sl. d- Schwierigkeiten, doch geht es nicht an, 
Urverwandtschaft mit den Wörtern anzunehmen: turne H. 

d) Türkische Wörter: 

balgdm Schleim, Auswurf: halgame Kul. 32. 
haltsdm Balsam : haltsame Kul. 32. 
dzam Glas: dzama Jungg 15. 
nizdm, Soldat: nizamt Scut. Matth. 8, 9. 
paldem Degengehänge: paldeme Kul. 32. 
pertsem. ßocipuq: pertseme Kul. 32. 

kaVem Schreibrohr: kalhne Kul. 33. j 

takem Ausrüstung: takeme Kul. 154. 
hadern: hadema confetti Jub. 106. 

drehhi Gewicht: dreheine Krist. Ict. 127. Pers., arab.? türk. 
dirhem. 

onadem Metall: mademe H. 

hekim Arzt: hekim§ H. hekimat Jub. 92. 

hasm Feind: hasmit§ H. 

e) Alhanesische Wörter: 
?iam Ruf : name H.; Kul. 22. Vgl. mrum. name fama Kav. 

Aus. lt. nomenf Mi. Rum. Unt. 2, 27. 

t/em Stier: dema H.; Krist. Gr. 12, tcx. 29; Act. 14, 13 g.; 
ebenda Ath. ; Kul. 20. deme H.; Krist. Gr. 12. Vgl. air. dam 
Ochs, gäl. damh Ochs, Hirsch; griech. oaijAX-qq junger Stier, 
oa|j,aAi!; junge Kuh; ai. damya- ein junger ausgewachsener Stier. 

fem Lüge: ferne Kul. 21. 

ke^n Weihrauch: kemna Krist. Apoc. 8, 3 g. 

<Wm Jüngling: trima H.; Doz.; Kul. 20; Rhd. 6; Jungg 104. 

gaVm Seil, nach Rhd. Lex. 63 Segel: gaTme Kul. 19. gehni- 
t^ra, in Hai. gehn Rhd. 



« 



Albanesiscke Studien I. 303 

hel/m Trauer: helme Kul. 22. 

slcelm Tritt mit dem Fusse (von slcel')-. sUelme H. 

mahn fett: mdimit§ H. Zu mdj mäste. 

d^im trunken: deim Kul. 20. Zu dej berausche H. 

^erm aoayr/jc, stechender Schmerz: Oerme H.; Kul. 20. Zu 
6e?* schneide. 

zidrm Feuersbrunst, zierni fuoco Jub. 70: ziarme Kul. 20. 

Hieher gehören die sehr zahlreichen Abstracta auf -im 
(aus lt. -Wien, wie rum. -ime f.), welche ihren Plural, soweit er 
belegt ist, alle auf -e bilden. Sie haben meist abgeleitete Verba 
auf -6n (-öj H.) neben sich, selten solche auf -eii, noch seltener 
unabgeleitete Verba; einige wenige sind von Substantiven, Adjec- 
tiven und Adverbien gebildet. Ich lasse einige Beispiele folgen. 

Von Verben auf -oii, die zum grössten Theile lateinische 
Lehnwörter sind: ag§rim Fasten: agerön faste, lt. jejunare Mi. — 
ats§rim Geschwulst: ats§rön mache schwären. — h^kirn Segen: 
b§kon segne, lt. benedicere Mi. — d§7^twi Zurüstung: d§rtön be- 
reite, lt. * directare. — d§s§nm Begierde: d§s§r6n sehne mich, 
lt. desiderare Mi. — ßtim Gewinn: ßtön gewinne, vgl. it. prqfittare 
Mi. — g§zim Freude: g§zön erfreue (vgl. gas-zi Freude; türk. 
gezmek spazieren gehen?). — g§mim Donner: g§m.6n töne, lt. 
gemere Mi. — hafim Vergesslichkeit: harön vergesse. — kal§zim 
Verleumdung: kal§zön verleumde, lt. calumniari. — k§ndim 
Lied: k§ndön singe, lt. cantare Mi. — kuifim Gedanke: kuitön 
denke, lt. cogitare Mi. — lie,rtim Streit: kp'tön streite, lt. certare 
Mi. — lhk§mim. Habsucht: l'ak§mön bin habsüchtig, serb. lakoin 
habsüchtig Mi. 1, 24. — J'^vdim Lob: T^vdön lobe, lt. Jaudare 
Mi. — r§hgim Sieclithum: Ifhgön, lt. languere Mi. — mnrtim Heirat: 
martöii, lt. maritare Mi. — 7nZ»u/?m Deckel: mhuTön bedecke. — 
mendim Gedanke, g. mennim Jungg 14; Imit. 13; mendön bedenke, 
zu lt. mentem. — vwritim Verdienst: meritön verdiene, lt. merifare 
Mi. — mundhn Strafe: niundon plage. — ndurim Leiden: duröi'i 
ertrage, lt. duvare Mi. — pag^zim Taufe: i)agez6n taufe, lt. haptl- 
zare Mi. — imktim Friede : paktön versöhne, lt. pa.i', pactum. — 
pendim Reue: i^endohem bereue, lt. poenitere Mi. — pe.rtim 
Faulheit: 'j)§rtön faulenze. — p«^sim Leiden: p^söu leide, lt. 
passus. — pik§Um Schmerz: pik§lön erbittere, vgl. pik mache 
bitter, griech. T.iv.p6q. — pi'emptim Versprechen: premptöi'i ver- 
spreche, lt. promiftere Mi. — p?<sm aufhören: puk'iu, lt. pau- 



304 



Meyer. 



« 



sare. — s^rim Heilung: s^ron heile, lt. sanare. — sp§twi Rettung: 
sp§tön rette, lt. expeditare Mi. — str^hgim. Bedrängniss: str§Hgön, 
lt. stringere Mi. — t^rhim Hundswutli: t§rbön mache wüthend. — 



trazim Aufruhr: trazöü mische. — 



urlerim t. Be- 



itromm g., 

fehl: urc§nön, urZ§rön befehle, lt. ordinäre Mi. — v§zd'tm An- 
blick Kul. 32: v§st(r)ön regarder Doz. 

Von Verben auf -eii: kurtsim Sparsamkeit: kurtsen bin 
sparsam. — 'p§XMm Belieben : p§llcen gefalle , lt. placere Mi. 
— 2)§rnd§l'im Reue: p^rnd^le/t verzeihe. — usJcim Nahrung: 
usicen nähre, lt. vescor. 

Von unabgeleiteten Verben: hioim opi^v^: hilem springe, 
Med. zu Äe6. — piMm Begierde: ^m9 küsse. 

Von Substantiven : g^rmim Schrift : g§rm§ aus griech. 
Ypa.v.ij.a. — gaz§Um Freude : gas-zi dass. Das -l- ist unklar. 

Von Adjectiven: dasurim Begierde: dasur§ geliebt, Part, 
von düa. — sum^tim Fülle : suktiq viel, aus lt. suminus. 

Von Adverbien: postim Fall: post§ unten, nieder, lt. posiea 
pastaim Ende : pastaj§ zuletzt. 

-n. 



Mi. 



2. Stämme auf 

a) Lateinische und romanische Wörter: 

publikdn Zöllner, lt. puhlicänus: pidilikai (d. i. -aj aus 
-an) Scut. Matth. 9, 11. puhJ'ikan^ Krist. ebenda g. publikane 
Scut. Matth. 11, 19. 21, 31. 

fustdn Unterrock , it. fustagno Mi. 2, 29 : fustane H. ; 
Kul. 33. 

ken, k§n Hund, lt. canis Mi. 2, 10 : keii Doz. ; Krist. Gr. 
10, Matth. 7, 6 t., g.; Alb. B. 20; Kul. 20; Rhd. 11. ^•g« H. 
ken§ Cam. 1, 20ö; Pitre 296. Isene Scut. Matth. 7, 6. kene 
Cam. 1, 205. kenn Alb. B. 20. 177. tsena Pulj. 136. ken§ra 
Kul. 94. 

tsen Zeichen Alb. B. 23; Kul. 162, lt. signum, vgl. Mi. 2, 60. 
Damit wohl identisch tsen Gebrechen, Schaden H., Plural tsen§. 

g. kersten, t. kursier, k§ster Christ, lt. chrisfianus Mi, 2, 13: 
k§rster§ Alb. B. 97. 

l^ken, H. l'^ke Scut., t. Teker (bei Doz. falsch Weker; auf- 
fallend Idgur Pulj. 139 Pfütze) See, zu lacus Mi. 2, 34: l'^kena 
Krist. Alf. g. 21. re.kere Krist. Alf. t. 22. 

t. suIe, best, sulsri 7:po7/]Xiov, lt. solänus?: sit^e« Krist. Gr. 11. 



■i I 

i 



Albanesische Studien I. 305 

g. /rl, best, freni Ro., fre^, best, fr'^ni H.; t. fre, best. 
freri Doz., /rg, best. fre,ri H., Zügel, lt. /renwm Mi. 2, 28: /rew« 
Stier, frenej Raps. 75. /rerg Doz. fre^re H. /re«^ Doz. /r§ H. 

fiUin auYYcVT^; Kul., /Hn Nachbar, lt. vicinus Mi. 2, 71 : 
/Ä-Mie Kul. 33; /#^Yi Krist. Luc. 1, 58 g., t. 

g. li, best, rim H., Ti best. Tmi Ro. ; t. E, best. Tm Flachs, 
Lein, lt. linwn Mi. 2, 36: Tm Krist. Gr. 11; Kul. 21. 

g. /^on, fTorlni, t. fTori-u, it. ^onno Mi. 2, 27 : /rorm Doz. 
/ron Jub. 108. 

g. kus§ri, kus§rini, t. ku8§ri-u, i kus§Hr i Abraamit Krist. 
lOT. 21, lt. consohrinus Mi. 2, 17: kus§Hn Raps. 46. kusp'i Doz. 

g. mtt^, best, mulmi Jungg 16, muh, mulini Ro., t. muli, 
best. muUri und mw?m Mühle, it. mulino Mi. 2, 43: mw^f' Jungg 
16. mulin Doz. t. 

g. Ä;it/f^ best, kufini Grenzstein, it. confine Mi. 2, 16: kufü 
Umgegend Scut. Matth. 2, 16. 

g. M^l, best. M^mi Jungg; t. uli, best. t(/m und uliu, Kul. 23 
Zi Oelbaum, lt. ohva Mi. 2, 44: uUn H.; Doz.; Krist. Gr. 11, 
Luc. 19, 29 t.; ebenda Ath.; Raps. 44; Rhd. 12; lin Rhd. 
Anth. 28; Kul. 23. g. ult Krist. Luc. 19, 29 g.; Jungg 16. 

g. pofl, best, pofmi Lauch, Jungg 16, lt. porrina Lauch- 
gemüse: pori Jungg 16. 

Anmerkung. Ebenso wie die vorhergehenden Hectirt 
das mir etymologisch unklare turi muso, best, tunni, Plu- 
ral turi. 

nun Pathe, spätlt. nonnus Mi. 2, 44: nune Kul. 22. nü- 
11 n§re H. 

pirun Gabel, it. dial. pirun, ven. piron, ngriech. ir'.pojvt 
(das man von agriech. Trspövr; herleitet): pirune Kul. 33. spiründet^ 
Rhd. Anth. 36. 

g, grün, best, gruni Lecce 16, Ro., t. grur-i H. Getreide, 
lt. gränum: grunt§ Lecce 16. grür§ra Rhd. Anth. 33. grvn§ra 
Saaten H. 

pagua, best, pagoi H., p<dua Doz., pigimi Kul. 49 Pfau, 
lt. pavönem Mi. 2, 48: imgoi H. pagone, II. ^ja/o« Doz. pagone 
Kul. 32. 

g. Zwa, best. Tuäni, t. wg Teo« Krist. '.ct. 99, Teön-i Kul. 48, 
Acc. leön Alb. B. 15, Gen. Veonit Krist. bx. 84 Löwe, lt. leönem 
Mi. 2, 35: luäi Jungg 16. /eo'^jgre« Krist. Vier Katech. 8. 

Sitzungsbei-. d. phil.-lnst. Cl. CIV. Bd. I. Htt. "20 



306 Meyer. 

g. drrujuß, best, dragoni Jungg, drangue-oi Ro., drahgua-oi 
H., dragön-i Ro., Drache, lt. dracönem Mi. 2, 22: dragoi Jungg 17. 
dragoni ]\Ii. a. a. 0. (beide aus dragöt'i). 

g. dzakue, best, dzakoni chierico, von einem lt. '^diacünem 
für diaconum.: dzakoi, dzdkona Jungg 17. 

g. ^TOite, best. Imoni, t. J/imua Alb. B. 75, it. limone: Imoi 
Jungg 17. 

g. ZÄ;i6e, best. ?Ä;o?i?', wohl von *algonem für a/^a, Meergras: 
/Ä;oi Jungg 17. 

kapua, best, kapoi, kapön-i H. Kapaun, it. capone: kapöri 
Raps. 67. 

Ebenso gehen von griechischen Wörtern //?ta langua zugua, 
von slavischen p§fua patkue, von albanesischen bua krua buhua. 
Unklar in ihrer Etymologie sind: vargue, best, vargoni catena 
da appendere la pentola, Plural vargoi iuw^g 17-, zdzue, zdzoni 
* Bienenstock, zdzoi ebenda. Italienische Wörter wie divotsiön 
funtsiön kongregatsiön leAsiön kolatsiön 'protsesion, die in jüngster 
Zeit recipirt sind, haben im Plural -ne nach Jungg 14. virohe 
le verzure Raps. 41 geht auf sicil. virdognu che ha del verde 
(Traina) zurück. 

g. trä träni in Kroja nach H. trä trau Ro., t. trä trau 
viwdi träri, it. trave Mi. 2, 67: trau.] trare H.; Kul. 20; trar§ 
Doz. travt Stier. Das -n ist erst durch Analogie eingetreten. 

h) Griechische Wörter: 

kopdn ■AÖ'Kmoq H., Kul. 33, kopdr ebenda, aus ngriech. 
%07iävt: kopane, kopare Kul. 

livdn Weihrauch, ngriech. Xtßavt: livdn§ra Rada 13. 

fren: fren§t cppsvöq Stier. 

drumen: druiiifnvet twv opu[j.övwv Kul. 28. 

g. drap§n H., Lecce 17, drapn-i Ro. Gr. 331; t. drap§r, 
griech. Spsxavov: dripaüe Lecce 17; Cam. 1, 200. d§rp§n§^ Kul. 58. 
dr§p§n§ Kul. 144. 

g. piepen, t. piep^r Zuckermelone, griech. TuiTctov: piep§ra 
Krist. Gr. 12. piep§rit Krist. lax. 65. 

elin Heide, ngriech. "EXXyjv, vgl. B. Schmidt, Das Volks- 
leben der Neugriechen 1, 203 ff.: elm§ H. 

gitön Nachbar, griech. yeraov: gitone Kul. 33. 

kanön Richtschnur, griech. y.avtov: kanone Kul. 33. 



Albanesische Studien I. 30 < 

Zemön griech. 5a(,aojv: oemo7ie Rhd. 6. Zimont§ Mattli. 9, 
34 Frasc. 

aiigön Ecke, griech. aY'/.oiv: angon§ Matth. 6, 3 Pian. 
plemdn Lunge, ngriech. 7:Ae[x6vi: plemone H. 

bron Rhd., /7'o?z H., Doz. Stiihl, bpzvoc: brone Rhd. 5; 
frone H.; Krist. Luc. 1, 52 t.; ebenda Ath. /ro9i? Apoc. 4, 
J 4 Ath. 

g. ftue, best, ftoni, t. /^ita, /ifoi" H. Quitte, y.uowvtov, ]\Ii. 2, 
20: /<on Doz.; Krist. Gr. 22; Kul. 19. ftoi H.; Jungg 17. 
ft07i§ H. ßone Raps. 44. 

g. Tahgue, best. Tahgoni, t. Vaiigua, Za/Y^/oi Windspiel, ngriech. 
XaYtovasv levrier, vgl. Foy, Lautsystem der gTiechischen Vulgär- 
sprache S. 12: Tangoi H.; Jungg 17. l'ahgon§ H. 

zugua, best, zw^oi Joch, J^uyov: 2M(/o{, sMpone H. Wenn man 
bedenkt, dass der Nom. Acc. Sing, in vulgärgriechischer Aus- 
sprache nur J^uyo lautet, so ist es unwahrscheinlich, dass das 
-V von ^uyov hier dieselbe Wirkung geübt habe- Avie z. B. in 
xu5wv(tcv); und das Wort ist wohl nur nach Analogie der 
übrigen gebildet, wie sicher kataklismiia -oi Sintflnth aus griech. 
xa'ca/.XuG[j,6c. kamnua y.a.TZ'ibz, Raps. 28. 

c) Slavische Wörter: 

stan Heerde, Hürde, serb. stan Mi. 1, 33: staue H.; Kul. 21. 

San Heu, serb. bulg. seno Mi. 1, 32: san Pulj. 150. 

zakön Gewohnheit, serb. bulg. zakon Mi. 1, 37: zakone 
Krist. '.crr. 131; Kul. 30. 

pp-ua, best. i)§roi, Kul. pfoi, Krist. istt. 26 puT-ua (Fürth), 
Giessbach, psup.s:, bulg. poroi le torrent, serb. poroi Abgrund, 
Ort, wo sich ein Fluss unter der Erde verliert, runi. p§r§u 
ruisseau (Cih. 2, 719): p§rön Krist. Gr. 11; pfon Doz.; Kul. 19; 

Ip^fongü.y p§roi H.; Stier, pp^one Cam. 2, 58. pren Doz. p§feiie 
Rada 12. pej-e/ie Alb. B. 16. 

g. patkue, best, patkoni Hufeisen, serb. potkora, bulg. pod- 
' kova, Mi. 1, 30: pettlkön Stier; Raps. 24. pokejone H. pokqtoi 
I H. patkoi Jungg 17; Conf. 35. Diesem wie dem vorhergehen- 
" den Worte kommt ursprünghch kein n zu, es sind Analogie- 
bildungen. 

d) Türkische Wörter : 
han Herberge: hane Kul. 22; H. 
albdn Hufschmied, türk. nalhend: albane Kul. 32. 

20* 



308 Meyer. 

vatdn Vaterland: vatane Kul. 32. 

pervdn Motte: 'pervane Kul. 32. 

fiddn junge Pflanze: ßdane Kul. 33. 

fiTdzdn Tasse, türk. findzan: fiTdzane Kul. 33, 

gerddn Halsband: gerdane Kul. 33. 

kazdn Kessel: kazane Kul. 33. 

lialkdn -ovoTiXia: Jcalkane Kul. 33. 

asldn Löwe: aslana Jub. 84. 86. 

tsohdn Hirt: tsobdj Jungg 18. tsobene H. ; Doz. dzoban§r 
Kul. 104. 

nisdn Zeichen: nisane H. 

limdn Hafen: Rmane H. 

kapeddn capitano, türk. kapudan Admiral: kapedane Doz. 

bahfsevdn Gärtner: bahtsevane Kul. 57. 

bezerjdn Kaufmann: bezerjane Kul. 57. 

derven Engpass: dervene H. 

dukien fondaco, tüi'k. dukkiän echoppe, boutique: dugane 
Lecce 18; Cam. 1, 200. 

pelin Absinth: pel'ine Kul. 32. 

c) Älbanesische Wörter: 

man, Kul. Rada m^n Maidbeere: mane H. 5 Doz.: Krist. 
Grr. 12. mana Krist. Gr. 12. m§n Kul. 22. m^n Rada 13. Vgl. 
(xtmsia dacisch für ßaio? Dioscor. 4, 37, nach Sprengel rubus 
fruticosus. 

g. zä, best. 2a«t* Jungg, 2a, zäni H. ; t. 2:^ z^j'i H., z^ri 
Kul., Stimme: 2ä Jungg 16. zUnet Krist. Luc. 23, 23 g. zäna 
Krist. Apoc. 4, 5 g. ^at'ef Stier. z§n Krist. Gr. 11. z§re Doz.; 
Krist. Luc. 23, 23 t.; Kul. 20; Alf. Konst. 10. zp/ip,ra Apoc. 4; 
5 Ath. 

g. vlä, vläni Vogelnetz (ajuola): däi Jungg 18. 

g. drä, dräni Bodensatz der ausgelassenen Butter H., drä 
Rada: drära Rada 11. 

g. ßilpdn Nadel: ßilpane Lecce 16; Cam. 1, 200. 

g. krahan Rossi Gr. 329; H., t. kreh§r Rhd. Lex. 109, 
Kul. 49 Kamm: kr§h§n§ Rhd. Lex. 109. kreh§r§ H. 

g. bresen (bresene Blanchus), t. bre§§r Hagel: bres§ra Krist. 
Gr. 12; Rada 13. 

g. dim§n H., dimin Lecce 205, t. dini§r Winter: d{jn§re H. 
d{m§ra Krist. Gr. 12. Zu griech. -/£t[jLU)v u. s. w. Curt. Grundz. 201. 



I 






Albanesische Studien I. 309 

g. emen Rossi Gr. 334, em^n H., t. em^r Name : emna Scut. 
Matth. 10, 2; em§na Krist. ebenda g. ; em§ra Krist. ebenda t., 
Gr. 12; Doz. em§re Matth. 10, 2 Pian. ; em§re ebenda Frasc; 
H. em§r{t§ H. Zu arm. anwan, asl. ime, air. ainm, griecb. 
ovo[ji.a u. s. w., idg. ^anman Schmidt, KZ. 23, 268. 

Die letzten zwei Wörter (sowie est§r Knochen Kiil. 120, 
falls dies = ai. asthdn- und nicht blos eine Neubildung aus dem 
Plural est§ra ist), wahrscheinlich auch hresen und krahan, sind 
mit Suffix idg. -en -on gebildet. Besonders hervorzuheben ist die 
Erweiterung mit g. -§n, t. -§r, welche eine Anzahl lateinischer 
Adjectiva bei ihrer Aufnahme ins Albanesische erfahren haben. 
Zu g. vorf arm, aus orbiis, gehört der Plural vorfnit Scut. Matth. 
5, 3 ; t. lautet das Adjectiv vdrf§r§. — skUpunit die Lahmen, 
Scut. Matth. 11, 5, von mit. cloppus, Schuchardt 255. — men- 
g§r§ link neben g. mang m§ng mangelhaft aus it. manco Mi. 
2, 38. — st§ng§7'§ louche Doz. neben st§nk -gu schielend, H., 
aus it. stanco link, Schuchardt 255. — skilrt§r§ neben skurt H. 
kurz, lt. curtus Mi. 2, 20. — str§mb§r§ neben sfr^mp verkehrt, 
hinkend, it. strambo Mi. 2, 64. — §iiro§r§ Doz. neben sur% -3i 
Krist. Luc. 1, 22 t., g. taub, aus lt. surdus Mi. 2, 65. — ver- 
b§r§ blind Doz. neben verp -bi H. — beTb§r§ H., Krist. tot. 48, 
aus lt. balbus. Auch beim Substantivum: m§7id§r§ aus lt. menta 
Mi. 2, 41. 

g. garpen Lecce 17, t. garp§r Schlange: girpane Lecce 17; 
Cam. 1, 200. g§rpen Krist. lai. 68; g§rp§n§ Matth. 23, 33 Pian.; 
g§rp§n§ ebenda Frasc; gerpen Doz. gerpin Doz.; Act. 10, 12 
Ath. g§lpene Rada 12, Raps. 90. gerpen Rhd. 6. gorpin Krist. 
Gr. 12; Matth. 10, 16 t., g. garpij Krist. Matth. 23, 33 g. 
dzarpi Scut. ebenda. gaJ'pra Matth. 10, 16 Frasc; galpra ebenda 
Pian. garp§rvet Kul. 152. Zu ai. saip, lt. serpo serpens u. s. w. 

g. dr§, dr^ni H., dre dreni Rossi, dre Bl. Hirsch, t. dr^ 
dr§ri H., Reh: dreii Kul. 20, 23. 

g. pe, peni H., pS, pmi und pen, peni Rossi, i. p'§, p§ri 
H., Kr. Faden: pen Doz.; Rada 12; Kul. 23. pp'i Krist. Gr. 11. 
pej Jarn. 13. p§j H. pena Leake 335. pera Rada 12. Zu griech. 
TC^voc, lt. pannus, got. fana-. 

g. bri, brlni H., bri, brlni und brln, brlni Rossi, t. bri, best. 
briri und briu Hörn : JnVi Kul. 22. brlj Krist. Apoc. 5, 6 g. brit 
Apoc. 9, 13 Ath. brma ebenda Krist. g. brira Apoc. 5, 6 Ath. 



310 Meyer. 

brir§ Doz.; Krist. tat. 19-, Alb. B. 11. Vgl. messapisch ßpevooq 
Hirsch, eig. der Gehörnte, wie cervus. 

g. M hini H., Rossi, hm hini Rossi, t. hi hiri, Kul. hm 
Asche: hin Kul. 23. hira Doz. hire H. 

g. hll hllni Jungg, hlin blini Rossi Stör: bli Jungg 16. 

g. Mi blini Rossi, blini H., t. Mi bliri Ulme H. : blh'e 
Kul. 19. 

g. sun -i Rossi 328, t. si -u, su -u Auge, sür' i neriut Alf. 
Konst. 85: si^H Krist. Matth. 20, 34 g. ; Jarn. 9. süt Rossi Gr. 
328; Jungg 104; Scut. Matth.; Krist. Gr. 11; Doz. si Matth. 
20, 34 Frasc, Pian.; Kul. 23; Rhd. Lex. 25. 

g. ml mini Rossi, t. mi miu H., nach Kul. auch mini Maus: 
min Doz.; Kul. 23. ml Jarn. 17. mlra Rhd. 11; Rada 13. Das 
-n ist hier nicht ursprünglich, ebenso wie in dem von Kul. 23 
angeführten 6{ %ini neben 6m (nur das letztere bei H. und Rossi) 
Wildschwein, Plural 6^ Krist. Gr. 14; Scut. Matth. 7, 6, vgl. 
lt. müs, sns und deren Verwandte. 

g. dzi dzm Rossi, t. gi giri Busen: gij Krist. Luc. 11, 27 g. 
gij Krist. ebenda t. gin Krist. Gr. 11. gire Doz.; Kul. 19. gira 
Rada 13. glt le mammelle, Jub. 108. Vgl. lt. sinus. 

g. gu güni H., Jungg, gun guni Rossi, t. gu guri Doz. 
H., glu gluni Kul. Knie: glun Kul. 19. güni Jungg 16. gun Krist. 
Gr. 11. gun§ Doz. H. gurit§ H. Vgl. ai. jänu, lt. genu, griech. 
Yovu, got. k7iiu. Das anlautende g- im Alb. (statt §-, vgl. 
zd. zanva Kniee) macht das Wort der Entlehnung sehr stark 
verdächtig. 

g. dvit druni Holz, Jungg, t. dru druri Stange, bei Kul. 
dru druni Holz: drun Krist. Gr. 1; Luc. 21, 29 t. ; Doz. drun 
Kul. 2Ö. drim§ H. drü Kul. 28; Rhd. 12; Krist. Luc. 21, 29 g.; 
Matth. 26, 47 t. drüna Krist. ebenda g. drura Rhd. 12. drur§ 
Doz. drÜ7i§rt§ H. Zu ai. dru-, griech. Spu«;, got. triu, air. daur. 
Das -n ist also unursprünglich. 

g. hü hüni Krist., Rossi, hü huni H., t. hu huri Pfahl: 
huri Krist. Gr. 1; Doz.; Kul. 22. hün§ H.; Matth. 26, 47 Frasc. 

g. trü trüni Rossi (trüja H.), t. tru truri H. Gehirn : frnn 
trü nur Plural, Jungg 24. tru H.; Rhd. Lex. 60; Kul. 20; 
trüt Gedanken, Matth. 12, 25 Frasc. 

Uun Jüngling: tsuna Krist. tax. 36; Alb. B. 80; Doz. 
tsune H. 



^ 



Albiinesische Studien I. oll 

g. due (ionl Jungg, t. 6ua Oot Nagel, Klaue : Oon Krist. 
Gr. 11; Doz.; Rada 12; Kul. 20; bon§ H. Ooi H.; Jungg 17; 
Rossi Gr. 328. 

g. knie Bl. (best, krua Rossi), t. krua best, kroi Quelle : 
krön Krist. Gr. 1 1 ; Doz. ; Leake 305. kron§ H. kroi H. krojit§ 
(kroy[it§) Leake 305. kröne H.; Krist lex. 8; Stier; Rada 12; 
Raps. 41. Vgl. griech. 7.p-/]vr] y.pouvoc Quelle. 

g. pluhun Staub, Rossi Gr. 326, pluhen Jub. 42, t. pluhur 
pPuhur (Kul.), buJma buhoi Rada 12 (bujua Stier), buhö -i Kul. 
4Q: pl/uhura Krist. Gr. 12. bulione Rada 12. Nach Schuchardt 251 
entlehnt aus lt. pulverem, was für mich zu grosse lautliche 
Schwierigkeiten bietet. Ist serb. puhor m. Flockasche, Loder- 
asche, zu vergleichen? Türk. buhur Weihrauch, biighic Dampf. 

hon Spalte im Gebirge: hone H.; Kul. 22. 

t- ^§ g§^i' H., g§ri Kul. (g. gä gäja H.) Ding, Sache, 
Eigenthum: g§ Kul. 158. g§n§ Alb. B. 11. g§re Kul. 19. g§ra 
Alb. B. 177; Kul. 44. g. gät§ H. 

vge TCcuy.oc, best, vgeni und vgeu Kul., vgeri Heldreich: vgen 
Kul. 22; Heldreich 14. Vgl. (vjeii^) Ceder, (vge) Tanne H., 
nach Schuchardt 252 aus lt. abietem; vielmehr aber aus griech. 
Tidjv.ri Tceu/.oq ^eux-tvo?, woraus auch asl. pevkü m. pinus, pevükinü 
pineus entlehnt ist. 

V. Stämme auf Liquidae. 
Der bestimmte Nom. Sing, hat den Artikel in der Form -i. 
1. Stämme auf -r. 
a) Lateinische und romanische Wörter: 
är Gold, lt. aurum Mi. 2, 4: are Kul. 18. 
par Paar, lt. par: pare H. 
mulär Oop.cöv, lt. molaris: muläre Krist. Gr. 24. 
binar Zwilling, it. binar io Mi. 2, 6: binare Kul. 32. 
§r Luft, Kul., lt. aria Mi. 2, 3: §re Kul. 20. 
aj^r Luft, lt. aereyn: dj§rit Stier. 

viet§r alt, lt. veterem Mi. 2, 70: viet§rite Krist. itn. 5. 
ser Streit, it. sciarra Mi. 2, 59: sere Kul. 21. ^-efe H. 
ncler Achtung, lt. honorem Mi. 2, 31: ndere H. ; Kul. 22; 
Act. 28, 10 Ath. nder§ Krist. ebenda g. 



312 Meyer. 

Iter Rossi, eltBr Jub. 43 Altar, lt. altare Mi. 2, 2: Z^ere 
Rossi Grr. 15. 

ter sie. A Dora d'Istria gli Alb. 108 Stier, it. toro: ter§ 
Matth. 22, 4 Pian., Frasc. 

kund§r Taufvater, lt. Computer Mi. 2, 16: kundra Pulj. 135. 

miester, best, viiestri Meister, Rossi Gr. 16, lt. magister 
Mi. 2, 37 (* mester) : miester Scut. Matth. 23, 10. miestra Krist. 
ebenda g. miestr§ ebenda Pian. miestrit Kj'ist. Ici. 60. 

num§r H., numer Kul., ngmgr H., Zahl, lt. numerus Mi. 2, 
44: nümure Alf. Konst. 107. n§m§re H. num§ra Alf. Konst. 107. 

JkoZo'r Farbe, lt. colörem: kolore Knl. 144. 

Imperator Kaiser, lt. imperatorem: imperatorvet Kul. 152. 

6esor Schatz, it. ^esoro, die Schreibung scheint durch griech. 
6r,ca'jpic beeinflusst zu sein: f}esor§ Krist. Matth. 6, 19 g. Usare 
ebenda t. t§rzore ebenda Frasc, Pian. Vgl. frz. tresor. 

mur Mauer, lt. mürus Mi. 2, 43: mure H.; Doz.; Krist. 
Gr. 23; Kul. 22. mür g. A Dora d'Istria gli Alb. 57. 

ur Brand, Kul, scheint aus lt. w^ere gebildet : ure Kul. 22. 

lepur Hase, lt. leporem Mi. 2, 35: repure H.; Doz. l^epra 
Jarn. 9. rejmra Kul. 84. repujt§ Krist. Gr. 11. 

Lateinisch -romanischen Ursprungs ist auch das häufige 
Suffix -dr, aus lt. -arius, welches an Substantiva antritt, um 
den zu bezeichnen, der sich mit dem betreffenden Dinge be- 
schäftigt. Dasselbe Suffix ist ins Griechische eingedrungen: 
TreptßoAäpi? Gärtner, a\).a^dp:q Kutscher u. s. w., s. N. Dossios, Bei- 
träge zur neugriechischen Wortbildungslehre, S. 33. Ebenso 
ins Germanische und von da ins Slavische : Mi. Vergl. Gramm. 
2, 88. Dies -dr ist an romanische und einheimische Stämme 
angetreten. Beispiele: kussär Räuber, it. corsare Mi. 2, 18, 
ngi'iech. y.ojpjap'.c y.oupsapo;, serb. gusar: kussäre Lecce 14. kussär 
Jub. 37. — üiftdr Krieger, von lufte lt. lucta: Tuftär Jub. 56. 
— katU7idar§ die Dorfbewohner, von katünt s. o. — Udr Ziegen- 
hirt, von ci Ziege : oiare Kul. 20. — gomaridr Eseltreiber, von 
gomdr Esel : Plural ebenso, Kul. 70. — gizdr Käsemacher, von 
gize^ -a Käse : gizare Kul. 33. — kopstare die Gärtner, Kul. 26, 
von kopst Garten, s. o. ~ vrestar§ die Weinberghüter, Kul. 2Q, 
von vrest, s. o. — heitdr Dichter, von heit Gedicht: beitare 
Kul. 32. — pel'dr Pferdehirt, von^er^ -a Stute: perare Kvü. 32. — 
fusdr in der Ebene gelegen, von fus(^ -a Ebene :fusare Kul. 33. — 



Albanesische Studien I. olo 

fsatdr Dörfler, von fsai Dorf: fsatare Kul. 33. — dritdr Licht, 
von dtdt^ Licht, Krist. '.gt, 1. 

An Wörtern wie vrestdr kopstdr Viiftdr katunddr dritdr 
fsatdr heitdr (vgl. auch noch lt. argentärius alimentärius fiimen- 
färius tributänus voluntärius u. a.) hat sich eine Suffixform 
-tär herausgebildet, die dann ohne Unterschied in der Bedeu- 
tung ebenfalls, wie -är, an Nominalstämme trat. Auch das 
Suffix -tor (s. u.) mag dabei nicht ohne Einwirkung gewesen 
sein. Beispiele : arm§tdr api^-aTwAo?, von arm§ -a lt. arma : arm^- 
tare Kul. 57. — mesetär, mesatdr, mestdr Priester, von mes^ -a 
lt. missa: mesetare Lecce 15. mestarvet Scut. Matth. 2, 4. — 
pisk§tdr Fischer, von pisk \t. piscis: p)isk^tare Kul. 57. peskatare 
Krist. Matth. 4, 18 t. piskatär ebenda Frasc. piskatar^ Kul. 110. 
(peskatorQ Krist. Matth. 4, 18 g. piskature (sie) ebenda Pian. 
gehören zu lt. piscatorem.) — k§hg§tdr Sänger, Kul. 136, von 
k§fig§, lt. canticum. — giiktdr Richter, von guk Gericht, lt. jiidi- 
cem: guktär§ Krist. Matth. 12, 27 t., g. dzugtdr Scut. ebenda 
(jiiZets§ra ebenda Frasc. aus it. giudice, sie. judici). — skup§fdr, 
skip§tdr Albanese, von skip : skup§tarvet Kul. 24. — fjaVetdr 
beredt, von fjal'§ Rede: fjal'§tare Kul. 57. ■ — gak§tdr blutdürstig, 
von gak Blut: gak§tare Kul. 57. — uo§tdr Wanderer, von uoe -a 
Weg: u^§tar§ Kul. 98. — hes§tdr treu, von bes§ -a Treue: 
bes§tare Kul. 57. 

Auch das lt. Suffix -tör Acc. -törem ist ins Alb. überge- 
gangen; es lautet in unbest. Form -tnar, -tor, g. -tüer, -tür, 
best, 'tör-i. Beispiele: traotür -fori Verräther, lt. traditorem : 
traotör Jungg 17. — vestuer Wächter, Jub. 37 zu vestön. — 
pim§tuar, g. puntfir Arbeiter, zu punön: p^inetore Kul. 57. pune- 
tor§ Krist. Gr. 11; Matth. 9, 37 t., g.; ebenda Pian. puntdrt 
Scut. ebenda. — faT§tuar fromm, zu fal'eni bete an : fal'§tore 
Kul. 57. — fjaT§tuar Redner Kul., Schwätzer H., zu fjciJ^ 
Wort. — faituar, g. faitür schuldig : /fM^ore Jungg 17; Scut. 
Matth. 6, 12. fajtor§ Krist. ebenda t. — gaiför -i Jäger, zu ijä 
-ja Jagd, Kul. 84. — %umb§tör -i Kranich, zu ^umbön steche, 
Kul. 120. — vrektuar Mörder, zu was tödte: vrektor^. H. 

Hier sind auch zxi nennen g. faltmr Wahrsager, Jungg, 
faltür H.: faltsör. — dzaksür blutdürstig, Mörder: dzaksdr 
Jungg 17; Scut. Matth. 22, 7. gaksörq, Krist. ebenda t., g. — 
m/ea^^ii«' Sünder, von mkat Sünde: mkatnör iwngg \1 . mkatnove 



I 



314 Meyer. 

Scut. Matth. 9; 10. — pagtizor -i Täufer, zu img§zön aus hapti- 
zare: pag§zore Kul. 57. — Auch Icrahnür -ori Jungg 11, krahe- 
nuer Jub. 60, kraheruar -ori Rhd. Lex. 77, kraharuar Kul. 140, 
krah§ruar H. der vordere Theil der Brust, Schulterblatt, von 
kräh Schulter, ist hier zu nennen: Plural krahnör Jungg" 17. 

h) Griechische Wörter: 

kanddr Wage, zunächst aus ngriech. xavxapi, dies aus it. 
cantaro Mi. 2, 10: kandare Kul. 33. 

margaritdr Perle, ngriech. [/ap^apiiäpt : margaritar§ Doz. 

palamdr Ankertau, ngriech. 'KuKy.iJ.dpr. palamare Kul. 57. 

prar Kul. 19 (praf) luptvoc, prer Heldreich 18, aus irptvocpt 
(^f = rn) : pfare Kul. 19. 

piper Pfeffer, ngriech. TutTrspt: pipere Kul. 33. 

ter Gefährte, ngriech. {k)x(xip\ : tere Kul. 20. 

potir Trinkglas, ngriech. xoTv^pi : potire H. 

c) Slavisch ist: 

obör, ombör Hof, serb. obor Mi. 1, 28: obore H. 

d) Türkische Wörter : 

zar Würfel; zare Kul. 20. Vgl. Cihac 2, 629. 

ambdr Getreidemass : ambdre Kul. 32. 

pazdr Markt: pazare Kul. 32. 

uzmekdr Diener: uzmetsdrt Scut. Matth. 13, 27. 

behdr Frühling: behdre Kul. 32. 

hater (g. hat§r H.) Wunsch : hatere H. 

asJcer Heer: askere Kul. 32. 

hoher Nachricht: habere H. 

baker Kupfer: bak§re H.; Kul. 32. 

dulber Gehebter: dulbera Jub. 100. dujbera Alb. B. 91. 

tsair Wiese: tmire H. 

seker Zucker: sekere H. 

nur Schönheit : 7iure Kul. 22. 

kaür Giaur: kaure Kid. 33. 

e) Älbanesische Wörter: 

bär Gras, Kraut, Heu: bar Stier. bareKnl. 19; Jungg 22. 
barna Jungg 22; bdr§na Krist. Gr. 8. 13. hdrera Krist. Gr. 8. 
13; H.; Doz.; Alb. B. 96; Rhd. Anth. 32 Gemüse; Kid. 102. 
Vgl. pers. här Gerste, lt. far Getreide, Spelt, grobes Mehl, got. 
barizeins y.pi'O'.vo?, asl. biirü mihi genus, nsl. ber Fench, serb. bar 
Fench. Vgl. Pictet P, 335. 



i 



Albanesische Studien I. 315 

gomdr Esel: gomare Kritit. lax. 81; Kai. 33. gomar§ Krist. 
Gr. 12, '.Q-. 25; Doz.; Kul. QQ. Ngriecli. Yoi^-ap-., magy. szamdr. 
Semitiöches Lehnwort, yamor Esel. 

g. ner Mann, Alf. Konst. 48, best, neri Jungg 19, 
Lecce 206, nlri Jarn. 12. 4, gewöhnlich t. neri, best, neriu 
(vgl. u.), auch Jungg 19 unbest. rieri, Jarn. 12 ni niri: nerjit§ 
Pulj. 155. Tieres Krist. Gr. 15; Kul. 24; Rhd. 6; nerz Jungg 27. 
iier§zit§ Krist. Gr. 15; Stier; Rhd. 13; Krist. Matth. 8, 27 t., g.; 
ebenda Frasc; ner§zis Krist. Matth. 4, 19 g. ner§zet Gen. Krist. 
Luc. 9, 44 t. ; ebenda Ath. ner§z§vet Krist. ebenda g. nerezte 
Rhd. Anth. 36. nierze Scut. Matth. 8, 26. nierzt Imit. 15; Scut. 
Matth. 8, 27. nerzit§. ebenda Pian. Vgl. ai. nar- , zd. nav, 
griech. avv^p, sabin. n&ro, umbr. nerf, air. nert. Curtius, Grund- 
züge 306. 

tier Ocpaoc : tiere Kul. 20. Vgl. tier spinne, zu ai. tarküs 
Spindel. 

ulber Regenbogen, H. uliber ulMr, Krist. lax. 10. ylver : 
ulhere Jungg 14. Cihac 2, 717 will das Wort von lt. coluber, 
colubra ableiten : ,selon la croyance populaire albanaise l'arc- 
en-ciel est un serpent qui descend sur la terre pour boire de 
l'eau^ In Borgo Erizzo sagt man kolombdr -i. Rum. cucurbeu, 
curcubea. 

g. tarier lanri Jungg 18, landr -i Rossi Gr. 329, t. ^§nt^r 
H. Bräutigam, Schwiegersohn: Zanra Jungg 18; land§ra Pulj. 
133. hanur Jungg 18; Jub. 60. 'dandüf§vet Krist. '.at. 16. ^§n- 
tÜ7'§ H. Vgl. ai. jämätar- Eidam, zd. zämätar Schwiegersohn, 
lit. zentas Schwiegersohn, asl. zeti dasselbe. 

bir Sohn : bire Kul. 19. birt Alf. Konst. 52. bii: Matth. 3, 9 
Frasc; Raps. 29. bij H.; Doz.; Krist. Gr. 11, Matth. 26, 37 t., g.; 
Alf. Konst. 56 ; Pitre 296. bi Scut. Matth. 3, 9. -l scheint ur- 
sprüngHch, vgl. die Pluralformen bil' bij und das Fem. bil'§, bij^ 
Tochter. Vgl. lt. fllius. 

Jtir Anmuth : hire Krist. Gr. 23 ; Kul. 22. 

gur Stein: güi^e Lecce 13; Rossi Gr. 16; Scut. Matth. 
3, 3; ebenda Pian.; Kul. 19. gure Kul. 136. gur§ Krist. Gr. 12; 
Matth. 3, 9 g.; Rhd. Anth. 42. gür Scut. Matth. 3, 9; ebenda 
Frasc; Jungg 104; Jub. 34 (gur). Vgl. ai. giri-, asl. go7'a Berg, 
lit. gire Wald. 

sur Sand: sure H. ; Kul. 21. 



316 Meyer. 

hekur Eisen: hekura H. ; Rhd. 6; Stier; Krist. Act. 12^6 g.5 
Jung-g 15; Jub. 36. 

k§rtstlr %0'jTCJoijpov : k§rtsi(nt§ Krist. Gr. 11. Bei Cam. 1, 199 
k§rtsii% Plural k§rtsinet§. 

g. spü7' (für spuer), best, spori Brustbein: spor Jungg 17. 

dzulpnw, best, dzulpneri ago da calze: dziilpner Jungg 18. 
Vgl. 0. gilpdn Nadel. 

pTuar pToH, H. best. pTuari Pflugschar: pTore Kul. 58. 
pVüare H. Vgl. Schuchardt 255. 

2. Stämme auf -f. 

a) Lateinische und romanische Wörter: 

für Ofen, Doz., lt. furnus Mi. 2, 29 (-r aus -rn- wie in 
fef Hölle Rossi Gr. 16 aus it. inferno): fura Doz. 

kef Wagen, lt. carrus Mi. 2, 12: kere Krist. lax. 106. 

b) Türkisch ist: 

kuf Rotz: kure Kul. 20. 

c) Alhanesische Wörter: 

vaT% g. vor Grab: vafe H. ; Doz.; A Dora d'Istria gli 
Alb. 69 t.; Rhd. 5; Kul. 19; Matth. 8, 28 Frasc, Pian. vofe 
Krist. ebenda g.; Scut. Matth. 23, 27. vof§s Scut. Matth. 27, 53. 

ziaf Feuer: ziafe Kul. 20; Jub. 78. ziar§ Doz. Vgl. 0. 
zidrm, in Fjeri ziarm§ -i Doz., in Tyrana ziar§m H.; der Plural 
z§rmiir§ H. gehört zu diesem, welches die Grundform auch 
für ziar zu sein scheint (-f ^= rm). Dies ziarm aber gehört zu 
ai. gharmd- Glut, zd. garema- heiss, lt. formus, griech. ^ep\j.iqj 
apr. gorme Hitze, got. varms, lit. gdras Dampf, asl. zeravü 
glühend, pozarä (aus *pozerü) Feuersbrunst. Vgl. Mi. Slav. Ele- 
mente im Ngi'iech., S. 16. Diefenbach 1, 251. 

&ßr Schaf, Weidevieh: JemH. ; Kul. 19. 6efe Scut. Matth. 
10, 6. Zu bar, bara, berr, ber u. s. w., die in italienischen 
Mundarten Widder bedeuten. Schuchardt 253. Zu berb(ex)f 
Vgl. Diefenbach 1, 49, der asl. baranü vervex vergleicht. 

fef rubus, Doz. Brombeerstrauch: fefa Doz.; Krist. ist. 4; 
Kul. 19; Scut. Matth. 13, 7; A Dora d'Istria gli Alb. 57 g. 

cZef Schwein: defa Doz.; H.; Alb. B. 12; Krist. Matth. 7, 
6 t.; ebenda Ath.; Kul. 20. 

stier cfoc/j.c-'i Kul. 21: stiera Kid. 21; H. skieraH., gilt als 
Plural zu k§nk Lamm. 



II 



Albanesische Studien I. ol 7 

mof Laus: mofa H.; Doz.; Krist. Gr. 12; Kul. 22. more 
Krist. Gr. 12. Zu zd. mared, lt. mordere beissenV 

5wr- Mann: hura H.; Doz.; Kul. 19; Rhd. 6; Jub. 41. 
Schuchardt 254 vergleicht mit. baro, it. barone u. s. w. 

3. Stämme auf -l. 

a) Lateinische und romanische Wörter: 

kandl Canal, lt. canalis Mi. 2, 9: kanale Kul. 33. 

metdl Metall, lt. metallum: metale Kul. 58; Alf. Konst. 71. 

didl Teufel, lt. diabolus Mi. 2, 21: didj Krist. Gr. 10; 
H. diej Doz. diemen, best, diemnit Jungg 18. diemnit Scut. 
Matth. 8, 31 ; djempiit Krist. ebenda g. diemnevet Scut. Matth. 
9, 34. djem§naiet Ki'ist. ebenda g. Mi. 2, 20 erklärt diem§n 
aus lt. daemon. 

gardindl Cardinal, it. cardinale: gardindj Lecce 16. 

brevidl Brevier, it. breviare, breviario: brevidj Lecce 16. 

misdl Tischtuch, von lt. mensa Mi. 2, 41: misdj Lecce 19. 
mb§sält Raps. 58. 

fatsel specie di cambrik Jungg, venez. faciol, faziol ac- 
cappatoio: fatselna, fatsela Jungg 23. 

Iciel, g. Icil H., tSel Rossi, Himmel, lt. caelum Mi. 2, 8 : Jciej H. ; 
Doz.; Krist. Ic-. 83. Jcieje Krist. Gr. 13; Matth. 3, 2 t.; Luc. 
11, 2 t. Uie^fia Matth. 3, 2 Pian. Hiel ebenda Frasc. ; H. ; 
Doz.; Jub. 96; Raps. 23. 83 Qiielsit Loc). 

§hg§l, g. efiggl, eiigid H., endzid, enul Rossi Gr. 325, eil 
Jungg 18, Engel, lt. angelus Mi. 2, 2: ehg^Ut Matth. 4, 11 
Frasc. ^iigej t. H. §hg§j Krist. Matth. 4, 11 t. §hg^j<^t ebenda 
Pian. eiiguj Krist. ebenda g. eiignj H. g. eiiui Conf. 21. enit 
Scut. Matth. 4, 11. envet Scut. Matth. 4, 6. 

uhk§l Oheim, lt. avuncidus, vgl. oben unk: ähkeTit Raps. 46. 

fil Faden, lt. filum Mi. 2, 26: ß' Kul. 19. fiTe Raps. 46. 
^j H. »e Doz.: Krist. Gr. 13. 

uiigil, Rossi auch ufdl Evangelium, lt. evangelium Mi. 2, 23 : 
uhgij Lecce 19; Rossi Gr. 19. unij Rossi Gr. 19. 

pul Wald, lt. *padülem aus palüdevi Mi. 2, 46: püjf Doz. 
■puje Doz.; Krist. Gr. 13, \c-. 99. pM?e Doz.; H. 

apostöl, Rhd. apostol Apostel, lt. apostolus Mi. 2, 2: apo- 
stol'e Rhd. 6. apostoje Krist. apostuj Krist. Luc 6, 13 t. ; ebenda 
Ath. apostuj Krist. ebenda g. 



II 



318 Meyer. 



sual mall H., g. sid Jungg 18^ lt. solea Mi. 2, 61: sol' 
Klid. 1, Lex. 87. soje Jungg 18. suej H. 

kapr/ial (H. kaprul g.) Bopxac;, lt. capreolus Mi. 2, 11: 
kaprüoj Krist. Gr. 11. 

^wriwZ Turteltaube, lt. turturem. Mi. 2, 69: turtuj Krist. 
Gr. 11. türtuj§ Alb. B. 53. 

iSwZ Götzenbild, it. idolo Mi. 2, 32: i^uj Jungg 18; Krist. 
Alf. g. 23. zSwk Krist. Alf. t. 23. 

rdzul Krügelchen, it. orciuolo: rdzoj Jungg 18. 

sekul Jahrhundert, lt. saeculum Mi. 2, 56: sekulit Jub. 64. 

disepul Schüler, it.-alb. disipul, it. discepolo, sie. discipidu: 
lisipuUt Matth. 8, 21 Frasc. disepuivef Scut. ebenda, disepujs 
Krist. ebenda g. disipuj§t ebenda Pian. 

skandid, skanid, lt. scandalimi Mi. 2, 58: skanduj Krist. 
Matth. 18, 76 g. skdnid§ Scut. ebenda, skanul Imit. 11. sÄ;aw- 
c?a?e Frasc. ebenda. sk§ndaj§ Pian. ebenda. 

wgraÄ;itZ Wunder, \t miraculum Mi. 2,41: mgraÄiw/g Matth. 
7, 22 Frasc. 

mashd männhch, Knabe, lt. masculus Mi. 2, 40: maskuj 
Krist, Gr. 22; Rom. 1, 27 g. meskuj ebenda Ath.; H.; Doz.; 
Krist. lax. 16. 

sakul Schlauch, lt. sacculus (Mi. 2, 56): seÄ;?tjf Doz. Mär- 
chen 3, S. 25, Z. 13. 

popid Volk, lt. populus Mi. 2, 51 : popity Krist. Luc. 2, 31 g. 

tempid, Tempel, lt. * tempidmn aus templum: tempuj Krist. 
Act. 17, 24 g.; Alf. t. und g. 24. 

famul der Täufling in seinem Verhältniss zum Pathen, 
lt. famulus Mi. 2, 25: famuj H. fdmule H. 

kungul y,oXoxuvO-r), zu cucumis, vgl. franz. concombre: kunguj 
Krist. Gr. 11. 

5J Griechische Wörter: 

hual Büffel, griech. ßoüßaXo?: iztoy Krist. Gr. 11; Dez.; 
Alb. B. 56. hud Rhd. Lex. 44. 

kul Saft Kul., kul Mehlbrei H., griech. jpXöq: kule Kul. 20; 
kule H. 

hrumhul grosse Fhege, Hummel, griech. ßo[i.ßuXtO(; : hrum- 
huj Alb. ß. 19. 

trangul Gurke, mgriech. TsxpaYTOupov : tranguj Krist. bt. 65. 

Hui Säule, griech. ctüXo?: Hula Krist. lax. 41. 



Altanesisclie Studien I. 319 

Erwähnenswertli ist defopid Ferkel, bei Rlid. Anth. 42, 
ein albanesisches Wort mit griechischer Deminutivendung. 

c) Slavisch scheint: 

sfral Feuerstein, vgl. serb. strela Belemnit: strale H. ; 
strale Kul. 21. 

d) Türkische Worter : 

lud Zustand, Unglück: hole H. ; Kul. 22; Jungg 14; 
Jub. 96; Alb. B. 73. 

hakdl Krämer: hakale Kul. 32. 

kavdl Hirtenflöte: kavale Kul. 32. 

tsakdl Schakal: tsakdj Jungg 18. 

destemel Handtuch: destemel§ra Act. 19, 12 Ath. 

kol Haufe: kole H. 

e) Älhanesische Wörter: 

hol Stirn: hale Kul. 19. halna Jungg 16. Vgl. ai. bhäla- 
m. Stirn. 

7nal Sehnsucht: male Kul. 21; Rhd. 5. 

karumhdl ffTpoß(Xoq, Kieferzapfen, Heldreich 14: karumbel' 
Rhd. Lex. 68. karumhuJ' Heldreich 14. 

käl Aehre, Rossi Gr. 75, gewöhnlich kalt kaliu (wie nei'i -u 
neben ner): kalin Doz.; Krist. tct. 30; kalin§ Matth. 12, 1 Frasc; 
ka-^ine ebenda Pian. kdlezit Stier; kahit Scut. Matth. 12, 1. 
kal§s Alb. B. 16. kdl§ze (kdl§se) Luc. 6, 1 Ath. käl§za Ki'ist. 
Matth. 12, 1 t., g. Der Sing. kal§s- zi bei H. ist gewiss unrichtig 
aus den Pluralformen mit -z- construirt. Vielleicht ist lt. calamus, 
deutsch Hahn u. s. w. urverwandt. 

zal Xtöapiov: zaje Krist. Gr. 13. 

del Sehne: del' Kul. 20. dej H.; Doz. deje Krist. Gr. 13. 

hei Bratspiess: hej§ H. heje Krist. Gr. 13. hele Kul. 22. 

diel, g. dll Sonne: diela Stier; Raps. 26; dila Jungg 15. 
diel§ra Rada 13. 

kertsiel, kertsel Jungg pedunculo, tarso: kertsel' Rhd. Lex. 
94. kertsej Jungg 18. 

miel, g. miZMehl: m7/?i« Jungg 16. miel§ra Rada 13. Vgl. 
ahd. melo Mehl, got. malan mahlen, asl. meljq u. s. w. Curtius, 
Grundzüge 337. 

riet Wolfsmilch (Pflanze): riele H. 

f§siel oQY/oq (distelartige Pflanze, Heldreich 78): r^^eTRada 
13; fsel' Heldreich 78. 



320 Meyer. 



I 



fuel xjkcc, Krist., Destillirrohr H.: fuej H. fileje Krist. 
Gr. 13. — fül g. Schäferpfeife ist damit identisch ; vgl. drum. 
flüer Pfeife, Schienbein, mrum. fltijdra, ngriech. ©Xoepa fistula. 
f§nduel Schusterahle: f§ndnej H. I 

il, ul, hil Stern: uj Doz.5 H.; huj Jungg 18; hui Jub. 95. 
iVe Kul. 20. uje H.; Doz.-, Krist. Igt. 19. uj§ Krist. Gr. 13. ^Tg 
Stier, ule Kul. 21: H.; Doz. ile Rada 13. ul H. il^s Rhd. 
Anth. 26; best. lV§zit Stier; iTzit Stier; Kul. 80. iliz (richtig 
iVis) Rada 13; Raps. 70. 

dejigü^/ejigil Kohle: 0§nyii: Rhd. Anth. 45. b§ngij H.; Krist. 
Gr. 10; fp'igij Doz. 

k§(imü H., Krist. ; k^rmil, g. kr§mil Schnecke : k§bmij Krist. 
Gr. 10. hßmij H. 

Sil Frühstück: slle H. 

kukul ein Ausschlag : kukuT Rhd. Lex. 109. 

akul Eis: akuj Krist. Gr. 11. akule H. Vgl. apr. a^Zo 
Regen, nach Fick 1, 474 = '^aklo-, zu lit. dklas blind, lett. iklas 
dunkel, gi'iech. ayj^oz, lt. aquilus dunkel, schwarz, aquilo Nordwind. 

avul Dampf: dvule H. ; Doz. 

trual soaoo?: triiaj Krist. Gr. 11. 

rkiial, rkoli Scolymus hispanicus L., Heldreich 78, r§kual 
Distel, Rada 13: rkol' Rhd. Lex. 99; r^köl' Rada 13. 

4. Stämme auf -l. 

a) Lateinische und romanische Wörter: " 

vai: Oel, vaj Krist. 1, g. voj Jungg, lt. oleum Mi. 2, 44: 
vajt^ H. vdT^ra Kul. 19; Krist. Luc. 23, 56 t. mjna Krist. 
ebenda g. * 

käV {kar§ H., Doz.; käl Lecce 205) Pferd, lt. cahallus 
Mi. 2, 7: yl-ua/' Krist. Gr. 13; Lecce 205; Jungg 18. kudj Krist. 
Gr. 13; küaj Doz. kuerUhd. 8; Stier; Raps. 24; Vigo 699. 
kueje sie. Cam. 1, 200. karp P^ilj. 136. 

gel Hahn, g. cZzef Matth. 26, 74 Scut., lt. gallus Mi. 2, 80: 
.(/efe H.; Krist. Gr. 12; Kul. 19. gela Krist. Gr. 12; Alb. B. 11. 

mer Hirse, lt. milium. Mi. 2, 41: meVe Kul. 21. 

mhoTe, nur Plural, g., Hoden, it. holgia Schuchardt 250. 

h ) Griechische Wörter : 

za/' Schwindel, 'C^x/.r,: zaTe Kul. 21. 

ifwr Fleischstück ohne Knochen, Wade, x{)\T,:ture H.; Kul. 20. 



4 



11 



Albanesische Studien I. 321 

^ez^r Eckstein, Stufe, Absatz, zzCo'ju: peziiJ'e H.: Kul. 32. 
maruT Lattiehsalat, (j-apoüAt Lattich : maruf'e H. 
ßtü' Docht, G'.T'/v'., ebenso bulg., türk., mrum.; drum. festil§, 
alles aus asi. sveifilo: ßfil'e Kul. 33. 

c/iÄ;Mr bidens, O'.y.e/vXj : dikuTe, dikül'§ra Rada 13. 

c) Slavische Wörter : 

krarirl., krairScut. Matth.27, 11 (fremder) König, serb.bulg. 
kralj, Mi. 1, 23: kral'e H. kra^a g. H. kraila Scut. Matth. 11,8. 

sokör Habicht? H., bulg. sokolü faucon, serb. soko -la Falk, 
Mi. 1, 33: sokora «stoi Scut. Matth. 24, 28. 

d) Türkische Wörter : 

koV •TreptTCOA''«, türk. kol Patrouille : kofe Kul. 20. 
hirUr Nachtigall : Urhil'e Kul. 32. hUhWa Alb. B. 79. 
gol Sumpf, türk. göl See, Teich: yöl'§ra H.; Daniel bei 
Leake 383. 

fer Fensterkreuz : tele H.; Kul. 20. teJ'a Jungg 15. 
je/' Zugluft, Rheuma: Je/a Jungg 15. 

e) Albanesische Wörter: 

warBerg: mar« H. ; Krist. Gr. 13, IffT. 8; Kul. 21; Stier; Jub. 56. 

didT,diaT§-i Knabe: diel H. g. ; Jub. 60. 76; Scut. Matth. 
22, 24; Conf. 43; Kul. 128. diarme Stier, c^/e/'m H.; Krist. Gr. 
13, Matth. 22, 24 g.; Matth. 11, 16 Pian.; Kul. 136; Rhd. 7; 
Doz. ; Jungg 25; Jub. 76; Scut. Matth. 11, 16. dieTim Jub. 78. 
dielma Alb. B. 38. 176. diem H. t. ; Krist. Gr. 13; Doz. 

vög§I'§ klein, veg§r§ Alf Konst. 24: vö<jiJ'(^ Krist. ]Matth. 
15, 38 g. veg§r§ ebenda t. vig^Rt ebenda Frasc. vegij§ ebenda 
Pian. voglit ebenda Scut. vöyleve Scut. Matth. 18, G. logiUs 
Krist. ebenda g. veg§Vit§ ebenda t. Vgl. lit. vaikas Knabe, vaikelis 
Kindlein, pr. icoykello Knecht? 

Ä:op^r Knecht : kopil' V\\\]. 135. kopij H.; Pitre 297. Vgl. 
Cihac 2, 651. 

Jm/' Ellenbogen: hfuTe Kul. 19. 

sm/' Balken, Stange, Querholz: ml'e H.; Kul. 21. 

Stämme auf Vocale. 

1. Stämme auf -«. Masculina und Feminina. Die Mas- 
cuUna haben als Form des bestimmenden Artikels -/ oder -», 
die Feminina -ja. 

Sitzungsber. d. phil.-hist. Cl. CIV. H.l. 1. Htt. -'1 



322 



Meyer. 



A. Masculina. 

a) Türkische Wörter : 

agd, agdi Aga : agaldr§ H. ; Kul. 32. 

ustd -i Handwerksmeister: ustaldr^ H. 

habd -i Vater, aßß^;: hahaldr§ H.; Kul. 110; Act. 3, 22 
Ath. hahdn Kul. 32. hahvet Scut. Matth. 23, 32. 

Andere türk. Plm-ale auf -lar -ler s. bei Jungg 13. 18. 21. 
pasaldr z. B. Jub. 70. ailar Pferde, s. o. S. 281. 

jpard -i Geld: pardt§. H. paret Scut. Mattb. 25, 27. pare 
Jarn. 4: Alb. B. 23. j^a^'eh Rbd. Anth. 31. 

bj Albanesische Wörter: 

kä kau Ocbs: ke Krist. Gr. 15, Mattb. 22, 4 g., t. ; H. ; 
Doz.; Rada; Scut. Mattb. 22, 4 (kiet) ; Kul. 23; Rbd. (7 ke, 
Lex. 110 kä). tse Jungg 20. 

vlä vläu Bruder, i§ld Rbd. Antb. 17, v§gd Rbd. 8: nlazen 
Jungg 21: Jub. 102; best, vlaznit Jungg. 21; Jub. 104; Scut. 
Mattb. 1, 11; v§ldz§nit Krist. ebenda g.; Dat. veldzenet Lecce 
206. v§lez§n, v§lez§rit Stier. v§ldz§r{t Krist. Ic-. 10. vldz^rit sie. 
Cam. 1, 199. v§laz§r Act. 1, 14 Atb. vlez§r Kul. 160. v§lez§re 
Krist. '.c^. 82; best. v§lez§rit§ Doz.; Ki'ist. Matth. 1, 11 t. vle- 
z§rit ebenda Frasc. v-(ez§rit ebenda Pian. v§lezi^ris Raps. 65. 

skia Griecbe, Rbd. 7, skä greco scismatico, Jungg, eig. 
Slave, daber aucb Bulgare H., best, skau: ske Jarn. 4; Jungg 20. 
skle Rbd. 7. Skeh Slaven, Alf. Konst. 30. Das -h wie oben in 
pareh. Vgl. den Antritt von -h an auslautende Vocale in alt- 
rumäniscben Urkunden, über den Scbucbardt im Supplement 
zu Hasdeu, Cuvente I, S. XIII spricbt. 

Radanet^ die Rada, A Dora d'Istria gli Alb. pag. 90 aus 
Calabrien. 

B. Feminina. 

a) Türkische W^örter : 

davä, davaja Streit, Process: davä, davana Jungg 23. 
kald, kal'aja Bm'g: kaJ'd Kul. 154. 

b) Albanesische Wörter: 

vä, väja Furtb : vü Kul. 18. vära Rada 11. Zu lt. vadum? 
fa Bandwurm: ra Kul. 18. re Krist. Gr. 17. Bei H. und 
Doz. Singular re, Plural i-a. 



AH)anesische Studien I. 323 

grua, graaja Frau; grue Jungg 13; grüeja Lecce 9: grä H.: 
Doz. ; Krist. Gr. 17; Rhd. 8; Jungg 13; Lecce 9; Jub. 49; 
Matth. Scut.; Pian. ; Phrase. Zu griech. vpxj;. -ua- -ue- weist 
auf älteres -o-. 

2. Stämme auf -o. Masculina (Artikel -i) oder Feminina 
(-ja), letzteres z. B. kuko-ja Kukuk, Kul. 49. riziko -ja Gefahr, 
Kul. 124 (neben rizikö -i H., aus griech. p'.'C'y-^'^ während it. rinco 
r§zik -u ergab, s. o.). turto-ja, turo-ja Doz. Turteltaube, vito -ja 
Taube, Doz. skdndalo -ja H. Ueber die Declination vgl. Doz.; 
H. 30; Krist. Gr. 18. Die meist griechischen Wörter bilden 
den Plural 

a) gleich dem Singular: ipw^^o griech. -alb. Cam. 2, 86. 
astako, ahinö Cam. 2, 88. Tao Act. 4, 25 Ath. furo Doz. e/iOro 
Rhd. Anth. 5. sofö Rom. 1, 14 Ath. 

b) mit -h: sofoii die Weisen, A Dora d' Istria gli Alb. 81 
aus Hydra, jatrön Raps. 44; Alb. B. 76. jatroü§ Alb. B. 142. 
k^röne die Zeiten^ •/.atpo;, sie. Papanti 671. 672. 

c) mit -ra: naora Tempel, Act. 17, 24 Ath. 

Türkisch ist sila .söji Geschlecht, Plural w/e H. ; Kul. 21. 
Vgl. Cihac 2, 613. 

3. Stämme auf -i. Masculina und Feminina. 

A. Masculina. Artikel -u. 

a) Alhanesische Wörter: 

st, siu Regen: sina Jungg 23; Krist. Act. 14, 17 g. ,ilra 
ebenda Ath.; H.; Doz. siera Leake 305. 

neri Mann und kali Aehre, deren -i ein unursprünglieher 
Zusatz ist, sind oben (S. 315, 319) besprochen worden. Ebenso ml 
Maus und ÖZ Schwein, die zu -n-Stämmen geworden sind. Ein -n- 
Stamm ist offenbar auch uri-u Maulwurf, vergl. das ^Qg. De- 
minutivum nrt% H. Auch ari-u Bär ist des Verlustes eines -n 
verdächtig: Plural arin Doz.; Krist. \a-. 103. -i oder -m scheint 
eine Weiterbiklung wie in neri, kali, ar- = ao-/. in griech. äpv.oc 
Bär, ngriech. apy.oüoa. Ebenso ist wohl hari -u Hirt ein ur- 
sprünglicher -??-Stamm: Plural bariü Doz.; 6a nV^e Krist. Iz:. 12; 
bari Krist. Luc. 2^ 15 g. — Rada 13 hat kukuiH bnbo : kukii- 
vira. Vgl. Stier KZ. XI. 219. 

21* 



ma 



324 Meyev. 

h) Türkisch ist die Endung -dzi oder -tsi zur Bezeichnung 
des Verfertigenden oder des Ausübenden. Sie tritt aucli an 
nicht türkische Stämme au. Beispiele: harutsi Pulverfabrikant. 
hojadzi Färber, gem^dzi Schiffer, horedzi yjc'/S.c. piskadzi Fischer. 
peskadzi (Scut. Matth. 4, 18) dasselbe. faTedzi Kizp-qc. Alle diese 
Wörter bilden nach Kul. 57 den Plural gleich dem Singular 
auf -^. sardzi Säger (von saf§, lt. serra) bildet nach Doz. 
mrdzin. Ebenso das gleichfalls türk. suvarl berittener Gendarm: 
suvariii Doz. — vatanli Patriot: Plui'al ebenso Kul. 57. 



B. Feminina. Artikel -ja. 

a) Lateinische und romanische Wörter: 

■vi, vija Furche, aiJ.^oKr, Kul., abkiv.i aquaeductus Rhd., It 
via: vi Kul. 18; Rhd. Lex. 84: Jungg 12. vira Kul. 26 
Jungg 12. Bei Doz. vij§, Plural vija. 

st§pi, g. qn, stjn Haus, lt. hospitium Mi. 2, 32: st§pi Krist. 
Gr. 17; Jungg 12. st^pij Lecce 205. St§pia Jimgg 12; Krist. 
Act. 4, 34 g. sf§pija Alf. Konst. 36. st§pira Kul. 58; Act. 4, 
34 Ath. 

ske^ndi, g. sknl Funke, lt. scintilla Mi. 2, 59 (-1 aus -il): 
sknl, sknia Jungg 11. 

f^ltsi, bei Jungg fultsi Kinnlade, H. f^lkine^, zu falx, vgl. 
wiin. falk§ maxilla (-1 für -in) : fulfsi, fultsia Jungg 11. 

kif,si, bei Jungg kusl, Kessel, aus it. cucina ven. cusina 
(Boerio 215): kusl, kusia Jungg 11. 

b) Griechische Wörter: 

-i ist entstanden 

1. aus griech. -'. des Neutrums: nisi rr,Q<. Insel: nist Alf. 
Konst. 73. nisira ebenda 83. — keri Wachs, Kul. 142, tUri 
Kerze, Jungg 18, -/.ipi, •/."op'-: Mrine Raps. 30. 

2. aus griech. -r/. stol'i ctcat^: stoli¥.v\. 134; Cam. 2, 174. 
— fulki Kul. 154; jiTakt Raps. 42 o'ShoL'/.-f,. — tirji zpjq Rhd. 
Lex. 97. — cicahira Act. 20, 2 Ath. von ctoa/v^. — ßlira Act. 
26, 20 Ath.; Alf. Konst. 102. fiUt Apoc. 1, 7 Ath. von o'Ai,. 

Männlich ist mahiti \xoLbr,vfiq: ma^itej, oft in der Ath. Bibel- 
übersetzung, z. B. Act. 19, 9, ist directe Uebertragung des 
griech. Plurals '^J.-Jir-.T.'.. 



All)anesische Studien I. 32 O 

3. aus grieeh. -la oder -v.oi.. I'i Blattern, eüAOY'la: /t Kul. 18. 
— veneti Bsvst'!«. ■ — f anlast ©avTacia : fanfasi Kul. 56. — fsersi 
Kirsche, /.Epasta: tsersi, ^sejwt Jungg 11. — isionVa Alf. Konst. 
28 von '.CTOpi'a. • — vlasßmira Apoc. 13, 5 Ath. von ßAa(;s-/][x{a. — 
magira Act. 8, 9 Ath. von \).cr(ziy.. — oidi Pural, Cam. 2, 176 
sie. von couXei'a. — grammatlt§ Doz. 56, Buchstaben^ von 

c) Türkische Wörter : 

huri Trompete. — halt Teppich. — pazi Mangold. — 
saksi Blumenvase. — selvi Cypresse. — terezi Wage. — uidi 
accomodamento. — Alle diese iind andere bei Jungg 11 ange- 
führte Worte bilden den Plural entweder gleich dem unbe- 
stimmten oder dem bestimmten Nom. Sing., also huri und burin. 
Ebenso c?H, idzi, edzi Perle, tiu'k. indzi: dzl Scut. IMatth. 7, 6; 
idzi Jungg 11. idzia Jungg 11; edzia Scut. IMatth. 13, 45. 

d) Alhanesische Wörter: 

ci Ziege: ci H.; Doz.; Krist. Gr. 17; Alb. B. 76; Rhd. 
Anth. 50; Kul. 18; Jungg 12. ci« Jungg 12. Vgl. lit. ozp Stein- 
bock, ozkä Ziege, ai. ajd- Bock, ajä Ziege. 

h'l Rebe: Iri Kul. 18. 

ZI Hungersnoth: zl Jungg 11. zia Jungg 11; Krist. Luc. 21, 
11 g. zira Krist. ebenda t. 

luiM Haselnuss: Tai^i Kul. 80. 

ani Schiff: aid Stier, anije Alf. Konst. 72. 

Sehr zahlreich sind die Worte mit Suffix -i, das vielleicht 
romanischen Ursprungs ist (Diez 2, 302), jedenfalls für -ia -i§ 
steht. Es bildet Abstracta und Collectiva und tritt an Sub- 
stantiva, Adjectiva und Verbalstämmc. 

Beispiele: virgini Jungfräulichkeit Kul. — emeri Ruf Kul. — 
ustri Heer, wohl von lt. Jiosfis, Jungg. — ouni Schande, .lungg 
(hm.§ dasselbe H.). — spenni Plural Vögel Scut. ^latth. 6,2i>l spen- 
det Krist. ebenda g.), vgl. u. S. 334. — mrekuli Plural Wunder 
Scut. Matth. 7, 22; »;reÄ:?<//a Krist. ebenda g. ('???9-eÄ;w^ dasselbe"). — 
hdmri Schönheit Kul. — vogqR Kleinheit Kul. — egqri Wildheit 
Kul. — k(}kia Sünden Krist. isr. 74. — </ai!ßrt Verwirrung Kul. 
(gaterön verwirre). — foni Leben Kul. {roh lebeV — porosi 
Befehl Krist. Gr. 17 (porosit, üa,Y., befehlen). — /»art Thorheit 
Jungg (maföri mache verrückt). — paf'aii Hjisslichkeit, eigent- 



326 Meyer. 

lieh Uug-ewaschenheit, Jungg (pa und l'an). — seti Spaziergang 
(setit, slav.) Jungg. — tmdi, Wunder (tsudit, slav.), Neues 
Test. Ath. — Die Plurale dieser Wörter lauten auf -i oder 
-ia aus; seti Spaziergang hat auch setina nach Jungg 23; tsudira 
steht z. B. Act. 2, 19 Ath.; Krist.) tcr. 16. — per§ndi Gottheit, 
Gott, über das man Mi. 2, 32 sehe, hat nach H. perndi und 
perndira; per§ndira steht z. B. Krist. -.tt. 3. 42. 101. 

Von einem ganzen Satze ist mit diesem Suffix ein Nomen 
gebildet in derdüi Osten und hindili Westen Kul. 60. 

Sehr verbreitet ist auch das Suffix g. -ni, t. -vi, das eben- 
falls Abstracta oder Collectiva aus Substantiven und Adjectiven 

bildet. 

Beispiele: bur§ri Tapferkeit Kul. — vaiz<u-i Jugend Kul. — 
ilaz§ri Bruderschaft Kul., vom Pliu-alstamme von vlä. — vla- 
m§ri Verbrüderung Kul. — ves§ri Gehör Kul. — verg§ri hop- 
yo(Tjrq Kul., vgl. it. verga penis, alb. virg§r§ Hengst Kul. 53. — 
pM§n Yspo-jc?-;« Kul. — fja^ri zCkoKo-^ia Kul. — fus§ri Ebene 
^^\ — en§i'i Geräthe Kul. — geg§ri Gegerei Kul. — gre^ri 
rpar/.(a Kul. — Ual^ri Reiterei Kul. — dit^ri Osten Kul. — 
nate^ri Westen Kul. — hore^ri, ftoheri Norden Kul. — sir§ri, 
vap§ri Süden Kul. — tnm§ri Muth Kul. 126; trimni Heldenthaten 
Alf. Konst. 54. — zotnt signore Jungg: zotni Jungg 11; Scut. 
Matth. 6, 24. zotp.rij Alb. B. 13. zot§rm Krist. Matth. 6, 24; 
Kul. 159. zot§rine Krist. Luc. 16, 13 t. — diab^leri Teufelei 
Kul., vgl. it. diavoleria. — regni die Reiche Scut. Matth. 4, 8; 
fe^gri ebenda Frasc. — mbreteri Kömgreich: mhret§ri A^oc. 1\, 
15 Ath.; Alf. Konst. 72. mberet§ri Krist. Matth. 4, 8 t.; mbretri 
ebenda Piana. mbp-et§nia Krist. ebenda g. mbret§rira Krist. 
•CT. 73; Alf. Konst. 73. — yl7(rc^m Hurerei Scut. Matth. 15, 19: 
kurve^rira Rom. 13, 13 Ath. — muskni Jungg, muskeni, t. 
mu§k§ri H. Leber, von mu§k (s. o. S. 273); anders Mi. 2, 43. — 
varf^ri Verwaistsein Kul. — verehrt Blässe Kul. — vobek§ri 
Armuth Kul. — dreite^ri Gerechtigkeit Kul. — paturperi Scham- 
losigkeit Kul. — Wo Plurale zu belegen sind, lauten sie bei 
Kul. auf -i, bei Jungg auf 4 und -ia aus; abweichende Bildun- 
gen sind im vorstehenden angeführt. 

Das Suffix -si scheint auf griechisches -v.t. zurück zu gehen. 

Beispiele: paresi Aristokratie Kul., von pare. erster. — 
prape.si ungeschicktes Wesen Kul. — gahsi Leben Kid. — 



t 

s 



Albanesische Studieu I. 32 i 

mir§sia Wolthaten Kul. \)0. — mar(^si Thorheit Kul. 130. — 
dial§si Kindheit Kul. 132. — griiksi Gefrässigkeit Jungg 11. — 
dzaksi c^yto'. Scut. Matth. 15, 19. — Dem Ölamme gehört das 
-s- an in pugansi Unreinliclikeit Kiil. 56, von pigan§s der Be- 
fleckende. — k§mb§si Fussvolk Kul. 56, von k§mb§s Fussgänger. 

Seltener ist das Abstracta bildende -ti, z. B. bay^ti Be- 
sitz, Lastvieh, Weidevieh: bag§H Kul. 56; bag§tie Act. 10, 12 
Ath. Vielleicht zu bag-, über welches Diefenbach, Got. Wörter- 
buch 1, 343 und Diez, Vgl. Wörterbuch 1, 44 zu vergleichen 
sind. — ngust§t{ Enge Kul. 80. — mao§sti Grösse Kul. 80. — 
^unti Jungg 12, Zur§ti H. Geschenk^ zu cunöii curön aus lt. 
donare. — trekfi commercio Jungg 12, von trek (slav., s. o. 
S. 277) Markt. 

4. Stämme auf — e. 

A. Masculina. Artikel — u. 

a) Lateinisch sind: 

de deu Gott, Kul., lt. deiis: dera Kul. 23. 

Jude Judaeus, Krist. lex. 62: Juden Krist. bx. 63. 

b) Albanesisch ist: 

le-u Erde, bei Kid. bestimmt auch leti, bei H. auch oeja 
Erdreich: lena Jungg 23; Jub. HO; Alf. Konst. 34. cera Krist. 
Gr. 15, bx. 140; Matth. 19, 29 Frasc, Piana; Rada 11. lete.ra 
Kul. 23. Zu zd. zemä asl. zemlja usw. 

B, Feminina. Artikel —ja. 

a) Lateinische und romanische Wörter: 

ve veja, nach H. g. vö, Ro. vöe vöea, bei Kul. auch ove- 
ja, lt. Ovum Mi. 2, 45: ve H.; Doz.; Kul. 18. vö Jub. 38. ove 
Kul. 26. 80. Das lautliche Verhältniss der verschiedenen Formen 
zu der lateinischen ist noch nicht klar. 

ve Witwe, lt. vidua ]\Ii. 2, 71: vä H.; Doz.; Krist. Luc. 
4, 25 t.; ebenda Ath.; Rhd. 7. vaj H. veja Scut. Matth. 23, 
14; Krist. ebenda g., t.; ebenda Piana: Luc. 4, 25 g. vea 
Matth. 23, 14 Frasc. 

fake Gesicht, lt. facies Mi. 2, 24: fake Krist. Matth. 6, 
.16 g., t.; ebenda Frasc, Piana. fatse Jarn. 19. 

koke cT.cpoz, lt. coccum ]\[i. 2, 15: koke Krist. Gr. 16. 



328 Meyer. 

mage Backtrogs it. madia Mi. 2, 37: mage Krist. bx. 49. 

menne Verstand, aus mende, lt. mentem, Mi. 2, 40: m'e 
Jungg 13. 

l^uTe, l'ul'e Blume, lt. llUurn, vgl. mrum. liUdz§ flos Kav.: 
Jule Doz.; Rhd.; Raps. 27; Jungg 107; I'uls Kul. 64. MJ'§ra Doz. 
S. 129. ?t aus / nach l, vgl. Jkivd^ XißaSt, kolube slav. koliha, 
lut Aiio[j-at. 

Ä;me Haar, lt. coina Mi. 2, 16: yl'irue Krist. Gr. 16. 

geltsere Kalk, lt. *calcarea Mi. 2, 8: rfeltsere Jungg 12. 

b) Griechische Wörter: 

abheile Blutegel, ngriech. aßosXXa: aboelle Rhd. Anth. 40. 

kamare Gewölbe, ngriech. -/.aijApa.: kamare Krist. Igt. 8. 

puramioet die Pyramiden, ngriech. xupa.aiBa, Krist. Igt. 41. 

verikoke Apricosen Rhd. Anth. 35, ngriech. ߣpr/.o/.ov. 

poBg Ränder (des Kleides) Matth. 23, 5 Frasc, ngriech. zoBta. 

Stade cTaBia Krist. Luc. 24, 13 g., stahe ebenda t., Ath. 

stei-e Festland, oTspeä: stere Alf. Konst. 71. 

fole Nest, (ptoXsä: /o/e Krist. Alf. 16 t. 

dranofil'e Rose Jungg, ngriech. TptavTa^u aaov : dranofiTe Jungg 
12; drandofile Jub. 66; trentafiTe Raps. 41. Der Sing, trantafil' 
Alb. B. 60, tr§ndafil' ebenda 12. 

vale Tanz, aus it. hallo auf dem Wege durchs Ngriech., 
Mi. 2, 5: vale Rhd. Anth. 24; Krist. Luc. 15, 25 g.,. t. vdl^ra 
ebenda Ath. 

mustake H. Schnurrbart, ngriech. [ji,ouaTä/.a, [j-ouaiay.'. : mustak^ 
sie. Cam. 2, 132. musteke H. ; Jub. 72, 104. mustekezit Raps. 100. 

cj Slavische Wörter: 

matse Katze, Mi. 1, 25: matse Kul. 90. 

nevoje Zwang, serb. nevolja Mi. 1, 27: nevoje Kul. 70. 

d) Türkische Wörter: 

Der Plural ist dem Singular gleich: bahtse Garten, daire 
tamburello, duseme Fussboden, pertse Haar, beze Leinwand u. a. 
Jungg 12. 22. deve Kameel Scut. Matth. 3, 4. Von beze führt 
Jungg 22 auch bezna an. 

e) Alhanesische Wörter: 

he Eid: he Krist. Gr. 17, Matth. 5, 33 g., t.; ebenda 
Piana; Scut.; Jub. 94; Jungg 12; Kul. 18. 



Albanesischc Studien I. 329 

re Wolke: re Krist. Gr. 17; Matth. 24, 30 t.; ebenda 
Pian., Frasc; Doz.; Stier; Kul. 18; Leake 268. rl Scut. Matth. 
24, 30; Krist. ebenda g. rei A Dora d'Istria gli Alb. 56 g. reje 
ebenda 57. ra H.; Doz. (rehee Jub. 35, rehet Jub. 36). 

iige s/xAMpia : nge Kul. 18. 

hie Schatten: hie Kul. 18. Vgl. ai. chäyä, griech. ■r/.'.ä. 

del'e Schaf: dele Krist. Gr. 16; Kul. 128; Rhd. 7; Scut. 
Matth. 7, 15; ebenda Frasc, Piana. den H.; Doz. ogn Doz. 
Wörterb., vgl. Märchen 3, 1; Krist. lax. 25, Matth. 7, 15 t.; 
Rhd. 7. len Matth. 7, 15 g. ogne^ Krist. Igt. 83. Sene« Krist. Ictt. 25. — 
Rhd. Lex. 86: §en<g pl. tcc Trpößa-c« in genere, deTete. Tzpcßa-iva:. — 
c^eZe wohl zu ai. dhä saugen, gi'iech. O/jcOai, lt. feläre, air. c^i'ntt 
Lamm del br,7.r^ delech Milchkuh usw. (Fick 1, 630). Vgl. auch 
kurdisch deil Hündin, ,proprement femelle en gencral, comme 
dans delle gür louve; grec 0-?iX'jq, scr. dhäru' Justi , Koms 
'^\ d'animaux en Kurde pag. 5. 

nuse junge Frau: nuse Doz.; Krist. Gr. 16; Rhd. Anth. 49. 
Vgl. ai. snusä, griech. vuöc, lt. nürus, asl. snücka, ahd. snur. 
Alb. nuse = * nusjä. 

re Schwiegertochter (die neue?): ra Doz.; Rhd. 7. 

heroe Hode: herle Rhd. Lex. 98; Alb. B. 10. h- ist un- 
organisch, wie oft. Vgl. zd. erezi-, griech. sp/'.; Hode. 

vese Niere : vese Doz. Auch magy. vese Niere. 

(je^e Zweig: gej^e Doz. Lied. 93. 

hdro^je Eidechse: hdrci^je Krist. Alf. t. 16 (g. harzntsa). 

dalanduse Kul., talanduse Rhd. Anth. 44, d^lenduse Alb. 
B. 58, delanduie t. H.;, dalanduse g. H., dalnus Jungg 10, de- 
lendus -a Blanchus, UeT^ndruse Krist. Alf. 18 Schwalbe: dalan- 
duse Kul. 64. Die letzte, durch Krist. bekannt gewordene Form 
könnte die Annahme einer Ableitung aus griech. y.yXxjcpx^ it. 
calandra u. s. w. Haubenlerche wahrscheinlich machen. 

Hieher gehören endlich die zahlreichen Femininbildungcu 
auf -e von consonantisch auslautenden männlichen Stämmen, 
welche die Annahme der Entstehung von -e aus -ja besonders 
nahe legen, z. B. kopil'e Mädchen, mike Freundin, soke Gefährtin 
{sotse Scut. Matth. 18, 25), sortatare Wahrsagerin, Lecco 10, 
binoke weiblicher Zwilling, «Tungg 12, gomare Eselin, fsatare 
Dörflerin, punetore ciXspY^?, gnse ~po\}:f-Mg Krist. (ir. Ui, tsape 



330 ' Meyer. 

Ziege, Alb. B. 165, serhetore Dienerin, Krist. Luc. 12, 45 t., 
g". u. s. w. Der Plural geht ebenfalls auf -e aus. 

5. Stämme auf -g. Feminina. Das -§ vertritt idg. -ä, 
das sich zunächst zu -a verkürzt hat, oder lt., griech., slav. -a 
in Lehnwörtern. In der best. Form des Nom. Sing, tritt der 
Artikel -a an, vor welchem -e schwindet. Gegische Mundarten 
haben das -g in der unbest. Form abfallen lassen. Die regel- 
mässige Pluralbildung dieser Feminina ist auf -a, vor welchem 
das e ebenfalls schwindet. Daneben kommen ziemlich häufig 
Plurale auf -§, also gleichlautend mit dem Singular vor, seltener 
andere (-e, -ra u. s. w.) Ich verzichte auf eine Vorführung der 
regelmässigen Bildungen auf -a und werde mich in dem nach- 
folgenden Verzeichnisse, das zugleich eine Beispielsammlung 
von Kominen auf -g sein soll, auf die Anführung von davon 
abweichenden Formen beschränken. 

Wörter auf -k§. 

a) Lateinische und romanische. 

ark§ Kiste, lt. arca Mi. 2, 3. — hi-ek^ Hose, lt. braca Mi. 
2, 7 : h-eke Doz. ; Alb. B. 14. — huk§ Brod, lt. bucca Mi. 2, 7 : 
buk§ Krist. Gr. 16. — pask§ Ostern: pasqua Mi. 2, 47. — j}ik§ 
Tropfen, it. picea Mi. 2, 49. — pietsk§ Pfii-sich, it. pesca Mi. 2, 
49. — fl'ok§ ©Awy.o;, lt. ßoccus Mi. 2, 27. — furk§ Heugabel, 
Spinm-ocken, lt. furca Mi. 2, 28. — esk§ Zunder, it. esca Mi. 2, 
23 (zu isk§r§ Funken Alb. B. 22 vgl. bulg. iskri Funken, 
Cankof23). — 6iÄ;g Messer, lt. sica: Uk§ Rhd. Anth. 36; Stier. 
— guk§ Urtheil, von (jiikon usw. aus lt. judicare gebildet: guk§ra 
Apoc. 15, 4 Ath. — kok§ Schädel, vgl. it. coccia Schuchardt 249: 
kok§ra Apoc. 18, 19 Ath. — flhk§ Flamme, vgl. rum. ßdk§7'§ 
aus lt. facula durch flacula, it. fiacciola, Mi. Beiträge zur rum. 
Lautl. 3, 8. — fTuturake Schmetterling, zu lt. ßuctuare, Mi. 2, 
27. — purtek§ Ruthe, lt. pertica. — 

b) Griechische : 

vark§ ßapy.x, aus lt. barca (direct zu letzterem alb. bärk, 
Plural, Jub. 39). — plak§ -\i7.y. Kul. 39. — frik§ und f§fk§ 
opUr, Kul. 40. — futsk§ oüs/.yj Kul. 40. — kafk§, aus y.xj/.a/xv, 
vgl. pet§ aus T£TaXov, — 



Albanesische Stadien I. obl 

c) SlavlscJit : 

pratsk§ Beute, serb. pljacka Mi. 1, 29, bei Krist. \z-. 20 
pJats^ka Plural. — plot^k^ Schale, Kul. 40, vgl. serb. ploca 
Platte, Mi. 1, 29. — piisk§, putsk§ Flinte, Pistole, serb. puska 
Mi. 1, 31: ^nisk Jung-g 12, Jarn. 3. — mutsk§ Maulthier, Kul. 
116, serb. maska Mauleselin, Mi. 1, 26. — tsitske. weibliche 
Brust, bulg. cica, Mi. 1, 33, Plural tsitska Doz. Lied. 116. — 
kotsk§ Knochen, Kul. 41, von serb. kost Knochen. — sapk§ 
Mütze, Kul. 76, russ. sapka, magy. sapka. Mi. — Slavische De- 
minutivendung hat giirits§ka Steinchen, Alb. B. 38. 

d) Türkisch ist: 

balask§ Patrontasche, ngriech. zaAäay.a Kul. b-L 

ej Albanesische: 

hreske, hretsk§ Schildkröte, vgl. rum. broask§ Frosch, Kröte, 
Schildkröte, mit. bruscus Frosch, Schuchardt 253. — plak^ 
Greisin, von pluk. — H^'U^^j grik§ Schlund, Meerbusen (Krist. 
bx. 63). — arusk§ Bärin, zu ari. — dvek§ und dark§ Mahlzeit. 

— petk§ Kleidung (Plural pektas Jarn. 21). Ist das, wie es 
scheint, isolierte (Diefenbach, Got. Wörterb. 1, 335; griech. 
ßot'Tr, scheint ein Lehnwort zu sein) goth. paida Leibrock, /i'wv, 
finn. petita leinenes Hemde zu vergleichen? — spnetk§ Milz, 
Jungg. — nep§rk§ Natter (nach ]\Ii. 2, 71 aus lt. vipera). 

Wörter auf -fjp und -g^. 

a) Lateinische und romanische: 

pag§ Lohn, it. jyaga Mi. — p^(tg§ Schlag, lt. plaga ]\Ii. : 
pVag^ Krist. Luc. 10, 34 t., g. — fugq Flucht, Kul. 40, lt. fuga. 

— k§ng§ Lied, lt. canticum Mi.: kehg§ra Doz. — kuhge '.epöv, 
zu communicare Mi. — l'ig§ Gesetz, Kul. 90, lt. legem Mi. — 
stmg^, lt. striga Mi. — rüge Strasse, lt. ruga Ali.: rüg§ra Act. 
5, 15 Ath. rüg Jungg 12. — luge Löffel, aus lt. Ungula ]\[i. 
R. U. 2, 22: luge Jungg 12; Rhd. Anth. 36. 

grig§ Herde, lt. gregem Mi., Krist. ''.<n. 25: grigera Krist. 
'.ST. 55. 

b) Albanesische: 

minniange . mirmahg^, merimag§ Krist. Alf. 23 Spinne, 
(mrum. merimage Kav.) aus ngriech. |xupp.Y5YV'. Ameise? — deg^ 
Zweig: deg^ Matth. 13, 32 Frasc, Plan. -^ seg^, Granatapfel : 
seg§ Krist. Igt. 66. — muldg§ Malve, Jungg 11. 



* 



332 Meyer. 

c) Griechisch ist bf§ng§ ßpo^/JT-f;? Kul. 28. 

Wörter auf -he. 

gTuh^, ghfhe Kul., gith Juugg Zunge: guh Jungg 12. gt(h§ 
Alf. Konst. 24. guh§ra ebenda-, Doz.; Krist. Gr. 17; Act. 2, 3 
Ath. Das Verhältniss zu griech. y^waca ist unklar. 

koh§ Zeitraum: koh§ H.; Doz.; koh Jungg 12. koh§na Krist. 
Act. 14, 17 g; kohera H.; Doz.; Krist. Luc. 21, 24 t. 

Wörter auf -je. 

uj§ Wasser: tij§na g. Krist. Gr. 8. üj§ra t. ebenda; Kul. 
110; Rhd. 14; Doz.; Stier. 

maj§ Gipfel Doz.; Krist. Igt. 9, für maT^, von mal Berg. — 

Lateinisch ist vije ligne, raie, sillon Doz., lt. via, s. o. vi, 
und miJQ tausend, für mil'§ ans milia Mi.: mt/ßna Krist. Act. 21, 
20 g. mijera ebenda Ath.; Alf. Konst. 114 u. öfter. 

Eine Ableitung von mors ist murtaj§ \oi[).6q : murtaja Krist. 
Luc. 21, 11 t; murtdj§ra ebenda Ath. 

Wörter auf -te. 

a) Lateinische und romanische: 

hüte, it. hotte, Mi. — porte. Thor, lt. iwrta Mi. : pört§ra Act. 
14, 13 Ath. — falte Fehltritt Kul. 40, zu it. fallire. — fest§ 
Fest, lt. festum Mi. — ßete Blatt, it. foglietta: fl'et§ Doz.; Krist. 
IGT. 60; Alf. Konst. 23. fl'et Jungg 12; Jub. 44. fUte.ra Doz.; 
Krist. [CT. 42. calabrisch fjeta Matth. 24, 32 Frasc. ; Cam. 2, 
112. — karte, Papier, lt. carta Mi.: karte Rhd. Anth. 46. kdr- 
t§ra Doz. ; Alf. Konst. 23. — kre§t§ Mähne, lt. crista Mi. — s2Kit§ 
Schwert, lt. spata Mi. — üift§, I'vfte Krieg, lt. lucta Mi.: l'ufi 
Scut. Matth. 24, 6. lufte^na Krist. ebenda g. lufte^ra Krist. 
ebenda t.; Doz.; Alb. B. 18. — jete Zeit, Leben, lt. aetas, 
Schuchardt 248. — fate, Schicksal, lt. fatum Mi., Kul. 66. — 
k^nate, Gefäss, mit. cannata Mi. — urat§ Segen, lt. * anguratum. 
— salt§ Sprung, Kul. 122, lt. saltus. — sport^. Korb, lt. sporta 
Mi.: sport Scut. Matth. 15, 37. — trumpet Trommel, Jungg 11, 
it. trombetta. — rete, riete, Netz, lt. rete Mi.: retet Scut. Matth. 

4, 20 (Krist. g. feto, t. rieta). fite, ebenda Frasc, Plan, ist sie. 
riti. _ fot§ Rad, lt. rota Mi. — sijete Alb. B. 36, seget^, Krist. 
Igt. 92 Pfeil, lt. sagitta Mi. — fusate Heer, mit. fossatum, 
mgriech. aiouaaTOv, — fust§ (pouGTocvi Kul. 40, aus fustagno (s. o. 

5. 304) gebildet, auch rum. fust§. 



Albanesische Studien I. 333 

h) Griechisch ist: 

-pet^ Hufeisen, von r.iza\o^i gebildet, Kul. 39, Krist. ist. 42, 
vgl. 0. kafk§ aus y.a67.aXov. — ■piii^ Torte begegnet im. ngriech. 
TCY-Ta TziT«, serb. pita, rum, pit^, türk. pita, sein Ursprung ist 
unsicher, vgl. Cihac 2, 686. 

cj Slavische: 

Site Sieb, serb. bulg. sito Mi. — ^osfa osTTrva Scut. Mattli. 
23, 6, vgl. bulg. (fosfi u. s. \v. Mi. — Ueta Familien, serb. ceta 
Mi. — fgosta Matten, Jungg 105, gehört zu serb. rogoz. 

d) Albanesische: 

haTt§ Schlamm, vgl. Diefenbach, Völkerkunde Osteuropa's 
1, 251. — hJ'ete^ Biene, für hiet§, vgl. lit. hitis, Fem. hite, lett. 
hite Biene. — böte Erde, Erdhaufen: böt§ra Alf. Konst. 85. — 
viest§ Herbst. — pat§ Ente Kul., Gans Jungg 1 1 , Doz. : pat^ 
Doz. Vgl. asl. [mtka Ente, span. pato pata Gans u. s. \\. Bietet 
\, 489. — fiitii -oS'.a, Saum Kul. 40; /li^g Schürze, vgl. mrum. 
fute, ngriech. ocuTac. Diefenbach 1, 73. — kaste^ Stroh. — ente^ 
Donnerstag. — pr§mt§ Freitag. — ndrit§ Licht. — bariit^ Kul. 54 
Grasplatz, von bar. — dlt§ Tag, Osten: c?i7^ Scut. Matth. 11, 12. 
dite ebenda 9, 15. dit ebenda 3, 1 ; Krist. g., t.; Frasc: Jungg 25; 
Jub. 39. — nate^ Nacht, Westen: nat^ Matth. 4, 2 Bian. nat 
ebenda Frasc. net^ Doz. net Scut. Matth. 4, 2; Krist. g., t. 
ebenda; Doz.; Jungg 13; Rhd. 7, Lex. 110 (nät). nete Doz. 
Lex. Zu ai. ndkfl- u. s. w. — let§ra die Zehner Alf. Konst. 107 
neben oeia dasselbe, 113. 

IVIit Suffix -t§ werden Stoftadjectiva männlichen und weib- 
lichen Geschlechtes gebildet, z. B. immbakte baumwollen Kul., 
ramt^ kupfern Krist. '.ct. 60, s§lfrt§ salzig Krist. tcT. 17, aryanWj 
silbern g. Krist. Act. 19, 24, ar<je,ntt§ dasselbe t. Krist. hx. 60, 
dkult^ eisig Alb. B. 59, sekerte zuckern Doz. 131, diltq- wächsern, 
gurt(} steinern, hekurfe eisern, l'eknr^ ledern, Ti(n)te leinen, mer- 
mert§ marmorn, miste fleischern, zewfjrte. qui a du coeur, alle bei 
Doz.; k§)pt^ Xtviv Kul. 41, von kt^rj) cannabis. Von einem Blural 
florintti d'or Doz. So scheint auch mia/'te Honig (Art. -te., bei 
Rossi Gr. 341 miaTt-i) von lt. mel gebildet. 

Wörter auf -d§. 

a) Lateinische und romanische: 

band§ Seite, Reihe H., i^-spo; Kul. , it. banda Ali. — pende 
Flügel, lt. penna Mi.: pend§ Doz.; Kul. 104. pendera Kul. 86. 



334 Meyer. 

Dazu spendf^f Vögel, Krist. Matth. 6, 26 g. — tPAid§ Zelt, it. tenda 
Mi.: tendi} Matth. 17, 4 Pian. — Hndat Unterhosen Rossi Gr. 329 
zu linum. — T^nd§ Eichel, lt. glandem Mi. — talanda Talente 
(Geldsumme), lt. talentum, Krist. lax. 105. — 

b) Slavisch ist : 

gozd§ Nagel, Kul. gozd§, serb. gvozdac Schnalle, bulg. gvoz- 
daj Nagel, Mi. — 

c) Türkisch ist : 

od§, hod§ Zimmer, Schlafzimmer, türk. oda. 

d) Alhanesische : 

hund§, g. hün Nase: Mn Jungg 12. — fod^ Spiel: Tod^ra 
Doz. Zu lt. ludere? — parmend§ Pflug, bei Rossi Gr. 331 
parmen-i. 

Wörter auf -Sg. 

aj Lateinische und romanische: 

feo§ Treue, Kul. 40, it. fede. — hestarl§ Bastard Kul. 54, 
it. hasfardo. — moneo§ Münze, Kul. 60, lt. moneta Mi., ngr. 
[i.ov£oa. — varo§ Wache Kul. 39, altvenet. varda für guardia 
Boerio 778; daraus auch bulg. varda W&che. — vio§ Schraube, 
Tk'.z Kul. 39, venet. vida = vite Schraube Boerio 793 ; davon 
auch serb. vidica Schraube am Fiedelbogen. 

h) Griechische: 

ngic§ cc;7.<.la. Kul. 142. — aral§ Reihe, apaoa, Radä 15. 
Das griech. Wort selbst stammt aus alb. rasg Reihe nach Mi., 
Slav. Elemente im Ngriech. S. 10. — patrioe r.x-piooc Alf. 
Konst. 67 u. ö. — 

cj Alhanesische : 

koroQ Säbel: koro§ Rhd. Lex. 95. Ein weitverbreitetes 
Wort (vgl. Mi.; Fremdw. in den slav. Sprachen 100. W. To- 
maschek, Zeitschr. für österr. Gymn. 1875, S. 536 f. Schrader, 
Sprachvergleichung und Urgeschichte 313), das im Eränischen 
heimisch zu sein scheint. — uo§ Weg: uc§ Krist. Gr. 16. üc§ra 
Doz.; Alf. Konst. 31. Die g. Form uk (bei H. und in Borgo 
Erizzo) macht Verwandtschaft mit asl. idica Strasse wahr- 
scheinlich. Griech. co6; ist jedenfalls nicht zu vergleichen wahr- 
scheinlich aber rj/.r, Hof. — tsero§ Nest Scut. Matth. 8, 20; 
Krist. g. ebenda, zgece Joch. — voc§ coupßa, Art Mispel. — 



t 



Albanesische Studien 1. 335 

Wörter auf -%§. 

baB§ Bohne. — bu^§ der Hintere, iselpön Knl. — eög Fieber 
(aus griech. a!6c;?): edetp Alb. B. 63. — mO Schafstall Jungg23: 
vab, vaQna. — flutur^§ farfaletta, sie. Cam. 2, 192, zu fhduron 
aus lt. fluctuare. 

Wörter auf -s§. 

a) Lateinische und romanische: 

piesf} Theil, it. pezzo, frz. piece Mi. : 2nes Jung-g 12. 

b) Griechische : 

pis§ Pech, griech. rJ.azci. — klos§ Gluckhenne, gi-iech. -/jMzay.. 

c) Slavische: 

v§rs§ Lebensalter, asl. vrüsfa aetas Mi. — kos§ Zopf, serb. 
kosa Mi. — kos§ Sichel, serb. kosa Mi. — sis§, tsits§ weibliche 
Brust, serb. sisa bulg. dcz Mi.: si.s§t Alb. B. 35; Luc. 11, 27 
Ath. — kojisa Knöpfe, Doz. Lied. S. 96, serb. kopca Heftel Mi. 

d) Albanesische : 

bes§ Treue. — ves§ Reif. — ros§ Gans (daraus ngriech. 
pojcco; otis tetrax, Bikelas, Faune grecque 15), vgl. rum. rat§, 
serb. raca Ente. — spes§ animal savivage Doz., Vogel Kul., auch 
spes-i Krist., Doz. : sjyes^ Krist. Matth. 6, 26 g. ; Luc. 8, 5 t. ; 
Spes§ra Doz. — diers§ Schweiss (vgl. griech. opöaoc?). — drase 
asse Jungg, Steinplatte Doz.. drasat Tische Jungg 104. — fasQ 
Steinplatte. — v^.sat le sorbole Jub. 36. — mdtes§ Mass Krist., 
inas§ Jub. 45; Scut. Matth. 13, 33; Krist. ebenda g. ; menzQ 
ebenda Frasc, von onat messe, lt. met-ior. — p§kis§ Ziegelstein, 
von piek, later coctilis, Krist. hi. 49. — breU^kosa Frösche Krist. 
IffT. 49, vgl. br§t§k Kul. dasselbe. — pas§ Reichthum, vgl. p>a- 
sur(^ gehabt. — ^^/as^ Spalte, von p/'as ich berste. — pres§ Hieb, 
Schnitt, von pres ich schneide. — fl'asi^ Rede, von f las ich rede. — 
fses§ Besen, \onfsin. — Abstracta auf -esp: volnesij Willen, Plural 
vulnes Jungg 12. p§rtese Faulheit, g. spenes§ Jub. 68, ijmes Alf. 
Konst. 57, t. sp§res§ Hoffnung, die letztere Form auch g. bei 
Krist. Alf. g. 23. nines Fasten Jungg 12 (s. Mi. s. v. jejiums). 
martes Ehe Jungg 12. fejes sponsali Jungg 12. nnies Nach- 
sicht, von ndien verzeihe, .strp'iges^ OXT^t; Krist. Gr. 16. vibiiJes§ 
Deckel Krist. '.ct. 60. Anders ist f§mbes^ Räuberin Kul. 94, 
das Femininum zu remb<^s-i Räuber. 



336 Meyer. 

Wörter auf -fs§. 

a) Lateinische und romanische: 

bots§ Krug, venet. bozza —. hoccia Mi. — forts§ Stärke, it. 
forza Mi. — hunatse Windstille, it. honaccia Mi. — fortetse^ 
Standhaftigkeit, Kul. 66, \i. fortezza. — bekats§ Schnepfe Kul. 84, 
it. beccaccia. — Iuts§ Schlamm, lt. lutum Mi. : Rits§ra Doz. — 

b) Griechische: 

vuts^ Fass, ngriech. ßouTcI. — vurts§ Bürste, ngriech. 
ßsjp~a. Beide Wörter sind romanischen Ursprungs. 

c) Slavische: 

mits§ Katze Mi. 1, 25. — 

d) Türkische : 

k§puts§ Schuli, Plural kejnits Scut. Matth. 3, 11, k§iyuts§ 
Krist. g. t., Pian. ebenda. Wohl identisch mit serb. usw. papuca 
Pantoffel, aus türkisch, päpüts Mi. Fremdwörter in den slav. 
Sprachen 116. 

e) Älbanesische : 

bats§ pd'KiaiJ.a Kul. 38. - — palts§ Mark. — drontsat Bissen 
Scut. Matth. 15, 27. — ()ots§ junges Mädchen Doz. 

Wörter auf -s^. 

a) Lateinische und romanische: 

kaf§§ Ding, Sache, lt. causa Mi.: kafs§ Kul. 110. — kofs§ 
Hüfte, lt. coxa Mi. — kris§, liise Kirche, lt. ecclesia Mi.: kis^ Act. 
9, 31 Ath. kis Jarn. 6 Jub. 82. kis§ra Doz.; Krist. Alf. t. 24; 
Act. 19, 24 Ath. — kemist} Hemd, it. camicia Mi.: k§mis§ 
Rhd. Anth. 23. kemis§ra Act. 9, 39 Anth. — mes§ Messe, lt. 
müsa Mi.: mesra Dan. bei Mi. 2, 42. 

Romanischen Ursprungs (Diez Gr. 2, 370) ist das Feminina 
aus männlichen Stämmen bildende Suffix -es§, z. B. prift§re§§ 
Priesterin Krist. Arber(;s§ Albanesin Krist. buj§res§ vornehme 
Frau Act. 17, 12 Ath. bajores§ Hirtin Ro. tsobane§§ Hirtin 
Ro., selbst rsdzines§ Königin Ro. virdzines§ Jungfrau Scut. 
Matth. 25, 1, virgines§ Krist. g., v§ry§res§ Krist. t. ebenda. 

b) Älbanesische: 

bis^ Thier. — vus§ Wurm. — p{s§ Fichte, Kienfackel. — 
fuSe Ebene. — do5§ Sau. — vas§ Mädchen Krist. Gr. 16. — 
grüs fagiuolo Jungg 12; vgl. asl. grachü Bohne? — las cresta 
Jungg 12. 



Albanesische Studien I. 337 

Wörter auf -fs§. 

Slavisch ist: pogat5§ ungesäuertes Brot, serb. pogaca Mi. 

Wörter auf -z§. 

Die Hauptmasse der Wörter auf -z§ wii'd von den mit 
diesem Suffix gebildeten Deminutiven ausgemacht. Sie werden 
meist von Femininen, selten von Masculinen abgeleitet, -z^ tritt 
an die unbestimmte Form auf -§. Die Plurale werden gebildet, 
indem -z§ entweder selbst flectirt Avird und sich in -za ver- 
wandelt, oder indem -z§ an die Pluralform auf -a antritt; eine 
Erscheinung, die oben auch bei den männlichen Deminutiven 
auf -6 beobachtet wurde. Daneben sind, besonders im italienischen 
Albanesisch, Plurale auf -zif§ (-azit oder -p.zit) im Gebrauche. 
Auch kann der Plural, wie sonst bei den Wörtern auf -g, dem 
Singular gleich sein. 

1. Deminutiva von Femininen auf -^. 

dn^z§ T£[;,aytov Kul.; Rhd. Lex. 82. — dr§z§ yjopao'.ov Kul. — 
df§z§ Nüsschen Kul. — drk§z§ Kästchen Kav. 866. — g. dn§z§, 
t. dr§z§ H., df§z^ Doz., ar§z Rada Wespe. — heh§z§ Pupille 
Kul. (von hebq kleines Kind). — • heit§ze 7:c<.r,[j.y.-:o^f Kul. (von 
heit§ Kid., neben heit-i). — hl'et^ze, Biene, Kul. — hukr§z§ 
Wiesel Kul. — breShjze ytXwn^ yo'.pdc, (Skropheln) Rhd. Lex. 
46, Kul. — hez§z§ Schleuder Rhd. Lex. 41. — cUcj^ze. Zweig 
Kul. — dör§z§ Hand, Handvoll Kul.: Rhd. Lex. 56. dorz Aermel, 
Handschuh Ro. Gr. 329. - dite^ze Tag Kul. — drefi§z§ Winde 
(Pflanze) Rhd. Lex. 92. 105. — dös^ze Sau Rhd. Lex. 105. 

— pid§r§z Traum Raps. 61. — gr§ser§z§ Schere Rhd. Anth. 44. 

— (/gZpeVgzg Nadel Rhd. Anth. 44. — h§7}§z§ <s^-(^{apT/,'., Mond, Kul. 
Rhd. Anth. 25. — her§z^ Zeit Kul. — keng§z§ Liedchen Kul. — 
kamdr§z§ ein Spiel Rhd. Lex. 69. — kamileze ein Spiel Rhd. 
Lex. 69. — kapiits^ze Rhd. Lex. 72. — kdr§ze Rhd. Lex. 73. 

— köm§z§ Rhd. Lex. 74. — kökk§z§ Rhd. Lex. 96. — ksiU§z§ 
Rhd. Anth. 23. — hlk^' Blume Kul. 142. — midlts§z§ Biene 
Rhd. Lex. 37. — miekr^z§ Kinn Rhd. Lex. 37. — vem^z^ Fluch 
Kul. 114. — nin§z§ Pupille Rhd. Lex. 34. — pd(l<^z(^ |j.!G6äp'.ovKul. — 
pletsk§ZQ pooay.'.väy.'. Kul. — pUmh^z^ Spanne Kul. — pemqz§ Fnicht 
Kul. — pend§z§ TuispÜYiov Kul. — puT§z§ kleine Henne Kul. — ■pi- 
p^zg -/.apaij-ojv-:?« Kul. — pik§z§ Leiden Kul. 68. — pudrgz§,p§ldr§z§ 

Sitznngsber. d. phil.-hist. Cl. CIY. Bd. I. Hft. 22 



338 Moyer. 

fable Rhd. Lex. 50. fpyrdl^z^ s7ui|j.ijBtov Kul. 68. — pti'mh§z§ 
ein Spiel Rlid. Lex. 51 (von 2)§lumbe Taube). — rez§ze Wolke 
Kul. (von re, also doppelt verkleinert). — Skdl§z§ Wagschale 
Kul. 90. — strigez§ Rhd. Lex. 30 = strig§. — söf§z§ Rhd. 
Lex. 87. — spdt§z§ Rhd. Lex. 87. — shirt§z§ Wachtel Krist. 
bir. 65. — tsop§z§ Stückchen Kul. — triMmh§z<^ Dreifuss Kul. — 
tsep(^z§ Hülle Kul. — tumbdl§z(^ Wippe Rhd. Lex. 59. — tüt§z§ 
Cigarrenspitze Rhd. Lex. 59. — urdt§ze Rhd. Lex. 82. — ii^z 
stradella Ro. Gr. 331. — ra{z§z§ -Aopaaic, Kul. — vdp§z§ xoucpo- 
ßpaaiq Kul. — vdrkez§ ßap/,ouAa Kul. — vdtr§z§ TzapaoMv.iaa Kul. — 
virßirz§ sie. Cam. 2, 180 Jungfrau. — Eine Deminutivbildung 
ist auch usüiz Blutegel, Jungg 11, entstellt aus s§sunez§ bei 
Blanchus, vgl. mhin§ H., alles Entstellungen aus lt. sanguisuga. 

2. Deminutiva von anderen Femininen. 

nüs§z§ Wiesel, von nuse junge Frau. — fdJc§z§ Kul., von 
falle, fallezit Raps. 21. — rez§ Wölkchen, in dem oben an- 
geführten Tez§ze. Kul. — driz§ Dornstrauch^, Krist., Rhd., Kul., 
von dru Holz. — miz§ Fliege, von wSia. — viz§ Streifen Rhd. 
Lex. 14, von vi. — st§piz<j Rhd. Anth. 9, Häuschen, von St§pi. — 
sih§rost{z§ Dreifuss, Rhd. Anth. 26. 44, von cio-qpocziä. — kusiz§ 
Rhd. Anth. 44, von ä;msz Kessel. — hez§ Schatten Raps. 19, von hie. 

3. Deminutiva von Masculinen. 

Uelz-a Ro. Gr. 328, tselz Jungg 10 Gaumen, von Uiel Himmel, 
vgl. griech. ohpct.yKav.oq. — keng§z§ Lämmchen Raps. 42. — vofzat 
i cimiteri Ro. Gr. 325; vorzs Scut. Matth. 8, 28, von vor Grab. — 
dielz garzoni Jub. 64. — 

4. -z§ ist an Pluralformen getreten: 

vdsaz§ Mädchen Kul. 48. 136. — difazrj Tage Kul. 163. — 
airBaz§ Zeilen Kul. 142. — pünazi^ Arbeiten Kul. 142. — kokaz^. 
Plural zu kdk§z§ Rhd. Lex. 96. — draze Rhd. Anth. 6. — 
büzaz§ Rhd. Anth. 6. — paraz§ Rhd. Anth. 6. — röbaz§ Rhd. 
Anth. 19. — fdraz§ Rhd. Anth. 43. — araz Wespen Raps. 16, 
von dr^z^ s. o. — germaz§ Ypa[x|j.aTO, von g§rm.§ Ypa[jL[j.a, Kul. 51. — 
skrönaz§ kleine Buchstaben Alf. Konst. 22 (neben skron§za). — 
vivlaz§ kleine Bücher Alf. Konst. 23. — fildtazp kleine Bogen 
Alf. Konst. 23. 

An andern weiblichen Pluralen erscheint -z§ in fl'et§raz§ 
kleine Blätter, kdrt§raz§ kleine Briefe Alf. Konst. 23. Dabei 



Albanesische Studien I. 339 

ist auch das Suffix mit dem Pluralzeichen versehen in düarzaf 
Garben Krist. Psalm 126, 6 t., während in der gegischen Ueber- 
setzimg der Stelle das regelmässigere dor§zat steht. 

Von Masculinen: knmbaz§ vermicelli, Nudeln Rhd. Lex. 
78. — zogazt^ Vöglein Kul. 26. — num§raz^ kleine Zahlen Alf. 
Konst. 107. 

5. Plurale auf -§zii. 

a) Von Femininen: 

büz§zit§ Rhd. Anth. 9. — lörezit Arme Raps. 20 (lan§, l§r§ 
H.). — fdU^zit Raps. 21 (faUezit) Gresichter. — pend^zit Raps. 29 
Flügel. — kemh^zit Füsse Raps. 49. — huk§zit Brote Raps. 57. — 
skdl§zit Treppen Raps. 73. — g§r§§rzit le forbici Raps. 81. — 
drm§zit die Waften Raps. 86. Vigo 698. — pudr^zit§ Erzählun- 
gen, griech.-alb. Cam. 2, 88. — i^§Umb§zit Arme Vigo 700. — 
dreJc§zit weibliche Daemonen Raps. 20. — amdy§zit Schlachten 
sie. Cam. 2, 132, Vigo 697, von amayj aus ij.oc/;/;, oft Raps. 

h) Von Mascidinen: 

mdl'ezit die Berge Raps. 37; Cam. 2, 132 sie. — kUts§zit 
die Schlüssel Raps. 39. — sindv.k§zit die Kästen Raps. 40, von 
gi'iech. !;£VTCüy,i aus türk. sanduk. — zakön§zit i costumi Raps. 58; 
Alb. B. 70tosk. — krdhezit die Arme, Flügel Raps. 60. 77. — 
JcelJc§zit die Becher Raps. 60; sie. Cam. 2, 132. — sökfzit die 
Genossen Raps. 73; Vigo 698. — ük6l'§zit ufliciali Raps. 76. 
86. — potser§zif§ die Becher sie. Cam. 2, 132. — messalzit 
tovagliette Vigo 699. — kusdr§zit Räuber Vigo 699. — Juftör§zit 
Kämpfer, Vigo 699. — dröm§zit die Wege Vigo 702. — kel§zit§ 
Gaumen Rhd. Lex. 72, unbestimmt keles. — enyel(§)zit§ Engel 
sie. Cam. 2, 184. — §kend§zit von ^k§7if tunica, velamen, Stier. — 

Hieher gehören auch die Plurale ner§zit die Männer von 
i'ier^ kdl^zit die Aehren von kal, iT^zit die Sterne von :il; da- 
neben die unbestimmten Formen neri^s iVi^s (kcd§za). Vgl. auch 
grer§s, grer§zit§ (bei Rhd. grerazif§) Rhd. Lex. 66 zu greO, von 
St. grer- oder gren-, und kiriB§s-ezif§ von kiiib-oi Rhd. Lex. 72, 
eine zoologische Bezeichnung. Ebenso zes, best. zezit§ Doz. von 
zi, fem. zez§ schwarz. 

6. Plurale auf -azit. 

mizazif Fliegen Stier (mizasit!). — nddltsazit^ Bienen Rhd. 
Lex. 37. — r^mhazit Strahlen Raps. 19. — zdrazii le streghe 



340 Meyer. 

Raps. 20. — fietazit die Blätter Raps. 21. — fusazit le eam- 
pagne Raps. 34; sie. Cam. 2, 132; Vigo 702. — hdroazit le 
bianclierie Raps. 42. — vdsazit die Mädchen Raps. 72. — mo- 
trazit§ Schwestern Vigo 702. 

7. -zit ist an andere Pluralformen getreten. 

a) an loeihliche: 

splzit die Häuser Raps. 30. — stolizit die Kleider, von 
(7zo\-q, Raps. 87. — düarzit die Hände Raps. 49 ; Cam. 2y 159. — 
musteUezit i mustacchi Raps. 100, von mustaJce, Plural musfeJce. 

h) an männliche: 

sizit§ Augen Rhd. Anth. 6. 25 ; Raps. 32 ; N. Chetta bei 
Dora d' Istria, Gli scrittori albanesi, S. 28. — p§Pen^zit le con- 
valli Raps. 74 ; p§f6n§zit§ sie. Cam. 2, 132 ; 'pufen^zit Vigo 697, 
von p§rua-oL — druzit le legna sie. Cam. 2, 136. — pjeJcizit die 
Greise, Dorsa bei Stier 47, von j)l(^^} pjak. 

Andere Wörter auf -z§. 

a) Lateinische und romanische: 

rez§ Strahl, lt. radius Mi.; der Plural reze Jarn. 6 vom 
Singular reze. — r^^g, f§z§ racine Doz., aus it. radica Mi. — 
halandze Wage Kul. 54, it. hilancia, venet. halanza. 

b) Griechische : 

truvez§ Krist. Matth. 21, 12 g., t. ; tnez§ ebenda Pian., 
tries§ ebenda Frasc. ; Stier; aus griech. Tpa-e'^a, vgl. serb. 
trpeza. — veTendz§ Wolldecke, ßeXev-^a Kul. 54, vgl. serb. 
velenca, rum. velint,§. Mi. P^remdw. in den slav. Sprachen 135, 
Cihac 2, 452. 

c) Türkische: 

hoz§ Getränk aus Erbsenmehl. — end§z§ T^rjX'JC. — Imäz 
Diamant, Jungg 11, türk. elmas. 

d) Albanesische : 

huz§ Lippe, vgl. Cihac 1, 31. — vaiz§, g. varz§ J^ngg 13, 
Jarn. 3, Dem. vds§z<i Mädchen. Die etymologische Behand- 
lung durch Cihac in Boehmers Romanischen Studien, IV, 449 
ist verfehlt. — yiz^ Käse. — ^§l§z§, f^l§7idz§ Alb. B. 66 Reb- 
huhn. — t§rkuz§ Seil, Plural ebenso, Stier. — unaz§, g. undz 
Jungg 11, Ring. 



N 



Albanesisehe Studien I. o41 

Wörter auf -p§. 

a) Lateinische und romanische: 

pap§ •KOi'Kaq, lt. papa : pap§t Lecce 7. — pip§ «^üp'.Y^ Kul. 39, 
it. pipa. — vape Hitze, vamp§ dasselbe, it. vampa Mi. — kap§ 
'm%a Kul. 41, it. cappa. — kup§ Becher, lt. cupa Mi. — ]cep§ 
Zwiebel, lt. caepa Mi.: Jcep§ Kul. 66; Krist. igt. 65. — ptdp§ 
Wade, lt. pulpa Mi. — tsap§ Hacke, it. zappa. — nap§^ Käse- 
tuch, lt. mappa, frz. nappe Mi.: nep§ H., Rhd. 7. 

b) Albanesische Wörter: 

h'ip§, krupp, Salz : kritpna Jungg 23. — pup§ k6<Doq Kul., 
pitpa grappes de raisin, Doz. — grop§ Grube, vgl. rum. grodp§. 

— rop§ Kuh: rop§ Krist. lax. 25; Doz. 1, 135; lop Jungg 12; 
Jub. 102. Vgl. Hehn475. — tsop§ Stück: tsöp§ra Alf. Konst. 72; 
Doz. — tsuj)§ junges Mädchen. 

Wörter auf -h§. 

a) Lateinische und romanische: 

pl§mb§ Spanne (Pxilj. 131 jM plmb-a), lt. palma Mi. — 
k§inb§ Fuss, g. kamb kam, lt. gamha Mi.: k§mb§ Kul. 94. 161; 
Rhd. Anth. 48 ; Krist. Gr. 16 ; H. kambe Krist. Matth. 5, 35 g. 
kam Scut. ebenda, kam Jarn. 4; Rossi Gr. 328. — k§rb§ r^üzloq 
Kul. 41: it. corJa Korb. — fob§ Kleid, it. robaMi.: fobe Krist. 
Matth. 17, 2; Luc. 7, 25 t. gehört zu robe-ja H. — p^lunib^, 
Rhd. Lex. 50 pumbe, Krist. g. pulumb§ Matth. 10, 6, Scut. 
ebenda plum§, Pian. ebenda pajumb§ Taube, lt. palumba Mi. 

— skrib§ Schreiber, lt. scriba: skribe Scut. Matth. 17, 10. skri- 
bra Frasc, Plana ebenda. 

b) Griechische : 

sfamb§ Krug Pul). 150; gricch. siapa; sfam Jungg 11. 

c) Slavisch ist: torb§ Sack, Doz. 1, 142, serb. torba Tor- 
nister, Schnappsack. 

d) Albanesische : 

bab§ Mutter Kul. 38, vgl. serb. bulg. baba altes Weib, 
rahd. bdbe altes Weib, Miitter. Mi. hält das Wort für slav. 
Lehnwort. — bebe, Kind, vgl. engl, babe, baby und I\[üller, 
Etymol. Wörterb. der engl. Sprache 1, 39. — bibe junger 
Wasservogel H., aX^uiöv Kul. 38. — bub§ cpcßr^xpov. — gab§ Lüge. 

— kob§ Diebstahl. — boTb§ Zufall. — krabe Haken, Hirten- 
stab. — skahe, Geier. — karb^ Geier Kul. 140. 



342 Meyer. 

Wörter auf -f§. 

a) Lateinische und romanische: 

tuf§ troupe d'honmies^ troupeau Doz., it. tuffo, frz. totiffe 
Mi. — griffa Plural, fentes, asperites Rhd. Lex. 93, frz. griffe 
Kralle, Diez II, 330. 

b) Türkische: 

kalfy Kul. 41 iJ.a%qTr,q, türk. kalfa Handwerksgesell.. 

c) Alhanesische : 

Jcaf§, g. tsaf Jungg 10, Pulj. 151 Hals. 

Wörter auf -v§. 

a) Lateinische und romanische: 
prov§ Prüfung, lt. proba Mi. 

b) Griechische : 

fav§ Bohnenbrei, ngriech. ^aßa, aus lt. faba, Kul. 40. — 
fTev§ Ader, ngriech. cf/A^a Kul. 40. 

c) Slavische: 

kov§ Schöpfgefäss, serb. kova Schöpfeimer. — kurv§ Hure, 
serb. kurva Mi. — brav Schloss Jungg 10, serb. brava Schloss. 

d) Türkische : 

dav§ Process Kul. 90, türk. clava. 

e) Alhanesische: 

jave Woche: jav Jungg 12. — prev§ Strasse (aus serb. 
prevesti übersetzen gebildet?). 

Wörter auf -m.§. 

a) Lateinische und romanische: 

armq. Waffe, lt. arma Mi.: arm§ Doz. ; Kul. 148; arm 
Jub. 56; Jarn. 3. — brim§ Reif, lt. bruma (nach Mi. aus 
pruiria). — pem§, Jungg pem Obst, lt. pomum Mi. : pem§ Krist. 
Matth. 7, 18 g., t.; Pian. pem ebenda Scut.; Jub. 110. pem§ra 
Krist. IGT. 4. — form§ Gestalt, lt. forma Mi. — gurme Kul., 
gurme Krist. Gr. 16, Doz. 1, 143 Spur, it. orma; g- im Anlaut 
wohl aus /-, vgl. mgriech. Youpva urna. — kresm^ Fastenzeit, 
lt. quadragesima Mi. — skum§ Schaum, it. schiuma Mi. — arom,§ 
Arom, lt. aroma, Avegen der Betonung nicht aus griech. äpü)[xa. 
— ram§ Kupfer, it. rame, Kul. 58, Krist. hx. im Glossar. — 
tsurm§ Haufen Kul. 110, it. ciurma, zunächst wohl aus ngriech. 

TGOÜpp.«, — 



Albanesische Sttj.dien I. d4o 

h) Griecimclie : 

vrom§ Gestank, ngriech. ßpwfxa. — (J§fm,§ Buchstabe, griech. 
Ypa[X[jt.a Kiü. 40; gramm§t§ Rhd. Anth. 12. — k^rm^ Leichnam, 
griech. 7.op[;,6(;? — skim§ Plan, griech. ^X'^M-«, Kul. 84. — Havm§ 
Wunder, 6a'j[ji.a: Mvm,§ra Act. 2, 43 Ath. — strom§ Lager, Bett, 
aTpw[j.a: strömara Act. 5, 15 Ath. — /»ig ^r^x-/; Alf. Konst. 44. 

— Qumjam§ Weihrauch, 6'j;j.ia[jLa : Humjam§ Apoc. 18, 13 Ath. 
bümjdm^ra Apoc. 8, 3 Ath. 

c) Albanesische: 

pr§7n§ Abend Kul. — fJ^am§ Epilepsie. — gnsm^ halb. — 
krom§ Krätze. — em§ Mutter. Ein weit verbreitetes Wort, 
s. Weigand unter Am7ne. — m§m§ Mutter. Vgl. lt. mamma u. s. w. 
Nach Mi. lt. Lehnwort. — her^am^ Kern der Baumfrüchte. — 
l§m§ Tenne Kul., g. lam^^ H., Tarn, Jungg: Tarn Jungg. Tamna 
Jungg 23. r§men§ H.; Cam. 1, 199; Rhd. 8. r§7nen Doz. Umene 
sie. Cam. 1, 199. — mötreme Kul. 94 [J-a[x[j.Yi, 104 Freundin; bei 
H. mom.m§. — hrume Brühe, Sauerteig H. : hrüm.§ra y.o\i.\}.äx\oi 
r.^zQj\na Rhd. Lex. 47. — c^aswig Hochzeit : cZasmg Doz. — gem§ 
Zweig Scut. Matth. 13, 32. — 

Bildung mittelst eines Suffixes -m§ aus Verbalstämmen 
zeigen deutlich z. B. him^ Pflanze, _pM»g Trank, /rimg Hauch, /o^mg 
Stimme, krizm§ Knirschen, ndieirn^ Sinn, p§rtipm§ das Kauen, 
p§stim§ das Spucken, %{rm§ Stimme, biÜ7n§ Natiu', ndihme, Hilfe, 
(ZWOm« (wohl drihn§) Furcht. — Mit -mg (vgl. S.303) sind abgeleitet 
z. B. sk§p§tim§ Blitz; vet§tim§, g. veMm Jungg 11 (Plural vet^- 
Hm§ra Krist. Icr:. 50, Apoc. 4, 5 Ath.) Blitz; (j§m§time Donner 
Kul. 50 (g§m§ dasselbe, Raps. 23) ; huhulim§ Donner Krist. bt. 50. 

Wörter auf -n§. 

a) Lateinische und romanische: 

pun§ Arbeit, lt. poejia (u wegen des Labials) ; mit ttcvo; 
hat das Wort nichts zu thun : pnn§ Krist. Matth. 11, 2 g. ; Doz.; 
Krist, '.a-:. 49. 2^"" J^^gg 107; Jmit. 9. pünera Doz.; Alb. 
B. 177; Kul. 68. — ki7i§ Chinarinde Kul. 41, it. china. — pu- 
t§7i§ Hure Kul. 55, it. puttana. — sticn§ Samstag, Safm-ni (dies) 
Schuchardt 251. — lan legname Jimgg 12, it. leguo. — ft'm§n§ 
Lecce 9, femn§ Rossi Gr. 14 /i'mgrg Krist. Gr. 16; Doz. Frau, 
lt. fe7ni7ia Mi. — riigina Strassen Scut. IMatth. 3, 3, von lt. vuga. 

— dot7<na Lehren Scut. IMatth. 15, 9. — perna Perlen, JNIatth. 



344 Meyer. 

1, 6 Frasc, Pian., sie. perna Perle. — g. ven§, t. ver§ (yef§ H.) 
Wein, lt. vinum Mi. — g. kumön Jungg, Rossi, t. kumbur§ Kul., 
k§mhor§ Rhd. Anth. 45 Glocke, H. Viehschelle, lt. campana Mi. 

h) Griechische : 

stamn§ Kul., stomnat Alb. B. 70 Krug, cTä[;.v3;, vgl. o. stamb§. 
— rimosn§ eXsyjfxocüvr^ Kul. 108, zunächst aus ital. limosina. — 
milingone Ameise Kul. 138, Doz. S. 58 (Doz. auch meI/ingon§), 
tsak. lingöni, meliy'igöni, auf Kephalonia lingöni. Deffner, Tsako- 
nische Gramm. 78. ]}.£}\i-^^ö-'n auch in Messenien und Kreta nach 
Politis im Asati'ov t^? k-topt/.^? y.al eOvo^oyit.-^? eiaipia«; zr,q 'EX^äoo; 
(Athen 1883) I, 100. — Tdk§na g. Krist. Gr. 8, t. Uk^ra Kul. 
110, Rhd. Anth. 52, Sing, lakere, Doz., Alb. B. 22, Ta/^r Pitre 
289, griech. Xa/avov. — Griechisch ist auch das Suffix g. -smg, t. 
-sir§ (Krist. Gr. 20), z. B. §mM§sir§ Süssigkeit, kaTb§s{r§ Krist. 
Fäulniss, eg§rsira les betes sauvages Doz., kot§sira Nichtig- 
keiten Krist. '.CT. 108, Tag§sir§ Feuchtigkeit H. 

c) Slavische : 

bastina Erbthümer, Jarn. 3. Mi. 

d) Türkische : 

sahana Schüsseln, Jarn. 10. — hazna Schätze, Scut. 
Matth. 6, 19. 

e) Alhanesische : 

an§ Ende, [j.ipoq: g. änet an Scut. Matth. 2, 22. 15, 21. 
änvet Stier. — an Sg. ungebräuchlich, Gefäss: en Jungg 24. 
hl Scut. Matth. 12, 29. en^ Krist. ebenda g., t. ; Doz. Bei 
Kul. 41 SingLÜar ene, Plural ena. — kukuvin§ Eule Kul. 49. — 
trokan§ Klappe, Glocke Kul. 50. 122. — hen§, g. han Mond, 
vgl. ai. candrd-. — Oang Gehölz Kul. 74; Alb. B. 178; saure 
Kirsche, Rossi Gr. 13. — kalkan§ Kranich Kul. 120. — nan 
Mutter Jub. 48. — gylpan§ g. Krist. Alf. 18, t. gvJp§r§ Krist. 
ebenda t. ; g§lper§ Kul. Nadel. — oelpin Rossi Gr. 339, oelpen 342, 
leTpe^na Krist. Matth. 8, 20 g., t. oeIp§r§ Krist. Gr. 16, ^etpra 
Matth. 8, 20 Frasc. Fuchs. — g. gersdn Jungg 12, t. g§rser§ 
Scheere. — fiek§r§ H., g. %eken Roggen, it. segala Schuchardt 248. — 
mök§r§ Mühlstein, it. macina Mühlstein aus machina Diez 2, 43. Mi. 

Wörter auf -n§. 

a) Lateinische und romanische: 

r§n§ Wurzel, nach Mi. aus radica (?). — f§lkin§t§. die 
Kinnbacken Rhd. Anth. 37, vgl. o. fdki. — keMen^ Kastanie 



Albanesische Studien I. d4D 

Rhd. Anth. 42, lt. casianea Mi. — tej aus *ten§ Holzwurm, 
Jungg 11, lt. tmea Mi. — sen§ Zeichen, it. seyno Mi. : sene 
Scut. Mattli. 16, 4; .^ene Krist. ebenda g. t. (slndjd§ ebenda 
Pian., sinale Frasc. von it. segnale, sie. signali) ; seii^ Krist. 
Luc. 1, 22 g., t. — skron^ Schrift, von skron aus scriho Mi. 

— fosn^ Wickelkind, von lt. fascia. — 

h) Slavische: 

rohina Sclavinnen Act. 2, 18 Ath., serb. roh'mja serva. 

— Hieher auch skin greca di rehgione Jungg 11, eig. sTiin, 
von ska s. o. — 

c) Albanesische: 

hrine Seite : hnn§ cotes du corps, hrina precipices Doz. — 
zon§ Frau g. zoj Jungg 11 Madonna; von zot Herr. — ski- 
pon§ Adler Krist. Luc. 17, 37 t. von skip. — ulkone lupa 
Rossi. — trimou§ Heldin, A Dora d' Istria gli Alb. 69. — mis- 
kone Mücke H. Das Suffix -on§ ist schwerlich aus slav. -ynji 
entlehnt, wie Mi. will. 

Wörter auf -r§. 

a) Lateinische und romanische: 

ar§ Feld, lt. area Mi. — far§ Same, Geschlecht, it. /«?'«, 

langob. fara Mi. — ere Luft, it. aria Mi.: ere Matth. 7, 25 

^ Pian., Frasc. er§na g. Gewürze, H. ; Krist. Gr. 8 ; Matth. 7, 25 g. 

I .erna ebenda Scut.; Jungg 23. er§i'a H.; Doz.; Krist. a.a.O. — 

I kepr§ TieTOupov Kul., (!;aAiota Alb. B. 56, lt. capra, vgl. Mi. — 
' Jcupr§ yvX-AÖz, lt. cuprum Mi. — bandiere Fahne, it. bandiera. 

— or§ Stunde, lt. hora. — fvtur§ Gestalt Krist. igt. 26. 124, 

II ftur Gesicht Jungg 12, lt. Jactura Mi. 2, 80 (2, 24 falsch zu 
facies). — kokra Kugeln Jub. 37, grani Jub. 102, Früchte 
Jarn. 19, zu coccum Mi. — kdmara cubicula Stier, lt. camera 
Mi. — finestra Fenster Raps. 32, it. finestra Mi. — lundra Fahr- 
zeuge Krist. Luc. 5, 2 g., t., lt. Unter, hinter Mi. — kanistra 
Körbe Krist. lax. 29, lt. canistrum Mi. — lettra carte Jul). 82, 
it. lettera Mi. — vere Frühling, lt. ver Mi. — merkm-§ Mitt- 
woch, lt. Mercurii (dies) Mi. 

b) Griechische : 

pror§ Kul. Trpwpa. — ankistr§ Kul. ävy-ictpov. — sidzer t§ 
randa schwere Ketten, Jub. 94, sidzirt Jub. 98 aiospa, ciBripa. — hovQ 



346 Meyer. 

Dörfer Matth. 14, 15 Plan, -^or^ Stier, ^örg Raps. 76, x***P'''- — 
smor§ Grenzen Alf. Konst. 50, sinuret ebenda 61, -a c6vopa, 
zunächst wobl aus türk. sino)- entlehnt. 

c) Slavische: 

vedr§ Eimer, Mulde, serb. vedro, vedrica Wassereimer Mi. 

d) Türkische : 

sofer Tisch Jungg 11, sofra Tische Scut. Matth. 21, 12, 
türk. sofra. — tsadra Zelte Scut. Matth. 17, 4, türk. cadyr. 

e) Älbanesische: 

bor§ Schnee. — vatr^, Herd, vgl. rum. vatr§ usw. Cihac 2, 
721. — v§r§ Loch. — bcSr§ Narcisse. — bustr§ Hündin. — 
ßr§ Bodensatz, Schlacke (vgl. lt. exfir purgamentum, Fest. 79?). — 
ßer§, %iere Linse. — kodr§ Hügel, Klippe, vgl. rum. codrü foret, 
bois. — her§ Zeit. — zem§r§, g. ?:em.fir, zem.r; zembrQ Alb. B. 60, 
Cam. Herz. — dere, Thür: dier Rhd. 8; Stier; Matth. 16, 18 
Frasc, Plana, duer Krist. ebenda g., t. ; Gr. 17; Doz.; H. t. 
dvr H. g. ; Scut. Matth. 16, 18; Jungg 13. Zu ai. dvär- dur-, 
got. daura-, asl. dvii'i, dvorü, lit. durys, griech. 66pa, lt. fores 
Curtius 258. — c?org Hand: duar Kul. 106. 140; Rhd. 8; Doz.; 
Krist. Gr. 17; H. duafit§ Act. 19, 6 Ath. c^iter Jub. 56; Krist. 
Matth. 15, 20 g. duorsit Conf. 21. dür Jungg 13.; Scut. Matth. 
15, 20; H. g. (dür§). Vgl. griech. owpov, odpiq Spanne, ir. derna 
the palm of the band. — miekr§ Bart, mnekr§ Rhd. Lex. 109; 
vgl. lit. smakrä Kinn, ai. gmdgru- Bart. — hilh§rQ, Plural hulra 
Krist. IGT. 65 Knoblauch, wohl Weiterbildung von hvZ§ für *htirhi, 
vgl. uc§r6ü = ur'be.rön Doz.; vgl. ffy.cpooov. — ß^g'^g Lolch, aus 
ngriech. alpa? — ^^asg/ü'irg Spiegel. — pre/iMrg Gewebe, V\uxslp§Thü- 
r§ra Krist. Alf. t. 24. — ferner Kniekehle Ro. Gr. 328. 
^mb§r§ Ferse Doz., Hemhra Ro. Gr. 328, vgl. Bimd§r§ dasselbe 
Doz. — bir§ Loch Jub. 74. — änd§r(^ g., end§r§ t. H. Traum, 
Plural andra Jub. 84, andera Krist. Act. 2, 17 g., ent§ra 
ebenda Ath. Traum, vgl. ovstpoi;. — 'motr§ Schwestei', mot§r§ 
Krist. Gr. 16. Vgl. ai. mätdr- usw. — r^pire, Abgrund, 
Doz., f^pira steile Abhänge Krist. '.ax. 52, vgl. Mi. Rum. 
Unters. 1, 43. — kar§ männliches Glied H., auch kar-i. Vgl. 
zigeun. kar penis Mi. Mundarten und Wanderungen der Zi- 
geuner VII 73. 



T 

i 

I 



Albanesisehe Studien I. d4 < 

Wörter auf -fg. 

a) Lateinische und romanische: 

fuf§ Ofen, lt. furnus Mi. — ^'afg, lcef§ Wagen, lt. cari-us 
Mi. — saf§ Säge, lt. serra Mi. 

6J Griechische : 

fof§ o'jvap.i?, opixY^ Kul. 40. 78, cpopa. 

cj Albanesisehe: 

af§ Nuss, vgl. asl. orachü. — bar§ Last, zu ai. bhar usw. — 
Ä;ofg Ernte. — er§ Finsterniss. — zöf§ Doz.-, Ro. Gr. 329 Darm. 
ver§ populus alba Stier. 

Wörter auf -l^. 

a) Lateinische und romanische: 

bal§ Ball, it. bcdlo. — vel§ Segel, lt. velum Mi. — pral^ 
Fabel, lt. parahola Mi. — fale Fehltritt Kul. 41, zu it. fallire 
Mi. — fiole Flasche, mit. phiola aus 9iaXYi. — pistol§ Kul., pistol§ 
Rhd. Anth. 48, pisKole Alb. B. 72 Pistole, it. pistola. — sJcrü- 
pid§ Kul. 104, lt. scriqndus -um,. — spel§ Höhle, aus lt. spelunca 
Mi. — mole Apfel, lt. malum Mi. — spdtule Schulter, lt. spatida 
Mi. — sJcetide,, sietul Jungg 11 Achselgrube, lt. spatida Mi. — 
sole, Sohle Krist. Gr. 17, lt. mlea Mi. — me^sale, Tisch, von 
mensa Mi.: m§sdl§ra Act. 6, 2 Ath. — sÄ;aig Stufen Act. 21, 
35 Ath., Krist. g., lt. scala Mi. — skdndida lt. scandala Krist. 
Rom. 16, 17 g. — aikida Adler A Dora d'Istria gli Alb. 108 
sie, aiku-ra Matth. 24, 28 Plana, sie. aicida — it. aqidla Traina. 

b) Griechische: 

]cil§ Höhlung Kul. 41, xoiXov. — styl Säule Jungg 10, 
cvjKoc. — i^ul§ Krist. tax. 124 Götzenbild, si'BoiXov. — vivl§ Buch, 
ßiß/oc;: i;n'Zr^m Alf. Konst. 23. 

c) Slavisch ist: pal§ Degen, Schwert, Kul. 39, scrb. pala 
Pallasch, bulg. pala la dague. 

d) Türkische : 

kul Turm Jungg 11, tilrk. knie. — sumida Hyacinthen 
Jub. 66, türk. symbvl. — mahdl contrada Jungg 12, türk. ma- 
halle Stadtviertel. 

e) Albanesisehe: 

gek Nahrung: gels (delU) Jarn. 16. gelera Doz. Vgl. mrum. 
gek Speise Mi. R. U. 2, 14. — kok. Husten. — fok T^öpr^r, 
Kul. 40. — xetid§ Augenbraue. Vgl. serb. vedja , bulg. 



348 Meyer. 

vezdü Augenbraue. — stiel§ Haspel Kul. 74. — iSul§, Pulj. 
142 oftul Essig. — griz§l Jungg 11 Elster, vgl. grifsp, H., 
griS-ja Ro. dasselbe. — %negl Ameise Jarn. 9. — ströJad§ 
Höhle Krist. Matth. 8, 20 g. — pula marques, Doz. Lied. 102. 

— Jcepala Wimpern Doz. Lied 118. — hale Stirn^ s. o. bal-i. 

— humhal^ Wespennest Kul. 54. — kaU Werkzeug Kul. 58. 

Wörter auf -T§. 

a) Lateinische und romanische: 

hiblf Buch, lt. hiblia, Kul. 38. — vigl^§ Wache, lt. vigilia, 
Kul. 39. — pul'e, Henne, zu lt. pullus Mi. — fef^§ xauXc? Kul. 40, 
U.ferula. — ^ofg; Jungg 12, Jub. 90 goj Mund, lt. gula Mi. — 
ksir§ Unterhaltung Kul. 41, lt. consilium Mi. — sk§ndil'§ Funke 
Kul. 50, lt. scintiUn, Mi. — beMl'e Schlacht, it. hattaglia. — 
f§miV§ Kul. 76 Famihe, \t. familia Mi: femij§ und f§mij§ra Alf. 
Konst. 102, fimijai i fanciulli Conf. 55. fmi Söhne Jub. 60, 
Scut. Matth. 2, 16. — §eTa Sättel Raps. 26, lt. sella. — sal^ 
Schenkel Kul. 148, lt. sella Mi. — ksul§ Mützen, Rhd. Anth. 10, 
mit. casula Mi. — temhTa Schläfen Doz., lt. tempora Mi. — 
kuraTa Korallen Raps. 102, it. corallo. 

b) Griechische: 

vul^§ Siegelring Kul. 39, Apoc. 5, 1 Ath., ngriech. ßouXXa 
aus lt. bidla, das in bula Krist. Apoc. 5, 1 g. aufgenommen 
ist. — kanila Lampen Scut. Matth. 25, 1, ngriech. xavo-/]Xa aus 
lt. candela. — 

c) Albanesische : 

hiVe, Tochter, bia Scut. Matth. 14, 6, Plm-al Uje, oft, vgl. 
bir Sohn und lt. filia. — vaTe, Woge: vaTe, Krist. Matth. 8, 24 
g., t., vgl. Cihac 2, 443. — viel§ Weinlese Kul. 39, von viel' 
herbsten, vgl. ht. valyti das Getreide einbringen, valtis Rispe, 
pr. wolti Aehre. — peTe Stute. — faT^ Begrüssung. — fiaJ'e Wort: 
fial§ Krist.; fejciTe Krist. Igt. 71; fiaTe.ra Apoc. 13, 5 Ath. — 
%ela kleine Stücke Raps. 74. — gal'a corbeaux Alb. B. 189. — 
afavel'a moineaux Alb. B. 189. — haVa Schuppen Krist. Act. 9, 
18 g. — vespj'e^ Niere, veseja Apoc. 2, 23 Ath., vgl. g. vesna u. o. 
S. 73 vese. — brinel\, Seite Kul. 52. — vrds^le, Mord Kvd. 53. — 
püp§l§ -jTou/cO'jAov, Flaumfeder Kul. 53. — es§lQ nüchtern Kul. 
53.^ — bdg§r§ ßo6/,oTrpo(; Kul. 52. 

Es folgt die Darstellung der verschiedenen Pluralbildungen. 



Albanesische Studien I. »349 

Plurale auf -i. 

Bei den Masculinis ergibt sich zunächst -i als eine weit 
verbreitete Endung. Dieses -i erscheint unalteriert in einigen 
wenigen älteren Formen, die Lecce anführt: tsarki turi Türken 
tsardeki harki, ausserdem in dem ohne Quelle bei Cam. stehen- 
den uTTii und in piski bei Rhd. Alle Formen sind richtig mit 
-ki zu schreiben, wie es Cam. thut. In grösserem Umfange hat 
sich das -i beim Antritt des bestimmten Artikels -t§ gehalten: 
pestSit krüskif§ muskite fMrkit§ turtsif büjkit§ v'iskif,§ hrisUii§ ipo- 
kriiit dreitit hutit lidsmit§ maimit§ 'pieptpit em^rite vorfnit skie- 
punit gürit§ djerit viet§rit§ miestrit diemnit ehߧTit mrk^Tit sekulit 
disipuUt voglit vldz§mt; dann bei den Pluralen auf -<isit§ und 
•asit§ und denen auf -ezif. eksetasit Doz. kann directe Herüber- 
nahme von kB,e-äijtiq sein. Ebenso halte ich das magi in der 
g. Matthäusübersetzung des Krist. = madU in der Scutariner 
für direct entlehntes lt. magi. Sonst ist -/ nur noch in seinen 
Wirkungen auf vorhergehende Consonanten erkennbar. Aus- 
lautendes -k wird zu -k: fik mik an§mik vik sok tsurk pisk 
krusk turk hujk strik tirk dirk ul'k visk. Dies -k kann in g. 
Mundarten zu -ts werden: fits anmitS pes-fS turfs huTts hists. 
Ebenso wird -g zu -g: iweng. Auslautendes -/ wird zu er- 
Aveichtem -/'; fil' soV huel deT kertsel' vasel' kukuT r^köT; auch hiV 
gehört hieher, wo das ursprüngliche -/ von hlr hervortritt. 
Häufiger hat sich das -/' in -; umgesetzt: didj gardindj hrevidj 
misdj tsakdj kapruaj huaj truaj kiej §hgcj dej kertsej fuej f§n- 
duej hij (hl) fij ufajij ^figij ke^mij yj pyj apostoj rdzöj enguj 
turtuj iouj disepuj Skcmduj maskuj sekiij popiij tempuj famuj 
kiihguj hramhuj tranguj akuj. Ebenso auch Tepuj von Tepur, vgl. 
turtuj von turtul^ aber lt. turturem. Ebenso wird auslautendes 
-n zu erweichtem -n: m^j'i z^n suUn dren peü prm (von p^fua) 
vgeüj^kin l'in fforin ku^§r{n inulin (u)liü Irin hin min gii'i palön 
dragön kapön fton pp'dn petikön j)ok§tdn krön ^on hun drun gun 
ghtn. Dies -n kann sich in -j umsetzen und dies -/ mit vor- 
hergehenden -i- zu -l- zusammenfliessen ; die Schreibung -oi 
in gegischen Quellen ist -oj aus -on (vgl. die abgeleiteten Verba 
auf -on oder -oj, wo man g. auch oi schreibt). In g. ^lund- 
arten hat der Nasal oft in der Nasalierung des vorhergehenden 
Vocals eine Spur zurückgelassen. So z. B. puhlikaj tsohaj vlaj 
luäj p^j ppj:, dragöj dzakoj Imoj Ikoj ftoj Tahgoj zugi'j pffdj ^oj 



350 Meyer. 

kroj pok§töj patköj; ytj gij hrlj; ffori kusqii mult kuft ult poii 
turl hlf gl ml 6^ sü sü sl. 

Ueber den Einfluss, Avelclien das Plural -i durch Um- 
lauten eines vorhergehenden -a- zu -e- geübt hat, wh'd weiter 
unten gesprochen werden. 

Plurale auf -e. 

Eine zweite, bei den Masculinis in grossem Umfang auf- 
tretende Pluralendung ist -e. Sie tritt an Stämme aller Art 
an, z. B. soke fl'oke nerke sfurke moske piske turke bujke avTake 
venetike poganike diske senduke aske gnke; krike kuJce kelke spinake 
peTeke; arge strige toge; ohe krahe-^ state fate spirte mote pTeste; 
re%e lioe garle; Use plise vise sese kose vese ruse m§ze breze loze; 
pVepe nipe trupe rape grepe fipe; pTumhe skemhe korhe o§mbe 
gj'§mhe krimbe; deme kurme -ime; fustane kene r§kere nune pirune 
gitone plemone ^rone st ans zakone mane dim§re em.§re hire hUre 
gire gere; pare numure mure tere potire obore bare gomare bire 
gure plore kefe vafe ziare befe mofe kure; kanale metale pule 
Skandale fdmide strale bah male sile dkule dvule; gel'e mel'e mbole 
kraTe tele maTe. Nur einem Zuge von Formencontamination 
ist es zuzuschreiben, wenn diese Endung -e auch an Formen 
erscheint, an denen die Wirkung des Pluralsuffixes -i deutlich 
erkennbar ist; Formen wie fike enthalten ein doppeltes Plural- 
sufiix. So z. B. fike Take muke selke selge tsarke piske turke hake 
dufeke barke, termetse bulfse haise tsardatse maratse odzatse 
sakafse dzatse; hurge karge präge; fil'e iTe apostole strale, zaje 
kieje deje heje fyeje fije uje pvje apostoje soje; dripave gilpaue 
girpane jj^fene p§fone ftone kröne buhone zugone. 

Ich glaube, dass von diesen beiden männlichen Plural- 
endungen nur eine echt albanesisch ist, nämhch -ß, Avährend 
-i aus dem Lateinischen stammt, -e aber führe ich auf -ai zu- 
rück und setze dies gleich dem litauischen -ai in mlkai. Es 
ist dies die ursprünglich der pronominalen Declination an- 
gehörige Endung -oi der -o-Stämme, ai. te =^ to-, griech. a6/,o'., 
lt. lupl, asl. vlüd, air. fir. Südeuropäisches o erscheint im 
Albanesischen, in Uebereinstimmung mit dem Litauischen und 
Germanischen, als a (vgl. z. B. ast Knochen ai. dsthi- lt. os 
griech. cctsov ; nati} Nacht ai. ndkti- lit. nakt\s got. nahts lt. nocti-; 
pas nach lit. paskul lt. pos, ah Buche an. askr griech. c^uv;, 



Albanesische Studien I. bOl 

camb l^mh Zahn lit. zamha griecli. ^p[j.ooq)\ demiiacli haben wir 
auch für südeuropäisches -oi im Alb. -ai zu erwarten wie im 
Litauischen und Germanischen. Dies -ai ist zu -e geworden, 
wie z. B. in stek-gu Eingang ^ got. staiga — . Von den -o-, 
resp. alb. -a-Stämmen ist dies -e auch auf die übrigen, ur- 
sprüngHch cousonantisch auslautenden männlichen Stämme über- 
tragen worden. 



Plurale auf 



■a. 



Eine dritte Endung des männlichen Plurals ist -a. Diese 
Endung haben die Masculina mit den Femininen gemeinsam^ 
wo sie bei denen auf -l und -ß die regelmässige Pluralbildung 
ist. Ich stelle von dem Auftreten dieser Endung an allen Arten 
männlicher Stämme einige Beispiele zusammen: kruslca duska 
toska petka uiiga T§sika zoga Jcehga kraha ; heita seinta ata vieta 
pTesta v§nesta vreMa gisfa struk^a fsuvkOa. va^a kuoa eZa keoa 
vioa pusa, meza kendesa Usa pl'isa vrahetsa f.siltsa krastavetsa hitsa 
karkaTetsa viersa kosa prusa dialosa vitsa m§za gurmaza breza 
loza kufiza levriza murizn; pTepa. nipa trapa sfnpa trupa fapa 
grepa fipa. pVumha korha el'ha ^§mha %um.ha gl'imha krlmha; kiirma 
dema trima] kena V§kena dzakona pwp§ra aslana mana drara 
hres§ra dim§ra emna em§ra galpra; pena pera hrina hrira hira 
niira gira, drima drura pTülmra g§ra kundra mieStra nüm.§ra 
lepra dylhera oanra odnd^ra hekura fura bera fefa dera sHefa 
mofa bufa; ioula stvla diela gela kraJa biTbiTa tel'a. Dieses -a 
halte ich für die ursprünglich nur den weiblichen -a-Stämmen 
(alb. -e) zukommende Pluralendung idg. -äs: ai. senäs, osk. pas 
scriftas, umbr. urtas anglar, air. tüatha, lit. runkos, got. gihos. 
Die Uebertragung der weiblichen Form auf männliche Nomina 
wurde begünstigt durch die Tendenz der albanesischen Sprache 
die Grenzlinien zwischen den MascuHnis und den Femininis 
überhaupt zu verwischen; beide Genera begegneten sich in den 
gleichlautenden Pluralen auf -f (s. u.), das Schwinden des aus- 
lautenden -§ im unbestimmten Nom. Sing., wie es besonders 
in gegischen Mundarten üblich ist, machte denselben dem un- 
bestimmten Nom. Sing, der Masculina gleich; dazu kam, dass 
auch manche Masculina (z. B. dia/'^ dia^e. dri^^ u. a.) ein in 
seiner Entstehung nicht immer hinlänglich klares -§ im Auslaut 
zeigen. Es besteht jedenfalls die Bemerkung des Herrn Jubany 



352 Mpyer. 

in seiner Raceolta dl canti popolari S. 48 zu recht: nelF alba- 
nese non havvi un'assoluta distinzione di genere, e spesso gli 
articoli del maschile convengono pure al femminile. Ich lasse 
ein Verzeichniss von Wörtern folgen^, die als Masculina sowie 
als Feminina auf -g zu belegen sind. 

a) Das Masculinum ist sicher oder wahrscheinlich das ältere : 

ast-i und aH^-a H. Knochen. — hretkös-i Alb. B. 9 und 
2}retkos§-a H. Frosch. — ban-i Ro. und ban§-a H. Bad, it. hagno, 
aber serb. banja. — bal§-i Anfang, Spitze und bal^-a Stirn H., 
ai. bliäla- msc. — fur-i Doz. und fuf§-a H. Ofen, lt. farnus. — 
fatsoltt-i Ro. Schnupftuch und farsulat^-a Halstuch, it. fazzo- 
letto. — grep-i und grep§-a Doz. Angelhaken, vgl. mi'um. gre- 
pu. — g'^'iy-i und grig§ Krist. hz. 25 Herde, lt. gregein; die 
Feminina der dritten Declination sind im Alb. Masculina ge- 
worden. — kar-i und kar§-a H. männliches Glied, zig. kar m. 
dasselbe. — k&p^r-i und kepr§-a H. Dachsparren, lt. caper (und 
capraf). — kef-i und kef§-a Wagen, lt. carrus. — kofin-i, kofl 
und kofin§-a Korb, lt. copldnus. — kruli-i und kruk§-a Kreuz, 
lt. crucem. — kur-i und kuvQ-a Rotz, türk. kyr. — Rvdfy-zi und in 
Borgo Erizzo I'ivada Wiese, ngriech. Xs'.ßao'., das zweite aus 
serb. Uvada f. Wiese. — molh-i Ro. und molits^-a Motte, serb. 
moljac, bulg. molec m. — onantil-i und mantif§-a Cam. gualdrappa, 
it. »lantile. — misdl-i Ro. und m§sal§-a H. Tischtuch, lt. mensale. 
— 2)as-i H. und pas-a Ro. Klafte^r, lt. passus. — puhlmp-bi und 
jijgiZitmJg-a Taube, lt. palumbes, daneben j^f^luviba Mi. — remb-i und 
rem^-a Zweig, lt. ramus. — ret-i und riet§-a Netz, lt. rete. — stan-i 
H. und sfanQ-a Cam. Schafpferch, serb. stan m., ngriech. a-cdvi. — 
s(pitef-i und 9§ndet§-a Cam. Gesundheit, lt. sanitatem. — sit-i Ro. 
und s'ä^-a Sieb, serb. bulg. slto n. — teT-i und tel'^-a Fensterkreuz, 
ngriech. ziu. aus dem Türk. — tsap-i und tmp§-a H. Schritt, serb. 
stap m. — haps-i und hapsi^-a H. Gefängniss, türk. liaps. 

profit-i und profet-a, das erste aus 7:poor,Tr,q, das zweite aus it. 
profeta, sowie korsul-i Ro. und küml§-a H. (dies wohl aus -/.ougou- 
Aa?) Consul, wechseln blos in der Form, nicht im Geschlecht. 

b) Das Femininum ist sicher oder wahrscheinlich das ältere: 

ark§-a und ark-u Kiste, lt. arca. — bruim^-a und brum-i 
Reif, lt. briima. — er§-a und er-i Luft, lt. aria. — esk§-a und 
esk-u Zunder, it. esca. — f§lkhHj-a und felUin-i Ro. Kinnbacken 



r 



Alhanesisclie Studien I. 353 

lt. *falcmea. — fiirk§-a Gabel und furk-ic Pfahl zum Spiessen, 
lt. furca. — gruH-a Ro. und gruM-i Handvoll, serb. grst f. — 
giine-a und gun-i Unterrock, it. gonna. — kos§-a und kos-i Sichel, 
serb. bulg-. kosa — k§std'§-a und kfßür-i Ro. Mütze, mit. 
casula. — Tafusk-a und l'afusk-u, lt. labrusca. — Vufte^-a und 
^M/^i H. Krieg, lt. lucta. — Zu^-zt Ro. und lugp,-a Löffel, vgl. 
lingula. — mh§sik§-a und Plural mheMke Kul. Blase, lt. les/^a. — 
murg§-a und murk-gu Bodensatz des Oeles, ngriecli. [/oupv^, lt. 
amurca. — n§rentsa Raps, und narants-i H. Pomeranze, it. 
arancia, serb. naranpa, aber ngriech. vipavict. — pens§-a, hhn- 
dz§-a und pJ§nd§s-i Bauch , it. pancia. — piesk^-a und p^es^•A' 
Pouqueville, Pfirsich, lt. pemca. — ^v/pg-a und rep-t Rettich, 
lt. mpa ngriech. paza serb. repa. — sporf§-a und spo^'^y" Ro. 
Korb, lt. sporfa. — strig§-a und strik-gu, lt. s/r?^a. — 6-es/g-a 
und sest-i Zirkel, Compass, it. sesta. — skrapj§-a und skrap-i 
Scorpion, serb. skorpija f. — mk-a Sattel und saU cintura fem- 
minile, lt. sella. — sol§-a und sual-i Sohle, lt. so/ea. — «erg-a 
und ser-?* Streit, it. sciarra. 

Hieher stelle ich auch sen§-a, sej§-a und Sen-i lt. signuvi, 
it. sei^wo. — fatQ-a Kul. und /a^* Schicksal, lt. fafum. — ^-mZ- 
osfrg-a und kidostr^-i, lt. Colostrum. — k.Hl§-a H. und Ä;gs^7-^, 
lt. consilium.. — (pras§-a und ^^^'a-s-'', Trpxcovj. Denn die lateini- 
schen Neutra auf -um. sind regelmässig als Feminina auf -^ ins 
Albanesische übergegangen, was von der Pluralform derselben 
auf -a seinen Ausgang nahm, z. B. fjask§ lt. pasqua, k§ng^ lt. 
canticum, fest§ lt. fesfum, fmat(^ lt. fossaium, arm§ lt. ar*««, 
j9ew?,g lt. jmnum, ven§ ver§ lt. y^ru»?, ^■?/prg lt. ciipvum, k>rmstr§ 
lt. canistrum, vehj lt. vdum, skrüpuh^ lt. scrupuhim, mol§ it. maliim, 
(t§mbr§ Schläfe, lt. tempora). 

Verschiedenen Ausgangspunkt haben gehabt (ausser den 
schon angefiihrten Uvdi) zu Xs-.ßaot und /i't-ac/a aus serb. lüada, 
han aus it. ^a^Jio und ham^ vielleicht aus serb. hcinja, n^rentsa 
aus arancia und narants aus vapavtai) üer-i Westwind und ver§-a 
Frühling, jenes zu lt. ver, dies zu it. primavera ; kandil-i aus 
ngriech. xavrr/A'. und kpndel§-a aus lt. candela. 

Das ursprünglichere Geschlecht ist vorläufig nicht zu be- 
stimmen in spes-i Krist. und ipes§-a Vogel; petk-u und petk§-a 
Kleidung; fer-i und fer^-a Bromberstrauch. Donistraueh: saf-l 

Sitzungsber. d. pliil.-hist. Cl. CIV. Bd. I. Hft. •J.J 



354 Meyer. 

und sat§-a Axt; vrest§-i und vrest§-a Kul. Weinstock; parmen-i 
Rossi und parmend^-a Kul. Pflug. 

Von diesem Gesichtspunkte aus erklären sich auch andere 
Geschlechtsvertauschungen, die beim Uebergang fremder Wörter 
ins Albanesische zu bemerken sind; Beispiele finden sich in 
den früher gegebenen Verzeichnissen von Nominen^ ich füge 
hinzu tarkds-i Skelett aus it. carcassa. 

Seltener ist der Wechsel von Mascuhnen mit Femininen 
auf -e, von dem ich hier auch eine Liste anschliesse : but-i und 
hute-ja Fass, it. botte. — diep-i und diejte-ja Wiege. — he-u 
Erde und oe-ja Erdreich. — efA und ete-ja (edia Junggj Durst. — 
fil-i und fie-ja Faden, lt. filum. — fasül-i und frasule-ja, lt. 
phaseolus. — fre-r-i und fre-ja Zügel, lt. frenum. — .9'"^^-* und 
gridze-ja Ro. Herde, lt. gregem. — Uytet-i und Jcutete-ja Stadt, 
lt. civitatem. — kandil-i und kandüe-ja, ngriech. xavTv^Xt, lt. can- 
dela. — krvM-i und kruke-ja Kreuz, lt. crucem. — ht-i und 
l'odia Jungg Thräne. — ment-di und menne-ja Verstand, lt. 
mentem. — mort-i und morte-ja Tod, lt. mortem. — mantil-i und 
mandiTe-ja Halstuch, lt. mantile. — mustdk-u und mustake-ja 
Schnurrbart, it. mustacchi Plur. — nder-i und ndere-ja Achtung, 
lt. honorem. — ngaför-i und gafore-ja Krebs. — p§rint-di und 
prindie-ja Vater, lt. parentem. — pats-i und pake-ja Friede, 
lt. pacem. — portokdl-i und portokale-ja, it. portogaUo. — par- 
men-i Ro. und parmende-ja H. Pflug. — sendet-i und sendetia 
Gesundheit, lt. sanitatem. — skrap-i und skrape-ja Scorpion. — 
Sort-i und sorte-ja Loos, lt. sortem.. — siJ'dh-u und siTahe-ja 
WaflPengürtel. — tsurdp-i und tsurape-ja Strumpf. — turp-i und 
hirpe-ja Schande, lt. turpe. — rtrO hur^-oi und Imroe-ja Epheu. — 
harim-i und hafime-ja Vergesslichkeit. 

Plurale auf -§. 

Eine andere, den männlichen und weiblichen Stämmen 
gemeinsame Endung ist -§. Die Feminina auf -§ haben dann 
den Plural gleich dem unbestimmten Singular. Beispiele sehe 
man in dem obigen Verzeichnisse. -§ ist in g. Mundarten ge- 
schwunden, daher tritt dort auch bei Masculinis völlige Gleich- 
heit mit dem Singular ein. Auch in t. Texten herrscht in der 
Setzung des auslautenden -§ keine Consequenz, Verwechslungen 
mit -e sind häufig, Cam. hat das -§ an alle möglichen Formen 



Albanesische Studien I. 355 

angefügt, wo gar keine Berechtigung dazu vorlag. Die betref- 
fenden Formen sind also nur mit Vorbehalt als richtig anzu- 
nehmen. Ich lasse einige Beispiele von Masculinis folgen : Tak^ 
sok§ binak§ poganik^ kafsek§ matsok§ zambak^ yik§ krah§ v§^§ 
pras§ ves§ ^§mh§ sklav§ ]cen§ fren§ angon§ fron§ hrir§ drur§ ter§ 
gomar§ gur§ vor§ ziaf§. Mit geschwundenem -t^: amnik tremek 
sok flhk hinök pesk pamük bairdk harddk zamdk spirt yeO pas 
gros res ves Jcen garp§r mur bar bir gur kiel. Die Plurale auf 
4 vom Sing. Nom. auf -I sind ebenfalls dui'ch Schwinden von -§ 
entstanden. Auch an bereits mit dem Suffix -i geformte Plurale 
tritt dieses -§ : ßk§ armik§ mifse zog§ eng§j§ türtuj§ m§rdkuJ'§ uj^ 
pagon§ ftohe^ Tangoh§ p§fou§ kr§h^n§ kron§ ^on§ hun§ drufi^ gun§. 
Die Erklärung dieses -§ ist schwierig. Ich neige mich zu der 
Ansicht, dass man in demselben die neutrale Pluralendun»- -a 
zu erkennen hat, sei es nun indogermanisches oder lateini- 
sches -a. Im letzteren Falle wäre die Sprache von Bildungen 
wie arm^ = lt. arma Waffen ausgegangen und hätte dann 
diese Pluralbildung verallgemeinert. Auch im ersteren Falle 
wäre zunächst Uebertraguug vom Neutrum auf Masculina und 
Feminina anzunehmen, die dem Schwinden des Neutrum im 
Alb. voranging. 

Plurale mit -n- und -?'-. 

Weit verbreitet bei allen Arten männlichei- und Aveiblicher 
Stämme sind Plurale auf -na -ra, tosk. auch -re -r§ -rif^, mit 
oder ohne vorhergehendes -g-. Die auf -na gehören nur gegi- 
schen Mundarten an. 

a) -na: pamukna mretna seitna spirtna seritna detna vitna 
estna diabna dri%na Tesna misna orizna korpna el'bna lumna 
Icemna barna fatselna balna mllna ; vojna Sewa sina setina ; 
bezna Tamna erna krypna va^na. 

b) -§na: t§7-mef§na straf §na hipokrit§na dt§na zöt§na est§na 
bist§na körp§na hakrep§na J'ihn^na bdr§na ; er§na Tüft§na köh§na 
üj§na m{j§na. 

c) -ra: nipra eTpra (ieJpra lumra seitra priffra mbretra 
kiftra spirtra ipokritra fsatra zotra estra gistra pnndra fisra 
misra ; cera dera vära naora sira kukuvira vira St§pira nisira 
tihahira fiUra istorira vlasfimira magira kurv§rira tsudira j^&rn- 
dira mbret^rira ; mesra skrihra. 

23* 



356 Meyer. 

d) -§ra: fermet§ra avJ'dk§ra i:)esppk^ra mMzik§ra kulük§ra 
gdk§ra vlk§ra leng^ra rege.ra kencj§ra neng§ra krdhera strdf§ra 
mbretfra mutQra prift§ra ki.ft<^ra Spirtfjra fsdtfra det§ra vitp'a 
zöt§ra möt§ra est§ra üst§ra v§reSt§ra hist§ra gUSf§ra köfsf§ra 
Mnd§ra pr{nd§ra vend§ra driO§ra h{^§ra "pil^ra h6rs§ra kets§ra 
mundds§ra le§§ra l'es^ra mis^ra hß'us^ra laüz§ra gdz§ra kelh§ra 
Tüme.ra kd,lm§ra kurmera ken§ra grür§ra bdr§ra livdn§ra deste- 
mel§ra diel§ra m'iel§ra vdl^ra dikul'§ra gölera; Ml'p'a vdl§ra ; 
gkk§ra kök§ra keng§ra rüg§ra grig§ra giüi^ra köli^ra üj§ra mij§ra 
murtdj§ra pört§ra fUt^ra kdrt§ra luftijra bötgra Mt§ra pend§ra 
ldd§ra üo§ra spes§ra luts^ra kisera k§mis§ra tsöp§ra pem§ra Mv- 
m§7'a Mröm§ra %vmjdm§ra briim§ra vet§t{7n§ra p)Ü7i§ra er§ra peV- 
hür§ra v}§sdl§ra v{vl§ra gel§ra femij§ra fjdT^ra. 

e) -§re: ujk§re ünk§re z{g§re vibret§re pr{ft§re sinrtp'e 
füU§re det§re vif§re zdtfve nst§re gist§re vmd§re Ms§re kets§re 
giis§re vüs§re onp§re kÖ7'b§re röbfß'e Tdh§re nwi§re. 

f) -§'''§> ''''§; '§'''• 'mbret§r§ dt§y§ vit§§r§ laüz§r^; atr§ 
gistr§; idk§r. 

g) -nit: stretnit fretnit kunetnit priftinit priftnit Suretnit 
mzetnit; dt^nit kdrp§nit<^. 

h) -§r{t§: drek§rite fdt§7'it§ mbret§rit prift§7'it ipokrif§rit§ 
dt§rit§ zöfpnf§ nip§rit§ roberit. 

Die vorstehenden Beispiele sind allen Arten von Texten 
entnommen, am häufigsten erscheinen diese Pluralbildungen 
indess in der Bibelübersetzung von Corfu (Athen) und in den 
italienischen Mundarten des Albanesischen. Da g. n bis auf ganz 
verschwindend wenige Fälle (z. B. spenes^ Hoffnung zu lt. spe- 
rare, k§logm-i Mönch H. = hß.oger y.aK6^(epoq ; in kunor§ lt. corona 
ist Umstellung eingetreten) älter ist als t. o-, so muss man bei 
der Erklärung von den Formen auf -oia ausgehen und darf 
nicht, wie das Hchuchardt K. Z. 20, 297 that, diese Plural- 
bildung mit gewissen ital. und rumän. Formen auf -07^a, -U7d 
(über die jetzt am besten W. Meyer, ,Die Schicksale des lateini- 
schen Neutrums im Romanischen', Halle 1883, S. 48 ff. handelt) 
vergleichen. Vgl. Zeitschr. für roman. Philologie VI, 617. 
Ich halte die Plurale auf g. -7ia t. -i^a für Analogie)>iklungen nach 
den a-Pluralen von -?i-Stämmen wie emna rnnp-a Namen u. s. av. 
Wir haben oben diese Plurale als durch die weiblichen Plurale 
auf -a beeinflusst angesehen und müssen also z. B. die grosse 



Albanesische Studien I. dö7 

Aehnlichkeit von alb. emmi mit biilg. mewa Namen (Cankof 25) 
als eine trügeriselic bezeichnen. Dies -na -ra oder genauer 
-§na -§ra ist zunächst an consonantische Stämme aller Art ge- 
fügt worden, ähnlich wie sich im Bulg. die Pluralc auf -eta 
(von -*e??Y-8tämmen) weit über ihr ihnen von Haus aus eigen- 
thümliches Gebiet verbreitet haben : Mi. Vergl. Gramm. III, 180. 
Hat ja doch im Alb. die Stammbildung mit -fßi -§r auch sonst 
weiter um sich gegriffen, s. o. S. 309. Dann fügte es sich auch 
an vocalische Stämme, indessen in g. Mundarten nur sehr spär- 
Hch, während in t. die Plurale auf -§ra von Femininis auf -g 
sehr zahlreich sind. In den Formen auf blosses -na -ra ist -§- 
als geschwunden zu betrachten. In oena oera sira u. s. w. 
wurde von Anfang an nur -na -ra angefügt. Nachdem diese 
Kategorie von Pluralen auf -§ra geschaffen war, trat Contami- 
nation mit den Pluralen auf -e, -§ imd -if§ (s. o.) ein; so ent- 
standen die Endungen -§re, -§r§ und -§ritg, von denen die beiden 
ersten auf die tosk. Mundarten beschränkt geblieben sind. Nur 
neben t. §rit steht, g. -§nit -nit. priftini ohne Artikel hat 
Lecce 15. Den Femininen sind die Bildungen auf -gre -§r§ 
und -§nt§ fremd geblieben; hier kommt nur -§ra vor, jeden- 
falls wegen seiner Uebereinstimmung mit der gewöhnlichen 
weiblichen Pluralendung -a. In g. stretnit fretnit kunetnit su- 
reinit sehen wir -nit an einen umgelauteten, also schon durch -i 
geformten Plural getreten ; ebenso ist -na an /-Plurale angefügt 
in stretina spirtina elhlna-, -§ra in mddz^ra stretera zen^ra ; -§re 
in zögere ktmetgre; -§r§ in drün§rt§. 

Plurale auf -n. 

a) -in : arm barm fj§rpi7i garpin ipokrifin k§km kaiin m§Un 
'p§ri7i suvarin sarcUin skarpin sk§mhin skopiYi storpih zot§rin. 

Daraus ist -ij 4 geworden (vgl. o.) in garpij dzarpi sk§m- 
hij sterpij skqpi ^kopi kekij zotnij. 

-in(^ : ^elpine- kaliih^.. 

-ine: harlne ^elpine gej-klne kirine skoplne zotpnne. 

^) -§n: g§rpen /:§m§n (l'§m§ Tenne) t^iin^n pt<^f<in Sk§nib^n 
skop§n st§rp§n. 

-m-' g§rp§ne Ihm^n^ pl'efm. 

-§7ie: pVefi^ne l'lni^he (von T<^m§ Tenne)., 

c) -en: (JQrpen m§^en skpnben; me'^J'j ; Juden. 



358 Meyer. 

d) -an : hahdn • Radane. 

e) -ön : sofön jatrön ; jatron§ ; li§rone. 

Die Pluraie auf -in sind Analogiebildungen nach den gleich- 
lautenden Pluralen von Stämmen auf -in wie mulin idin u. s. w. 
(s. o. S. 349). Zunächst lag dieselbe bei Stämmen auf -^ (wie 
ari hart suvari sardzi) nahe, da die -ivi-Stämme im unbestimmten 
Nom. Sing, ihr -n eingebüsst hatten und so äusserlich den -i-Stäm- 
men gleich geworden waren. An sie schlössen sich consonantische 
Stämme an, zunächst wohl solche, wo -w-Formen daneben be- 
stehen mochten ; man darf annehmen, dass neben dem Singular 
Tum Fluss aus flumen eine aus ßumina hervorgegangene Plural- 
form bestand, die zu Tumm umgemodelt wurde ; zu skarpin vgl. 
lt. scor-piönes, zu g^vpin lt. serpentes; zu p^rin lt. parentes (hier 
hat man von einem aus p§rint entstandenen Stamm p§rin aus- 
zugehen) ; zu m§Mn meoen vgl. ai. mahdnt-. zot§rin zotnij, das 
als Plural von zot aufgeführt zu werden pflegt, ist von zotni 
zot§ri signoria gebildet. Das Verhältniss von -in zu den Formen 
auf -§n -en ist nicht klar. Möglich, dass z. B. meZm von mao eine 
alte Form ist (vgl. ai. mahdnt-), die dann durch Analogie zu m§ciin 
umgeformt ward. In -en wird -§-, wie sonst oft, aus -a- entstanden 
sein. Indem man schliesslich -n als pluralbildend auffasste, 
entstanden Formen wie Juden baban sofon von Jude babd sofö. 

Pluraie auf -§s -§zits. 

Herr Bopp hat in seiner Abhandlung über das Albane- 
sische S. 36 das ,in seiner Art einzige' ner§s dem ai. ndras die 
Männer gleichgesetzt, und das ist dann von allen, die sich über 
diese Form geäussert haben, nachgesprochen worden. Trotz- 
dem ist diese Erklärung nicht richtig. Die Form ist bereits 
oben, S. 339, in den richtigen Zusammenhang gebracht Avorden, 
der sie durchaus nicht als , einzig in ihrer Art' erscheinen lässt. 
Sie ist die Pluralbildung eines Deminutivums, eines Stammes 
ner-§z§; dieses Deminutivum hatte, wie das so oft geschieht 
und wie aus den zahlreichen oben a. a. 0. zusammengestellten 
Beispielen ersichtlich ist, seine deminutive Bedeutung eingebüsst. 
Das Suffix -z§ oder -§z§ scheint ursprünghch männliche und 
weibHche Deminutiva gebildet zu haben und die Beschränkung 
auf das Femininum eine spätere zu sein. 

Pluraie auf -lar. 

Diese türk. Bildung ist oben, S. 322, besprochen worden. 



Albanesische Studien 1. 359 

Plurale auf -vre, -urp. 

can§r oent§r Bräutigam^ Schwiegersohn, bildet canfir can- 
dür§ ^§ntur§, wo -ü, wohl für -ue- -ua- steht, also aus -o- in ge- 
schlossener Silbe (daher eigentlich oandür) hervorgegangen ist. 
Das Wort, das mit ai. jämätar- u. s. w. identisch ist, also 
eigentlich oamter lautete, mag früher Casus mit betontem Suffix 
gehabt haben, von denen sich in dem Nom. Flur, eine Spur 
erhalten hat. Zu seit seint aus lt. sancius gehört s§ritor§ s§ntore. 
Dies steht vielleicht für s§nfnore oder s§ntror§ und beruht auf 
einer Verschmelzung mit s§nt^nuor sanctificans, bei Bogdanus, 
von sf/itpiön s§nt§rön heilige. Unklar ist z^rmur§ zu zidr Feuer. 

Umgelautete Plurale. 

1. -i- Umlaut. 

Ein -a- der Stammsilbe wird oft, aber ohne Regelmässig- 
keit, durch das pluralbildende -i- zu -e- umgelautet. Dieses -i 
ist noch vorhanden in tsardeJci von tsarddk, leU von luk, zborelc 
von zhordk, pTeJi und plets von pTak, preß von pfak-gu, diej von 
dial, hueT von hual, karumhel- (unrichtig bei Heldreich karumbid') 
von karumbdl, kuel. von kal' Pferd (hier ist das v von c(a)vallus 
aus cahullus im Plural vor dem -e- erhalten ; auch kuaT kommt 
vor ; der Grund des -/' im Sing, ist mir unklar), diel von d'ial'Q 
Jüngling (auch diel'm^ offenbar mit einer neuen Snftixbildung). 
Nur an der Wirkung des Umlautes ist dieses -i zu erkennen 
in stret von strat, dzelet von dzeldt, mzet von mzat, net von nate,, 
des von das, kets von kats, kuTets von kidats, tsuvep von tsiirdp, 
fep von fap, tsiep von tsiap, sklef von sklaf, <jelm von (jalm] 
Ke und tse von ka, ske von ska, pare von jjard, re von fa Band- 
wurm. Ueber eine dazwischen stehende Silbe hinweg macht 
sich die umlautende Wirkung des -i geltend in meskuj von 
maskul, sekuj von sakid. Ein Diphthong erscheint umgelautet in 
§uej von sual. 

An solche umgelautete Plurale können andere Plurals iif- 
fixe antreten, -e ist angefügt in Me Tetse von lak, tserke von 
t§ark, geke von gak, herke von bark (die hier mit -ke geschrie- 
benen Formen sind ungenau auch mit -ke überliefert), strete 
von §trat, este zu ast (im Singular auch e.st, d. h. die umge- 
lautete Pluralform ist in den Singular eingedrungen), gerie von 
garb-li, repe von fap, trepe von irap, tsohene von tsobdn, nete 



360 Meyer. 

von iiatf^. Von musteUe wird als Singular mustaJce angeführt. Hieher 
gehört auch sMepe, das man als Plural zu skop Stab aufzufassen 
pflegt; es ist vielmehr von stap gebildet, wegen des Wechsels 
von anlautendem sk- und st- vergleiche man z. B. skie^'^ und 
stier§ Lämmer. 

-§ ist angefügt in vleh§ von vlah, kunet^ von kundt, des^ 
von dasj, kuletsQ von kulats, tsurep§ von tsurdp, tsiep§ von tsidp, 
net§ von nat§. 

-n- und -/--Formen erscheinen in stretina stret^ra von strat, 
fretnit von frat, kunetnit und kunet§re von kundt, sufetnit von 
surdt, mzetnit von mzai, es^^za und est§ra von as^. 

Durch das -t scheint auch die Umfärbung von -e- zu -i- 
in c?^V^• von cZerÄ;, Jrj^e von brek-gu, stige von stek-gu hervor- 
gerufen zu sein. Die Nebenform dii-k im Singular, die Krist. 
bietet, ist durch Beeinflussung von Seiten des Plurals entstanden, 
denn derk Ferkel ist eine Ableitung von der Schwein. 

Endlich erwähne ich hier den Plural vlez^Ji vlez§r vlezpiit 
vlez§rit neben vlaz§7i u. s. w. von vlä Bruder, der in seiner 
ganzen Bildung noch nicht klar ist. 

2. Andere Vocalveränderungen. 

Sehr merkwürdig ist der in einigen Fällen vorHegende 
Uebergang von e des Singulars in a im Plural. So bei einigen 
Femininen auf -e: ra von fe Bandwurm (so H. und Doz., sonst 
Singular fa, Plural re), ra von re Wolke , ra von re Schwieger- 
tochter, t)a von ve Witwe. Vielleicht ist hier im Singular ursprüng- 
Hches -a durch Einfluss des im bestimmten Nom. antretenden 
-ja zu -e umgelautet worden, also reja aus raja, und das -e dann 
auch im unbestimmten Nom. Sing, festgehalten worden. Da 
indessen die Etymologie der drei ersten Wörter ganz unklar, 
das lautliche Verhältniss von ve zu lt. vidua auch noch der 
Aufhellung bedürftig ist, so lässt sich darüber nichts irgendwie 
sicheres sagen. Ebensowenig kann ich eine zufriedenstellende 
Vermuthung darüber aufstellen, warum die Plurale m6 m9g von 
re6 und Oas 6asg Ms§re von 6es ein -a- gegenüber dem -e- des 
Singular zeigen, grua Frau scheint für *(/ro aus ^graus = griech. 
-(poc'jq zu stehen, der Plural grä dagegen aus *gräves entstanden 
zu sein, so dass also hier eine im Alb. sonst untergegangene 
Pluralbildung in einem Reste conservirt wäre. 



Albanesische Studien I. 



361 



In duar, g. duer dar von dor<i Hand handelt es sich um 
den weit verbreiteten Wechsel von -o- in offener mit -ua- in 
geschlossener Silbe^ der z. B. das Verhältniss von -tori zu -tuar 
beherrscht (s. o.) und hier nicht im Zusammenhange erörtert 
werden kann. Analog ist dier dver dur von der§ Thlir ; -ie- ist 
das ältere, -m- daraus entstanden wie z. B. in imet neben -piet 
fragen = It. peto. Diese Verhältnisse im Zusammenhange auf- 
zuklären bleibt einer späteren Untersuchung vorbehalten. Vor- 
läufig vergleiche man Schuchardt 278 ff. 



Verzeichniss der Abkürzimgeu. 

Die uieisten Abkürzungen in den Citaten erklären sich durch das vor- 
angeschickte bibliographische Verzeichniss. t. ist toskisch, g. gegisch; Krist. 
Matth. t. z. B. heisst Kristoforidis in seiner toskischen Uebersetzung des 
Matthäus-Evangeliums. Sonstige häufiger vorkommende gekürzte Citate sind 
die folgenden: 



Alb. B. Albanische Biene, s. Einlei- 
tung Nr. 79. 

Alf. Konst. Einleitung Nr. 89. 

Bianchi. Dictionnaire turc - francjais 
par T. X. Bianchi et J. O. Kieffer. 
2. edition. '2 Bände. Paris 1850. 

Bikelas. Sur la nomenclature mo- 
derne de la Faune grecque par 
M. D. Bikelas. Paris 1870. 

Boerio. Dizionario del dialetto vene- 
ziano di Giuseppe Boerio. 2. edi- 
zione. Venezia 1856. 

Bogorov. Frensko-bülgarski i bül- 
garsko-frenski rernikü . . . otü U.A. 
Bogorova. 2 Bände. Wien 1873, 1871. 

Brückner. Lituslavische Studien von 
Alexander Brückner. I. Die slavi- 
schen Fremdwörter im Litauischen. 
Weimar 1877. 

Can k o f. Grammatik der bulgarischen 
Sprache von A. und D. Kyriak Can- 
kof. Wien 1852. 

Cihac. Dictionnaire d'etymologie da- 
co-romane par A. de Cihac. I. Ele- 
ments latins, Frankfurt a. M. 1870. 



II. Elements slaves, magyars, turcs, 
grecs-moderne et albanais. Frank- 
furt a. M. 1879. 

Gurt ins Grdz. Grundzüge der grie- 
chischen Etymologie von Georg 
Curtius. 5. Auflage. Leipzig 1879. 

Diefenbach. S. Einleitung Nr. 95. 

Diefenbach Got. Wörterb. Ver- 
gleichendes W'örterbuch der goti- 
schen Sprache von Dr. Lorenz Die- 
fenbach. 2. Bände. Frankfurt a. M. 
1846, 1851. 

Diez. Etymologisches Wörterbuch 
der romanischen Sprachen von 
Friedrich Diez. 3. Ausgabe. 2 Bän- 
de. Bonn 1869, 1870. 

Diez Gr. Grammatik der romani- 
schen Sprachen von Friedrich Diez. 
3. Auflage. 3 Bände. Bonn 1870 
— 1872. 

D o n n e r. Vergleichendes Wörterbuch 
der finnisch-ugrischen Spiachen von 
Dr. O. Donner. I. II. Helsingfors 
1874—1876. 

Doz. S. Einleitung Nr. 90. 






362 



4 



Meyer. Albanesische Studien 1. 



drum, daco-rumunisch. 

Fick. Vergleichendes Wörterbuch der 
indogermanischen Sprachen von 
August Fick. 3. Auflage. 4 Bände. 
Göttingen 1874—1876. 

Fick Spracheinheit. Die ehema- 
lige Spracheinheit der Indoger- 
manen Europa's. Ein sprachge- 
schichtlicher Versuch von A. Fick. 
Göttingen 1873. 

H. Hahn, s. Einleitung Nr. 24. 

Hehn. Kulturpflanzen und Haus- 
thiere in ihrem Uebergang aus 
Asien nach Griechenland und Ita- 
lien sowie in das übrige Europa. 
Historisch - linguistische Skizzen 
von Victor Hehn. 2. Auflage. Berlin 
1874. 

Jub. Jubany, s. Einleitung Nr. 66. 

Kav. Kavalliotis, s. Einleitung Nr. 6. 

Kr ist. Kristoforidis , s. Einleitung 
Nr. 59, 68—72, 80—83, 106. 

Kul. Kuluriotis, s. Einleitung Nr. 105. 

K. Z. Zeitschrift für vergleichende 
Sprachforschung auf dem Gebiete 
der indogermanischen Sprachen, be- 
gründet von A. Kuhn, herausgege- 
ben von E. Kuhn nnd J. Schmidt. 
Berlin. 

mgriech. mittelgriechisch. 

M i. Albanische Forschungen von 
Franz Miklosich , s. Einleitung 
Nr. 65. 

Mi. Lex. palaeoslov. Lexicon pa- 
laeoslovenico-graeco- latinum emen- 
datum auctum edidit Fr. Miklosich. 
Wien 1862—1865. 



Mi. Rum. Lautl. Beiträge zur Laut- 
lehre der rumunischen Dialekte 
von Franz Miklosich. Wien 1881 
— 1883. 5 Hefte. 

Mi. Rum. Unt. Rumunische Unter- 
suchungen. I. Istro- und macedo- 
rumunische Sprachdenkmäler. Von 
Dr. F. Miklosich. 2 Abtheilungen. 
Wien 1881—1882. 

Mi. Vergl. Gr. Vergleichende Gram- 
matik der slavischen Sprachen von 
Fr. Miklosich. 4 Bände. 2 Ausgabe. 

m r u m . macedo-rumunisch. 

ngriech. neugriechisch. 

Pictet. Les origines indoeuropeennes 
ou les Aryas primitifs par A. Pictet, 
2. edition. 3 Bände. Paris 1877. 

Popovic. Recnik srpskoga i nemac- 
koga jezika. sastavno D'orde Popo- 
vic. 2 Bände. Pancova 1879, 1881. 

Pulj. Puljevski, s. Einleitung Nr. 75. 

Raps. Rapsodie, s. Einleitung Nr. 49. 

Rhd. Reinhold, s. Einleitung Nr. 26. 

Ro. Rossi. S. Einleitung Nr. 51, 52. 

Schuchardt. S. Einleitung Nr. 67. 

W. Tomaschek. Damit bezeichne 
ich einige mündliche Nachweise 
dieses Gelehrten über türkische 
Lehnwörter. 

T r a i n a. Nuovo vocabolario siciliano- 
italiano compilato da Antonino 
Traina. Palermo 1868. 

Weise. Die griechischen Wörter im 
Latein von O. Weise. Leipzig 1882. 

Zeitschr. für österr. Gymn. Zeit- 
schrift für die österreichischen Gym- 
nasien. 



! 



•1 



Neman ic. Cakavisch-kroatische Studien. ÖOO 



V 

Cakavisch-kroatische Studien . 

Von 

D. Nemanic. 
Erste Studie. Accentlehre. 



Vorwort. 

Seitdem ich, nun bereits fünfthalb Jahre, mitten im Volke 
lebe, das den cakavischen Dialekt .spricht, war meine Aufmerk- 
samkeit fortAvährend auf die mannigfachen Eigenthümlichkeiten 
dieses Dialektes gerichtet, welche, weil für mich neu, mein 
Interesse stets rege erhielten. Und so fasste ich denn auch 
bald den Entschluss, möglichst viel Material zu sammeln und 
dann auf Grund desselben eine Darstellung des gegenwärtigen 
Zustandes der Sprache, vorläufig mit Ausschluss alles dessen, 
was dazu aus älteren Sprachdenkmälern herangezogen werden 
könnte, zu versuchen. Die Resultate meiner diesbezüghchen 
Studien fange ich hiemit an, dem gelehrten Publicum mitzu- 
theilen. Dabei bin ich nun zwar überzeugt, dass die bisher 
erzielten Resultate meiner Arbeit in Anbetracht der langen Zeit, 
seit der ich diese Studien betreibe. Manchem als geringfügige 
erscheinen Averden, zumal da sich überdies meine bisherigen 
Studien nur auf die Sprache der Bewohner der nordöstlichen 
Hälfte Istriens (einschliesslich Libiu-niens und der Insel Veglia) 
und des kroatischen Küstenlandes erstreckten; dies hält mich 
jedoch nicht ab, mit der Veröfi'entlichung derselben hiemit an- 
zufangen, da ich erstlich weiss, dass Dialektforschungen für die 
Weiterentwicklung der Slavistik nach mehr als einer Richtung 
wünschenswerth, ja nothwendig sind, und ich deshalb hoöen 
darf, dass meine Studien, wenn schon keinen grossen, so doch 



364 Nemanic. 

wenigstens einigen Dienst der Wissenschaft leisten werden; 
da es ferner in Anbetracht des Umstandes, dass ich einerseits 
ohne alle specielle Vorkenntnisse unter das diesen Dialekt 
sprechende Volk gekommen bin und erst durch sprachliche Eigen- 
thümlichkeiten in den schriftlichen Aufsätzen meiner Schüler 
darauf aufmerksam gemacht werden musste, dass ich mich nun 
auf einem neuen Sprachfelde befinde, und ich mir andererseits, 
um sicherer zu gehen^ von allem Anfange an vorgenommen 
hatte, in meine Materialiensammlung nichts aufzunehmen, als 
was ich entweder selbst aus dem Volksmunde hören oder was 
mir von Personen mitgetheilt würde, die den Dialekt zu ihrer 
Muttersprache rechnen oder doch in ihrem vieljährigen un- 
mittelbaren Verkehr mit dem Volke genau kennen gelernt haben, 
so dass ich ihren Angaben volles Vertrauen entgegenbringen 
zu dürfen glauben musste, wohl begreiflich erscheinen Avird, 
dass ich bisher nicht viel mehr thun konnte, als ich gethan 
habe, und da ich schliesslich meine Studien auch künftighin, 
so lange es mir möglich sein wird, fortzusetzen wünsche und 
die Hoffnung hege, dass, wenn etwa der Anfang zu wenig 
glücklich sein sollte, ich bei fortgesetzten Studien die ersten 
Resultate ergänzen und etwaige Irrthümer werde berichtigen 
können. 

Meine Kenntnisse- des Dialektes nun beruhen theils auf 
meinen eigenen Beobachtungen^ theils auf mündlichen Mitthei- 
lungen verschiedener Sprachkenner, an die ich mich gelegentlich 
um Auskünfte wandte ; namentlich muss ich als meine Förderer 
hier öffentlich dankend erw^ähnen die Herren: Fr. Mikuhcic, 
Caplan, finiher in Buccari (Bakar), jetzt in Portore (Kraljevica), 
der gelegentlich meines kurzen Aufenthaltes in Buccari im Au- 
gust 1880 die Güte und Geduld hatte, mir die Betonung aller 
in seinem Büchlein : ,Narodne pripovietke etc.' vorkommenden 
Wörter und Formen anzugeben, was mich in den Stand setzte, 
von nun an den Wortaccent nach der Aussprache des gemeinen 
Volkes mit grösserer Sicherheit zu fixiren, als ich dies früher thun 
konnte ; M. Orsic, mein gewesener Schüler, jetzt Theologe des 
vierten Jahrganges in Zara, gebürtig aus Vi'bnik auf der Insel 
Veglia iKi-k); A. Kalac, soeben zum Pfarrer und Dechanten von 
Pinguente (Buzet) ernannt, früher Cooperator in seiner Heimat- 
pfarre Pisino (Pazin); J. Volcic, jetzt Pfarradministrator in 



C'akavisch-ki'oatische Studien. 365 

Cerövlje, sowie dessen Kücliin Maria, gebürtig aus Zärecje bei 
Pisiuo. Fremder Hilfe werde ich aucli künftighin bedürfen 
und empfehle mich einerseits eingeborenen Sprachkennern, dass 
sie durch gewissenhafte und verlässliche Beiträge von gram- 
matischem Material mich, wie bisher, auch bei den künftighin 
fortzusetzenden Studien freundlichst unterstützen mögen; anderer- 
seits bitte ich erfahrene Fachmänner im Interesse der Sache 
um möglichst eingehende, aufrichtige und rücksichtslose Be- 
sprechungen und Beurtheilungen meiner ersten Leistungen, so- 
wie um wohlwollende Rathschläge für meine ferneren Studien, 
die ich stets nach Möglichkeit zu befolgen trachten werde. 

Ich veröffentliche zuerst meine Darstellung der Betonungs- 
verhältnisse und werde dann die Laut- und hierauf die Formen- 
lehre folgen lassen, und zwar in dieser Aufeinanderfolge haupt- 
sächlich deshalb, weil ich namentlich in der Lautlehre mich 
öfters auf die Accentuation werde berufen müssen. 



Was nun meine Accentlehre anlangt, so unterscheide ich 
zwar eine zweifache Quantität sowohl der betonten als der 
nichtbetonten Silben, jedoch eigentlich nur eine Art von Accent, 
der, soweit ich das beurtheilen kann, auf der ersten Hälfte der 
Silbe liegt, brauche aber, da ich mit der Bezeichnung des Tones 
zugleich auch die Quantität der betonten Silbe bezeichnen Avill, 
zwei Accentzeichen, und zwar für lange Silben den Acut {'), für 
kurze Silben den Gravis ('), so dass in jedem Falle eine mit 
Acut betonte Silbe auch als lang und eine mit Gravis betonte 
als kurz sich declarirt ; und Avas die unbetonten Silben be- 
trifft^ so lasse ich die kurzen ganz unbezeichnet und versehe 
nur unbetonte Längen mit dem Zeichen der Länge (~). 

Ferner habe ich zu bemerken, dass ich mich in dieser 
Studie lediglich auf eine möglichst vollständige Darstellung 
der Betonmigsverhältnisse beschränke, in lautlicher und formeller 
Beziehung dagegen den Wörtern eine möglichst .einheitliche 
Gestalt zu geben bestrebt war, so zwar, dass ich jedes Wort 
in der Form aufnahm, von welcher ich glaube, dass sie inner- 
halb der Grenzen, bis zu welchen sich meine Sprachkenntnisse 



1' 



366 Nemanic. 



erstrecken, die gebräiichlicliste ist ; in lautlich oder formell ver- 
schiedener Gestalt nahm ich die Wörter nur dann auf, wenn 
diese Verschiedenheit auch für den Accent von irgend welcher 
Bedeutung war; und ebenso habe ich auch öfters ein und das- 
selbe Wort, wenn es mit zwei verschiedenen Suffixen gebildet 
ist, ohne deshalb nach meiner Anordnung des Stoffes von zwei- 
fachem Werth für den Accent zu sein, dennoch aus dem Grunde 
in beiden suffixalen Formen angeführt, weil diese Doppelgestalt 
vielleicht für irgend einen andern Accentologen von Bedeutung 
sein könnte. Bezüglich der rein accentuellen Seite aber war 
ich bestrebt, einzelne Wörter, da ich mir zunächst nicht vor- 
genommen habe, zu erklären oder zu begründen, sondern nur 
Thatsachen zu constatiren, in allen Accentformen , in denen 
sie zu meiner Kenntniss gekommen sind, in dieser Darstellung 
aufzunehmen, da wohl erst nach möglichst vollständig gesam- 
meltem und gesichtetem Material wird gesagt werden können, 
was älter und was jünger, was dem Dialekt eigenthümlich und 
was demselben mit anderen Sprachen gemeinsam, was für die 
Sprachwissenschaft überhaupt und für die Geschichte der Ac- 
centuation im Besonderen von grösserer und was von geringerer 
Wichtigkeit ist. Aufgenommen habe ich aber nicht blos kroa- 
tische, sondern auch Fremdwörter, soweit mir solche als in 
der gewöhnlichen Volkssprache gebräuchlich bekannt geworden 
sind, da die Sprache dieselben accentuell ebenso behandelt 
wie ihre eigenen Wörter. 

Darlegen werde ich zuerst die Betonungsverhältnisse in 
der Declination, dann die in der Conjugation; einige allgemeine 
Bemerkungen über die Accentuation werden entweder in einem 
Anhange zu dieser oder in der Studie über die Lautlehre folgen. 

Pisino, Anfangs Mai 1883. 






Cakavisch-kioatische Studien. ooi 



Erster Theil. 

Accent in der Declination. 

I. Substantiva. 

1. ]VI a s c u 1 i n a. 

Erste Classe. 
Einsilbige Stämme, resp. sing. nom. 

Erste Gruppe. 

Der Accent liegt durchgehends auf der Stammsilbe, und 
zwar durch die ganze Declination als Gravis, nur im pl. gen. I.' 
als Acut. 



Beispiel: kmet, 


rusticus. 






Singular. 


Plural. 


nom 


kmet 


kmeti 


voc. 


kmete 


kmeti 


acc. 


kmeta 


kmeti 


gen. 


kmeta 


kmet oder kme 


dat. 


kmetu 


kmUon 


loc. 


kmete 


kmet eh 


instr 


. kmeton 


kmeti 



Nach diesem Muster werden betont: 

1. 

heg, nobilis Turca, g. bega. hhk, latus, g. boka. Ihf : na 
bot, semel, simul. hrät, frater, g. brata. hrest, ulmus campestris; 
nom. propr. pagi, g. bresta. hi-k, cincinnus barbae, pl. brki. 
6^s^ frondes, g. bi-sta. cäp, hircus, g. capa. cük, Cucurbita, 
pl. cüki. ms, momentum, g. cäsa. eres, nom. propr. insulae, 
g. Cresa, ciif, fimbria, g. cüfa. ciik, strix scops, g. cHika. dxh, 

1 Der. pl. gen. masc. bat heutzutage zwei Formen: die alte kurze und 
eine neue längere, mit dem pl. nom. gleichlautende, aber häufig ver- 
schieden betonte; die erstere nenne ich im Folgenden pl. gen. I., die 
letztere pl. gen. II. Bisweilen hört man auch von den neutr. und femin. 
eine Art pl. gen. II. 



368 Nemanic. 

Spiritus; odor, g. dilia. dlanj palma manus^ g. dlana. drhi, 
corntis mascula, g. dr^na. droh^ brisa, g. droba. drhp, i. qu. drob, 
g. dropa. diih^ i. qu. dih, g. düha. f\n, finis, g. fina. fit, habitatio 
conducta; merces habitationis, 1. fite, flau, pl., tormina, g. flat. 
fräz, epilepsia, g. fraza. gad, vipera, g. gada, gnjüs, sordes; 
homo abominabilis, g. gnjüsa. grad, grando, g. grada. gräh, 
pisum, g. gralia. gnz, torsio stomachi, g. griza. gi-k, graecus, 
g. gi'ka. grom, tonitru, g. groma. grbt, infundibulum molae ; 
morbus quidam in collo ovium, g. grota. «71%^, angina, g. grüpa. 
güst, gustatus, voluptas, g. güsta. gut, guttur, g. güta. hieb, 
panis; libo, pl. g. Lieb. Ju^en, cocblearia armoracia, g. hrena. 
JiH, canis leporarius, g. hrta. hrü]), ravis, g. hrüpa. hüm, nom. 
propr. loci, g. büma. jüg, auster, g. jüga. kniet, rusticus, g. kmeta. 
kräs, terra lapidosa, g. krasa. krät: dvä krat, bis. kf-k, nom. 
propr. insulae et urbis, g. krka. ki-k, etwa sonus, g. ki'ka: ni 
ki'ka ni mrka od njega (sagt man von einem fest Schlafenden). 
h'oj), aqua fervens, g. kropa. kH, talpa, g. krta. krüh, panis, 
g. krüha. kük, coxa, femur; saxum prominens, g. küka. küm, 
compater, g. küma. khjy, acei'vus, 1. küpe. läz, nom. propr. 
campi, g. laza. lein, nom. propr. sinus maritimi, g. lema. Ibt, 
lotto, g. Iota, lüg, nom. propr. prati, g. lüga. lük, allium, g. lüka. 
met, statio piscatoria, g. meta. mot, motus, g. mota. mräk, cre- 
pusculum, g. mraka. mräz, gelu, g. mraza. 1»^^•, g. mi'ka: v. krk. 
m^s, caro porcina, g. mrsa. nük, nepos, g. nüka. päs, canis, 
g. pasa. 2^*^'^^ iiii sing, nom, und acc. als Nebenform von paz, 
nom. propr. loci, päst, cibus; portio cibi, g. pasta. plüg, aratrum, 
g. plüga. pbt, sudor, g. pota. präg, limen, 1. präge, prost, 
praepositus, g. prosta. p^^s/, digitus, g. prsta. pH, via per nives, 
g. pi'ta. pr</i, glis, g. püha. räb, nom. propr. insulae, g. raba. 
räk, Cancer, g. raka. rät, bellum, g. rata, rest, carcer, g. resta. 
ris, vampyrus, g. risa. rob, servus, g. roba. H, acumen, g. rta. 
sev, pertica ferrea circum quam lapis molaris superior versatur, 
g. sena. shod, aditus; podium, g. sböda. skäs, via acclivis, 
g. skasa. skot, pecus, v. skote. släp, nom. propr. campi, g. slapa. 
siez, malva; dolor lienis, g. sleza. slih, sordes aurium, g. sliha. 
slbg, series graminis demessi; concentus, g. sloga. split, nom. 
propr. urbis, g. splita. si'b, serbus, g. si-ba. st^/d, frigus, g. stida. 
stok, ortus (solis), g. stöka. stHii, pl., horror, g. strh. strük, 
caulis, g. strüka. strüp, venenum ; vulnus sponte natum, g. strüpa. 



j 



Öakavisch-kroatische Studien. 369 

svät, conviva iiuptialis, g. svtita. svet, consilium, g. svfeta. svih, 
eornus sanguinea, g. sviba. scäp, plenilunium ; convicium in vi- 
rum, g. scapa. sklät, genus, g. sklata. sknp, crepitus, g. äkripa. 
^mrlk, juniperus, g. smrika. §2?äs, ambulatio, g. spasa. täk, co- 
thurnus, pl. taki. täsf, socer, g. tasta. tyäf: on trat^ tunc. trs, 
vitis, g. ti'sa. tüh malus odor rerum humidaruin, g. tüha. tük, 
pinguedO; g. tüka. rld, visns; lux, g. vida. vul, nom. propr. 
viri, Vitus, g. vida. vläh, valachus, g. vlalia. vläk, ordo graminis 
demessi^ g. vlkka. *vr oder ■^■vär: na-vr, na-var im^t, cavere. 
vf-h, cacumen, pl. vi-hi. vH, liortus, g. vrta. vük, lupus, g. vüka. 
zdi'hi, pl., i. qu. sti'hi. zet, gener, g. zeta. zäk, Saccus, g. zaka. 
£es, creta^ g. :26sa. sZeZ*, canalis, g. zleba. — Hier mögen auch 
erwähnt werden : cbro, homo semicaecus, g. cora. kUo, das Kilo- 
gramm, g. kila. knjägo, homo mutilus, g. knjaga. 



&^^, flagellum, g. bica. hljmc, tamus (herba esculenta), 
g. bljüs6a. hunj, potio (in der Kindersprache), g. bünja. Sic, 
cicer, g. öica. cic, pl. 6ici, nom. propr. partis cujusdam Croa- 
tarum. fözi, pl., laganorum genus, g. füz. kllc, renuntiatio, pl. 
klici. k't'c, Spasmus, g. krca. küs, salvia hortensis, g. küsa. Ins, 
res ad luxuriam pertinens, g. lüsa. nils, mus, g. misa. mü§, 
asinus, g. müsa. pläc, fletus, g. plaöa. 2^^'c> hircus, g. prca. p?7c, 
lacuna, stagnum, g. püca. pil7ij, pugnus, g. pünja. i-'/sc, pericu- 
lum, g. ris6a. 7i,z, oryza, pl. rizi. i'bS, nom. propr. loci; vicKs 
urbis Vrbnik, g. roöa. sec, hama, g. se6a. smllj^ helichrysum, 
g. smilja. svic, catulus, g. svi6a. svhj, implicatura, g. svoja. 
skänj, scamnum, g. skanja. skerc, jocus, g. skerca. tic, avis, g. 
tica. truc, contumacia, g. trüca. fÄc, res vilissima, g. tiica. vonj, 
odor, g. vonja. vH, urceus, g. vi'öa. z\c, nom. propr. fam., g. 
zica. Silj, pancratium, g. zilja. znnnj, nom. propr. loci, g. zminja. 

Zweite Gruppe. 

Der Accent ist so wie in der ersten Gruppe, nur hat auch 
der sing. nom. und beziehungsweise der sing. acc. den Acut. 
Beispiel : vöz currus. 

Singular. Plural, 

nom. vöz vbzi 

voc. vbze vbzi 

Sitzungsber. d. phil.-liist. Cl. CIV. Bd. I. Htt. -21 



370 Nemanic. 



! 



Singular. 


Plural. 


acc. vöz 


vbzi 


gen. vhza 


vöz oder vbzi 


dat. vhzu 


vbzon 


loc. voze 


vbzeh 


instr. vbzo7i 


vbzi 



Nach diesem Muster werden betont: 



hdr, setaria, g. bara. hlisk, fulmen, g. bliska. hög, deus, 
g. boga. hok, latus, g. boka. hrest, ulmus campestris, g. bresta. 
hröd, navis, g. bröda. hrst, frondes, g. bi'sta. hrün, nomen bovis 
flavi, g. brüna. hüs, caespes; frutex, g. büsa. cdr, imperator, g. 
cara. cUn, articulus; genus, g. ölena. crv, vermis, g. crva. ddn, 
dies, g. dana. dili, spiritus, g. diha. dim, fumus, g. dima. döl, 
vallis, g. dola. döm, domus, g. doma. dren, cornus mascula, g. 
drena. dröp, brisa, g. dropa. duh, arbor, g. düba. düh, Spiritus; 
odor, g. düha. ßisk, lutum, g. fliska. frist, i. qu. flisk, g. frista. 
göd, dies festus, g. goda. göst, hospes, g. gusta. grüh, saxa mi- 
nuta, g. grüha. /wf?, incessus; iter, g. höda. /ira?n, domus, g. 
hrkma. Ära.s/, quercus, g. hrasta. liren, coclilearia armoracia, g. 
hrena. hrip, raucedo, g. hripa. käp, gutta, g. kapa. kUn, acer 
campestre, g. kl^na. klin, clavus, g. klina. kljiin, rostrum, g. 
kljüna. '^kon: nakon, praep., post. kos, turdus merula, g. kosa. 
Tcrdk, femur, g. kraka. Idn, linum, g. lana. Idv, leo, g. lava. 
Zaz, apertura saepis; nom. propr. prati, g. Ikza. Ud, glacies, g. 
l^da. löv, venatio, g. lova. /m^;, nemus, g. lüga. ma/j, muscus, 
g. maha. med^ mel, g. meda. mel, pulvis, g. mela. mir, pax, g. 
mira: s miron, in pace, inquiete; semper. mldn, palus quo lapis 
molaris versatur, g. mlana. möst, pons, g. mösta. moX<7; medulla, 
g. mozga. mrdk, tenebrae, g. mraka. nös, nasus, g. uösa. jJiV, 
triticum spelta, g. pira. ^sZes/;;, plausus, g. pleska. pZoc?, fructus, 
g. ploda. pZo'f, saepes, g. plota. post, jejunium, g. posta. poi, 
sudor, g. pöta. praA, pulvis, g. prklia. röd, genus; proles; pro- 
pinqui, g. roda. rog, cornu, g. röga, sek, sectio, g. s^ka. sir, 
caseus, g. sira. sUd, vestigium, g. sleda. smUd, herbae genus, 
g. sml^da. smok, condimentum, g. smoka. smrdd, foetor; sordes, 
g. smrkda. sneg, nix, g. snega. srp, falx, g. srpa. stög, meta 
foeni, g. stüga. strdh, metus, g. strkha. strüg, scobis, g. strüga. 



I 



Cakaviscb-kroatische Studien. 371 

struk, caulis, g. strüka. Scip, pertica longior in fine diffissa ad 
colligendas gallas, g. s6ipa. scir, amaranthus blitum, g. scira. 
skdr, saxum in forficis modum excavatum, g. skkra. stov, epulae, 
g. stova. Strem, porticiis, g. sü'ema. trag, vestigiuni; g. traga. 
tük, pinguedo, g. tiika. vir, fons, g. vira. vösk, cera, g. vöska. 
vöz, currus, g. voza. vrdg, diabolus, g. vraga. vük, lupus, g. 
vüka. vres, erica, g. vresa. ziih, dens, g. züba. zvdn, Joannes, 
g. zvana. zvön, campana, g. zvöna. zvräfi, pl., versura (i. e. ea 
pars agri, qua boves in arando versantur), g. zvrät. zdrdl, grus, 
g. zdrala. zir, poma, g. zira. — Hier werde auch erwähnt: 
ddn, dies, g. dneva. 

2. 

hris, nionticellus, g. brisa. ß'dj^ consessus, g. fraja. ^cy, 
nemus, g. gäja. gnjöj, fimus, g. gnjoja. hmelj, humuhis lupulus, 
g. hnielja. krdj, niargo; finis; regio, g. kraja. löj, sebum, g. löja. 
mdj , mensis Majus; ramus quem nocte ante Kalendas Majas 
adulescentes sub fenestras puellaruni apportant; termes crepi- 
taculi, g. maja. melj, humus terreus, g. mclja. "panj, truncus, 
g. panja. jpldc, fletus, g. plkca. rdj, paradisus, g. raja. smj, 
nom. propr. urbis, g. senja. smilj, hehchrysum, g. smilja. sfenj, 
ellyehnium, g. «tenja. skdnj, scamnum, g. skanja. skrdnj, teni- 
pus (capitis), g. skranja. spdnj, clavi lignei genus, g. spanja. 
vrulj, fons, g. vrülja. zmiij, draco, g. zmaja. 

Anmerkung. Selten hört man einzelne zweisilbige For- 
men der hier aufgezählten Substantiva mit dem Accent auf der 
letzten Silbe. So hörte ich: sing. gen. facöl od nosä; instr. 
vozön. pl. nom. tr te se zvonl razbit! gen. koliko je hogi? kä mü- 
zika od zvoni! loc. krajeh, stogeh oder krajeh, stogeli; instr. rogi. 

Dritte Gruppe. 

Die Stammsilbe ist durchgehends mit Acut betont. 
Beispiel: hrdv, vervex. 



I 





Singular. 


Plural. 


nom. 


hrnv 


brdvi 


voc. 


brdve 


brdvi 


ace. 


hrdva 


brdvi 


gen. 


hrdva 


brdv oder brdvi 


dat. 


hrdvu 


brdvon 

24* 



1 



372 Xemanic. 

Singular. Plural, 

loc. brave brdveh 

instr. hrdvon brdvi 

Nach diesem Muster werden betont: 

1. 

drt, artiticium, g. arta. hdl, saltatio, g. bala. bar, setaria, 
g. bära. bdzg, sambucus nigra, g*. bäzga. blud, stuprum, g. bliida. 
brdv, vervex g. bräva. breg, collis ; ripa, g. brega. brest, ulmus, 
g. bresta. brk, cincinnus barbae, g. brka. brüs, cos, g. brüsa. 
bils, caespes; frutex, g. büsa. cdr, imperator, g. cära. cent, cen- 
tum librae, g. centa. cep, baculus tribulae, g. cepa. cvet, flos, 
g. cveta. clen , articulus, g. clena. cmdrn , germ. schmarn, 
g. cmärna. crep, testa, g. crepa. h''v, vermis, g. cfva. cus, rhyn- 
chites betuleti ; nom. propr. fam., g. cüsa. ddn, dies, g. däna. 
ddr, donum, g. dära. dol: ozdola, ab imo. düh, arbor, g. duba. 
düg^ debitum, g. düga. düh, spiritus, g. düba. dvol, nom. propr. 
campi, g. dvola. dvör, stabulum, g. dvöra. fdnt, apparitor, 
g. fänta. frdn, Franciscus, g. fi'äna. frdt, monachus, g. fräta. 
fünf, libra, g. fünta. gldd, fames, g. gläda. glas, vox; fama; nun- 
tius, g. gläsa. gi-dd, urbs, g. gräda. greh, peccatum, g. greha. grez, 
der Gries, g. greza. grüh, saxa minuta, g. gi^üha. gilt, gnittur, 
g. güta. hek, nom. propr. fam.; pl. heki, nom. propr. pagi. hldd, 
umbra, g. hläda. hldrn, collis, g. hläma. hiev, suile, g. hleva. 
hlild, pertica, der Wiesbaum, g. hliida. hör, homo nequam, 
g. höra. hük, clamor; vox hu!, g. hüka. hiist, cannabis degener 
(nee mas nee femina) ; frutex, g. hüsta. jdd, ira, g. jäda. jdz, 
vorago, g. jäza. kdl, lacuna, g. käla. kdl, callum, pl. käli. käs, 
vestimenti corpus, g. käsa. klds, spica, g. kläsa. klüd, i. qu. hlüd, 
g. klüda. krdk femur, g. kräka. krdk, voces ranarum, g. kraka. 
kramp, rastrum, g. krämpa. krek, voces ranarum, g. kreka. 
kres, ignis festivus, g. kresa. k/i, talpa, g. krta. knlg, rupes, 
g. krüga. kiik, os coxae; saxum prominens; pl. küki auch stuppa. 
km, frustum, g. küsa. kvdrt, quarta pars, g. kvärta. kvds, fer- 
mentum, g. kväsa. list, folium ; epistula, g. lista. löv, venatio, . 
g. löva. hik, arcus, g. lüka. Iüjj, putamen, g. lüpa. mdh, muscus, 
g. mäha. meh, uter; follis, g. meha. mldt, manubrium tribulae, 
g. mläta. mrdv, formica, g. mniva. mrs, caro porcina, g. mi'sa. 
]jdl, uredo; ira, g. pala. par, par, g. para. p'^f*', cingiilum, 



Cakavisch-kroatische Studien. ö7 O 

g, päsa. pdZj num. propr. loci, g. paza. p«')", convivium nuptiale; 
nuptiae, g. pii*a. plen, praeda, g. plena. ples, saltatio, g. plesa. pol, 
sing. nom. et acc, dimidium: pölnc, indccl., meridies. pöls, die 
Manschette, g. polsa. prdh, pulvis, g. präha. prdz, aries, g. präza. 
prez, germ, Fritz, g. preza. prüt, virga, g. prüta. pük, populus, 
g. püka. püst^ der Carneval; die Fastnacht, g. pusta. püi, via, 
g. püta. rdl, jugerum, g. räla. red, ordo; ordo vitium, g. reda. 
red, heres, g. reda. ruh, margo ; pannus quo quid obligatur, 
g. rüba. sdd, vinea nova, g. sada. sät, favus, g. säta. sin, filius, 
g. sina. sldk, convolvulus, g. släka. sied, vestigium, g. sleda. 
smrdd, foetor; sordes, g. sniräda. sneg, nix, g. snega. söld, it. 
I soldo, g. solda. spas, salus, g. spcisa. s/>i<(Z, modius quo vinum 
metiuntur;, g. spiida. srdh, Scabies, g. sraba. srdm, pudor, g. srä- 
iiia. srd, ira, g. srda. srp, falx, g. srpa. stdn, habitatio, g. stäna. 
sirdh, metus, g. sträha. .s^?<^;, columna, g. stupa. .s«cZ, vas^, g. suda. 
.sre<, mundus, g. sveta. scip, pertica longior in fine diffissa ad 
colligenda poma, g. scipa. Hm, susurrus; sonitus, g. siima. svik, 
vinum acidum, g. svika. tdt, fm-, g. täta. teg, frumentum 5 fruges, 
g. tega. tir: püsken tir, sclopeti jactus, g. tii'a. tör, vestigium, 
g. töra. trag, vestigium, g. traga. trdk, taenia; radius (sohs), 
g. träka. im, spina, g. ti'na. tük, pinguedo, g. tuka. iid, arti- 
oulus, membrum, g. üda. vdl, unda, g. väla. van: na jedan van 
govorit, temer e ac fortuito loqui. vek, saeculum, g. veka: vavek 
und, gewöhnlicher, vavek, semper. vez, vinculum, g. veza. vlns, 
capillus, g. vlasa. vrdg, diabolus, g. vräga. vrdt, Collum, g. vrcäta. 
vrh, cacumen, g. vrha. vük, lupus, g. vüka. zid, murus, g. zida. 
zndk, Signum, g. znäka. zrdk, aer, g. zräka. züh, dens, g. zuba. 
zdl, indecl. : zal mi je, doleo. zUr, apparitor, g. zbii'a. zir, poma, 
g. zira. zldjf, sufflamen, g. zläjfa. zieh, canalis, g. zleba. zvik, 
vis ; animus , g. zvika. — Hier mögen auch erwähnt werden : 
coro, homo semicaecus, g. cöra. knjdgo, homo mutilus, g. knjäga. 



hldz, Blasius, g. blaza. hljüic, asparagus silvestris, g. bljü- 
sca. cmrlj, illae quasi bullulae in vino, cum funditur, g. ömrlja. 
drenj, cornus mascida, g. drenja. füzi, pl., cibi farinacei genus, 
g. fiiz. güsc, faex; cannabis degener (nee mas nee temina), 
g. güsca. jez, erinaceus, g. jeza. kldc, homo vagus, g. kla^a. 
Idee, nom. propr. campi^ g. kleca. knjesc, infans raultum plorans 



374 Nemanic. 

g. knjesca. kriz, cniX; g. kriza. Iii6, hix^ g. lüca. mec, meditul- 
liiim panis, g. meca. mldj, novilunmm, g. mläja. mlec, euphorbia, 
g. mleca. muz, vir; maritus, g. muza: pdc: pl. paci, sororum 
mariti, g. päc. />«??_/; truncus, g. pänja. pi's'^ virina, g, pisa. pldsc, 
pallium^ g. pläsca. princ, princeps, g, princa. ^«ti, limaX; g. puza. 
j-iic^ pericukim, g. risca. stric, patruus^ g. strica. skflj, alauda, 
g. skrlja. zec, lepus^ g. zeca. 

Anmerkung. Einige von diesen Substantiven betonen 
ihre zweisilbigen Casusformen mitunter auch auf der letzten 
Silbe. So z. B.: sing. gen. auch hregä, grädä, snegä, vrägä; 
mlecä. sing. loc. auch brege, dühe, glase, gräde, hläde, käle, küse, 
pure, siede, strähe, svete, zlde. pl. nom. auch cejn- pl. acc. auch 
vläsl. pl. loc. auch hr^geh, hrkeh, grädeh, vläseh oder hregeh, 
brkeh, gradek, vlaseh. Andere wieder werden auch durch die 
ganze Declination nach der sechsten Gruppe betont; so nament- 
lich regelmässig greh und kriz. 

Vierte Gruppe. 

Von den einsilbigen Casus ist der sing. nom. und be- 
ziehungsweise acc. mit dem Gravis^ der pl. gen. I. mit dem 
Acut betont ; von den zweisilbigen Casusformen betonen regel- 
mässig nur der sing. voc. und der pl. gen. II., manchmal auch 
pl. loc. und instr. die Stammsilbe mit dem Gravis^ alle übrigen 
Casus dagegen die letzte Silbe^ und zwar der sing, instr. und 
der pl. dat. mit dem Acut^ der pl. loc. bald mit dem Acut; bald 
mit dem Gravis, die übrigen Casus mit dem Gi'avis. 

Beispiel : pöp, sacerdos. 



Singular. 


Plural. 


nom. pbp 


popi 


voc. pope 


popi 


acc. popä 


popi 


gen. popä 


pöp oder popi 


dat. pojjü 


popön 


loc. pope 


popeh oder popeh und phpeh 


instr. popön 


popi und popi 



Kach diesem Muster werden betont: 

1. 
hak, taurus, g. baka. hat, üstuca, g. bata. hob, faba, 
g. boba. brek^ canis, g. brekk. cer, quercus cerris, g. cerä. chk, 



Cakavisch-kroatische Studien. 375 

triincus, g. cokk. cvek, clavus ferreus, g. cveka. <feh, nom. propr. 
fam.; pl. cehi, nom. propr. pagi. cep, embolus, g. cepa. drek, 
stercus, g. dreka. groh, sepulcrum, g. groba. grhf, comes, g. grofa- 
grbzd, uva, g. grozda. klen, acer campcstre, g. klena. klop, 
Ixodes ricinus, pl. klopi. krst, baptisma, g. krstk. päs, canis, 
g. pasa. pleh, succidia, g. pleha. phd, tabulatum, g. poda. pop, 
sacerdoS;, g. popä. püh, glis, g. puha. säs, mamma^ g. sasa. 
sklbp, articiilus, pl. sklopi. skroh, pids, g. skroba. siez, althaea; 
malva; g. sleza. snop, merges; fasciculus, g. snopa. scäp, pleni- 
hmiuni; convicium in virum, g. scapa. speh, lardvim, g. speha. 
trst, nom. propr. virbis, g. trsta. vrh, cacumen^ g. vrhk. zep, 
Saccus, g. zepa. zok, crepida, g. zoka. — Hier sei auch erwähnt : 
päs, canis, g. sva. 

2. 

hac , nom. propr. campi, g. back, khs, corbis, g. kolk. 
shij, nom. propr. urbis, g. senjk. 

Fünfte Gruppe. 

Die Betonungsverhältnisse sind die nämlichen wie in der 



vorhergehenden Gruppe, nur 


hat auch der sing. nom. und be- 


ziehungsweise acc. den Acut. 




Beispiel: skölj, insula. 




Singular. 


Plural. 


nom. skölj 


skoljl 


voc. skolju 


skoljl 


acc. skölj 


skoljl 


gen. skoljä 


Skölj oder skolji 


dat. skolju 


skoljen 


loc. skolje 


skoljeh oder skoljeh und skbljeh 


instr. skoljen 


skolfi und skolji 



Nach diesem Muster werden betont: 

1. 

hrek, canis, g. breka. cer, quercus cerris, g. cerk. droh, 
exta, g. drobk. dvör, stabulum, g. dvork. g)% graecus, pl. grki. 
gröh, sepulcrum, g. grobk. kröv, tectum, g. krovk. röv, fovea, 
g. rovk. stöl, mensa, g. stolk. völ, bos, g. volk. vrh, cacumen, 
g. vrhk. — Hier merke auch: ddit, dies, pl. nom. diii und dni: 



376 Nemimid. 

vg]. auch pölne, meridie. sdn, somnus, g. sna. sdv, STitura, 
g. Iva; sowie mdzgo, equus mulus, g. mazga. 



bröj, numerus, g. broja. ddz, pluvia, g. dazja. konj, equus, 
g. konja. mölj, tinea, pl. molji. skölj, insula, g. skolja. 

Anmerkung. Vgl. die Anmerkung zur zweiten Gruppe. 
Im pl. gen. II. habe ich auch gehört : hreki, ceri und rövt. 

Sechste Gruppe. 

Die Betonung ist dieselbe wie in der fünften Gruppe, 
nur ist die Stammsilbe stets lang und hat deshalb, wenn sie 
in zweisilbigen Casusformen betont ist, den Acut. 

Beispiel : krdlj, rex. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


krdlj 


krälji 


voc. 


krdlju 


krcäji 


acc. 


kräljä 


krälji 


gen. 


kräljä 


krdlj oder krdlji 


dat. 


kräljh 


kräljen 


loc. 


krälje 


kräljeh oder kräljeh und krdljeh 


in Str. 


kräljen 


krälß und krdlji 



Nach diesem Muster werden betont: 

1. 

cik, avis quaedam, g. cika. cmdr, stomachus, g. cmära. 
crv, vermis, g. örva. cük, strix scops, g. cüka. del, pars; actus, 
g. dela. dilb, arbor, g. dilba. dvör, stabulum, g. dvöra. greh, 
peccatum, g. greha. ghn, arbor; quercus, g. grma. hip, momen- 
tum, g. hipa. kdk, femur, g. käka. kljiin, rostrum, g. kljiina. 
knjdk, infans multum plorans, g. knjäka. knjes, i. qu. knjak, 
g. knjesa. küt, angulus, g. küta. lek, medicamentum, g. leka. 
lüg, nemus, g. lüga. lüg, lixivium, g. lüga. h'ik, arcus, g. lüka. 
fdl, ligna coraburenda, g. päla. jpdz, nom. propr. loci, g. päza. 
püf, via, g. püta. rep, cauda; pediculus pomi, g. repa. rim, 
Roma; dies festus Portiunculae, g. rima. rüg, ludibrium, g. rüga. 
sin, filius, g. sink, timeh, risus, g. smehii. spüd, modius quo me- 
tiuntur vinura, g. spüdn. stdr, modii genus, g. stärk, stüp, co- 
lumna, g. stüpk. snd, Judicium, g. südk. Udp, baculus, g. s6äpk. 



Cakavisch-kroatische Stadien. 377 

scüt, pediculus pomi, g". scütk. sj)dg, funiciilus^ g. späga. tdl, 
pars, pl. täli. tat, für, g. täta, trn, spina, g. trnä. trst, nom. 
propr. iirbis, g. tfsta. trnd, labor, g. trüclk. vlek, tignum qiiod 
trabitur ex silva, g. vleka. vrh, cacumen, g. vfhk. zrdk, aer, 
g. zräka. zdrnl, grus, pl. zdräli. zir, poraa, g. zira. zur, serum, 
g. züra. — Merke aiicb : Miko, Nicolaiis, instr. ■Mikön. 

2. 

hdii, nom. propr. campi^ g. back, hec, nom. propr. urbis 
Viennae ; nummus ; pl. heci, pecunia. hilj, gausape, g. blljk. 
hljüsc , tamus, g. bljüsck. hrs, caries, g. bfsa. hüz , vipera, 
g. büza. ddz, pluvia, g. däzjk. drenj, cornns masciila, g. drenja. 
drsc, turdus, g. dfsck. füz, i. qii. bi'iz, g. füzk. gdj , nemus., 
g. gäja. güz, i. qu. büz, g. güzk. hilj, frnmenti geniis, g. hilja. 
kljuc, clavis, g. kljück. krdlj, rex, g. kräljk. kriz, crux, g. krizk. 
kvic, qui acriter clamat, g. kvick. Ijt'dj, lolium, g. Ijüljk. nöz, 
culter, g. nöza. pdlj, haustrum, g. päljk. pldsc, palliiim, g. plä- 
sdk. pülj, nom. propr. urbis, g. püljk. /^"^j limax, g. püzk. rulj, 
rhiis, g. rCdjk. smilj, helicbrysum, g. smiljk. stenj, ellychnium, 
g. stenjk. sils, macies, g. süsk. sjivz, helleborus niger, g. sprzk. 
si'dj, ramus frondosus qno frumentum tritiiratum purgant, g. süljk. 
ülj, alvearium, g. üljk. vuz, i. qu. buz, g. vüzk. züj, pancratiiim, 
g. ziljk. zmi'dj, poculum, g. zmidjk. ziHj, callus, g. zrdjk. 

Anmerkung. Im pl. gen. IL hörte ich auch stärl neben 
stdri. Vgl. ferner noch die Anmerkung zur dritten Gnippe. 
Nur äusserst selten kann man die regelmässig auf der letzten 
Silbe betonten zweisilbigen Casus mit kurzer und (mit Gravis) 
betonter Stammsilbe hören : itanti moji smlhi zvflku pet fjo- 
rini zi zepk. 

Zweite Classe. 
Ziceisilhige Stämvie, resp. sing. nom. 

a) Solche, welche im sing. nom. ein bewegliches a 
enthalten und somit auch nach Annali nie von Casus- 
suffixen zweisilbig bleiben. 

Erste Gruppe. 
Der Accent liegt, und zwar als Gravis, durch die ganze 
Declination auf der ersten Silbe; nur im pl. gen. 1. springt er 
gewöhnlich als Acut auf die letzte Silbe über. 



378 







Nemanic. 




eispiel : 


svedar, 


terebra. 








Singular. 


Plural. 




nom. 


svedar 


svidri 




voc. 


svedre 


svedri 




acc. 


svedar 


svedri 




gen. 


svedra 


svedar oder svedri 




dat. 


svedru 


svedron 




loc. 


svedre 


svedreh 




instr. 


svedron 


svedri 


flp.li Hif 


\spm M 


ister werden b( 


=^.tont : 



1. 

bäkar, cuprum; nom. propr. urbis, g. bakra. häzag, sam- 
bucus nigra, g. bazga. cükar, saccharum, g. cükra. fränjak: 
pl. franjki, tributum, g. franjäk. frätar, monachus, g. fratra. 
grahar , carpinus betulus, g. grabra. grljak , Collum lagenae; 
tubiis sclopeti; lapis putealis supremus, g. grljka. jägal: pl. jagli, 
puls setariae, g. jagäl. kahal, aqualis urna, g. kabla. kläftar, 
decempeda, g. klaftra. klostar, monasterium, g. klöstra. klupak, 
glomus, g. klüpka. läkat, cubitus, g. lakta. libar, liber, g. libra. 
lijak, infundibulum, g. lijka. litar, le litre, g. litra. mestar, ma- 
gister;, g. mestra. metar, le metre, g. metra. momak, juvenis, 
g. momka. inbzag, medulla^ g. mözga. nbkat, unguis, g. nokta. 
nügal, angulus vallis inter duos montes convergentes, g. nügla. 
bsal, asinus, g. ösla. petar, Petrus, g. petra. pican, nom. propr. 
loci, g. pi6na. pljünak, sputum, g. pljünka. 'porat, portus, g. pörta. 
präsak, fragor, g. praska. phpak. umbilicus; gemma, g. püpka. 
strbsak, sumptus, g. ströska. svedar, terebra, g. svedra. svekar, 
socer, g. svekra. fipak, rosa, g. sipka. tigar, tigris, g. tigra. 
trosak, i. qu. strosak, g. troska. «wraÄ;, Turca, g. türka. nzal, 
nodus, g. üzla. vetar, ventus. g. vetra. 1;^Äar, procella, g. vihra. 
OTsafc, altitudo, g. viska. vHal, hortus, g. vrtla. vrnjak, fons, 
g. vrüjka. vügal, angulus, g. vügla. — Hier merke auch: decko, 
puer, g. deöka. s^wÄ;o, homo sputo madens, g. slinka. smijko, 
homo stultus, g. sünjka. 

hädanj, labrum, g. badnja. bbdac, pleuritis, g. böca. bbdalj, 
Spina, g. bodlja. bbzac, nom. propr. fam., g. bösca. brätac, fra- 
tellus, g. braca. bubanj, tympanum, g. bübnja. büsac, osculum, 



Calcavisch-kroatische Studien. o79 

g. büsca. cesalj, pecten, g. ceslja. clralj, apostema, g. cirlja. 
d^vac, buxus semper virens, g. drvca. fr'kalj, frustum delapsum, 
g. frklja. gy'hac , nom. propr. fam.^ g. grbca. (jrlac, Collum 
lagenae ^ supremiis putealis lapis, g. grlca. güclac, citharoedus, 
g. güca. gümac, gallus gallinaceus collo densioribus et longio- 
ribus plumis contecto, g. gümca. hläpac , servus, g. hlapca. 
hlebac, panis, g. hlebca. jelac , homo edaX; pl. jelci. ji(raj, 
Georgius, g. jürja. käcalj, blatta orientalis, g. kaölja. käsalj, 
tussis, g. kaslja. kihac, sternutatio, g. kihca. kukac, scarabaeiis, 
g. kükca. kuvac, prunum ramicosum, g. küvca. kuzalj, unda, 
g. küzlja. lisalj, Impetigo, g. lislja. mutac, homo mutus, g. müca. 
pedalj, palmus, g. pedlja. p^dac, crepitus ventris, g. prca. ph- 
tac, globulus libulatorius, g. püca. rebar, spica zeae defoliata, 
g. rebca. ruhac, sudarium, g. rübca. secanj, februarius, g. sec- 
nja. slepac, homo caeciis ; fraudator, g. slepca. svsanj, crabro, 
g. si'snja. stüpac, cohimella, g. stüpca. sv'etac, sanctus, g. sveca. 
scäpac, quod extremis digitis comprehendi et teneri potest, 
g. scapca. sepac, homo claudus, g. sepca. skrhac, homo eden- 
tulus, g. skrbca. skripac, arca lignea stridens in aperiendo et 
occludendo, g. skripca. srnr-kalj , mucus, g. smrklja. strigalj, 
strigilis, g. striglja. striiccdj oder strtikalj, cibi farinacei genus, 
g. strüclja oder strüklja. smanj, folia arida, g. süsnja. tecalj, 
cardo, g. teclja. tepac, vagabimdus, g. tepca. trhhac, os; labium, 
g. trübca. ngalj, carbo, g. üglja. Tibzac^ vector, g. vösca. v^ganj, 
aratrum; jugerum, g. vrgnja. vnzalj, nodus, g. vüzlja. zäkcdj, 
Saccus, g. zaklja. zuzanj, lorum calcei, g. züznja. 

Anmerkung. Der sing. voc. von bratac lautet auch 
brdce ; der sing. loc. von grlac auch grlce. Was den pl. gen. I. 
betrifft, so kann ich nicht bei jedem einzelnen Substantiv an- 
geben, ob derselbe auf der letzten Silbe mit ' oder auf der 
ersten mit " betont zu werden pflegt, und constatire nur: decdk, 
franjdk, jagdl, klupdk, lakdf^ lijdk, sveddr, svekdr, vetdr, vrtdl ; 
peddlj, prddc, strukdlj , und dagegen: fr Mar, metar] brafac. 
Auch Formen, wie nbhät, mefär sollen volksthümlich sein. 

Zweite Gruppe. 

Die Casusformen ohne das bewegliche a sind auf der 
ersten Silbe mit dem Acut betont; sonst ist die Accentuation 
wie in der ersten Gruppe. 



380 

Beispiel 





Nemanic. 




länac, 


catena. 






Singular. 


Plural. 


nom. 


länac 


Idnci 


voc. 


Idnce 


Idnci 


acc. 


länac 


Idnci 


gen. 


Idnca 


lande oder Idnci 


dat. 


Idncu 


Idncen 


loe. 


Idnce 


Idncek 


in Str. 


Idncen 


Idnci 



Nach diesem Muster werden betont: 

1. 

hänak, scamnum, g. bänka. häras, vitis pergulana major, 
g. bärsa. heran, nom. propr. loci;, g. berma. cäval, clavus, 
g. cavla. djäval , diabolus^ g. djävla. fänai, puer, g. fänta. 
fränjak: pl. fränjki, tributum, g. franjäk. fünat, libra, g. fiinta. 
känat, cantiis^ g. känta. kärag, onus, g. kärga. kväraf, quarta 
pars, g. kvarta. lijak, infundibulum, g. lijka. lUak, ficus de- 
generatus, g. lilka, oral, aquila, g. orla. pärat, pars, g. pärta. 
pljünak, Sputum;, g. pljimka. punat, punctum-, nom. propr. loci, 
g. punta. rujan, September, g. rüjna. shlad, it. soldo, g. solda. 
türak, Turca, g. türka. — Hier merke auch: hdrba, patruus, 
g. bärba. mdrko, Marcus, g. märka. penko, nom propr. fam., 
g. penka. rünko, nom. propr. fam., g. rimka. sinko, filius, 
g. sinka. söldo, it. soldo, g. sölda. sünko, homo animi imbecilli, 
g. siinka. vöjno, maritus, g. vöjna. 

2. 

humc, osculum, g. bi'isca. hJäpac, servus, g. hläpca. krämac, 
casa pastorum, g. hrämca. jänjac, agnus, g. jänca. juraj, Geor- 
gius, g. jui'ja. kirac, cognomen cujusdam partis Croatarum qui 
sunt de ora maritima, pl. kirci. klinac, claviculus, g. klinca. 
kruljac, digitus mutilus, g. kniljca. kurac, penis, g. kürca. 
länac, catena, g. länca. märac, martius, g. märca. mimac, nom. 
propr. fam.; pl. münci, nom. propr. pagi. pälac, pollex, g. pälca. 
sirac, caseolus, g. sirca. stärac, senex, g. stärca. stronac, stercus, 
g. strönca. silac, sartor, g. silca. sp'üjac, hordeum pinsitum, 
g. spiljca. tänac, saltatio, g. tänca. telac, vitulus, g. telca. tkälac, 
textor, g. tkälca. zäjac, lepus, g. zäjca. zdenac, fons, g. zdenca. 



Cakavisch-ki-oatische Studien. 381 

znänac, homo cognitus, g. znänca. zlulac, ripa, g. zbälca. zminjac, 
incola loci Zminj, pl. zminjci. ziilac, gelatina, g. zülca. 

Anmerkung. Neben kirci soll der pl. nom. auch kirct 
betont werden. Die Betonung des pl. gen. I. kann ich ebenso 
wenig in jedem einzelnen Falle genau bestimmen, wie in der 
ersten Gruppe, und verzeichne nur: cavdl, franjdk, kvarät, lijdk, 
"pundt, sindk ; janjdc, lande, stardc, und dagegen: sblad; länac, 
znänac, sowie angebhch hänäk. Merke hier ferner auch den 
sing. voc. hrdce aus der Anmerkung zur ersten Gruppe. 



Dritte Gruppe. 

Die erste Silbe ist durchgehends mit dem Acut betont; 
nur im pl. gen. I. kann derselbe Accent, unter Kürzung der 
ersten Silbe, auf die Ultima springen. 

Beispiel: spegal, speculum. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


Spegal. 


spegli 


voc. 


spegle 


spegli 


acc. 


spegal 


spegli 


gen. 


spegla 


spegal oder spegli 


dat. 


speglu 


speglon 


loc. 


spegle 


spegleh 


instr. 


speglon 


Spegli 



Nach diesem Muster werden betont: 

1. 

frdtar, monachus, g. frätra. frndal, trochus, g. frndla. 

Idkat, cubitus; ulna, g. läkta. secan, februarius, g. seöna. spegal, 

H speciüum, g. spegla. tigar, tigris, g. tigra. vüzal, nodus, g. vuzla. 

2. 

böclalj, Spina, g. bödlja. krdmpalj, unguis, g. kramplja. 
leganj, avis quaedam; homo desidiosus, g. legnja. rezanj, seg- 
mentum, g. reznja. secanj, februarius, g. seenja. sezanj, decem- 
peda, g. seznja. srpanj, Julius, g. srpnja. scdpac, quod ex- 
tremis digitis comprehendi et teneri potest, g. s6apca. skrdm- 
palj, i. qu. krämpalj, g. skrämplja. süsanj, folia arida, g. susnja. 



382 Nemanic. 

trkalj, spica zeae, g. trklja. vüzalj, nodus, g. vüzlja. zdjac, 
lepus, g. zäjca. «1 

Anmerkung. PI. gen. I. frdfar, trkalj und lakdt, sezdnj. 

Vierte Gruppe. 

Im sing. nom. und beziehungsweise acc. und sing, voc, 
sowie im pl. gen. ü. und manchmal pl. loc. und instr. ist die 
erste Silbe mit Gravis, in allen übrigen Casusformen dagegen 
die letzte Silbe betont, und zwar im sing, instr. und pl. gen. I. 
und dat. mit Acut, im pl. loc. bald mit Acut, bald mit Gravis, 
sonst immer mit Gravis. 

Beispiel: tnestar, magister. 

Plural. 

mestrt 

mestri 

mestri 

mestdr oder meJtri 

meströn 

viestreh oder mestreh und mestreh 

mestri und mestri 

Nach diesem Muster werden betont: 

bäkar, cuprum ; nom. propr. urbis, g. bakra. kopar, nom. 
propr. urbis, g. kopra. onestar, magister, g. mestra. momak, 
juvenis, g. momka. stähar, pälus, g. stabra. svekar, socer, 
g. svekra. 

Anmerkung. Der sing. voc. von mumak lautet mömce. 

Fünfte Gruppe. 

Auch im sing. nom. und beziehungsweise acc. ist die 
letzte Silbe mit Gravis betont; sonst ist die Betonung wie in 
der vorangehenden Gruppe. 





Singular. 


nom. 


mestar 


voc. 


mestre 


acc. 


mesfrä 


gen. 


mestra 


dat. 


mestrü 


loc. 


mestre 


instr. 


meströn 



Beispiel: 


otäc, patei 


r. 








S] 


ngular. 


Plural. 






nom. 


otäc 


od 






voc. 


Me 


oci 






acc. 


ocä 


0(^ 






gen. 


ocä 


otdc 


oder bei 




dat. 


ocü 


ocen 





Cakavisch-kioatiscbe Studien. 383 

Singular. Plural, 

loc. oce oceh oder oc^h und hceh 

instr. oce7i oci und hei 

Nach diesem Muster werden betont: 

1. 

cesän, allium sativum, g. cesna. hahät, sarabucus ebulus, 
g. habta. hapät, vapor, g. hapta. hrhaf, dorsum, g. hrbta. ocät, 
acetum, g. oeta. popär, piper, g. poprk. stabär, pälus; admini- 
eulum, g. stabra. foräk, dies Martis, g. torka. vazän, pascba, 
g. vazma. 

2. 

bodäc, pleuritis, g. boca. bodälj, spina, g. bodlja. c^omc, 
viduus, g. dovcH. drobäc, intestina, g. droben, ganäc, unci genus, 
g. ganca. grobuc, sepulcrum, g. grobea. hropäc, ille singultus 
quo anima redditur, g. bropck. Jdepär, campanae pistillum; 
malleolus foenisecae ad tundendam falcem; pl. klepci, g. klepäc, 
ineus et malleolus foenisecae. kosäc, foeniseca, g. kosca. lazäc, 
mendax, g. lasca. nosäc, portator, pl. nosci. otäc, pater, g. oca. 
prosäc, procus, g. prosca. sasäc, mamma, pl. sasci. sopäc, citha- 
roedus^ g. sopca. sejiäc, pediculus, g. senca. skopäc, vervex, 
g. skopca. tetäc, maritus materterae, g. teca. vozäc, vector, 
g. vosca. 

Anmerkung: Im pl. gen. I. ist mir auch prosac begegnet, 
und pl. gen. II. von senke lautet Send. 

Sechste Gruppe. 

Die Betonung ist im Ganzen die nämliche wie in der vor- 
hergehenden Gruppe; nur ist die erste Silbe in den Casusformen 
ohne das bewegliche a lang und hat deshalb, wann sie betont 
ist, d. i. im sing, voc, pl. gen. II. und eventuell pl. loc. und 



instr., den Acut. 






Beispiel, zamak, 


caseus e 


lacte ovillo. 




Singular. 


Plural. 


nom. 


zamak 


zämki 


voc. 


zdm6e 


zämki 


acc. 


zamäk 


zämki 


gen. 


zmnkä 


zamak oder zämki 



384 Nemanic. 

Singular. Plural, 

dat. zämkh zämkön 

loc. zämke zämkeh oder zämkeh und zdmkeh 

instr. zämkön zämki und zdmki 

Nach diesem Muster werden betont : 



dvojäk- pl. dvöjki, fratres gemini, g. dvojäk. oväs, avena, 
g. övsa. trojäk- pl. tröjki, fratres trigemini, g. trojäk. zamäk, 
caseus e lacte ovillo, g. zämka. 

2. 

doläc, vallicula, g. dölca. doväc, viduus, g. dövck. dronjäc] 
pl. drönjci, laciniae, g. dronjäc oder drönjci. goläc, homo nudus, 
g. gölca. koläc, pälus, g. kölca. konäc, finis; filum, g. könca. 
lonäc, olla, g. lönck. loväc, venator, g. lövca. rtäc,-^ pl. rci, nom. 
propr. campi, g. rtäc oder rci, tdäc, vitulus, g. telca. zdenäc, 
fons, g. zdenca. zvonäc, campanula, g. zvönck. 

Anmerkung. Diese Positionslänge ist jedoch nicht so 

fest, dass die Silbe nicht manchmal auch kurz gesprochen 

würde: man hört auch dolcl, lonci, rci u. s. w. Der pl. gen. 

von rci lautet auch rc. Ziehe hieher auch den sing. voc. mömce 

V aus der vierten und den pl. gen. II. send aus der fünften Gruppe. 

Siebente Gruppe. 

Die Betonungsverhältnisse sind die nämlichen wie in der 
fünften Gruppe, nur ist der sing. nom. und beziehungsweise 
acc. mit dem Acut auf der letzten Silbe betont. 

Beispiel: posdl, negotium. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


posdl 


posll 


voc. 


phsle 


posll 


acc. 


posdl 


posll 


gen. 


poslä 


posdl oder phsli 


dat. 


poslil 


jJoslön 


loc. 


posle 


posUh. oder posleh und phsleh 


instr. 


poslön 


jyosli und pbsli 



Nach diesem Muster werden betont: 



Cakavisch-ki-tiatische Studien. 385 

1. 

dahfh^, urna major, g. öabrk. cesdn, allium sativum, g. öesna. 
kahdl, urna aqualis, g. kabla. kastdv, nom. propr. oppidi, g. kastva. 
kotdl, cacabus, g. kotla. osdl, asinus, g. osla. i)akdl, infernum, 
g. pakla. 2)a2)dr, piper, g. papra. posdl, negotium; labor, g. poslä. 
stabdr, pälus, g. stabrk. vazdn, pascha, g. vazma. 7;rfaZ, hortus, 
g. vrtlk. 

2. 

haddnj, labrum, g. badnja. cesaZJ, pecten, g. öesljh. cesdnj, 
allium sativum, g. cesnjk. o^a'wji", ignis; febris, g. ognjk. samdnj, 
nundinae, g. samnjk. ugdlj, carbo, g. ugljk. vrgdnj, aratrum; 
jugerum, g. vrgnjk. 

Achte Gruppe. 

Die Betonung ist im Ganzen die nämliche wie in der vor- 
hergehenden Gruppe; nur ist die erste Silbe in den Casusformen 
ohne das beweghche a lang und hat deshalb, wann sie betont 
ist, d. i. im sing, voc., pl. gen. II. und eventuell pl. loc. und 
instr., den Acut. 

Beispiel: jardm, jugum. 

Singular. Plural, 

nom. jardm järrm 

voc. jdrme järmi 

acc. jardm järml 

gen. järmä jardm oder jdrmi 

dat. järmil j arm an 

loc. järme järmeh oder järmeh und jdrmeh 

instr. järmön järml und jdrmi 

Nach diesem Muster wird meines Wissens nur noch be- 
tont: picdn, nom. propr. loci, g. pl6nk, loc. pl6ne u. s. w. 

Neunte Gruppe. 

«Die Betonung ist die nämhche wie in der sechsten Gruppe, 
nur ist die erste Silbe auch in den Casusformen mit dem be- 
. weglichen a lang. 
Beispiel: venäc, Corona. 

Sinjyular. Plural, 

nom. venäc vencl 



I 



voc. vence venci 

Sitzungsber. d. phil.-hist. Cl. CIV. Bd. I. Hft. 25 



386 Nemanic. 

Singular. Plural, 
acc. venäc vencl 

gen. vencä vendc oder venci 

dat. vencü vencen 

loc. vence venceh oder venceh und venceh 

instr. vencen venc/i und venci 

Nach diesem Muster werden betont: 

1. 

hänäk, scamnum, g. bänka. häzäg, sambucus nigra, g. 
bäzga. hrezäk, monticellus, g. breska. hücäk, lagena lignea, 
g. bü6ka. cvefäk, ficus major, g. cvetka. cvrcuk, gryllus; cicada, 
g. cvfckk. clänäky talus, g. ölänka. fücäk, pl. fücki, cognomen 
Croatarum e regione Pinquenti in Istria. järäk, fossa, g. järka. 
järäm., jugum, g. järma. k(7icäk, vipera bellus, g. käöka. kücäk, 
fibula, g. kücka. lesäk, coryllus, g. leska. lljäk, infundibulum, 
g. lljka. mäcäkj felis mas, g. mäcka. mücäk, ovum corruptum, 
g. mücka. j)äljäk, haustrum, g. päljka. pesäk, arena, g. peska. 
petäk, dies Veneris, g. petka. plsäk, fistula; guttur, g. piskk. 
•pöläk, Halbkreuzerstück, g. pölka. püsäk, nux vermiculosa, 
g. püskk. räsäk, girgillus, g. räska. rühäk, margo; nux matura; 
änus, g. riibka. rficäkj jeutaculum, g. rücka. rüljäk, truncus, 
g. rüljka. siräky sorgum, g. sirka. stäläk, machina qua stare 
et incedere discunt parvuli^, g. stälka. svltäk, cesticillus, g. svitka. 
sGüräk, gryllus, g. scürka. slpäk, rosa, g. sipka. spränjäk oder 
spräljak, ungula, g. spränjka oder spräljka. süpäk, homo ingenii 
vani, g. süpka. tetäk, maritus materterae, g. tetka. vlsäk, alti- 
tudo, g. viska. vresäk, crepitus; fissura, g. vreska. vrücäk, fons; 
aestus, g. vrücka. züräk, cremium, g. zürka. 

2. 

hrezäc, monticellus, g. bresca. hrmäc^ coticula, g. brüsca, 
cepäc, flagellum, g. cepca. creväc, alsine, g. crevca. crnäc, uva 
nigra, g. örnca. dühäc, quercula; thymus serpillum, g. dübck. ^rä- 
cZcic, nom. propr. castelli jam diruti, g. gräck. liinäc, fraudator, 
g. hlnck. hläpäc, servus, g. hläpca. hränäc, qui nupsit uxori suae, 
quem quasi uxorduxit; cognomen viri, g. hränca. hväläc, jacta- 
tor, g. hvälck. jämäc, Sponsor, g. jämck. jünäc, juvencus, g. jünca. 
käpäc, guttula; stillicidium, g. käpck. klänäc, clivus; planum apud 
doraum, g. klänck. klempäc, pistillum campanae, g. klempck. krä- 



I 

I 



Cakavisoh-kroatische Studien. 387 

njuc, Carniolus, g. kränjca. kfnjäc, spica zeae defoliata, g. krnjca. 
krüljäc, homo membris mancus et debilis, g. krüljca. kükäc, 
scarabaeus, g. kükca. läzäc, mendax, g. läsca. lücäc, umbo 
clitellarius, pl. lüsci. mräväc, formicaj g. mrävca. pläväc, uva 
coerulea; serpens quidain, g. plävca. plesäc, saltator, g. plesca. 
•präsäc, porcus, g. präsca. rähäcj passer; nom. propr. loci, g. 
räbck. räzänj, veru, g. räznja. rühäc, linteum, g. rübca. sämäc, 
mas; giyllus domesticus, g. säinca. slänäc, cicer arietinum, 
g. slänca. sUpäc, homo caecus; fraudator, g. slepca. stüpäc, 
columella, g. stüpca. südäc, judex, g. süca. svetäc, sanctus, 
g. sveca. säräc, nomen arietis varii; noin. propr. fam.; pl. särci, 
nom. propr. pagi. scäpäc, quod tribus digitis extremis compre- 
hendi et teneri potest, g. s6äpca. scenci, pl., catuli, g. scenäc. 
Sklenäc, articulus, g. sklenca. .skripnc, crepitus, g. skripca. 
skröpäc, imber, g. skröpca. tidäc, spica zeae; conus; vasculum 
foenisecae, g. tülca. väbäc, tibia qua auceps aves allicit; mal- 
leolus vitis, g. väbca. venäc, Corona, g. venca. vränäc, equus 
ater, g. vränca. vränjäc; pl. vränjci, incolae loci Vranja. vücäc, 
dolor vulneris inflammati, g. vüsca. zdrebäc, equus admissarius, 
g. zdrebca. ziväc, margo lintei, g. zivca. zlehäc, imbrex, g. zlebck. 

Anmerkung. Mitunter wird auch z. B. im pl. nom. die 
erste Silbe betont: kldnci, sdmci. Häufig wird im pl. gen. I. 
die erste Silbe kurz gesprochen: cvetdk, plesdc, prasdc. 

Zehnte Gruppe. 

Diese Gruppe verhält sich bezüglich der Betonung und 
Quantität zur achten ebenso wie die neunte zm' sechsten. 

Beispiel: strncdlj, trunculus. 

Plural. 
.strnclji 
Hi'nclj) 
^trnclji 

.strncdlj oder Urnelj! 
.strncljen 

stl-ncljeh oder strncljeh und Strnclje.h 
sthicljl und sfhiclji 

Nach diesem Muster werden betont: 

25* 





Singular. 


nom. 


strncdlj 


voc. 


strnclju 


acc. 


strncdlj 


gen. 


strncljä 


dat. 


strncljh 


loc. 


strnclje 


instr. 


strncljen 



o8o Nemanid. 

1. 

jägdl; pl. jägii, puls setariae, g. jägäl. järdrn, jugum^ 

g. järma. 

2. 

kücdlj, caulis, g. küclja. pläddnj, catillus, g. plädnja. 
räzdnj, veru, g. räznjk. rüedlj, capulus in manubrio falcis foe- 
nariae, g. rücljk. strncdlj, trunculus arbusculae falce desectae^ 
g. stfnclja. 

b) Solche, welche im sing. nom. kein bewegliches a 
enthalten und somit nach Annahme von Casussuffixen 

dreisilbig werden. 

Erste Gruppe. 

Der Accent liegt, und zwar als Gravis, durch die ganze De- 
clination auf der ersten Silbe, nur im pl. gen. I. springt er 
gewöhnlich als Acut auf die letzte Silbe über. 

Beispiel: kbrak, passus. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


kbrak 


kbraki 


voc. 


khrace 


kbraki 


acc. 


kbrak 


kbraki 


gen. 


kbraka 


kordk oder kbraki 


dat. 


kbraku 


kbrakon 


loc. 


kbrake 


kbrakeh 


instr. 


kbrakon 


kbraki 



Nach diesem Muster werden betont: 

1. 

äbif, habitus, g. abita. häkul, gryllus domesticus, g. bkkula. 
bäloy, stercus, g. baloga. hekvar, salix viminalis, g. bekvara. 
hezjak; pl. bt^zjaki, cognomen partis Croatarum Istrianorum. 
hiser, margarita, g. bisera. hlägdan, dies festus, g. blkgdana. 
hlätar ; pl. blatari, cognomen joculare incolarum loci Noväki. 
bbdul, incola insulae Vegliae, pl. boduli. hrätan, fratris filius, 
g. bratana. brätnjak, pars patrimonii singulis fratribus addicta, 
g. bratnjaka. bremen, onus, g. bremena. br^Sca^i, incola loci 
Br^st, pl. bres6ani. bübreg, ren, g. bübrega. biidin, urbs Buda, 
g. biidina. biirmuSj cicer, g. bürmusa. ctgan. zingarus, g. cigana. 



Cakavisch-ti-oatlsche Studien. 389 

Öemer, venenum, g. öemera. Bier, ulcus, g. öilera. dever, levir; 
paranymphus, g. devera. dimnik oder dimnjak, furaarium, g. 
dimnika oder dimnjaka. doseg, quod attingere possum, g. dösega. 
äfvar, lignarius, g. drvara. dündar, nomen pueri jociilare, g. dün- 
dara. fraj'ar, amator, g. frajara. frmtik, jentaciilum, g. früstika. 
gävran, corvus, g. gavrana. gohtb, eolumba, g. goluba. grehen, 
pecten pro purgando lino, g. grebcna. gresnik, peccator, g. 
gresnika, grizane, pl., m., nom. propr. loci, g. grizan. grizar, 
nomen canis, g. grizara. grbbnik, nom. propr. loci, g. gröbnika. 
gubar, qui fungos colligit, fimgis vescitur, pl. gübari. hämot, 
multae res dense una crescentes, g. hamota. heJdjer, nom. propr. 
fam.; pl. hehljeri, nom. propr. pagi. homof, pälus ad quem palmes 
adligatur, g. hömota. krelin, nom. propr. loci, g. hrelina. hi'iscan, 
christianus orthodoxus, g. briscana. liüncut, homo nequam, g. hün- 
cuta. isus, Jesus, g. isusa. jählan, malus, g. jablana. jacmik 
hordeum, g. jaömika. jakov, Jacobus, g. jkkova. jUen, nomen 
bovis; lucanus cervus, g. jelena. jesen, fraxinus, g. jesena. jesih, 
acetum, g. jesiha. jozef, Josephus, g. jozefa, kälub, larus ridi- 
bundus, g. kaluba. kämen oder kämik, lapis, g. kamena oder 
kamika. kävran, i. qu. gavran, g. kavrana. klescar, lucanus cervus, 
g. kles6ara. kocak, gallinarium, g. koöaka. kolar, plaustrarius, 
g. kölara. komad, frustum, g. komada. kmnun, commune, g. 
kömuna. konjar, custos equorum, g. konjara. kbrak, passus, g. 
koraka. koren, radix; nom. propr. fam., g. körena. khsljun, nom. 
propr. insulae, g. kosljuna. kbzljak, nom. propr. loci, g. közljaka. 
kräjcari, pl., nom. propr. loci, krelpit, ala; bomunculus, g. kre- 
Ijuta. kühar, coquus, g. kidiara. kutnjak oder kutnjik, dens mo- 
laris, g. kütnjaka oder kütnjika. läbud, cycnus, g. labuda. le- 
puh, lappa, g. lepuha. lesnjak, nux juglans, g. lesnjaka. hcit, 
auctio, g. licita. llkof, epulae post operam perfectam, g. likofa. 
Ibkot, sera pensilis, g. lökota. Ibpoi^, homo perditus, g. löpova. 
lümber, bacca laurea, g. lümbera. lumer, numerus, g. liimera. 
mälin, pistrinum, g. malina. mecak, mollia panis, g. mecaka. 
mecar, nom. propr. fam., g. mccara. medig, medicus, g. mediga. 
milan, nom. propr. viri, g. milana. m)5njak, decipula, g. mis- 
njaka. mhzjani, pl., cerebrum, g. mozjän. mrmor, murnuir, g. mr- 
mora. närod, natio, g. naroda. nauk, doctrina, g. nkuka. nedih, 
asthma, g. nodilia. nemir, inquies, g. ncmira. nerast oder neres, 
verres, g. n^rasta oder neresa. nefres, sempervivum tectorum, 



390 'Nemanic. 

g. netresa. ohlak, nubes, g. öblaka. ohod, margo pillei, g. oboda. 
ocuh, vitricus, g. ocuha. ograd, terra saepta, g. ograda. okrak, 
canalis tibialis, g. ökraka. okrut, doliolum, g. okruta. otok, 
tumor, g. otoka. otrov, veneniim, g. ötrova. pärljak, imgida, 
g. pärljaka. pauk, aranea, g. pauka. päzin, nom. propr. urbis, 
g. pazina. jjedig, palmus, g. pediga. pekar, pistor, g. pekara. 
petljar, mendicus, g. petljara. pifar, nom. propr. fam.; pl. pi- 
fari, nom. propr. pagi. ph'ih, bos varius, g. pirilia. plehtin, nom. 
propr. fam.; pl. plehtini, nom. propr. pagi. pUter, saepimentiim ; 
stabulum cratitium, g. pletera. pbdlog, hypotheca, g. podloga. 
pbdsrt, nom. propr. loci, g. podsrta. pbdvez, vinculum tibiale, 
g. podveza. pbgled, aspectus, g. pögleda. pogrez, terra limosa 
qua mergi potes, g. pögreza. pomrk, defectio (solis, lunae), g. 
pömrka. popel, cinis, g. popela. poslan, tectum pastorum quatuor 
stipitibus sustentum sine parietibus, g. pöslana. potres, terrae 
motus, g. potresa. potrus, conspersio, g. pötrusa. povod, inundatio, 
g. povoda. povraz, piscatoris instrumentum : virga cum funicido 
et hämo, g. pövraza. preded, abavus, g. prededa. pritrus, causa, 
g. pritrusa. propad, terrae hiatus, g. pröpada. prostor, spatium, 
g. pröstora. prozeh, refrigeratio, g. prozeba. pfsten, anulus, 
g. prstena. puhar, qui gliribus insidiatur; pl. pübari, nom. propr. 
loci, räkar, cancriceps, g. rakara. rästrug, linea qua duae ta- 
bulae exasciatae inter se contingunt, g. rastruga. rhnik, lorum, 
g. remika. repar, lappa, g. repara. ribar, piscator, g. ribara. 
rvpnjak, nom. propr. campi, g. rüpnjaka. ri\tar, collector pau- 
norum, g. rütara. sabljak, iris, g. säbljaka. smetar, everricator, 
g. smetara. sbhar, carnifex, g. sohara. sbkol, falco, g. sokola. 
spi'eznik, socius laborum campestrium (qui cum alio est in 
,sprega^), g. spreznika. shiad, avis quaedam, g. srnada. srsen, 
crabro, g. srsena. stänog, oniscus murarius, g. stanoga. stbmig, 
stomachus, g. stömiga. stbzer, pertica circa quam foenum sive 
stramentum coacervatur, g. stözera. strzen, robur, g. sti'zena. 
stupar^ pistor, g. stüpara. svekrv, socer, g. svekrva. sätor, ten- 
torium, g. satora. stntar, qui pecus morticinum deglubit, g. sin- 
tara. skrähot oder skrebut, clematis vitalba, g. skrabota oder 
skrebuta. stäkor, mus rattus, g. stakora. ifapeh, sedilis genus, 
g. stapeha. stf-ped, frutex; fruticetum, g. strpeda. taler, thalerus, 
g. tklera. tekut, pediciüus volatilium, pl. tekuti. tesljar, faber 
lignarius, g. tesljara. tijan, nora. propr. fam.; pl. tijani, nom. 



Cakavisch-kroatische Studien. 391 

propr. pagi. tri'par, nomen jociilare hominis intestinis vescentis, 
pl. tripari. tüdor, nom. propr. fam.; pl. tiidori, nom. propr. loci. 
üchar, incola montis Ucka, pl. ückari. ngljen, carbo, g. ügljena. 
ügoiiy quod mihi delectationi est, g. ügona. >y(id, tormina, g. 
üjeda. nrar, horologiarius, g. ürara. recer, vesper, g. veöera. 
vtlez, orhis, g. vileza. rrbnik, nom. propr. urbis, g. vrbnika. 
vritnjak, ictus calcis, g. vritnjaka. zaklad, caiidex qui vigilia 
nativitatis Christi uritur, g. zkklada. zälog, bolus, g. zaloga. 
zcibljak, foenum malum quod in terra palustri crevit, g. zabljaka. 
zämhor oder zämor, susurrus, g. zambora oder zamora. ztdor, 
Judaeus, g. zidova. zival, nom. propr. monstri cujusdam fabu- 
losi, g. zivala. zUcnik, theca cochlearia, g. zlicnika. zmnkljar, 
homö parcus, g. zmükljara. znidar, sartor, g. znidara. zoner, 
exoneratio, it. esonero, g. zonera. zi'nov, mola trusatilis, g. zr- 
nova. züdih, judex, g. züdiha. — Hieher sind auch zu rechnen: 
hräct, fratercidus, g. bräceta. hfte, nom. propr. fam., g. bi'teta. 
cäde, bos niger, g. cadeta. gf'go, Gregorius, g. grgeta. papa, 
pater, g. papeta. skHe, homo membris extortus et fractus, 
g. skrceta. slinko, homo sputo madens, g. slinketa. 



hozic, nom. propr. fam., g. bözica. hrätacj fratellus, g. bra- 
taca. hratic, fratellus, g. bratica, bvkes, nomen vervecis, g. br- 
kesa. brufulj, pustula, pl. brüfulji. hrvmnic, nom. propr. fam., 
g. brümnica. huzic, nom. propr. fam., g. büzica. cimez, cimex, 
g. cimeza. curus, cognom. fam. joculare, g. cürusa. detelj, picus 
martius, g. detelja. dlvic, nomen vulgare amphitheatri in Pola, 
g. divica. dbflic, Adolphus, g. döflica. drägic, juvenis amatus, 
g. dragi6a. ßfric, cognomen viri parvi et inquieti, g. frfrica. 
gälvic, galla, g. galvica. grädinj, nom. propr. loci, g. gradinja. 
gHic, nom. propr. fam.; pl. grzici, nom. propr. loci, hrusvic, 
achras, g. hriisvica. jäcic, puls hordeacea; nom. propr. fam., 
g. jacica. jäzbac, meles taxus, g. jazbaca. käktus, cactus, g. kak- 
tu§a. kinielj, carum, g. kimelja. khles, nomen vervecis, g. ko- 
lesa. kovac, nom. propr. fam., g. kovaca. krusic, dim. von 
krüh, panis; nom. propr. fam., g. krüsi6a. kuSic, iibula, g. kü- 
cica. kupcic, fimgorum genus, pl. kiq)cici. lapeS, cerussa, g. la- 
pesa. lemez^ culter aratri, g. lemeza. Iiirkic, nom. propr. fam.: 
pl. Iücki6i, nom. propr. pagi. lukez, nom. propr. tam., g. liikeza. 



392 Nemanic. 

Ijuhic, juvenis amatus, g. Ijiibica. mesec, luna: mensis, g. meseca. 
mbrcic, inauris nigra, pl. möröi6i. mrkes, nigris maculis (aries, 
bos etc.), g. mrkesa. mülcic, spurius, g. mülci6. müles, nomen 
arietis, g. mülela. midie, spurius, g. mülica. obrnc, orbis, g. öb- 
ruca. bslicj asellus, g. öslica. bstrc^ Stimulus, g. östrca. pämiCj 
nom. propr. fam.; pl. pamici, nom. propr. pagi. pepic, Josephus, 
g. pepica. picic, pullus gallinae, pl. picici. picic, parvulus, g. pi- 
cica. piplic, pullus gallinae, g. piplica. pbminj, fama, g. pö- 
minja. pbmulj, bulla, g. pomulja. pregrsc, ambae volae ad ac- 
cipiendum quid paratae, g. pregrsca. prstic, digitulus; fungorum 
genus, pl. prstici. pidic, nom. propr. fam., g. pülica. püric, pullus 
gallinae indicae, pl. pürici. rätalj, arator, pl. ratalji. rehcic, nomen 
arietis, g. rebcica. ribez, radula, g. ribeza. siric, caseolus, g. sirica. 
siveSj nomen arietis, g. sivesa. slepcic, fraudator, g. slepöica. sfhez, 
Pruritus, g. srbeza. stäbric, pälus, g. stabrica. stärcic, nom. propr. 
fam., g. staröica. sredric, terebellum, g. svedrica. sepcic, nom. 
propr. fam.; pl. sepcici, nom. propr. pagi. skäbic, nomen arietis, 
g. skabica. skräcalj, nom. propr. fam., g. skracalja. skrätalj, dae- 
mon quidam, g. skratalja. smrekvic, bacca juniperi, g. smrekvica. 
tlcic, avicula, pl. ticici. vläsic, nom. propr. fam.; vläsici, nom. 
propr. pagi; plejades. vränic, diabolus (euphem.), nom. propr. 
fam.; pl. vrknici, nom. propr. loci, vftic oder vHlic, hortulus, 
g. vi'tica oder vrtlica. zlbdej, diabolus, g. zlodeja. zivez, alimenta, 
g. ziveza. zrebcic, pullus equi, g. zrebci6a. 

Anmerkung. Vielfach sind die Schwankungen der Be- 
tonung des pl. gen. Ich verzeichne da: 1. pl. gen. I. a) brä- 
tac, grizan, stäkor; b) komdd, kordk, kutnjdk, lesnjdk, mesec, 
mozjdn, obldk, obrüc, remik, vlasic; c) angeblich auch: dlmnjäk, 
gresnik, Usnjäk, bcüh. 2. pl. gen. II. a) brätici, bübrigi, eilen, 
kbraki, kuhari, Inmei'i, mälini, remiki, fekuti, vgljeni, veceri, vrä- 
nici, zudiki; b) gavrdni, komddi, kordki, malini, meseci, obldki, 
obrüci, remiki, vlasici. 

Zweite Gruppe. ^ 

Im sing. voc. und dem damit gleichlautenden sing. nom. 
ist die erste Silbe mit dem Acut, sonst durch die ganze De- 
clination mit dem Gravis betont. 

Beispiel: sünje, homo animi imbecilli. '^ 

I 



I 



Cakaviscli-kioatische Studien. 393 





Singular. 


Plural. 


nom. 


sünje 


sünjeti 


voc. 


sünje 


sünjeti 


acc. 


sünjeta 


sünjeti 


gen. 


simjeta 


sünjet oder sünjeti 


dat. 


sünjefu 


sünjeton 


loc. 


sünjete 


sunjeteh 


instr. 


sünjeton 


süjijeti 



Nach diesem Muster werden betont: 

cmire, infans multum plorans, g. cmireta. cöto , homo 
claudus, g. cöteta. drde, homo stomachosus, g. drdeta. düre, 
i. qu. drde, g. düreta. frdne, Franciscus, g. franeta. hljüste, 
homo deformis, g. hljüsteta. ive, Joannes, g. iveta. jddre, An- 
dreas, g. jadreta. jöze, Josephus, g. jözeta. jure, Georgius, 
g. jüreta. Mle, homo fractiis, g. kileta. krülje, homo mancus, 
g. krüljeta. kvile, clamator, g. kvileta. lövre, Laiu'entiiis, g. lö- 
vreta. mdte, Mathias, g. mateta. miho, Michael, g. miheta. niko, 
Nicolaus, g. niketa. njr6e, homo fremebundus, g. njrceta. njüre, 
homo morosus, g. njüreta. pdve, Paulus, g. paveta. pepo, Jo- 
sephus, g. pepeta. pjero, Petrus, g. pjereta. sÄ;7'ce, homo in- 
curvatus, g. skröeta. sldve, nomen viri, g. slaveta. spi'ie, homo 
ineurvatus, g. spi'leta. srne, nomen bovis, g. srneta. svrle, homo 
iners et otiosus, g. svi'leta. s«me, Simeon, g. simeta. sldte, homo 
stupidus, g. slateta. sljilte, homo ingenii hebetis, g. sljüteta. 
sünko, homo animi imbecilli, g. sünketa. sünje, i. qu. sunko, 
g. sünjeta. svHje, minctor, g. svrljeta. trübe, homo ingenii 
hebetis, g. trübeta. zvdne, Joannes, g. zvaneta. zize, ignis (in 
der Kindersprache), g. zizeta. züte, homo flavus, g. züteta. 

Dritte Gruppe. 

Der Accent liegt, und zwar als Acut, durch die ganze 
Declination auf der ersten Silbe. 
Beispiel: sincic, filiolus. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


sincic 


sincici 


voc. 


sincicu 


sincici 


acc. 


sinclca 


sinöici 


gen. 


sinllca 


sinlic oder sincici 


dat. 


sinclcit 


sin^icen 



394 Neman ic. 

Singular. Plural, 

loc. sincice sinticeh 

instr. sincicen sincici 

Nach diesem Muster werden betont: 

1. 

rf/er, aer; g. äjera. dldov, sacriiicium, g. äldova. di}jel, 
angelus, g. änjela. bdmbuh, stomachus (bovis); venter obesus; 
homo ventriosus, g. bämbuha. dinmjak, fumarium, g. dimnjaka. 
fertoh, praecinctorium, g. fertoha. göjtan, nom. propr. fam., 
g. göjtana. gresnik, peccator, g. gresnika. jäjnik, panis paschalis 
cum ovo intexto, g. jäjnika. jdmbor, malus, g. jämbora. jdrbol, 
i. qu. jämbor, g. järbola. költer, ordo vitium, g. költera. Ucnik, 
medicus, g. lecnika. lesnjak, nuxjuglans; terebri genus, g. les- 
njaka. löpov, homo perditus, g. löpova. lümher, bacca laurea, 
g. lümbera. lüznjak, vas lixiviarium, g. hiznjaka. merlin, inula 
helenium, g. merhna. ndhor, phca, pl. nabori. ndc'm, modus, 
g. näcina. ndrod, natio, g. naroda. Organ, Organum, g. Organa. 
övcak, ovile, g. övcaka. pörod, partus, g. pöroda. pötres, terrae 
motus, g. potresa. prebor, delectus, g. prebora. princip, princeps, 
g. principa. pristreh, semitectum; casula cratitia, g. pristreha. 
pürman, meleagris gallopavo, g. pürmana. pütnik, viator, g. püt- 
nika. rdzum, mens, g. räzuma. sirnik, stomachus suillus in quo 
coagulum paratur, g. sirnika. spreznik, socius laborum cam- 
pestrium, pl. sprezniki. stölnjak, mappa, g. stölnjaka. sdntol, 
patrinus, g. säntola. sirman, nom. propr. fam., g. sirmana. §ögar, 
nom. propr. fam. ; pl. sögari, nom. propr. pagi. tdjnar, nom. propr. 
fam., g. täjnara. termin, dies constituta, g. termina. tümban, 
vittae genus, g. tümbana. vilnjak, arteria cephalica, g. vilnjaka. 
vrdtnik, nom. propr. transitus trans montem,Velebit, g. vrätnika. 
vrbnik, nom. propr. urbis, g. vrbnika. zdklon, locus a vento tutus, 
g. zäklona. zdtor, pernicies; locus apud viam, ut pecudes facile 
damnum faciant: njiva na zätore. zlömar, diabolus, g. zlömara. 
zlövibrt, pars carnis porcinae dorsalis, g. zlömbrta. zölfer, sul- 
phur, g. zölfera. zrnov, mola versatilis, g. zrnova. — Hieher 
gehören auch: bdrba, patruus, g. bärbeta. brdce, fraterculus, 
g. bräceta. cöfo^ homo claudus, g. cöteta. cdde, bos niger, g. öä- 
deta. coro, homo altero oculo caecus^ g. 6öreta. küco, canis, 
g. küceta. 






Cakavisch-kroatische Studien. 395 



hrnhelj, melolontha vulgaris, g. brnbelja. dölcic, valliciila, 
g. dölcica. dörcic, nom. propr. fam., g. dörcica. drdgic, juvenis 
amatus, g. drägica. drndic, nom. propr. fam.; pl. drndidi^ nom. 
propr. pagi. fdnfic, puellus, g. fäntica. frdncic, nom. propr. fam.; 
pl. fräncici, nom. propr. loci, frdnic, nom. propr. fam.; pl. frä- 
nidi, nom. propr. loci, gdlvic, galla, g. gälvica. hühelj, hilaritas, 
g. hühelja. jdncic, agnellus, g. jänöica. kdlez, calix, g. käleza. 
mdtic, nom. propr. fam., g. mätica. mdvric, nom. propr. fam.; 
pl. mävrici, nom. propr. loci, merlic-^ pl. merlici, frantelli. mr- 
melj, murmnrator, g. mrmelja. percic, nom. propr. fam.; pl. per- 
cici, nom. propr. pagi. pretelj, amicus, g. pretelja. sincic, filiolus, 
g. sincica. sördac, malleolus, g. sördaca. telcic, vitellus, g. tel- 
cica. tencic, nom. propr. fam.; pl. tencici, nom. propr. pagi. 
föndic, catillus, g. töndica. zdjcic, lepiisciüus ; pl. zäjöici, fun- 
gorum genus. 

Vierte Gruppe. 

Im sing. nom. und beziehungsweise acc. ist die letzte 
Silbe mit dem Gravis, im pl. gen. I. mit dem Acut, in allen 
übrigen Casus dieselbe, nun vorletzte, Silbe mit dem Gravis 
betont. Die erste Silbe ist a) meistens kurz, nur b) in einigen 
Wörtern lang. 



Beispiel: potbk, rivus. 




Singular. 


Plural. 


nom. potok 


potoki 


voc. potoce 


potbki 


acc. potok 


potbki 


gen. potoka 


potok oder potbki 


dat. pofoku 


potbkon 


loc. poibke 


potbkeh 


instr. potokon 


potbki 



Nach diesem Muster werden betont: 

1. a) 

angbst, augustus, g. angösta. heteg, morbus frumenti, g. be- 
tega. hizät, anguilla, g. bizata. bob}k, frustum, g. bobika. hohi)k, 
aegrotus, g. bolnika. borüt, nom. propr. loci, g. borüta. bratän, 
fratris filius, g. bratana. brlbg , cubilc (leporis, gallinae ova 



396 Neman i(-. 

parientis etc.), g. brlöga. hrsljän, hedera, g. brsljana. cigän, 
zingarus, g. cigana. Slovek, homo, g. cloveka. fjoret, farina 
cribrata, g. fjoreta. frlah, commeatus, g. frlaba. goljitf, £rau- 
dator, g. goljüfa. gospud, dominus, g. gospüda. grkljän, arteria 
aspera; Collum lagenae, g. grkljana. halop, festinatio praepro- 
pera, g. halopa. homnt, pälus ad quem palmes adligatur, g. ho- 
müta. hrhät, dorsum, g. hrbata. Jaruh, agnus vernus, g. jarüha. 
jerüd, Herodes, g. jerüda. kaput, toga, g. kapüta. kapüz, brassica 
capitata, g. kapi^iza. kastig castigatio, g. kastiga. konak, mansio, 
g. konäka. kondot, latrina^, g. kondota. konbp, funis, g. konopa. 
kresin, nom. propr. fam. ; pl. kresini, nom. propr. pagi. kruzät, 
vestimentum sine manicis minus, g. kruzata. kudläk, vampyrus, 
g. kudlaka. kuntj-ät, pactum, g. kuntrata. lovran, nom. propr. 
loci, g. lovraua. medved, iu"sus, g. medveda. meljüh, homo in- 
quietus, g. meljüha. mosut, nom. propr. fam., g. mosüta. muskät, 
uva muscatella, g. muskata. natük, callum, g. nalüka. naük, 
doctrina;, g. naüka. novljän, incola urbis Novi, g. novljana. ohed, 
prandium, g. obeda. ohlog, quod circumdatur alicui rei; terra 
inculta-, pl. oblögi, nom. pi-opr. campi. ohräz, facies, g. obraza. 
ohrbk, cena copiosa, g. obroka. obi-üs, sudarium, g. obrüsa. omet, 
locus eversus, g. ometa. oreh, nux, g. oreha. osip, Josephus, 
g. osipa. otok, derivatio, g. otöka. pe/Vn, artemisia, g. pelina. 
pijät, catillus, g. pijkta. pilät, Pilatus; nom. propr. fam., g. pi- 
lata. pocek, exspectatio ; fides 5 nom. propr. fam. , g. poceka. 
podmok, locus humiduS;, g. podmoka. pogreb, sepultura; exse~ 
quiae, g. pogreba. poklon, nom. propr. loci, g. poklona. polog, 
Ovum gallinae suppositum, g. pologa. poplat, planta; solea, g. po- 
pläta. poslüh, oboedientia, g. poslüha. postüp, occasuS;, g. postüpa. 
posäs, possessio, g. posesa. potek, origo, g. poteka. potok, rivus, 
g. potoka. potop, inundatio, g. potopa. povod, inundatio, g. po- 
vöda. prnät, strues mergitum, g. prnata. proset, ambulatio, 
g. proseta. prsüt, perna, g. prsüta. racun, ratio, g. racüna. 
ragäti, pl. , foenum Stratum ad siccandum in sole, g. ragät. 
razvfg, dissociatio ; discordia, g. razvrga. rimljän, Romanus, 
g. rimljana. rusln, nomen bovis, g. rusina. sesträn, sororis filius, 
g. sestrana. sirbp, syrupus, g. siröpa. svedok, testis, g. svedoka. 
skaltn, gradus scalarum, g. skalina. skontrm, talea, g. skontrina. 
stelet, dentiscalpium , g. steleta. süßt, tabulatum supremum, 
g. sufita. surän, nom. propr. fam., g. suräna. tahak, herba 



Cakavisch-kroatische Studien. 397 

üicotiana, g. tabaka. tenog, julus terrestris, g. tenöga. terän, 
uvae genus, g. terana. tiUt, lintei genus, g. tibeta. tinjän, nom. 
propr. loci, g. tinjkna. ^owa^, nom. propr. fam., g. tonata. fra- 
wrs, praecinctorium, g. traversa. ^ri«Ä, venter, g. trbüha. frerj5^, 
tripus, g. trenoga. trsät, nom. propr. loci, g. trsata. tumbän, 
vittae genus, g. tumbana. wnüU-, nepos. g. unüka. uroki, pl., fa- 
scinatio, g. urök. rtscap, plenilunium, g. uscapa. uzrbk, causa, 
g. uzroka. vodnßk, coluber natrix, g. vodnjaka. vodnjän, nom. 
propr. urbis, g. vodnjana. zajik, lingua, g. zajika. zarez, incisura, 
pl. zarezi. zelud, glans, g. zelüda. zupän, zupanus, g. zupana. — 
Hier sei auch erAvähnt: konjädo, raariti aut uxoris frater, sororis 
maritus, g. konjada. 

1. h) 

näcin , modus , g. näcina. nä/w^ , praemium inventoris, 
g. nähoda. närod, natio; hominum genus, g. näröda. nätres, 
sempervivum tectorum, g. nätresa. pörhd, partus; ortus; proles, 
g. pöröda. pöTok, Sponsor, g. pöröka. pötres , terrae motus, 
g. pötresa. pözeh, damnum fi-igoribus factum, g. pözeba. prehor, 
delectus, g. prebora. presäd, plantae e seminario transferendae, 
g. presada. prileh, locus (ante domum etc.) contectus ; pulvinus 
(agri, horti) angustior, g. prlleha. pristreh, semitectum; casula 
cratitia, g. pristreha. prösek, intersectio, g. prös^ka. räsäd, i. qu. 
preskd, g. räsada. süsed, vicinus, g. süseda. zäliod, occasus, 
g. zähöda. zäkläd, truncus qui vigilia nativitatis Christi accen- 
ditur, g. zäklada. zäkhn, lex; matrimonium, g. zäkona. zämet, 
foetus, g. zämeta. zärod, foetus, g. zäroda. zävet, votum, g. zäveta. 

2. a) 

badnjic, truncus qui vigilia nativitatis Christi accenditur, 
g. badnjica. harlnc, patruus, g. barbica. haue, malleolus, g. ba- 
tica. hlazic, Blasius, g. blazica. hlecic, lacinia, g. bleöica. hohic, 
fäbula; frustulum, g. bobica. hozic, dies natalis Christi, g. bo^ica. 
brectc, canicula, g. brecica. hrescic, monticellus, g. brescica. 
brodle, navicula, g. brodica. bubuße, tympaniolum; puer crassus, 
g. bubnjica. ceric, quercus cerris, g. cerica. coclc, trunculus, 
g. cocica, cvecic, claviculus, g. cveöi6a. Öabrle, labellum, g. öa- 
bri6a. ceplc, obturamentum, g. cepiea. <^ePic, nom. propr. fam. ; 
pl. cesici, nom. propr. pagi. cii-lße, ulcusculum, g. eirljica. Öoflc, 
fimbria, g. cofica. cokilj, nom. propr. fam., g. cohilja. a'vtc, 



398 Nemanic. 

vermiculus, g. crvi6a. deüc, puellus, g. deti6a. dolcic, vallicula, 
g. dolci6a. dragic, juvenis amatus, g. dragi6a. dreclc, merdula, 
g. dreci6a. drosklc, avicula quaedam, g. droski6a. dublc, arbu- 
scula; quercula, g. dubica. fmnlc, Franciscus, g. frani6a. gluS'ic, 
homo subsurdus, g. glusi6a. gnoßc, pus, g. gnojiöa. grahlc, qui 
pectine coUigit foenum, pl. grabi6i. gradic, urbicula, g. gradica. 
grandic, nom. propr. fam. vulgare, g. grandi6a. grmic, arbuscula, 
g. grmi6a. grozdtc, racemulus, g. grozdi6a. hipic, momentillum, 
g. hipica. hlehcic, libunculus, g. hlebci6a. hlemc, porcile minus, 
g. hlevica. hljusilc, dim. von hljüste, homo deformis, g. hljusti6a. 
hrtlc, canis leporarius; catulus canis leporarii; homo pusillus et 
macer, g. hrtica. hud/ic, diabokis, g. hudica. jadric, Andreas, 
g. jadri6a. jagüc; pl. jagli6i, dim. von jägli, puls setariae, 
g. jaglic. janBc, agnellus, g. janci6a. jozic, Josephus, g. jozi6a. 
juric, GeorgiuS;, g. juri6a. kafic, coffea arabica (in der Kinder- 
sprache), g. kafiea. kalte, lacunuk;, g. kalida. kapic, guttula, 
g. kapica. kasljlc, tussis, g. kaslji6a. klasic, spicula, g. klasica. 
klascic, spicula, g. klas6ica. klupcic, glomellum, g. klupci6a. 
kljucic, clavicula, g. kljucica. kljunic, rostellum, g. kljunica. 
kolcic, palus, g. kolcica. kontic, agricola divitior, g. konti6a. 
konßc, equulus, g. konjica. kornlc, nom. propr. loci, g. kornica. 
koste, turdus merula; pl. kosi6i, nom. propr. pagi. koste, corbula, 
g. kosi6a. kovric, nom. propr. fam., g, kovrica. kozltc, haedulus, 
g. kozliöa. kramplßc, unguiculus, g. kramplji6a. kriztc, crucula, 
g. kriz;i6a. kromäc, silaus, g. kromaca. kruscic, rupecula, g. kru- 
scida. kumtc, hyp. von küm, compater, g. kumi6a. kumpänj, 
socius, g. kumpanja. kuscic, frustulum, g. kusci6a. kuzmtc, Cos- 
mas, g. kuzmica. kvarttc, quarta pars, g. kvartica. lazic, nom. 
propr. campi, g. Iazi6a. listtc , foliolum; epistula, g. Iisti6a, 
lonctc, ollula, g. loncica. luktc, Lucas, g. lukica. luptc, putamen, 
g. lupica. Ijuhtc, juvenis amatus, g. Ijubica. macktc, catulus 
felinus, pl. mackici. magrtz, herba quaedam, g. magriza. majtc, 
termes crepitaculi, g. majica. mandtc, nom. propr. fam.; pl. man- 
dici, nom. propr. loci, maüc, Mathias, g. mati6a. viescic, fol- 
liculus, g. mes6i6a. mladic, juvenis, g. mladi6a. mlaüc, tribulator, 
pl. mlati6i. mlektc, lac (in der Kindersprache), g. mleki6a, 
moljtc, tineola, g. moljlca. mrtväc, mortuus, g. mrtvkca. middßc, 
herba quaedam, g. muhljicia. necäe, nepos, g. ne6aca. nostc, 
nasulus, g. nosica. novctc, nummulus, g. novöi6a. noztc, cultellus, 



Cakavisch-kroatische Studien. 399 

g. nozica. ocic' pl. oÖi6i, ocelli, g. ocic. ognßc, igniculus, 
g. ognji6a. ojlc, temo minor, g. ojica. orltc, nom. propr. fam., 
g. orlica. osllc,. asellus, g. oslid'a. ostric, particula quaedam currus, 
g. ostrica. palßc, haustrum, g. paljica. parte, dim. von pär, par, 
g. pari6a. permes, commeatus, g. permesa. pizdic, cognomen 
viri joculare, g. pizdica. pleslc, segmentum succidiae, g. plesica. 
flotte, sepicula, g. ploti6a. 'polic, media mensura; nomen viri 
joculare, g. poli6a. prasclc, poreellus, pl. prasci6i. 'prastc, pul- 
visculus, g. prasica. prazic, aries juvenis, g. prazica. precäc, 
via directa, g. precaca. prolic, ver, g. prolica. prstic, digitellus, 
g. prstica. puste, glis, g. pusi6a. rodle, Willeme tia (herba), 
g. radica. razrmc, nom. propr. fam., g. razmica. raznj'ic, veru- 
culum, g. raznji6a. rhuz, pustulanim genus, g. rbaza. rcic, ca- 
cumen ; pl. rcici, nom. propr. campi, g. rci6. rebre, hydrometra 
lacustris, g. rebrßa. redlc, dim. von red, ordo, g. rediea. replc, 
caudula, g. repi6a. reznjic, segmentum, g. reznjica. romhäz, i. qu. 
rbaz, g. rombäza. roscic, corniculum ; ceratium, pl. roscici. rttc, 
i. qu. röic, pl. rtici. samc, somnulus, g. sanica. sascic, mammula, 
g. sasci6a. skasic, dim. von skäs, via declivis ; nom. propr. campi, 
g. skasi6a. skrobtc, pulticula farinacea, g. skrobica. slahic, homo 
debilis; g. slabica. slaMc, convolvoli genus, g. slaküca. siedle, 
paululum, g. sledica. sleplc, anguis fragilis, g. slepica. srakoc, 
avis quaedam, g. srakoca. sratmc, penis, g. sramica. stahrlc, 
palus, g. stabrica. starte, mensurae genus, g. starica. stolclc 
oder stohc, sedecula, g. stolcica oder stolica. strmcle, culcitra 
stramentitia, g. strmaca. sulac, jocus, g. sulaca. sveelc, dim. 
von svetac, sanctus, g. svecica. svedrlc, terebellum, g. svedrica. 
Scapclc, quantulum extremis digitis comprehendi et teneri potest, 
g. s6apcica. swnc, Simeon ; parus major, g. simi6a. skanjlc, 
seabellum, g. skanji6a. skaric, furca curnis, g. skari6a. skoljtc, 
insula, g. skoljica. skopetc, verveculus, g. skopciif'a. smrkljic, 
mucus, g. smrklju'a. spanjle, claviculi lignei genus, g. spanji6a. 
spazlc, funiculus, g. spazica. speslc, dim. von sp^h, succidia, 
g. spesica. strnelße, trunculus, g. strncljiea. sfnikljlc, eibi fa- 
rinacei genus, pl. struklji6i. tatlc, furunculus, g. taticSi. telölc, 
vitellus, g. telöica. fomc, Antonius, g. tonica. traele, taeniola, 
g. traöi6a. tuBc, nomen viri joeulare, g. tuziea. udu\ membrum, 
pl. udici. ugljlc, carbunculus, g. ugljica. vaJM, nom. propr. tam.; 
pl. vali6i, nom. propr. pagi. venelc, coroUn, g. voneica. vinlc. 



400 N e m a n i c . 

vinum (in der Kindersprache), g. vinida. volle, bubulus, g. volida. 
vozic, currulus, g. vozica. vrancic , equulus ater, g. vrancica. 
vrazic, diabolus, g. vrazi^a. vrgänj, aratrum, g. vrgknja. vrgnjic, 
dim. von vrganj, vrgnja, aratrum; jugerum; g. vrgnji6a. vrfic, 
cacumen, g. vrsica. vrtlic, hortulus, g. vrtlica. zubtc, denticulus, 
g. zubica. zamcic, caseolus e lacte ovillo, g. zamöi6a. zepic, 
saccellus, g. zepica. zmuljic, pocillum, g. zmuljica. — Hier sei 
auch erwähnt: fijhco, filius baptismalis, g. fijöca. 

2. h) 

blescäc, locus ubi coelum nubilosum disserenat, g. bles6kca. 
hrüscic, coticula, g. brüs6ica. delcic, particula; quarta pars panis 
,rucica' vel ^zdelnica^ dicti, g. delöida. jTcnclc, juvenculus, g. jün- 
ci6a, läscäc, i. qu bles6ac, g. läscaca. jpälez, uredo, g. pälfeza. 
sfbez, Pruritus, g. sfbeza. scürcic, gryllus, g. s6ürci6a. trepez, 
tremitus, g. trepeza. zäjcic, leppsculus, g. zäjöi6a. 

Anmerkung. Der sing. voc. von ölovek lautet auch 
ölbvece. 

Fünfte Gruppe. 

Die Betonungs- sowie die Quantitätsverhältnisse sind die 
gleichen wie in der vierten Gruppe; nur wird der sing. nom. 
und beziehungsweise acc. auf der letzten Silbe mit dem Acut 
betont. 

Beispiel: grajdn, homo urbanus. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


grajdn 


grajäni 


voc. 


grajäne 


grajäni 


acc. 


grajäna 


grajäni 


gen. 


grajäna 


grajdn oder grajäni 


dat. 


grajänu 


grajänon 


loc. 


grajäne 


grajäneh 


instr. 


grajänon 


grajäni 



Nach diesem Muster werden betont: 

1. a) 

acdl, chalybs, g. ackla. avril, aprilis, g. avrila. hacdn, nom. 
propr. fam., g. baöäna. baril, cadus, g. barila. bascdn, homo e 
Bkska, pl. basckni. banl, arca, g. baüla. boljün, nom. propr. 



Cakavisch-kroatische Studien. 401 

loci, g. boljima. hottin, bulla, g. botüna. hrdün, obex, g. brclüna. 
hrezdn, monticola, pl. brezani. hrhdn, vestis muliebris genus, 
g. brhaua. bucin, felis mas (in der Kinderspraclie), g. bucina. 
cekin, ducatus, g. cekina. resdr, iinperator, g. cesara. cigdr. die 
Cigarre, g. cigara. cir-ü, Cyrillus, g. cirila. carin, nomen bovis, 
g. carina. dindr, it. denaro (Spielkarte);, pl. dinari. dupin, del- 
phinus, g. dupina. facdl, sudarium, g. facola. fakin, it. facchino, 
g. fakma. fazöl, phaseolus, g. fazola. fjoHn, florenus, g. Qorina. 
glotun, guttur avium, g. glotüna. grajdn, oppidanus, g. grajana, 
grlcljdn, collum lagenae, g. grkljana. grohnik, nom. propr. loci, 
g. grobnika. isüs, Jesus, g. isiisa. ivdn, Joannes, g. ivana. kamw, 
fumarium, g. kamina. kantün, angulus, g. kantiina. kap'm, capo, 
g. kapüna. kapüz, brassica oleracea capitata, g. kapüza. klacuh, 
homo vagus, g. klacülia. komböl. nom. propr. fam., g. komböla. 
kor dl, collare^ g. korala. krWtn, carbones ; nom. propr. loci, 
g. krbüna. krnjel, Carnus, g. krnjela. krsdn, nom. propr. loci, 
g. la'sana. kumpir, Solanum tuberosum, pl.kumpiri. kutifm, 
limes ; finis, g. kunfina. lenjüh, homo desidiosus, g. lenjüha. 
martin, Martinus, g. martina. marün, castaneae genus, g. ma- 
rüna. mastel, labrum, g. mastela. metöd, Metliodius, g. metoda. 
mihür , vesica, g. mihüra. viurvdn, morus mas, g. murvana. 
nevöd, nepos ex sorore, e fratre, g. nevüda. pazdn, incola loci 
Päz, pl. pazani. pazi'd, i. qu. fazol, g. pazüla. pekljdr, mendicus, 
pl. pekljari. pelin, artemisia absinthium, g. pelina. plovdn, pa- 
rocbus, g. plovana. podprüg, cingulum clitellarum, g. podprüga. 
poklön, inclinatio, g. poklöna. popon, pannus funebris, g. popnna. 
postol, calceus, g. postola. potdk, rivus, g. potuka. potör, locus, 
ad viam situs, ubi pecudes facile damnum faciunt, g. potora. 
pozdl, taeda, g. pozkla. ■prijdm, reditus, g. prijama. recin, inauris, 
I g. recma. rimljdn, Romanus, pl. rimljuni. rusln, nomen bovis, 
: g. rusma. salddm, arena, g. saldama. snpiin, ligo, g. sapüna. 
mxin, nomen bovis, g. savina. sazür, susurrus, g. sazüra. skal- 
dhi, olla cum favilla ad calefaciendos artus, g. skaldina. sohlin, 
it. soldino, g. soldina. stradün, via, g. stradüna. snhdr, ramus 
an-idus in arbore viva; panis bis coctus, g. suhara. suzur, i. qu. 
sazür, g. suziira. skalin, gradus scalarum, g. skalina. skohin, 
discipulus, g. skolana. siden, cytisus liburnus, g. sulcna. teJoi, 
vitellus (in der Kindersprache), g. telina. tovdr, asinus, g. tovara. 
tovör, onus, g. tovora. trzdn, homo tergestinus, g. trzhna. turcdi}, 

Sitzungsber. d. phil.-hist. Cl. CIV. Bd. I. Hft. 26 



402 Nemanic. 

Turca, pl. turckni. ugön, vitium; nomen joculare, g. ugona. uför, 
caiialis excisus in tabulis dolii ad infigendum fundum; id quod 
procurrit de tabulis extra fundum, g. utora. vagon, der Waggon, 
g. vagona. vapör, navis vaporaria, g. vapora. voldn, bosculus 
(in der Kindersprache), g. volana. zrmdn, cognatus, g. zrmana. 
zutdn, homo flavus, g. zutana. 

1. h) 

nähör, ruga, g. näböra. näcin, modus, g. näcina. pölddn, 
meridies , g. pöldana. pönor, nom. propr. campi , g. pönora. 
prehor, delectus, g. prebora. prlmrdk, crepusculum, g. prlmraka. 
prögön, nom. propr. campi, g. prögöna. prömor, torpor gelu su- 
sceptus, g. prömöra. räzdel, diremptus capillorum, g. räzdela. 
süfön, opacum crepusculum; loca umbrosa, g. sütöna. zäklön, 
locus a vento tutus, g. zäklona. zäkön, lex; matrimonium, 
g. zäköna. zätön, occasus, g. zätona. zätör, pernicies ; damnum 
a pecudibus factum, g. zätora. Auch pl. päzäni. 

2. a) 

hahi'dj, lapis rotundus, g. babiilja. heldj, nom. propr. loci, 
g. belaja. Jnddz, nom. propr. pratorum, g. bulaza. hurdj, vicus 
urbis Pisini, g. buraja. dohrinj, nom. propr. urbis, g. dobrhija. 
dragnc, nom. propr. loci, g. di'agüca. dundj, Danubius, g. du- 
naja. ehrej, Hebraeus, g. ebreja. koi'dj, animus fortis, g. koraja. 
kostdnj, castanea, g. kostanja. kracülj, fungorum genus, pl. kra- 
cülji. kragüj, astur palumbarius, g. kragüja. kipelj, Ixodes ricinus, 
pl. krpelji. loptz^ cacabus fictilis ad polentam coquendam, g. lo- 
piza. osöj, locus opacus, g. osoja. paldc, palatium, g. paliica. 
patdj, nom. propr. fam., g. pataja. petrolj, petrolium, g. petrolja. 
pijdc, potator, pl. pijaci. pokdj, requies, g. poköja. prvts, nom. 
propr. loci, g. prvisa. rovinj, nom. propr. urbis, g. rovinja. 
slaküc, convolvoli genus, g. slaküca. strplis, agnus hibernus, 
g. sti'plisa. trviz, nom. propr. loci, g. trviza. vapdj, clamor, 
g. vapaja. vrgdnj, aratrum, g. vrganja. 

2. h) 

näpdj, potio, g. näpoja. prlsöj, locus apricus, g. prisoja. 
Auch krpelj, pl. krpelji. 



t 



Oakavisch-kroatische Studien. 403 

Sechste Gruppe. 

Auf der Silbe, welche im sing. nom. die letzte ist, liegt 
dui'ch die ganze Declination der Acut. 
Beispiel: necdk, nepos. 

Singular. Plural. 

nom. necdk necäki 

voc. necdce necdki 

acc. necdka necdki 

gen. necdka necdk oder necdki 

dat. necdku necdkon 

loc. necdke necdkeJi 

instr. necdkon necdki 

Nach diesem Muster werden betont: 

1. 

ajünt, adjunctus, g. ajünta. h-dun, obex, g. brdüna. hrihir, 
nom. propr. urbis, g. bribira. hiifön, homo crassus, g. buf()na. 
cekin, ducatus, g. cekina. cigdr, die Cigarre, g. cigara. cizör, 
ornatus, g. ciz()ra. duhtdr, doctor, medicus, g. duhtöra. dukdt, 
ducatus, g. dukäta. fazül, phaseolus, g. fazula. fjortn oder 
forint, florenus, g. fjorina oder forinta. frajim, nepos, decoctor, 
g. frajiina. frkdti, pl., puls farinacea, g. frkdt. gvzrin, puer, 
g. grzuna. /ir^Ye7, Croata, pl. hrvdti. jardin, hortus, g. jardina. 
kantün, angulus, g. kantuna. kapün, capo, g. kapuna. kasdl, 
porcile, g. kasala. kasi'in, cista, g. kasuna. Zco^o'r, color, g. kolöra. 
kordtin, vinculum; taenia, g. korduna. krizt'ir, quadrivium, g. kri- 
züra. krljdk, pilleus, g. krljäka. kruzdf, vcstimentum sine ma- 
nicis minus, g. kruzata. kumpir, Solanum tuberosum, g. kum- 
pira. kusin, pulvinus, g. kusina. ladrihi, rhynchites betuleti. 
g. ladrima. limun, limone, g. limüna. linddr, nom. propr. loci, 
g. lindara. madvün, morbus virorum uterinus, g. madruna. ma- 
röz, amator, g. maroza. marün, castaneae gcnus, g. marüna. 
mostir, monasterium, g. niostira. mrmör, murmur, g. mrmöra. 
naddrm, Gendarm, pl. naddrmi. necdk, ex sorore nepos, g. ne- 
6äka. petid, appetitus, g. pctida. popdn, pannus funcbris, g. po- 
pöna. przün, carcer, g. przuna. rankihi, securis adunca, g. ran- 
küna. rocin, inauris, pl. ro6ini. sahliin, sabulum, g. sabluna. 
sapün, sapo; ligo, g. sapi'ma. sesveti, pl., dies fostus omuium 

■_'t;* 



404 Nemanic. 

sanctorum, g. sesvet. solddf, iniles, g. soldäta. stradiln, via, 

g. stradüna. scapun, caryophyllum majus, g. s6apüna. scikün, 

frhigilla, g. scikima. sipdk, rosa canina, pl. sipaki. skoldn , di- 

scipulus, g. skoläna. spijün, explorator, g. spijüna. spirün, palmes, 

g. spiruna. stafün, tempestas, g. stajüna. strigun, magus; vam- 

pyrus, g. strigTina. thm'in, temo; vehiciilum duarum rotarum, 

g. timima. travers, praecinctorium, g. traversa. trtör, clematis 

vitalba, g. trtora. vapör, navis vaporaria, g. vapöra. zigdnt, 

gigas, g. zigänta. 

2. 

arniz, vasis lignei genus, g. arniza. hrsec, nom. propr. loci, 
g. brseöa. kormz, it. cornice, germ. Karniess, g. korniza. ma- 
griz, herba quaedam, g. magriza. mocilj, lacuna in qua cannabis 
humectatur, in qua lavant lintea, g. niocilja. ohlic, facies, g. ob- 
liöa. 7-hdz, pustularum genus, g. rbäza. romhdz, i. qu. rbäz, 
g. rombäza. rukelj, fili genus, g. rukelja. saliz, via silice strata, 
g. saliza. vijdj, iter, g. vijäja. 

Siebente Gruppe. 

Von den zweisilbigen Casus ist der sing, nom, und be- 
ziehungsweise acc. auf der letzten Silbe mit dem Gravis, der 
pl. gen. I. mit dem Acut betont; von den dreisilbigen Casus- 
formen betonen dieselbe, nunmehr vorletzte, Silbe regelmässig 
nur der sing. voc. und der pl. gen. IL, manchmal auch der 
pl. loc. und instr. mit dem Gravis, in allen übrigen dagegen 
springt der Accent auf die letzte Silbe über^ und zwar im sing, 
instr. und pl. dat. als Acut, im pl. loc. bald als Acut, bald 
als Gravis, in den übrigen Casus als Gravis. 

Beispiel: peteh, gallus gallinaceus. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


peteh 


petehi 


voc. 


petese 


petehi 


acc. 


peteliä 


peteht 


gen. 


peteliä 


peteh oder petehi 


dat. 


peteM 


petehon 


loc. 


petehe 


peteheh oder peteheh und peteheh 


instr. 


petehon 


petehi und petehi 



Nach diesem Muster werden betont: , 



Cafcavisch-kroatische Studien. 405 

1. 

hrhät, dorsum, g. hrbata. koribp, funis, g. konopä. otrhk, 
infans, pl. otroki. peteh, gallus gallinaceus; nom. propr. fam., 
g. peteha. zama.sk, nom. propr. loci, g. zamaska. zivU, vita; 
corpus, g. zivota. 

2. 

mrtväc, mortuus, g. mrtvacä. 

Achte Gruppe. 

Der sing. nom. und beziehungsweise acc. betonen die 
letzte Silbe mit dem Acut; sonst sind die Betonungsverhältnisse 
die nämlichen, wie in der vorhergehenden Gruppe. 
Beispiel: postöl, calceus. 

Plural. 

postoll 

postoll 

postoh 

postöl oder postoli 

postolön 

postoleh oder posfoleh und posthleh 

postoll und posthli 

Nach diesem Muster werden betont: 

hakdl, gadus morrhua, g. bakala. hurdg, venter obesus, 
g. buraga. otröv, venenum, g. otrova. pokröv, operculum^ g. po- 
krova. topöl, populus, g. topola. 

Neunte Gruppe. 

Die Silbe, welche im sing. nom. die letzte ist, bleibt durch 
die ganze Declination lang und hat deshalb, wann sie in drei- 
silbigen Casusformen betont ist, d. i. im sing. voc. und pl. gen. II. 
und eventuell im pl. loc. und instr., den Acut; sonst ist das 
Betonungsverhältniss dasselbe wie in der achten Gruppe. 

Beispiel : koldc, panis genus. 

Singular. Plural, 

nom. koldc koläci 

voc. koldcu koläci 





Singular. 


nom. 


postöl 


voc. 


postole 


acc. 


postöl 


gen. 


postolä 


dat. 


postolü 


loc. 


postole 


instr. 


postolön 



4or, 







N p ni a 11 i <■ . 




Singular. 


Plural. 


acc.« 


koldc 


koläcl 


gen. 


koläcä 


koldc oder koldöi 


dat. 


koläch 


koläcen 


loc. 


koläce 


koläceh oder koläceh und koldceh , 


instr. 


koläcen 


koläci und kolaci 



Nach diesem Muster werden betont: 



bekdr, lanius, g. bekära. belvjdkj albumen, g. belnjäkk. 
hlagäri, pl., nom. propr. pagi;, g. blagär oder blagäri. hokdl, 
matula, g. bokäla. hokün, frustum, g. boküna. holnik, homo aegro- 
tus, g. bolnika. bomhdk, gossypium, g. bombäka. hrdun, obex, g. 
brdüna. brgüd, virgetum; teri-a virgultis vestita; nom. propr. loci, 
g. brgüda. bribir, nom. propr. urbis, g. bribira. briznjdk, homo 
miser, g. briznjäka. brusdr, exacutor, g. brusära. cigdr, die 
Cigarre, pl. cigäri. cepir, ixodes ricinus, g. cepira. dwljdk, sorgi 
genus, g. divljäka. drmiin^ locus silvester, pascuus, g. drmüna. 
droznik, foramen in fundo dolii, g. droznika. droznjdk, terebrum 
quo jdroznik' perforatur, g. droznjäka. dupler, cereus major, 
g. duplera. duznik, debitor, g. duznika. ferdl, laterna, g. feräla. 
fjoHuj florenus, g. fjorina. glavdr, capitaneus, g. glavära. gon- 
cin, agitator, g. goncina. gresnjdk, qui magorum artes cognovit, 
g. gresnjäkä. grobnik, nom. propr. loci, g. grobnikk. hajduk, 
latro, g. hajdüka. jarüh, agnus sero natus; aries anniculus, 
g. jarüha. jundk, juvenis; heros, g. junäka. kandl, canalis, g. ka- 
näla. kandel, candelabrum, g. kandela. kankan, obturamentum, 
g. kanküna. kernt un, regio; angulus, g. kantüna. kanun, tor- 
mentum (bellicum), g. kanünä. kanjüh, vultur, g. kanjüha. ka- 
piin, capo, g. kapüna. kasir, cxactor vectigalium, g. kasira. 
kastei^ castellum, g. kastela. kamn, cista, g. kasüna. klaciih, 
homo vaguS;, g. klacüha. klesdr, lapicida, g. klesära. klobük, 
pilleus, g. klobüka. koläri, pl., corallia, g. kolär. komdr, culex 
pipiens^ pl. komäri. koncdi', castrator^ g. koncärii. Ä;osiV, falx 
putatoria, g. kosira. kracun, obex, g. kracünk. kreljtU, ala, 
g. kreljütä. krsnik, i. qu. gresnjflk, g. krsnika. kumpir, Solanum 
tuberosum, g. kumpira. kvarndr, numerus quadraginta ; dva 
kvarnära, octoginta. kvartiVj habitatio, g. kvartira. labin^ nom. 
propr. urbis, g. lablna. lancün, linteum, g. lancüna. lekdr, phar- 



1 



Cakavisch-kroatische Stadien. 407 

macopola, g. lekära. lenjiih, homo piger, g. lenjüha. lijun, leo, 
g. lijüna. lopdr, pala, g. lopära. lozün, vitis silvestris, g. lozüna. 
marün, castanea, g. marüna. mastel, labrum, g. mastela. mecMn, 
melligo, g. meclüna. mekiir, vesica; pustula, g. mehüra. mocvir, 
terra humicla, g. mocvira. modrdk, uva violacea, g. modräka. 
morndr, nauta, g. mornära. mostir, monasterium, g. mostlra. 
mucnjdk, ovum corruptum, g. mücnjäka. muhdr, chermes (pulex 
brassicae), pl. muliäri. nacin, modus, g. naclna. nadrep, parti- 
ciila avium super caudam, g. nadrepa. noväld, pl.^ nom. propr. 
loci, g. noväk. ohjdk, lapis rotundus, g. objäka. ocV/Il, pl., ocu- 
laria^ g. ocal oder ocäli. oltdr^ altare, g. oltära. opUn, transtrum 
currus, g. oplena ormdr, armarium, g. ormära. ostdr, caupo, 
g. ostära. ovcdk, ovile, g. ovöäka. ovcdr, opilio, g. ovcära. pa- 
crtÄ, homo imperitus, corruptor, g. pacüha. pakljiin, cibi farinacei 
genus, pl. pakljüni. palüd, canna, g. palüda. pandür, apparitor, 
g. pandüra. pastir, pastor, g. pastira. paskvdl, Pasqualis, g. pa- 
skvälä. pazdir, die Age, g. pazdlra. plkün, pertica ferrea, g. pi- 
küna. piriin, furca, g. pirüna. plomin^ nom. propr. loci, g. plo- 
mina. pi-kdt, ovile, g. prkäta. przün, carcer, g. przüna. puzdr, 
baculum uncinatum ad eruendas cochleas, g. puzära. raciin, 
ratio, g. racüna. rankün, securis adunca, g. rankflna. razdel, 
diremptus capillorum; fragmentum panis, g. razdela. rucnik, 
mappa, g. rucnlka. rukdv, manica, g. rukäva. skrlüp, superficies 
lactis, g. skrlüpk. skrsnik, i. qu. krsnik, g. skrsnika. suhdr, panis 
bis coctus; ramus aridus in arbore viva, g. suhära. susdk, nom. 
propr. loci, g. susäka. segün, serra major, g. segünk. sestdr, 
porcus duorum aut plurium annorum, g. sestära. slljdr, pilleus, 
g. siljära. skafün, canalis tibialis, g. skafüna. skorüp, i. qu. skr- 
lüp, g. skorüpa. skralüp, i. qu. skrlüp, g. skraliipa. skrhnik, 
curator, g. skrljnika. spijun, explorator, g. spijüna. spirün, pal- 
mes, g. spirflna. Spital, nosocomium, g. spitäla. Stajun, tempestas, 
g. stajüna. Sfanddr, nom. propr. campi, g. standära. Strigitn, 
magus; vampyrus, g. strigüna. snpljdk, terebri genus, g. sup- 
Ijäka. tabdr, pallium, g tabära. talir, catinus, g. tallra. tapiui, 
embolus, g. tapüna. iezdk, operarius; mercennarius, g. tczäka. 
tovdr, onus jumenti, g. tovära. trzjdk, agnus sero iiatus, g. trz- 
jäka. vescdk, homo peritus, g. vescäka. vodnjdk, liydra, g. vod- 
njäka. voldr, bubulcus; uva livida, g. volara. vrSnjdk, aequalis, 
g. vrsnjäka. ziddr, murator, g. zidära. zlatdr, aurifex, g. zlatärh. 



408 Nemanic. 

zvondr, campanator, g. zvonära. zvonik, tm-ris campanaria, g. zvo- 
nika. zagün, i. qu. segim, g. zagüna. zutnjdk, vitellus ovi, 
g. zutnjäka. 

2. 

hacilj, infimdibuhim molae, g. bacilja. hadilj, ligonis genus, 
g. badilja. hazgic, cognomen viri joculare, g. bazgica. hodü, 
Carduus, g. bodisa. brnbelj, melolontha vulgaris; geotrupes ster- 
corarius, g. brnbelja. brsec, nom. propr. loci, g. brseca. buhdc, 
chermes (pulex brassicae), pl. buhäci. dekdj, puer; juvenis 
amatus, g. dekäja. drozgic, turdus, g. drozgica. drzdc, manubrium, 
g. drzäca. fajtdc, dicitur infanti inquieto, g. fajtäca. gladis, 
Carduus, g. gladisa. goUs, homo nudus, g. golisa. govnjdc, geo- 
trupes stercorarius, g. govnjäca. jurds, nom. propr. fam., g. ju- 
räsa. koldc, panis in coronae specimen factus, g. koläca. kopdc, 
fossor, g. kopäca. kosmdc, pilosus 3 (homo, animal), g. kosmäca. 
kosHs, nux dura, g. kostisa. kovdc, faber ferrarius, g. koväca. 
kracülj, fungorum genus, pl. kracülji. kragülj, nisus, g. kragülja. 
krajdc, sartor, g. krajäca. krampljdc, ungulatus 3. (homo, animal), 
g. krampljäca. kurbdc, flagellum, g. kurbäca. lajüs, latrator, 
g. lajüsa. lovrec, nom. propr. loci, g. lovre6a. magriz, herbae 
genus, g. magrlza. mejds, terminus; confinis, pl. mejäsi. metülj, 
distoma; papilio, pl. metülji. mizölj, poculum, g. mizölja. mladic, 
juvenis, g. mladica. murvdc, morus mas, pl. murväci. ordc, ara- 
tor, pl. oräci. pajdds, socius, g. pajdäsa. pazdic, qui pedorem 
emittit, g. pazdica. jjijdcj potor, g. pijäca. iwjskdc, qui pediculos 
aHcui perquirit in capite, g. pojskäöa. porec, nom. propr. urbis, 
g. poreöa. prvis, nom. propr. loci, g. prvisa. repdc, nomen arie- 
tis caudicati; vampyrus, g. repäöa. rogdc, nomen arietis; uva- 
rum genus, g. rogäöa. slavic, luscinia, g. slavica. slepic, caeciHa, 
g. slepica. sraköc, avis quaedam, pl. sraköci. sirdlj, i. qu. siljär, ' 
g. sirälja. .skabic, nomen agnelli, g. skabica. skrpeJj, testa ollae, 
g. skrpeljk. telic, vitulus, g. tellca. trviz, nom. propr. loci, 
g. trviza. tukdc, tudicula, g. tukäca. 

Anmerkung. Von junak lautet der sing. voc. auch jünace. 
Selten hört man den pl. gen. IL mit der Betonung des pl. nom., 
wie: tezäki. Nicht so selten werden hier aufgezählte Substantiva 
nach der sechsten Gruppe betont, wie : jurds, jurdsa, jurdsu; 
pastir, pastira, pastiru u. s. w. 



Cakavisch-kroatische Studien. 409 

Dritte Classe. 
Drei- und mehrsühige Stämme, resp. sinfj. nom. 

a) Solche, welche im sing. nom. ein bewegliches a 
enthalten und somit auch nach Annahme von Casus- 
suffixen der Silbenzahl nach unverändert bleiben. 

Erste Gruppe. 

Die drittletzte Silbe ist durch die ganze Declination mit 
dem Gravis betont. 

Beispiel : mälenac, fractillum. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


mälenac 


mälenci 


voc. 


mälence 


malend 


acc. 


mälenac 


mälenci 


gen. 


mälenca 


■ mälenac oder mälenci 


dat. 


mälencu 


mälencen 


loc. 


mälence 


mälenceh 


instr. 


mälencen 


mälenci 



Nach diesem Muster Averden betont: 

1. 

hräbonjak, stercus ovillum^ pl. brabonjki. pärucak, racemus 
post vindemiam residuus ; spica a messoribus relicta ; racemus 
parvus, g. parucka. päsforak, privignus, g. pastorka. pätorak, 
helleborus niger, g. pktorka. 

2. 

helitarci, pl., genus quoddam hominum mythicorum, g. be- 
litarac. heramac, incola loci Beran, pl. beranci. hedenac, nom. 
prop?. fontis, g. bedenca. delavac, operarius/ g. dolavca. (jiädi- 
njac, incola loci Gradinj, pl. gradinjci. gundexialj, geotrupes ster- 
corarius, g. gündevlja. jügovac, nom. propr. fam., g. jügovca. 
klekovac, avis quaedam, g. klekovca. khcarci, pl., nora. propr. 
campi, g. kocarac. kriza.nac, incola loci Kringa ; nom. propr. 
fam'. ; pl. krizanci, nom. propr. loci, khrjnroc, homo edentulus, 
g. ki'njavca. läjavac, latrator, g. lajavca. mägarac, asinus, 
g. magarca. mälenac, fractillum; guttur avium, g. mhlenca. 



410 Nemanic. 

mlädenci, pl.; feriae innocentium infantium (d. 28. decembr.), 
g. mladenac. närucalj, quantum in brachiis ferri potest, g. na- 
ruclja. organac, Organum pneumaticum, g. örganca. pätarac, 
helleborus niger, g. patarca. päzinac, incola urbis Pazin;, pl. pa- 
zinci. pekovac, pistor, g. pekovca. plscenci, pl., pulli gallinacei- 
infantuli, g. piscenac. poljanac, homo rusticus, pl. pöljanci. 
podf-manac, homo pannosuS;, g. podrmanca. pomäzanac, deliciolae, 
g. pomazanca. pos'erenac, puer concacatuS;, g. poserenca. posi- 
novac, gener; g. posinovca. posranac, i. qu. poserenac^ g. pösranca. 
potuhnjenac, dissimiilator, g. potübnjenca. pjvedanac, exsecrator, 
g. predanca. preklnjenac, homo mutilus, g. prekinjenca. 'j)ro- 
Idmjalac oder proUlnjavac, exsecrator, g. proklinjalca oder pro- 
klinjavca. pHtenac, fungorum genus, pl. prstenci. rast^yanac, 
homo pannosus, g. rasti-ganca. razdräpanac, i. qu. rastrganae, 
g. razdrapanca. rutavac, i. qu. rastrganae, g. rütavca. säjevac, 
expurgator caminorum, g. sajevca. slnovac, nepos, g. smovca. 
skakavac, locusta, pl. skakavci. skHenac , homo contractus, 
g. skrcencav slinovac, homo salivosus, g. slinovca. smrekovac, 
avis quaedam, g. smrekovca. scakovac, singultus, g. scükovca. 
sepavac, homo claudus, g. sepavea. skljekavac, i. qu. klekovac, 
g. skljekavca. sljekavac, homo balbus, g. sljekavca. sünjavac, 
homo stultus, g. simjavca. zaplakanac, plorator, g. zaplakanca. 

Zweite Gruppe. 

Die drittletzte Silbe ist durch die ganze Dechnation mit 
dem Acut betont. 

Beispiel: povdljenac, tradux. 

Singular. Plural, 

nom. povdljenac povdljenci 

voc. povdljence povdljenci 

acc. povdljenac povdljenci 

gen. povdljenca povdljenac oder povdljenci 

dat. povdljencii povdljencen 

loc. povdljence povdljenceh ,\ 

instr. povdljencen povdljenci 

Nach diesem Muster werden betont: 

piscanci, pl., pulli gallinacei, g. pis6anac. povdljenac, tradux 
(vitis), g. poväljenca. stanega,rac, nom. propr. campi, g. stanegarca. 



l: 



Cakavisch-kroatiscUe Studien. 41 1 



Dritte Gruppe. 



Die vorletzte Silbe ist durch die ganze Declination mit 
dem Gravis betont: 

Beispiel: ohrezak, segmentum. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


ohrezak 


ohreski 


voc. 


obresce 


obreski 


acc. 


ohrezak 


ohreski 


gen. 


ohreska 


ohrezak oder obreski 


dat. 


ohreskit 


ohrhkon 


loc. 


ohreske 


obreskeh 


instr. 


ohreskon 


ohreski 



Nach diesem Muster werden betont': 

1. 

cinntar, coemeterium, g. cimitra. geometar, geometra^ g. geo- 
metra. maestar, magister^ g. maestra. mimstar, minister, g. mi- 
nistra. mravwjak, acervus formicinus^ g. mravinjka. natiicak, 
callum, g. natücka. ohrezak, segmentum, pl. obreski. oribak, 
reliquia contriti (casei, rapae etc.) , g. oribka. ostrizak, seg- 
mentum, pl. ostriski. pofjlodki, pl., convivium octava nuptiali 
celebratum, g. poglodäk oder poglodki. polästar, pullus, g. po- 
lästra. polütak, dimidia pars, g. polütka. popäsak, pastiuncula, 
pastio ovium ante mulctum, g. popaska. popecak, rutabulum, 
g. popecka. prijamak, reditus, g. prijamka. setembar, September, 
g. setembra. upleiak, quod crinibus implectitur, g. upletka. 
zametak, foetus, g. zametka. zaiisak, alapa, g. zai^iska. 



mesojedac, qui carne vescitur, g. mesojeca. olttac, qui de 
boteUis (olito) loquitur : ,olitac puknetac' sagte die zornige 
Mutter zum Sohne, der bemerkt hatte : ,mama, olita te puknit*. 
oniisalj, nom. propr. urbis, g. omislja. patrnostrl, pl., cibi fari- 
nacei genus, g. patrnostar. polukrusac, qui dimidiam partem 
panis habet: antönja i bostijanja su srcdozimci, polukrüsci. 
pavodanj, inundatio, g. povödnja. puknetac: cf. olitac. 

Anmerkung. Die Betonung des pl. gen. I. ist schwan- 
kend: polastar, poglodäk und angeblich auch uatiicäk u. dgl. 



412 



Nemani c. 



Vierte Gruppe. 

Die vorletzte Silbe ist durchgeliends betont, und zwar in 
den Casus mit dem beweglichen a mit dem Gravis, in denen 
ohne dasselbe mit dem Acut. 

Beispiel: glotünac, guttur avium. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


glotunac 


glotünci 


voc. 


glotünce 


glottlnci 


acc. 


glotünac 


glotünci 


gen. 


glotünca 


glotunac oder glotünci 


dat. 


glotüncu 


glotüncen 


loc. 


glotünce 


glotünceh 


instr. 


glotnncen 


glotünci 



Nach diesem Muster werden betont; 



1. 



advenat, adventus; mensis december, g. adventa. batimhiat, 
actio judicialis, g. batimenta. fundamenat, fundamentum, g. fun- 
damenta. goveran, rectores rei publicae, g. goveraa. koldrdi; 
pl., coralia, g. kolarad. mirivinjak, acervus formicinus, g. mra- 
vinjka. mrkänat, mercator, g. mrkänta. narämak, pars vesti- 
mentorum humeralis ; quantum in humero ferri potest, pl. na- 
rämki. ocvirak, cremium, pl. ocvirki. ogärak, titio, pl. ogärki. 
omejak, pascuum, g. omejka. opänak, socci genus, pl. opänki. 
ostänak, mansio; pl. ostänki, reliquiae. pelinak, absinthium, 
g. pelinka. pohirki, pl., analecta, g. pobirak. podänak, surculus 
e caudice subnatus, pl. podänki. podpäljak, quantum lignorum 
necessarium est ad recandefaciendum furnum , g. podpaljka. 
podzmak, auctumnus, g. podzimka. ponedeljok, dies lunae, g. po- 
nedeljka. prestcmak, intermissio, g. prestänka. pridävak, addita- 
mentum, g. pridävka. pridrhznk^ surculus e radice fici natus, 
g. pridrüska. priglävak, pedis pars superior, g. priglavka. talenat, 
locum tenens, g. talenta. zatlljak, occipitiura, g. zatiljka. 



barllac, laguncula, g. barilca. hogänac, digitus auricularis: 
pl. bogänci, dolores digitorum gelu contracti. holjfinac, incola 



Cakavisch-kroatische Stadien. 413 

loci Boljun, pl. boljiinci. cerovac, incola loci Cer(5vlje, pl. cerovci. 
öeresnjevac, incola loci Ceresnjevica, pl. öeresnjevci. crnogluvar, 
herba quaedam, g. crnoglävea. crvwac, alsine, g. örvivca. ciri- 
hirac, cognomen populäre Romanorum Istrianorum^ pl. ciribirci. 
drenbvac, nom. propr. campi, g. drenovca. durelac, guttur avium, 
g. durelca. ghtünac, i. qu. dui'clac, g. glotünca. gorhiac, incola 
locorum altiorum, pl. gorinci. gorogräjac, incola loci Gorenji 
gräd, pl. gorograjci. grdoselac, incola loci Grdoselo, pl. grdoselci. 
hrstljävac, cartilago, g. hrstljävca. kastävaCj incola oppidi Kastäv, 
pl. kastävci. Iwlarvnac, collare, g. kolarinca. kr^änac, incola 
loci Krsän; nom. propr. fam.; pl. krsänci, nom. propr. pagi. 
kupbvac, emptor, g. kupovca. ladävac, nom. propr. fam., g. la- 
dävca. lahkodUaCy homo desidiosus, g. lahkodelca. laznfivac, 
mendax, g. laznjivca. leprtnac, nom. propr. loci, g. lepnnca. 
lindärac, incola loci Lindär, pl. lindärci. lovrenac, Laurentius, 
g. lovrenca. rnagärac, asinus, g. magarca. mesojelac, qui carne 
vescitur, g. mesojelca. mladenci, pl., feriae innocentium infan- 
tium, g. mladenac. mravmac, formica, pl. mravinci. muljävac, 
nom. propr. fam., g. muljavca. nadülac, prunum ramicosum, 
pl. nadülci. ozimac, hordeum, g. ozimca. incänac, incola loci 
Pi(ian, pl. pieänci. pijanac, homo ebrius, g. pijanca. pohhjac, 
paxillus, g. poböjca. poprdijuvac, peditor, g. poprdljävca. poska- 
kävac, saltator, g. poskakävca. pospanßuac, qui multum dormitat, 
pl. pospanjivci. posränac, puer concacatus, g. posränca. prcävac, 
^ guttur avium; nomen pueri joculare, g. preävca. primhmc, homo 
de ora maritima, pl. primörci. prisnnac, locus apricus; mensis 
januarius, g. prisunca. razhtävac, avis ad volandum tirmata, 
pl. razletävci. samosrbjac, qui omnia lucri sui causa facit, umnia 
ipse habere vult, g. samosvöjca. slascivac, ligurritor, g. slascivca. 
smokbvac, vicus urbis Vrbnik, g. smokovca. sredozimac, qui est 
media hieme : antonja i bostijanja su sredozimci , polukrüsei. 
studenac , fons, g. studenca. tombolac, vasculum foenisecae, 
g. tombolca. frgovac, mercator, g. trgövca. trskävac, Carduus, 
g. trskävca. vijoglavac, jyi^x torquilla, g. vijoglavca. vodopijac, 
hydropota, g. vodopijca. 

Anmerkung. Als pl. gen. I. wurde mir auch angegeben: 
ocvlrdk, opdnäk — Formen, an deren Richtigkeit ich zweitle. 



414 Nemanic. 

Fünfte Gruppe. 

Die vorletzte Silbe ist durcligehends mit dem Acut betont. 
Beispiel: dijdval, diabolus. 

Singular. Plural. 

nom. dijdval dijdvli 

voc. dijdvle dijdvli 

acc. dijdvla dijdvli 

gen. dijdvla dijdval oder dijdvli 

dat. dijdvlu dijdvlon 

loc. dijdvle dijdvleh 

instr. dijdvlon dijdvli 

Nach diesem Muster werden betont. 

1. 
dijdval, diabolus, g. dijävla. itnetak, facultates, g. imetka. 

2. 

hrihirac, incola oppidi Bribir, pl. bribirci. klasünac, spica 
zeae granis denudata, g. klasünca. kordünac, taenia, g. kordünca. 
taiijölac, linteolum, g. tavijolca. 1 

Sechste Gruppe. 

Im sing. voc. und pl. gen. 11. und manchmal auch im 
pl. loc. und instr. ist die vorletzte Silbe mit dem Gravis, in 
allen übrigen Casus dagegen die letzte Silbe betont, und zwar im 
sing, instr. und pl. gen. I. und dat. mit dem Acut, im pl. loc. 
bald mit dem Acut, bald mit dem Gravis, sonst immer mit 
dem Gravis. 

Beispiel: 'pletenäc, corbis 

Singular. Plural, 

nom. jyletenäc plefencl 

voc. pletence loletenci 

acc. pletenäc pletenct 

gen. pletencä plefendc oder plethici Xl 

dat. phtencu pletencen 

loc. pletence pletenceh oder pletenceh und pletenceh 

instr. pletencen pletencl und pletenci 

Nach diesem Muster werden betont: 



Cakavisch-iroatiscbe Studien. 415 

1. 

haseläk, ocymum basilicum^ g. baSelka. retrfäk, dies Jovis, 
g. cetrtka. 

2. 

klepetuc, crepitaculum, g. klepeca. pletenäc, corbis, g. ple- 
tenca. j^o^Tot'ac, operculum, pl. pokrovci. udoväc, viduus, g. udovca. 

Anmerkung. Man hört auch sing. nom. und acc. ha- 
$eldk, cetrtdk. 

Siebente Gruppe. 

Die vorletzte Silbe ist in den Casus ohne das bewegliche 
a lang und hat deshalb, wann sie betont ist, d. i. im sing. voc. 
und pl. gen. II., sowie eventuell im pl. loc. und instr., den 
Acut ; sonst ist die Betonung gleich der vorhergehenden Gruppe. 

Beispiel : zelenäc, lacerta viridis. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


zelenäc 


zelenci 


voc. 


zelence 


zelenct 


acc. 


zelencä 


zelenci 


gen. 


zelencä 


zelenäc oder zelenci 


dat. 


zelencü 


zelencm 


loc. 


zelence 


zelenceh oder zelmceh und zelenceh 


instr. 


zelencen 


zelenci und zelenci 



Nach diesem Muster werden betont: 

pohojäc, paxillus, g. poböjca. sfudenäc, fons, g. studenca. 
tomholäc, vasculum foenisecae, g. tombülck. udoväc, viduus, 
g. udövca. zelenäc, lacerta viridis; cetonia aurata, g. zelencä. 

Achte Gruppe. 

Auch in den Casusforraen mit dem beweglichen a ist die 
vorletzte Silbe lang; sonst sind sowohl die Betonungs- als die 
Quantitätsverhältnisse die nämlichen wie in der siebenten Gruppe. 

Beispiel: porühäk, truncus. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


porühäk 


porühkl 


voc. 


poruhce 


porubkl 


acc. 


porühäk 


porubkl 


gen. 


porühkä 


porühäk oder poruhki 



416 Nemanic. 

Singular. Plural, 

dat. poröhku jyorühkön 

loc. -porühke porühkeh oder porühkeh und porühkeh 

instr. poruhkön porühTa und poruhki 
Nach diesem Muster werden betont : 

1. 

hrezüljäk, monticellus, g. brezüljka. cetriäk, dies Jovis, 
g. cetrtka. desetäk, numerus decem, g. desetka. dobitäk, lucrum, 
g. dobltka. dvajsetäk, numerus viginti, g. dvajsetka. korenäk, 
radix, g. korenka. ohavltäk, vitta, g. obavitka. osnütäk, stamen, 
g. osnütka. jjellnäk, absinthium, g. pelinka. piscetäk, fonticulus, 
g. piscetka. pocetäk, initium, g. pocetka. poclnäk oder pocltäk, 
requies, g. poclnka oder poöltka. podbrädäk, pars colli sub 
mento ; toriis sub mento, g. podbrädka. polütäk, das Halb- 
kreuzerstück, g. polütka. porühäk, truncus, g. porübka. povltuk, 
fasciae, g. povitka. zarücäk, quod post jentaculum editur, g. za- 
rücka. zavltäk, locus ubi via flectitur, g. zavitka. j 

2. 

crviväc, alsine, g. crvivca. jedmuc, filius unicus, g. jedinck. 
klasünäc, spica zeae granis denudata, g. klasünca. kordünäc, 
taeniola^ g. kordünca. mikünäc, der Cocon, pl. mihünci. mozü- 
Ijäc, pustiüa, g. mozüljca. mravinac, formica, g. mravinca. pod- 
hrezäc, nom. propr. campi, g. podbresca. posränäc, püer con- 
cacatus, g. posränca. predänäc, exsecrator, g. predänca. rasudenäc, 
nom. propr. loci cujusdam quasi mythici, g. rasudenca. rukäväc, 
nom. propr. loci, g. rukävca. timünäc, gubernaculum, g. timünca. 
trapütäc, plantago, g. trapüca. ^ 



h) Solche, welche im sing. nom. kein bewegliches a 

enthalten und somit nach Annahme von Casussuffixen 

eine Silbe mehr als im sing. nom. haben. 

Erste Gruppe. 

Die drittletzte Silbe des sing. nom. ist und bleibt durch 
die ganze Declination mit dem Gravis betont. 
Beispiel : jäzulic, fibula. 



c 



Cakavisch-kroatische Studien. 417 





Singular. 


Plural. 


nom. 


jäzulic 


jäzulici 


voc. 


jäzulicu 


jäzulici 


acc. 


jäzulic 


jäzulici 


gen. 


jäzulica 


jäzulic oder jäzulici 


dat. 


jäzulicu 


jäzulicen 


loc. 


jäzulice 


jäzuliceh 


instr. 


jäzulicen 


jäzulici 



Nach diesem Muster werden betont: 



blägoslov, benedictio, g. blagoslova. bilrumus, cicer, g. bü- 
rumusa. golijat, Goliath, g. göhjata. grähljenjak, terebrum ad 
perforandum rastrum foenarium, g. gräbljenjaka. güminar, nomen 
canis, g. güminara. kblovoz, mensis augustus, g. kolovoza. ko- 
lovrat, girgillus, g. kolovrata. kukuruz, zea mais, g. kükuruza. 
kidonjin, nom. propr. loci cujusdam ubi via flectitur, g. küto- 
njina. lüpoglav, nom. propr. loci, g. lüpoglava. öc^^oiw, responsum, 
g. odgovora. opomen, preces sacerdotis pro mortuo et id quod 
pro iis precibus sacerdoti solvitur, g. öpomena. pomeljar, qui 
molendum adfert frumentum, pl. pomeljari. präputnik, nom. 
propr. loci, g. praputnika. räkovcan, incola loci Rakovik, pl. rk- 
kovcani. räkovik, nom. propr. loci, g. rakovika. räzgovoi\ col- 
loquium, g. razgovora. üljenjak, urna olearia, g. iiljenjaka. zet- 
venjak, mensis Julius, g. zetvenjaka. 



änjusic, amuletum, g. knjusica. hälozic, dim. von balog, 
stercus, g. balozica. bekvaric, herba quaedam, g. bekvarica. 
bläskovic, nom. propr. fam., g. blaskovica. bbrovic^ nom. propr. 
fam., g. borovica. brätanic, fratris filius, g. brätanica. briikvicic, 
claviculus, pl. brükvicici. cigancic oder ciganic, puer Zingarus, 
g. ciganöi6a oder cigani^a. cbbanic, pastor, g. c6bani6a. deveric, 
paranymphus, g. deverica. fdiiAic, nom. propr. fam. g. filipliia. 
jäbucic, malus agrestis, g.jabucica. jänjuSic, i. qu. anjusi6, g. ja- 
njusica. jäzulic, fibula, g. jäzulica. kämicic, lapillus, g. khmii^ica. 
kbracic, passus, g. koracica. kreljutic, ala; homunculus, g. krö- 
ljuti6a. krizmanic, nom. propr. fam., g. kn/manica. kiitnjaciö, 
dens molaris, g. kütnjacica. läpesic, cerussula , g. liipesiöa. 

Sitzungsber. d. phil.-hist. Cl. CIV. Bd. I. Hit. il 



418 Neman id. 

liigaric, i. qu. racri6, Willemetia^ g. lügarica. m^kesic, dim. von 
mrkes, nigris maculis (bos, aries); puer sordidus, g. mrkesica. 
naclnovic, nom. propr. fam., g. naGinovi6a. oskbrusvic, sorbum, 
g. oskörusvida. päucic, dim. von pauk, araneola, g. paucica. 
prljatelj, amicus, g. prijatelja. rbgovic, nom. propr. fam.; uvarum 
genus; pl. rogovi6i, nom. propr. pagi. sühovic, nom. propr. 
fam., g. stihovica. stUnjencic, uvarum genus, g. stisnjenci6a. 
stbmizic, stomachus, g. stömizi6a. sünjavcic, stultulus, g. sünjavöica. 
vtdulic, nom. propr. fam.; pl. vklulici, nom. propr. pagi. zalo- 
gaj, bölus, g. zklogaja. zidaric, nom. propr. fam., g. zidarica. 
Anmerkung. Einige von diesen Substantiven werden 
auch entweder durchgehends auf der Silbe, welche im sing, 
nom. die vorletzte oder die letzte ist, also nach der unten fol- 
genden III. und V. Gruppe, oder wenigstens im pl. gen. I. 
auf der letzten Silbe betont; so pl. gen. I. ciganic, janjusic, 
koracic, odgovör, opomen, prljatelj, woneben mir auch als pl. 
gen. n. angegeben wird: koracici, odgovbri u. s. w. 

Zweite Gruppe. 

Die drittletzte Silbe des sing. nom. ist und bleibt durch 
die ganze Declination mit dem Acut betont. 

Beispiel: ndrucaj, quantum in brachiis ferri potest. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


ndrucaj 


ndrucaji 


voc. 


ndrucaju 


ndrucaji 


acc. 


ndrucaj 


ndrucaji 


gen. 


ndrucaja 


ndrucaj oder ndrucaji 


dat. 


ndriLcaju 


ndrucajen 


loc. 


ndrucaje 


ndrucajeh 


instr. 


ndrucajen 


ndrucaji 



Nach diesem Muster werden betont: 

1. 

kdnibenjak, terebrum ad perforandum jugum, g. kdm- 

benjaka. 

2. 

dnjelic, angelus, g. änjelida. cdvljenclc, terebellum, g. öäv- 
Ijen6i6a. dimnjlclc, fumariolum, g. dimnjiöi6a. jdrholic, malus, 



Cakavisch-kroatische Studien. 419 

g. järbolica. kolömbaric, circulus, g. kolömbarica. ndrucaj, ulna; 
quantum in brachiis ferri potest, g. näruöaja. süncasic, valeria- 
nella, g. simcasi^a. 

Dritte Gruppe. 

Die vorletzte Silbe des sing. nom. ist und bleibt durch 
die ganze Declination mit dem Gravis betont. 
Beispiel: krnlcar, theca coehlearia. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


h'nlcar 


krmcari 


voc. 


krmcare 


krmcari 


acc. 


krnicar 


krmcari 


gen. 


krmcara 


krnlcar oder krmcari. 


dat. 


krmcaru 


krnicaron 


loc. 


krmcare 


krmcareh 


instr. 


krmcaron 


krmcari 



Nach diesem Muster werden, betont: 

1. 

apbstol, apostolus, pl. apöstoli. henovrekar, homo bracis beno- 
vreki (f) dictis vestitus, pl. benovrekari. horhcan, incola loci 
Borüt, pl. borücani. hozitnjik, arbor quaedam, g. bozitnjika. 
hrigäcnik, qui agrum ecclesiasticum colit, g. brigacnika. brnjü- 
sar, puer sub naso sordidus (eigentl. mustaces, tittices habens), 
g. brnjüsara. civüier, coemeterium, g. cimitera. dragucan, incola 
loci Dragüc, pl. dragücani. drevolbmik, qui ligna frangit, g. dre- 
volömika. garofid, dianthus caryophyllus, g. garofula. glavinjak, 
terebrum ad perforandum modiolum rotae, g. glavinjaka. go- 
logHan, incola loci Gologorica^ pl. gologrcani. graciScan, incola 
loci Gracisce, pl. graciscani. gradeznjnk, nom. propr. campi, 
g. gradeznjaka. grdoseljan, incola loci Grdoselo, pl. grdoseljani. 
isükrst, Jesus Christus, g. isükrsta. knpuznjak, ager olitorius; 
nom. propr. campi, g. kapüznjaka. kaioUk, catholicus, g. ka- 
tolika. kobilar, avis quaedam, g. kobilara. koslter, stannum, 
M g. kositera. krrncar, theca coehlearia, g. krnicara. lucifer, Lueifer, 
g. lucifera. meAlicar, sorgum ex quo scopae parantur, g. metliöara. 
napHnjnk, munimentum digiti, g. naprsnjaka. odghror, responsum, 
g. odgövora. odmasar, minister missae g. odma^ara. ophmeni, 
pl., preces pro defuncto, g. opomen. ixdädnjäki, pl., nom. propr. 



4:20 Nemanic. 

loci, pohrätin, frater addictus, g. pobratina, podgüsnik, os avium 
subguttui'ale furciforme, g. podgüsnika. podloznik, subditus, 
g. podloznika. pripbsluh, auscultatio clandestina, g. pripösluha. 
rashbdnik, Solanum dulcamara, g. rashödnika. srhmjak, nom. 
propr. loci; g. srbinjaka. senicnik, herba quaedam, g. seniönika. 
telegraf, telegraphus, g. telegrafa, trnoplesar, nomen contume- 
liosum in incolas loci Pi6än, pl. trnopl^sari. ukücan, unus de 
familia, pl. ukücani. volbscak, uvarum genus, g. volös6aka. 
zarübnik, limbus, g. zarübnika. zarucnikj sponsus, g. zarücnika. 

2. 

cirilic, Cyrillus, g. cirilica. drenidjic, cornum, pl. drenüljici. 
glagüljic, bacca crataegi, pl. glagüljici. gospodicic oder gospodinic, 
domicellus; herba quaedam, pl. gospodici6i oder gospodini6i. 
gruhisic, nom. propr. fam,, g. grubisida. kramtelj, qui niipsit 
uxori suae, g. hranitelja. koletic, linteolum sub mento infantis, 
g. koletica. kolotüric, trocblea, g. kolotürica. kunelic, lepus cu- 
niculus, pl. kunelici. kurelic, nom. propr. fam., g. kurfelica. kvar- 
ticic, quarta pars, g. kvarticica. milofic, nom. propr. fam., g. mi- 
löti6a. mohorbvic, nom. propr. fam., g. mohorovica. navHaj, 
Corona (ficorum), g. navrzaja. obräzic, facies, g. obrazica. oficij, 
officium, g. oficija. ogärcic, titio, g. ogarci6a. pazüUc, phaseolus; 
nom. propr. fam., g. pazüli6a. picmic, pullus gallinae, pl. pici- 
ni6i. pojelic, puer edax, g. pojeli6a. pomajic, mensis junius, 
g. pomajica. posmihüljic, puer ridens, g. posmihüljica. prgatbrij, 
purgatorium, g. prgatorija. pridnvcic, additamentum , g. pridav- 
ci6a. prijäfelj, amicus, g. prijatelja. priUsic, casula, g. prilesica. 
pristresic, i. qu. prilesic, g. pristresica. pritHic, vimen, g. pritr- 
ti6a. prstorbscic, haedulus cornibus longitudinis digitalis, pl. pr- 
storoscici. r-odUelj, parens, pl. roditelji. spasUelj, salvator, g. spa- 
sitelja. senicic oder simicic, parus major, g. seniöi6a oder 
simiöica. skralupicic, superficies lactis, g. skralupiöica. speglicic, 
speculum, g. speglicica. trbmic, ventriculus, g. trbüsica. uljänic, 
nom. propr. fam., g. uljanica. urävic, nom. propr. fam. ; pl. ura- 
vi6i, nom. propr. loci, vallncic, nom. propr. fam,, g. valincica. 
mnopijac, vini potor, g. vinopijaßa. zakblic, paxillus axis, g. za- 
kolica. zapelßtelj, seductor, g. zapeljitelja. 

Anmerkung: Bezüglich der pl. gen. I. odgovör, opomen, 
prijatelj, trbuHc vgl. die Anmerkung zur ersten Gruppe. 



Cakavisch-kroatische Studien. 42 1 

Vierte Gruppe. 

. Die vorletzte Silbe des sing. nom. ist und bleibt durch 
die ganze Declination mit dem Acut betont. 
Beispiel: odöjcic, nefrens. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


odöjcic 


odojcici 


voc. 


odöjcicu 


odojcici 


acc. 


odöjcica 


odojcici 


gen. 


odöjcica 


odöjcic oder odojcici 


dat. 


odöjcicu 


odöjcicen 


loc. 


odöjcice 


odöjciceh 


instr. 


odöjcicen 


odojcici 



Nach diesem Muster werden betont: 

1. 

antönscak, mensis januarius, g. antonscaka. deldvnik, dies 
laboris, g. delavnika. dimbövljak, nom. propr. montis, g. dim- 
bövljaka. kadenar, nomen canis, g. kadenara. kapuziijak, ager 
olitorius, g. kapuznjaka. kolömhar, orbis, g. kolombara. martin- 
scak, mensis november, g. martinscaka. mihöljscak, mensis oc- 
tober, g. miholjscaka. perikul, periculum, g. perikula. utömijak, 
instrumentum ad excidendum in fundo dolii canalem, g. utor- 
njaka. zadgldvnik, truncus in foco igni appositus, g. zadglävnika. 
zatörnik, deletor, g. zatörnika. 

2. 

antöncic, nom. propr. fam.; pl. antoncici, nom. propr. pagi. 
brezüljcic, monticellus, g. brezüljci6a. ivdncic, nom. propr. fam.; 
pl. iväncici, nom. propr. pagi. jedrejcic, nom. propr. fam., g. je- 
drejciöa. kolencic, puer quem nova nupta sedens suscipit et in 
genibus ponit, g. kolencica. luzdrlj, rosarium, g. luzärija. ma- 
gdrcic, asellus, g. magärcica. mihiircic, bidlula, pl. mihüreici. 
odöjcic, nefrensj g. odöjcica. popazdicic, puer pedores emittens, 
g. popazdici6a. poserdncic, puer concacatus, g. poseninöie'a. po- 
skakdlcic, qiii saltat, pl. jänöici poskakälcici. posrdncic, i. qu. po- 
seränci6, g. posräncica. povecercic, quod post coenam editur, 
g. povecerci6a. predvecercic, quod ante coonam editur, g. pred- 
veöercica. primncic, locus apricus-, nom. propr. campi, g. pri- 





Singular. 


nom. 


siromah 


voc. 


siromäse 


acc. 


siromäha 


gen. 


siromäha 


dat. 


siromähu 


loc. 


siromähe 


instr. 


siromähon 



A2'2 Neman ic. 

süncica. samosvöjcic, puer omnia ipse habere volens, g. samo- 
svöjöica. tovdrcic, asellus, g. tovärcica. zakolencic, i. qu. kolencic, 
g. zakolencica. zamerljivcic, puer omnia in malam partem ac- 
cipiens, g. zamerljivcica. 

Fünfte Gruppe. 

Im sing. nom. und beziehungsweise acc. ist die letzte Silbe 
mit dem Gravis, im pl. gen. I. mit dem Acut, in allen übrigen 
Casus dieselbe, nun vorletzte^ Silbe mit dem Gravis betont. 
Beispiel : siromah, homo miser. 

Plural. 
siromähi 
siromähi 
siromähi 

siromah oder siromähi 
siromähon 
siromäheh 
siromähi 

Nach diesem Muster werden betont: 



artizän, opifex, g. artizana. hanasini, pl., nom. propr. campi, 
g. banasin. gospodm, dominus, g. gospodina. grdolm, fringilla 
carduelis, g. grdolina. inieres , fenus, g. interesa. jezeräni, 
pl., nom. propr. loci, g. jezerän. kadorin, homo ftdiginosus, 
g. kadorina. kapeUw, capellanus, g. kapelana. kravosäs, serpens 
quidam, g. kravosasa. kukuriiz, zea mais, g. kukurüza. hizerät, 
salamandra maculata, g. luzerata. marasklni, pl., nom. propr. 
loci, g. maraskin oder maraskmi. micelm, Michael, g. micelina. 
■petohleb , nom. propr. fam., g. petohleba. poberiih, postremus 
conjugum partus (puer), g. poberüha. prkachii. pl., nom. propr. 
loci, g. prkacin. puljezän, incola urbis Pülj, pl. puljezani. pii- 
skomet, distantia jactus teli jaculatorii, g. puskometa. rastrepüh, 
sorgum ex quo scojDae parantur ; homo incomptis crinibus, 
g. rastrepüha. ritognjet, homo importunus, g. ritognjeta. rukovet, 
manipulus, g. rukoveta. samoküh, vinum Optimum (sponte fluens), 
g. samoküha. senozet, pratum, g. senozeta. siromah, homo miser, 
g. siromäha. sfivalet, calceus, pl. stivaleti. skapulln, nom. propr. 
fam. , g. skapulina. tetognjet, maritus amitae aut materterae, 



Cakavisch-kroatische Studien. 423 

g. tetognjeta. trhijän, uvarum genus, g. trbijana. trtrbus oder 
tiitubiis, bac voce arietes concitantur ad utendum cornibus. 
valomet, uoiu. propr. rupis in litore insulae Vegliae, g. vaiometa. 
cukodläk, vainpyrus, g. vukodlkka. 



amhrozic, nom. propr. fam., g. ambrozi6a. hamhustc, venter; 
puer ventriosus, g. bambusica. hartolic, Bartbolomaeus, g. bar- 
tolica. hokalic, matella, g. bokalica. lolnicic, homunculus aegrotus, 
g. bolnici6a. brdunic, pessulus, g. brdumca. hrezuljBc, monticellus, 
g. brezuljöi6a. buharlc, nom. propr. fam.; pl. buharici, nom. 
propr. loci, cipdic, calceolus, g. cipelica. dekaßc, puer; juvenis 
amatus, g. dekajica. deveric, paranvmpbus, g. deverica. facolic, 
öudariolum, g. facolica. fjorimc, äorenus, g. fjorinica. frkaüci, 
pl., puls farinacea, g. frkatic. golublc, pullus columbae, pl. golu- 
bici. grzonlc, puer tabernarius, g. grzonica. jabiicic, malus sil- 
vestris, pl. jabuöici. jarbolic, malus, g. jarbolica. jarusic, aries 
anniculus, g. jarusica. jelenlc, nomen bovis, g. jelenica. junsic, 
nom. propr. fam., g. jurisica. kafeüc, carcer, g. kafetica. kana- 
bäc, pannus ; sudarium linteum, g. kanabaca. kapunU, dim. von 
kapün, capo, g. kapunica. katafic, i. qu. kafetic, g. katafica. 
klasuncic, spica zeae granis denudata, g. klasuncica. klobucaric, 
parus major, g. klobucariea. klobucw, pilleolus, g. klobuci6a. 
kolacic, panis, g. kolaci6a. komad'ic, frustulum, g. komadica. 
konopcic, funiculus, g. konopci6a. koremc, radicula, g. korenica. 
korobäc, scutica, g. korobäöa. koromäc, silaus, g, koromäöa. 
koserlc, nom. propr. fam., g. koserica. kraguljU, nisus, g. ki-a- 
guljica. kravosäc, serpens quidam, g. kravosaca. kreljuüc, ala; 
homunculus, g. kreljutica. kumpirlc, Solanum tuberosum, g. kum- 
pirica. lovrecic, nom. propr. fam., g. lovreci6a. magarcic, asellus, 
g. magarci6a. makarmüc, dim. von makarün, laganorum genus, 
pl. makarumci. manigaPic, corbuk;, g. manigalica. martimc, nom. 
propr. fam., g. martinica. masteltc, labellum, g. mastelica. mi- 
zuljic, pocillum, g. mizuljica. mohonc, nom, propr. fam., g. mo- 
horica. nmharic, muscula, pl. muharici. nadrepV-, particula avium 
super caudam, g. nadrepica. natakäc, crepida , pl. natakaci. 
ohrazic, facies, g. obrazica. ormarw, armariolum, g. ormarica. 
otrocic, puellus, pl. otrocici. paludlc, cannula, g. paludi6a. pete- 
ök', gallus gallinaceus ; herba quaedam, g. petesiea. plcimc, 



424 Nemanic. 

paiiliilus, g. picinica. pidallc, quercula, g. pidalica. pijatic, 
eatillus, g. pijatica. pirunlc, dim. von piriin, furca, g. pirunica. 
podpruzic, cingukun clitellarum , g. podpruzica. jwh'ovic, oper- 
culum, g. pola-ovica. poohed\c, quod post prandium edunt, g. po- 
obedica. poprezic, praecinctorium, g. poprezica. posavinjic, dies 
post nundinas, g. posamnjica. pospanjuBc, puer dormiculosus, 
g. pospanjusica. postoPic, calceolus, g. postolica. prcicic, g. prci- 
ci6a, jocose dicitur puero : ,mäli prcavac, pröicic'. predohedlc, 
quod ante prandium edunt, g. predobedica. predrwic, quod 
ante jentaculum edunt, g. predruöica. prkatic, ovile, g. prkatica. 
rukavic, manica, g. rukavica. sapumc, ügoi marra, g. sapunica. 
sironic, nom. propr. fam., g. sironica. siropic, syrupus, g. siropica. 
soldatic, miles, g. soldatica. stomiztc, stomachus, g. stomizica. 
scikumc, avis quaedam; cognomen viri joculare, g. scikunica. 
siljaric oder siralßc, pilleolus, g. siljarica oder siraljica. s^'ra- 
lupic, superficies lactis, g. skralupica. tamjolic, linteolum, g. ta- 
vijolica. trbuBc, ventriculus, g. trbusica. trzjacic, agnellus sero 
natus, g. trzjacica. vaselic, doliolum, g. vaselica. vazancic, qui 
nisi paschali tempore non confitetui', g. vazanöica. zakolclc oder 
zakoVic, paxillus axis, g. zakolcica oder zakolica. zatnicic, quod 
post jentaculum edunt, g. zarucica. zlataric, aurifex, g. zlatarica. 
zamaric, cognomen viri, g. zamarica. 

Anmerkung. Merke hier auch die pl. gen. IT.: koracici, 
odgovbri, u. s. w. aus der Anmerkung zur ersten Gruppe. 

Sechste Gruppe. 

Im sing. nom. und beziehungsweise acc. ist die letzte 
Silbe mit dem Acut betont; sonst ist die Betonung die gleiche 
wie in der vorangehenden Gruppe. 

Beispiel: ohicdj, mos. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


ohicdj 


ohicäji 


voc. 


ohicäju 


ohicäji 


acc. 


ohicdj 


ohicäji 


gen. 


obicäja 


ohicdj oder ohicäji 


dat. 


ohicäju 


ohicäjen 


loc. 


ohicäje 


ohicäjeh 


instr. 


ohicäjen 


ohicäji 



Nach diesem Muster werden betont: 



Calfavisch-kroatische Stiiöien. 425 

1. 

artizdn, opifex, g. artizana. harakdl , columella saxea ad 
viam, g. barakala. boskarin, nomen bovis, g. boskarma. caratdn, 
pharmacopola circumforaneus, pl. caratani. dindijdn, lintei genus, 
g. dindijäna. gamazin, horreum; conservatorium rerum venalium, 
g. gamazina. gospodin, dominus, g. gospodina. izuldn, insulanus, 
pl. izulani. kampanjöl, rusticus, g. kampanjola. kampijYm, exem- 
plar, pl. kampijüni. kapeldn, capellanus, g. kapelkna. kapetdn, 
capitaneus, g. kapetana. karatel, dolium, g. karatela. kaiiket, 
eatechista, g. katiketa. kolejdn, qui carmina koledvi (f.) dicta 
cantat, pl. kolejani. kolomhdr, circulus, g. kolombara. kolovöz, 
orbita; via publica; mensis augustiis , g. kolovoza. kracoUn, 
puer cito gradiens, g. kracolina. kremenjdk , lapis molaris, 
g. kremenjaka. krstijdn, christianus, g. krstijäna. magazin, i. qii. 
gamazin, g. magazina. makarün, lagani genus, pl. makarüni. 
maskerin, maculatus (puer, aries), g. maskerina. motoiün, nom. 
propr. urbis, g. motovüua. novacdn, incola loci Noväki, pl. nova- 
eani. ohlteljdn, unus ex domesticis ; pl. obiteljani, domestici. 
orecin, inauris, pl. orecini. folinbröd, cibus : fragmenta panis in 
jure carneo, g. palinbroda. peticijtm, lis, g. peticijüna. plesarin, 
saltator, g. plesarina. profesor, professor, g. profesora. puharin. 
cognomen joculare hominis glires captantis, g. puharina. redoi- 
nik, sacerdos, g. redovnika. ruzmarin, rosmarinus. g. ruzmarina. 
samaritdn, Samaritanus. g. samaritana. samodel, vulnus sponte 
natum, g. samodela. smrdeJjiih, puer foctidus, g. smrdeljüha. 
irbijdn, uvarum genus, g. trbijana. Valentin, Valentinus, g. va- 
lentina. vidulin, nom. propr. fam.; pl. vidulmi, nom. propr. 
pagi. zarecdn, incola loci Zärecje, pl. zarecani. 

2. 

natakdc, crepida . pl. natakaci. ohicdj , mos, g. obicaja. 
ocends , pater noster, g. ocenasa. pocekdj , nom. propr. loci, 
g. poöekaja. podrepdj, liomo importunus, g. podrepaja. posmihülj, 
puer ridens, g. posmihülja. povezxic, convolvolus, g. povezüca. 
nhilej, jubilaeum, g. ubilejn. 

Siebente Gruppe. 

Die letzte Silbe des sing. nom. ist und bleibt durch dit^ 
ganze Declination mit dem Acut betont. 



426 





Nemanic. 


Beispiel : grabljenjdk, 


terebri geiius. 


Singular. 


Plural. 


uom. grabljenjdk 


grabljenjdki 


voc. grahljevjdce 


grabljenjdki 


acc. grabljenjdk 


grabljenjdki 


gen. grabljenjdka 


grabljenjdk oder grabljenjdki 


dat. grahljenjdku 


grahljenjdkon 


loc. grahljenjdke 


grabljenjdkeh 


insu', grahljenjdkon 


grabljenjdki 



Nach diesem Muster werden betont: 

apettt, appetitus, g. apetita. baladör, podium, g. baladöra. 
dijanidnt, adamas, g. dijamäntä. diletör, director, g. diletöra. 
fituvdl, inquilinus, g. fituväla. fidmindnt, das Zündhölzchen, 
pl. fulminanti. grabljenjdk, terebrum ad perforandum rastrum 
foenarium, g. grabljenjaka. kalandrün, alauda, g. kalandruna. 
kanfandr, nom. propr. loci, g. kanfanära. koleddr, qui carmina 
koledvi (f.) dicta cantat, pl. koledari. kolomhdr , circulus, g. 
kolombära. konstantin, Constantinus, g. konstantina. koperatör, 
cooperator, g. koperatöra. kuratör, curator, g. kuratora. liberal, 
Liberatus, g. liberäta. makarun, lagani genus, pl. makarüni. 
masopüst, nom. propr. fam., g. masopusta. mesopust, der Carneval, 
g. mesopüsta. orecin, inauris, pl. orecini. pasapört, syngraphus, 
g. pasapörta. pizijün, pensio, g. pizijuna. podestdt, magister ci- 
vium, g. podestata. polomiik, dimidia pars mensurae staric dictae ; 
Halbkreuzerstück, g. polovnika. procisijün, processio, g. proöi- 
sijüna. rasprcijiin, partitio, g. rasprcijüna. redomiik, sacerdos, 
g. redovnika. salamün, Salomo, g. salamima. sjoozicijün, exposi- 
tio; portentum, g. spozicijüna. skrpijiin, scorpio, g. skrpijüna. 
stakadör, dentiscalpium, g. stakadora. tavijöl, linteum, g. tavijöla. 

Achte Gruppe. 

Die letzte Silbe des sing. nom. ist und bleibt durch die 
ganze Declination lang; betont ist sie aber, und zwar mit dem 
Acut, ausser der Casus ohne Casussuffix, d. i. sing. nom. und 
beziehungsweise acc. und pl. gen. I., regelmässig nui* noch im 
sing. voc. und pl. gen. 11., manchmal auch im pl. loc. und 
instr.; in allen übrigen Casus springt der Accent auf die casus- 



'?! 



Öakavisch-kroatische Studien. 427 

bildende Silbe über, und zwar im sing, instr. und pl. dat. als Acut, 
im pl. loc. bald als Acut, bald als Gravis, sonst als Gravis. 
Beispiel: postoldr, sutor. 





Singular. 


Plural. 


nom. 


postoldr 


postoläri 


voc. 


postoldr e 


postolärl 


acc. 


postolärä 


postoläri 


gen. 


postolärä 


postoldr oder postoläri 


dat. 


postolärü 


jwstolärön 


loc. 


postoläre 


postoläreh oder postoläreh und 
postoldreh 


instr 


postolarön 


postoläri und postoläri. 



Nach diesem Muster werden betont: 

1. 

hakaldr, gadus morrhua, g. bakalärk. botegdr, tabernarius, 
g. botegära. carovnik, magus, g. carovnikk. dacijdr, exactor 
tributi, g. dacijära. deheljiih, homo crassus; pl. debeljühi, nom. 
propr. loci, ßnancijer, custos vectigalium, pl. financijeri. ßtuvdr, 
inquilinus, g. fituvära. frmentun, zea mais, g. frmentüna. glavi- 
njdk, terebrum ad perforandum modiolum rotae, g. glavinjäka. 
godovnjdk, dies onomasticus, g. godovnjäkh. gospoddr, dominus, 
g. gospodära. govorcin, patronus, g. govorcma. jurimih: ,Sveti 
Jure Jurisnik, da nan büdes pomo6nik.^ kalandrim, alauda, g. 
kalandrüna. kaligdr, sutor, g. kaligära. kamenik, lapicida, g. 
kamenlka. kanfandr, nom. propr. loci, g. kanfanära. kantoner, 
curator viarum, g. kantonera. kapital, caput, g. kapitäla. ka- 
purdl, der Corporal, g. kapui'äla. kokosdk oder kokosnjdk, galli- 
narium, g. kokosäka oder kokosnjäka. kolombdr, cii'culus, g. 
kolombära. konopljdk, lacuna in qua cannabis humectatur, g. 
konopljäka. konopljdr, ager cannabe consitus, g. konopljärä. 
kremenjdk, lapis molaris, g. kremenjäka. makarün, lagani genus, 
pl. makarüni. maklaim, nom. propr. montis, g. maklafina. mani- 
gdl, corbis, g. manigälk. mariner, nanticus, g. marinera. meda- 
Ijun, numisma, g. medaljüna. milijdr, mille, g. milijära. milijiin, 
decies centena millia, g. milijüna. motovün, nom. propr. iirbis, 
g. motovüna. paprnjdk, panis genus, pl. paprnjäki. pizijnn, 
pensio, g. pizijüna. polmrüh, postremus conjugum partus: puer, 
g. poberüha. podloznik, subditus, pl. podloznlki. poglavdr, prae- 



428 Neman ic. CakaTisch-kvoatische Studien. 

fectus, pl. poglaväri. polovnik, dimidia pars mensurae stari6 
dictae; Halbkreuzerstück, g. polovmka. pomocnik, adjutor, g. 
pomocnika. posehdr, de familia is qui suum quid possidet, pl. 
posebäri. pospanjtüi, homo dormiculosus ; herba quaedam, g. 
pospanjüha. postoldr, sutor, g. postolära. pustinjdk, eremita, g. 
pustinjäka. redovnik, sacerdos^ g. redovnika. semenjdk, admis- 
sarius: equus, asinus, bos etc., g. semenjäka. spolovdr, qui agi'os 
alienos pro dimidia parte frugum colit, pl. spoloväri. stracijer, 
pannorum collector, g. stracijera. spedjdr, pharmacopola, g. 
specijära. spizijün, i. qu. pizijun, g. spizijüna. timunir, guber- 
nator navis, g. timunira. ulindr, matula, g. ulinära. umindl, 
fenestra in tecto domuSj g. uminäla. velantdr, mare teinpestosum, 
g. velantära. zahrdun, signum in aure ovis incisum, g. zabrdünk. 
zarucnik, sponsus, g. zarucnika. 

2. 

handerds, vexillarius, g. banderäsa. barilds, qui plenum 
,bariP ebibit, g. bariläsa. hogatds, homo dives, g. bogatäsa. 
drohacülj, res minutae (grana, saxa), g. drobaciüja. frkalds, 
homo vanus, g. frkaläsa. kirijds, vecturarius, pl. kirijäsi. mati- 
jäsl, pl., nom. propr. loci, g. matijäs oder matijäsi. nahrnjds: 
,ocenas nabrnjäs, krüha imas, mi ne das, säm pojis^ ocends, 
pater noster; pl. ocenäsi, rosarium. ombreldc, qui parapluvia 
facit, g. ombreläck. otpevdc, minister missae, g. otpeväck. oti'o- 
cdlj, puer lascivus, pl. otrocälji. pohustelj , cannabis degener 
(nee mas nee femina), pl. pohustelji. policdj, minister pubhcus, 
pl. policäji. popazdic, puer pedores emittens, g. popazdlda. predi- 
kdc, praedicator; homo loquax, g. predikäca. Handards, vexil- 
larius, g. standaräsa. velikds, magnas, pl. vehkäsi. zavijdc, jynx 
torquilla, g. zavijäöa. 

Anmerkung. Im sing. voc. kann der Accent auch aut 
die erste Silbe zui-ückgezogen werden: gbspodare; härilasu 
oder härilas neben barlldsu. 



Berichtigung. 

Von dem S. 369 Z. 16, S. 373 Z. 33 und S. 377 Z. 10 angeführten 
bljuS6 ist die richtige Bedeutung nur an der zweiten Stelle angegeben. 



'i 



XIV. SITZUNG VOM 6. JUNI 1883. 



Von der Direction des k. k. militär-geographischen In- 
stitutes wird die 23. Lieferung der neuen »Specialkarte der 
österreichiseh-ungarischcn Monarchie übermittelt. 



Das c. M. Herr Professor Dr. Leo Reinisch legt sein mit 
Unterstützung der kais. Akademie im Drucke erschienenes 
Werk : ,Die Bilin-Sprache', Textband, vor. 



An Druckschriften wurden vorgelegt: 

Academie des seieuces et lettres de Montpellier: Mt'nioires de l;i section 
des lettres. Tome VII. — I. Fascicule. Amu'e 1882. Montpellier, 1882 -, 4". 

— des Sciences, arts et belles-lettres de Dijon. Mi'nioires. 3*^ serie, tome VII. 
Ännees 1881—1882. Dijon, 1882; 8«. 

— des Sciences, belles-lettres et arts de Lyon: Memoires. Classe des lettres. 
Vol. XX. Paris, Lyon, 1881 — 1882; S'\ 

— des Sciences, belles-lettres et arts de Lyon: Memoires. Classe de sciences. 
Vol. XXV. Paris, Lyon, 1881 — 1882; S'\ 

— Table des matieres contenues dans les Memoires publies de 1845 a 1881. 
Lyon, 1882; 8". 

— Imperiale des sciences de Öt.-Petersboui-g: Bulletin. Tome XXVIII, Nu. 3. 
St -Petersbourg, 1883; gr. 4". 

Accademia, R. delle scieiize di Torino: Atti. Vol. XVIII, Disp. 4' (Marzo 

1883). Torino; 8". 
Akademie der Wissenschaften, königl. schwedische: ÖtVersigt af Förhand- 

lingar. 39. Arg. Nr. 9 und 10. Stockholm, 1883; 8«. 
Bibliotht-que de TEcole des Chartes: Revue d'Erudition. XLIV anni'e 1883. 

Ire livraison. Paris, 1883: 8". 
Sitzungsber. d. phil.-hist. Cl. (,'IV. F!d. U. Hft. 28 



430 

Freiburg i. B., Universität: Akademische Schriften pro 1881 — 1882. 56 IStücke, 

4" und 8". 
Gesellschaft, deutsclie morgenländische: Abhandlungen für die Kunde 

des Morgenlandes. VIII. Band, Nr. 2. Leipzig, 1883; 8". 

— k. k. geographische in Wien: Mittheilungeu. Band XXVI, Nr. 4 und 5. 
Wien, 1883-, 8". 

Johns Hopkins University: The American Journal of Philology. Vol. IV, 
1. Whole, Nr. 13. Baltimore, 1883; 8". — New Testament Autographs 
by J. Kendel Harris. Baltimore; 8". 

— Circulars. Vol. II, Nr. 22. Baltimore, April 1883; 40. 
Journal of the Anthropological Institute of Great Britain and Ireland. 

Vol. XII, Nr. IV. May 1883. London; 8'\ j 

Mittheilungen aus Justus Perthes' geographischer Anstalt von Dr. A. Peter- 
mann. XXIX. Band, 1883. VL Gotha; 4». 

Müller, F. Max: The sacred Books of the Fast. Vol. XVII, XVIII und XIX. 
Oxford, 1882 und 1883; 8». 

Schvvickert, Joh. Jos.: Kritisch-exegetische Erörterungen zu Pindar. Trier, 
1882; 4«. I 

Wissenschaftlicher Club in Wien: Monatsblätter. IV. Jahrgang, Nr. 8. 
Wien, 1883; 4^. 



I 



I 

i 
,;r 

V'. 

t 



"^^ 



XV. SITZUNG VOM 13. JUNI 1883. 



Das Bundcspräsidium übersendet den vierten General- 
bericht der österreichischen Gesellschaft vom rothen Kreuze. 



Das wirkl. Mitglied Herr Hofrath Ritter von Hofier legt 
für die Sitzungsberichte eine Abhandlung vor : ,Antoinc de 
Lataing, Seigneur de Montigny, Vincenzo Quirini und D. Diego 
de Quevara als Berichterstatter über König Philipp I. von 
Castilien;, Erzherzog von Oesterreich, in den Jahren 1505, 1506^ 



An Druckschriften wurden vorgelegt: 

Academy, tlie American of Arts and Sciences: Proceedings. N. S. Vol. IX. 
Whole series. Vol. XVII. From Juno 1881 tu June 188-2. Boston, 188-2-, 8". 

— of Science of St. Louis: Tho Transactions. Vol. IV, Nr. 2. St. Louis, 

1882-, 8". 
Association, tlio American philological: Transactions. 18ü'J— 1870 tili 1S81. 

XIL Vülumcs. Cambridge, 1882; 8". 
Bibliotheca Ossoliniana Leopoliensis : Catalogus codicum mauuscriiitorum. 

Zeszyt in. Lwöw, 1883; 8". 
Göttingon, Universität: Akademische Druckschriften pro 1882. 87 Stücke, 

■iu und 8». 
Hamburg, Stadtbibliotliek: Schriften. 73 Stücke, -1". 
Indian Museum: Cataloguo and liand-book. Archaeological collections. Tart l. 

Calcutta, 1883; 8". 

28* 



432 

Society, tbe Asiatic of Beugal: Journal. Vol. LH, Nr. I. 1883. Culcutta, 
1883; H'K 

— tbe American geographica! of New -York: Journal. Vol. XIII. New -York, 
1881; 80. 

— tlie American philosopliical: Proceedings. Vol. XX, Nrs. 110 und 111. 
Philadelphia, 1881— 1882; 80. 



I 

I 



Höfler. Lahiing, Qniiino und fiuevara über K. Pliiliiip I. 433 



Antoine de Lalaing, Seigneur de Montigny, Vin- 
cenzo Quirino und Don Diego de Griievara als 
Berichterstatter über König Philipp I. in den Jahren 

1505, 1506. 

Von 

Dr. Constantin R. v. Höfler, 

wirkl. Mitgliedo der kaiserl. Akadoraie der Wissenschaften. 



Ob der Verfasser der zweiten Reise K. Philipps nach 
Spanien wirkKch Antoine de Lalaing, Herr von Montigny, war, 
mag bestritten werden. Die Frage entscheidend zu erörtern, 
müsste man Einsicht in die Manuscripte haben. Für die histo- 
rische Erörterung ist diese Frage nur insoferne von Wichtigkeit, 
als das manchmal scharfe Urtheil über Personen, über Franz 
von Bvixleiden, Erzbischof von Besancon, und den von diesem 
empfohlenen Tresorier^ des Erzherzog-KönigS;, Jerome Lauverin, 
(pag. 468), von grösserer Bedeutung ist, wenn der Herr von Mon- 
tigny es aussprach, als irgend ein Unbekannter. Die Arbeit 
hat die letzte Feile nicht erlangt. Von den so wichtigen Ver- 
handlungen der beiden Könige, die dem Vertrage von Villa- 
fafila vorausgingen, weiss der Verfasser wenig oder gar nichts. 
Die Antwort, welche der Herr de Veyre dem französischen 
Botschafter Bischof von Rieu geben sollte (pag. 445), ist in 
der Feder geblieben. Auch mit den Verhandlungen, die zur 
Zusammenkunft der Könige in Renedo führten, ist er nicht ver- 
traut. Er führt an, dass die Königin in Cocheyes (Coyeces) 
längere Zeit blieb (ne peust passer oultre pour aucune maladie, 
pag. 448), während alle Berichte sagen, dass sie in das Schloss 
gar nicht hineinzubringen war und die ganze Nacht im Freien 
zu Pferde zubrachte. Von den wichtigen Ereignissen in Muzien- 
tes berichtet er wieder nichts, die Krankheit des Königs und 



434 Höfler. 

sein Tod werden mit ein paar Zeilen abgethan. Dankenswerth 
weitläufig ist er in Betreff des traurigen Schicksals der flan- 
drischen Begleiter des verstorbenen Königs, sowie des Beneh- 
mens der Königin Avährend der letzten Krankheit des Königs, 
wo aber sein Bericht mit dem Anghiera's übereinstimmt. Er ist 
es auch, Avelcher über die Umgebung des Königs berichtet, 
dass die jungen Leute a Faventure luy faisoient et disoient 
pluseurs parolles et presens de heiles filles et le menoient sou- 
vent en plus eurs lieulx dissolus, dont les rapports luy (der 
Königin) estoient faiz et peult-etre aucunes fois pieures que le fait. 
Tellement qu'elle se contenoit en femme desesperee (pag. 459). 
Die vielen Lücken im Texte beweisen, dass die letzte Redac- 
tion noch nicht erfolgt war. (Vgl. pag. 446, 447, 466, 470, 
471 u. a.) Ein grimmiger Hass gegen die Franzosen, ihre 
Lügen, Täuschungen, gänzHchen Mangel an Ehrlichkeit und 
Wahrheit, geben der Schrift noch ein eigenes Gepräge. Es ist 
die Wirkung der treulosen Politik K. Ludwigs XII. 1 

So steht die Beschreibung der zweiten spanischen Reise 
der der ersten wie an Umfang, so auch an Inhalt nach. Sie 
lässt uns die übrigen Quellen, wie Alvaro Gomez, Alcocer, Don 
Pedro de Anghiera durchaus nicht entbehren, wenn sie auch 
Züg-e enthält, die wir bei diesen vermissen, und dazu rechne 
ich vor Allem die Mittheilungen über den König und die 
Königin. Der Verfasser ist kein Freund der Unadeligen und 
macht daraus kein Hehl. Ob aber dadurch nicht die Richtig- 
keit seines Urtheils eingeschränkt werde, ist eine andere Frage. 
Er bringt Franz von Buxleiden mit den jungen Leuten in Be- 
ziehung, die auf den Erzherzog, ihren Altersgenossen, ungünstig 
einwirkten; mit welchem Rechte, ist denn doch die Frage. Als 
es dringend nothwendig geworden war, dem Unwesen der vielen 
Schatzmeister zu steuern und das wichtige Amt in die Hand 
eines Einzigen zu legen, zu diesem Ende durch Franz von Bux- 
leiden Lauverin Schatzmeister wurde, mag derselbe seine Macht 
missbraucht haben. Er hatte aber die grossen Auslagen des 
geldrischen Krieges zu decken, durch welchen man französi- 
scherseits die spanische Expedition zu verhindern suchte, und 
dann erst noch die Ausrüstung der Flotte, die den König nach 
Spanien zu bringen hatte. Wenn daher der Schatzmeister die 
baldige Abreise des Königs befürwortete, dem es ohnehin unter 



J 



Lalaing, Quirino und Guevara über K. Pliilipi) I. 4o5 

den Sohlen brannte, und von seinem Standpunkte aus die Un- 
möglichkeit betonte, noch länger Zurüstungen zu veranstalten, 
so kann man ihm hieraus keinen Vorwurf machen. Geschieht 
es aber doch, so ist die Unparteilichkeit gröblich verletzt. 

Besässen wir über die spanische Expedition, welche zur 
Beseitigung des castilianischen Ktinigthums K. Ferdinands, 
zur Aufrichtung des ersten habsburgisclien Königthums und 
ziu' Auflösung des für K. Philipp so nachtheiligen Vertrages 
von Salamanca vom Jahre 1505 führte, nur die Reisebe- 
schreibung Montigny's, so befänden Avir uns ausser Stande, die 
bewegenden Kräfte zu erkennen, Avelche sich stark genug er- 
wiesen, K. Ferdinand zur Räumung von Castilien zu bewegen 
und ihn dahin zu bringen, dass er nur noch den Schein eines 
gütlichen Vernehmens mit seinem Schwiegersohne zu retten 
suchte, aber alle Pläne, die er seit dem Tode der Königin 
Isabella verfolgte, aufgellen musste. Dennoch darf man den 
Werth dieser zweiten Reise nicht gering anschlagen. Denn da 
wir es hier mit einer Forschung zu thun haben , bei welcher 
jeder Schritt kritisch erkämpft werden muss, ist jeder Beleg 
einer Thatsache, welche wieder andere festzustellen vermag, 
doppelt willkommen. Es schliesst jedoch diese Anerkennung 
des vielfachen Werthes der Reisebeschreibung den gerechten 
Wunsch nicht aus, durch eine andere Darstellung eines Zeit- 
genossen die Lücken ausgefüllt zu sehen, welche die erste 
klaffen liess. Bietet Montigny nur den äusseren Rahmen der 
Begebenheiten, so übernehmen es die Depeschen Quirino's und 
die Correspondenz des Königs mit seinem Abgesandten zu 
K. Ferdinand, Don Diego de Guevara, Licht in jene geheimen 
Vorgänge zu bringen, die sich der Kenntnissnahme IMontigny's 
entzogen. Die Depeschen Vincenzo Quirino's beziehen sich 
jedoch nicht auf das Jahr 150G allein, sondern beleuchten auch 
das vorausgegangene 1 505, während jMontigny wohl den Tod der 
Königin Isabella als Ausgangspunkt nimmt, aber seinen Bericht 
noch bis zum September 1507 fortsetzt. Es ist nicht blos der 
Unterschied der Auffassung eines Belgiers und eines Italieners, 
welcher uns hier entgegentritt. Quirino ist der ausländische 
Diplomat, den kein tieferes Interesse an die Be^ebeidieiten 
knüpft, deren Ursachen zu erkennen er sich bemüht, und der 
selbst von der Wahl und Zuverlässigkeit dei; Berichterstatter 



436 Uöflcr. 

abhängt, von Avelclien er seine Notizen zieht. Montigny ist im 
Stande, interessante Notizen mitzuthcilen, die ihm als Hofmann 
bekannt wurden. Er verläugnet aber auch insoferne den Hof- 
mann nicht, dass er Vieles verschweigt, was er weiss und das 
er als Historiker mittheilen müsste. Man muss bedauern, dass 
er ganze Seiten seines Werkes in dem Conflicte zwischen dem 
Hofmanne, der er ist, und dem Historiker, der er sein möchte, 
vernichtete. Bei einem der wichtigsten Punkte, den Berathun- 
gen über den geldrischen Krieg, der siegreich beendet werden 
musste, wenn überhaupt von einem Zuge nach Spanien die 
Rede sein sollte, erwähnt er, er sei durch deux Chevaliers de 
basse condition et de la longue robe entschieden worden, wäh- 
rend deux nobles hommes den Krieg auf das Aeusserste wider- 
riethen. Wir wünschten, die einen und die anderen mit ihren 
Namen kennen zu lernen, er fertigt uns mit einem : ay entendu 
ab. Er war nicht dabei, er hält sich daher zurück, sei es, um 
nicht sich, sei es, um seine Berichterstatter nicht zu compro- 
mittiren. Quirino bezeichnet der Signoria regelmässig den 
Grafen Haro, Botschafter K. Ferdinands am Hofe K. Philipps, 
als seine Quelle ; ob sie immer lauter war, ist freilich eine 
Frage. Wenn Montigny seinem Unmuthe über das schändliche 
Treiben der Franzosen die Zügel schiessen lässt, so ist er hie- 
bei das Echo seines königlichen Herrn, von welchem wir wissen, 
welche Gewalt er sich anthat^ um seinen Unmuth nicht vor 
den Franzosen kund zu thun, vrie es K. Maximilian in Brüssel 
mit einem gewissen Behagen that. Der ganze Bericht beweist 
zur Genüge, dass, wenn beständig über den Einfluss der Fran- 
zosen auf K. Philipp geklagt wurde, im Jahre 1505 bereits ein 
bedeutender Umschlag stattfand, Hass und Verachtung sich 
der Umgebung des. Königs bemächtigten, welcher sich von 
den Franzosen schmählich verrathen fühlte , und an dessen 
Lebensfaden der Kummer nagte, sich durch K. Ludwig in 
der Weise getäuscht zu sehen, als es wirklich der Fall war. 
Es gehörte eine starke belgische Gesinnung dazu, diesen Be- 
richt bekannt zu machen, und indem wir den belgischen Ge- 
lehrten dafüi- den gebührenden Dank aussprechen, begreifen 
Avir vollkommen, warum die Franzosen sich nicht beeilten, 
diese zweite spanische Reise herauszugeben, sie erst 1876 in 
Druck erschien^ 



Laluing. Quirino und Guevara über K. Philipp I. 437 

Eine noch gTössere Zurückhaltung legte sieh Montigny in 
Betreff der Königin auf. Die sie betreffende Stelle wurde be- 
reits an einem andern Orte mitgetheilt. Wüssten wir nicht 
von Petrus Martyr de Anghiera, von Gomez, von Padilla, vor 
Allem von Quirino Näheres über ihr Verhalten, so würde auch 
selbst das, Avas er pag. 458 sagt, nicht erklären, was wirklich 
vorging. Er leitet aber das Mitgetheilte dadurch ein, dass er 
sagt: ,Je ne vous ay jamais parle de la royne de Castille ou 
bien peu pour ce que je ne desire point dire chose qui 
deplaise aux dames; aussi c'est la vraye mere de mon 
droicturier et naturel prince*' (Charles V.) Das hat Lorenzo 
de Padilla anders aufgefasst, der Karl V. rieth, seine Geschichte 
nicht zu veröffentlichen, ja sie nicht aus seinem Zimmer her- 
ausnehmen zu lassen. Aber die Rücksicht für seinen jugend- 
lichen Herrn und dessen erlauchte Tante, welche Montigny ihr 
ganzes Vertrauen schenkte, hielt Letzteren doch nicht ab, an 
einer früheren Stelle zu berichten: et veoit (K. Philipp) qii'elle 
se conduisoit comme femme desesperee et toute pleine de ja- 
louzie qu'on ne luy pouvoit estaindre et luy (der Königin) sem- 
bloit que son mary estoit si beau et d'eaige pour fourny au 
desir des dames, quo toutes celles qui le veoient qu'elles le 
convoitoient, et aussi que toutes Celles qui veoit, qui les con- 
voitoit; et en teile ardeiu' d'amour et folle rage se contenoit 
tellement qu'il n'avoit joye au monde et ne desiroit que 
la mort (pag. 451). Dies genügt. 

Die eigentliche Geschichterzählung beginnt bei Montigny 
mit dem Vertrage von Hagenau, 4. April 1505, so dass sich 
also Quirino, der hiemit seine diplomatische Laufbahn eröffnete, 
und Montigny decken. Weitläufiger als Ersterer beschreibt JNIon- 
tigny den geldrischen Krieg, dessen raschen Abschluss er durch 
die politische Lage des Königs erklärt, der in Gefahr stand, 
seine Königreiclic zu verlieren, wenn er nicht seine Abreise 
nach Spanien beschleunigte. Richtig hebt er die Absicht der 
Franzosen hervor, K. Philipp durch Erhebung unqualificirbarer 
Anforderungen Verlegenheiten zu bereiten, wo nicht gar ihn 
in einen Krieg mit Frankreicli zu verwickeln. In allen diesen 
Dingen erweist sich aber Quirino viel besser unterrichtet, wenn 
ihm auch einzelne Züge fehlen, wie z. B., dass ^Maximilian bei 
Verabschiedung der französischeu l^otschaft in P)rü.sscl wohl 



438 Höflei-. 

zurief: ,recommandez uioi a la royiie/, aber den König umging. 
Moutigny weiss dann wieder Einzelnes über die sehr kühle 
Aufnahme der belgischen Botschaft in Frankreich — Meudon bei 
Blois — zu berichten, sowie dass K. Ludwig die vertrauten 
Briefe, die ihm einst K. Philipp über K. Ferdinand und 
K. Heinrich VII. geschrieben, beiden Monarchen mittheilte, 
um beide Könige zum Untergange Philipps mit ihm zu ver- 
einen. Eben deshalb wurde auch Ferdinands Heirat mit Ger- 
maine de Foix betrieben — pour faire plus grand deplaisir 
et despit audict roy de Castille. Mais le roy d'Aragon se peult 
bien vauter — setzt Montigny ironisch hinzu — qu'il n'aura 
point trouve la bonne trespassee (K. Isabella) n'en corps, n'en 
biens, ne honneur, ne vertu s. K. Ferdinand heiratete 
am 18. März 150(3; am 15. Juni wusste man bereits qu'il faist 
les plus grans souppirs du monde, maldisant Theure qu'il avait 
jasmais pense en eile. — Toutes les fois qu'il lui souvient d'elle 
il vouldroit que luy et eUe feussent au milieu de la mer. 

Man mag bei Quirino die Bestürzung lesen, welche sich 
Maximilians und seines Sohnes bei diesem tollen Streiche Don 
Fernandos bemächtigte, und wie richtig man schon damals ui*- 
theilte, der König würde mit dem Schlage, zu dem er gegen 
K. Philipp ausholte, sich selbst treffen. Als die Königin Ger- 
maine 1509 in gesegnete Umstände kam, schrieb Maximilian 
seiner Tochter: le diable l'a engrossi.' Das Söhnlein starb 
zum Glücke für Karl V. unmittelbar nach der Geburt. Der 
starke Ausdruck drei Jahre nach der Heirat — der vitupereux 
mariage — beweist, wie man am kaiserlichen Hofe über sie 
dachte. — Offenbar beruht der Werth dieses Theiles des Be- 
richtes Montigny's auf Enthüllung der französischen , Praktiken', 
die er in seiner Stellung näher kennen lernte, während Quirino's 
Depeschen über die königlichen Personen am Brüsseler Hofe 
und die Verwicklungen mit Spanien grössere Aufschlüsse ge- 
währen. 

Ueber den Sturm, der die Flotte des Königs zerstreute, 
Januar 150G, ihn selbst in die grösste Lebensgefahr brachte, 
gibt Montigny weitläufigen Bericht, den er aber durch Bemer- 
kungen über K. Ferdinand und seine Politik unterbricht, sowie 



I 



1 Or. im k. k. g-eheimen Archive. 



Laläing, Quirino und Gnevaia über K. Philipp I. 4c>y 

durch die Erzählung über die grosse Gewandtheit des nieder- 
ländischen Gesandten Seigneiir de Veyre, genannt la mouche, 
welcher bewirkte, dass der König von Portugal, Schwager K. Phi- 
lipps, die vielbesprochene Donna Bertrandine (La Beltraneja) 
in Gewahrsam brachte, damit sich ihrer K. Ferdinand nicht 
gegen seinen ScliAviegersohn bediene, ein Bericht, welcher be- 
stärkt, was Avir von anderer Seite wissen. Die Erzälilung von 
der Verhaftung des Dechiffreurs des Herrn von Veyre, welchen 
K. Ferdinand mit dem Tode bedroht, wenn er das Geheimniss 
nicht verrathe, bezieht sich vielleicht auf die Verhaftung Don 
Pedros de Guevara, für dessen Freilassung sich am 13. (Jetober 
1505 K. Philipp so dringend bei K. Ferdinand verwandte (Do- 
cumentos ineditos VIII, pag. 314)?! 

]\Iontigny kommt nun aufs Neue auf die Gefahr des Königs 
zu sprechen, dem er ein langes Gebet in den Mund legt, das 
mit dem Gelübde, nach Älontferrat und Guadelupe zu wall- 
fahren, endet. In der That* aber gelobte er, nach San Jago de 
Compostella zu wallfahren, wohin er auch von la Coruna zog. 
Die Einzelheiten der nun erfolgten Landung sind nicht in voller 
Uebereinstimmung mit dem, was darüber bekannt ist, auch 
scheint das Manuscript gerade in diesem Punkte eine Ueber- 
arbeitung von fremder Hand erlitten zu haben. Montigny be- 
fand sich sowenig als Quirino auf dem königlichen Schiffe während 
des Sturmes, noch in Windsor oder Richmond nach der Landung, 
sondern 100 Stunden entfernt von dem Zufluchtsorte K. Philipps. 
Nichtsdestoweniger theilt er die Reden und Gegenreden der 
Könige Heinrich VII. und Philipp mit. Von der Königin heisst 
es pag. 423: Or vous deves savoir que la Royne traveillee de 
la mer devint aucunement pesante et demoura a . . . jusques 
k ce que le Roy la manda querir: et fut menee audict Wine- 
zon-e ouquel Heu eile vit sa seur la princesse de Galles et ne 
furent point longuement ensemble, que la royne de Castille 
se mist en chemin pour soy tirer devers le port de Falemue 

ll (Falmouth). Hier spricht Avieder der Ilofmann, der das Skandal 
kaum andeutet, das die Königin ilirem Gemahl auf englischem 
Boden bereitete, und das uns aus der sichersten Quelle bekannt 
ist, Avenn wir auch den Grund nicht anzugeben im Stande sind. 

ij Montigny behauptet ferner, dass ein fi-auzösischer Abgesandter 
dem Könige gerathen habe, Philipp gefangen zu Ji.dten, so dass 



440 Höfioi-. 

also, was Maqiiereau und auch Andere hierüber berichten, durch 1 
ihn bestätigt wird. Man konnte daraus das Schicksal entnehmen, 
das K. Ludwig dem Könige von Castilien zu bereiten gedachte, 
wenn er, der französischen Einladung folgend, den Seeweg nicht 
eingeschlagen hätte. Die Abschiedsreden, welche Montigny den 
Königen in den Mund legt, mag man wieder ihm zur Verant- 
wortung überlassen. 

Vor den höchst merkwürdigen Scenen, die aufs Neue mit 
der Königin stattfanden und von denen Quirino berichtet, er- 
zählt Montigny nichts. Die Sendung des Herrn La Chaulx wird 
mit der Auslieferung Suffolk's in Verbindung gebracht; von den 
grossartigen Berathungen, die an Bord der Schiffe wegen der 
Landung stattfanden und durch welche eigentlich das Geschick 
Castiliens entschieden wurde, dem Beschlüsse, nicht in Laredo zu 
landen, nicht K. Ferdinand entgegenzugehen, damit aucli nicht mit 
der Königin Germaine zusammenzukommen, noch sein Heil den 
Asturianern anzuvertrauen, hat Montigny keine Kenntniss; wohl 
aber dass von einer Landung in Andalusien die Rede war. Die 
Weigerung der Königin, den Einwohnern von la Corufia ihre 
Privilegien zu bestätigen, berichtet Montigny, aber nicht, wie 
sie sich einschloss mid Niemanden vor sich liess. Auch aus 
dem Nachfolgenden erkennt man so recht die Wichtigkeit der 
Quirino 'sehen dispacci, die uns mit den eigentlichen Vorgängen 
bekannt machen, wälirend Montigny wohl die Reiseroute angibt 
und die Beschwerlichkeiten des Zuges durch Galicien schildert, 
die wir aber auch schon aus Quirino kennen. Nach Montigny 
bewegte er sich von Lerys,' das auf unseren Karten nicht vor- 
kommt, nach Orance (Orense) am Miüo, nach Allariz, villa del 
Rey, Monterey und Verin, wo beinahe die portugiesische Grenze 
berührt wurde, und endlich über Senebye (Senabria) nach Ben- 
avente. Die wichtigen Verhandlungen zwischen den Königen 
Averden kaum berührt, der so ungemein wichtige Vertrag von 
Salamanca nur als im December 1505 (24. November 1505) 
abgeschlossen, kurz angegeben, die Zusammenkunft der Könige 

' Wahrsclieinlicl) ist dieses das Leriz, von welchem das Schreiben K. Phi- 
lipps vom 6. Juni 1506 datirt ist und das der gelehrte Herausgeber der 
Reisebeschreibung mit Allariz verwechselte (pag. .'iSl). Leriz ist eine 
Station zwischen Santiago und Orense (Warmse — aquae calidae — der 
Westgothen), Allariz aber liegt südlich von Orense. 



Lulaing, Quirino und Guevara über K. Philipp I. -441 

ZU Remessal nur voiilbergelicnd erwähiitj der Vertrag" von Villa- 
fafila ganz in den Text aufgenommen, der (Jrt aber, wo er ab- 
geschlossen wurde, nicht genannt. In der Beilage nr. XXXI 
wird der Zusatzvertrag von Villafaüla vom 27. Juni als in Villa- 
franca ausgestellt angegeben (pag. 545), was ein grosser IiTthum 
ist. Von der Versammlung der Cortes in Moyegente iMuzientes) 
ist keine Rede; der zAveiten Zusammenkunft der Könige (in 
Renedo) ist ein Vertrag zugeschrieben, der nicht stattfand 
(pag. 444), hingegen ward die Audienz des französischen Ge- 
sandten bei K. Philipp weitläufig beschrieben. Montigny hat Kunde 
von Briefen Maximihans aus Ungarn an K. Philipp, von den 
Umtrieben der Franzosen, welche Karl von Egmont zum Kampfe 
mit K. Philipp aufstachelten und ,Leib und Seele allen Teufeln 
verschrieben'. Der König wollte die Königin in Segovia lassen : mais 
la dicte Royne amiee a Cocheyes (Coyeces) nc pult passer oultre 
pour aucune maladie qui luy survint — sie wollte, wie erwähnt, 
nicht in das Schloss und blieb die ganze Nacht auf dem Pferde 
sitzen — mais sejourna illecq bonne espace de temps et depuis 
vpulut aller ä Tudella: ouquel lieu eile sejourna Ic surplus du 
moys d'aout. Ein Schreiben K. Philipps aus Tudela an seinen 
Botschafter in Blois beweist, dass er schon am 13. August in 
Tudela war. Er kam von Segovia und ging von Tudela nach 
Burgos, und zwar mit Donna Juana. Gerade jetzt verlassen 
uns die Depeschen Quirino's, die iins in allen Staatsangelegen- 
heiten als Führer dienten, während Montigny durch das ab- 
sichtliche Verschweigen von so Manchem, was -er weiss , und 
durch die Unkenntniss der eigenthch spanischen Angelegen- 
heiten uns nur so weit Aufschlüsse gewährt, als er in seiner 
Eigenschaft als chambelan sie geben kann, als Hofmaun sie 
geben will. 

Ueber die letzten Wochen, welche K. Philipp zu leben 
vergönnt waren, erhalten Avir nur auf drei bis vier Seiten Auf- 
schlüsse. Wir erfahren, dass der dreijährige Infant Don Fernando 
zu den Eltern nach Valladolid und daini, als diese nach Burgos 
gingen, nach Simancas gebracht wurde, wo er in dem Hause der 
Mutter des Almirante wohnte (Curita l.VIl, c. 17). Er befand sich, 
als K. Phili[)p nach Castilien kam, unter der Aufsicht des Juan 
Velasquez und dessen Frau im festen Arevalo, was \\ir aber 
nicht aus ^lontigiiy wissen. Montigny theilt uns Nachrichten 



442 



H ö f 1 e r. 



aus Italien mit, die Absicht des Königs, eine Expedition nach 
Indien zu senden, und zeigt endlich den trostlosen linanciellen 
Zustand, in welchem K. Ferdinand bei seinem Abzüge aus 
Castilien das Königthum seinem Sclnviegersohne überlassen hatte, 
so dass K. Philipp nicht im Stande war, die Seinigen zu unter- 
halten und sich in die denkbar traurigste Lage versetzt sah, 
aus welcher ihn nur der frühe Tod befreite. Diese letzten 
Blätter sind der wichtigste Theil der Relation Montigny's. Was 
man in Bezug auf jugendliche Verirrungen des Königs gegen 
ihn sagen mag, er hat sie schwer gebüsst. Seine französische 
Politik, dm"ch welche er seinem Lande Ruhe zu verschaffen 
hoffte, hatte durch die beispiellose Treulosigkeit K. Ludwigs 
sich in das Entgegengesetzte verkehrt; er hatte den glänzenden 
Erfolg davongetragen, trotz der Verbindung der Könige Ferdinand 
und Ludwig, den Ersteren wie einen Flüchtling aus Castilien 
entweichen zu sehen, allein der catolico hatte auf der Flucht 
noch den tödtlichen Pfeil abgesandt, indem er das Land so ruinirt 
hatte, dass der Sieger im unnatürlichen Streite sich nicht darin 
halten konnte. Eine erfreuliche Thatsache tritt uns hiebei aus 
Montigny's Darstellung hervor. Er bestätigt den Bericht des 
Dr. Parra insofern, dass er erzählt, die Königin, obwohl in anderen 
Umständen, habe ihren Gemahl in seiner letzten Krankheit nicht 
Tag noch Nacht verlassen, versuchte selbst die Medicinen, welche 
ihm verordnet waren, ihm den Verdacht der Vergiftung zu 
benehmen, und bedeckte dann die Leiche mit Küssen: car, setzt 
Montigny hinzu, c'est une femme ii souffrir et a veoir toutes 
les choses du monde bonnes ou malvaises sans mutacion 
de son coeur ne son couraige: et au trespas n'en la maladie 
de sondict mary qu'elle tant aymoit qu'ellc en estoit en la re- 
nommee d'en estre hors de sens, ne monstrant oncques semblant 
no continement de femme, mais tint sa manit^re sy tres-asscu- 
ree qu'il sembloit qu'il ne luy estoit riens advenu, en exhortant 
tous jours son dict mary qui deja agonizoit a la mort, a mcn- 
gier ou a humer aucuns brouetz ou mcdecines (pag. 462). Dann 
freilich, als sie als Königin eintreten sollte, benahm sie sich ,wie 
ein neugeborenes Kind' (pcag. 403) , la ([uelle , wie er schon 
früher bemerkte, par la Jalousie s'estoit mise en tel estat qu'ellc 
ne vouloit entendre a nul affaire, mais sc maintenoit tres-simplc- 
ment comme femme assez insensee (pag. 454j. Nichts war natür- 



Lalaing, Quiriiio und fiucvai-.i über K. Philipp I. 44d 

lichei'j als sie zuletzt ausserhalb des Contactcs politischer Par- 
teien und deren Bestrchuni^en zu stellen, und sie deshalb — in 
sicheren Gewahrsam zu bringen, was Philipp wollte, K. Fer- 
dinand that, Karl V. geschehen Hess. 

Der Zug, welchen in den ersten Tagen des Jahres 150(3 
K. Philipp I. von (Jastilien, Schwiegersohn K. Ferdinands von 
Aragon-Castilien nach Spanien unternahm, weniger die Anrechte 
seiner Gemahlin Donna .luana auf das Erbe ihrer jMutter Donna 
Isabel als seine eigenen zu wahren, war ein Ereigniss, das 
die bisherige Stellung der europäischen Westmächte von Grund 
aus zu verändern drohte. Der Sohn Maximilians hatte sich, 
geleitet von dem Interesse seiner burgundischen und nieder- 
ländischen Unterthanen, dem französischen Könige nicht blos 
genähert, sondern auch einen Familicntractat mit Ijudwig XII. 
abgeschlossen, der dem nachherigen Karl V. durch Vermählung 
mit Madame Claude, dem Töchterchen K. Ludwigs und der 
Königin Anna von der Bretagne, das Königreich Neapel und 
selbst Theile von Frankreich zusicherte, und wenn später der 
Sohn K. Phihpps sich bemühte, das arelatische Reich, diesen 
integrirenden Bestandtheil der deutschen Krone, den Franzosen 
wieder zu entreissen, so ist es eine Täuschung, diesen Plan nur 
aus der RivaHtät der Häuser Valois und Habsburg heraus- 
wachsen zu lassen, während Karl V. sich nur zu erinnern 
brauchte, wie treulos sich die französische Politik in seiner 
Kindheit gegen ihn, Avie erbärmlich sie sich gegen seinen 
Vater benommen. 

Der Gedanke, den Enkel Karls des Kühnen, den Thron- 
erben Maximilians, welcher unablässig nach der Kaiserkrone 
trachtete, deren Gewinn dann die römische Königs kröne wohl 
auf das Haupt K. Philipps gesetzt hätte, ehe noch das letztere 
Ereigniss eingetreten war, als König von Castilien, als Prinzen 
von Aragon begrüssen zu müssen, war der damaligen Welt 
neu und namentlich den Franzosen unfassbar, die durch den 
Zug K. Karls VIII. nach Italien, die Herrschaft illur Neapel, 
den Kirchenstaat, das Papstthum und das Kaiserthuni bereits 
gewonnen zu haben glaubten. Sic sahen ihre j\[acht , wi'lche 
sie auf Kosten der Engländer, der Deutschen, der Italiener 
durch Eist und Gewalt in wenigen Jahrzehnten zusammen- 
gebracht, ebenso rasch sinken, als sie entstanden war, und 



444 Höfler. 

beschlotiseu dalier Alles aufzubieten, jene Drohung- zu vernichten, 
die ihnen aus einer Vereinigimg der burgundischcn, spanischen 
und österreichischen Lande unter einem habsburgischen Fürsten 
erwuchs. Und als es ihnen nun auch gelang, den klugen König 
von Spanien — ein pohtischer Begriff, der jetzt aufkam, weil 
man dadm-ch K. Philipps Anrechte auf Castilien zu beseitigen 
hoffte — den catolico, welcher sich rühmte, den französischen 
König so oft betrogen zu haben , auf ihre vSeite zu ziehen, 
Ferdinand aber den Plan verfolgte, durch seine Tochter seinen 
Schwiegersohn um Castilien zu bringen, so war, als König 
Phihpp am 7. Januar 1506 die Niederlande verliess, bereits ein 
so feines Netz französischer und spanischer Ränke um den 
28jährigen Fürsten gesponnen, dass er einem Schlachtopfer 
glich, welches ahnungslos fortgeschleppt wird, um an dem 
Altare iinsterer Mächte geschlachtet zu werden. 

Andererseits war der Zug, wenn er gelang, eine westeuro- 
päische Argonautenfahrt, die das goldene VHess des neu- 
entdeckten Indiens den gewerbetreibenden Niederlanden zuführte 
und eine neue Weltmacht, Avie sie die Geschichte noch nicht 
gesehen, als Preis eines Wagnisses in sich schloss, das dem 
Enkel Karls des Kühnen vor der Zeit das Leben kostete. Er 
unterlag weniger den physischen als den psychischen Strapazen, 
die ihn, als er sein Ziel erreicht, aufrieben. 

Wenden wir uns nun den Depeschen Quh'ino's nach dem 
Venetianer Codex zu, und zwar zuerst den Hagenauer Schreiben, 

Das erste Schreiben Vincenzo Quirino's ist aus Achno 
(Hagenau) vom 30. März 1505 und bespricht die Zusammenkunft 
des Botschafters mit K. Philipp in Sabrach. ' Er beschreibt ihn 
als de statm-a piü che mediocre de conveniente habitudine hello 
et di gratioso aspecto et si in vista come in parolle humanissimo. 

2. Hagenau, 31. März. Quirino beschreibt den feierlichen 
Empfang K. Philipps, seine Unterredung mit Don Pedro de 
Ayala, dem Bischöfe von Triest und Don Juan Manuel, welcher 
schon aus dem Dienste K. Ferdinands getreten war. 

3. Hagenau, 1 . April. Feierlicher Empfang des Cardinais 
von Konen. Unterredungen mit dem ,Marchese delphinate'. Be- 
richt des Andreas del Burgo über seine Aufnahme in Blois. 

' Saarbrück. 



Lalaing, Quiiino und Gnevara über K. l'hilipp I. 445 

4. Ilagenau, 2. April. Feierliche Audienz Quirino's bei 
dem Könige von Castilien, seine Anrede und die Antwort 
Philiberts (Naturelli) im Namen K. Philipps. 

5. Hagenau, 2. April. Berieht über die Unterredung mit 
dem Cardinal von Ronen. 

6. Hagenau, 3. April. Bericht über die Unterredung des 
Cardinais mit K. Max (2. April). Anrede des (knieenden) 
Bischofs von Paris , Antwort des Kaisers durch den Grafen 
von Zollern. Gespräch Maximilians, Philipps und des Cardinais. 
Besuch Quirino's bei dem Churfürsten von Trier. Jakob ]\[ark- 
graf von Baden. Beratlmngen über das Friedensinstrument. 

7. Hagenau, 4. April. K. Maximilian und K. Philipp 
beschwören feierlich den Frieden auf Grundlao-e des Vertrae:es 
von Blois. Leise Antwort des Bischofs von Paris. 

8. Hagenau, 4. April. Berichte über Unterredungen. Fran- 
zosen und Deutsche wollen ein Concil gegen den Papst. Der 
Friede werde nicht lange dauern, da der König von Spanien 
nicht eingeschlossen sei. Text des Eides. 

9. Hagenau, 5. April. Bericht über geheime Unterredungen 
des Cardinais vmd des spanischen Botschafters und ])on Juan 
Manuels mit dem Kaiser bei Nacht und ohne Licht. Maximilian 
erkennt dem Frieden keine Dauer zu. Unwillen über Julius IL 
und seinen Anschluss an Venedig. Man müsse die Kirche 
reformiren und Venedigs SchAvuugfedern ausziehen. Die Pfalz- 
grafen wünschen Audienz bei K. Philipp. 

10. Hagenau, 0. April. Investitur des Cardinais für IMai- 
land, Pavia etc., dann auch K. Philipps für den Todesfall 
K. Ludwigs, sowie mit Geldern, Görz und Kärnten: des Marquis 
der Dauphine mit dieser. Philippo de Rossi und der Conte 
Antonio del Vermo bei Quirino. 

IL Hagenau, 7. April. Quirino tlieilt mit, dass der Car- 
dinal und die j\Iajestäten abreisen wollen, letztere nach 8tra 



ss- 



burg, wohin Mad. Älargarethe komme. Die Pf^ilzgrafen Averden 
nach Hagenau kommen. 

12, Hagenau, 8. April. Der Bischof von Tricst theilt in 
grösstem Geheime Zusätze mit, welche von dem Sernsteiner 
und Andrea del Burgo mit dem französischen Könige zu dem 
Investiturvertrage hinzugefügt wurden. In Betreff der Ptalzi-r 
sei nichts beschlossen worden, wohl aber in Bezug auf Gehlern. 

Sitznngsber. d. pliil.-liist. Cl. CIV. i'.d. \1. Uli. lil) 



446 HSflor. 

13. Hagenau, 9. April. Bericht über das Auftreten des 
Cardiuals von Ronen in Betreff der Uebergjehung der Mad. 
Claude. Die kaiserlichen Insignien werden gebracht; Geschenke 
an K. Philipp und die Königin. Die venetianischen Gesandten 
bei dem Cardinal von Ronen und dessen Erklärung in Bezug 
auf Spanien und die Religion. Nachmittags Investitur des Chur- 
fürsten von Trier. Friede mit den Pfälzern. Der Kaiser will 
den Krieg mit Geldern beendigen. Friede in Deutschland und 
mit Frankreich. 

14. Hagenau, 11. April. Abreise des Cardinais, der Ge- 
schenke hinterlässt und empfängt. Erklärungen des spanischen 
Gesandten gegen K. Philipp. Ankunft der ungarischen Post. 
Gerücht einer Vermählung der Prinzessin Margarethe mit Chur- 
fürst Friedrich von Sachsen, der die Pfälzer zur Unterwerfung 
beredet. MaximiHan sei jetzt verus imperator imperii et do- 
minii in Germania. Werbung A^on Lanzknechten für K. Philipp, 
der am 12. April mit dem Könige nach Brüssel abreisen wolle. 

15. Luxemburg, 17. April. Quirino reiste am 12. ab. 
K. Phihpp erhielt in eilf Tagen Briefe aus Toledo, K. Ferdi- 
nand dringe auf seine baldige Abreise. Der König wünsche 
nach Spanien zu gehen, aber die ]\Iehrzahl seiner Räthe sei 
dagegen. Argwohn des Königs in Betreff Don Fernando's. 
Angelegenheit des Lunardo da Dresseno. 

. Mit der Ankunft Quirino's in Belgien beginnt die zweite 
Abtheilung der sehr merkwürdigen Briefe^ obwohl mehrere der 
späteren, als der Orator mit dem spanischen Bevollmächtigten 
Grafen von Haro näher bekannt wird, noch sehr Avichtige 
Aufschlüsse über die geheimen Artikel des Hagenauer Vertrages 
geAvähren. Quirino geht über Bastogne (16. und 19. April) 
und Namur (17. und 22. April) nach Brüssel, wo er am 
24. April ankam (18. und 25. April). Er kann die längste 
Zeit keine Audienz bei der Königin erhalten, welche Avährend 
ihrer Schwangerschaft (mit der Infantin Maria) vom Fieber 
gequält wird und gerade hinter dem Rücken ihres Gemahles, 
diu'ch Lope de Conchillos bewogen, die Regierung von Casti- 
lien ihrem Vater in die Hände spielte. Diese Briefe sind daher 
auch wegen des Verhältnisses Philipps zu seiner Gemahlin von 
ausnehmender Wichtigkeit. Von Brüssel sind jedoch nur die 
Briefe vom 26. April nr. 19, vom 28. April nr. 20, vom 



I 






Lalaing, Qnirino nnd Guevara über K. Philipp I. 44 ( 

30. April UV. '21, vom 13. Mai nr. 22. Er begibt sieh am 
15. Mai nach Mechchi, wo ihm der König den Herzog Karl 
von Luxemburg", seinen erstgeborenen Sohn, und seine beiden 
Töchter, die Infantinen Leonore und Isabella vorführt. Es han- 
delte sich jetzt um den gcldrischen Krieg und die Unter- 
werfung des Herzogthums , dessen Aufstand den König von 
der Abreise nach Spanien abhielt, die K. Ferdinand desto 
eifriger beti'ieb, je mehr sich die Unmöglichkeit für K. Philipp 
herausstellte, die Niederlande vor ihrer völligen Pacification zu 
verlassen. Quirino wurde eingeladen , den König auf diesem 
seinem ersten Feldzuge, von dessen glücklichem Ausgange so 
vieles abhing, zu begleiten, und dadurch erhalten wir seine 
Correspondenzen aus nächster Nähe des Kriegsschauplatzes, 
von Breda 18. Mai nr. 24 und vom 19. Mai nr. 25, dann die 
Schreiben aus Bolduch (Bois le duc) nr. 26, 27, 28 vom 20., 
21. und 26. Mai, aus Grave nr. 30, 31 vom 2. imd 3. Juni, 
aus Cleve vom 6., 8. und 10. Juni nr. 32, 33, 34, Avieder aus 
Bois le duc vom 13. Juni nr. 35, worauf eine neue Serie 
beginnt. 

Es folgen die Antwerpener Briefe, nachdem der Krieg 
durch die mittelst der überlegenen Artillerie und des Zuzuges 
K. Maximilians mit den Herzogen von Jülich und Cleve rasch 
vollendeten Eroberung Geldern's einen für den König höchst 
erfreuHchen Ausgang genommen hatte. Sic reichen von nr. 36 
bis 50, vom 21. und^25. Juni, 1., 5., 7., 9., 14., 17., 19., 22., 26. 
und 31. Juh, und zwar vom letzteren Datum zwei, und vom 
1. August. Am 7. Aug-iist befindet er sich Avieder in Bois le 
duc (nr. 50 und 51 vom 11. Aiigust). Am 12. August ritt er 
mit dem Könige von Herzogenbusch nach Torna (?) und nun 
beginnt, da der Hof nach Brüssel geht, eine neue Serie. 

Die Antwerpener Briefe sind aus dem Grunde von Wich- 
tigkeit, weil Quirino sich immer enger an den spanischen Bot- 
schafter conde de Fuensalida, eomendador de Mambrilla, Grafen 
von Haro anschliesst, von ihm geheime Älittheilungcn empiangt, 
Avie z. B. den Tractat von Hagenau (n. 47 vom 31. .liUi\ alu-r 
auch mehr und mehr sich die Anschauungen dieses Diplomaten 
aneignet, der, ein Todfeind Don Juan Manuels, welcher als 
Castihaner die Dienste Jv. Ferdinands verlassen hatte, um in 
die des Königs von Castilion zu treten, den Widerpart nur 

20* 



H 



448 Höfler. 

als einen Haufen von Öcliiirkeu darstellt. Qnirino kannte die 
spanischen Verhältnisse zu wenig, um sich nicht mannigfaltigen 
Täuschimgen hinzugeben. K. Ferdinand hatte an dem Todes- 
tage seiner Gemahlin Donna Isabella — ob mit Recht oder mit 
Unrecht^ mit Vorsicht oder nicht mit Vorsicht, ist eine andere 
Frage — das Königthum von Castilien niedergelegt, wenn auch 
nicht die Einkünfte desselben. König von Castilien war somit 
in Kraft der früheren Huldigung und der dui'ch Ferdinand selbst 
erfolgten Proclamation Philipp als Gemahl der Donna Juana, 
und wenn die Castilianer nun sich um K. Philipp schaarten 
und in dem Masse von K. Ferdinand als ihrem castiliauischen 
Könige nichts wissen wollten, in welchem sich dieser, den 
Schritt von Medina del Campo am 26. November 1504 bereuend, 
an das castilianische Königthum anklammerte, so lag es sehr 
nahe, zu dem Gedanken zu kommen, Ferdinand möge Castilien 
räumen und sich nach seinem Erbkönigreiche Aragon zurück- 
ziehen. Die ,Schm'kerei Don Juan Manuels' bestand eben darin, 
dass er den Satz geltend machte: Castilien den Castilianern 
und nicht den Aragonesen! War das eine Schm'kerei, so be- 
theiligten sich aber so ziemlich alle castiliauischen Granden 
daran, die K. Philipp als ihren rechtmässigen Herrn aner- 
kannten. Wir haben alle Ursache, Quirino für seine Berichte 
sehr dankbar zu sein, allein er musste sich selbst erst orien- 
tiren, während uns über die spanischen Verhältnisse sehr aus- 
giebige Quellen zu Gebote stehen, die dem Venetianer unbe- 
kannt waren. Der König hatte nicht nur dem Herrn von Veyre, 
als er, mit ausgedehnten Vollmachten versehen, am 2. Januar 
1505 Flandern verliess und nach Spanien ging, an die Granden, 
die Prälaten, sondern auch an die Städte Briefe mitgegeben, er 
befand sich auch mit den angesehensten Personen Castiliens tlieils 
in oflFeuer, theils in geheimer Correspondenz, von welcher uns 
die aus dem Archive zu Simancas stammenden cartas de Felipe 
el hermoso im VIH, Bande der Coleccion de documentos ineditos 
para la historia de Espana (pag. 270 — 394) reichliche Kunde 
geben. Gerade während Qiürino sich in Antwerpen befand, 
nimmt die Correspondenz des Königs an Bedeutimg zu. Er 
schreibt von Geldern an die Herzoge von Bejar, von Infantado, 
den Grafen von Benavente; während er Arnheim belagert, geht 
die Correspondenz fort. Wir wissen aus Quirino, dass der Graf 



Lalaing. Qnirino und Guevara über K. Pliilipp I. 449 

von Haro seine Mission l)ei der Königin uiclit anbringen durfte^ 
aus der Coleccion (pag. 809), dass der König ihn auch nicht 
im Lager von Arnheim sehen wollte. Seit der Intrigue mit 
Lope de Conchillos , die er geleitet und von Avelcher auch 
Quirino erzählt, war er in die Ungnade K. Philipps gefallen, 
dessen Vertrauen er auch, wie aus Quirino hervorgeht, hinläng- 
lich missbrauchte; er rächte sich, indem er die einflussreichsten 
Castilianer in der Umgebung des Königs als Schurken darstellte, 
wie auch König Ferdinand in seinem geheimen Schreiben an 
Dr. Puebla in London vom 22. Juni 1505 (Bergenroth, Calendar 
pag. 432) seiner Abneigung gegen K. Philipp die Zügel schies- 
sen Hess. Drohte Don Juan IManuel mit der Vertreibimg 
K. Ferdinands aus Castilien, so drohte der Grraf von Haro 
mit einem Acte der Rache, der auch dann vollfuhrt wurde, als 
K. Philipp, der, so weit es ihm möglich war, für Nachgiebigkeit 
und Einlenken gesinnt war, den Dreikönigsvertrag von Sala- 
manca genehmigt hatte, welcher dem Könige Ferdinand das 
von ihm aufgegebene Königthum wieder verschaffte. Ucbrigens 
commentiren sich die Schreiben Puebla's und Quirino's mehr- 
fach. Auch der Erstere berichtet, jedoch erst am IL August 
1505, nr. 439, über Lope de Conchillos, Secretär K. Ferdinands, 
wie er ihn nennt, während er in Diensten K. Philipps war. 
Quirino versichert am 5. Juli nach dem Berichte des Grafen 
von Haro als zuverlässig, dass K. Heinrich VII. sich mit der 
jüngeren Königin von Neapel, Nichte K. Ferdinands, verlobt 
habe, während die Verlobung im August, Cal. nr. 438, nichts 
weniger denn abgeschlossen Avar. Beide berichten , Cal. 
nr. 439 und Quirino nr. 42, über Differenzen zwischen Flandern 
und England, über den Grafen von Suffolk etc. Namentlich aber 
commentiren die Briefe Dr. Puebla's vom 11. August 1505 
und vom 17. (Cal. nr. 439, 440, 441) den Quirino's vom 
26. Juli, das Project einer Zusammenkunft K. Heinrichs VII. 
und K. Philipps zu Calais, das des Letzteren Schwägerin, die 
Prinzessin von Wales, Katharina, jüngere Schwester der Donna 
Juana, auf den Wunsch Don Juan IManuels aufgegriffen liatte. 
Dr. Puebla durchkreuzte dasselbe, indem er nach der Absicht 
K. Ferdinands den K. Philipp möglichst zu isoliren suchte, 
damit er um so mehr von K. Ferdinand abhängig werde. Die 
üble Gesinnung Puebla's gegcu K. PhiHpp tritt bei dieser 



450 Höfler. 

Gelegenheit klar genug hervor. Man lernt aus dem Diener 
den Herrn und aus diesem den Diener kennen. 

Die Antwerpener Briefe hören mit dem 1. August auf. 
Es folgen noch zAvei aus Herzogenbusch vom 7. und 11. August 
über die Beendigung des geldrischen Krieges nach, mit welcher 
zwar K. Maximilian sehr unzufrieden war, da er meinte, dass 
eine Fortsetzung des Krieges ein viel glänzenderes Residtat 
ergeben hätte; allein man konnte sich bei den nun folgenden 
Differenzen mit dem französischen Cabinete sehr bald über- 
zeugen, dass ein rascher und doch im Ganzen günstiger Ab- 
schluss dieses Krieges, der wie ein Pfahl im Fleische der 
Niederlande sass, für diese der grösste Gewinn war. Jetzt 
hinderte nur noch die nahe Niederkunft der Königin Johanna 
(15. September 1505), den Zug nach Spanien zur Erlangung 
des castilianischen Erbes zu unternehmen. Allein der geldrische 
Sieg stand gar nicht in der Berechnung des französischen Ca- 
binets, noch auch K. Ferdinands, der sich bereits an letzteres 
angeschlossen hatte und in unseliger Verblendung Anstalten 
traf, sich mit einer Nichte K. Ludwigs, ehe auch nur das 
Trauerjahr seit dem Tode der Königin Isabella vorüber war, 
zu vermählen. So hart auch dieser Schlag von K. Philipp 
empfunden wurde, da er ihn der Aussicht beraubte, einmal 
seinem Schwiegervater in Aragon, Valencia, Neapel, Sicilien 
nachzufolgen, und das ganze Gebäude der Vereinigung der 
Königreiche Aragon-Castilien erschütterte, so zeigte sich sehr 
bald, wie recht Maximilian die Sachlage auf fasste, als er wäh- 
rend seines Aufenthaltes in Brüssel äusserte, der katholische 
König habe seinen Sohn treffen Avollen, aber sich selbst am 
meisten verwundet. Ein grosser Theil der nachherigen Erfolge 
K. Philipps muss diesem ,mariage vitupereux^ zugeschrieben 
werden. Selbst Don Pedro de Anghiera, wie ihn Quirino viel 
richtiger nennt als wir, die den königlichen Rath von Indien 
und Botschafter K. Ferdinands nur nach seinem Taufnamen 
Petrus Martyr benennen, war dadurch auf das Empündlichste 
berührt. Es gab wenige Castilianer, die durch den Schimpf, 
der dem Andenken der Königin Isabella dadurch widerfuhr, 
nicht sich selbst für beschimpft ansahen — nur Donna Juana 
machte hievon eine Ausnahme. Die nun folgenden Briefe aus 
Brüssel reichen vom 17. August bis 7. November 1505 (incl.). 



Lalaing, Quiiino und Guevara aber K. Philipp I. 451 

nr. 53—76. Die späteren, welche vor der Abreise nach Spanien 
geschrieben wurden, sind aus Antwerpen, Bruges, Gent (29. No- 
vember, 2., 5., ()., 10. Decembcr), wieder aus Bruges und end- 
lich aus Middelburg-, 1. und 7. Januar 1506, letzterer schon von 
dem Schiffe aus, das Quirino nach Spanien bringen sollte, aber 
ihn vorerst sehr Avider seinen Willen nach Falmouth brachte. 

Die Brüsseler Briefe sind äusserst wichtig. Sie beziehen 
sich zum Theile wie die Antwerpener auf den Versuch des 
französischen Cabinets, den König in Streitigkeiten mit dem 
Pariser Parlamente zu verwickeln und dadurch einen Vorwand 
zu erhaschen, den Hagenauer Frieden zu brechen und K. Philipp 
die Schuld dieses Bruches zu unterbreiten. 

Zum andern Theile beschäftigen sie sich mit dem Auf- 
enthalte K. Maximilians in Brüssel. Er kam dahin (23. August), 
um Abschied von der Königin und dem Könige zu nehmen, 
die er nicht wieder sehen sollte, Beide miteinander zu versöhnen 
und den König zu bestimmen, dem König Ferdinand möglichst 
entgegenzukommen. Festlichkeiten fanden auf Festlichkeiten 
statt, um Donna Juana daran zu gcAVöhnen, sich wieder öffent- 
lich zu zeigen u.nd sie ihrer Melancholie zu entreissen. Daneben 
ging aber der Streit mit den Franzosen fort und Maximilian 
nahm Anlass, einer französischen Gesandtschaft sehr derb seine 
Meinung über ihr vcrrätherisches Benehmen zu sagen. Einen 
schreienden Misston in die Brüsseler Feste machte aber dann 
die Kenntniss von der engen Verbindung K. Ferdinands und 
K. Ludwigs, die schlimme Aussicht auf Vernichtung des Ehe- 
verlöbnisses Herzog Karls mit der Tochter Ludwigs XIL und 
der Verlobung K. Ferdinands mit ]\Iadame Germaine von Foix. 
Die Depeschen lassen einen tiefen Blick in die Verstimmung 
werfen, die sich des Vaters und des Sohnes bemächtigte, welche 
sich mit einem Male der Früchte so grosser Anstrengungen beraubt 
sahen und so nahe dem Ziele dasselbe in die weiteste Ferne 
gerückt erblickten. Da (Quirino oftmals mit dem Könige und den 
Personen aus dessen Umgebung zusammenkam und andererseits 
seine Nachrichten von dem Grafen von Haro zog, der freilich 
dem Könige sehr verhasst war, so bieten seine Depeschen aus 
den Monaten August, S(^ptember, October hohes und mannig- 
faltiges Interesse. Schon Ende August wusste man in r.rüssel, 
dass nur mehr die Königin Anna von Frankreich unil der Car- 



452 Höflcr, 

dina] von Ronen (?) für Aufrechthaltuiig des Hagenaucr Vertrages 
waren. Maximilian verdoppelte seine Anstrengungen, um den 
König von Castilien mit seinem Schwiegervater auszusöhnen, 
und während Ersterer seinen tüchtigsten Diplomaten, Monseigneur 
de Veyre nach Spanien sandte, der aber K. Ferdinand sehr ver- 
hasst war, sandte Maximilian den nachher so oft genannten 
Andrea del Burgo dahin ab, welcher mehr in die Intentionen 
K. Ferdinands einging. Die Depeschen enthalten ein inter- 
essantes Spiel von Schachzügen, wobei aber zuletzt doch nur das 
Eine sich herausstellte, dass mit grosser Bezwingung seiner selbst 
K. Philipp in dem Masse seine Stellung wahrte, in welchem er 
sich in das Unvermeidliche fügte und durch kluge Nachgiebig- 
keit die gegen ihn gekehrte Spitze abbrach. Quirino's Depe- 
schen in dieser Zeit erhalten durch die Lettres de Louis XII 
und die Negociations Le Glay's einen Commentai', der, wo sich 
Quirino nur im Allgemeinen hält, in das Einzelne eingeht; ebenso 
aber kann man sagen, ergänzt wieder Quirino als Augenzeuge 
der Begebenheiten, was man bisher nur aus Urkunden kannte. 
Aber auch die spanischen Briefe, welche im VIII. Bande der 
Documentos ineditos veröffentlicht sind, geben über diese un- 
endlich schwere Zeit K. Philipps denkwürdige Aufschlüsse, da 
sie zeigen, wie unverdrossen er daran arbeitete, in Castilien 
königliche Rechte auszuüben, der Inquisition zu steuern und 
sich Anhänger zu erwerben. Es drohte der Krieg mit Frank- 
reich wie mit K. Ferdinand , der Verlust der castilianischen 
Erbschaft wie des burgundischen Erbes. Wer da meint, dass 
die Erwerbung der Krone von Spanien für das Haus Habsburg 
eine so leichte Sache war und eben nur auf dem Wechsel von 
Ringen beruhte, auf dem abgeschmackten: ,tu felix Austria 
uube*, der möge diese Depeschen Quirino's durchgehen, und er 
wird sich überzeugen, welche Mühe und Anstrengung es kostete, 
dem Verluste des kaum Errungenen entgegenzutreten, und wie 
darüber der Lebensfaden K. Philipps immer dünner und dünner 
werden musste, bis er frühzeitig ganz schwand. Obwohl nament- 
lich im September 1505 der ganze politische Bau, an welchem 
seit 1501 gearbeitet worden war, zusammenstürzte, entschloss 
sich der König dennoch, den Winter zur Fahrt nach Spanien 
zu benützen. Allein wenn auch die Niederkunft der Königin 
am 15. September ein Ilaupthinderniss beseitigte, so konnte 



Lalaing. Qnirino iind Gncvaia über K. IMiilipp I. 4öö 

doch K. Ferdinand seinem Schwiegersöhne nicht bhjs in den 
höhnischsten Worten seine Verlobung ankündigen, wobei man 
das Epistolarium naclilesen mag, sondern aucli im Anfange 
Octobers, als Maximilian schon abgereist war, sein Ultimatum 
stellen, (Quirino, 6. October 1505), er werde Zeitlebens 
auf die Regierung Castiliens nicht verzichten. 

Waren nun die Granden über Don Fernando's zweite 
Heirat im höchsten Grade aufgebracht und erklärten sie, sie 
wollten ihn jetzt schon gar nicht mehr als ihren Beherrscher 
anerkennen (Quirino, 21. September 1505), so war doch Donna 
Juana mit Allem einverstanden, was der Vater wollte oder that. 
Die Lage des Königs war dadurch nicht wenig erschwert, und 
so entschloss sich nun Philipp, bis zum Aeussersten nachzugeben 
und das Uebrige auf seine Ankunft in Spanien zu ersparen. Die 
dem 1 )reikönigsvertrage von Salamanca, 24. November 1505, 
unmittelbar vorausgegangenen Unterhandlungen entziehen sich 
der näheren Kenntnissnahme Quirino's, welcher sich mehr mit 
den französischen Verhandlungen beschäftigt, über die es ihm 
leichter wird, genaue Erkundigungen einzuziehen. Am 29. Oc- 
tober theilt er mit, dass ein neuer Vertrag mit K. Ludwig XIL 
durch den Herrn von Ville abgeschlossen worden sei. Jetzt 
wird auch an eine Gesandtschaft nach Rom gedacht — die Don 
Antonio's de Acuiia kennt Quirino nicht — und beginnen die 
Verhandlungen mit den niederländischen Städten wegen Geldhilfe 
und die umfassenden Vorbereitungen zur Abreise, wozu auch 
die Reise der Königin nach Middelburg gehört, wohin man ihre 
drei Kinder von Mecheln aus bringt (^Quirino, T.November 1505). 

Da der König sehr häufig den Aufenthaltsort wechselte 
und die Anstalten zur Abreise alle übrigen Geschäfte in den 
Hintergrund drängten, verlor Quirino etwas die Fühlung mit 
dem Hofe. Er berichtet über die lächerliche Eitelkeit Phihbert 
Natnrelli's, den wir dann als Botschafter in Rom tretfcn, von 
wo er seine Berichte an den König sendet (150(5, bei Le Glay) 
und der, sich für ein ausserordentliches diplomatisches Genie 
haltend, das Cardinalat für sich verlangte, 22. November. Wir 
erfahren den Grund der Ungnade des Herrn von Berghes, der 
einst den ganzen Hof regierte, aber 1502 in Ungnade fiel aber 
nicht durch den Bischof von ,BelinzonaS sondern durch den 
Erzbischof von Besancon, den vielbes])r()chenen Franz von l?ux- 



454 Höfler. 

leiden (29. Noveml>ei'). Hingegen treten jetzt, je mehr sich die 
Abfalirt nähert, die Beziehungen zu England massgebend her- 
vor. K. Heinrich verlangt bereits die Auslieferung des Earl of 
Sutfolk, der im October aus dem Gewahrsam Karls von Egmont 
nach Namur gebracht wm'de. Der Herr von Ville, welcher von 
der Gesandtschaft aus Frankreich zurückkehrte, berichtete über 
die schlimme Gesinnung des Königs LudAvig, so dass den König 
von Castilien Reue beschlich über das Vertrauen, welches er 
gegen den Rath seines Vaters und Schwiegervaters demselben 
geschenkt. Man vermuthete, dass der König Ursache der 
Weigerung Karls von Egmont, nach Spanien zu gehen, sei. 
Am 2. December berichtet er, dass die spanischen Botschafter 
gar nicht für die rasche Abreise des Königs seien, während 
doch K. Ferdinand den Schein annahm, als wünsche er sie so 
sehr. Die ausführliche Depesche aus Gent vom 5. December 
berichtet nicht nur über den monströsen Dreikönigsvertrag von 
Salamanca, 24. November 1505, womit mau den grossen casti- 
lianischen Königsstreit für immer beigelegt zu haben glaubte, 
sondern er theilt auch den Auszug eines Schreibens K. Ferdi- 
nands an seinen Botschafter am Brüsseler Hofe mit, das die 
wahren Gesinnungen des Königs von Aragon enthüllt. Nicht 
minder, dass Don Juan Manuel, der gewöhnlich als der Urheber 
aller Ferdinand feindlichen Tendenzen dargestellt wird, diesem 
seine Unterwerfimg anbot, aber kein Gehör gefunden habe. 
Die Vorbereitungen K. Philipps zur Reise nach Spanien seien 
nicht hinreichend, um gegen den Willen K. Ferdinands etwas 
zu unternehmen. Ein kurzer Bericht vom 6. December meldet 
das Eintreffen einer Depesche des Herrn von Veyre aus Sala- 
manca vom 27. November, der Vertrag sei abgeschlossen und 
besiegelt. Eine zweite vom selben Datum gibt Einzelnheiten 
desselben an. Die Depesche vom 10. December berichtet, dass 
K. Philipp mit grosser Genugthuung den Vertrag beschworen und 
Herr von Veyre gemeldet habe, durch rasche Abreise könne wohl 
noch die Heirat mit Madame Germaine verhindert werden, 
eine Täuschung, der man sich aber noch längere Zeit hingab. 
Der Bericht aus Bruges vom 20. December bespricht die An- 
näherung des römischen Königs und K. Philipps an K. Hein- 
rich VII., den Unwillen Philipps gegen K. Ludwig und dass 
jetzt Karl von Egmont mit nach Spanien gehen wolle! Der 



Lalaing, Qnirino und Guevara über K. Philipp I. 4öO 

Bericht aus iMiddclbiug vom 1. Jaiuuir meldet, dass nur guter 
Wind erwartet werde, um abzufabren: der vom 7. Januar, be- 
reits zu Schiffe, berichtet die Wahl eines Arenberg zum Bischof 
von Lüttich, somit eines geschworenen Gegners des burgun- 
dischen Hauses, und die Verkündigung des Vertrages von Sala- 
manca, dessen für K. Philipp Avohlthätigstc Wirkung darin 
bestand, dass er ungehindert die Fahrt nach Spanien unter- 
nehmen konnte. Eine wichtige Thatsachc jener Tage gibt erst 
ein späterer Bericht vom 13. April. Da eine ältere Dame, 
welche bisher allein bei der Königin ausgehalten, nachdem diese 
im Frühlingc 1505 ihren ganzen weiblichen Hofstaat, Frauen 
und Fräulein, plötzlich entlassen, ihres Alters wegen die Seereise 
scheute, habe K. Philipp an ihrer Stelle eine Frau Veingen ( ?) 
zum grossen Verdrusse der Königin ernannt. Donna Juana 
habe die Männer Avie die Frauen der Niederlande gleich sehr 
gehasst und diesen Hass auf Frau Veingen übertragen. Die 
Sache 'kam später zu einem Avilden Ausbruche ihrer Leiden- 
schaftlichkeit. Jetzt verliess sie im grössten Zorn das Geburts- 
land ihres Gemahls, entschlossen, sich künftig diesem so wenig 
zu fügen, als sie es früher gethan, und dieselben Scenen, die 
sie mit grossem Geschrei in Flandern aufgeführt, in England 
und Spanien zu wiederholen. 

So viele Nachrichten wir auch über die Ankunft K. Phi- 
lipps in la Coruna, 2(5. April 150(5, und j^ein alimäiiges Vor- 
rücken durch Galicien nach Castilien, die Verhandlungen mit 
K. Ferdinand und die Zerreissung des Vertrages von Salamanca 
besitzen, so gewähren die Briefe Vincenzo (^uirino's an den 
Dogen von Venedig vom 26. April bis 24. August Aufschlüsse, 
welche wir in gleichem Grade nirgends finden. Da sie bisher 
ungedruckt waren, Kawdon Brown nur imgenügendc Auszüge 
und noch dazu in englischer Ucbersetzung mitthcilt, ist es 
wünschenswerth. Näheres zu erfahren. 

1. Schreiben vom 2(3. April 1502, noch vom Schifte aus.-= ' 
Während Alle glaubten, die Flotte werde in Larcdo landen, 
erhielt sie den Befehl, nach la Coruna zu segeln, nicht blos, 
um Santiago di Compostella näher zu sein, wohin sich der König 
verlobt, sondern in Folge besonderer Berathuni;- in ralnioutli. 

' Die Sternchen bedeuten: angetu1n-t von K. Brown. 



456 Höfler. 

um die Zusammenkunft mit K. Ferdinand wo nicht zu hindern, 
doch hinauszuschieben. Monsignor Lassav und Monsignor Averre 
sind die Herren von Lachaux und Veyre. 

2. Schreiben vom 27. Aprih Die Königin verweigert bei 
ihrem Einzüge in la Coruiia die Bestätigung der Stadtprivilegien, 
Avas allgemeine Unzufriedenheit erzeugt. 

3. Sclireiben vom 2. Mai.* Nähere Erklärung des Vor- 
ganges in la Coruna. Der König beschwört die Privilegien. 
Feindselige Haltung der Königin gegen den König. Vorwürfe, 
die K. Philipp dem Don Pedro de Ayala macht, und Recht- 
fertigung desselben. Die Königin schickt die Hofdamen zurück. 

4. Schreiben vom 4. Mai, Ankunft des Grafen von Lermos 
und des Don Dionys de Portugal am 3. Mai, dann des Marques 
de Storch (Astorga). Der Graf von Benavente entschuldigt sich. 
Die Flotte ist zurückgeschickt. 

5. Schreiben vom 8. Mai aus la Coruna.* Am 3. ]\Iai 
Ankunft eines Schreibens K. Ferdinands. Am 7. Mai 'kamen 
die Herren von Lachaux und Andrea de Burgo an, worauf so- 
gleich mit Herrn de Vila Cabinetsrath gehalten wurde. Gerüchte 
über diese geheime Conferenzen. Die Königin empfängt Nie- 
manden (R. Brown, nr. 881). 

6. Schreiben vom 10. Mai aus la Coruna. Ankunft von 
Gesandten K. Ferdinands. Am 9. kamen Garcilasso de la Vega 
und der Graf von Fuensalida. Die Granden AvoUten nur K. Philipp 
gehorchen. Der Herzog von Najera, der Graf von Benavente 
und der Marques von Villena kommen mit der Absicht, die Be- 
seitigung des Verti'ages von Salamanca zu beantragen. 

7. Schreiben vom 12. Mai aus la Coruna. Bestätigung 
der mitgetheilten Nachrichten. K. Ferdinand habe durch La- 
chaux und Andrea de Burgo den König für sich zu stimmen 
gesucht, damit er den Granden nicht traue. Dann habe Ferdi- 
nand noch drei Gesandte geschickt und wollte endlich in Person 
kommen. Der Streit zwischen Beiden bewege sich jetzt um 
die Krönung (Huldigung) Philipps in Toledo, die Königin lasse 
sich nicht sehen. Am 1 1 . Mai sei ein Alcaide und ein Alguazil 
mit Justizbeamten gekommen, aber schon wieder abgereist. 

8. Schreiben vom 13. Mai* aus la Coruiia, Ankunft Don 
Pedro Martyr's. Günstige Aeusserung des Königs über Venedig. 
Quirino bittet um die Erlaubniss, zurückkehren zu dürfen. 



:^1 



Lalaing, Quiriuo und Guevara über K. I'liilipp I. -iO i 

9. Schreiben vom 14. Mai aus la Coruna. Die drei Granden 
(Schreiben vom 10. Mai) sind angekommen mid betreiben mit 
Don Juan Manuel ihren Plan, sich an K. Ferdinand zu rächen 
und den Dreikönigsvertrag zu beseitigen. Täglich kommen 
Granden, um Philipp allein als König anzuerkennen. Monsignor 
de Vila und Herr von Lachaux suchen den König für Auf- 
rechthaltung des Vertrages zu stimmen und stehen auf Seite K. 
Ferdinands. Dasselbe soll auch Monsignor de Veyre beabsichtigen. 
Alle Burgunder und Flanderer seien für den Vertrag von Sala- 
manca und wünschen eine Zusammenkunft der Könige. Auch 
Philipp sei dafür gewonnen und wolle nach Astorga. Andrea 
de Biu'go sei zu K. Ferdinand abgereist. Phihpp habe diesem 
geschrieben, er möge nicht nach la Coruiia kommen, wo es 
ihm an Allem fehle, er werde ihm entgegen gehen, worauf K. 
Ferdinand erwiderte, er hätte keine Mühe gescheut, seine Kinder 
zu sehen. Die Königin Hess endhch am 14. Mai die Granden 
zum Handkuss, sprach aber kein Wort mit ihnen mid ging 
gleich in ihr Gemach zurück. 

10. Schreiben vom 18. Mai aus la Coruiia. j\Iittlieilung 
einer Unterredung des Königs mit dem Comendador de Haro 
(Avro).' Der König versichert ihn seiner ergebensten Gesinnung 
gegen K. Ferdinand;, den er baldigst aufsuchen werde. Ferdinand 
wolle die Cortes zur Huldigung berufen. Don Juan Manuel habe 
jedoch dem Könige Besorgniss eingeflösst, es möchte ihm dm-ch 
den Condestable in Astorga Gewalt Avidcrfahren, und ähnliche 
Besorgnisse habe er auch dem K. Ferdinand eingeflösst. Die 
Cortes hätten den König gebeten, von der Krone nichts an die 
Granden zu veräussern. (Marin Sanuto 1506, pag. 35). 

11. Schreiben vom 25. Mai aus la Coruna. K. Ferdinand 
habe sich entschlossen, nach Santiago zu gehen, und sei auf dem 
Wege dahin bis Villafranca gekommen, in der Ueberzeugung, 
dass K. Philipp den Vertrag von Salamanca aufrecht erhalten 
wolle; da es sich aber um Auslegung des letzteren handelte — 
ob K. Ferdinand gobernador oder König von Castilien sei, — so 
beschwerte er sich über das schurkische Benehmen gegen ihn 
und erklärte, nicht weiter zu gehen. Unschlüssigkeit K. PhiHpps 



' Outiere Gomez de Fnensalida, (1(mii IVüliereii Rotscliaftor in Hnisspl und 
zuerst (149s, Cal. I, nr. ■2'2-2) bei dem römisclioii Künige. 



458 Höfler. 

zwischen den beiden Parteien. Er erklärt, binnen zwei Tagen 
nach Santiago aufzubrechen. Die Granden hielten unter dem 
Comendador mayor de Santiago Conferenzen, und Don Juan 
Manuel bearbeitete dann den König. Sie beschlossen, von dem 
Könige nichts zu verlangen, als dass er sich als König von 
Castilien erhalte. 

12. Schreiben vom 27. Mai aus la Coruna. K. Ferdinand 
habe die Geduld verloren, seit ihm der Titel eines Königs von 
Castilien streitig gemacht wird und K. Philipp die Hälfte der 
Einkünfte von Castilien verlangt. Die Granden hätten dem 
Könige Misstrauen eingeflösst, weshalb morgen die Reise nach 
Santiago angetreten werden solle^ ohne dass von einer Zusammen- 
kunft mit K. Ferdinand die Rede ist. Die Königin sei nicht 
weit entfernt von den ersten Grenzen einer Union ihres Gemahls 
und ihres Vaters (?) Der König habe Don Diego (de Guevara), 
maestro de casa der Königin, zu K. Ferdinand gesandt. 

13. Schreiben vom 31. Mai aus Santiago di Compostella. 
Die Zwietracht zwischen den Königen ist eingetreten. K. Philipp 
wurde überzeugt, K. Ferdinand wolle ihn wie einen Knaben 
regieren, er habe das Testament der Königin gebrochen, der 
Vertrag selbst sei nur abgeschlossen worden, um die Heirat 
des Königs Ferdinand zu hindern. K. Philipp müsse nach 
Castilien gehen, w^o sich dann die noch Unschlüssigen für ihn 
entscheiden w-ürden. Mit Mühe habe man heute (Pfiugsttag) 
die Königin bewogen, in die Kirche zu gehen. 

14. Schreiben vom 2. Juni, Santiago. ]\[ittheilung eines 
Schreibens K. Ferdinands an K. Philipp, er möge ihm Don 
Juan Manuel, den Herrn de Vila und noch einen dritten seiner 
Räthe senden, worauf K. Philipp Vila, Veyre, Lachaux und Don 
Juan Manuel zu senden beschloss. Man war überzeugt, dass 
sich der Letztere von K. Ferdinand gewinnen lassen irad dann 
die ganze Opposition der Granden in Nichts auflösen werde. 
K. Philipp schlug, damit die Unterhandlungen ungestört fort- 
gingen, einen andern Weg als nach Villafranca ein. Er wolle 
am 3. Juni nach Benavente aufbrechen. 

15. Schreiben vom 9. Juni aus Orense. K. Ferdinand 
sendet den Erzbischof Jimenes hieher, welcher wie K. Philipp 
am 6. Juni ankam. Fruchtlose Conferenzen. Die Anhänger 
Ferdinands fangen an, besorgt zu werden. Der Herzog von 



Lalaing, Quirino nnd Gucvera iibor K. Philipp I. 459 

Infantasgo ist gekommen, die Uebrigen wollen in Jienavente 
huldigen. K. Philipp wolle morgen abreisen und K. Ferdinand 
von Villafranca aus ihm entgegengehen. Je grösser die Fürsten 
seien, desto schwankender seien ihre Entschlüsse. (K. Ferdinand)! 

16. Schreiben vom 17. Jvmi aus Puebla de Senabria. Er 
reiste immer von Orense dem König um eine Tagereise voraus. 
In der ganzen Welt gebe es kein elenderes Land. 200 Pferde 
und Maulthiere seien umgefallen. Die Kosten seien ausser- 
ordentlich. Am 16. kamen der Condestable und der Herzog 
von Alba zum K. Philipp. 

17. Schreiben vom 18. Juni aus Puebla. Ankunft K. Philipps. 
Klagen der Granden, dass er ohne ihre IMitwirkung mit K. Fer- 
dinand unterhandle. Philipp beruft sie in den Rath. Beschluss, 
mit K. Ferdinand nicht einen Vertrag abzuschliessen, als auf 
der Grrundlage, dass er Castilicn räume. Letzterer ist beinahe von 
Allen verlassen, aus dem Condestable sein grösster Gegner ge- 
worden, auf den er doch alle Hoffnung gesetzt hatte. Auch das 
Volk ist ihm und seiner Gemahlin entgegen und erlaubt sich 
Unarten gegen sie. Dadurch sei auch die Stellung Philipps 
eine ganz andere als früher. 

18. Schreiben vom 18. (21.) Juni aus Puebla. Nachdem 
K. Ferdinand dem K. Phihpp geschrieben, er kümmere sich 
nicht darum, seine Tochter zu sehen, sondern er Avolle nur 
ihn sprechen, sandte K. PhiHpp am 19. Juni den Don Juan 
Manuel zu ihm, worauf heute (21. Juni?) die Zusammenkunft der 
Könige im Eichenwalde (a l'ombra d'un bei rovere) in Gegen- 
wart des Erzbischofs Jimenes, des Andrea del Burgo und des 
Don Juan Manuel stattfand. Der Vertrag von Salamanca sei be- 
seitigt und ein neuer werde stattfinden auf Grund des Abzuges 
K. Ferdinands aus Castilicn. Die Königin befinde sicli in Lusato 
und rede mit Niemandem. (Vielleicht ist Lubian auf der Strasse 
nach la Puebla gemeint). Da K. Pliili))}) Quirino aufforderte, 
ihn zu begleiten, sei er auch bei der Zusammenkunft gewesen 
und von K. Ferdinand freundlich begrüsst worden. 

Die Angabe, dass die Zusammenkunft in Remessal am 
21. Juni stattgefunden habe, steht mit der allgemeinen Angabe 
für den 20. in AViderspruch. 

19. Schreiben vom 2;'). Juni aus Penavente.* Fortwährend 
werde zwischen Benavente und Villatalila unterhaiuh^lt. Fcrdi- 






460 Hofier. 



nand wolle goberuador bleiben und später darauf Verzicht leisten 
und sich mit den drei Grrossmeisterthümern begnügen. Dann 
trat auch der Vorschlag hervor, dass K. Ferdinand auf Lebens- 
zeit das Königreich Granada übergeben werden solle. Ferdinand 
habe sehr günstige Nachrichten von Don Gonzalvo aus Neapel 
erhalten, wolle dahin gehen und sich mit Venedig aufs Innigste 
verbinden. Der Gesandte des Königs von England und der 
Nuntius kamen nach Benavente. Bei K. Ferdinand befanden 
sich nur der Erzbischof, der Herzog von Alba und der Almi- 
rante. Als die Königin von der Zusammenkunft gehört, habe 
sie den Grafen von Benavente und den Marques von Villena 
Verräther gescholten. Man habe sie in ihrem Gemache mit 
dem Könige lange Zeit schreien hören. Die Städteprocuratoren 
hatten gehuldigt, aber nicht die von Viscaya, und die von Leon 
und Toledo seien handgemein geworden. 

20. Schreiben vom 27. Juni aus Benavente. Bericht über 
die Verhandlungen von Villafafila. Ferdinand geht nach Tor- 
desillas (Torre de Silglia). Die Königin wurde beiderseits um- 



gangen. 



21. Schreiben vom 29. Jimi aus Benavente. Mittheilung 
der Bedingungen des Vertrages von Villafafila. Gemeinsame 
Obedienzleistung in Rom. Die Bestimmung über das neapoli- 
tanische Erbe verletzt den französischen Vertrag. Unzufrieden- 
heit der Königin. Am 29. entweicht die Königin. 

22. Schreiben vom 4. Juh* aus Muzientes. Unterhand- 
lungen des Königs mit den Cortes, damit ihm allein geschworen 
werde. Die Granden fürchten die Rache der Königin. Der 
englische Botschafter bcschAvert sich heute, dass sein Herr nicht 
in den Vertrag von Villafafila aufgenommen worden sei. Ant- 
wort des Königs. Unzufriedenheit des Botschafters. 

23. Schreiben vom 7. Juli aus Valladolid. K. Ferdinand 
besteht auf einer neuen Ziisamnienkunft, damit man glaube, er 
scheide in grösster Freundschaft. Zweite Zusammenkunft in 
Renedo bei Muzientes, vier Stunden lang. K. Ferdinand über 
die Eifersucht der Königin Isabella. Abreise Ferdinands nach 
Aragon. Ankunft Philipps in Valladolid. Die Granden rathen, 
die Königin einzusperren. 

24. Schreiben vom 11. Juli aus Valladolid.* Die Städte 
schreiben den Procuratoren, sie hätten der Königin zu schwören. 



Lalaing, Quirino und Guevara *ber K. Philipp I. 461 

Eine Schritt der Granden über die Untäliigkeit Donna Juana's 
wird vom CondestaLle und dem Herzog- von Najera niclit unter- 
schrieben. Die Königin täuscht den König, empfängt die Pro- 
curatoren, lässt sich als Königin anerkennen und verlangt feier- 
lichen Schwur in Toledo. K. Philipp begibt sich in ein Kloster 
und legt von da aus der Königin drei Fragen vor. Sie will nicht 
haben, dass Flanderer, noch die Frau eines Flanderers Castilien 
regiere, sondern ihr Vater. Jimenes suchte die Gatten zu ver- 
söhnen. Die Correspoudenz der Königin mit ihrem 
Vater wird aufgefangen. Unterhandlungen des englischen 
Botschafters mit K. Ferdinand wiegen des Ueberrestes der ^lit- 
gift der Prinzessin von Wales. Drohung sie zuiilckzuschicken. 
Französische Gesandtschaft bei K. Philipp. Entschuldigung 
Avegen der aufgelösten Verlobung. Verkündigung der Ver- 
lobung der Prinzessin Margaretha mit K. Heinrich. 

25. Schreiben vom 16. Juli aus Valladolid. Die Königin 
lässt sich durch Ueberraschung gewinnen, die Huldigung der 
Cortes anzunehmen. Der König verspricht einen Zug gegen 
die Moros, Ferdinand verlangt die Auslieferung des Herzogs 
von Valentinois (Cesare Borgia). 

26. Schreiben vom 23. Juli aus Valladolid.* Prinz Karl 
soll eine englische Prinzessin heiraten, der fünfzigjährige Dänen- 
könig eine französische. Vorbereitungen zum Kriege in Afrika. 
Von der Königin spricht man nicht mehr. Zwietracht unter 
den Granden. Lebhafte Correspondenz zwischen den beiden 
Königen. 

27. Schreiben vom 27. Juli aus Valladolid. Vincenzo 
Quirino verabschiedet sich vom K. Philipp. 

28. Schreiben vom 1. August aus Valladolid. Process der 
Erben des ]\Iartin Bursara. Briefe aus Flandern melden den 
Wiederausbruch der geldrischen Unruhen. 

Abreise Vinc. Quirino's aus Valladolid am 2. August IbOCi. 

Wenn schon die früheren Serien Aufschlüsse von grösstem 
historischem Werthe gewähren, so ist dies in erhöhtem Grade bei 
dieser letzten der Fall. In Betreff des Aufenthaltes K. Philipps 
in la Coruna, seiner Reise nach Santiago de Conii)osteIla und 
Pucbla verlassen uns die fchronologischen Angaben und entsteht 
ein Wirrwar, der durch die Angaben Quirino's allein sieh ent- 
wirrt. Aber auch über die Ereignisse des Hochsommers und 

SiUuiigsber. d. pliil.-hist. Cl. CIV. 13d. U. lUt. M 



462 * Ilöfler. 

ncimeiitlicli über die gräuliche Sceue, die Donna Juana ihrem 
Gemahl bei der Eidesleistung der Procuratoren der Cortes be- 
reitete, so dass dieser sich in ein Kloster zurückzog, bringt 
Quirino die interessantesten Daten. Sein registrum literarum 
ist für die beiden letzten Lebensjahre K. Philipps eine Quelle 
ersten Ranges, ohne welche es vielfach v^nmöglich wäre, den 
richtigen Pfad ausfindig zu machen, und wenn wir irgend etwas 
bedauern, so ist es, dass er einen Monat vor K. Philipps Tode 
Castilien verliess und wir somit über die letzten Wochen und 
Tage des Königs vorzugsweise auf Alvaro Gomez und nicht 
auch auf ihn angewiesen sind. 

Es ist natürlich; dass diese Berichte, welche sich auf die 
spanischen Vorgänge beziehen, das allgemeine Interesse nicht 
besitzen wie jene, die über die Ereignisse in mehreren Staaten 
Aufschlüsse geben. Allein sie weisen die Entwicklung des 
grossen -spanischen Dramas nach, das einen unerwartet tragischen 
Ausgang nimmt. K. Ferdinand, welcher sich durch den Drei- 
königsvertrag zum Herrn der Situation gemacht, während 
K. Philipps unfreiwilligem Aufenthalte in England sich mit 
Germaine von Foix vermählt und dadui'ch seinen drei Töch- 
tern eine Stiefmutter gegeben hatte, erhielt den ersten Schlag, 
als die Landung seiner Kinder nicht in Laredo, wie er erwartete, 
sondern im entlegenen la CoruSa stattfand. Die in vielfacher 
Beziehung viel bequemere Landung hätte eine Zusammenkunft 
mit der Stiefmutter unvermeidlich gemacht ; es wäre ferner, ehe 
eine Auseinandersetzung über die noch strittigen Punkte statt- 
gehabt hätte, die Zusammenkunft der beiden Könige, und wie 
man annahm, dann der volle Sieg Ferdinands über seinen 
Schwiegersohn erfolgt, das castilianische Königthum Ferdinands 
wäre unabwendbar geworden. Das aber war, seit der König 
den Castihanern den Schimpf der zweiten Heirat, mit einer 
Französin und in Duenas, wo Don Fernando sich einst mit 
Donna Isabel vermählt hatte, angethan, eine moralische Un- 
möglichkeit geworden. j\Iaximilian hatte Recht, wenn er sagte, 
der König habe sich selbst eine Wunde versetzt, als er nach 
seinem Sohne ausholte. Jetzt kam es über ihn. Der Abfall 
der Granden erfolgte wälirend des Aufenthaltes in la Corufia; 
die Zusammenkunft, wie sie Don Fernando betrieb, ohne vor- 
ausgegangene Abmachungen, fand nicht statt, als K. Philipp 



i 



Lalaing, Quiiino und Guevara' über K. Philipp I. 463 

sein Gelübde zu lösen naeli Santiago de Compo.stella ausLog 
und dann, im weiten Halbkreise nach Benavente ziehend, die 
Stelhing Ferdinands an der Grenze der Königreiche Leon und 
Galicien umging. Jetzt erfolgte ein Schlag nach dem andern. 
Der König, von allen Castiliancrn, selbst von dem Condestable 
und dem Primas von Toledo verlassen, konnte es nicht wagen, 
mit Hilfe von zwei oder drei Granden, die ihm treu geblieben 
waren, die Wechselfälle eines ungleichen Kampfes zu bestehen. 
Es ward ihm keine Gelegenheit geboten, seine Gemahlin seinen 
Kindern vorzuführen, nicht einmal die eigene Tochter konnte 
er sehen. Bald blieb ihm nm' noch übrig, den Schein zu be- 
wahren, als ob zwischen Schwiegervater und SchAviegersohn ein 
herzliches Einvernehmen obwalte, aber der Preis desselben war 
ein furchtbar hoher : der Verlust des Königreichs Castilien, an 
dessen Behauptung er Alles gesetzt hatte und aus welchem er 
nun nach zweimaliger Zusammenkunft mit K. Philipp und nach- 
dem er noch den kaum geschlossenen und beeidigten Vertrag 
von Villafafila heimlich Avider rufen hatte, wie ein Flüchtling 
enteilen musste. Damit aber ist das Drama nicht zu Ende, sondern 
jetzt nehmen erst die ZerAvürfnisse zwischen seiner Tochter und 
deren Gemahl den äussersten Grad an. K. Philipp AA'ird von 
Donna Juana förmlich in den Augen seiner Unterthanen durch 
ein Benehmen sondergleichen misshandelt. Ohne Aveibliche Be- 
gleitung, jeden Augenblick öffentlichen Spectakel machend, zieht 
die Königin Avürdelos durch ganz Nordspanien, bis endlich das 
Mass voll ist, der König, diesen moralischen Leiden orhegcnd, 
das Opfer einer kurzen Krankheit Avird, die seine Kräfte rasch 
aufzehrt, und Johanna zurückbleibt, in anderen Umständen, 
thränenlos, Avie mit einem Fluche beladen die Leiche ihres 
Mannes bcAvachend, da ein dummer Mönch ihr die Älöglichkeit 
einer Rückkehr zum Leben vorgescliAvindelt , bald nutzlosem 
Grame hingegeben und endlich Mutter einer Tochter, die ihren 
Vater eigentlich durch ihre IMuttcr vor ihrer Geburt verloren. 
Es gibt kaum ein ergreifenderes Schauspiel als dieses Drama 
des ersten habsburgischen Königs von Spanien, der die Erwer- 
bung dieser Krone mit dem Unglücke seines Lebens und seinem 
frühen Tode bezahlte. jMan müsste sich eigentlii-li Avundern, 
dass nicht schon längst ein Dichter diesen reichen poetischen 
Stoff aufgriff, Aväre es nicht dif Aufgabe (h^s Ilistonkers, zuerst 



3ü 



* 



464 



Höfler. 



den geschichtlichen Boden festzustellen und dadurch den Dichter 
selbst vor jenen störenden Extravaganzen zu bewahren, die 
nui' zu oft ein sogenanntes historisches Drama ganz unhistorisch 
und geradezu unleidlich machen. 

Ich muss zum Schlüsse noch bemerken, dass Quu'ino's 
relazione di Borgogna nicht mit der übereinstimmt, welche 
Sir Kawdon Brown nr. 890 als von ihm im Senate vorgetragen 
im Auszuge nach Marin Sanuto bekannt machte. Die starken 
Ausdrücke Quirino's über die Königin Johanna sind in der 
relazione vermieden. Dass K. Philipp den König Juan Manuel 
von Portugal als kinderlos zu beerben hoffte, ist sehr unwahr- 
scheinlich. Interessant ist, dass Quirino keine gi-össeren Fehler 
an K. Philipp wahrnahm (cosi grande e nobile e cosi virtuoso) 
als: era mal pronto nel rispondere e poco risoluto nel- 
r eseguire e rimettevase sempre in ogni azione al suo con- 
siglio — freilich hätte er hinzufügen sollen, das er aus den 
fähigsten Männern zusammenstellte. Diesem edlen Manne sei 
eine Frau zu Theil geworden, wie Königin Donna Juana war. 
Offenbar hält er sie für das Unglück seines Lebens. 

E reputa mala avara e zelosa e non vol veder femene in la 
soa Corte, non si mostra molto, voria il re suo padre gobernasse, 
e li grandi di Chastiglia gli e contrari. So nach Marin Sanuto 
Vincenzo Quirino am 10. October 1506, in seiner Rede im 
Senate, als am 8. October sich die Nachricht verbreitet hatte, 
K. Philipp sei am Katarrhe gestorben, am 9. sie allgemein be- 
kannt geworden war. (VI, pag. 442.) 

Noch von la Coruiia aus hatte K. Philipp seinen Rath und 
maitre d'hötel der Königin, Don Diego de Guevara, an K. 
Ferdinand abgesandt, der noch immer in Villafranca stand und 
die einander entgegengesetztesten Beschlüsse rathlos überlegte. 
Guevara's Berichte aus Villafranca vom 1., 2., 6. Jimi, aus 
Matilla vom 9., aus Verdenoza vom 10., aus S. Marta auf der 
Strasse von Benavente nach la Puebla de Senabria vom 12., 
aus Rio negro vom 14., Astui-ianos vom 15. Juni, sowie die 
Anweisungen K. Philipps vom 4. Juni, Leriz (nicht AUariz) 
vom 6., Orense am Mino vom 7. und 9., Allariz vom 12. Juni 
sind aus dem Grunde von besonderer Wichtigkeit, weil sie 
ebenso sehr einen Einblick in die Anschauungen am Hoflager 
K. Ferdinands als in die Absichten und Besorgnisse K. Phihpps 



Lalaing, Quirino und Guevara über K. Philipp I. 465 

gewäliren. Sie ergänzen somit durch authentische Berichte, was 
wir niclit ohne eine gewisse Färbuiig aus Alvaro Gomez oder 
Qurita wissen (CoUection des voyages I. Appcndices). 

Don Diego war kein grosser Diplomat und fühlte es auch nur 
zu sehr; unerfahren in den Geschäften, stand er dem schlauestcn 
Könige und dessen Anhängern, dem Herzoge von Alba, dem 
Condestable, dem Almirante gegenüber, die ihm schon durch ihre 
äussere Stellung imponirten und deren sich Don Fernando nach 
Belieben bediente. Es fehlte Don Diego an Zuversicht, an Ge- 
schmeidigkeit und an nöthiger Energie. Sein Gedächtniss ist ihm 
den langen Reden der Granden gegenüber nicht treu genug, -aljcr 
sein Urtheil ist richtig, seine Treue und Hingebung ohne Fehl. 

Er kam Samstag vor Pfingsten, 30. Mai 150G, in dem 
äussersten westlichen Winkel von Leon an, wo Villafranca liegt 
und wo sich auch, abgesehen von den Vorgenannten, der Erz- 
bischof-Primas, der Adelantado von Granada, der Herzog von 
Albuquerque und die Procuratoren der Cortes befanden. Man 
erwartete den Herzog von Infantado. K. Ferdinand war aber 
keineswegs gewillt, diese Granden oder die Procuratoren zu 
K. Philipp ziehen zu lassien. 

Die erste Audienz, Avelche Don Diego, und zwar schon 
am 30. Mai erhielt, bezog sich darauf, dass K. Philipp auf der 
Meinung bestand, es dürfe bei einer Zusammenkunft der Könige 
von keinem Vertrage und auch nicht von der Königin Donna 
Juana die Rede sein, die in der That damals nur ihre camarera 
und sonst gar keine weibliche Umgebung um sich hatte, was 
K. Philipp tief schmerzte. K. Ferdinand hatte durch seine 
Gesandten in la Corufia erklären lassen, dass er von dem Drei- 
königs vertrage zu Salamanca nicht einen Buchstaben ab- 
weichen werde. Dadurch war die Basis weiterer Unterhand- 
lungen geschwunden. Der Condestable von Castilien und der 
Herzog von Alba stellten nun Don Diego vor, dass, wenn 
K. Philipp von Santiago sich entferne, ohne mit seinem 
Schwiegervater sich benommen zu haben und mit ihm zu- 
sammengekommen zu sein, der Bruch unvermeidlich sei und 
K. PhiHpp die Schuld des Bürgerkrieges trage.' Dagegen 

' Ce sont choses haultaines et Itiou arrogantes et menasses, dont noiis 
esmerveillons etre ainsi menasse eu nos royaulmes de oeux dont devrious 
avuir ayde secours et aussi service. Leriz, G. .Tuiii löOG. 



466 »öflev. 

erklärte sich nun K. Thilipp auf das Entschiedenste; er habe 
nie die Achtung und Rücksicht gegen Don Fernando verletzt 
xmd wolle es auch jetzt nicht thun, trug aber Don Diego auf, 
die genauesten Erkundigungen über die Rüstungen anzustellen, 
die jetzt unter dem Scheine der Friedenshebe K. Ferdinand 
betrieb, und man erfuhr nicht blos, dass er die Artillerie von 
]\[edina del Campo kommen Hess, sondern auch mit dem Ge- 
danken umging, Neapel ganz den Franzosen abzutreten ; wenn 
der gran capitan dazu seine Zustimmung gebe, meinte jedoch 
der Herzog von Alba. Schon waren Versuche gemacht worden, 
den zweiten Sohn K. Philipps, Don Fernando, aus Arevalo zu 
entführen, die Menge Avegen des Decretes gegen die Inquisition 
(30. September 1505)' wider K. Philipp aufzuhetzen, ihn selbst 
als einen Kryptojuden zu bezeichnen, als K. Ferdinand doch 
Bedenken kamen, die Sache bis auf die Spitze zu treiben. Die 
Treue der Granden, der Procuratoren, selbst der Capitäne seiner 
Armee wankte; die Frage, wer König von Castihen sei, von 
Philipp mit aller Entschiedenheit betont, Hess sich absolut nicht 
für K. Ferdinand entscheiden, und nun legte sich in diesem 
kritischen Momente die thörichtste Handlung des klugen Königs, 
seine zweite Heirat, Avie ein Bleigewicht in die Wagschale gegen 
ihn. Wenn man auch noch sich Ferdinand als König von Casti- 
lien gefallen Hess, Germaine konnte man sich als Königin nie 
gefallen lassen, sondern nur Donna Juana, die Tochter Isabel- 
lens, und deren Gemahl als König, nie und nimmermehr die 
unwürdige Stellvertreterin der grossen Königin. Die Folgen 
dieses falschen Schrittes zwangen den König zur 
Nachgiebigkeit. Die Granden wurden einer nach dem andern 
aufgefordert, dem K. PhiHpp und der Königin Donna Juana 
zu huldigen, die Procuratoren der Cortes nicht minder. Wer 
es nicht that, mochte sehen, wie er den Schritt verantworte, 
der Erzbischof von Toledo so gut wie der Condestable und 
der Almirante von Castilicn. Man sieht es deutlich aus den 
Berichten Don Diegos, in wenigen Tagen des Monates Juni 
vollzog sich eine grosse Wandlung. Der König ging täghch in 
das Predigerkloster von Villafranca, nicht wie der Almirante, um 
dort zu beten, sondern sich mit dem Erzbischofe Jimenes zu 

' Doc. ined VII, \>H<r. '^'M- 



4 






Lalaiiig. Quirino und Guevara über K. Philipp j. 467 

benehmen, der dort wohnte und den er endlich mit grossen Voll- 
machten nach Orense in Galicien sandte, mit K. Philipp zu 
unterhandeln. Er gab seine Tochter preis, um nur den Schein 
zu retten, als fliehe er nicht vor seinem Schwiegersohne ; er gab 
seine Frau preis, die er seinen Kindern nicht vorzeigen durfte; 
er gab endhch Castilien preis und — floh aus dem Lande. Das 
ganze Gebäude seiner Ränke brach unter ihm zusammen. Er 
hatte sich selbst überlistet. Für diese Wendung der Dinge 
sind die, wenn auch nicht zahlreichen Depeschen Don Diegos 
de Guevara von grossem Interesse und ergänzen selbst mehr- 
fach die Quirino's, geschweige die Darstellung Montigny's. 

Es erübrigt, noch den brieflichen Vorrath aus den Jahren 
1505 und 1506 bis zum Tode K. Phihpps zur Uebersicht des ganz 
bedeutenden Materials, das emsige Forschung gewann, dem 
Leser vorzuführen. Das Verzeichniss dient dazu, einen festen 
chronologischen Boden in dem Wirrwar von Nachrichten zu 
Schäften und zu zeigen, wie viel sich bisher der Forschung 
entzog! 

1505. 

Bruxelles, 2. Januar. K. Philipp an K. Ferdinand. Absendung 

des Herrn de Veyre mit den grössteu Vollmachten. 
Doc. ined. VIII, pag. 274. 

— K. Philipp an den Schatzmeister NuSo de Gomiel. 

1. c. pag. 276. 

Toro, 11. Januar. Eröftnung der Cortes , Schreiben derselben 
an König Philipp und Königin Juana. 
Curita, Hist. de Don Feniaudo VI, c. 2. 

— 12. Januar. Huldigung K. Ferdinands als administrador 

y gubernador. 

Bruxelles, 14. Januar. Feierliche Exequien der Königin Isabella 
in St. Gudula in Gegenwart des Königs und der 
Königin. Fälschlich in das Jahr 1506 verlegt. 
Analcct. liist. pag. 2'J7, nr. CCCVIII. 

Toro, 23. Januar. Geheime jMittheilung über die Rogierungs- 
unfäliigkeit der Donna Juana. K. FtM-dinand wii-d 
curador. 

C'iirita 1. 1-. 



1 



468 Höfler. 



Bruxelles, 28. Januar. K. Philipp an K. Ferdinand. i|fc 

Doc. ined. pag. 278. ^ 

Toi'o, 4. Februar. K. Ferdinand an K. Philipp. 

Citirt Doc. ined. VIII, pag. 280. — Summario bei Bergen 

roth, Suppl. nr. 7. ^ 

Eins, 4. Februar. K. Philipp an den Almirante de Castilla, 

an den Duque de Najera, 
an den Conde de Benavente, 
an den Marques de Villena. 

Doc. ined. pag. 278. 

Arras, 10. Februar. K. Philipp an Don Bernardino de Carvajal, 
Cardinal de S. Graz. 
1. c. 

Hedin, 15. Februar. K. Philipp an den Marques de Villena. 
1. c. pag. 279. 

Douay, 22. Februar. K. Philipp an K. Ferdinand, 

an Nuüo de Gomiel. 
1. c. pag. 280. 

Bruxelles, 2. März. K. Philipp an den Herzog von Najera, 

an die Prinzessin von Wales, 
Schwester der Königin Donna 
Juana. 

— 4. März. K. Philipp an den Condestable, 

an Nuiio de Gomiel, 
an den Almirante. 

— 5. März. K. Philipp an K. Ferdinand. 

— 8. März. K. Philipp an K. Ferdinand. 

— 9. März. K. Philipp an Hurtado de Luna. 

— 10. März. K. Philipp an den Condestable, 

an Donna Juana de Ai'agon (her- 
mana). 



Bastognc, 16. IMärz. K. Philipp an K. Ferdinand. 

1, c. pag. 280—285. 

Trier, 22. März. Ankunft des Cardinais von Ronen , Georg 
d'Amboise. Entdeckung des Verrathes Lope's de 
Conchillos. 
K. Philipp an Nufio de Gomiel. :, 



i 

i 



1 , 



Lalaing, Quirino und Guevara über K. Philipp I. 469 

Trier, 25. JVlärz. K. Philipp an K. Ferdinand, 

K. Philipp an Don Ramon de Cardona, 

an Don Alonso de Fonseca, Erzbischof 

von Santiago, 
an Don Alonso de Fonscca, Biscliof von 
Osma, 

an Antonio de Fonseea. 
Doc. ined. 

Carbourg (Saarbnrg), 29. März. K. Philipp an Don Juan de 
Vera;, Bischof von Leon. 

1. c. p;ig. 288. 

Hagenau, 29. März. Ankunft K. Philipps. 

Quirino. 

— 30. März. Erste Audienz Quirino's bei K. Philipp. 

Quirino. 

— 2. April. Auffahrt des Cardinais von Amboise. 

Quirino. 

— 4. April. K. Max und K. Philipp beschwören den Ver- 

trag von Blois. 

Quirino. 

Näherer Bericht Quirino's über die Plidesleistung. 
Quirino. 

— 5. April. Bericht über die Audienzen des Cardinais, des 

spanischen Botschafters und des Don Juan ^Manuel 
bei K. Maximilian. 

— 6. April. Feierliche Investitur des Cardinais mit i\[ailand, 

eventuell auch K. Philipps und des Letzteren mit 
Geldern, Görz und Kärnten. 

' — 7, April. Bericht über die bevorstehende Abreise des 
Cardinais und der Königin. 

— 8. April. Mittheilung eines geheimen Vertrages K. Maxi- 

milians mit K. Ludwig XIT. 

— 9. April. Ankunft der kaiserlichen Insignien. Investitur 

des (JhurfUrsten von Trier. 

— IL April. Abreise des Cardinais. BeschwerdtMi dos spani- 

schen Gesandten. 

— 12. April. Abreise Vincenzo Quirino's und K. Philipps. 



470 Höfler. I 

Stra.sbourg (iSaarbrück), 13. April. K. Philipp und Donna Juana ' 
au die Prociiratoren der Cortes. 
Doc. ined. pag, 289. 

Luxem biu'g', 18. April. K. Philipp an K. Ferdinand. 
1. c. pag. 290. 

Bastogne, 19. April. Quirino's Berieht über eine Unterredung 
mit Philibert NatureUi. 

Ai'lon, 19. April. K. Philipp an Cyprian von Serntein. 
Creuueville, Jahrb. II, pag. XLV. 

Namur, 22. April. Quirino über die Königin und Lope de 
Conchillos. 

— 23. April. K. Philipp an den Marques de Villena. 

— 25. April. Quirino über eine Unterredung mit K. Philipp. 

Bruxellcs, 26. April. Berieht Quirino's über eine Unterredung 
mit dem Grafen von Haro. 

— 28. April. Bericht Quirino's über die Verweigerung der 

Audienz bei der Königin. 

— 29. April. K. Philipp und Donna Juana an Don Fray 

Francisco Jimcnez de Cisneros, Erzbischof von 
Toledo. 

Ebenso an Don Fray Diego Deza, Erzbischof von »Sevilla. 
Ebenso an den Grafen von Benavente. 
Doc. ined. pag. 291. 

— 3. Mai. Die Königin an Mr. de Veyre. 

1. c. 
Der König an K. Ferdinand. 
1. c. pag. 293. 

— 5. 'Slixi. K. Philipp an den gran capitan Gonzalo Fer- 

nandez de Cordoba duque de Tierra nova Visorey 
del reino de Napoles. 

1. c. pag. 293. 
K. Philipp an Don Bernardino de Carvajal, Car- 
dinal de S. Cruz. 

1. c. pag. 294. 
K. Philipp an Donna .luana zu Gunsten des Alini- 
rante. 1. 2. 

1. c. pag. 295. 
K. Philip}) und Donna Juana an den Almiran te. 

1. c. pag. 290. 



Lalaing, Quirin') und Guevara über K. Philipp I. 4/1 

Bruxelles, 5. Alai. K. iMiilipp iiu K. l''crdiiii:iu(l. 
Doc. ined. pajj;. Ü07. 

Breda, 12. Mai. K. Philipp an K. Ferdinand. 
1. c. pag. '298. 

BruxcllcSj 13. Mai. Bericht Quirino's über die Krankheit der 
Königin. 

MalineS; 15. Mai. Anknnft Quirino's. 

— 16. Mai. Audienz Quirino's Lei K. PhiHpp. 

Breda, 17. Mai. Ankunft K. Philipps. 
K. Philipp an K. Ferdinand. 
1. c. pag. 297. 

— 18. Mai. K. Pliilipp an Don Juan de Vera^ Bissehot' von 
Leon. 

1. f.. \}t\'^. 298. 

— 18. Mai. K. Phili[)p an den Erzbischof von Saragossa. 
1. c. pap. 299. 

— 18. Mai. K. Philipp an die concejos y justiciat> del reino. 
1. c. 

— 19. IVIai. Bericht Qiiirino's. 

* Bolduch (Bois Ic duc), 20. Mai. Quiriuo über spanische Zu- 
stände. 

— 21. Mai. Bericht Quirino's. K. Phihpp entschliesst sich, 
nach Spanien zu gehen. 

— 25. Mai. Bericht Quirino's. 

— 30. Mai. Abreise K. PhiHpps nach Grave. 

r. ' Grave, 2. Juni. ]5ericlit (^>uirino's. 

— 3. Juni. Bericlit Quirino's. Abreise K. Philipps nach Clevc 

zur Prinzessin ^largaretha. Kriegsrath. 

I Cleve, 6. Juni. Bericht Quirino's. 

— 7. Juni. Abreise K. Maximihans nach Kiiln. 

— - .'^. Juni. Bericht Quirino's. 

— 10. Juni. Bericht Quirino's. Unterredung mit iKm rcdro 

de Ayahi. 

j Bois le duCj 13. Juni. Kiickkchr (^>uiriuo's nach Antwerpen. 
Lope de (JoiK'hillos. 



472 Höfler. 

Geldern^ 20. Juni. K. Philipp an den Herzoge von Bejar und 
Infantado und den Grafen von Benavente. 
Doc. iued., pag. 300, 301. 

Anvers, 21. Juni. Bericht Quirino's. 

Segovia, 22. Juni. K. Ferdinand an Dr. Pucbla gegen K. Phihpp. 
Bergenroth, Cal. nr. 432. 

Segovia, 23. Juni. K. Ferdinand an den Grafen Haro. 

Citirt bei Quirino, 9. Juli. 

Anvers, 25. Juni. Bericht Quirino's über den Grafen von Haro. 

Kcal sobre Aman, 27. Juni. K. Philipp an Conde de Cabra, 
Lemus, Ureiia, Herzog von Medina Sidonia, Diego 
Hernandez de Cordoba. 
Doc. ined., pag. 302. 

Richmond, 27. Juni. Protestation des Prinzen von Wales gegen 
die Heirat mit der Infantin Catalina. 
Cal. ur. 435. 

Arnheim, 28. Juni. Anfang des Bombardements. 

Real sobre Aman, 28. Juni. K. Philipp an P. Julius H. , an 
Don Antonio de Acuiia, arcediano de Valpuesta. 
Instruction für Letzteren. j 

Doc. ined., pag. 304—309. 
K. Philipp an maestre Andrea del Burgo. 
1. c. 
— 29. Juni. K. Philipp an den Conde de Fuensalida. 

Anvers, 1. Juli. Bericht Quirino's. Französische Unterstützung 

Karls von Egmont. 
Arnheim, 3. Juli. Ankunft K. Maximilians im Lager. 
Anvers, 5. Juli. Bericht Quirino's. 
Anvers, 5 Juli. Ankunft eines Boten ]Mr. de Veyre's. 

Arnheim, 6. Juli. K. Philipp an den Kanzler von Burgund. 
Gachard, Aualect. belgiques V, 303. 

Real sobre Aman, 6. Juli. K. Philipp an denComendador Estopinan, 

an Don Öancho de Acebes, 

Bischof von Astorga, 

für Francisco de Castro oidor, 

für Diego de Cuellar, 

für Alonso de Lerma. 
Doc. ined., pag. 310. 



Lalaing, Quirino und Guevara über K. Philipp I. 47'J 

Aman (^Arnhcim), 7. Juli. K. Philipp an K. Ferdinand. 
Doc. ined., pag. 310. 

AnverS; 7. Juli. Beriebt Quirino's über das ebelicbe ZerwUrfniss 
K. Philipps. 

Real sobre Aman, 7. Juli. Capitulation von Arnheim. 
— 8. Juli. K. Philipp für einen Bruder Alonso's de Santisteban. 
1. c. pag. 311. 

Anvers, 9. Juli. Bericht Quirino's über ein Schreiben K. Fer- 
dinands vom 23. Juni. 

Arnheim, 10. JuH. K. Philipp an die Herzoge von ^ledina Sidonia 
und Bojar. 

1. c. pag. 312. 

Segovia, 13. Juli. Petras JMartyr an den Erzbischof von Granada 
über K. Philipp. 

Ep. 785. 

Real de Gueldres, 14. Juli. K. Philipp an den Grafen von Urefia. 

Anvers, 14. Juli. Bericht Quirino's. Zug nach Zütphen. 

Gueldres, 15. Juli. K. Philipp an K. Ferdinand. 
Doc. ined., pag. 314. 

Anvers, 17. Juli. Bericht Quirino's über die französische Ge- 
sandtschaft. 

Anvers, 19. Juli. Bericht Quirino's. Capitulation von Zütphen. 

Real de Gueldres, 19. Juli. K. Philipp an K. Ferdinand. 
1. c. pag. 314. 

Anvers, 22. Juli. Bericht Quirino's über den Kampf um Zütphen 

Anvers, 26. Juli. Bericht Quirino's über die Zusammenkunft 
in Calais. Einladung der Prinzessin von "Wales. 
K. Brown, nr. 850. 

Ai'nheim, 27. (29.) Juli. Vertrag mit Karl von Egmont. 
Quirino. Henne, I, pag. G9. 

-Rosendael, 29. Juli. Karl von Egmont beschwört den Vertrag. 

Real de Gueldres, 30. Juli. K. Philip]) an den Comondador Mogica. 
Doc. inod., pag. 311 — 'A\:>. 
K. Philipp an K. Ferdinand. 






474 Höfler. 

Anvers, 31. Juli. Quirino über den geheimen Tractat von Blois, 

Anvers, 1. August. Friede mit Geldern. 
Quirino. 

Emcricli, 2. August. K. Philipp für Don Luis de la Gerda. 
Doc. ined., pag. 315. 

Xanten, 3. August. Circularschreiben K. Philipps an alle Granden 
und Prälaten. (Zusammenkunft der Könige Maxi- 
milian und Philipp.) 
1. c. pag. 316. 
— 4. August. Circular an 9 Herzoge, 4 Marquis, 14 Grafen, 
7 senores, 2 adelantados. 
K. Philipp an K. Ferdinand. 

1. c. 
K. Philipp an den Erzbischof von Santiago und den 
Bischof von Badajoz. 

Segovia, 6. August. Angheria an den Erzbischof von Granada 
über den Verrath der Königin. 
Ep. 786. 

Bois le duc, 7. August. Quirino über die Zusammenkunft mit, 
dem Kanzler von Burgund. 

Friedensartikel. R. Brown, nr. 853. 

Cleve, 10. August. K. Philipp an Don Antonio de Acuiia. 
Doc. ined., pag. 318. 
K. Philipp an P. Julius IL 

Bois le duc, 11. August. Quirino über die Ankunft K. Philipps. 

London, 11. August. Dr. Puebla an K. Ferdinand über den 
Erzherzog. 



Cal. nr. 439, pag. 370. 

t. E 

1. c. 



12. August. Eben dieser. 



Torna, 13. August. Unterredung K. Philipps mit Quirino. 

Xanten, 14. August. Rundschreiben K. Philipps an die casti- 
lianischen Städte. 

Doc. ined., pag. 320. 
Bruxclles, IG. August. Ankunft K. Philipps. 

London, 17. August. Dr. Puebla über K. Pliilipp. 

Cal. nr. 440, 442, 413. 



Lalaing, Quirino und Guevara über K. Thilipp I. 475 

Bruxellcs, 17. August. (Quirino über den (ielderner Frieden. 
Ankunft der französischen Gesandtschaft. 
Ndgoc. nr. 23. 

— 19. August. Quirino über die bevorstehende Ankunft 

K. Maximihans. 

— 23. August. Drohungen des Grafen von Nevers gegen 

K. Phihpp. Sommation, Antwort des Königs. 
1. c. nr. 24 — 2G. — Quirino. 

— 24. August. Bericht Quirino's über die französische Ge- 

sandtschaft. 

Segovia, 25. August. Absendung der spanischen Verlobungs- 
gesandtschaft nach Frankreich, 
gurita VI. 

Bruxelles, 26. August. Bericht Quirino's. Die französischen 
Differenzen. 

— 28. August. K. Philipp an Martin Hernandez Galindo, 

an den Cardinal de S. Cruz, 
an den Grafen von Urena, 
für Don Luis de Cordoba, 
Doc. ined. pag. 322. 
Rückkehr K. Maximilians. 

— 29. August. Bericht Quirino's. K. Maximilian über die 

Franzosen. 

— 30. August. K. Philipp an den duquc de Medina Sidonia. 

1. c. pag. 323. 
K. Philipp an den duquc de Albuquerque. 

— 31. August. Quirino über die peinliche Lage K. Philipps, 

— 2. September. Quirino über die heimliche Sendung Botone's. 

Richmond; 2. September. Klagen der Prinzessin Katharina über 
Dr. Puebla. 

Cal. nr. 444. 

Bruxelles, 5. September. Bericht Quirino's. Grosses Turnier. 
R. Brown, nr. 854. 

Paris, 6. September. Vorladung K. Philipps durch das Parlament. 



Bruxelles, 7. September. Bericht (^luirino's über K. l'^crdinauds 

tbung. 
1. c. nr. 855. 



Verlobung. 



476 Höfler. 

Bruxelles, 9. September. König und Königin an P. Julius IT. 
Doc. ined. pag. 324. 
Bericht Quirino's. Rückkehr Botone's. 

— 10. September. Bericht Quirino's über die Verlobung K. 

Ferdinands. 

— 12. September. König und Königin an K. Ferdinand. 

1. c. pag. 325. 
König vmd Königin an die Herzoge, Caballeros, Städte. 

1. c. 
König und Königin an den consejo. 

1. c. pag. 329. 

— 13. September. Bericht Quirino's. Declaration des spani- 

schen Botschafters. 

— 14. September. König und Königin an den Papst. 

1. c. pag. 332. 
König und Königin an Cardinal Carvajal. 

— 15. September. König und Königin an K. Ferdinand. 

Circular darüber 1. c. pag. 333. 
Niederkunft der Königin mit Donna Maria. Mit- 
theilung an die Herzoge. Bericht Quirino's. Erklärung 
K. Maximilians gegen die Franzosen. 

— 16. September. Abreise der belgischen Gesandtschaft nach 

Frankreich. 

— 18. September. Bericht Quirino's. Krankheit der Königin. 

— 19. September. Der König an Garcilaso de la Vega. 

Doc. ined. pag. 334. 
Der König an Don Alvario de Osorio. 
an den König von Navarra. 

— 20. September. Taufe der Infantin Donna Maria. 

— 21. September. Bericht Quirino's. 

Blois, 22. September. Leere Freundschaftsversicherungen K. 
Ludwigs XII. an K. Philipp. 

Bruxelles, 24. September. Bericht Quirino's citirt am 29. September. 
Lettres de Louis XII, I, i)ag. 42. 

Bruxelles, 26. September. Neuer Vertrag mit Karl von Egmont. 
Henne I. pag. 83. 
Ankunft des Seigncur de Gamache. 

Lettres I, pag. 34. 
Audienz am 27. September. 

— 28. und 29. September. Berichte Quirino's. 



Lalainfr, Quiiino und Guevara über K. Philipp I. 4/ < 

Segovia, 29. September. Angieria über die Beendigung des 
geldriscben Krieges. 
Ep. 289. 

Bruxelles, 29. September. Absendmig einer Gesandtscliaft nach 
Rom beschlossen. 

Antwerpen, 30. September. K. PhiHpp an Andrea del Burgo. 
Doc. iiied. pag. 335. 

Bruxelles, 30. September. Proclamation des Königs über die 
Inquisition. 

1. c. pag. 337. 
Patent an den Generalinquisitor. 
1. c. pag. 337. 

Blois, 30. September. Schwur der Gardecapitaine, Mad. Claude 
nicht aus Frankreich wegbringen zu lassen. 

Antwerpen, 1. October. Der König an P. Juhus II. 
1. c. pag. 342. 
Der König an Don Antonio de Acuiia. 
an Juan de Saavedra. (?) 
an Garcilaso de la Vega. (?) 

— 4. October. Der König an die Königin von Neapel. 

1. c. pag. 343. 
Der König an den Bischof von Leon. 

— 6. October. Bericht Quirino's. Ultimatum K. Ferdinands. 

Segovia, 8. October. Angieria über K. Ferdinands Pläne. 
Ep. 290. 

Mons, 10. October. Thome Lopez an K. Emanucl von Portugal 
über eine Audienz bei K. Philipp. 

Gairdnei", Letterw aud pai)er.s I, pag. 14G. 

Blois, 12. October. Französisch-spanischer Allianzvertrag. 

Dumont, Corps dipl. IV, 1, nr. 40. — Le niariagp vitn- 
perenlx. Nogoc. pag. 202. — Curita VI, f. 21. 

Montiz-le-Blois, 12. October. Ankunft der belgischen Gesandt- 
schaft. 

Lalaing. 

Anvers, 12. October. Memoire K. Phili]ii>s iVir J<'li;in de Flovon 
an den K. von Navarra. 

Nrgiic. nr. 27. 
Sitzungsber. .1. iiliil.-hist. Cl. CIV. Md. 11. 111t. 31 



I 



478 Höfler. 

B